Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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5.

   Am folgenden Morgen rief mich ein Telegramm in Berufsgeschäften nach Neapel. Als ich drei Tage später wieder nach Sant’ Agnello zurückkehrte, am Abend, fand ich auf meinem Tisch einen Zettel von Gargiulo: „Heute spielen wir in der Bellavista, um acht Uhr. Eure Nannina wird zum ersten Mal auftreten, das müsst ihr Euch ansehen.“ Am Morgen wäre der Maestro da gewesen, berichtete meine Wirtin, und zu Mittag hätte eine junge, magere Person nach mir gefragt; die hätte wohl betteln wollen, denn sie hätte danach ausgesehen. Ich erriet, dass es Nannina Fiorello war, die sich bei mir für den Dienst bedanken wollte, den ich ihr durch meine Fürsprache geleistet hatte.

   Das Debüt der kleinen grauen Maus – natürlich, das musste ich sehen! Eine Stunde nach meiner Ankunft in Sant’ Agnello, gegen sieben Uhr abends, war ich schon im Hotel Bellavista. Die Gäste saßen noch beim Diner, und im Künstlerzimmer waren die Mitglieder der Truppe noch kaum zur Hälfte versammelt. Die Garderobe der Tänzerinnen war durch einen dünnen Vorhang abgeschlossen, auf dem sich ein drolliges Schattenspiel beobachten ließ – was hinter dem Vorhang geschah, wurde durch den Schein der Gasflamme mit scharfen Silhouetten auf das Tuch gezeichnet; dazu ein Geschwirr erregter Weiberstimmen, Lachen und Kreischen. Im übrigen Teil des Zimmers waren die Musiker und Tänzer bei ihrer Toilette. Mommino, von allen immer der pünktlichste, trug schon seine bunte Künstlergala, und während die anderen ihre Siebensachen überall umher geworfen hatten, waren auf dem Platz des Maccaronista die Werkeltagskleider mit dem Kalk bespritzten Hut in pedantischer Ordnung auf einen Stuhl gelegt.

   „Ecco lo sinorrr dottore!“ Mit diesen Worten trat mit Mommino lachend entgegen. Auch die anderen begrüßten mich; allen war’s an den Gesichtern anzusehen, dass ihnen das Debüt der neuen Tänzerin eine gewisse Unruh und Erregung verursachte – es dachte wohl jeder an seinen Geldbeutel, der für den Erfolg oder Misserfolg eines neuen Mitgliedes der Truppe so empfindlich war, wie ein guter Barometer für den wechselnden Luftdruck. Nur Mommino zeigte seine gewohnte, sorglose Heiterkeit. Glaubte er an den Erfolg der kleinen Maus? Oder war er bei seiner genügsamen Seele damit zufrieden, dass die Truppe nur wieder spielte, dass er zu seiner Schüssel Maccaroni kam und seine drei Lire nicht verlor?

   Lachend drückte er mir die Hand. „Es ist richtig, Herr, sie tanzt heute. Eure Empfehlung hat gewirkt, wie bei einem Kranken der Glaube an den Doktor. Gargiulo hat freilich zuerst den Kopf geschüttelt, weil sie noch ein halbes Kind ist und weil die Fremden nicht viel mehr an ihr zu sehen haben, als ein paar Augen und einen dicken Schopf. Aber dann hat er doch gemeint: Sie könnt’s im Blut haben, von ihrer Mutter her. Und wie er die Probe tanzen ließ, hat sie ihm gar nicht übel gefallen. Jetzt hat er die zwei Tage gut ausgenützt und hat von Früh bis Nacht mit ihr geübt.“

   „Nun? Und macht sie ihre Sache gut?“

   „Ich hab’ sie noch nicht tanzen sehen. Aber die anderen sagen, dass sie Eifer hat und gerne lernt. Da kann’s ja so weit nicht fehlen, mein’ ich. Wer den rechten Ernst hat, Herr, bringt’s immer zu was… das ist in der Kunst auch nicht anders, wie bei jeder ehrlichen Arbeit.“

   „Ist sie schon da?“

   „Freilich, hinter dem Vorhang dort. Signora Gargiulo ist selber gekommen, um sie anzuziehen… seit sechs Uhr nähen und schneidern sie schon an ihr herum, um ihr das Kostüm der Cirmena an den Leib zu passen.“ Mommino lachte. „Da wird’s Falten geben wie auf einer Kapuzinerstirn bei der Fastenpredigt. Die Cirmena, das wisst ihr ja, die hat Holz am grünen Baum gehabt und hat ihr Mieder ausgefüllt. Und jetzt stecken sie das magere Ding hinein! Die wird drin aussehen wie ein Kinderfuß im Schlappschuh der Großmutter!“ Wieder lachte er. „Seht nur, Herr, wie sie an ihr herum nähen!“

   Er deutete auf den Vorhang, auf dem sich in scharfen Umrissen der schlanke Schatten eines Mädchens erkennen ließ, das mit erhobenen Armen still und geduldig stand und nur manchmal as Köpfchen ein wenig neigte, um an sich hinunterzugucken. Zur Linken und Rechten sah man die Schatten kniender Frauen, deren Hände beim Nähen flink und eifrig den Faden auszogen. Streifte jemand an den Vorhang, so lief eine Welle über das dünne Tuch hin und verwandelte Nanninas zierlichen Schatten in eine gaukelnde Missgestalt.

   Während ich mit Mommino plauderte, erschienen die noch fehlenden Mitglieder der Truppe und legten unter Lärm und Geschwätz ihre bunten Lappen an. Ein paar Minuten vor acht kam Maestro Gargiulo, atemlos und aufgeregt, den Hut im Nacken, unter dem einen Arm die Mandoline, unter dem anderen das Bündel mit seinem Kostüm. Hastig begann er sich umzukleiden, wobei er immer wieder nach der Uhr sah und über seine Verspätung jammerte – er hätte noch schnell einem Geistlichen, der beim Erzbischof zur Tafel geladen wäre, die Tonsur rasieren müssen. In die seidenen Hosen schlüpfend, dankte er mir für meine Empfehlung, die ihm geholfen hätte, für die Truppe einen viel versprechenden Fang zu machen. „Sie ist freilich ein Fisch, der nur Gräten hat, aber sie wird schwimmen! Und Gott sei Dank, es gibt einen Gusto, der für’s Magere schwärmt… sie wird Leute finden, denen sie gefällt. Aber wo ist sie denn? Habt ihr sie schon gesehen? Sieht sie gut aus im Kostüm?“ Während er mit den Armen in die rote Atlasjacke fuhr, eilte er hinter den Vorhang.

   Nun fiel es mir erst auf, dass ich Cesco noch nicht gesehen hatte.

   „Wo ist er?“

   Mommino zuckte die Achseln und lachte. „Der? Ich denk’ mir, der sitzt daheim und beißt an seinen Nägeln. Vorgestern hat er dem Maestro aufgesagt, gleich nach der ersten Probe mit der kleinen Fiorello. Mit einem solchen Kind zu tanzen, das könne man ihm nicht zumuten, hat er gesagt. Aber es war nur eine Ausrede. Er fürchtet, dass ihn die Leute auslachen, weil er sich die Cirmena wegschnappen ließ. Aber dass er gerade jetzt davonlief… ich sag’, es war eine Rohheit. Das hätt’ er dem armen Ding nicht antun sollen. Sie ist neu, und natürlich, sie hätte sich leichter mit einem getanzt, der so fertig und sicher ist wie der Cesco. Jetzt hat sie auch noch einen neuen Tänzer, der ihr blaue Flecken auf die Füßchen treten wird, statt dass er ihr eine Hilfe ist, wenn sie unsicher wird. Der da drüben ist es… der mit dem schwarzen Bärtchen und den gebrannten Locken. Sieht er nicht aus wie ein Heuschreck, der sich einbildet, dass er ein Schmetterling wurde… jetzt möcht’ er fliegen und traut sich nicht.“

   Lächelnd betrachtete ich mir den langbeinigen Burschen, der sich in seinem schlecht sitzenden Kostüm verlegen und unbehilflich zwischen den andern umher schob. „Ja, Mommino, mit dem wird ie kleine Maus ein hartes Tanzen haben.“

   „Wenn nur ich ihr helfen könnte! Weiß Gott, ich tät’s gerne. Sie soll ein gutes Kind sein, hab’ ich gehört, das seine Mutter lieb hat. Seht, Herr, da kommt sie!“

   Der Vorhang hatte sich geöffnet, und mit zögernden Schritten trat Nannina Fiorello in das Zimmer heraus, umdrängt von den andern Tänzerinnen in ihrem bunten Staat, begleitet von Maestro Gargiulo und seiner Frau, die sich mit zufriedenem Stolz des Werkes zu freuen schien, das sie mit Nadel, Kamm und Lockeneisen an der kleinen Maus vollbracht hatte.

   „Per Bacco! Sinorrr! Seht Euch doch einmal das Kind an!“, hörte ich neben mir den Maccaronista mit langsamen Worten sagen. „Mutter Gargiulo hat an der Kleinen ein Wunder gewirkt… das hätte kein Heiliger fertig gebracht. Ich bin von den Narren keiner, die den Gusto fürs Magere haben… mir taugen die Maccaroni am liebsten, wenn sie fett sind… aber bei Gott, Herr, das Mädel ist schön!“

   Und in der Tat, ich selbst war bei Nanninas Anblick ganz verblüfft. Sie hatte mir ja immer gut gefallen, die kleine Maus – aber niemals hätt’ ich mir gedacht, dass aus der grauen Hülle, die ich kannte, ein so süßer und schmucker Kern herauszuschälen wäre. Was doch Kleider aus den Leuten machen! Wie viel die Armut doch an einem Menschenkind verhüllen kann! Während ich Nannina betrachtete, sah ich sie immer doppelt: Neben der grauen Piccola-monèt in ihrem Schmutz und ihren armseligen Lappen stand die Tänzerin in ihrem bunten Seidenstaat, neben dem halbwüchsigen, verwahrlosten Kind das junge Mädchen im Liebreiz unberührter Jugend und in zarter Schönheit, welche schüchtern blühte wie eine Rosenknospe an sonnigem Morgen.

   Wohl sah man an ihrem Kleid die Wulsten all der eingenähten Falten; und doch umschloss das moosgrüne Miederchen die zierlichen Büste wie angegossen, und leicht umschwanke das scharlachrote Seidenröcklein die schlanken Glieder. Wie ein brauner Blütenstängel hob sich der feine Hals aus der weißen Spitzenkrause und trug das kleine Köpfchen, dessen üppiges Schwarzhaar aufgeknotet und von zwei silbernen Pfeilen durchstochen war. Große Silberringe baumelten ihr von den Ohrläppchen bis fast auf die Schultern nieder, und eine Gezause winziger Löckchen umzitterte das braune Gesicht, das in Erregung glühte, während das kirschrote Mäulchen verlegen lächelte und die großen Augen in verträumtem Feuer glänzten. Nach diesem Blick zu schließen, musste ihr zumute sein wie einem Kind der Armut, welches hungrig in Schlummer fiel, im Traum ein schönes Märchen erlebt und dabei doch einen wachen Gedanken fühlt, der an all diese Herrlichkeit nicht glauben will. Es war drollig zu sehen, wie scheu und ängstlich sie immer an sich hinunterlugte und wie sie die Arme, um die sie die lang befransten Enden der Tarantellaschärpe geschlungen trug, mit gespreizten Fingern seitwärts streckte, als hätte sie nicht den Mut, ihr seidenes Röcklein zu berühren.

   Die anderen standen um sie her, musterten sie unter lautem Geschwätz und taxierten ihr Aussehen wie ein Stücklein Ware, das auf dem Markt seinen guten Käufer finden soll. Signora Gargiulo zupfte und nestelte noch immer an Nanninas Gewand umher, während ihr der Maestro mit lustigen Worten Mut zusprach und ihr den Rat gab, bei der ersten Tarantella die Zuschauer nicht anzusehen, sondern nur immer auf ihren Tänzer und die anderen Paare zu achten.

   Als Nannina mich gewahrte, kam sie wie ein Kind auf mich zugelaufen, und eh’ ich es hindern konnte, küsste sie mir die Hand, als ob ich der Pfarrer wäre.

   „Tausend Dank, Herr! Ihr habt so viel Gutes an der Mutter und mir getan!“

   Der Blick, mit dem sie bei diesen Worten zu mir aufsah, machte mir Freude – damals an jenem Abend! Später freilich, als das Unglück geschehen war, wurde der leuchtende Dankblick dieses Kindes für mich zu einem Vorwurf, der mich quälte, sooft er in meiner Erinnerung auftauchte.

   Während ich sie betrachtete, hielt ich ihr Händchen fest, welches heiß war und zitterte.

   „Hast Du Angst?“

   „Ach!“ Dieser tiefe Seufzer ging für hundert Worte.

   „Na, sie nur ruhig, Kind! Und Angst brauchst Du nicht zu haben. Tanze nur so, wie damals am Sonntag, droben bei Deiner Mutter, dann wirst Du Deine Sache nicht schlecht machen, und ich werde fest applaudieren! Soll ich?“

   Sie nickte lächelnd und ihre Augen glänzten. Und dann sagte sie mit ihrem dünnen, zwitschernden Stimmchen. „Ach, Herr, ich bin so glücklich heute! Und mir ist nur leid, dass mich die Mutter nicht sehen kann… so!“ Schwül atmend guckte sie wieder an sich hinunter. „So gern, ach, so gern hätt’ ich die Mutter mitgenommen… aber Ihr wisst doch, Herr, ihre gestobenen Füße! Èh!“ seufzend zog sie die Schultern auf und verzog das Mäulchen; aber das war ganz anders jetzt, als an jenem Abend, an dem ich ihr zum ersten Mal begegnet war; der schmerzvolle bittere Zug, den ich damals um ihre Lippen geschnitten sah, war gemildert, fast verschwunden.

   „Deine Mutter wird in Gedanken bei Dir sein und wird sich freuen!“

   „Und beten! En ganzen Abend wird sie beten, bis ich heimkomme! Und wisst, Herr, der Maestro hat mir zwei Lire vorausbezahlt… da hab’ ich der Mutter ein Fläschchen Johannisbeerwein gekauft, mit Zucker… damit sie doch auch was Gutes hat. Und heute Nacht, wenn wir gespielt haben… das hat mir der Maestro versprochen…. da darf ich heimgehen, so, wie ich jetzt bin! Nicht erwarten kann ich’s, bis mich die Mutter sieht! Was die für Augen machen wird!“ Immer flinker zwitscherte das kleine Mädchen. „Ich glaube, sie wird mich gar nicht kennen! Denn wisst, Herr, damals, wie die Mutter bei der Truppe war, da haben sich die Tänzerinnen noch nicht so kostbar getragen wie jetzt. Das da, Herr…“ Scheu fasste sie mit den Fingerspitzen eine Falte ihres scharlachroten Röckleins, „das ist echte Siede. Und das Mieder, das ist echter Samt. Nur die Ohrringe und die Haarpfeile, die sind falsch… und Signora Gargiulo hat mir gesagt, dass ich sie nicht putzen darf, weil sonst das Silber weggeht und das Messing herauskommt.“

   Alle die anderen, die um uns her standen, lachten laut, dass die kleine Maus ganz verlegen wurde. Nur Mommino blieb ernst, und nachdenklich hingen seine stillen Augen an Nanninas Lippen.

   Maestro Gargiulo war an meine Seite getreten, mit der Mandoline an der Brust, und sagte: „Der Wahrheit die Ehre, signor dottore? Siehst sie nicht ganz appetitlich aus? Meine Frau, die versteht’s, wie man aus einem Rettich eine Pommeranze macht. Aber ich…“, er lachte, „ich hab’ auch das Meinige getan und hab’ ihr der Kunst zuliebe ein heißes Bad gezahlt. Fünfunddreißig Grad Reaumur! Wär’s kühler gewesen, so hätt’s nicht geholfen.“

   Unter dem Gelächter der anderen – auch Nannina lachte mit – begann der Maestro seine Mandoline zu stimmen, was für alle Musiker das Signal war, nach ihren Instrumenten zu greifen.

   Ich schüttelte Nanninas Hand. „Na also, kleine Maus, ich wünsche Dir Glück und schönen Erfolg.“

   Stumm und erschrocken befreite sie ihre Hand und zog die Daumen ein.

   Da drückte auch ich die Daumen in meine Fäuste und sagte lachend: „Ich nehm’s zurück und wünsche Dir, dass sie Dich auspfeifen!“

   „Tausend Dank, Herr!“, erwiderte sie aufatmend.

   Schon wollte ich das Zimmer verlassen, als ich gewahrte, dass sich die Gruppe, von der die kleine Maus umgeben war, zu lösen begann und dass Nannina und der Maccaronista allein voreinander stehen blieben und sich stumm in die Augen sahen.

   Ich weiß nicht, was mich fesselte an dem Blick, mit dem die beiden sich betrachten. Dass sich zwischen ihnen etwas anspinnen könnte, fiel mir damals im Traum nicht ein. Aber später hab’ ich mich oft an diesen Blick erinnert. Es muss doch in Menschen, die das Schicksal an Leib und Seele fasst, um sie aneinander zu ketten, schon bei der ersten Begegnung etwas erwachen wie ein unbewusstes Gefühl, das ihnen dunkel sagt: „Wir beide, wir gehören zusammen. Wir gehen im Leben den gleichen Weg! Wohin wird er uns führen!“

   Und wie lange das dauerte, dass die beiden so voreinander standen, so stumm, Auge in Auge!“

   Neugierig heilt ich mich in der Nähe, und während die Musiker ihre Instrumente stimmten und ein konfuses Tongewirr unter Geschwätz und Lachen das Zimmer füllte, hörte ich das Gespräch der beiden.

   „Du!“, sagte Mommino nach langem Schweigen, mit den Händen hinter dem Rücken. „Weißt Du denn auch, dass ich es war, der die Rekommandation des Doktors zu unserem Gargiulo getragen hat? Ja, ich! Wär ich nicht gewesen, vielleicht wärst Du heute gar nicht bei der Truppe. Ja, schau mich nur an! Ich!“

   „Dann muss ich Dir danken.“ Sie wollte ihm die Hand reichen.

   Aber Mommino ließ die Fäuste hinter dem Rücken. „Schon gut, das braucht’s nicht, ich hab’s gern getan.“

   Wieder schwiegen sie. Und dann lächelte die kleine Maus.

   „Du! Dich kenn’ ich noch!“

   „So? Woher denn?“

   „Weißt Du es nimmer? Im vorigen Herbst einmal, da hast Du mir einen Soldo geschenkt.“

   „Ich? … Ja, richtig! Jetzt fällt mir’s ein. Du bist droben auf der Gasse gesessen und hast geweint. Da hast Du mir leid getan, und ich hab’ Dir was schenken müssen. Weißt Du, Geld ist ein gutes Pflaster für jeden Schmerz.“ Mommino lachte. „Warum hast Du denn damals geweint?“

   „Weil mich der Padrone geprügelt hatte.“

   „So? Der wird wohl gewusst haben, warum er’s tat! Hast ihm wohl Feigen gestohlen? Ja?“

   „Ich? Nein, gewiss nicht! Das tu ich nicht… oder nur für die Mutter, wenn’s sein muss. Aber damals, da war ich ganz unschuldig. Weißt du, an unserem Haus war eine Maue reingefallen, und da war der Padrone so wütend, dass er auf die Mutter fluchte und mich prügelte. Und ich konnte doch nichts dafür… ich hab’ doch das Haus nicht gebaut und hab’ doch die Mauer nicht umgeworfen. Aber wenn der Padrone wütend ist, da muss er wen haben, an dem er seine Wut auslassen kann.“ Zu Mommino aufblickend, hob sie die Schultern. „Èh!“

   Und der Maccaronista nickte vor sich hin, als wäre das eine Notwendigkeit, die ihm vollkommen einleuchtete.

   „Aber heute“, sagte er nach einer Weile, „heut schaust Du ein wenig anders aus, als damals in der Gasse droben.“ Er lächelte. „Das muss ich sagen: Hergerichtet haben sie Dich, wie in der Kirche die Puppe, wenn ihr heiliger Tag ist!“

   Ihr Gesichtchen glühte, während sie verlegen die Falten des Röckleins glättete un an ihrem Mieder zupfte. Und welch ein koketter Blick das war, mit dem sie zu Mommino aufguckte! „Gefall’ ich Dir?“

   Sieh nur, dachte ich mir, kaum hat sie ein hübsches Fähnchen am Leib, da wird auch schon das Weib in ihr lebendig und die Eitelkeit erwacht.

   Mommino schwieg und betrachtete sie mit ernsten Augen.

   Da fragte sie wieder: „Gefall’ ich Dir?“

   „Ja. Ganz ordentlich siehst Du aus… aber nicht, weil Du das Zeug anhast, sondern weil Du manierlich frisiert und sauber gewaschen bist.“

   Eifrig, als hätte sie die Verpflichtung, sich für das Kompliment zu revanchieren, sagte sie: „Und Dir, weißt Du, Dir steht die rote Jacke auch viel besser als den andern!“

   „Natürlich, weil mir meine gute selige Mutter die Jacke richtig an den Leib gepasst hat. Meine Jacke hat doch auch zuerst ein anderer getragen, wie die Cirmena Dein Mieder. Ja, meine Mutter, die hat’s verstanden! Gott soll es ihr danken im Paradies! Schau Dir einmal am Ärmel da die Naht an, und die Knopflöcher, wie die genäht sind!“

   Nanninas Gesichtchen war ernst geworden. „Deine Mutter, ist die schon gestorben?“

   „Ja, im vorigen Winter!“

   Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte die kleine Maus: „Ich kann mir gar nicht denken, wie man leben kann ohne Mutter!“

   „Èh!“ Jetzt zog Mommino die Schultern auf – ganz in der gleichen Weise, wie es Nanninas Art war. „Alles lernt sich, wenn einer muss. Die Wachtel hat das Gebratenwerden auch nicht gelernt, aber wenn sie in der Pfanne liegt, dann kann sie’s!“

   Langsam, mit einer fast zärtlichen Bewegung, zog Mommino den Saum seiner Jacke durch die Finger und bohrte der Reihe nach den Daumen in jedes Knopfloch.

   Aufmerksam betrachtete ihn die kleine Maus, und plötzlich frage sie: „Du? Bei der Tarantella machst Du ja doch nicht mit… die kenn’ ich doch alle von der Probe. Spielst Du beid er Musik, oder singst Du?“

   „Ich? Nein! Für solche Dummheiten sind genug andere da.“

   „Was machst Du denn aber bei der Truppe?“

   „Die Maccaroni-Nummer.“

   „Was ist denn das?“

   „Das wirst Du schon sehen heute. Pass nur auf!“

   „Ich bitt’ Dich, sag mir’s!“

   „Die anderen spielen auf und singen das Lied dazu, weißt Du, und ich esse die Maccaroni!“

   Nannina machte verblüffte Augen zu dieser Antwort. Und nun lachte sie mit ihrem zwitschernden Stimmchen, hell und lustig. „Hör, Du!“ Maccaroni essen… das könnt’ ich doch auch, wenn ich dürfte…. Das ist doch keine Kunst!“

   „So? Meinst Du?“ Lächelnd blickte Mommino auf dies mangelhafte Kunstverständnis nieder. „Essen und essen, mein liebes Kind, das ist zweierlei. Eine Barke und ein Dampfer, freilich, das sind Schiffe alle beide! Aber der Unterschied! Ja, auf die Schüssel kommt’s an… wie groß die ist! Und wie man’s macht! Und wie’s einem bekommt! Meine Kunst, die macht mir keiner nach, in ganz Sorrent! Der Luigi Jarro von Meta draußen, der hat’s einmal probiert und hat’s mit mir aufnehmen wollen. Aber beim dritten Kilo ist er schon abgefallen, und am anderen Tag ist er dagelegen wie ein Stück Holz… vier Wochen lang ist er todkrank gewesen, der arme Teufel. Aber ich! Wenn ich fertig bin mit meiner Nummer, schmeckt mir der Wein erst, wie dem Verliebten die Hochzeit. Und morgen stehe ich wieder auf, gesünder wie heut… und kann arbeiten den ganzen Tag wie ein Esel in der Mühle! Und heute… pass nur auf… heut will ich zeigen, was ich kann! Heut ist mir der Kopf so frei, wie schon lang nicht! Ja, Kind… wär’s keine Kunst, dann bekäm’ ich nicht drei Lire für die Nummer.“

   Immer größer waren Nanninas Augen geworden. „Drei Lire!“, stotterte sie. „Drei Lire! Für… für…“

   „He, macht euch fertig!“, rief Maestro Gargiulo dazwischen. „Zehn Minuten nach acht! Wir fangen an.“

   Die Musiker sammelten sich, die Tarantellapaare traten an, und der langbeinige Novize kam, um seine Tänzerin zu holen. Als ihm Nannina die Hand reichte, hingen ihre staunenden Augen noch immer an den Lippen des Maccaronista.

   Der rüttelte den Tänzer am Arm und sagte zu ihm: „Gib mir acht auf die Kleine! Tritt sie nicht auf den Fuß, und wenn sie einen Fehler macht, so schau, dass Du ihn vertuscheln kannst!“

   Die Musiker waren schon in den Saal hinausgetreten. Jetzt klangen die Mandolinen und Gitarren, rasselnd fielen die Kastagnetten ein, und wie vom Sturm gejagt, mit wehenden Schärpen, flogen die vier Paare hinaus zur Tarantelle. –

   Bellavista ist in Sorrent das Hotel für die Leute, welche teuer reisen. Ein vornehmes Publikum, aus der Geburts- und Geldaristokratie aller Länder zusammen gelesen, füllte unter dezentem Geplauder den großen Konversationssaal, der zur Hälfte für die Produktion geräumt, zur anderen Hälfte mit Fauteuils in Reihen bestellt war. Der Ton, der in diesem Saal zu herrschen pflegte, war recht verschieden von der lachenden Empfänglichkeit und der heiteren Stimmung, die man in der casa d’oro den Leistungen der Tarantellatruppe entgegenbrachte. Auch fehlte hier jene „Spendierlaune“, die Maestro Gargiulo den Gästen des Hotel Vittoria nachrühmte – und er hatte nicht so unrecht, wenn er jedem Abend, an dem die Truppe in der Bellavista spielen sollte, mit einiger Beklemmung entgegensah. Im Hotel Bellavista bezahlte man ein hohes Entree, aber damit war auch alles erledigt. Nicht einmal die Fotografien der Tänzerinnen durften zum Kauf herum geboten werden. Zwischen den „Künstlern“ und dem Publikum schien eine mit Eis gefüllte Kluft zu liegen – und was den Zuschauern an Tänzen und Buffonerien geboten wurde, das schienen sie als ein notwendiges Übel zu nehmen, als eine von der Reise unzertrennliche Programmnummer, die man in Sorrent sich ansehen musste wie in Rom die Fontana Trevi, in Capri die blaue Grotte und in Neapel das Blut des heiligen Gennario.

   Während sie plaudernd den Mokka schlürften und ihren gemessenen Flirt erledigten, warfen sie nur ab und zu einen Blick auf die tanzenden Paare, halb gelangweilt und halb mit jener Neugier, mit der ein spleeniger Tourist von hohem Berg nieder blickt in das tiefe Tal, in dem sich die kleinen Menschen um ihren Pfennig plagen.

   Von allen, die da im Saal waren, ahnte keiner, wie rechtschaffen ernst es die Tänzer nahmen – mit ihrer „Kunst“ – und dass unter ihnen ein kleines Mädchen war, das von dem Gezappel seiner Füßchen alles Glück der Erde und ein sattes Leben für die Mutter erhoffte – ein Mädchen, dem das kleine Herzlein in der Brust wie ein Hammer schlug, und welches glühte vor Aufregung und vor Angst, im Tanz einen Fehler zu machen.

   Aber die guten Heiligen, die Nannina wohl mit unterschiedlichen Stoßgebetlein angerufen hatte, taten ihre Schuldigkeit und halfen ihr glücklich über das Debüt hinweg. Wenn sie mit dieser ersten Probe ihrer Kunst auch nicht gerade eine zündende Rakete abgefeuert hatte und unter den Zuschauern allem Anschein nach nur einem einzigen aufgefallen war – einem jungen Franzosen von frisierter Eleganz und lebhafter Beweglichkeit – so hatte sie ihre Sache doch so gut gemacht, dass Maestro Gargiulo zufrieden schmunzelte und dass ihr Mommino lächelnd unter dem letzten Akkord der Mandolinen ein paar lobende Worte zurief.

   Über diesen Lobspruch war die kleine Maus so stolz und glücklich, dass sie sich wenig um den mageren Beifall zu kümmern schien, mit dem die erste Tarantella vom Publikum aufgenommen wurde. Wohl versuchte ich durch energisches Klatschen den Applaus ein wenig zu animieren und wurde dabei von dem jungen Franzosen unterstützt, der seine rehbraunen Handschuhe nicht schonte und so laut, dass man es im halben Saal vernehmen konnte, zu seinem Nachbar sagte: „Bigre! Wie hübsch die Kleine dort ist! Das Kind hat Rasse, wie sie nur in der Sonne von Neapel reift! Die Kleine gefällt mir!“ Und wieder rief er: „Brava, bravissima, piccolina!“ Und applaudierte. Die Damen in seiner Nähe warfen ihm missbilligende Blicke zu, und auch auf mich in meiner Fensternische richteten sich verwunderte Augen, welche zu fragen schienen: „Wissen Sie denn nicht, mein Herr, wie man sich in guter Gesellschaft benimmt? Und dass jedes übermäßige Gefühl, jede vordringliche Äußerung von Beifall oder Missfallen höchst unfein ist?“

   Freundlicher als die Tarantella wurden die Gesangsnummern mit Mandolinenbegleitung und die a capella vorgetragenen Volkslieder aufgenommen. Die Canzone „Vieni al mar“ erzielte sogar einen ganz hübschen Beifall. Aber es blieb etwas Kaltes in der Stimmung, und um dieses Eis zu brechen, ließ Maestro Gargiulo früher als sonst die Buffoni in Aktion treten. Und da kam es völlig unerwartet zu einem so heiteren Lacherfolg, wie ihn der Maestro und seine Truppe im Hotel Bellavista noch niemals erlebt hatte. Aber dieser Erfolg ging nicht von den abgewerkelten Hanswurstiaden der Buffoni aus, sondern von dem lachenden Frohsinn der Piccola-monèt. Nannina, welche all diese Scherze zum ersten Mal in ihrem Leben sah, brachte ihnen die naive Empfänglichkeit eines glücklichen Kindes entgegen, verwandelte sich unbewusst aus der mitwirkenden „Künstlerin“ in eine mehr als dankbare Zuschauerin und schüttelte sich vor Lachen über den „hungrigen Engländer“, der mit stoischer Ruhe die Papierschnitzel schluckte: Sein „biffistecco verri inglisce.“ In ihrer heiteren Freude geriet sie völlig aus dem Häuschen, vergaß alles andere um sich her und zwitscherte, lachte, schwatzte und applaudierte, dass sich das ganze kühle Publikum von Herzen über die Kleine zu amüsieren begann. Maestro Gargiulo wollte ihr zuerst in Ärger diese programmwidrige Mitwirkung verweisen, aber die Zuschauer nahmen Partei für Nannina, und lachend, unter der Zustimmung aller anderen, rief der junge Franzose dem Maestro in geläufigem Italienisch zu: „Lasst die Kleine doch machen, was sie will! Ihre Freude ist lustiger anzusehen, als eure langweiligen Scherze!“ Maestro Gargiulo schien wohl über dieses Wort ein wenig gekränkt, aber er merkte bei der Sache seinen Vorteil und störte die Kleine nicht weiter in ihrer kindlich ausgelassenen Heiterkeit. Als Nannina gewahrte, dass all diese lachenden Augen auf sie und nur auf sie allein gerichtet waren, geriet sie ein wenig aus der Fassung, doch ihre drollige Verlegenheit verwandelte sich bald wieder in übersprudelnde Laune. Unter dem Gelächter der Zuschauer wirkte sie bei allen Scherzen mit, als wäre dieser ganze Jux nur für sie allein in Szene gesetzt, und sie erntete stürmischen Beifall, als sie die einzige war, der es gelang, dem „lustigen Schuster“ mit dem Pantoffel einen derben Hieb auf die Hand zu versetzen und beim ballo di cartoccio die gaukelnde Düte in Brand zu stecken, dass dem Tänzer die Flamme hinaufloderte bis zum Hals. Und während ihr vor heller Freude das Gesichtchen brannte, während sie lachte und zwitscherte, rief sie: „Èh! Èh! Wenn nur die Mutter das sehen könnte!“

   Immer und immer hielt sich Mommino an ihrer Seite, lächelnd, mit den Händen hinter dem Rücken, und blickte so vergnügt auf diese zappelnde Freude nieder, wie eine Gluckhenne auf ihr spielendes Hühnchen. Schmunzelnd sagte er zu mir: „Sinorrr dottore! Wir beide, wir haben unsere Sache gut gemacht! Gargiulo kann uns die Hand küssen für diese Rekommandation! Einen besseren Fang als die lustige Maus da, hätt’ er nicht machen können! Bei Scirocco fallen die Wachteln ins Netz! Gebt Acht, Herr, die wird uns Geld in die Tasche lachen!“ Und als er sich schließlich zu seiner berühmten Maccaroni-Nummer an das gedeckte Tischlein setzte, da schien er die Pflicht zu fühlen, der kleinen Nannina Fiorello für den Heiterkeitserfolg, den sie der Truppe durch ihre ergötzliche Laune errungen hatte, eine ganz besondere Gunst zu erweisen. Mit ernster Wichtigkeit rief er dem Mädchen zu: „Kleine! Du! Pass auf! Heut mach’ ich meine Kunst für Dich!“

   Nannina hielt sich an meiner Seite – bei den anstrengenden Tarantellaproben der letzten Tage war nicht die Zeit geblieben, ihr das Maccaronilied beizubringen, und so konnte sie müßig stehen, während die anderen Tänze rund Tänzerinnen sich mit Gabeln bewaffneten und zum Gänsemarsch hinter dem Stuhl des Maccaronista antraten.

   Stolz und würdevoll saß Mommino an seinem Tisch, fuhr sich mit dem Daumen über das Bärtchen und legte dann die Hände an die Tischkante, wie es ein wohlerzogener Junge tut, bevor die Suppe aufgetragen wird. Seine glänzenden Schwarzaugen blickten ruhig über die Zuschauer hin, durch den ganzen Saal, und blieben mit freundlichem Zwinkern an Nannina haften: „Ich versteh’ meine Sache… Du brauchst um mich keine Angst zu haben!“

   Und wirklich, Nannina schien, wenn auch nicht gerade von einem Gefühl der Angst, so doch von heftiger Erregung befallen. Ihr schmales Gesichtchen brannte wie Feuer, und gespannte Erwartung redete aus ihren großen Augen.

   Die Gitarren und Mandolinen klimperten das drollig zerhackte Vorspiel, der Gänsemarsch setzte sich rings um den Tisch in Bewegung, gleich dem Chor eines attischen Satyrspiels, und mit erhobenen Gabeln intonierten die Sänger das Maccaronilied. Als sie am Schluss der ersten Strophe zu dem Refrain kamen

„Maccherò, maccherò…“

erschien Masestro Gargiulo in der Saaltür und kam gravitätisch heran geschritten, mit einer Serviette über dem Arm und frei auf dem Kopf die riesige Schüssel balancierend, mit dem dampfenden Maccaroniberg. Ein paar lange spagetti hingen über den Rand der Schüssel herunter und klunkerten dem Maestro um die Ohren und um die Mundwinkel.

   Die allzu Empfindsamen unter den Zuschauern rümpften wohl die Näschen und murrten ihr shocking, während der größere Teil des Publikums in lautes Gelächter ausbrach. Nannina Fiorello aber, als sie die angehäufte Schüssel sah, klammerte die Hand um meinen Arm und stotterte:

   „Misericordia! Sinorrr! An solch’ einer Schüssel hätte die Mutter eine ganze Woche lang zu essen.“

   Aus dem Lachen der anderen hörte man die Stimme des jungen Franzosen heraus: „Ah! Ah! C’est superbe! Voilà le diner de l’hippopotame!“

   Ich spürte an meinem Arm alle Nägel der kleinen, zitternden Mädchenhand.

   „Sinorrr! Sinorrr!“, stammelte Nannina, deren Augen unruhig hin und her huschten zwischen der Schüssel und dem Maccaronista. „Das alles, alles, alles darf er essen?“

   „Alles!“, erwiderte ich lachend.

   „Und das kann er?“

   „Ja!“

   „Und schadet’s ihm nicht?“

   „Nein!“

   „Und die Maccaroni hat er umsonst? Und weil er sie essen darf, dafür bezahlt man ihn noch?“

   Sie hörte nicht mehr auf meine Antwort – und alles, was sie umgab im Saal, das alles schien nicht mehr zu existieren für sie, nicht mehr die lachenden Zuschauer, nicht mehr die Gabel bewaffneten Tänzer mit dem näselnden Gesang des Maccaroniliedes, nicht mehr das drollige Geschwirr und Schnurren der Gitarren und Mandolinen. Die großen, erschrocken staunenden Augen dieses Kindes, das in sechzehn Lebensjahren ebenso häufig den Hunger wie die Sonne gesehen hatte – und dort unten scheint ja die Sonne fast jeden Tag – diese seltsam glänzenden Augen hingen nur immer an diesem Einen, der da am gedeckten Tischlein saß und mit Wunder wirkenden Appetit seine „Kunst“ betätigte. Sprachlos stand sie und sah, wie der dampfende Maccaroniberg immer kleiner und kleiner wurde. Nur einmal schlug sie die Hände ineinander und stotterte leise: „Mamma mia! Mammia mia! Come mangia! … Ach, Mutter! Mutter! Wie er essen kann!“

   Und wirklich, Mommino hatte an diesem Abend so „freien Kopf“, wie schon lange nicht – er übertraf sich selbst. Es schien, als wäre in ihm der Trieb und Ehrgeiz, an diesem Abend den Gipfel seiner „Kunst“ zu erklimmen, sein Können im schönsten Licht zu zeigen, im Glanz unnachahmlicher Vollendung! Er schmauste und schluckte so unverdrossen und mit einer Leichtigkeit, die ganz erstaunlich war; nie schnappte er daneben, wenn sich die volle Gabel über ihm entlud, und nicht ein einziges spagetto ließ er zu Boden fallen; er „arbeitete“ mit einer Sauberkeit und Würde, so ganz „conforme alle regole dell’arte“, dass die ungeheuerliche Produktion alles Unappetitliche verlor und nur die drastische Komik der Sache übrig blieb.

   Doch während die Zuschauer lachten, dass sie kaum mehr zu Atme kamen, wurde Nannina immer stiller und ernster. Immer wieder musste ich sie betrachten – und fast verstand ich dieses Kind nicht mehr. Sie war so erregt, ihr Gesichtchen glühte und ihr Atem ging so heiß, als wäre sie die Zeugin eines Wunders, das sie nicht begriff und das ihr größer erschien als jedes andere, das sie im Leben noch je gesehen hatte. Aus dem leuchtenden Blick, mit dem ihre Augen unverwandt an Mommino hingen, sprach es wie staunende Bewunderung und wie sorgende Zärtlichkeit für diesen von Natur und Glück begnadeten Menschen, der so viel essen durfte und so viel essen konnte! Heiligere Augen kann ein Mädchen nicht machen, das den Geleibten eine kühne Heldentat vollbringen sieht, die ihres Lorbeerkranzes ehrlich wert ist. Es war im Blick dieser Augen etwas, das mich seltsam rührte und ergriff – und dennoch musste ich lachen über das Kind.

   Die riesige Schüssel war geleert, und mit Grazie schluckte Mommino die letzte Gabel voll spagetti. Als er sich, mit dem Daumen über die Lippen streichend, würdevoll erhob, um mit einer tadellosen Verneigung für den lachenden Beifall zu danken, warf er unter selbstzufriedenem Schmunzeln zu Nannina Fiorello einen Blick hinüber, der zu sagen schien: „Ecco! Weißt Du jetzt, was ich kann?“

   Da erwachte die kleine Maus aus dem sonderbaren Zauber, der sie starr gefangen hielt, und lachend, jubelnd, fing sie wie rasend zu applaudieren an.

   Die Zuschauer hatten genug gesehen und wollten sich verlaufen. Aber Maestro Gargiulo, der sich von seinem Programm keine Nummer abzwacken ließ, räumte flink den kleinen Tisch beiseite und winkte den Musikanten zu. Mit fliegenden Takten intonierten sie die letzte Tarantella, den tollen Kehraus der Vorstellung.

   Schon wollte Nannina laufen, um sich an die Seite ihres langbeinigen Tänzers zu gesellen. Da stand Mommino vor ihr. Ernst, mit brennendem Gesichtchen und glänzenden Augen, blickte sie zu ihm auf, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte mit einer Stimme, die ganz anders klang als sonst: „Du! Gib Acht! Jetzt tanz’ ich für Dich!“ Dann flog sie davon, und während die anderen Paare schon heranjagten, haschte sie die Hand ihres Tänzers, der mit rotem Gesicht nach ihr gerufen hatte.

   Es war ein so rasendes Tempo in dieser letzten Tarantella, dass der Blick die einzelnen Gestalten der Tänzer nicht festzuhalten vermochte. Man sah nur Farben und Köpfe, Schärpen und Glieder, die durcheinander wirbelten in buntem Wechsel.

   Viele Zuschauer hatten schon den Saal verlassen, andere standen schwatzend bei den Türen, und nur wenige waren geblieben, um diesen letzten Tanz zu sehen. Der tolle Wirbel der Musik und dieses gaukelnden Farbenbildes steckte sie an und erregte ihr Blut – sie begannen zu applaudieren, im Takt mitzuklatschen.

   Da tönte aus dem Wirbel der tanzenden Paare der halberstickte Schrei einer Mädchenstimme.

   Nanninas Tänzer war gestolpert und hatte den Takt verloren. Verlegen sich aufraffend, wollte er die Hand seiner Tänzerin wieder fassen – aber Nannina wehrte ihn von sich ab und tanzte für sich allein inmitten der anderen Paare weiter.

   Verwundert zuerst, dann staunend und gefesselt, sah ich ihren Tanz – und es kam mir vor, als wäre sie plötzlich eine ganz andere geworden.

   Die Zuschauer stellten ihr Klatschen ein, alles Geplauder verstummte; wer bei den Türen stand, kam näher; die schon draußen waren, kehrten wieder in den Saal zurück – und alle Augen hingen an Nannina Fiorello.

   Sie tanzte, wie ich die Tarantella niemals habe tanzen sehen. Hatte das jagende Tempo der Musik der Kleine toll gemacht? War sie vom Tanz trunken geworden wie von süßem Wein? Oder war es jählings erwacht in ihr, jenes redende Feuer der beschwingten Glieder, das den Tanz zur Kunst erhebt und jede Geste verwandelt in ein lebendes Gedicht? Denn jetzt, bei Gott, jetzt tanzte die kleine Maus, wie es die Mutter von ihr haben wollte – jetzt kam es ihr aus dem Blut, ihr ganzer Körper und ihre Seele war Tanz geworden. Jede Bewegung der Arme, jedes Neigen und Rückwärtsfallen des zierlichen Köpfchens, jeder wehende Schwung der Schärpe, jede neue Figur und Wendung, die sie unbewusst in der Glut des Augenblickes fand – wie war das alles von so bestrickender Grazie, von so lieblichem Reiz! Und wie ihr die Augen leuchteten! So heiß! So glücklich! In so trunkener Freude!

   Ein Beifall, wie ihn wohl die steifen Wände dieses Saales noch niemals gehört hatten, belohnte die junge Tänzerin, als sie mit dem letzten Akkord der Mandolinen innehielt, erschöpft, glühend, zitternd an allen Gliedern, auf den Lippen ein verträumtes Lächeln. Suchend glitten ihre Blicke durch den Saal, während der Beifall noch immer tönte, den sie nicht zu hören schien. Die anderen Tänzerinnen machten scheele Augen und sauersüße Meinen, denn sie merkten wohl, dass die kleine Maus sie alle ausgestochen hatte in der Gunst der Zuschauer. Maestro Gargiulo aber war so gerührt wie ein alter Vater, welcher Freude an seinem Kind erlebt. Aus Leibeskräften applaudierend, eilte er auf Nannina zu, umarmte sie und küsste ihr die Wange. Ein Teil der Zuschauer und die Mitglieder der Truppe bildeten einen lebhaft schatzenden Kreis um die beiden her – nur Mommino blieb abseits in einer Fensternische stehen, lächelnd, mit den Armen hinter dem Rücken; sacht wiegte er den Kopf zwischen den Schultern, und seine Lippen waren ein wenig gespitzt, als pfiffe er leise die Melodie eines Ritornells vor sich hin.

   Immer wieder hörte man aus dem erregten Kreis, der die kleine Maus umgab, die Stimme des jungen Franzosen heraus, der unter allen Begeisterten der Exaltierteste war. Immer wieder begann er zu klatschen und ein ums andere Mal hörte man sein „Brave, piccolina, bravissima!“ Während sich die Gruppe halb schon löste, schwatzte er in zudringlicher Erregung mit seiner flinken Zunge noch immer auf die Kleine los. Nannina schien nicht zu verstehen, was er sagte und sah verwundert zu ihm auf. Dann plötzlich, als hätte sie etwas Komisches an seiner Nase gefunden, lachte sie ihm ins Gesicht, schüttelte seine Hände von sich ab, drängte sich mit energischen Ellenbogen durch die Gruppe – und die glühenden Wangen aufblasend, ging sie auf den Maccaronista zu.

   Lächelnd blieb sie vor ihm stehen und fragte wie ein Kind, das sein Lob gerne hören möchte: „Bist Du zufrieden mit mir?“

   Mommino grub die Fäuste in seine Hosentaschen und nickte. „Ja, Kleine! Dass Du uns nicht blamieren wirst, das hab’ ich mir gleich gedacht. Aber den Mittwoch hast Du versprochen und hast den Sonntag gehalten. Jetzt kann der Maestro dem Amerikaner vergnügte Hochzeit wünschen. Eine Gans kann fliegen, aber die Schwalbe kann’s noch besser. Cirmena und Du … müsst’ ich den Unterschied aus meiner Schüssel essen, da könnt’ ich eine Woche lang drüber sitzen und wär’ noch immer nicht fertig!“ Lächelnd zog er die eine Faust aus der Tasche, fasste Nannina um das Handgelenk, und als gält’ es eine Ehre, die er hoch bewertete, mit so wichtigem Ernst sagte er: „Komm! Jetzt sollst Du trinken aus meinem Glas!“ Ohne sich viel um den begeisterten Franzosen zu kümmern, der sich mit seinem exaltierten Geschwätz an Nannina wieder anhängen wollte, ging er auf die Künstlerstube zu und zog an seiner festen Hand die kleine Maus hinter sich her, deren Gesichtchen glühte wie roter Mohn.

   Eine Stunde später – ich hatte im Rauchzimmer meine Flasche geleert, und es war schon ruhig im Hotel geworden – machte ich noch einen Abschiedsbesuch in der Künstlerstube. Da ging es heiter und lebendig zu. An einer langen Tafel saßen sie alle bei der Gratismahlzeit, schon wieder in ihrer Alltagstracht – und nur Nannina trug noch das bunte Tarantellakostüm, da ihr der Maestro erlaubt hatte, sich in ihrem Staat der Mutter zu zeigen. Dicker Zigarrenrauch und Zigarettendampf erfüllte das sparsam erleuchtete Zimmer, so dass sie mich gar nicht sahen, als ich eintrat. Aus dem wirren Lärm heraus vernahm ich, wie die Mädchen, welche mir zunächst an der Tafel saßen, mit kreischenden Stimmen von Cirmena Lupi schwatzten, von den kostbaren Geschenken, die sie von ihrem americano erhielte, von der Hochzeit in vier Wochen und von den fünfhundert Lire des Cesco Magliano, der jetzt sicher die junge hübsche Wittib mit ihrem Orangengarten droben im Vico heiraten würde, an die er schon gedacht hätte, bevor nicht die Cirmena zur Truppe gekommen wäre.

   Zwischen Geschwätz und Lachen hörte ich den Gesang eines zwitschernden Stimmchens. Es war die Stimme Nanninas. Ganz unten an der Tafel saß sie zwischen Mommino und dem Maestro, der auf der Mandoline die Begleitung zu dem Liedchen klimperte, das ich gleich erkannte. Und ich meinte mir auch denken zu können, wie es gekommen war, dass die kleine Maus jetzt singen musste. Maestro Gargiulo war in seinem „Kunstgeschäft“ ein geriebener Fuchs – der Erfolg des Abends hatte ihn überzeugt, dass aus Nannina Fiorello ein Star der Truppe herauszubilden wäre, und da war er auch gleich dabei, jedes Talentchen praktisch auszunützen, das in der Kleinen steckte.

   Als ich zu ihnen trat, zwitscherte Nannina die erste Strophe ihres Liedchens:

„Gleichwie ein Vöglein, das im Käfig weint –
An kaltem Tag, denn nimmer Sonne scheint,
So leb’ ich! Ach, vergiftet ist mein Brot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!“

   Wie sich das seltsam anhörte: Dieses traurige Liedchen… so lustig gesungen! Denn Nannina lachte, während sie sang, und schien in glückseliger Lauen zu sein, ein klein wenig angeheitert von dem Wein, den sie getrunken hatte.

   „Va bene! Va bene! Morgen kommst Du, und dann üben wir das Lied“, sagte der Maestro. Und Mommino, der eine Orange geschält hatte, teilte die Frucht, steckte die eine Hälfte in Nanninas Mäulchen und schmauste die andere Hälfte selbst. Dann strich Gargiulo mit dem Schildplatt wieder über die Saiten und sagte: „Sing mir noch einmal die letzte Zeile. Das ‚leiden’, weißt Du, das musst Du länger aushalten, denn ein Schmerz, wenn’s ein richtiger ist, der geht nicht so flink vorbei! Der braucht seine Zeit! Also…“ Er schlug den Accord an.

   Nannina schluckte mit einiger Anstrengung die Orange und sang:

   „Lass mich nicht leiiiiiden mehr…“

   Ich trat zum Tisch. „Da wird wohl Probe gehalten?“, fragte ich lachend.

   „Sì signore!“ Maestro Gargiulo legte die Mandoline nieder und erhob sich, um mir die Hand zu reichen. „Ich habe gerade ihr Stimmchen ein wenig probiert. Es ist dünn wie ein Zwirnsfaden, aber es ist Wärme und Seele drin. Morgen, im Hotel Vittoria, da soll sie mir singen! Und sie wird gefallen… gebt Acht, Herr, sie wird auch gefallen, wenn sie singt! Sie hat beim Publikum ihren jungen Mai… da blühen die Rosen, und wenn’s auch nur an der Hecke ist. Bei San Carlo in Neapel drüben braucht sie ja nicht aufzutreten, und für uns ist ihr Stimmchen groß genug. Die Natur muss es machen! Und Natur… die steckt in ihr! Das hat sie bewiesen heut. È vero?“

   Mommino hatte der Kleinen mit ein paar flüsternden Worten sein Weinglas hingeschoben.

   Ein wenig verlegen stand Nannina auf, strich mit der Hand die Zaushärchen von ihren glühenden Wangen zurück, hob das Glas gegen mich und lispelte mit gesenkten Augen: „Auf Eure Gesundheit, Herr! So viel Dank bin ich Euch schuldig, denn ihr habt meiner Mutter und mir das Glück gebracht. Auf Eure Gesundheit, Herr! Hundert gesunde Jahre wünsch’ ich Euch… ohne die bösen Tage, die ihr nicht haben wollt!“ Sie nippte von dem Wein und reichte mir das Glas, damit ich trinken möchte.

   Ich tat ihr Bescheid, sagte ihr, wie sehr ich mich über ihren verdienten Erfolg gefreut hätte, und trug ihr einen Gruß an die Mutter auf. Aber sie ließen mich nicht gehen – ich musste mich zu ihnen setzen, musste plaudern, und lachend bot mir Mommino eine von den Zigaretten an, die ich ihm auf dem Corso von Sant’ Agnello in die Tasche geschoben hatte. Wie sparsam musste er mit seinem Vorrat umgegangen sein! „Seht, Herr“, meinte er mit der Weisheit seines Sprichwörterschatzes, „wer Tauben fliegen lässt, bei dem kehren auch Tauben wieder ein!“

   Neben ihrem Teller hatte Nannina ein großes Bündel liegen, das aus einem rot und weiß geblumten Taschentuche geknüpft war. Das Tuch hatte Mommino ihr geliehen, und in das Bündel hatte sie ihre ganze Gratismahlzeit eingepackt: Den in Papier gewickelten Braten, die Brötchen, den Käse, die Orangen, Nüsse und Krachmandeln.

   „Pe’ mamma mia … für die Mutter!“

   „Das gute Ding! Nicht einen Bissen hätte sie gegessen, wenn ich nicht gewesen wäre“, sagte Mommino lachend. „Ich hab das Meinige mit ihr geteilt. Deshalb bin ich nicht zu kurz gekommen… mir stillt ja die Kunst den Hunger!“ Er knackte mit den Zähnen eine Welschnuss, teilte den Kern und reichte die Hälfte der kleinen Maus.

   Während wir plauderten, schlug im Zimmer eine Uhr die elfte Stunde. Erschrocken sprang Nannina auf und griff mit beiden Händen nach ihrem Bündel.

   „Was ist denn?“, fragte Mommino.

   „Heim muss ich!“, stammelte das Mädchen und presste den Arm an die glühende Stirn. „Heim! Zur Mutter!“

   Mommino wollte ihre Hand fassen, aber da huschte sie schon davon und verschwand hinter dem Vorhang. Er ging ihr lachend nach. Ich hörte, wie sie hinter dem Vorhang noch miteinander sprachen. Dann erschienen sie wieder, Nannina mit erregter Hast – und ungeduldig suchte sie den Arm zu befreien, an dem sie der Maccaronista festhielt. In der einen Hand trug sie neben dem Bündel mit den Esswaren noch ein zweites, das wohl ihr armseliges bisschen Gewand enthielt, und mit der anderen Hand zog sie am Hals ein mürbes, vor Alter schon völlig farblos gewordenes Tuch zusammen, das sie um Kopf und Schultern geschlungen hatte.

   „Aber Kind!“, so hörte ich den Maccaronista sagen. „Sei doch verständig…“

   „Nein, nein“, stotterte die kleine Maus in beklommener Angst. „Den Weg, den kenn’ ich ja doch! Ich fürcht’ mich nicht… und ich geh allein.“

   „Aber ich tu’ es doch gerne… Deiner Mutter zulieb, die sich sorgen wird! Die Nach tist ein Kind des Teufels, weißt Du. So sei doch verständig und warte… nur einen Augenblick… bis ich meinen Hut habe!“

   „Nein! Nein! Und…“ Sie hatte sich losgerissen. „Und gute Nacht! Ich dank’ Dir für alles! Du warst so gut zu mir! Du! Gute Nacht!“ Noch fester zog sie am Hals das Tuch zusammen, so dass nur ihre Nasenspitze und die großen, heiß glänzenden Augen noch aus dem mürben Lappen hervorguckten. Und ohne sich um die Grüße zu kümmern, die ihr vom Tisch zugerufen wurden, eilte sie zur Türe.

   „Vergiss nicht, Du!“, rief ihr Maestro Gargiulo nach. „Morgen früh um neun zur Probe! Und mach’ mir keinen Fleck auf das teure Kostüm!“

   Aber Nannina hörte nicht mehr und war schon draußen.

   Mit den Händen hinter dem Rücken, hatte ihr Mommino schmunzeln nachgesehen. Es schien ihm nicht übel zu gefallen, dass sich Nannina nicht von ihm begleiten ließ – in der Nacht, die „ein Kind des Teufels“ ist.

   Dann setzte er sich wieder zu mir und begann seine letzte Orange zu schälen. „Die muss ich schon selber essen… ganz!“ Er lachte.

   Eine Weile noch blieb ich – und Mommino schwatzte von nichts anderem als von dem „guten Ding“, von Nanninas Erfolg, von ihrem Nutzen für die Truppe, von den „braven Soldi2, die der Maestro an ihr verdienen würde, von dem „nicht auszuessenden“ Unterschied zwischen ihr und Cirmena Lupi, und von der Liebe der kleinen Maus zu ihrer Mutter. Dazwischen pfiff oder trällerte er zuweilen die Melodie eines Ritornells und leerte mit Behagen ein Glas Rotwein um das andere.

   „Mommino! Mir scheint, Du bist heute durstiger als sonst?“

   „Eh, sinorrr!“ Er zuckte die Achseln und lachte. „Fische wollen schwimmen, und was eine rechte Maccaroni ist, die hängt nicht gerne trocken in der Luft.“ –

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