Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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4.

   Eine Stunde später, nachdem ich mit meinen Freunden für den nächsten Tag einen Ausflug nach Pompeji verabredet hatte, wanderte ich nach Hause. Heller Vollmond flimmerte über der stillen Gasse, und die Luft war lind wie in einer Frühlingsnacht.

   Als ich in meine Stube kam, lag der Duft der Narzissen, die ich von der kleinen Piccola-monèt empfangen hatte, so schwer in dem Raum, dass ich Fenster und Balkontür öffnen musste. Ich stellte die Blumen für die Nacht ins Freie und setzte mich noch ein Weilchen hinaus, um meine Schlummerzigarette zu schmauchen.

   Der Mondschein war so hell, dass neben ihm fast alle Sterne erloschen. In fließenden Reflexen schimmerte bis weit hinaus das leicht bewegte Meer, das seins achtes Rauschen wie leisen Atem aushauchte in die schöne Nacht. Weit in der Ferne hob sich der Vesuv wie ein grauer Schattenkegel in die mondhelle Luft, und von Zeit zu Zeit, wenn die Feuerseele des Berges seufzte, umglostete matter Glutschein den dunklen Gipfel. Alles übrige Ufergelände war grau in grau verschwommen. Nur die Feuer der Leuchttürme hingen fern über dem Meer wie große Sterne, alle paar Minuten die Farbe ihres Lichtes wechselnd. Und gegen Norden lag’s im Grau der Mondnacht wie ein leuchtender Traum, wie ein Märchenpalast in seinem Lichtgeschmeide – Neapel mit seinen tausend Laternen.

   Aber ich war nur mit den Augen, nicht mit den Gedanken bei diesem Bild. Während der linde Windhauch den Rauch meiner Zigarette über die Rosenspaliere hinwehte, dachte ich an die Liebeskomödie in der Truppe Gargiulo.

   Was mochte es für eine Bewandtnis mit dem Ring haben, der den Zank zwischen das Brautpaar geworfen hatte?

   Doch ich hing nicht lang an dieser Frage. Neben mir auf dem Balkongesimse dufteten die Narzissen, und durch die stille Mondnacht kletterten meine Gedanken über die steilen Weinberge hinauf, hoch hinauf bis zu den letzten Häusern. Ich sah das unter Schmutz versunkene Blümchengesicht der kleinen Piccola-monèt, sah ihren Habichtsblick, aus dem die Geldfreude der darbenden Armut funkelte, sah ihr bitter verzogenes Mäulchen und glaubte im Schweigen der Nacht ihr Lied zu hören, das sie mit heiterem Stimmchen sang, so traurig es war:

   „Ich bin das Röslein, das im Lenz erfror,
Im Meer das Schifflein, das den Weg verlor,
Bleich ist mein Leben und wird nimmer rot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!“

   Da klang, mit kräftiger Stimme gesungen, die Weise eines Ritornells durch die stille Gasse herunter. Ich konnte die Worte nicht verstehen, denn der Sänger war noch zu weit entfernt. Aber deutlich erkannte ich die weinfröhliche Stimme. Es war Mommino, der „nach des abends Arbeit“ seine Ruhe suchte. Als er näher kam, hörte ich das Klappen seiner Schritte auf dem groben Pflaster. Die Gartenmauer verdeckte ihn – doch in Gedanken sah ich ihn so deutlich, als ob er bei hellem Tag an mir vorüberging, nicht mehr in der bunten Künstergala, sondern in seiner Alltagstracht: In der blauen Hanftuchhose mit der verwaschenen Schärpe, im rot und weiß gestreiften Baumwollhemd, die abgetragene Jacke um die Schultern gehängt, den zerknüllten, mit Kalk bespritzten Hut im Nacken, und mit dem zufriedenen Gesicht eines Menschen, der sich mehr als satt gegessen und dabei noch verdient hat.

   Als er am Haus vorüberwanderte, sang er:

„Trauernde Weide!
Spring froh ins leben, und du trittst
Mit jedem Schritt auf eine Freude!“

   In meiner Seele klang noch das Liedchen der armen Piccola-monèt – und unwillkürlich stellten meine Gedanken diese beiden nebeneinander, wie einen seltsamen Gegensatz des Lebens: Den Maccaronista, den satten „Künstler“ mit seinem gemütlichen, sangeslustigen Optimismus – und das kleine, magere, schmutzige und hungernde Ding dort oben, dem eine mit Maccaroni gefüllte Schüssel war, was dem Träumer ein Luftschloss ist.

   Hungernd? … Nein! Heute wenigstens, heute hungerte das graue Blümchen nicht. Und ihr Lebensweh, das konnte sie nicht fühlen – das verstand sie erst halb. Sie konnte noch lachen und singen, wenn die Weise ihres Liedes auch trauriger war als die verschnörkelte Melodie des Ritornells, das der vergnügte Nachtwandler dort unten in der Gasse wieder anstimmte:

„Blassblaue Veilchen!
Aufs junge Füllen harrt das Joch –
Herr, lass mich ledig noch ein Weilchen!“

   Die seltsame Stimmung, die mich erfüllte, wollte ihren burlesken Ausklang haben. Ich lehnte mich über die Brüstung des Balkons und sang dem Maccaronista nach:

„Sumsende Mücken!
Ich wünsch’ Dir, Freund, für Schlaf und Traum,
Dass die spagetti Dich nicht drücken!“

   Mommino hörte mich und lachte. Aus dem Mauerschatten trat er in den hellen Mondschein hinaus und rief zu mir herauf: „Nno, sinorrr dottore! Wenn Ihr keine andere Sorge habt, da könnt ihr ruhig schlafen. Tausend Teufel haben dem Patron von Padua noch nicht heiß gemacht, fünfhundert hätten noch kommen müssen, bis er schwach geworden wäre! – Gute Nacht, sinorrr!“

   „Gute Nacht, Mommino! Und Gott erhalte Dir Dein Talent!“

   Erlachte wieder und sang. Bis weit hinaus nach Sant’ Agnello hört’ ich in der stillen, schönen Nacht noch immer seine Stimme und die hohen Kadenzen seiner stornelli. –

   Ich hab’ es mir seit Jahren angewöhnt, allabendlich vor dem Einschlafen noch einen Blick in ein gutes Buch zu werfen. Das tat ich auch in jener Nacht, obwohl es schon auf ein Uhr morgens ging – ich las noch ein paar Minuten in Tassos Gerusalemme, und da wollte es der Zufall, dass ich auf das Wort lucerta stieß. Die doppelschwänzige Eidechse der kleinen Piccola-monèt fiel mir ein, und da es mich zu wissen reizte, ob Nannina dieses Bild erfunden oder dem Sprichwörterschatz ihres Volkes entnommen hatte, zog ich das Lexikon zu Rat. Da stand es: trovar la lucertola di due code – das große Los gewinnen.

   Arme Kleine! Viel Geld musste sie Zeit ihres Lebens noch nicht in Händen gehabt haben, wenn ihr ein paar Lire als das große Los erschienen! –

   Über eine Woche blieben meine Freunde in Sorrent, nahmen mich ganz in Anspruch, und da gab’s den einen Tag einen Ausflug zu Lande, den anderen eine Kahnpartie oder Segelfahrt. Meine Hauswirtin hatte die welk gewordenen Narzissen in den Kehricht geworfen – und ich dachte nicht mehr an Nannina Fiorello. Erst als meine Freunde nach Palermo abgedampft waren, und als ich wieder meine abendlichen Spaziergänge in den Vignen aufnahm, fiel mir das graue Blümchen dort oben wieder ein.

   Es war schon im Februar, an einem Sonntag, als ich gegen Abend durch die Mauergassen hinaufstieg. Und wirklich, es war in mir eine Art von Sehnsucht, das kleine Ding wieder zu sehen. Heute am Sonntag, dacht’ ich mir, wird sie sich zur Ehre Gottes gewaschen haben, vielleicht hat sie auch für die Feiertage ein besseres Fähnchen anzuziehen – und da war ich neugierig, wie sie sich in solcher Verwandlung ausnehmen würde. Ich glaube sogar, dass ich rascher ging, als gewöhnlich. Später freilich, im März, als das Traurige geschehen war, hab’ ich diesen Spaziergang verwünscht und hätte viel darum gegeben, wenn ich Nannina Fiorello an jenem Sonntag nicht gesehen hätte.

   Der Himmel war leicht bewölkt, die Sonne verschleiert. Aber die Luft war mild, Frühlingsodem wehte über den Gärten, und man spürte den Duft der Veilchen. Auch der Zug der Wandervögel hatte schon begonnen. Aber das merkte man weniger an ihrem Gezwitscher, sie hielten sich still und scheu versteckt, und nur manchmal huschte eine Feldlerche, ein Star oder eine Drossel ängstlich von einem Busch zum anderen – viel deutlicher merkte man’s an den hohen Netzstangen, welche die Vogelfänger während der letzten Woche in allen Vignen und Gärten aufgerichtet hatten. Einen Deutschen, der den Wald der Heimat und seine gefiederten Sänger liebt, kommt immer ein Gefühl der Empörung an, wenn er diese Netzstangen sieht oder den Schlag der geblendeten Lockvögel hört – wenn er auf der Höhe eines Hügels eine Wiese betritt, die mit hundert Schlingenruten besteckt ist – wenn er die „Jagdkastelle“ der reichen Neapolitaner sieht, die Fanghäuser, in denen der Aufzug und Fall der Netze mit Maschinerien betrieben wird – oder wenn er an einem schönen Frühlingstag über die ganzen Sorrentiner Berge hin in ununterbrochener Folge die Schüsse knallen hört.

   Arme Vögel! Sie müssen den Herbsttrieb nach dem Süden und die Frühlingssehnsucht nach der nordischen Heimat teuer bezahlen. Von Tausend, die vor dem Winter über die Alpen flüchten, kehren wohl nicht viel mehr als Hundert in den deutschen Wald zurück. Dort dürfen sie fleißig brüten, damit die Feinschmecker von Verona bis Girgenti hinunter brav „uccellini“ zu knuspern haben, während unsere Wälder – von der aufgefressenen Poesie des Vogelsanges gar nicht zu reden – an der Nonnenplage, am Kiefernspinner, am Raupenfraß und am Rüsselkäfer kranken. Wenn sich die Italiener nur wenigstens mit den fetten Wachteln und den delikaten Schnepfen begnügen möchten! Das könnten wir verschmerzen. Aber unsere lieben Singvögel! Es ist ein Jammer! Und das wird sich auch trotz aller gut gemeinten Propaganda so bald nicht ändern. Keine Regierung in Italien wird es wagen, dieser Volksleidenschaft durch ein Gesetz zu begegnen. Das gäbe eine Revolution. Die Lust am Vogelmord – sie nennen das caccia, „Jagd“ – sitzt unausrottbar im Naturell des Südländers, und wer nicht reich genug ist und den Fleck Erde nicht besitzt, um ein Netzwerk aufzustellen, wer die Zeit nicht hat, um Tage und Wochen bei der Schnur zu lauern, geht im Herbst und Frühling alltäglich ein paar Stunden und an Sonn- und Feiertagen vom Morgen bis zum Abend mit der Flinte. Ein Glück nur, dass sie erbärmliche Schützen sind und den Vogel im Flug nicht treffen – sie müssen warten, bis er sich ihnen ruhig vor die Nase setzt, und diesen Gefallen erweist er ihnen nicht immer. –

   Als ich an jenem Sonntag zu den offenen Ölgärten hinaufkam, begegnete ich solch einem cacciatore – einem „Jäger“, der eine Schrotspritze führte, die noch aus der Zeit der Piratenherrschaft zu stammen schien. Er war ohne Hut in den Hemdärmeln, trug in einem Zwilchbeutel die Munition um den Hals und hatte eine sonderbare Weste an, eine „Jagdweste“, bei welcher zwei Taschen hoch oben an der Brust begannen und um die Hüften herum bis auf den Rücken gingen. Der Mann war mager und hatte dennoch einen dicken Bauch; denn die beiden weitschichtigen Taschen seiner Weste waren schwer angefüllt mit Vogelleichen. Ich sprach ihn an, und er zeigte mir stolz seine Beute – ein halbes Hundert Lerchen, Stare und weiße Bachstelzen lagen in den Taschen der Weste aufeinander gepfropft. Was ich bei diesem Anblick empfand, das nahm der lerchengerechte Jäger als Neid über seinen Erfolg. Während er noch schwatzte, kam ein Vogel in die Krone eines nahen Ölbaumes geflogen. Auf dem Bauch rutschend, pirschte der cacciator ihn an, mit einer Vorsicht, als gält’ es eine Tigerin zu erlegen. Paff, und der kleine Sänger zappelte verblutend auf der Erde.

   „Ecco! Ein Star! Und wie fett er ist!“, rief mir der Jäger lachend zu.

   Ich ging meiner Wege. Doch überall, nah und fern, hörte ich das heillose Geknall. Auch in dem Garten, den Nannina Fiorello zu überwachen hatte, krachten ein paar Schüsse, und zwischen den Ölbäumen und der Agavenhecke spazierte mit der Flinte ein elegant in weißen Flanell gekleidete Herr umher, dem ein kleiner Junge zwei zierliche Körbchen nachtrug, eins für die Munition und eins für die Beute.

   Der Padrone ist auf der Jagd, Nannina wird freien Sonntag haben und ausgeflogen sein, dacht’ ich mir. Aber da hörte ich aus einem Fensterloch das halb zerfallenen Hauses die quieksenden Töne einer verstimmten Ziehharmonika – die Weise einer Tarantella.

   Ich ging an der Hecke entlang und trat in den Hof. An der Rosenlaube, die den Vorplatz überdachte, waren in der milden Sonne der letzten Wochen an die hundert Knospen aufgeblüht, und ihr Duft milderte den üblen Geruch der Kehrichthaufen, die überall umher lagen.

   In immer rascherem Takt klangen die Töne der Harmonika, und eine Weiberstimme rief ab und zu ein paar Worte in die Musik hinein, als gält’ es eine Tänzerin zu unterweisen und im Eifer des Tanzes zu befeuern: „He, die Arme nicht so eckig.“ – „Wirf doch die Füße flinker!“ – „Den Kopf zurück!“ – „Höher die Schärpe, höher, höher!“ – „So mach’ doch die Augen größer, sie müssen leuchten!“

   Ich trat zum Vorplatz, dessen Diele so hoch über der Erde lag, dass ich gerade die Arme darüber lehnen konnte. So stand ich und sah in die armselige Stube hinein. Es war ein großer, in seiner Verwahrlosung unwohnlicher Raum mit brüchigen Mauern. Ein offener Herd mit rußgeschwärztem Rauchfang, daneben ein mit Hanfgarn bezogener Webstuhl und in der anderen Ecke eine ungeschlachte Bettstelle, in der ein paar Zwilchkissen und zerfetzte Pferdedecken zerknüllt auf dem Maisstroh durcheinander lagen.

   In einem roh gezimmerten Lehnstuhl, an dessen Füßen große Rollen angebracht waren, saß die gelähmte Frau in ärmlichen Gewand, die Beine mit alten, zusammengenähten Lammfellen umwickelt. Die Unbeweglichkeit, zu der sie durch ihr Leiden verurteilt war, hatte sie fett gemacht; aber dem welk verschwommenen Gesicht, das die pechschwarzen Haare in wirrem Gezaus umgaben, sah man noch die Spuren vergangener Schönheit an. Der mit Hanf umwickelte Rocken und die Spindel lagen neben ihr auf dem holprigen Lehmboden der Stube, und auf dem Schoß hielt sie die Harmonika, an der sie mit allen Kräften zog und drückte, um bei dem alten, gequält aus allen Löchern pfeifenden Instrument durch reichliche Luft den Mangel an Ton zu ersetzen. So zweifelhaft diese Musik auch klang – Takt und Töne schienen die gelähmte Frau zu beleben. Sie wiegte den Kopf und ließ die Schultern tanzen; der Eifer hatte ihr welkes Gesicht gerötet, und die großen schwarzen Augen – das noch einzig Schöne an ihr – brannten in flackerndem Feuer. Erinnerte sie sich der Zeit, da sie selbst mit aller Kraft und Glut der Jugend die Tarantella getanzt hatte? Oder was aus ihren Augen leuchtete – war’s die Freude an dem Tanz ihres gelehrigen Kindes?

   Denn wie Nannina tanzte, das war ein Anblick, welcher fesseln und gefallen konnte. Von einem Feiertagskleid war freilich nichts zu sehen. Sie trug die gleichen ärmlichen Lappen und war so ungewaschen wie damals. In ihrem zerzausten Schwarzhaar hingen Maismehl und Kleie, als hätte sie erst vor kurzem den Klöppel des Mörsers geschwungen. Und als Schärpe flatterte zwischen ihren Händen eine alte Schürze der Mutter. Aber mit welcher Leidenschaft und dieser zarte Körper sich im Tanz schwang und wiegte! Wie leicht und behänd die kleinen Füße flogen – man sah kaum, dass sie die Erde berührten! Wie hübsch sich im Spiel mit der Schärpe die mageren Ärmchen an den Gelenken rundeten! Das ganze kleine zierliche Ding war verwandelt in schwebenden Rhythmus. Heiß brannte ihr das Gesichtchen – denn echte Tarantella verlangt und erschöpft alle Kraft des Körpers. Nur in den Augen war nicht das rechte Feuer, nicht die rechte Lust am Tanz; sie hatten einen fast ängstlichen Blick, der immer wieder zu der alten Frau hinüberhuschte, als wäre in der kleinen Tänzerin kein anderer Gedanke als nur der eine: „Mach’ ich es gut? Ist die Mutter zufrieden mit mir?“ Und wenn ihr die Alte eines ihrer lehrenden Worte zurief, straffte sich das schlanke Körperchen, um an Feuer im Tanz zu geben, was es zu geben hatte.

   Als die alte Frau mit einem halb zufriedenen „Così, così, nicht gut und nicht schlecht!“ die Harmonika ruhen ließ und Nannina mit müdem Seufzer den Arm an die glühende Stirne presste, woll’ ich sie trösten und applaudierte: „Brava, Nannina, brava!“

   Beim Klang meiner Stimme streckte die Alte neugierig den Hals. „Wer ist da?“ Nannina erkannte mich gleich, und ich hörte, wie sie der Mutter zurief: „Lo Sinorrr.“ Dieses einzige Wort – „der Herr!“ – genügte, um der Alten zu sagen, wer ich war. Die beiden mussten, seit Nannina die „Eidechse mit den zwei Schwänzen“ gefunden hatte, wohl häufig von mir gesprochen haben – und da sie meinen Namen nicht wussten, wie hätten sie mich anders nennen sollen?

   „Lo sinorrr?“, wiederholte die Alte in merklicher Aufregung. Hastig stellte sie die Harmonika zu Boden, winkte mir mit beiden Händen zu, rief mir in einem Dialektschwall, den ich kaum zur Hälfte verstand, eine ganze Litanei von Segenswünschen entgegen und lud mich ein, ihre „schlechte, glücklose Stube“ zu betreten.

   Während ich zum Vorplatz hinaufstieg, kam mir Nannina entgegen gelaufen. Wenn ich es ihr auch anmerkte, dass sie von meinem Besuch ein klingendes Ende erhoffte, so lag doch auch was Echtes und Hübsches, etwas von wirklicher Freude in der Art, mit der sie mich begrüßte. Vom Rankengewirr des Vorplatzes brach sie eine der frisch erblühten Rosen, und während sie mir mit einer Grazie, um die eine Dame von Welt dieses Bettelkind hätte beneiden können, die Blume reichte, sagte sie lächelnd: „Willkommen in unserem Haus, Herr!“

   Ich betrachtete ihr heißes, erschöpftes Gesichtchen und machte ihr ein Kompliment über ihre Künste als Tänzerin. Sie nahm dieses Lob mit einem Achselzucken hin und sagte: „Ich tu, was ich kann, aber die Mutter ist noch immer nicht zufrieden. Freilich, die versteht sich drauf, die war einmal die beste Tänzerin von Sorrent. Ja, Herr, in Neapel hat sei einmal mit ihrer Truppe vor dem König getanzt.“

   Der stolze Ernst, mit dem sie das berichtete, wirkte drollig und rührend zugleich. „Sieh mal, das hätt’ ich mir wirklich nicht gedacht, dass Du eine so berühmte Mutter hast. Und jetzt gehst Du bei ihr in die Schule? Du sollst wohl auch einmal zu einer Truppe kommen?“

   „Ja, das hofft die Mutter!“ Nanninas Augen öffneten sich groß, als stünde ein verlockendes Bild vor ihrem Blick. „Dann, ja! Dann ging’ es ihr gut! Dann hätte sie, was sie braucht! Und mehr noch! Denn ich würde verdienen. Viel Geld! Die Cirmena vom Nachbar Lupi dort unten…“

   „Die kenn’ ich. Was ist mir der?“

   „Die hat schon über tausend Lire in der Bank, sagt man, und der Cesco wird sie heiraten.“

   „Sagt man?“ Mir fiel der Zank ein, der sich in der casa d’oro zwischen den Brautleuten abgespielt hatte. „Wenn’s nur auch wahr ist!“

   „Warum soll’s nicht wahr sein? Sie hat Geld auf dem Buckel, und deshalb nimmt er sie.“ Nannina verzog den Mund, als wäre das eine Sache, die ihr nicht gefiel – und wie an einen Gedanken anknüpfend, den sie nicht ausgesprochen hatte, sagte sie: „Aber ich … was ich einmal verdiene, geb’ ich der Mutter, ich! Alles! Wer Honig findet, streicht ihn doch lieber aufs eigene Brot. Dass ich einmal für fremde Leute tanze? Nein! Ich geb’s der Mutter. Aber… Gott weiß, wie alles kommt… es wird noch lang dauern, bis sie mich nehmen bei einer Truppe. Ich bin noch zu jung und …“ Seufzend strich sie mit der Hand an ihrem mageren Ärmchen hinunter und betrachtete mit bekümmertem Gesicht den Steinmörser, der in einer Ecke des Vorplatzes stand. „Aber wollt ihr nicht eintreten, Herr! Ihr müsst Euch ein Weilchen niedersetzen, sonst jagt ihr uns einen guten Engel zum Fenster hinaus.“

   „Gott behüte! Komm, Nannina… Deinen guten Engel, den wollen wir festhalten an den Flügeln.“

   Ich trat in die Stube und wurde von der lahmen Frau, die ihre zerzausten Haare ein wenig zu ordnen suchte, mit einem wahren Musterbouquet südländischer Redeblumen empfangen. Dort unten, wo die Rosen im Winter blühen, stehen auch der Zunge des ungebildeten Volkes die süß klingenden Phrasen so reich zu Gebot, wie bei uns zu Lande einem Hofkaplan. Freilich war jedes Wort der Alten für mein ‚gutes Herz’ gedrechselt, aber wenn sie auch mit bitterer Leidensmiene, mit brunnentiefem Kummerblick und klagendem Singsang ihr Elend posierte, so sprach doch auch aus allem, was sie sagte, ein Ton von Gutmütigkeit und jene müde Ergebung in das Unglück, der man das Mitgefühl nie versagen kann. Dazu noch der Anblick und die Luft der Stube! Es pflegt nicht nach Veilchen zu duften, wo die Armut wohnt.

   Während ich mich umsah, wo ich mich niedersetzen könnte, flüsterte die alte Frau dem Mädchen ein paar Worte zu, und Nannina huschte davon.

   Ein Stuhl war in der Stube nicht zu finden – ich musste mich auf das Bett setzen. Dann begann ich mit der Alten zu plaudern und ließ mir erzählen, wie sie mit ihrem Kind lebte. Während sie schwatzte, hielt sie den Rocken unter dem Arm und ließ die Spindel tanzen. Wohl mischte sie die Farben ihres armseligen Lebens mit reichlichem Grau, aber ich erkannte doch hinter diesem auf mein Mitleid spekulierenden Aufputz die Wahrheit – und die allein war traurig genug, um Erbarmen zu wecken. Durch all den trüben Lebensschatten dieses Weibes leuchtete aber auch ein Strahl von warmer Sonne: Nanninas Sorge um die Mutter, die zärtliche Liebe dieses Kindes. Mutter Virginia – als sie mir ihren Namen nannte, musste ich an die römische Jungfrau denken, die diesen Namen unsterblich gemacht, und das war ein Gegensatz, der mich zu einem Lächeln zwang – Mutter Virginia hatte mit ihrem Geplauder durchaus nicht die Absicht, vor mir die Liebe ihres Kindes zu rühmen. Was sie von Nannina erzählte. Lief immer nur so nebenher. Und dennoch hört’ ich es heraus, dass es für die kleine, graue Maus auf Erden nichts anderes gab als die Mutter, dass sie Tag und Nacht sich abmühte in ruheloser Sorge für dieses lahme, hilflose Weib, und dass sie lächelnd hungern konnte, wenn nur die Mutter satt war. Sonderlich hoch schien ihr die Mutter das nicht anzurechnen – und fast schien es mir, als sähe Mutter Virginia in diesem Kind nicht viel mehr als ein unentbehrliches Requisit ihrer trübseligen Gegenwart und eine Hoffnung auf bessere Tage, eine Promesse, von der sich in der Lotterie des Lebens ein Treffer erwarten ließ. Die Augen der alten Frau bekamen hellen Glanz, als sie von Nanninas Begabung für die Tarantella sprach.

   „Das hat sie von mir“, sagte sie stolz. „Füße, wie eine Feder so leicht und flink wie das lebendige Silber. An Fleiß fehlt’s ihr auch nicht, sie plagt sich wie ein Mulo, der einen schweren Sack bergauf trägt und weiß, dass droben as Futter wartet. Was man lernen kann, das hat sie auch schon los. Heute, Herr, als ihr sie gesehen habt, da war sie schon müd und fertig. Aber wenn sie frisch ist, da solltet ihr sie einmal sehen… da geht’s, wie die Spindel am Faden, als hätte sie den Drehwind in den Füßen. Wer sie da sieht, der muss die Tarantella schon kennen, wie ich sie kenne, oder er merkt nicht, dass alles bei ihr nur erst gelernt ist, dass es noch nicht herausspringt aus dem Blut. Da fehlt’s noch, ja, da fehlt noch viel! Das Herz muss tanzen, nicht nur die Füße. Aber das wird schon noch kommen. Bei mir ist’s auch gekommen über Nacht… da wird’s auch bei ihr nicht ausbleiben.“

   Mutter Virginia lächelte gedankenvoll und netzte den Faden an der Zunge.

   „Man kann’s ja noch nicht verlangen von ihr… ein halbes Kind! Aber es wird schon kommen. Sie hat ja noch Zeit. So, wie sie heute ist, nimmt man sie doch bei keiner Truppe… mager wie eine Wachtel, die übers Meer kommt und wie tot ins Garn fällt. Wenn ich sie nur besser füttern könnte! Eine Schüssel Maccaroni jeden Tag, ja, dann… das sag’ ich ihr immer! Aber Polenta, das geht nur in die Knochen, nicht ins Fleisch.“ Seufzend netzte Mutter Virginia den Faden wieder und zog den Hauf aus, so lang ihr Arm war. „Ja, Herr, alle Tage bet’ ich zum Himmel, dass Gott an ihr ein Wunder tut. Er kann’s doch, wenn er will! Draußen stehen doch auch die Feigenbäume noch dürr, an Ostern blühen sie schon, und im Mai, da tragen sie schon runde, süße Früchte. Gott hat mir die Füße tot geschlagen… da könnt’ er doch wieder Mitleid haben und mir ein linderes Kissen unterlegen als diesen hölzernen Sessel da! Wär’ Nannina nur erst so weit, dass man sie bei einer Truppe nimmt, dann hätt’ ich ausgesorgt und könnt’ es gut haben. Denn sie wird ihr Glück machen… das weiß ich, Herr… sie wird ihr Glück machen!“

   Ganz nahe vor dem Fenster fiel draußen im Garten ein Schuss – und mir war, als säh’ ich den armen, kleinen Vogel, wie er mit gebrochenen Flügeln zu Boden fiel und verblutete.

   Mutter Virginia schien den Schuss gar nicht gehört zu habe, so ganz versunken war sie in ihre Zukunftsträume. „Sie wird ihr Glück machen! Ihr Glück!“, wiederholte sie ein paar Mal, während sie schmunzelnd vor sich hin nickte und den Faden zog. „Denn die Nannina, Herr, das dürft ihr mir glauben, die ist ein gescheites Tierchen, die hat keine sumsenden Mücken im Kopf, sondern gesunden Verstand. Die wird nur an mich denken und wird verdienen und sparen für mich. Nein, Herr, die wird nicht so dumm sein, wie ihre Mutter war, und wird ihr Glück nicht in einen leeren Sack werfen.“ Mutter Virginia seufzte tief. „Ja, Herr, wenn ich klüger gewesen wäre! Dann könnt’ ich heute Geld in der Bank haben wie die Cirmena vom Nachbar Lupi drunten. Und könnte mein eigenes Haus haben und einen Orangengarten und einen guten Mann dazu. Wie ihr mich heute seht, mit meinen gestorbenen Füßen und mit dem alten Gesicht, da könnt ihr euch freilich nicht denken, wie ich einmal ausgesehen habe vor achtzehn Jahren. Zwanzig Lire haben sie mir bei der Truppe für den Abend gezahlt. Wenn ihr’s nicht glauben wollt, so fragt nur den Gargiulo drunten in Sorrent! Der wird’s bestätigen. Zwanzig Lire, Herr! So hab’ ich ausgesehen, und so hab’ ich getanzt! Ja, Herr, das waren schöne Zeiten!“

   Mit Seufzen und müdem Lächeln begann sie von dieser schönen Zeit zu schwatzen – und in diesem erloschenen Glanz das hellste Licht, das war jenes Volksfest in Neapel, zu dem man die Truppe Gargiulo von Sorrent hatte kommen lassen, um vor dem König die Tarantella zu tanzen. In dieser Truppe die beste und schönste Tänzerin, das war Virginia Fiorello.

   Ich sah das Bild einer Stern blitzenden Mainacht im Königsgarten von Neapel. Lampen, in allen Farben glühend, wiegen sich zwischen den Fächern der hohen Palmen, und die schwarzen Zypressen sind verwandelt in strahlende Lichtsäulen. Die Nachtluft ist erfüllt vom Duft der Rosen, von rauschender Musik und von wogendem Stimmengewirr. Rings um das vergoldete Gitter drängt sich im Lärm das schaulustige Volk, und auf offener, von Licht und Gefunkel übergossener Terrasse, sitzt der König, umgeben von seinem Hofstaat. Mit wehenden Schärpen, beim Klang der Mandolinen und beim Gerassel der Kastagnetten, wirbeln sich vier junge Paare, und in ihrer Mitte, als Prima der Truppe, tanzt Virginia Fiorello die Sorrentiner Tarantella. Sie erntet Beifall, sie darf dem König die Hand küssen – und draußen vor dem Gitter schreien sie begeistert: Evviva il re!, und schreien: Evviva la bella Surientina!

   Dieses Bild der Vergangenheit stand mir vor Augen, während Mutter Virginia schwatzte und lächelte und seufzte – und daneben sah ich das Bild der Gegenwart: Diese trostlose Stube mit ihrem Gerümpel, dieses alte, gelähmte Weib, das gebrochen und müd in dem plumpen Rollstuhl saß und mit der Zunge den Faden netzte, den die welke Hand aus dem Rocken zog.

   Da kam Nannina zur Tür hereingestürmt, atemlos, mit zerzaustem Haar und erhitztem Gesichtchen. Was ich von ihr erfahren hatte im Geplauder mit Mutter Virginia, hatte meine Teilnahme für die kleine Maus so warm gesteigert, dass mir bei ihrem Anblick war, als wäre Sonne in die graue Stube gekommen.

   „Ecco, sinorrr!“, sagte sie, ganz aufgeregt, und bot mir ein mit roter Flüssigkeit gefülltes Fläschchen, dessen Form bedenklich an die Apotheke erinnerte.

   Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, und Mutter Virginia musste mir’s erst erklären: Das wäre vino di ribes, Johannisbeerwein, den Nannina in der Trattorie geholt hätte, denn so arm dürfe kein Haus sein, um nicht für den Gast einen guten Trunk zu haben; und wenn nicht der Padrone gerade im Garten auf der Jagd wäre, hätte sie mir auch mit ein paar süßen Orangen aufgewartet; so aber müsste ich schon mit dem Wein vorlieb nehmen.

   Nannina hielt mir noch immer das Fläschchen hin. „Trinkt, Herr! Der ist gut. Der ist vom letzten Sommer, und die Mutter sagt immer, dass er jung am besten ist. „Trinkt, Herr! Auf Eure Gesundheit!“

   Ich danke, Nannina! Gesund bin ich, Gott sei Dank, und mich dürstet nicht!“, erwiderte ich, denn ich empfand ein gelindes Grauen vor diesem vino di ribes in der Medizinflasche. „Ihr hättet Euch wirklich um meinetwillen keine Kosten machen sollen.“

   „Kosten? Da könnt ihr ihn ruhig trinken. Ihr habt ihn doch selber bezahlt.“

   Ich musste lachen. „Ach so? Das ist noch Blut von der Eidechse mit den zwei Schwänzen?“

   Nannina verstand nicht gleich. Dann schien sie sich aber doch an ihr eigenes Wort zu erinnern, denn sie lächelte. Und wie ihr die schwarzen Augen glänzten bei diesem Lächeln!

   „Auf Eure Gesundheit, Herr!“

   Nur weil ich fürchtete, dass ich die kleine Maus durch eine Weigerung kränken möchte, nahm ich das Fläschchen. Doch ich zögerte wieder, als ich auf dem Grund des Glases etwas herumschwimmen sah wie Sand.

   Nannina las wohl das Misstrauen aus meinen Augen, denn sie sagte: „Das ist Zucker, Herr! Ich hab’ gefürchtet, er könnt’ Euch zu sauer sein, drum hab’ ich Zucker dazu geben lassen. Die Mutter trinkt ihn auch am liebsten mit Zucker.“

   Ich nahm einen vorsichtigen Schluck, und das Ding schmeckte wirklich nicht viel schlimmer als Limonade, die ein wenig zu süß geraten. „Ja, Nannina, das ist guter Wein. Aber jetzt tu mir Bescheid und trinke den Rest auf Dein Wohl!“ Und im Stillen wünschte ich ihr: Sei klüger und glücklicher, als Deine Mutter war, und findest Du das Glück, so wirf es nicht in einen leeren Sack, sondern halt’ es fest an Deinem jungen Herzen!

   „Grazie, sinorrr!“ Nannina nahm das Fläschchen und gab es der Mutter. „Trink Du, Mamma! Das macht Blut!“

   „Blut! Ja, Kind, das kann ich brauchen!“, seufzte Mutter Virginia und trank.

   „Da erschien der Padrone in der Tür, die Flinte unter dem Arm, den Hut in den Nacken zurückgeschoben, mit zornrotem Gesicht. Ohne sich um meine Gegenwart zu kümmern, und mit einer Grobheit, die ich hinter dem eleganten, weißen Flanellanzug nicht vermutet hätte, begann er auf Nannina loszuschimpfen. Wofür er die Bettelbagage denn in seinem Haus wohnen hätte? Um seine Orangen aufzufressen? Ja?

   Nannina stand zitternd und sprachlos, während Mutter Virginia hurtig das Fläschchen hinter sich im Lehnsessel versteckte und mit klagender Stimme alle Heiligen der sieben Himmel als Zeugen anrief, dass weder sie noch ihr Kind eine Orange auf dem Gewissen hätte.

   Aber der Padrone hatte draußen in einem Winkel des Gartens die verräterischen Schalen gefunden, und um der kleinen Sünderin, der die Schuld in das verstörte Gesicht geschrieben stand, dieses corpus delicti vor Augen zu führen, packte er Nannina mit rohem Griff am Arm und zerrte sie mit sich fort.

   Mutter Virginia atmete auf und bekreuzte sich. Eine Weile lauschte sie, und als die scheltende Stimme des Padrone im Garten verklang, machte sie mir flüsternd das Bekenntnis: „Heute, weil Sonntag ist, hat sie mir drei Orangen gebracht… und nicht einmal gepflügte, nur gefallene! Und deshalb macht er einen solchen Lärm! Der Filz!“ Zum Zeichen ihrer Verachtung spuckte sie über die Schulter. „Ich hab’ es ihr aber doch gesagt, sie soll die Schalen über die Mauer hinüberwerfen in den anderen Garten. Aber ich weiß ja, wie sie ist, das gutmütige Ding! Sie wird gefürchtet haben, dass dann der Spektakel drüben angeht, und dass man einen Unschuldigen bei den Ohren zieht. Ecco! Jetzt hat sie’s!“

   Dieser Auftritt hatte mir die Lust benommen, noch weiter zu plaudern. Um der kleinen Maus einen Tropfen Öl auf ihren Sonntagsschmerz zu träufeln und um ihrer Mutter die Mühe zu sparen, auch hinter mir über die Schulter spucken zu müssen, ließ ich, bevor ich meiner Wege ging, der Eidechse ein drittes Schwänzlein wachsen.

   Als ich draußen auf der Gasse stand, hörte ich hinter der Agavenhecke ein leises Schluchzen, und tiefer im Garten fiel ein Schuss.

   Armer Vogel! Arme, kleine Maus!

   Während des ganzen Heimwegs beschäftigten sich meine Gedanken mit Nannina und mit dem ‚Glück’, das sie machen konnte, wenn sie zu einer Truppe kam. Dass die ‚magere Wachtel’ den Enthusiasmus der Fremden in besonders einträglichem Maß erwecken würde, stand freilich nicht zu erwarten. Aber auch bei einer bescheidenen Stellung in der Truppe wird sie jährlich doch immer ein paar hundert Lire verdienen, und wird zufrieden und glücklich sein, weil sie die Mutter mit gezuckertem vino di ribes regalieren kann und darüber hinaus noch übrig hat, um das eigene Mäulchen täglich satt zu machen.

   Ich nahm mir vor, dem ‚Glück’, das die kleine Piccola-monèt von ihrem Leben erwartete, ein wenig flinkere Füße zu machen und bei Battista Gargiulo ein gutes Wort für Nannina einzulegen.

   Die Gelegenheit hierzu ergab sich schneller, als ich dachte. Noch am gleichen Abend. Ich hatte in der casa d’oro gespeist, und als shcon die Laternen brannten, machte ich noch einen Schlendergang über den Corso hinunter, der Sorrent mit Sant’ Agnello verbindet. Das war so meine Gewohnheit an Sonn- und Festtagen. Denn da gab es zwischen Licht und Dunkel gar mancherlei zu beobachten, was ein Poet nicht ungern in seine Studienmappe sammelt: Intime Genrebildchen auf den Schwellen er Häuser, zärtliche Szenen im Schatten der Gartentüren, stumme Zwiegespräche, die mit Blicken, Blumen und Gesten vom Trottoir hinauf zu den Balkonen und von den Fenstern herunter auf die Straße geführt wurden, und nicht selten gab’s einen stark dramatischen Auftritt zwischen den Burschen und Knaben, die in den offenen Höfen oder in den Seitengassen ihr giuoco di bocce, das Kugelspiel, bei spärlichem Laternenschein mit heißer Leidenschaft bis spät in die Nacht hinein betrieben.

   Gerade stand ich bei solch einer Gruppe und sah dem Spiel zu, als mich eine Stimme grüßte: „Buona sera, sinorrr dottore!“

   Es war Mommino, er Maccaronista. Er trug sein gutes Gewand, welches ganz seinem Werktagsanzug glich, nur dass es neu war und sauber gehalten. Um den Kragen des farbigen Baumwollhemdes hatte er eine feuerrote Krawatte geschlungen, schief auf der Stirn balancierte er ein kleines, schwarzes Hütchen, und zwischen den Zähnen heilt er eine gelbe, voll aufgeblühte Rose. In diesem feierlichen Aufputz machte er mit seinem schlanken, jungen Körper eine hübsche, malerisch wirkende Figur. Nur schien mir, als wäre er nicht sonderlich guter Laune. Auch wunderte ich mich, dem Maccaronista um diese Stunde zu begegnen.

   „Mommino! Du! Woher und wohin? Was macht die Kunst? Feiert sie heute?“

   Er seufzte und nahm die Rose aus den Zähnen. „Heut feiert sie, ja! Und schade, ich hätte so klaren Kopf zur Arbeit gehabt, gerade heut! Seit gestern abends hab’ ich mich gehalten wie der Pfarrer vor der Messe. So nüchtern wie ich, Herr, ist kein Fisch, der im Kamin hängt, denn der hat Rauch geschluckt. Und jetzt komm’ ich um meinen ehrlichen Verdienst und kann noch bezahlen für meinen Hunger. Aber was will ich machen? Man muss den Tag nehmen, wie er kommt. Jeden Tag geht die Sonne auf, aber jeden Tag scheint sie nicht. Und ist der Esel gefallen, so reitet man nicht weiter, bis er nicht wieder auf den Beinen steht.“ Wieder seufzte er. „Heut kann sich mein Talent den Schnabel wischen. Und dazu verlier’ ich noch meine drei Lire. Und warum? Weil ein Amerikaner verrückt geworden ist. Hol’ der Teufel die Liebe, sagt unser Gargiulo, und Recht hat er. Jetzt kann er laufen und suchen, bis er findet, was wir brauchen.“

   „Warum? Was ist denn los?“

   „Das wisst Ihr nicht?“, fragte Mommino so erstaunt, als wäre ein Stück Welt untergegangen und ich hätte nichts erfahren davon. „Wahrhaftig? As wisst ihr nicht?“

   „Was?“

   „Dass die Cirmena den Cesco laufen lässt, dass sie uns aufgesagt hat und den Amerikaner nimmt?“

   „Nein, davon weiß ich nichts! Erzähle, Mommino!“

   Und da erfuhr ich nun, was es für eine Bewandtnis mit dem ‚Ring’ hatte, um den in der casa d’oro der Zank zwischen den beiden Verlobten entstanden war – und hörte einen von jenen Romanen, die sich unter dem blauen Himmel von Sorrent und Capri seit einem halben Jahrhundert fast alljährlich wiederholen. Sie laufen dort unten zu Dutzenden umher, die ‚hängen gebliebenen’ Künstler. Da kommen sie aus dem Norden, Sehnsucht und jugendliche Begeisterung im Herzen. Berauscht vom Süden, verwechseln sie die Menschen mit der Natur und verlieben sich in ein schönes Modell, in das „Menschenideal des Südens.“ Nicht selten spricht das Messer eines Eifersüchtigen ein böses Wort dazwischen; schient die Sache aber unblutig zu verlaufen und sich zu einem ‚Glück’ auszuwachsen, dann wird erst recht eine Tragödie daraus – eine Lebenstragödie, die nach kurzer Seligkeit mit bitterer Enttäuschung, mit häuslichem Jammer und künstlerischer Versumpfung abschließt. Jene, die Geld hatten, kamen manchmal noch mit einem blauen Auge an ihrer Börse davon – wenn sie ihren Irrtum erkannten, kauften sie sich mit ein paar tausend Lire wieder los und verschwanden in ihre Heimat.

   Allem Anschein nach war es diese letztere Sorte, die der ‚Amerikaner’, dem Cirmena Lupi en Kopf und das Herz verdreht hatte, um ein neues Exemplar vermehren sollte. Im Hotel Vittoria hatte er sie tanzen sehen und hatte sich gleich am ersten Abend über Hals und Kopf in die hübsche Person verliebt – ‚in die schöne Gans’, wie Mommino sich ausdrückte.

   „Nicht nur der Cesco, auch wir anderen alle haben es gleich gemerkt, denn der Mensch hat sich aufgeführt wie ein Verrückter. Du, hab’ ich dem Cesco gesagt, leg eine Kette vor Deine Tür, es will einer einbrechen. Aber gelacht hat er. Kleines Herz im Leib und große Augen am Geldbeutel … so ist er! Hat gemeint, dass ihm die Cirmena sicher wäre, und weil er gemerkt hat, dass bei dem Amerikaner was zu holen ist, hat er auch noch erlaubt, dass sich die Cirmena von ihm malen lässt. Der Dummkopf! Wenn ich ein Mädel lieb hätte, und es käm’ einer, der sie malen wollte … hol mich der Teufel! … aber dem möcht’ ich Füße machen, dass er sich wundern sollte, wie schnell man reisen kann auf der Welt. Das Glück ist wie ein Spiegel, hat meine gute Mutter immer gesagt … hauch drauf, und der Hauch verfliegt, hauch wieder drauf, und ein Tropfen Wasser bleibt hängen. Und wenn ein Mädel gemalt wird, Herr, das geht nicht ab in einem Strich, und da bleibt immer was kleben an ihr: Das Geschwätz der Leute und ein böses Stück Eitelkeit. Ich hab’s ihm gesagt, dem Cesco, aber er hat nicht hören wollen und hat mich ausgelacht.“

   Freilich, tragisch hatte Cesco die Sache auch nicht genommen, sondern von der praktischen Seite. Ganz ruhig war er geblieben, als er hörte, dass der verliebte Künstler seinem Modell schon bei der zweiten Sitzung einen Heiratsantrag gemacht hatte. „Heiraten, das ist leicht gesagt und hart getan.“ Solch ein Wort brauchte man nicht ernst zu nehmen. Er wäre auch damit einverstanden gewesen, dass Cirmena von dem Amerikaner einen kostbaren Ring als Geschenk empfing. Dass aber die sposa dieses Geschenk vor ihrem sposo geheim hielt, dass sie, als Cesco von der Sache erfuhr, den Ring nicht verkaufen und den Erlös mit ihrem Bräutigam nicht ehrlich teilen wollte, das hatte Cesco als flagrante Untreue angesehen, und über diesen Treubruch war er an jenem Abend in der casa d’oro in solche Wut geraten, dass er seine Braut misshandelte und beschimpfte. Maestro Gargiulo, dem um seine Tarantella bang wurde, hatte zwischen dem streitenden Paar den diplomatischen Vermittler gespielt und zwei Tage später hatte Cirmena, trotz ihres Kassandraschwures in der casa d’oro, bei der Tarantella wieder mitgetanzt. Aber dieser Friede war nur ein Waffenstillstand der Weiberlist. Cirmena fühlte sich in ihrer Ehre beleidigt, wollte ihre Rache haben und suchte nur Zeit zu gewinnen, um mit einer Schlauheit, die ihr niemand zugetraut hätte, die Bombe zu laden, die vor ein paar Stunden im Hotel Vittoria geplatzt war.

   „Um sechs Uhr hätten wir auftreten sollen“, erzählte Mommino, „und um fünf Uhr waren wir alle schon da. Nur die Cirmena fehlte. Es wird halb sechs, es wird sechs, und sie kommt nicht. Der Cesco ist immer unruhiger geworden, als hätt’ er eine Ahnung gehabt, dass es etwas eben würde, und unser Gargiulo hat geflucht in seiner Wut wie ein Matros. Draußen im Saal sind schon die Fremden gesessen und haben gewartet, und Gargiulo will gerade mit dem ‚Vieni al mar’ anfangen lassen, statt mit der Tarantella… da geht an unserem Zimmer die Tür auf. Corpo di Bacco! Gestanden sind wir alle und haben Augen gemacht wie die Narren am Aschermittwoch. Und jetzt könnt ihr raten, Herr, wer ins Zimmer kam!“

   Ich lachte. „Die Cirmena mit ihrem americano?“

   „Sì sinorr! Am Arm hat sie ihn geführt, denkt nur, am Arm! Wie eine Gräfin ihren Grafen führt! Buona sera hat er zu uns gesagt, und vor Glück hat er geglänzt wie ein Soldatenknopf, der geputzt ist. Und sie! Aufgedonnert war sie wie eine Kardinalsköchin bei der heiligen Prozession. In vier Wochen wäre die Hochzeit, hat sie gesagt… und jedem, der’s hören wollte, hat sie’s erzählt, was für ein Glück sie mit ihrem Amerikaner macht, wie verliebt er ist, und dass er zehntausend Lire für sie in der Bank von Sorrent eingelegt hätte. Wahrhaftig, Herr, as Geld gehört ihr, wie mir meine Hand gehört… sie hat uns den Schein gezeigt, uns allen… nur dem Cesco nicht! Über den hat sie weggesehen, als ob er Luft wäre.“

   „Und Cesco hat sich das gefallen lassen?“

   „In der ersten Wut hat er freilich nach dem Messer gegriffen“, sagte Mommino mit gemütlicher Ruhe, „aber ich hab’s gesehen und war flinker als er. Der Amerikaner ist vor Schreck so weiß geworden wie eine Wand und hat die Cirmena zur Tür hinaus gerissen. Und draußen hat er dem Masestro den Auftrag gegeben, dass er mit Cesco verhandelt… fünfhundert Lire soll er bekommen und Ruh geben, oder die Polizei wird geholt.“

   „Und Cesco?“

   „Gut, hat er gesagt, und hat das Geld genommen.“ Mommino lachte und streifte mit der Rose an seiner Nase vorüber. „Ich hätt’ ihm so viel Verstand gar nicht zugetraut.“

   „Also meinst Du, dass er was Klügeres nicht hätte tun können?“

   „Wärst Du an seiner Stelle gewesen, hättest Du das Geld auch genommen?“

   „Natürlich!“ Wieder lachte Mommino. „Wer eine Taube am Schwanz hält, dem bleiben doch die Federn in der Hand, wenn sie davonfliegt. Federn, das ist freilich kein Braten … aber es ist doch etwas. Und Federn kann man auf den Hut stecken. Natürlich würd’ ich das Geld nehmen. Was sollt’ ich denn sonst machen? Zustechen wie ein Verrückter und mich mit der Polizei herumbalgen? Nein, dafür dank ich! Aber…“ Mit nachdenklichen Augen sah er vor sich hin und biss vom Stiel der Rose einen Dorn ab, „aber vielleicht weiß ich nicht, was ich täte. Denn ich hab noch nie im Leben ein Mädel lieb gehabt. Meine Arbeit am Tag und meine Kunst am Abend… damit war ich noch immer zufrieden, seit meine gute Mutter tot ist… Gott soll sie bei sich im Himmel haben! Aber das weiß ich: Wenn ich einmal ein Mädel lieb bekomme… von der Truppe wird’s keine sein! Nein, Herr, für so was, da dank’ ich! Das Mädel, das ich einmal lieb haben will, soll ein braves Ding sein, soll nähen und kochen können und soll mir verdienen und sparen helfen! Die Tarantella aber, nein, die schenk’ ich ihr. Und jede andere Kunst gerade so! Denn ehrlich, sinorrr dottore… ich hab’ vor der Kunst einen schlechten Respekt. Sie macht die Menschen faul wie der Hagel die Orangen.“

   Ich musste lachen – so drollig wirkte auf mich der Ernst, mit dem der berühmte Maccaronista dieses vernichtende Urteil über Kunst und Künstler fällte. „Aber Mommino! Du scheinst zu vergessen, dass auch Du ein Künstler bist!“

   „Ich! Ja, das ist wahr! Ich hab’ ein Talent und verdiene ein schönes Stück Geld mit meiner Kunst. Ja, Herr, da bin ich wie die Schwalbe… die nimmt’s auch von der Straße und baut sich ein warmes Nest damit. Fragt nur einmal nach in der Sparkasse von Sant’ Agnello… dort weiß man, wer Mommino Limòli ist und wie viel er wiegt im Buch. Ich bin stolz auf das, was ich kann und was ich verdiene bei der Kunst… aber weiter, Herr, nein, weiter will ich nichts mit der Kunst zu tun haben. Und die Künstlerinnen… vor denen will ich meine Ruh haben! Die kenn’ ich! Ja, Herr… der gute Amerikaner da… gar lange, mein’ ich, braucht er nicht, bis er merken wird, dass er für süßen Wein bezahlt und sauren Essig bekommen hat. Aber ich möcht’ es ihm wünschen, dass ich mich täusche, und wär’ zufrieden, wenn wir morgen schon wieder spielen könnten und wenn ich meine drei Lire hätte, die ich heut… èh! Cos’ è?“

   Lachend unterbrach Mommino sein Geplauder. Einer der Bocciaspieler, in deren Nähe wir standen, hatte uns seine Holzkugel zwischen die Beine geworfen. Das war wohl nicht Ungeschick, sondern boshafte Absicht, denn die anderen Spieler sahen uns spöttisch an und kicherten. Aber gutmütig hob Mommino die Kugel auf und warf sie den Spielern zu. „Eccola, signori!“ Dann wandte er sich wieder zu mir und steckte die Nase in den Kelch der Rose. „Ja, Herr! Drei Lire! Den Tag heut merk’ ich mir! Denn natürlich, unsere Tarantella ist auf vier Paare geschult, und Gargiulo hat lieber die Vorstellung abgesagt, als dass wir uns blamiert und den guten Ruf der Truppe geschädigt hätten. Kriegt der Mehlsack ein Loch, und wenn’s auch klein ist, ein gutes Stück Brot ist immer beim Teufel! Freilich verlier’ ich auch dabei, aber den größten Schaden hat unser Maestro. Um den ist mir leid! Der wird heut eine schlaflose Nacht haben und wird sich in Ärger und Sorge den Kopf zerbrechen, wo er für die Cirmena eine Tänzerin auftreibt, aus der sich im Handumdrehen so viel machen lässt, dass sie schon morgen oder übermorgen mit uns spielen kann. Tarantella, freilich, die tanzt jeder Besen in Sorrent. Aber wie! Wenn’s so leicht wäre, Herr, wär’s keine Kunst! Ich fürchte, unser Maestro wird ein hartes Suchen haben, bis er was Richtiges findet.“

   Da war nun die Gelegenheit, die der kleinen Piccola-monèt zu ihrem ‚Glück’ verhelfen konnte. „Höre, Mommino, das trifft sich gerade gut. Ich weiß einen Rat für Euch.“

   „Einen Rat? Èh, sinorrr…“, seufzend schob er den Hut in die Stirn. „Ist der Winter gut, so sind die Oliven billig. Wenn ihr uns statt eines Rates lieber eine Tänzerin wüsstet!“

   „Ja, Mommino, die weiß ich.“

   „Wahrhaftig? Hier in Sant’ Agnello?“, fragte er ungläubig und doch erregt.

   „Droben im Vico.“

   Mit ernsten Augen blickte Mommino vor sich hin, als ließe er die Mädchen, die er kannte, vor seinem kritischen Geist Probe tanzen. Dann schüttelte er den Kopf. „Im Vico droben? Wer soll denn das sein?“

   „Nannina Fiorello heißt sie. Freilich, sie ist noch gar jung, und so hübsch wie die Cirmena ist sie wohl auch nicht. Aber sie tanzt wie ein kleiner Teufel. Ich bin überzeugt, dass ihr sie brauchen könnt. Sie wird gefallen, gewiss… und Gargiulo wird ein gutes Werk an ihr tun, wenn er sie zur Truppe nimmt.“

   Mommino schien nur halb zu hören, was ich sagte; seine Gedanken waren an den Namen hängen geblieben. „Nannina Fiorello? … Nannina Fiorello? … Eine, die so heißt, die kenn’ ich doch! Aber die könnt ihr nicht meinen, Herr! Unmöglich! Die ich kenne, die ist ja noch ein Kind. Und mager, dass ihr der Wind die Knöchelchen aus der Haut bläst. Aber ja, droben im Vico wohnt sie, mit ihrer Mutter, mit der lahmen Virginia, die vor zwanzig Jahren bei der Truppe war. Nein, Herr, die könnt ihr nicht meinen!“

   „Doch, Mommino, die mein’ ich! Gerade die!“

   Da lachte er mir ins Gesicht. „Ma, sinorrr? Ihr wollt mich zum Besten haben. Denn dass wir die nehmen… das kann doch nicht euer Ernst sein! Bei der ersten Vorstellung möchten uns die Fremden davonlaufen, wenn wir statt der schönen Cirmena eine solche Rapunzel brächten. Die könnte der Maestro anziehen wie er wollte, in Samt und Seide! Ein Spatz, Herr, wird kein Kanarienvogel, auch nicht, wenn er gelb angestrichen wird. Nein, sinorrr dottore, wie könnt ihr nur einen solchen Einfall haben! Die Nannina Fiorello!“ Er lachte, als hätte er in seinem Leben etwas so Komisches wie meinen Rat noch nicht gehört. „Die Nannina Fiorello!“

   Ich war nun freilich auch der Meinung, dass die kleine Piccola-monèt ein echt zweifelhafter Ersatz für Cirmena Lupi wäre. Aber ich wollte dem armen Ding und seiner Mutter einen Gefallen erweisen und trug, als ich Nanninas Tarantella ausführlich schilderte, die Farben so leuchtend wie möglich auf. Mommino aber schüttelte nur immer den Kopf und lachte. Da ich ihn mit all meiner Beredsamkeit nicht überzeugen konnte, dass Nannina ein viel versprechender Gewinn für die Truppe wäre, wollt’ ich es, um den Maccaronista meinen Plänen geneigt zu machen, mit der Bestechung versuchen. Zuerst erbot ich mich, ihm die Schüssel Maccaroni und die drei Lire zu bezahlen, um die ihn Cirmenas Rache und die Verrücktheit des Amerikaners gebracht hatte.

   Mit stolzer Ruhe wies Mommino diesen Vorschlag zurück; er wäre nicht so arm, um seinen Verlust nicht tragen zu können; und ein Glas Wein für den Festtag und ein Stück Käse für seine „fame maneggiata conforme alle regole dell’ arte“ – für seinen nach allen Regeln der Kunst trainierten Hunger – das brauchte er sich von keinem anderen bezahlen zu lassen. „No, sinorrr dottore! Auch nicht von einem so guten Freund, wie ihr es mir seid! Ich bin so! Jeder Esel hat seine langen Ohren, und ich als Künstler hab’ meinen Stolz! Nehmt mir das nicht übel, Herr!“

   Wie hätt’ ich ihm verübeln können, was mir gefiel! Aber ich ließ mich nicht abschrecken, denn ich kannte seine Schwäche für meine guten Zigaretten. Und während ich ihm den ganzen Inhalt meines Etuis in die Brusttasche seiner Jacke schob, was er lachend geschehen ließ, sagte ich: „Das Mädel ist ein armes Ding und hat eine lahme Mutter zu ernähren. Hast Du nicht auch Deine Mutter lieb gehabt? Und wenn Du für Nannina Fiorello nicht schon aus Barmherzigkeit ein gutes Wort einlegen willst, so tu es mir zuliebe, geh noch heute Gargiulo und sag ihm: Einen schönen Gruß von mir, und bevor er eine andere für die Truppe nimmt, soll er sich von Nannina Fiorello die Tarantella vortanzen lassen!“

   „Va bene!“ Lachend warf Mommino die Rose über die Gartenmauer, bei der wir standen, und steckte mit umständlichen Behagen eine Zigarette in Brand. „Jetzt hat der Hellige seine Kerze, und da lässt er reden mit sich. Va bene! Ich tu’s! Und gleich!“

   Er schüttelte mit zum Abschied die Hand, dass mir seine Maurerfaust alle Finger krachen machte, und während er den rauch der Zigarette vor sich hin paffte, schlenderte er über den Corso gegen Sorrent hinunter und trällerte eins von seinen Ritornellen:

„Blutrote Korallen!
Vom schwarzen Himmel ein goldener Stern
Ist brennend mir ins Herz gefallen!“

   Ich sah ihm nach, bis er mir im Zwielicht der schlecht beleuchteten Straße verschwand. Dann trat ich den Heimweg an, in dem guten Glauben, der kleinen, grauen Maus dort oben im Vico einen großen Dienst erwiesen zu haben.

   Wie hätte ich ahnen können, dass sich mit dem Weg, den Mammino Limòli zu seinem Maestro machte, das leidvolle Schicksal zweier Menschen zu erfüllen begann, die des freundlichsten Glückes für’s Leben wert gewesen wären! –

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