Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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3.

   Als ich heimkam in meine weiße Stube, durch deren offene Fenster die Sterne leuchteten und das Meer sein mildes Rauschelied herein sang, stellte ich die Narzissen in frisches Wasser. Sie dufteten so stark, dass der ganze Raum erfüllt war von ihrem bittersüßen Geruch. –

   Am Abend feierte ich noch ein fröhliches Wiedersehen mit lieben Freunden aus der Heimat. Ich fand sie in einer nahen Pension, in der Casa d’oro, an deren gutem Tisch ich allabendlich um sieben Uhr mit der wechselnden Fremdengesellschaft zu speisen pflegte. Da konnten meine Freunde auch gleich am ersten Abend eine Sorrentiner Spezialität genießen: Die Tarantellatänzer. Das ist ungefähr das gleiche, wie eine Tiroler Sängergesellschaft mit Schuhplattltanz in Innsbruck, eine Volkssängertruppe mit Naturjodler in Wien oder ein Cancan-Quartett in Paris. Nur hat es im Süden mehr Grazie und schönere Farbe, wenn es auch nur zur Hälfte Natur ist, zur Hälfte schlechtes Theater und primitives Ballet. Aber wer’s zum ersten Mal sieht, der kann immerhin begeistert sein. Und meine Freunde kamen auch gleich beim ersten Tanz in helles Feuer. Ich selbst war freilich schon etwas abgestumpft, denn ich hatte dieses Vergnügen während des Winters schon ein dutzend Mal genossen und pflegte mich für die paar Lire, die der Scherz immer kostete, dadurch bezahlt zu machen, dass ich im Geplauder mit dem Impresario und seinen Künstlern meine Kenntnis des Sorrentiner Dialektes erweiterte. Da ich bei solcher Gelegenheit auch gerne eine Schüssel Maccaroni und einige Flaschen Wein zum besten gab, so galt ich bei den Künstlern als protettore und eccellenza und stand mit ihnen, wie sie zu sagen liebten, in buoni termini – in gemütlichem Verkehr.

   Es gab damals in Sorrent drei Konkurrenztruppen, unter denen sich die Truppe Gargiulo durch hübsche Tänzerinnen, kleidsame Kostüme, gute Musiker und Sänger und durch ein reichhaltiges Programm komischer Intermezzi besonders auszeichnete. Diese Truppe war’s auch, die sich an jenem Abend in der Casa d’oro vor meinen Freunden und etwa zwanzig anderen Pensionsgästen produzierte – und die Truppe zählte fast ebenso viel Köpfe als das Publikum.

   Ihr Führer war Battista Gargiulo, ein geriebener Diplomat im Verkehr mit den Fremden. Er verstand es, die Begeisterung der Zuschauer auszumünzen und auch der filzigsten Amerikanerin, die jedem Kellner das Trinkgeld schuldig blieb, die gemalte Fotografie eines Tarantellatänzers um fünf Lire anzuhängen. Dabei war er die geborene Grandezza. Wer ihn am Abend als Maestro in seiner bunten Seidengala, mit seiner graziösen Würde und seiner klingenden Mandoline sah, konnte unmöglich in ihm den Barbier erkennen, der, schäbig gekleidet und mit schmutziger Schürze, untertags in einer Sorrentiner Fischergasse die Seife schlug und mit seinem Messer die Wangen der Matrosen kratzte.

   Seine Künstlerschar teilte sich in drei Kategorien, in die suonatori, die buffoni und die ballerini. Diese letzteren, die Tänzer, das waren vier Paare, schlank gewachsene, junge Burschen in grünen Samtjacken, rotseidenen Kniehosen, weißen Strümpfen und roten Schnallenschuhen – dazu vier junge, kohläugige Mädchen in grünen Samtmiedern mit weißen Spitzenärmeln und bunt schillernden Seidenröcken. Es war in der Tat ein reizender Anblick, wenn diese vier schmucken Paare sich im leidenschaftlichen Takt der Tarantelle bewegten, drehten und durcheinander schlangen, wobei die Tänzer zum rauschenden lang der Saiten die Kastagnetten klingen ließen, während die Tänzerinnen die farbigen Seidenschärpen schwangen. Aber schließlich war der Tanz, wenn auch die Figuren wechselten, doch immer der gleiche, und da mussten, damit die Sache nicht eintönig und langweilig wurde, die buffoni und suonatori für Abwechslung sorgen. Sie waren ähnlich gekleidet, wie die Tänzer, nur weniger reich, nicht in Samt und Seide, sondern in Tuch. Die suonatori, die Musiker – eine Klarinette, ein Kontabass, zwei Gitarren, zwei Geigen und drei Mandolinen – waren auch zugleich die Sänger. Sie begleiteten den Tanz mit ihren Chorliedern, sangen aus Respekt vor dem internationalen Geldbeutel ihres Publikums sämtliche Nationalhymnen, die Wacht am Rhein, die Marseillaise, den Yankee-doodle, das God save the Queen, bei dem sich die drei oder vier Engländerinnen, die sich gerade in der Gesellschaft befanden, immer mit gefalteten Händen von ihren Stühlen erhoben – und gaben der Reihe nach ihre Soli zum Besten: Neapolitanische Volkslieder, wie „Bella Napoli“ und „Santa Lucia“, die Sorrentiner Canzone „Dorme, Carmè“, die reizende Barcarole „Vieni al mar“, und das Lied der „Margherita“, das seit Jahren auch in Deutschland zu einem abgewerkelten Gassenhauer geworden ist.

   Ging nach zweistündigem Gesang und Tanz die Produktion zur Neige, dann traten die buffoni in Aktion, die Spaßmacher, um das kühler werdende Publikum wieder in animo und in Spendierlaune zu bringen. Den Anfang machte der „hungrige Engländer“ in groß kartiertem Mentschikoff, mit meterhohem Zylinder und einer Pappdeckelröhre als Fernrohr; er bestellt, mit starkem Sorrentiner Dialekt-Anklang, ein „biffistecco verri inglisce“ und erhält eine Platte mit Papierschnitzeln serviert, die er unter Mandolinenbegleitung in stoischer Ruhe hinunterwürgt.

   Als zweiter Jux wurde der „flinke Schuster“ gemimt. Der sitzt auf der Erde, hält einen Schuh zwischen den Knien und näht unter heiterem Gesang mit weit ausziehenden Armen. Links und rechts von ihm sitzt ein Tänzer, jeder mit einem Pantoffel bewaffnet. Wenn der Schuster beim Nähen auszieht, pufft er seine Nachbarn in den Bauch; sie versuchen ihm mit dem Pantoffel eins auf die Hand zu geben, aber er ist ihnen zu flink, sie fressen ihn nicht. Da gibt es nun unter den Zuschauern immer ein paar Fürwitzige, welche meinen, dass es kinderleicht wäre, den Schuster zu treffen. Fürs Probieren müssen sie natürlich bezahlen, denn darauf ist’s abgesehen – aber sie bekommen einen sanften Puff nach dem andern in den Magen, klopfen mit jedem Pantoffelstreich daneben und werden gehörig ausgelacht.

   Besonderer Beliebtheit erfreute sich immer der ballo di cartoccio – der „Dütentanz“. Aus Seidenpapier wird eine lange Düte gedreht, die sich der gewandeste der Tarantellatänzer rückwärts mit der Spitze unter den Gürtel steckt, so dass sie wie ein unruhiges Schwänzlein hinter ihm baumelt. Die Tänzerinnen bekommen brennende Kerzen – und während der Dütentänzer, immer auf dem gleichen Flecke stehend, im jagenden Tarantellatakte der Musik seine Mitte hin und her schwingt und auf und nieder bewegt, drängen sich lachend hinter ihm die Tänzerinnen mit ihren brennenden Kerzen und versuchen vergebens die hüpfende Düte in Brand zu stecken. Natürlich müssen auch die Damen des Publikums das Spiel probieren, und sie pflegen den Versuch mit einem Eifer zu unternehmen, der einer besseren Sache würdig wäre. Ich konnte die Beobachtung machen, dass namentlich die Amerikanerinnen ganz versessen darauf waren, die gaukelnde Düte in Feuer zu bringen. Und manch eine junge Engländerin, die zuerst für dieses Spiel ein hoheitsvolles shoking hatte, war schließlich, durch den Misserfolg der anderen gereizt, wie närrisch hinter dem schmucken Tänzer her. Zu solch einer Übereifrigen, die sich Hände und Kleid erfolglos mit Stearin betropft hatte, hörte ich eines Abends den Maestro Battista Gargiulo mit philosophischer Ruhe sagen: „Vè, signorina! È come l’amore … da geht’s, wie mit der Liebe. Ein Herz, das nicht brennen will, lässt sich mit Gewalt nicht anzünden!“

   Die pièce de résistance unter all diesen „spassetti“ war immer die „Maccaroni-Nummer“ – eine Produktion, die nicht sonderlich appetitlich anzusehen war, aber Zwerchfell-erschütternd zu wirken pflegte. Der „Künstler“ – er führte den Titel: maccheronista – nahm vor einem gedeckten Tischlein Platz und bekam eine riesige Schüssel voll dampfender Maccaroni vorgesetzt. Die Tänzer und Tänzerinnen wurden mit Gabeln ausgerüstet, und unter einem drolligen Chorlied, zwischen dessen Zeilen sich der Refrain „Maccherò, maccherò“ mit Trillern und Cadenzen einschob, tanzten sie im Kreis um den Tisch herum. Wer an der Schüssel vorüber kam, stach mit der Gabel eine Ladung Maccaroni heraus und hielt sie, am „Künstler“ vorbeitanzend, über den offenen Mund des maccheronista, welcher schnappen und schlucken musste, so lange, bis die Schüssel geleert war.

   Jede Truppe führte bei ihrer Produktion vor dem Kehraus der letzten Tarantella dieses Spiel auf. Aber gerade die Truppe Gargiulo konnte sich rühmen, für die Maccaroni-Nummer einen ganz einzigen „Künstler“, ein wahres Fressgenie entdeckt zu haben. Dieser berühmte Maccaronista brachte es an einem Abend – das hab’ ich mehrmals mit eigenen Augen gesehen – in der Vertilgung der weißen, dampfenden spagetti bis auf fünf Kilo und darüber. Wenn die riesige Schüssel vor ihm aufgepflanzt wurde, dieser qualmende Maccaroniberg, bemächtigte sich der Zuschauer unter Halloh und Gelächter immer eine fieberhafte Aufregung. „Das ist unmöglich! Das kann er nicht!“ Die Amerikaner und Engländer legten Wetten auf ihn, wie auf ein favorisiertes Derbypferd. Und immer gewann er, spielend – „wie er wollte“, sagt ein Terminus der Rennbahn. Und man hätt’ es ihm eigentlich seiner Gestalt nach gar nicht angesehen, welch starke Wunderkräfte in seinem Magen wirkten. Freilich hungerte er den ganzen Tag, um am Abend, wie er zu sagen pflegte, „klaren Kopf“ zu haben.

   Es war ein junger, etwa dreiundzwanzigjähriger Bursch von sizilianischer Abkunft, mit Namen Mommino Limòli, wohl grob gebaut, aber hager aufgeschossen, fast nur Knochen und Sehnen. Das Gesicht war nicht hübsch, die Backenknochen traten zu weit hervor, und seine Haut spielte ins Gelbbraune wie eine dürre Olive. Und doch war es freundlich anzusehen; bei all dem energisch trotzigen Schnitt des Mundes spielte um die Lippen ein kindlich gutmütiger Zug, und die großen schwarzen Augen hatten helles Feuer. Trotz seiner groben Knochen hatte er auffallend kleine Hände und Füße, ein Zeichen alter und edler Rasse. Wer weiß – seine Eltern waren in der Nähe von Taormina zu Haus – vielleicht rollte hellenisches Blut in seinen Adern. Als Kind schon war er mit seiner Mutter nach Sant’ Agnello gekommen, war ganz Sorrentiner geworden und hatte von seiner heimischen Sprache nur den Namen und die Vorliebe behalten, in Sprichwörtern zu reden. In seinem bürgerlichen Beruf, untertags, war er Maurergeselle. Als solchen hatt’ ich ihn kennen gelernt, noch bevor ich seine Künste als Maccaronista bestaunen konnte. Im Herbst war das Haus, in dem ich wohnte, ausgebessert und getüncht worden – und da war er mit bei der Arbeit. Er fiel mir auf durch seinen Fleiß und durch die Unermüdlichkeit, mit der er vom Morgen bis zum Abend ein Ritornell um das andere sang. Für ihn schien das Singen zu sein, was für andere Menschen das Atmen ist – sie können’s nicht lassen, und wenn sie das versuchen wollen, tut’s ihnen weh, und wenn sie’s gelernt haben, sind sie gestorben.

   Armer Mommino! Es sollte für ihn eine Zeit kommen, in der ihm die Lust am Singen verging, eine Zeit, in der ihm sogar die Maccaroni nicht mehr schmecken wollten. Und da hatte er – ich will sein eigenes Wort gebrauchen: Ein gestorbenes Herz im Leib.

   An jenem Abend aber, in der Casa d’oro, war er noch gesund und vergnügt wie eine Maus in der Speisekammer, leistete als Maccaronista ganz erstaunliches und erntete lachenden Beifall, für den er sich mit stolzem Künstlerlächeln bedankte. Er war an diesem Abend in der ganzen Truppe der einzige, der nicht nur die Zuschauer, sondern auch sich selbst aufs beste amüsierte und nicht berührt von der seltsamen Verstimmung schien, die ich an der übrigen Künstlerschar zu beobachten meinte. Vor dem Publikum beherrschten sie sich freilich, und ihre Produktionen verliefen glatt wie am Schnürchen. Aber draußen im „Künstlerzimmer“ ging’s lebhafter zu als sonst, in den Pausen hörte man erregte und zankende Stimmen, und wenn die Tänzer zur Tarantella antraten, zischelten drei Paare miteinander, während ein Paar stumm war, rote Gesichter hatte und finstere Augen machte. Das war von allen Paaren das hübscheste: Cesco Magliana, der Vortänzer, und Cirmena Lupi, die Tochter eines Sorrentiner Steinschleifers, eine bildschöne Person von achtzehn Jahren, welche in der Truppe Gargiulo die anerkannte prima ballerina war, die Zuschauer mehr durch ihre schmucke Larve als durch Kunst und Feuer ihres Tanzes begeisterte und diesen persönlichen Erfolg auch praktisch ausnützte, indem sie ihre gemalten Fotografien für zehn Lire das Stück verkaufte.

   Ich wusste, dass die beiden als verlobt galten. Das macht sich so in der „Kunst“: Auf dem Theater verliebt sich der Held in die Heldin, der Naturbursche in die Naive – warum sollten sich bei der Tarantella neben den Händen nicht auch die Herzens finden? Maestro Gargiulo, der als Impresario der Tarantella über eine zwanzigjährige Erfahrung verfügte, hatte mir gegenüber in vertraulichen Gesprächen schon des Öfteren über die „Liebe“ gejammert, über diese „boshafte Erfindung des Teufels“, die ihm schon ein dutzend Paare verdorben hätte, und immer die besten. „Sind sie verliebt, natürlich, so tanzen sie nicht mehr für’s Publikum, sondern für sich selber. Dann ist’s keine Kunst mehr, sondern Natur – und das wirkt nicht so, wie es soll. Da machen sie Dummheiten und denken nicht mehr ans Geschäft.“

   Über Cesco Magliana und Cirmena Lupi aber, obwohl sie verlobt waren, hatte Maestro Gargiulo bisher keine Klage geführt. Und ich hatte auch nie beobachten können, dass sie „Dummheiten“ machten. Sie schienen sich das für ihre Mußestunden aufzusparen und betrachteten die Tarantella und ihre Wirkung auf die Fremden als einträgliches Geschäft. Cesco freute sich als praktische Natur über die Erfolge seiner schönen Braut, war frei von jeder eifersüchtigen Regung und machte sogar seine „sposa“ auf jeden Begeisterten aufmerksam. Ich hab’ es öfters hören können, wie er ihr zuflüsterte: „Schau den dort an! Der frisst Dich fast mit den Augen!“ – und das sollte heißen: „Geh und rupf ihn!“

   Was konnte man den praktischen Herzensfrieden dieser beiden gestört haben? Was war da geschehen? Denn dass die Erregung und das Gezischel der anderen sich um dieses Paar drehte, war deutlich zu merken – nicht nur an den Blicken, die ihm galten, auch an seinem eigenen Benehmen und Aussehen. Cirmena schien in Zorn zu schmollen, und ihrem Bräutigam brannte die Wut in Gesicht und Augen. Dazu kam noch ein bedenkliches Zeichen: Wenn Cirmena sonst den Zuschauern ihre Fotografien zum Verkauf herumreichte, war Cesco immer als Kassier an ihrer Seite – an jenem Abend aber ließ er sie allein und setzte sich im Künstlerzimmer zur Flasche, während Cirmena mit ihrer retouchierten Schönheit hausieren ging.

   Als Mommino, dieser einzig Ruhige inmitten all der schlecht vertuschelten Erregung, mit der vergnügten Behaglichkeit des selbstbewussten Talentes die letzte Gabel voll spagetti unter einem Tusch der Mandolinen und Gitarren gespeist und seinen Beifall geerntet hatte, nahm ich, ehe die letzte Tarantella begann, den Masestro beiseite und fragte ihn: „He, Gargiulo, was ist denn los mit dem Cesco und der Cirmena?“

   Er sah mich mit unschuldiger Verblüffung an. „Mit dem Cesco und der Cirmena? Was soll denn los sein mit ihnen? Nichts, Herr, nichts! Gott bewahre!“

   „Aber! Maestro! Ich hab’ Euch immer als einen Mann von Wahrheit geschätzt. Und jetzt wollt ihr gegen meine guten Augen und Ohren zeugen und aus der Wahrheit ein Geschäftsgeheimnis machen. Seid ehrlich, wie sich’s unter alten Freunden geziemt … was haben die beiden?“

   „Was sollen sie haben? Wie soll ich das wissen? Verliebtes Volk! Ecco! Das hat immer seine eigene Küche und lässt keinen anderen in die Töpfe gucken.“

   Lachend strich er mit dem Schildplatt über die Saiten der Mandoline, um das Zeichen zum Beginn der letzten Tarantella zu geben. In jagendem Tempo fielen die suonatori mit ihren Instrumenten und ihren Stimmen ein, und die vier Paare traten im Laufschritt an, mit wehenden Schärpen und rasselnden Kastagnetten. Ich wollte das erbitterte Liebespaar im Auge behalten, um aus den Meinen zu lesen. Aber bei diesem tollen Wirbel von Köpfen, Armen und Farben war das unmöglich. Doch als der Tanz mit einer malerischen Pose schloss, gab’s eine kleine Unruh in der Gruppe, und ich hörte einen Aufschrei, den der laute Beifall nicht völlig ersticken konnte. Cirmena hatte Tränen in den Zorn blitzenden Augen und rieb sich in Schmerz die Hand, als hätte ihr Cesco die Finger halb zerquetscht. Mit höhnischem Lächeln zuckte er die Achseln zu dem Schimpfwort, das sie ihm zurief, und drehte ihr den Rücken, um das Künstlerzimmer aufzusuchen, in dem für die Truppe der Tisch gedeckt war – auch für Mommino, der sich nach der Arbeit seine Gratismahlzeit immer in Ruche schmecken ließ.

   Die Zuschauer hatten sich erhoben, die einen standen in plaudernden Gruppen, die anderen kehrten aus dem großen Korridor, in dem die Vorstellung stattgefunden hatte, ins Lesezimmer oder in den Speisesaal zurück.

   Meine Freunde, die den Süden und die Tarantella zum ersten Mal gesehen, hatten einen gelinden Begeisterungsschwips und einen gründlichen Mangel an Schlaf. In später Nachtstunde, als alle übrigen Pensionsgäste schon in ihre Zimmer verschwunden waren, saßen wir fröhlich noch bei einem guten Tropfen, den der heiße Boden des Vesuv gezeitigt hatte. Da gab es draußen im Korridor einen lärmenden Auftritt, der uns zur Türe lockte.

   Ein Zank dort unten im Süden, und Weiber dabei! Wer das nicht selbst gehört hat, der kann sich nicht vorstellen, wie da die Stimmen durcheinander kreischen. Es vermag auch keine Schilderung diese Vorstellung zu vermitteln – oder es müsste jeder Buchstabe Ohr betäubendes Geschrei sein.

   Ein Knäuel erregter Menschen umdrängte den Eingang des Künstlerzimmers. Maestro, Musiker und Tänzer im Verein mit allen Pensionsbediensteten suchten das zankende Brautpaar zu beschwichtigen, und dabei schrieen sie noch mehr als die sposa und ihr sposo. Nur Mommino stand mit der Ruhe einer gesättigten Seele abseits, schälte sich zum Dessert eine Orange und blickte lachend auf die Streitenden, deren Lärm mit jeder Sekunde wuchs. Je mehr die Friedensstifter durcheinander kreischten, desto heißer entbrannte der Zorn des zankenden Paares. Ich verstand nur, dass sich der Streit um einen Ring drehte – anello, anello, dieses Wort tauchte aus dem Stimmgewirr immer wieder auf, wie ein sicherer Schwimmer aus der Brandung – für alles drum und dran aber, das da in der derbsten Sprache der Fischergasse behandelt wurde, wollte meine Kenntnis des Sorrentiner Dialektes nicht mehr ausreichen.

   Es schien bereits, als möchte sich die aufgeregte Szene beruhigen. Doch jählings kam es zu einer Katastrophe. Cesco schrie seiner Braut ein Wort zu, das sich in keinem italienischen Lexikon finden dürfte – und da schlug sie ihn ins Gesicht und flüchtete zur Tür des Korridors. Unter dem Geschrei der anderen wollte ihr Cesco nachstürzen. Aber nun legte sich Mommino ins Mittel. Er schob die Orange in den Mund, und während er gemütlich kaute, umschlang er mit seinen eisernen Armen den wütenden Bräutigam und bugsierte ihn unter dem Applaus der Corona ins Künstlerzimmer.

   Bleich und mit zerrauften Haaren, wie eine ins Volkstümliche übersetzte Cassandra, stand Cirmena bei der Flurtüre, und wenn sie auch nicht den Untergang von Sorrent verkündete, so drohte sie doch: „Ihr werdet was erleben! Ihr! Mich seht ihr so bald nicht wieder bei Eurem Betteltanz! Ich weiß mir was besseres, ich!“ Schrie es und stürmte davon.

   In höchster Aufregung folgte ihr Maestro Gargiulo, um nach einer Weile allein zurückzukehren.

   Da rief ich ihm lachend zu: „Na also, Maestro? Haben die beiden was miteinander, oder nicht? Mir scheint, die haben in ihrer Liebesküche was ausgekocht, was bitter für Euch zu essen sein wird. Ich fürchte, sie versalzen Euch die Tarantella.“

   Er seufzte und zuckte die Achseln. „Wenn ich das Paar verliere, muss ich mir eben ein anderes suchen. Niemand in der Welt ist unersetzlich. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das erfahre.“ Und während er zum Künstlerzimmer ging, in dem es schon ruhig wurde, brummte er noch: „Hol doch der Teufel die Liebe! Immer richtet sie Dummheiten an in der Welt!“ –

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