Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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2.

   In der zweiten Januarwoche war’s. Ein Tag, so schön, so blau, so sonnig und milde, wie bei uns im Norden kein Tag im besten Frühling sein kann, auch wenn der Himmel alles gibt, was er zu geben hat.

   Nach der Mahlzeit hatte ich auf meinem Balkon in Hemdärmeln den Kaffee genommen und meine Zigarette beim Duft der Rosen geschmaucht, die in bunter Fülle um die Säulen kletterten. Das war eine Pikanterie, die ich als guter Bayer mit besonderem Behagen genoss: Mitten im Januar hemdärmelig im Freien!

   Dann der gewohnte Spaziergang: Zuerst nach Sorrent zu einer Billardpartie im Hôtel Bellavista und durch die Vignen wieder zurück nach Sant’ Agnello. Das war ein Weg, den ich jeden Tag mit neuer Freude ging – besonders, seit ich Ruhe hatte vor den Bettlern, die mich in den ersten Wochen fast zur Verzweiflung brachten mit ihrer Zudringlichkeit und ihrem kreischenden „Piccola monèt, sinorrr, piccola monèt!“ Jeder Fremde lernt ihn zwischen Neapel und Salerno zum Überdruss kennen, diesen stereotypen Ruf der Bettler, die um „kleine Münze“ flehen. Nur selten findet sich unter diesen Aufdringlichen und gefälschten Krüppeln ein wirklich Bedürftiger, dem Not und Leiden aus den Augen reden. Man wird von Weibern angebettelt, welche schwere Goldringe in den Ohren und echte Silbernadeln im Haar tragen. Aber das ist nicht Mangel an Stolz, nicht Schamlosigkeit, wie der Fremde in seinem Ärger meint, sondern eine Art von Sport, der seine Freude darin findet, den blöden Fremden zu übertölpeln und sein hilfloses Mitleid auszumünzen. Denn niemals wird ein Einheimischer angebettelt. Und als ich nur erst die dritte Woche in Sorrent war, hatte auch ich vor dem zudringlichen Volk meine Ruhe. Und für jene, die mir in einer verlorenen Vignengasse zum ersten Mal begegneten und mich noch für einen Forestiere, für einen „Fremden“ nahmen, hatte ich das erlösende Zauberwort in Bereitschaft:

   „Vavaten’!“

   Das ist Sorrentiner Dialekt für Vattene! – Mach’, dass Du weiter kommst!

   Die Wirkung dieses Wortes war immer eine sichere – und es hatte einen drolligen Reiz, diese Wirkung zu beobachten. Da zog auch der geriebenste Gewohnheitsbettler erschrocken die schmutzige Hand zurück und stotterte, während der verkrüppelte Arm oder das lahme Bein plötzlich wie durch ein Wunder geheilt erschien, ein gutmütiges Scusi, sinorrr! Und deutlich stand es auf seinem verdutzten Gesicht zu lesen, dass er sich dachte: Diesmal hab’ ich mich getäuscht und bin an den Unrechten gekommen – der kennt den Schwindel! –

   Als ich an jenem Abend über die ummauerten Gärten emporgestiegen war, bis ich freien Ausblick fand, wollte hinter Ischia schon die Sonne nieder tauchen ins Meer.

   Eine Weile saß ich zwischen silberlaubigen Ölbäumen und schwertblättrigen Agaven, und während von einem nahen Bauernhäuschen der unermüdliche Schlag einer geblendeten Lockwachtel tönte, tranken meine Blicke all die leuchtende Schönheit, die mir zu Füßen ausgegossen lag. Alle Baumwipfel, alle Mauern und Dächer von Sorrent, alle Klippen und Felsgebilde des Ufers waren von rotem Goldglanz überfunkelt, von dem ein purpurner Schimmer auch noch hinüber floss in die tiefsten Schatten. Das blaue Meer, von leichtem Ostwind sanft gekräuselt, war übersät mit blitzenden Reflexen, die gleitenden Barken schienen rote Segel zu tragen, und drüben in Neapel und Resina glühten im Widerschein der sterbenden Sonne die tausend Fenster, als wäre Feuer in allen Häusern ausgebrochen.

   Aus meinem stillen Schauen weckte mich der Klang einer dünnen, zirpenden Mädchenstimme. Sie sang ein Volkslied, das ich kannte:

„Comm auciello sulo e carcerato;
Comm a nu juorno friddo e senza sole;
I passo ’a vita mia ntussecato …
Aspetto ’a morte, pe nu cchiù patî.“

   Eine kreischende Weiberstimme fuhr dazwischen und machte den Gesang verstummen. Nur halb verstand ich den Schwall dieser ärgerlichen Schimpfworte, aber so viel begriff ich doch, dass die kleine Sängerin recht gröblich ausgescholten wurde, weil sie Rosen pflückte und träumend zwitscherte, statt Maiskörner für den Polentakuchen zu mahlen.

   Die Stimmen klangen aus einem nahen Garten, über dessen Ölbaumwipfel ein paar rauchgeschwärzte Mauern ihr brüchiges Kuppeldach hinaushoben.

   Nun schwieg das Gezänk; nur den Schlag er blinden Wachtel hörte ich noch, und manchmal das Klirren des Eisenklöppels im steinernen Mörser.

   Während ich noch immer hinüberlauschte, suchte ich – ohne recht zu wissen, dass ich es tat – für das kleine schwermütige Liedchen die deutschen Worte:

„Gleichwie das Vöglein, das im Käfig weint
An kaltem Tag, dem nimmer Sonne scheint,
So leb’ ich! Ach, vergiftet ist mein Brot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!

Ich bin das Röslein, as im Lenz erfror,
Im Meer das Schifflein, das den Weg verlor,
Bleich ist mein Leben und wird nimmer rot…
Lass mich nicht leiden mehr, o komm doch, Tod!“

   Ob das Kind wohl bedacht und verstanden hatte, was es sang? Nein! Sein Stimmchen hatte so heiter geklungen, so lebensfroh, so sorglos zwitschernd!

   Ich musste lächeln. Mir kam die Erinnerung an die eigene Kinderzeit. Wenn ich da so recht von Herzen froh und glückselig war, dann warf ich mich in das linde Gras am Waldsaum oder in den Veilchenduft einer Hecke und sang mit aller Inbrunst meiner jungen Seele in den Sonnenschein hinaus:

   „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ Das ist auch eines von den alten Rätseln der törichten Menschenseele: Dass sie eine schöne Freude in Ruhe nicht ausgenießen mag, sondern den Drang empfindet, den reinen Quell ihres Glückes mit eigener Hand zu trüben, jede helle Stimmung mit zielloser Schwermut zu umschleiern. –

   Eine Weile noch blieb ich sitzen. Die Sonne war hinunter gegangen, und tiefes Blau lag über Meer und Ufer gegossen. Nur drüben der Vesuv und seine Rauchpinie war noch rötlich angeflogen, der lange Bergzug des Mont’ Angelo stand in Purpur getaucht, und die höheren Lüfte strahlten in gelbem Feuer.

   Als ich der Mauergasse zuschritt, die aus den offenen Vignen hinunterführte gegen das Meer, musterte ich den Garten, in dem das Häuschen der kleinen Sängerin stand. Freilich, eine armselige Hütte – die Fenster nur Mauerlöcher. Aber der Garten mit seinen hundert Ölbäumen musste eine gute Ernte geben und konnte eine Familie wohl ernähren. Und zwischen dem Silberlaub der Ölbaumkronen schoben zahlreiche und gut gepflegte Feigenstämme ihre widersinnig geformten Zweige hervor. Auch eine Doppelreihe grüner, mit Früchten behangener Orangenbäume war zu sehen, durch Strohmatten gegen die kalte Tramontana geschützt. Nein, hier war keine Not zu Hause. Denn wie im Süden die Menschen wohnen, das ist kein Maßstab für das Elend oder den Wohlstand ihres Lebens. Wir im Norden, wir leben zwischen unseren Mauern und treten hinaus, wenn ab und zu einmal die Sonne lächelt. Im Süden lebt man unter dem blauen Himmel und flüchtet sich nur manchmal unter Dach, wenn Nacht und Regen dazu zwingen – und für die paar Stunden im Jahr verlohnt sich’s nicht, ein Heim behaglich zu gestalten. So sagen sie zur Entschuldigung des Schmutzes, in dem sie ihre Struwwelköpfe zur Ruhe legen. Ich habe in Sorrent vermögliche Leute kennen gelernt, welche seidene Wäsche und Lackschuhe trugen – aber sie wohnten, wie bei uns nicht der ärmste Taglöhner wohnen möchte. –

   An die Agavenhecke des Gartens schloss sich eine halb zerfallene Mauer an. Nun kam das Tor, und ich konnte das Häuschen frei überblicken. Es war anzusehen wie ein großer, mit etwas Fantasie gebauter Backofen, der aber schon zur Ruine geworden. Eine Seite des Hauses lag völlig eingestürzt, doch um die Trümmer her blühten in dicken Büscheln die Narzissen. Und gelbe Rosen kletterten vor der geschwärzten Haustür über die Rebenlaube, zu der eine steinerne Treppe hinaufführte. Auf diesen Stufen, mir den Rücken kehrend, saß ein junges Mädchen, halb noch Kind, und schwang im Steinmörser mit aller Kraft der hageren Ärmchen den eisernen Klöppel auf und nieder.

   Es war die Sängerin. Ich hörte, wie sie im Takt der Klöppelstöße ganz leise die zweite Strophe jenes Liedchens summte:

„Comm a na primmanvera senza rose,
Comm a na varca sperza mmiezo o mare:
’Sta vita mia è priva ’e tante cose…
Aspetto ’a morte, pe nu cchiù patî.“

   Hatte sie ein paar feste Stöße mit dem Klöppel getan, so beugte sie den schwarzen Zauskopf über den Mörser, um die Spreu der Maiskörner aus dem Mehl zu blasen.

   Ich schritt am Tor vorüber. Und da hörte ich noch, wie jene kreischende Weiberstimme aus dem schwarzen Stubenloch heraus dem Mädchen zurief: „He! Du blinde Wachtel! Siehst Du denn nicht? Ein Fremder! Dazu noch ein blonder! Das ist einer von den ganz Dummen! Pack ihn, mein Honigsüßchen, und reiß ihm ein paar Soldi aus dem Sack! Sag ihm, dass ich sterbe … dann gibt er!“

   Sieh mal an, dachte ich lachend, bei dieser weisen Mutter scheint das deutsche Blond in bedenklicher Achtung zu stehen. Aber diesmal soll sie sich getäuscht haben.

   Da hörte ich schon auf dem Pflaster hinter mir das flinke leise Tappen der nackten Füßchen. Und nun klang es, zudringlich und ängstlich zugleich:

   „Piccola monèt, sinorrr! Piccola monèt! Pe l’amorrr di Dio, sinorrr mio! Piccola monèt!“

   Und ein schmales, schmutziges Händchen, von Maismehl überstäubt, fuhr mir bis unters Kinn herauf.

   Unwillig schob ich mit den Ellbogen das nackte Ärmchen beiseite und wandte mich. Aber mein „Vavaten!“, blieb mir auf der Zunge.

   Später hab’ ich mich oft gefragt, was mich an diesem spitzigen, hageren Gesichtchen beim ersten Blick so seltsam fesselte. Schlank aufgeschossen stand sie vor mir, mager wie ein Binselstengel – und mit dem schwarzen Zauskopf überragte sie fast meine Schulter. Wie alt sie wohl sein mochte? Fünfzehn Jahre. Vielleicht ein paar Monate drüber. Dass sie hübsch war, hab’ ich bei diesem ersten Blick wahrhaftig nicht gesehen. Dazu war sie aber auch wirklich gar zu – ungewaschen, um das mildeste Wort zu brauchen. Ihr Hemdlein, von dessen Ärmeln als üble Reste nur noch ein paar Fransen über die Schultern hingen, war grau und mürb – das Röcklein, das ihr kaum über die Knie reichte, nur ein hängender Fetzen. Aber so wenig appetitlich sie zu betrachten war – aus diesem gespitzten Mausgesichtchen redete doch etwas, das meinen Ärger über die freche Bettelei beschwichtigte. War es das feucht und müd verschleierte Feuer dieser großen, kohlschwarzen Augen? Oder der klagende Zug, den ich um das bittere Mäulchen geschnitten sah? Oder die Wahrnehmung, dass sie geweint hatte? Denn durch den Schmutz der Wangen zogen sich zwei rosige Tränengassen bis auf die Lippen nieder.

   Sie hielt noch immer das Händchen gestreckt, dabei ein dutzend Mal ihr „Piccola monèt!“ herunterplappernd.

   „Ja? So? Wirklich? Du Schmutzfink, Du ungewaschener?“, fuhr ich sie an, noch halb im Ton des Ärgers. „Ein paar Soldi willst Du mir aus dem Sack reißen? Ja? Glaubst wohl, ich bin einer von den dummen Fremden? Ja?“

   Erschrocken zog sie das Händchen zurück, als wäre Feuer auf ihre Finger gefallen. Und vor Überraschung und Verlegenheit wurde sie – nicht rot, nein – sie wurde braun unter dem Schmutz der Wangen. Und wie sie mich anstarrte! Sie hatte wohl alles andere eher erwartet, als ihre eigene Sprache zu hören.

   Das drollige Bild dieser Verblüffung beschwichtigte völlig meinen Unwillen. Und ich fragte: „Na also, sag mal, wie heißt Du denn?“

   Noch immer hing sie mit ihren großen, verdutzten Augen an meinen Lippen und schien selbst nicht zu wissen, dass sie Antwort gab:

   „Nannina Fiorello.“

   Fiorello – das bedeutet Blümchen. Und ich musste lächeln. Denn wirklich – nun sah ich es – in dieser grauen Hülle steckte etwas Blumenhaftes, etwas lieblich Knospendes und rührend Zartes. Wie sich unter dem schmutzigen Hemdchen das junge Brüstlein zitternd straffte! Und dieses Haar! Das sah sich nicht an wie ein verwüsteter Kinderschopf – das war der üppige Schmuck des erblühenden Weibes. Freilich, eine Frisur, als hätten die Fledermäuse drin genistet. Aber so dick auch der Mehlstaub auf dieser Schwärze lag, sie schimmerte in der Sonne noch immer wie blauer Stahl.

   „Nannina Fiorello?“, wiederholte ich. „Und einen Soldo willst Du haben? Ja? Oder kann’s auch eine halbe Lira sein?“

   Sie lächelte ein wenig, streckte das Händchen und sagte schlicht und rührend: „Nicht für mich … für meine Mutter.“

   War das echt? Oder hatte sie den wirksamen Bettelton so gut in der Übung? Geborene Schauspielerinnen sind sie ja alle, dort unten.

   „Für die Mutter? So? Und die liegt im Sterben? Ja?“

   Sie schüttelte das Köpfchen und zog die Stirn zusammen, dass sich die Brauen wie zwei schwarze Fragezeichen über die Nasenwurzel schwangen. „Die guten Heiligen, hoff’ ich, schenken ihr noch ein langes Leben. Aber krank ist die Mutter. Ja, Herr, das ist wahr! Krank ist sie! … Und lange schon.“ Das sagte sie ruhig und gleichmütig; aber aus den letzten Worten zitterte doch ein Ton, weh und leise, wie ich ihn zuvor aus ihrer Stimme nicht gehört hatte.

   Hätt’ ich nicht verstanden, was ihr die Mutter zugerufen hatte – ich würde diesem Ton geglaubt haben. Aber nun reizte es mich, zu wissen, ob hier die landläufige Bettlerlüge vor mir stand, oder wirkliche Not. Ich klimperte mit dem Geld in meiner Tasche und sagte:

   „Hörst Du? Da sind Schwalben im Nest. Und Du sollst eine ganze Lira haben … aber Deine Mutter soll kommen und soll sie holen.“

   Der Blitz, der bei dem Wörtchen Lira in Nanninas Augen aufgeleuchtet hatte, erlosch. „Èh, sinorrr …“, sie hob die schmalen Schulterchen bis zu den Ohren hinauf, und es zuckte bitter um ihr Mäulchen, „die Mutter ist doch krank! Wie soll sie denn kommen?“

   „So schlimm wird’s nicht sein, rufe sie nur!“

   Wieder das gleiche Schulterspiel, das gleiche Zucken um die Lippen. Aber keine Antwort. Erst sah sie mich noch von der Seite an, dann ging sie langsam und widerwillig – wie man den törichten Wunsch eines Kindes erfüllt – auf das Tor zu und rief mit schrillem Stimmchen gegen das Haus: „Mamma! Eine Lira will er geben, aber er sagt, er gibt sie nicht, wenn Du sie nicht selber holst.“

   Ich hörte aus dem Haus ein Schimpfwort, das in einem Seufzer zu erlöschen schien. Dann war Stille. Kein Schritt im Hof.

   Nannina drehte das Gesichtchen über die Schulter und sah mich an.

   „Ecco!“

   Wie sie es sagte, dieses „Na also!“ – das war ein Laut, der mir das Blut ins Gesicht trieb. Ich fühlte: Ich war in meinem Misstrauen zu weit gegangen und hatte ihr wehgetan.

   „Komm her, Nannina!“

   Es zitterte wie ein Krampf über ihr spitziges Mausgesichtchen, als sie mich in die Tasche greifen sah. Und wie sie die Lira, kaum dass ich das Geldstück noch recht hervorgezogen hatte, mit ihren grauen, mageren Fingerchen haschte – so schlägt der Falk einen Sperling! Heiß atmend stotterte sie „tausend Dank“, schnatterte noch ein paar verwickelte Segenswünsche herunter, in denen es wimmelte von guten Heiligen, und wollte davonrennen.

   Aber ich rief sie zurück.

   Zögernd und misstrauisch kam sie.

   „Sag mir, Nannina, was fehlt Deiner Mutter?“

   Die mir unklare Sorge, die mein Ruf in ihr erweckt haben mochte, schien bei dieser Frage wieder von ihr zu weichen. Aufatmend strich sie mit der Faust, welche die Lira umklammert hielt, die schwarzen Haarzotten aus dem Gesicht und sagte: „Sie hat gestorbene Füße, Herr!“

   „È paralitica … sie ist gelähmt?“

   Da nickte sie mit eifriger Wichtigkeit. „Sissì, sinorrr! Paralitica! Ja, das ist das Wort. Das hat der Doktor immer gesagt! Ja, Herr, das ist das Wort! Paralitica!“ Das wiederholte sie noch ein paar Mal, mit einer Art von Andacht, als gäb’ es in aller Sprache kein Wort mehr, so schön und heilig wie dieses! „Paralitica!“ Und dabei sah sie an mir hinauf, als könnte sie sich vor Staunen gar nicht fassen darüber, dass ich, ein gewöhnlicher Sterblicher, das Wort des Doktors kannte. Aber sie suchte auch gleich die Lösung dieses Rätsels – mit der erregten Frage: „Seid ihr ein Doktor? Ja? Seid ihr?“ Und mit zitternden Händchen griff sie nach meinem Rock, als möchte sie mich zu ihrer Mutter schleppen.

   Hätte dieses Kind mir mit tausend Eiden geschworen: Herr, ich liebe meine Mutter – ich hätte diesen tausend Eiden nicht so viel geglaubt, wie diesem zitternden Griff nach meinem Ärmel.

   „Ein Doktor? Ich? Nein, Nannina! Doch ich wollte, ich wär’ einer … einer, der helfen könnte!“ Ich strich ihr mit der Hand über das wirr verfilzte Haar – und sah nicht mehr, dass sie schmutzig war. „Aber sag mir … mit Deiner armen Mutter … wie ist das gekommen?“

   Da machte sie wieder ihr bitteres Mäulchen, hob die Schultern und sagte ruhig: „Èh! Wie ein Unglück immer kommt … so dumm, Herr, dass es keiner versteht. Drunten am Hafen, beim Orangentragen, mit einem schweren Korb auf dem Kopf … da ist sie auf dem Barkensteg ausgeglitten. Und so dumm ist sie gefallen, Herr, mit dem Rücken gerade auf die Brettkante. Und seit damals …“ Sie beschrieb mit den Fäusten einen Kreis um die Hüften, „seit damals ist sie von hier an bis zu den Zehen hinunter wie gestorben. Ganz tot ist sie an den Beinen, ganz para … palera … wie heißt das Wort, Herr?“

   „Paralitica.“

   „Ecco! Paralitica!“

   Ich sah sie eine Weile schweigend an, während sie vor mir stand, das graue Händchen um die Lira krampfte und durch einen halb geöffneten Finger in die Schatzhöhle hineinguckte, als wäre eine sumsende Fliege drin, die ihr entwischen könnte. Dann schaute sie zu mir auf, und während ihr die Freude über das Geldstück in den Augen blitzte, sagte sie mit müdem Gewohnheitston, als ob sie von fremden Jammer spräche:

   „Nicht wahr, Herr … solch ein Unglück!“

   „Ja, Kind, das ist ein bitteres Unglück für Deine Mutter und für Dich. Aber sag mir … ist das Euer Haus? Euer Garten?“

   Sie lachte, als hätt’ ich was Dummes gefragt. „Wenn das unser Garten wäre! Aaah!“ Mit dem spitzen roten Zünglein fuhr sie sich über die Lippen, als wäre von einem Leckerbissen die Rede. „Der gehört doch dem Padrone. Wir wohnen nur da, weil er wen haben muss, der die Vögel verjagt, wenn er nicht Zeit hat, sie zu schießen. Jetzt hab’ ich wenig Arbeit, jetzt. An den Orangen und Oliven machen sie keinen Schaden. Aber wenn die Kirschen kommen, die Feigen und Trauben! Dann! Uuh! Dann heißt’s lauen und schreien, den ganzen Tag.“ Das sagte sie mit jenem wichtigen Ernst, mit dem ein großer Kaufmann von seinen Geschäften redet. „Laufen und schreien, ja, das kann ich. Da ist von Früh bis Nacht kein Vogel im Garten. Wenn ein Schwarm in die Reben einfällt, dann schrei ich so…“

   Sie stieß einen lang gezogenen Schrei aus, so hoch und schrill, dass mir der Laut wie mit Dolchspitzen in die Ohren fuhr.

   „Da fliegen sie gleich davon.“

   „Ja, das glaub’ ich. Wenn ich so schreien hören müsste, ließ ich die Trauben auch in Ruhe und möchte mich davonmachen.“

   „Ecco!“ Sie lachte. „Und weil ich das kann, so gut, drum haben wir das Haus umsonst.“

   „Und Dein Vater? Der arbeitet wohl auswärts?“

   „Wer?“ Sie machte große Augen.

   „Dein Vater!“

   Wie sie mich ansah! Nicht sie wurde verlegen, sondern ich. Da wusst’ ich genug von ihrem Vater – und fast erschrocken fragte ich: „Aber Kind … Deine Mutter krank, und Du … wovon lebt Ihr denn?“

   „Èh!“ Sie hob die Schultern bis zu den Ohren hinauf. Langsam öffnete sie das schmutzige Händchen, hielt mir die Lira unter die Nase, und während ein müdes Lächeln um ihre Lippen huschte, sagte sie mit ruhigem Ernst: „Das reicht für eine Woche. Wenn man nichts hat, wovon soll man leben? Èh! Man streichelt den Maissack des Padrone und isst das Herz der guten Menschen. Das hat mürbes Fleisch für hungrige Zähne. Ecco!“ Sie hob die Lira noch ein wenig höher und schloss die grauen Finger wieder. Dann ließ sie das magere Ärmchen sinken und nickte.

   So erschüttert, und dennoch lächelnd, hatte die Armut noch selten zu mir gesprochen, wie aus Blick und Ton dieses halben Kindes, das gleichmütig die Bettlerwitze der Mutter nachplapperte. Meiner ersten Regung folgend, griff ich in die Tasche und gab, was ich bei mir hatte. Für mich war’s nicht viel – ein paar Soldi über zehn Lire, glaub’ ich – als aber die kleine graue Maus diese halbe handvoll Geld sah, wurde ich Gesichtchen so weiß, als es der die Wangen deckende Schmutz nur zuließ. Erst schien sie nicht zu wissen, wie sie dran war und starrte mich erschrocken an. Als ich aber sagte: „So nimm doch, das ist für Dich und Deine Mutter!“ … da schoss ihr dunkle das Blut in die Stirn, während ihr Näschen weiß blieb und ganz spitzig wurde. Aus ihren Augen blitzte der richtige Habichtsblick, hastig schob sie die Lira, die ich ihr früher gegeben, zwischen die Zähne und raffte mir mit einem Griff, der mich all’ ihre Nägel spüren ließ, das Geld aus der Hand. Gerührt war sie durchaus nicht – ganz im Gegenteil. Der Blick, den sie an mir hinauf warf, verriet nur zu deutlich, wie sie jetzt in Gedanken ungefähr das Urteil ihrer Mutter teilen mochte: Dass unter allen Fremden die Blonden zu den „ganz Dummen“ gehören. Sie schien nur Angst zu haben, dass mein Einfall mich wieder reuen könnte, und brachte das Almosen in Sicherheit, als wär’s ein Raub. Stumm, ohne für mich auch nur ein einziges Wort des Dankes zu finden, rannte sie davon.

   „Mamma!“, hört’ ich sie drin im Garten mit ihrem schrillen Stimmchen kreischen, als hätte sie einen Schwarm Vögel aus einem Kirschbaum zu verjagen. „Mamma! Mamma mia!“

   „Santa Madonna! Còs’ è?“, klang die Stimme der Alten aus dem Haus.

   „Ho trovato, mamma … trovato … la lucertola colle due code!“

   Und keuchend verschwand die Kleine mit ihren krampfhaft geschlossenen Fäusten und ihren wehenden Lumpen in dem schwarzen Mauerloch, das die Stubentür ersetzte.

   Ich musste lachen zu diesem Wort, das ich nur halb verstand, als ich es hier zum ersten Mal hörte. Ho trovato la lucertola colle due code – wörtlich übersetzt, heißt das: Ich habe die Eidechse mit den zwei Schwänzen gefunden. Und ich meinte, dass die Kleine mit diesem sonderbaren Sprachbild sagen wollte: Mir ist etwas begegnet, etwas so Seltsames und Seltenes, wie es einem nicht alle Tage über den Weg läuft – etwas so Unglaubliches, wie eine Eidechse mit zwei Schwänzen!

   Lachend wandte ich mich und wanderte durch die von hohen moosgrünen Mauern eingeschlossene Vignengasse hinunter. Das farbige Licht des Himmels begann zu erblassen, und zwischen den Mauern und Gärten fing es zu dämmern an.

   Ich hatte schon fast in der Nähe des Ufers die Sorrentiner Straße erreicht, als jemand hinter mir hergelaufen kam. Es war Nannina Fiorello, ganz atemlos. Ohne sprechen zu können, reichte sie mir mit der einen Hand einen Strauß langstieliger Narzissen, mit der anderen eine Silbermünze. Die Blumen machten mir Freude. Aber was wollte sie mit dem Geldstück, das sie da zurückbrachte?

   „Ich danke Dir, Kind! Das sind herrliche Narzissen.“

   „Ja, sinorrr“, stammelte sie mit ihrem halben Atem, „ich hab’ die schönsten genommen, die allerschönsten.“

   „Aber was soll ich denn mit dem Geld da?“

   „Die Mutter … die Mutter sagt, dass es falsch ist, und … ja, sie möchte dafür eine echte Lira haben.“

   Verblüfft betrachtete ich in der Dämmerung die Münze. Eine italienische Lira war’s freilich nicht, aber eine echte deutsche Mark. Und da wusst’ ich im ersten Augenblick nicht, ob ich dieses Wechselgeschäft, das mir vorgeschlagen wurde, als Unverschämtheit nehmen und mich ärgern sollte, oder ob’s nur Unverstand war, über den man lachen konnte.

   „Du dummes Ding!“, fuhr ich die Kleine an. „Erstens einmal nimmt man es mit Geld, das man geschenkt bekommt, nicht gar so genau … verstehst Du!“

   „Ja, sinorrr“, meinte sie gutmütig, „das hab’ ich der Mutter auch gesagt. Mma! Die Mutter ist in Geldsachen so genau.“

   „Sooo? Dann sag nur Deiner genauen Mutter, dass sie ein schlechtes Geschäft gemacht hat, wenn sie mir das da zurückschickt. Denn zweitens … verstehst Du … zweitens ist das gar kein falsches Geld, sondern eine gute deutsche Mark, die sogar noch um vier Soldi mehr gilt als eine Lira. Na, meinetwegen … wenn’s Deine Mutter nicht mag, ein anderer nitmmt’s schon!“

   „Ein anderer?“, stotterte Nannina erschrocken. „Dann nehm’ ich’s auch!“ Und eh’ ich die Mark in die Tasche stecken konnte, hatte sie mir mit ihren flinken Fingern die Münze schon aus der Hand gewunden und rannte davon. Von einer Biegung der Vignengasse rief sie mir noch eine gute Nacht und ein Dankwort zu. Dann verschwand sie im Schatten der Mauern, und lachend stand ich noch eine Weile.

   „Komisches Volk!“

   Freilich, auf der Sorrentiner Piazza war’s mir auch schon einmal passiert, dass mir ein alter Bettler, dem ich einen französischen Sou statt eines Soldo zugeworfen, das Almosen mit den Worten zurückgegeben hatte: „Der ist falsch, Herr! Gebt mir einen echten.“

   Nein, ich nahm es der Mutter meiner kleinen Piccola-monèt nicht übel, dass sie in Geldsachen so genau war. –

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