Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Tarantella

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1.

   Das Bild verlässt mich nicht; wie eine Qual die an mich angewachsen ist, so hängt es an mir. Und wenn es auch manchmal erlischt, für Wochen und Monate – plötzlich ist es wieder da und gießt mir ein unbehagliches empfinden über den Rücken, ein peinlich schmerzendes Gefühl in die Seele – ein Gefühl, als wär’ ich schuldig und hätte teilgenommen am Mord eines Kindes, dessen ganzes Verbrechen ein wenig Hunger und ein wenig Eitelkeit war, gedankenlose Torheit und unbewusste Liebe. Dass Jahr um Jahr darüber hingeht, dass die Stätte, an der ich es sah, viele hundert Meilen dort unten liegt – das hilft nicht gegen die Marter dieses Bildes. Immer wieder ist es da, seine Farben verblassen nicht, es will sich der Schauer nicht lindern, der von ihm ausgeht. Und möchte die Erinnerung schlummern, so lauf’ ich immer wieder an einen Wecker hin, der sie aufrüttelt und ihre Stimme schreien macht.

   Sorrent wird ja so viel gemalt; bald mit den violetten Steinhalden des Mont’ Angelo im Hintergrund, bald mit dem Ausblick übers Meer und gegen das purpurne Ischia, bald mit der Fernsicht auf den Vesuv, dessen tiefes Blau und dessen groß geschwungene Kegellinie mit der Rauchpalme darüber in Natur so hinreißend wirkt und gemalt – auch von der Hand eines Meisters – so langweilig, so unwahr, so affektiert unmöglich erscheint. In jeder Ausstellung begegne ich diesen Bildern, im Schaufenster jeder Kunsthandlung seh’ ich die gräulichen Farbendrucke hängen – und ob ich am liebsten auch vor ihnen davonrennen möchte, ich bleibe dennoch stehen und suche den winzigen blauen Farbenklex, der ungefähr die Uferstelle bedeuten könnte, an der ich sie damals fand: die arme Piccola-monèt.

   Aber nicht nur diese bunten Blätter rütteln in mir die Erinnerung auf; dazu genügt der Laut eines italienischen Wortes, eine rote Schärpe, der Klang einer südlichen Volksweise, eine Orange, der Duft einer Narzisse, ein Lorbeerzweig, der Anblick eines bettelnden Mädchens, wenn seine Stimme und sein Bettelruf auch anders klingt, als es damals klang, dieses zudringlich ängstliche: „Piccola monèt, sinorrr! Piccola monèt!“

   Und steht mir das Bild vor Augen, jählings, dann hat es auch gleich alle Farben von damals: Dieses beklemmend Düstere an Himmel und Erde, diese bleierne Schwere der regungslosen, niedrig hängenden Wolken, dieses glanzlose Schwarz des glatt gespülten Lavasandes am Strand, dieses tote, kaltfeuchte Braun der stielen, turmhohen Tuffwände mit den zu Fetzen zerschlagenen Feigenstauden in ihren Runsen und mit den gelben Schlammgassen, durch welche die Regenbäche allen Schmutz und Unrat der Sorrentiner Vignen hinunter geworfen hatten in das tobende Meer. Ich sehe das schwermütige, fast zu Grau erloschene Blau der meilenlangen Wogen, die von Neapel herüberrollten über den Golf – und ich höre ihr Rauschen wieder, wie sie an jenem Morgen rauschten, dumpf und träg, des überstandenen Kampfes müde und nach Ruhe verlangend, jeder Anschlag an das Ufer nur ein mattes Donnern, ein zahmer Nachhall all des dröhnenden Aufruhrs der vergangenen Tage.

   Das hatte immer einen so eigenartigen, ganz unbeschreiblichen Reiz für mich: Nach einem schweren Sturm dort unten am Ufer zu sitzen, einsam, eingeschlossen zwischen Felswände und Wogen, und so das Meer in seinem grollenden Ringen nach Ruhe zu betrachten. Hatte die Tramontana so recht aus allen Kräften über die Campanischen Berge her geblasen, dann brauchte das Meer immer ein paar Tage, um seine glatte Stille wieder zu finden, um seinen blauen Farbentraum aus der Tiefe herauf und vom klar gewordenen Himmel herunter zu holen. Das Ende dieses Ruhekampfes war freilich schön, zauberhaft schön. Aber Anfang, dieses erschöpfte Atemholen, dieser müde Zorn – –

   Das Meer im Beginn des Sturmes oder mitten im brüllenden Aufruhr – dieser Anblick hat schöne Größe, er stimmt fröhlich und wirkt belebend, so dass mich oft die Sehnsucht anfiel, jauchzend hineinzuspringen in dieses weiße Gezisch und Gewirbel.

   Aber solch ein erster Morgen nach der letzten Sturmnacht! Noch tobt das Meer, aber das ist ohnmächtiger, zweckloser Grimm, und aus dem Donnern und Rauschen hörst Du schon das Seufzen der Erschlaffung. Noch hat sich das Meer nicht gereinigt und trägt allen Ekel auf seinen schlammigen Wogen. Ein hässliches Bild – und dennoch zog es mich immer an, mächtig und geheimnisvoll. Wenn ich in solchen Stunden am Ufer saß, wenn die Wogen allmählich ruhiger wurden und langsam ihren Unrat hinausspülten über den schwarzen Sand, erschien mir immer das Meer wie ein abgemüdeter Held, der hundert Feinde im Kampf erschlug, jetzt aber sich seufzend streckt, gähnend die Waffen säubert und die träge Ruhe sucht, um sich im Schlummer in ein schnarchendes Tier zu verwandeln. Das war unschön und traurig zu sehen – ein Anblick, der mir das Blut erschlaffte und all meine Sinne eigentümlich umdämmerte. Widerwille und dumpfes Unbehagen quälten mich – und dennoch konnte ich Stunde um Stunde sitzen, immer hinstarren auf den gleichen Uferfleck, an dem die immergleiche Welle zerfiel und ihre widerliche Bürde ablud: Die schmutzgien Blätter, die faulen Orangen, die toten Fische, die Korktrümmer und Garnfetzen der zerrissenen Netze. Stunde um Stunde kauerte ich auf einem Stein und lauschte den müd und müder werdenden Wellenstimmen. Was sie zu mir redeten und sangen? Ich vermöchte das nicht zu sagen – oder ehrlicher: Ich will es nicht! Es waren abscheuliche Dinge, tieftraurige Todeslieder. Mich, der ich die Sonne liebe, das helle Leben und lachende Menschen – mich überfielen in solcher Stunde Gedanken, die mich sonst zu verschonen pflegen. Ich hörte, was in Menschenohren sich einbohrt mit peinigendem Schmerz – ich sah, was Menschen nicht sehen dürfen, wenn sie leben wollen, leben und lachen. Weckte mich aus diesem grauen Brüten und irgendwo eine Stimme, die nicht mir galt, oder ein zärtliches Ritornell, das irgendwo dort oben in einem blühenden Garten gesungen wurde, dann sprang ich wohl auf und schüttelte mich, als könnt’ ich die Gedanken dieser grauen Stunde wieder abwerfen von mir. Und mit einer Hast, die meine Stirn nass und meinen Atem keuchen machte, rannte ich die hundert Felsenstufen hinauf, bis ich den Duft der Blumen spürte und das schwere Fruchtgold der Orangenbäume winken sah: „Komm her und pflücke!“ Aber nach dem nächsten Sturm zog’s mich wieder hinunter. So auch damals an jenem Morgen, als ich sie fand, die arme Piccola-monèt!

   Acht Tage lang hatte der Sturm gewütet, von Scirocco umspringend in Tramontana, von Tramontana in Scirocco, wechselnd zwischen schneidender Kälte und lauen Regengüssen. Und wie es zur Märzzeit bei Scirocco regnen kann, dort unten! Bei uns im Norden hat auch der Regen sein gemütliches, deutsches Rieseltempo: Nur schön langsam, nur nichts überhasten – und prasselt’s einmal bei einem Gewitterguss, so hat’s nicht lange Dauer. Aber dort unten steckt, wie im Menschen und in aller Natur, auch im Regentropfen südliche, wilde, ungezügelte Rasse. Solch ein Sorrentiner Märzenregen, das ist, als würde über den Dächern eine Völkerschlacht von Millionen knatternder Gewehre ausgefochten, als möchte das stürzende Wasser alle Mauern zu Brei zerschlagen. Und wenn das Geprassel versiegte – die armen Gärten! Fußhoch liegen die zerfetzten Blätter, die gebrochenen Zweige, die zerschlagenen Rosen, die Orangen, Mandelblüten und jungen Feigenknospen durch und übereinander. Und wie das Meer aussieht! Bis auf eine Meile weit in den Golf hinaus ein einziges Schlammgewoge!

   An jenem Morgen sah es besonders übel aus. Als ich in Sant’ Agnello durch die schmalen Mauergassen wanderte, die nach der groben Regenwäsche so sauber waren wie nie zuvor, hörte ich in allen Gärten die Leute über den schweren Schaden jammern, den sie erlitten hatten.

   Und nun das Meer! Der Regen war in solcher Menge gefallen, dass der Wasserstand des Golfes beinah um einen Meter gestiegen war. Oder hatte nur die wilde Tramontana des letzten Tages solche Wogenmassen von Neapel her gegen die Sorrentiner Küste getrieben, dass sich die vom Sturm aufgestauten Wasser während der Nacht nicht hatten verlaufen können? Schon als ich über die Felsenstufen niederstieg, bei jedem Schritt gegen das Ausgleiten auf den glitschigen Steinen kämpfend, sah ich es gleich, dass dort unten zwischen Felsen und Wasser kein Bleiben war. Aber um eine geschützte Stelle zu erreichen, meinen Lieblingsplatz, musste ich dort unten durch. Gefährlich war’s durchaus nicht; fast eben verlief der schwarze Sand des Badestrandes, und die ausleckenden Wellen waren seicht; sie renommierten nur mit dem Schaum und Gischt der großen Wasserberge, die sich weit draußen schon gebrochen hatten, und machten einen wirren, ohrbetäubenden Lärm, der manchmal das dumpfe, schwermutsvolle Donnern des weiten Meeres überschrie – so wie es die kleinen, seichten Geister machen, wenn sie Ehrgeiz haben und die Großen um ihren hohen Sockel beneiden: Sie schreien, und das genügt für die Ohren der Welt. Sie haben ein so dickes Trommelfell für echte und gute Töne, diese Ohren, aber die falschen hören sie gleich – und das ist das Glück der kleinen Schreier.

   Nein, gefährlich war das nicht. Aber ich sah, dass es ohne ein paar ausgiebige Spritzduschen nicht abgehen würde. Das ließ mich zögern. Oder war es das so trüb und traurig verschleierte Bild der Ferne, das mich stehen und schauen machte? Sonst – diese Schönheit, dieser traumhafte Farbenglanz, den zu trinken Herz und Augen nicht müde wurden. Und an diesem Morgen alles unschön, grau, verschleiert! Kaum dass aus dem dichten Nebel, zu dem sich der vom Sturm niedergepeitschte Rauch des Vesuv mit dem Dampf und Wasserstaub der Brandung mischte, der weite Küstenbogen von Castellamare bis zum Cap Miseno als matte Linie aus allem Dunst hervorschimmerte. Und nicht wie ein weißer, rätselschöner Marmorzauber lag Neapel da drüben, so wie sonst – es lag im Nebel wie ein formloser, kaum erkenntlicher Fleck, grau in grau.

   Ich legte mich mit Kinn und Armen über die Brüstung der Felsentreppe und starrte über das rauschende Meer hinüber.

   Neapel! La bella Napoli, singen sie in einem abgeorgelten Gassenhauer – in einem anderen Volkslied aber heißt es: ’a mamma cattiva, die schlechte Mutter – und das Lied ist traurig. Doch jedes der beiden Lieder sagt die Wahrheit.

   Neapel! Du wunderliche Mischung von Schönheit und Schmutz, von Zauber an Natur und Menschen, von Ekel auf den Gassen und in den Herzen, von kindlich sorgloser, lachender Lebensfreude und schreiendem Laster! Hat sich deiner alten, ausgewachsenen Sünde wirklich auch dieses törichte junge Sündchen zugesellt … die kleine Piccola-monèt? Hat Mommino, der Maccaronista, wahr gesprochen mit jenem hässlichen Wort? „Sarà a Napoli e pulirà la strada! – Sie wird in Neapel sein und die Straße bürsten!“

   Nein, ich konnt’ es nicht glauben. Und es reute mich, dass ich dem Burschen nur das Weinglas aus der Hand und nicht eins hinter die Ohren geschlagen hatte.

   Oder war es doch so? War sie drüben?

   Schwer und traurig rauschte das Meer, und immer starrte ich hinüber, als könnte und müsst’ ich in dem großen grauen Fleck, der Neapel bedeutete, das winzige Pünktlein Leben finden, welches Nannina Fiorello war, die arme Piccola-monèt?

   Aber wäre sie „nach Neapel gegangen“, das hätte sie der Mutter gesagt, vor der sie keine Geheimnisse hatte – auch nicht jenes eine, das jedes verlorene Kind vor seiner Mutter zu verschweigen pflegt.

   Und ich war doch am Abend zuvor noch droben gewesen bei Mutter Virginia. Während draußen der Sturm heulte und die morschen Olivenbäume ächzen machte, war das Weib mit den gelähmten Beinen über die Kohlenpfanne gesessen und hatte gesponnen, in ihrem grauen Lumpengewand und mit dem neuen, seidenen Kopftuch.

   „Dov’è, caro sinorrr? Wo wird sie sein? Wie soll ich das wissen? Ich denk mir, sie wird bei ihrem guten Sinorrr Francese sein!“

   Unsinn! Dem hatte sie doch mit ihrem roten Sonnenschirmchen die Nase blutig geschlagen. Dass sie nicht wieder zu dem zurück gegangen war, darauf hätt’ ich schwören können.

   Mit verklärtem Lächeln, so mit dem rechten Mutterstolz, hatte das lahme Weib vor sich hingenickt: „Farà fortun, ’a picciola mia! – Sie wird ihr Glück machen, meine süße Kleine!“ –

   Da hatt’ ich geschwiegen und war meiner Wege gegangen.

   Und dann am anderen Morgen stand ich drunten am Meer, das seine Ruhe suchte – und starrte nach Neapel hinüber.

   „Sie wird doch wohl drüben sein!“

   Eine stärkere Welle hatte bis an die Mauer geschlagen. Nun wich sie weit zurück, und mit langen Sprüngen eilte ich über den schlammigen Sand. Kaum hatt’ ich mich auf die nächste Klippe geschwungen, da kam das Wasser wieder. Drei Wellen wurden abgewartet – denn immer die dritte ist die stärkste – dann sprang ich wieder. So kam ich, ohne allzu übel getauft zu werden, bis zur Höhle, die sie La grotta grigia nennen – die graue Grotte.

   Gleich einer riesenhaften Muschel wölbt sich die Höhle in die Tuffwand und verengert sich in ihrer Tiefe zu einem finsteren Felsengang, der die steil ins Meer hinaus springende wand durchschneidet, um in eine kleine, von Klippen durchsetzte Bucht zu münden.

   Solcher Felsengänge gibt es entlang der Sorrentiner Küste an die hundert; und man hört erzählen, dass sie schon zur Zeit der alten Römer bestanden hätten und die Schlupfwinkel der Piraten gewesen wären. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht – aber sie sehen so aus, diese Felsenlöcher, als hätten sie Blut getrunken und Raub geborgen.

   An den anderen lag mir wenig. Aber diese eine Höhle hatte ich lieb. Wenn ich mich durch den finsteren Felsengang getappt hatte, öffnete sich vor mir nach einer letzten Wendung jählings ein allerliebstes Nymphenstübchen, rund überdacht von ausgewaschenem Gestein, erfüllt von farbigem Zitterlicht. Mit kristallener Klarheit schwankte das bläuliche Wasser sacht um die goldbraunen Klippen, und die Öffnung der Höhle umrahmte mit ihrem Steingezack ein Bild von entzückendem Reiz: Ein Stück des Meeres, blau und im Sonnenglanz, gleitende Segel, und in der Ferne das weiße Resina mit dem Vesuv.

   Aber so war’s nur bei klarem Wetter und leisem Wind – doch nicht minder schön bei Brandung und Sturm. Da füllte donnernd jede einschlagende Welle die ganze Höhle; aber weil der Felsgang aufwärts stieg und eine Wendung machte, konnte das Wasser nicht weiter dringen und fiel, in Milliarden blitzender Tropfen zerstäubend, wieder rückwärts über die Klippen.

   An jenem Morgen, während ich mich durch die Finsternis des Felsenganges tastete, hörte ich schon das mächtige Dröhnen der einschlagenden Wogen und fühlte, wie die Felsen zitterten. Als ich zur letzten Wendung kam, zerfiel gerade eine schlammige Woge in graue Wasserfetzen. Ich rannte vor, um die Welle verrinnen zu sehen – und stand wie gelähmt.

   Eine rote Seidenschärpe schwamm halb gelöst auf dem trüben Wasser, ein nacktes Füßchen ragte über den Sand heraus, und in der Welle sah ich es weiß und farbig schimmern, sah zwei Arme, die sich bewegten …

   „Nannina!“ – Ich hör’ es noch immer, wie mein Schrei zwischen den engen Felsen gellte.

   Aber da schlug schon wieder eine Woge in die Höhle und bedeckte alles mit ihrer schäumenden Brandung. Ich wich zurück – und weiß nicht, wie es mir plötzlich durch die wirbelnden Sinne fuhr: Hier war sie und hielt sich versteckt, und als sie meine Schritte hörte, wollte sie durch die Brandung hinausflüchten über die Klippen, sie strauchelte und stürzte in die Welle, kam auf den Rücken zu liegen und wollte noch mit den Armen aufwärts greifen, um einen Halt zu finden.

   Und während ich so dachte, zerschlug sich die Welle und fiel zurück.

   „Nannina!“, schrie ich wieder, sprang auf den Sand hinaus und fasste mit beiden Händen den kleinen Fuß.

   Er fühlte sich eiskalt an und schlüpfrig wie ein verendeter Fisch.

   Da packte mich der Ekel und das Grauen. Wie sinnlos wandte ich mich zur Flucht, und als ich in den Felsengang taumelte, brauste eine Welle hinter mir her und warf mir einen eisigen Guss über den Rücken, so dass mir war, als hätte der kalte Tod, den ich gesehen und gefühlt, mit knöchernen Fäusten nach mir gestoßen.

   Draußen sprang ich mitten durch die Brandung, die mich ein paar Mal zu Boden warf, und keuchend, zitternd, triefend vor Nässe, rannte ich über die Felsentreppe hinauf. Und droben im Garten begann ich zu schreien, als ob ich erschlagen würde.

   Erschrocken kamen die Leute gerannt, mit ihnen auch Mommino, der Maccaronista.

   „Cos’ è, sinorrr? Misericordia! Cos’ è?“

   „Eccola! Eccola!“, keuchte ich. „L’ho trovata! – Ich hab’ sie gefunden!“

   „Wen?“

   „Nannina Fiorello!“

   Mommino wurde bleich, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich.

   „Wo?“

   Die Stimme versagte mir. Wort um Wort mussten sie aus mir herauspressen. Dabei stand ich zitternd an einen Baum gelehnt und streckte mit gespreizten Fingern die Arme von mir, weil mir graute vor meinen Händen.

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   Ich habe die Feder fortgeworfen. Denn wieder überkam mich das Gefühl, als müsst’ ich meine Hände waschen – wie damals, und mit Sand, damit auch die halbe Haut mit fort ginge. – –

   Aber nun bin ich ruhiger geworden, und mit aller Ruhe will ich jetzt erzählen, wie es kam, ass sie ins Wasser ging, die arme kleine Piccola-monèt, von der Mommino und alle anderen glaubten, sie wäre „nach Neapel gegangen“.

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