Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Prozesshans'l

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III. Akt

Dekoration wie im zweiten Akt.

Erste Szene

Lenz, Simerl, Kathl, Urschl, Knechte und Mägde (sitzen um einen Tisch beim Essen).

Kathl (spricht zur Türe hinaus).
Wart’s nur vor’m Haus drauß’n, wann ’was übrig bleibt, werd’s es schon krieg’n.

Simerl.
Wie gehst denn jetzt Du mit die armen Leut’ um?

Kathl.
Arme Leut’? A ’rumstreunend’s G’sind’l is, was bett’lt und dabei ausschnuf’lt, ob’s nix zum Stehl’n gibt.

Simerl.
No, hör’ amal, Du wirst jetzt schon so a bös’ Leut’, dass man sich ordentlich fürcht’n möcht’ vor Dir.

Kathl.
Ja, es is merkwürdig, was Du mit mir aussteh’n musst. Mi wundert’s nur, dass Dir ’s Ess’n noch schmeckt.

Simerl.
Das is rein nur Zwang, weil i mein’ Ärger aufess’n will, damit er mir net auffrisst.

Kathl.
Mit Dir bin i aufg’richt’, das kann i sag’n.

Simerl.
D’ Leut’ meinen, i machet mit Dir auch kein Glück.

Kathl.
Lass bleib’n, wann’s Dir net passt. Für’n Narr’n hast mi ja lang g’nung g’Halt’n; da is wohl a Sünd’, wann man amal im Ernst disk’riert.

Simerl.
Wir können doch net blind in’ Tag ’neinheirat’n; wir müss’n doch a Anwes’n hab’n.

Lenz.
I meinet, Ihr braucht’s gar nimmer lang’ z’wart’n, nachher könnt’s den Hof da einheirat’n.

Simerl.
Bald’s so fortgeht, möcht’ i’s selber bald glaub’n. Heut’ Nacht war der Bauer gar net z’ Haus; erst in der Fruh’ is er heim’kommen. Bald d’rauf der Höchstheimer; den hat aber d’ Burgl weiter g’schickt, und hat ihm weiß g’macht, der Alt’ is net daheim.

Urschl.
Derweil hat er g’schlaf’n und hat die Kirch’nsitzung versäumt.

Kathl.
Die Burgl is auch net in’s Bett ’kommen. Wie i z’morg’nst in d’ Stub’n ’rein bin, war’s am Tisch eing’schlaf’n und die ganz’ Kerz’n war ’runterbrennt.

Urschl.
Es muss gestern ’was schierlich’s ’geb’n hab’n.

Simerl.
Seine Prozess’ wachs’n ihm halt über’n Kopf.

Kathl.
Na, gestern muss schon ’was ander’s g’wes’n sein.


Zweite Szene

Vorige, Schlaucherl.

Schlaucherl (mit einem Pack Akten unter dem Arm).
Grüß’ Gott, bei’nand.’ Kann i mit’m Bauern red’n?

Kathl (ärgerlich).
Na!

Schlaucherl.
Das is dumm; aber i ärger’ mi net. Ärgerst Du Di, Kathl?

Kathl.
Ja, hab’ mi g’rad’ vorhin wieder g’ärgert.

Schlaucherl.
Das musst net tun, der Ärger schad’t, legt sich auf’s Lüngerl, der Schlag trifft Di, und aus is. – Dass wir aber net ein’s in’s and’re red’n – Habt’s schon ’gess’n.

Simerl.
Is schon vorbei.

Schlaucherl.
Das is dumm – aber i ärger’ mi net!

Simerl.
Hätt’st auch ’was mög’n?

Schlaucherl.
I schon, i.

Kathl (geht nach rückwärts und sieht in die Schüssel).
A paar Knöd’l sind noch da.

Schlaucherl.
A paar, das is a Wort – könnt’n auch mehrer’ sein.

Kathl.
Und a biss’l a Kraut kannst hab’n.

Schlaucherl.
Hast net a G’selcht’s auch dazu?

Simerl.
Das hab’n wir schon selbst ’gess’n.

Schlaucherl.
Das is schad’; aber i ärger’ mi net.

Kathl.
Bald Hunger hast, geht’s ohne G’selcht’s auch. Da setz’ Di her und iss. (Stellt ihm die Schüssel auf den andern Tisch.)

Schlaucherl.
Ob i Hunger hab’! I sag’ Euch, a Rennross is besser d’ran als i; das hat doch wenigstens bei der Nacht an Ruh, aber i hab’ net amal mehr zum Schlaf’n Zeit.

Simerl.
Hör’ auf!

Schlaucherl.
G’wiss is wahr. Heut’ Nacht hab’ i für’n Dax’n-Schorschl d’ Nachtwach’ g’halt’n. – Sagt’s amal, was muss denn Eurem Bauern g’wes’n sein? Der is allweil um der bot’n-Lisl ihr Häus’l ’rumg’schlich’n. Im Anfang’ hab’ i g’meint, es is a Spitzbua; hab mir schon g’freut, dass i auch amal ein’ erwisch’.

Simerl.
Das is Dir wohl noch nie passiert, gelt?

Schlaucherl.
Na, aber aus’kommen is mir erst heut’ in der Fruh’ einer.

Simerl.
Geh’ weiter? –

Schlaucherl.
Ja, a malefizischer.

Simerl.
Was D’ sagst! Wo is er denn hin?

Schlaucherl.
Dummer Kerl! Wann wir das wüsst’n!

Simerl.
Für was seid’s denn nachher die hohe Obrigkeit, wann’s so ’was net wüsst’s.

Schlaucherl (indem er eifrig kaut, schaut er ihn verblüfft an).
Warum? – Weil – jetzt, das is gar dumm – aber i ärger’ min et!

Kathl.
Recht hast, lass’ Dir nur Dein’ Appetit net verderb’n.

Schlaucherl.
Fallt mir net ein. So gute Knöd’l hab’ i net mehr ’gess’n, seit i bei’m Militari war.

Simerl.
Bist denn Du auch amal Soldat g’wes’n?

Schlaucherl.
Dumme Frag’! Das muss man mir doch gleich an meiner strammen Haltung anseh’n, dass i zwölf Jahr’ dem Staat als Fuhrweser gedient hab’.

Kathl.
Zwölf Jahr’?

Schlaucherl.
Ja wohl, sechs Jahr’ für König und Vaterland, und sechs Jahr’ für zwölfhundert Gulden Einstandskapital.

Simerl.
No, das war’n schon die richtig’n Soldat’n, die man um’s Geld hat hab’n können.

Schlaucherl.
Dummer Kerl! Weißt Du, was a richtiger Soldat is? – A richtiger Soldat, der treu seinem König und Vaterland, zu Wasser und zu Land’, im Krieg’ wie im Fried’n, Gut und Blut opfert, der muss vor allem vier ordentliche Liebschaft’n hab’n. Da is z’erst a Köchin, die für’s Nachtess’n, a Kellnerin, die für’n Trunk und a Wäschermad’l, wo für die Prop’rität sorgt. Ferner a Kindsmad’l was g’sund, treu und fleißig das nötige Geld für’n Sonntagsausgang beischafft, nebenbei ohne Einwilligung der Herrschaft so viel Mut b’sitzt, dass sie nachts die Kinder allein schlaf’n lasst, wann der Geliebte bis zwölf Uhr Erlaubnis hat. So gegeb’n im Jahr des Heil’s 1848. (Wischt den Mund ab.) So, und jetzt schaut’s, dass i auf den Fraß auch ’was z’trink’n krieg’.

Simerl.
Hast nachher die Lieb’sg’schicht’n doch all’weil so durchanander treib’n können, ohne dass eine der ander’n in d’ Haar’ g’fahr’n is?

Schlaucherl.
Meine Liebschaft’n war’n alle die Sanftmut selber, trotzdem hab’ i manche bittere Stund’ erlebt. Amal hab’ i sogar in’s Wasser geh’n woll’n; aber eh’ i hin’kommen bin, is mir a Wirtshaus im Weg g’stand’n; da hab’ i mir ’denkt: Gehst derweil da ’nein, ’s Wasser bleibt Dir noch all’weil.

Kathl.
Da hast a Glas’l Schnaps. – Was willst denn heut’ schon wieder vom Bauern?

Schlaucherl.
Prozessg’schicht’n, a ganze Heukirb’n voll. Für den brauch’n wir jetzt bald a eigen’s Amtsg’richt; und wann i net ’s Maul halt’n könnt’, als wie a bach’ner Karpf’n –


Dritte Szene

Vorige, Lahndorfer, gleich darauf Latschenhans.

Lahndorfer (zu den Eh’halten, welche alle um Schlaucherl herumstehen und aufhorchen).
Was is denn mit Euch? Habt’s Ihr gar nix z’tun, als dem seine Lug’n anz’hör’n. I muss wohl amal wieder dazwisch’n fahr’n, wie der leidige Teuf’l. (Dienstboten bis auf die Kathl gehen unter leisem Gemurmel ab; zu Schlaucherl.) Und Du, scheint’s, bist auch bloß her’kommen, um Dein’ Plapperkast’n lauf’n z’lass’n, wie a Mühlwerk.

Schlaucherl.
Oha! Wir zwei hab’n a Menge z’red’n.

Lahndorfer (zu Kathl).
Wird der Tisch nachher net abg’räumt da? Is bei mir vielleicht a Wirtshaus, dass da ’gess’n und ’trunk’n wird? Weiter mit der G’schicht’! (Deutet auf die Schüssel und Teller auf dem Tisch.)

Kathl (räumt ab und nimmt das Schnapsglas auch fort).

Schlaucherl (greift sofort nach dem Glas und entzieht es ihrer Hand).
Halt’ a biss’l, meine Knöd’l woll’n schwimmen. (Trinkt aus.)

Lahndorfer.
Also, was is los?

Latschenhans (tritt ein).
Grüß’ Gott, Lahndorfer! I möcht’ frag’n, wie’s jetzt mit der G’schicht’ is. Ihr habt’s in der Nacht die Arbeit bei’m Webersepp sei’m Hölz’l drob’n abb’stellt; jetzt sitz’n wir heut’ da und verdienen nix. Damit geb’n sich aber die ander’n net z’fried’n. Hätt’n wir’s gestern g’wusst, nachher hätt’n wir uns all’weil noch um ’was ’umschau’n können; so aber hat all’s ’glaubt, es dauert noch die ganz’ Woch’n.

Lahndorfer.
Da hätt’st jetzt kein’ so lange Salbaterei z’mach’n brauch’n. Den Tag zahl’ i Euch halt, und die G’schicht’ is aus.

Latschenhans.
Ja, nachher is ja recht; nachher sind wir auf gleich; aber wiss’n muss man halt doch, wie man d’ran is, und weil i die Arbeit ausg’macht hab’, hab’ die ander’n g’meint, wär’s wohl an mir, dass i redet.

Lahndorfer.
No ja, es is schon gut, mach’ nur, dass weiter kommst.

Latschenhans.
B’hüt Gott – und nix für ungut. (Ab.)

Lahndorfer (setzt sich an den vordern Tisch).
Also – was willst?

Schlaucherl (kramt in seinen Papieren herum).
Da is amal die G’schicht’ mit’m Deberjack’l.

Lahndorfer.
No, dass i da g’wonnen hab’, versteht sich von selber.

Schlaucherl.
In der erst’n Instanz amal net.

Lahndorfer.
So, das woll’n wir amal seh’n. Nachher geh’n wir halt um a Haus weiter.

Schlaucherl.
Das weg’n dem Bründ’lbauern sei’m Fischwasser is auch in’s Wasser g’fall’n.

Lahndorfer.
Wär’ schon recht! Da nimm i gleich an ander’n Advokat’n. Gibt noch g’nug in der Stadt, wo einer dem ander’n an Prozess vor der Nas’n wegnimmt.

Schlaucherl.
Weiter steht da die Beschwerd’ vom Almsepp, weil ihm den Lohn net auszahl’n willst – am Vergleichsweg.

Lahndorfer.
Was Vergleich? Wer vergleicht sich? I net; das müsst’s Euch merk’n. Für was prozessier’ i denn, wann i mi vergleich’n will? – Hast noch ’was von dem G’lump?

Schlaucherl.
G’rad die Advokat’nrechnung noch – nachher is gar word’n für heut’.

Lahndorfer.
Nachher kannst auch mach’n, dass weiter kommst; i hab’ kein’ Zeit mehr.

Schlaucherl.
Die hohe Obrigkeit lasst sich für ’s erste net ausschaff’n, und zweit’ns muss man für sie a Zeit hab’n. – Da i aber mein’ Pflicht –

Lahndorfer.
Red’ net so viel und geh’ lieber.

Schlaucherl.
Gut; i geh’ – aber i ärger’ mi net! (Bleibt im Hintergrund bei Kathl stehen, welche wieder eingetreten ist und sich mit Aufräumen beschäftigt.) Was i sag’n will! Du hast so an gut’n Schnaps; könnt’ i net noch a Glas’l krieg’n?

Kathl.
Heut’ nimmer; bald wieder kommst.

Schlaucherl.
So, is schon recht. Du sag’ noch amal, i soll Deine abg’stand’nen Knöd’l aufess’n! Nachher sollst amal die Verachtung seh’n, mit der i’s lieg’n lass’. (Kathl und Schlaucherl ab.)


Vierte Szene

Lahndorfer (allein; er sitzt am Tisch und blättert in den von Schlaucherl gebrachten Papieren).
Nix als zahl’n und all’weil zahl’n! Die müss’n ja rein glaub’n, i hab’ mein Geld g’stohl’n. (Nimmt ein Blatt in die Hand.) Ja, was is denn das? – „Nachts aufgewacht und über die Streitsache nachgedacht – 10 Mark.“ – Die meinen wohl, wir Bauern hab’n ’s Hirn und Bretter vernag’lt! – Z’letzt käm’s noch so weit, dass i dem sein’ Traum auch noch zahl’n müsst’! – Wird all’weil schöner. – Burgl!


Fünfte Szene

Lahndorfer. Burgl.

Burgl (tritt ein).
Hast Du mir g’ruf’n, Vater?

Lahndorfer.
War der Höchstheimer heut’ fruh’ da?

Burgl.
Da war er schon, aber i hab’ ihm g’sagt, Du wärst net z’Haus. Er hat’s freilich net recht glaub’n woll’n.

Lahndorfer (bitter lachend).
Das kann i mir denk’n.

Burgl.
Er hat sich auch lang am Hof umanand’ ’trieb’n, bis er doch amal ’gangen is, und nachher hat er g’sagt, er käm’ morg’n wieder, und da hoffet er ganz g’wiss, dass der Vater z’Haus’ wär’, Du tät’st schon wiss’n, warum. (Sieht durch’s Fenster: freudig.) Jesses, da kommt der Toni.

Lahndorfer (sieht nach dem Fenster).
Was hat denn der noch z’such’n bei uns – nach der Art und Weis’, wie wir zwei gestern ausanander ’kommen sind.

Burgl (schüchtern bittend).
Vater – seid’s gut mit ihm; er is ja doch – (Toni tritt ein.)


Sechste Szene

Vorige. Toni.

Toni (bleibt an der Türe stehen).
Grüß’ Gott mitannander!

Lahndorfer.
Grüß’ Gott!

Burgl (geht auf Toni zu und reicht ihm die Hand).
Grüß’ Di Gott, Toni!

Lahndorfer.
Was willst?

Toni.
Gestern, wie i im Unmut und mit all’ der Last auf mei’m Herz’n von da fort bin, hab’ i’s wohl bei mei’m Leb’n verschwor’n, mit mei’m Will’n kein’ Fuß mehr in die Stub’n da z’setz’n. Aber wie i nachher heim’kommen bin und mein’ Mutter hat mir all’s erzählt, da hab’ i mir die Sach’ doch anders überlegt. D’rum bin i da – und

Lahndorfer.
Und da meinst wohl, es wär’ auch bei mir über Nacht ’was ander’s ’word’n und Du könnt’st vielleicht aus mir ’was ’rausbringen, wogeg’n mein Stolz mit allem Grund und Recht a g’wichtig’s Wort einz’wend’n hat.

Toni.
Brauchst kein’ Angst z’hab’n – i will Dir nix aus- und nix zured’n – bloß B’hüt’ Gott will i Dir sag’n – denn i geh’ fort.

Lahndorfer.
So, fallt Dir sonst nix Dümmer’s ein?

Toni.
Wenn Du’s so heiß’n willst, is Dein’ Sach’. Es kommt nur d’rauf an, mit was für Aug’n als man’s anschaut. I hab’ halt in mei’m Herz’n doch noch a biss’l a G’fühl, und i vermag’s net, so Tag für Tag neb’n ir z’leb’n, ohne dass i Di als mein’ Vatern kennen und als solch’n halt’n darf. D’rum hab’ i mir’s überlegt, dass am Best’n is, i geh’ fort. Für mein’ Mutter is g’sorgt – und i werd’ mir in der Fremd’ auch z’recht find’n – und so sag’ i Dir halt jetzt B’hüt Gott! – I wünsch’ Dir all’s Glück für Dein’ zukünftige Zeit, und dass Dir gut geht, Dein ganz’ Leb’n lang –

Lahndorfer (bitter auflachend).
Mir – und gut geh’n! Was hab’ i denn von mei’m Leb’n? Nix als Sorg’ und Kummer. Die wenig’n gut’n Stund’n, die i g’habt hab’, das war’n – (Zu Burgl.) Geh’ weiter und schau, ob d’Eh’halt’n auch bei der Arbeit sind.

Burgl (geht; an der Tür wendet sie das Gesicht gegen Toni und nickt ihm wehmütig zu).

Lahndorfer (nach kurzer Pause).
Wann i je in mei’m Leb’n a gute Stun’ g’habt hab’, so war’s damals in meine jungen Jahr’, wie i als Soldat in der Stadt drin g’wes’n bin, und Dein’ Mutter kennen g’lernt hab’. I hab’s Deand’l gern g’habt, a junger Bursch war i auch – und da weiß man eh’ schon, wie ’s geht. Sie hat aber g’rad so gut g’wusst wie i, dass von ei’m Z’samm’kommen nie die Red’ hat sein können; denn wie damals unser Hof g’stand’n is, hab’ i a reiche Heirat mach’n müss’n, um ihn z’halt’n. Wie i aus’dient hab’ g’habt und bin heim’kommen, hat mein Vater schon lang’ a Hochzeiterin für mi ausg’macht g’habt. – I hab’s ihm wohl eing’stand’n, wie’s mit mir und Deiner Mutter war – aber i möcht’ Dir net wünsch’n, dass Du so vor ihm hätt’st steh’n müss’n, wie i – Sixt, da an dem Fleck’l bin i g’stand’n und dort an der Tür’ war er, mit der Büchs’n in der Hand, „Niederschieß’ i Di, wie an Hund“, hat er g’schrie’n – und hat mir an Schwur abg’nommen, dass i von Deiner Mutter lass’ und dass von mir aus nie in mei’m Leb’n a Mensch erfahrt, wie i zu Dir steh’. – Net i – er is g’wes’n, der nachher mit Deiner Mutter das Abkommen ’troff’n hat, dass auch von ihrer Seit’n nix g’red’t wird und dass sie dafür das Häus’l drunt’n ’kriegt hat und die paar Gründ’ dazu. So wahr i hoff’, dass i amal in’ Himmel komm’, i wollt’, sie wär’ net d’rauf ein’gangen – vielleicht wär’ viel anders ’word’n mit der Zeit.

Toni.
Und warum hat sie’s ’tan? Weil’s Di gern’ g’habt hat, und weil’s Die’m Glück net hat im Weg’ steh’n woll’n.

Lahndorfer.
Mei’m Glück?! Was hab’ i denn g’habt davon? Wie i damals mit der Tochter vom reich’n Niedermüller zum Kopulier’n ’gangen bin, und wie nachher Dein’ Mutter vor der Kirch’tür’ g’stand’n is, mit Dir am Arm’ und mit’m helllicht’n Wasser in die Aug’n, da hat’s mi wohl ’packt, als sollt’ i vor’m Altar noch „Na“ sag’n – aber mein, wie halt der Mensch is! – Und dass i’s net ’tan hab’, i hab’s büß’n müss’n, schwerer als i’s verdient hab’.

Toni (halb für sich).
I glaub’, i hab’ Dir manches abz’bitt’n.

Lahndorfer.
Mein Weib war a ungute Dingin von aller Anfang an; die ganze Zeit hat’s nix geb’n als Zank und Streit, denn jede Stund’ hat’s mir’s merk’n lass’n, dass sie ’s Geld in ’Hof ’bracht hat. Sechs Jahr’ sind ’rum ’gangen, eh’ dass a Kind ’kommen is; und wie’s nachher so weit war, und es is a Mad’l g’wes’n, da hätt’ i mir schon gleich lieber g’wunsch’n, es wär’ ung’scheh’n ’blieb’n.

Toni.
Schau, das war auch ung’recht; denn a braver’s Kind als wie Dein’ Burgl hätt’ Dir unser Herrgott net schenk’n können.

Lahndorfer.
In mei’m Innern hab’ i mir all’weil vorg’red’t, – als wär’s a Straf’ Gottes, dass i kein’ Sohn mehr krieget – und gar, wie mein Weib nach wieder drei Jahr’ mit ei’m Buab’n in’s Kindbett ’kommen is und wie’s nachher am Tag’ d’rauf g’storb’n und zwei Tag’ später ’s Kind nachg’holt hat – da war’s ganz aus mit mir. – Mein’ Einzig’n und Erstgebor’nen hab’ i all’weil ’rumlauf’n seh’n müss’n vor mir, barfuß und verlumpt. Hinzog’n hat’s mi zu Dir, wie mit eiserne Strick’ und doch hab’ i net nachgeb’n dürf’n. Und wie nachher größer ’word’n bist, und bist so a flotter, braver Bursch ’word’n, da hat mir vor heimlicher Freud’ oft ’s Herz bis in’ Hals ’rauf g’schlag’n, wann i Di g’seh’n hab’! – Dabei hab i aber jed’n hass’n müss’n bis auf’s Blut, der an Sohn im Haus g’habt hat und vor alle Leut’ sein’ Freud’ an ihm hat hab’n können. Mit der Sorg’ hab’ i mi niederg’legt un mit der Sorg’ bin i aufg’stand’n. Den ganz’n Tag bin i ’rumg’rennt wie verruckt – all’s war mir z’wider. – So bin i in die Streiterei ’nein’kommen – und wie i da amal drin war, hat’s kein End’ mehr ’geb’n. – Und jetzt steh’ i da, verlass’n und allein im eig’nen Haus – mit mei’m Sach’ geht’s rückwärts, Tag für Tag – Schuld’n hab’ i über Schuld’n – und heut’ steht mein Hof schlechter, als damals, wo i all’s, was mir lieb und heilig war, g’opfert hab’ um ihn wieder in d’Höh’ z’bring’n. (Sinkt erschöpft in einen Stuhl und verbirgt das Gesicht mit beiden Händen.)

Toni (geht nach kleiner Pause auf ihn zu und legt ihm die Hand auf die Schulter).
Vater – nimm alles was g’wes’n is, als g’scheh’n und vorbei. Musst den Mut net verlier’n! Schau’ – und lass’ gut sein mit der Streiterei. –

Lahndorfer.
I kann net – i kann net! Denn wie i ’s Streit’n aufhör’, is der Kredit fort, und nachher is schon glich ’rum.

Toni.
A was! Jeder Karren, der sich im Sand verfahr’n hat, lasst sich wieder am g’rad’n Weg bringen, wann man’s nur richtig anpackt.

Lahndorfer.
I hab’ kein’ Glaub’n mehr und auch net die Kraft. Unser Herrgott will mi straf’n – und da hilft kein Wehr’n.

Toni.
Geh’ Vater, wer wird denn so ’was sag’n. I will Dir an Vorschlag’ mach’n. Nimm mi als Knecht in Dein’ Hof. I versteh’ mi auf d’ Wirtschaft. Und mit Gotteshilf’ und wann wir fest z’samm’halt’n, da meinet i, müsst’ sich ja doch noch ’was ausricht’n lass’n.

Lahndorfer (schüttelt den Kopf).
Es is mir amal fürg’setzt13, dass mit mir abwärts geht, und da hilft nix mehr. D’rum is besser, Du gehst fort von da – weit fort – es is besser und i will’s so hab’n. Denn g’rad Du sollst’s net seh’n, wann mit mir all’s z’samm’bricht und z’Grund’ geht. Mög’n nachher die ander’n mein’tweg’n vor Freud’ auflach’n und jub’ln – da liegt mir nix d’ran. (Geht an den Schrank, sperrt ihn auf, und nimmt einen kleinen Sack mit Geld heraus.) Da – da nimm das mit; es is alles, was i hab’ – vielleicht kann’s Dir Dein’ Weg leichter mach’n. (Nötigt ihm das Geld in die Hände.)

Toni.
Na, Vater, das tu’ i net – i dank’ Dir schön – aber i brauch’ kein Geld. (Er legt das Geld auf den Tisch.) Du selber hast’s jetzt notwendiger als i.

Lahndorfer (verletzt).
Wie D’ willst. Wenn Du’s net magst, lasst’ es halt lieg’n. – Und jetzt – mach’s kurz – und gehe’. B’hüt’ Di Gott!

Toni (reicht ihm die Hand).
B’hüt’ Gott, Vater!

Lahndorfer (reicht ihm mit abgewandtem Gesicht die seinige).

Toni.
B’hüt’ Gott! (Geht bis zur Türe.)

Lahndorfer (nickt stumm mit dem Kopf; ein Schüttelfrost überläuft ihn, und mit starren, weit geöffneten Augen blickt er vor sich zur Erde).

Burgl (tritt im gleichen Augenblick ein, wie Toni abgehen will).
Gehst also wirklich fort?

Toni (halblaut).
Na, Burgl, jetzt muss i bleib’n! (Ab.)


Siebte Szene

Burgl, Lahndorfer, dann Simerl.

Burgl.
Vater, d’ Eh’halt’n steh’n drauß’n bei’nander im Hof und der Lenz red’t g’rad in sie ’nein, was er kann, sie soll’n sich das net länger g’fall’n lass’n. I weiß net, was er meint.

Lahndorfer.
Was! Der Lenz, der nixnutzige – da nimm i ja doch gleich die Peitsch’n, und fahr’ unter das G’sind’l ’nein – (Will ab.)

Simerl (tritt ein).
Halt Bauer, net so goach14; das musst schon auf gütlichem Weg’ abmach’n, sonst richt’st nix aus.

Lahndorfer.
So, red’st Du auch so, statt das der Oberknecht mit ei’m gut’n Beispiel voranging’ –

Simerl.
I glaub’ kaum, dass Di über mi beklag’n kannst; wann i net wär’, nachher hätt’ schon lang’ keiner mehr ’zog’n und wär’ lang’ all’s aus’m Leim ’gangen.


Achte Szene

Vorige, alle Knechte und Mägde.

Alle (drängen herein).
Ja wohl, der Lenzl hat ganz Recht.

Simerl (der sie aufhält).
Langsam, sag’ i, und nix überrump’ln.

Lenz.
Plag’ Di net, Simerl, wir mög’n amal nimmer.

Lahndorfer.
Himm’lsakrament, da wüsst’ man ja gar nimmer, wer Herr oder Knecht wär’.

Lenz.
Das kann schon sein. Wann aber der Bauer hab’n will, dass seine Eh’halt’n nix Unrecht’s tun soll’n, nachher muss er mit ei’m gut’n Beispiel vorangeh’n, und net, dass man sich nur schind’n und plag’n kann, und wann’s Zeit wär’, könnt’ man net amal sein’ Lohn krieg’n, dabei müsstest Di noch schlecht behand’ln auch lass’n. Da hört sich d’ Ordnung auf, und brauch’n wir auf niemand mehr aufz’pass’n.

Lahndorfer.
So; I werd’s Euch sag’n, ob Ihr auf niemand aufz’pass’n habt’s. Bald’s net gleich macht’s, dass an d’ Arbeit kommt’s, nachher werd’ i Euch durch’s Landg’richtzeig’n lass’n, was Ihr z’tun habt’s.

Alle.
Oho!

Lahndorfer.
Na, gar nix Oho! (Zu Lenz.) Und Dir werd’ i’s vor allem zeig’n, Du frecher Bursch, ob Du die Leut’ aufhetz’n darfst, wie Du magst, und den Hausfried’n stör’n, wie Du glaubst.

Lenz.
Zahl’ uns, was schuldig bist, nachher wird’s kei’m Mensch’n einfall’n –

Simerl.
Und i sag’ Euch jetzt noch amal, was i Euch drauß’n g’ssagt hab’. Schämt’s Euch, dass mit amal all’s über’n Hauf’n werf’n wollt’s. Es hat noch kein’s was verlor’n, und wann’s glaubt’s, Ihr kommt’s um den Bett’l, nachher zahl’ i Euch – verstand’n!

Kathl.
So is recht, Simerl!

Lenz.
Wir brauch’n nix von Dir; der Bauer is uns schuldig, und an den halt’n wir uns.

Lahndorfer (entrüstet).
I hab’ kein Geld.

Lenz.
So, Du hast kein Geld! Nachher nehmet i halt derweil das, was da am Tisch liegt, i meinet das könnt’ g’rad langen. I lass min et so kurz abspeis’n, jetzt zahlst aus!

Lahndorfer (geht, nach einem verächtlichen Blick auf Lenz, zum Tisch und schickt sich an, den Geldsack zu öffnen. Ein hörbar werdendes Donnern und Krachen ruft eine atemlose Stille hervor. Dem Bauern fällt der Geldsack aus der Hand; das Geld rollt über den Tisch zu Boden; die Dienstboten stürzen mit Ausrufen des Schreckens davon.)


Neunte Szene

Lahndorfer, Burgl.

Burgl (mit erstickter Stimme).
Das war a Lahn.

Lahndorfer (stockend).
I glaub’s – fast selber.

Burgl (ängstlich).
Es wird doch nix passiert sein!

Lahndorfer.
Passiert! – Warum soll denn ’was passiert sein – is schon oft a Lahn nieder’gangen. (Man hört Lärm auf der Straße, wie von Leuten, die jammernd vorüber laufen.)

Burgl.
Es muss doch ’was - ’geb’n hab’n. (Sie eilt gegen die Türe.)

Lahndorfer (auffahrend).
Da bleibst!

Burgl (bleibt regungslos an der Türe stehen, unverwandt auf ihren Vater blickend).

Lahndorfer (geht an das Fenster; man sieht, dass er mit sich kämpft, ob er hinausblicken soll oder nicht; wendet sich plötzlich um).
Da – heb’ das Geld auf!

Burgl (geht langsam gegen den Tisch zu, kniet auf den Boden nieder und beginnt die Geldstücke zu sammeln).

Lahndorfer.
So schick’ Di doch a wenig. (Deutet mit dem Fuß.) Da liegt eins – und da auch – sixt es net, langsame Gret’l!

Burgl (richtet sich auf und legt das Geld auf den Tisch).

Lahndorfer (hat das Geld, das noch auf dem Tisch lag, zu einem Haufen zusammengerafft und beginnt zu zählen).
Zähl’, was aufg’hob’n hast, ob net noch ’was abgeht – –

Burgl (fängt zu zählen an, plötzlich schlägt sie beide Hände an die Schläfe).
I kann nimmer! Die Angst – mir is, als wär’ ’was Schrecklich’s g’scheh’n –


Zehnte Szene

Vorige, Webersepp.

Webersepp (stürzt zur Türe herein, bleich und verstört).
Da hast’s jetzt!

Lahndorfer.
Was hab’ i?

Webersepp.
A Lahn is ’runter – und jetzt trifft am End’ mi noch d’ Schuld, weil i Dir noch a biss’l Ehrlichkeit zu’traut hab’ und wirklich net ’denkt hätt’, dass Du abholz’n lasst. Aber Du – Du kannst Di g’fasst mach’n –

Lahndorfer.
Wen kann a Schuld treff’n? Mi net! Wie mir’s gestern Abend’s von der Obrigkeit verbot’n word’n is, da hab’ i heut’ Nacht noch d’ Arbeit abb’stellt.

Webersepp.
Ja, wie’s z’spät war. Heut’ in der Fruh’ schon, wie der Wind so warm ’runter’zog’n is über die Berg’ und wie drob’n die Bäum’ und ’s G’wänd so schwarz ’word’n sind, schon da hab’ i mir ’denkt, aus dem Wetter wird nix gut’s. – Nach’m Ess’n nachher, wie i ’nauf bin zum Steffelveri, der da hinten drob’n, wo’s auf d’ Rehberg-Alm ’nauf geht, sein Häus’l hat, und hab’ ihm a Stück’l Leinwand ’bracht –

Lahndorfer (ungeduldig).
Herrgott! Du bist auch net zum G’schicht’n erzähl’n auf der Welt!

Webersepp.
Da bin i nachher über’s Hang’l ’runter – weißt, auf der drüber’n Seit’n, wo der Fußsteig ’rumführt – so vielleicht vierzig Schuh’ über der Straß’n, an demselb’n Platz’l, wo g’rad ’nüber unter dem Stiglbauern seine Weidplätz’ ’s Häus’l von der Bot’nlisl steht –

Burgl (halblaut).
Jesus Maria!

Webersepp.
Da schau i so mit amal ’nauf geg’n mein Hölz’l – und da war mir’s g’rad, als ob alle Bäum’ rührig ’word’n wär’n und ’s tanz’n anfangen wollt’n. Im erst’n Aug’nblick hab’ i gar net g’wusst, was i denk’n soll – da hat sich der Schnee aber schon durchg’schob’n durch die Licht’n, die gestern g’schlag’n worden is – haushoch, und nachher is ’runter ’gangen in ei’m Sauser – Schnee, Bäum’ und Felsbrock’n – alles durchanander! Die Stad’ln vom Stiglbauern, die hat’s Dir g’rad wegg’wischt, wie wann i’s so mach’ – (Fährt mit der Hand durch die Luft.) Und all’weil zu, ’runter und ’runter – g’rad auf der Lisl ihr Häus’l zu.

Lahndorfer.
Was!

Webersepp.
Da nachher, wo die Schlucht’n anfangen, die sich links ’nunter geg’n’s Bach’l zieh’n, hat sich der Schnee g’staut und auf d’ Seit’n ’druckt – aber die Bäum’, die amal im Spring’n war’n, die sind d’rüber weg, wie wann’s Flüg’l g’habt hätt’n – und meiner Lebtag’ werd’ i’s nimmer vergess’n, wie einer davon über die andern wegg’schoss’n is – kerz’ng’rad wie a Bolz – und nein’g’flog’n in’s Dach, dass ’s ganze Häus’l ’zittert hat, und ’s Dach z’sammg’sunk’n is, wie a Kart’nbau. An Schrei hab’ i g’hört – es muss wohl d’ Lisl g’wes’n sein – und alles war stad. – Keine zwei Vaterunser hätt’st bet’n können, da is alles ’rumg’wes’n –

Burgl (ist in stummen Jammer auf einen Stuhl gesunken).

Lahndorfer (dumpf).
Das hab’ i net woll’n – bei der heilig’n Muttergottes – das hab’ i net woll’n. Und wann unser Herrgott alles weiß, muss er auch das wiss’n, und kann min et straf’n dafür.

Webersepp.
Was unser Herrgott mit Dir z’red’n hat, das kommt später. Z’erst wird sich wohl ’s G’richt auch a biss’l in die Sach’ misch’n, denn es werd’n net g’rad zwei Mensch’nleb’n –

Lahndorfer.
Was! Ja, wer soll denn noch –

Webersepp.
No mein – d’ Lisl halt – und der arme Bua – der Toni! (Man hört den Lärm näher kommender Stimmen.)

Lahndorfer (steht da, mit vorgestrecktem Hals, die Arme weit ausgebreitet, mit krampfhaft zuckenden Fingern; kurze, gestoßene Atemzüge erschüttern seine Brust; plötzlich macht er eine Bewegung als wolle er alles abschütteln und fährt sich mit der Hand über Augen und Stirn).
Na – na, na – na, na, na – es kann net sein – da müsst’ i ja lach’n – der Toni is fort – schon weit fort – schon lang. Der muss schon bald – im nächst’n Dorf sein.

Webersepp.
Hab’n i doch d’ Strass’n ’runterspringen seh’n wie b’sess’n und ’nein in’s Häus’l; – aber ’rauskommen is er nimmer.

Lahndorfer (springt mit einem wilden Aufschrei auf Sepp zu und packt ihn an Brust und Hals).
Schwör’ – sag’ i Dir – schwör’ bei Deiner Seligkeit, dass g’log’n hast – oder es is aus mit Dir. (Der Lärm ist immer näher gekommen. Plötzlich hört man mitten aus den übrigen Stimmen ganz nahe die gellende Stimme Lisl’s: „Da her – da bringt’s ihn her!“ Lahndorfers Arme sinken kraftlos nieder und rückwärts taumelnd erreicht er den Tisch, an dem er sich aufrecht erhält.)


Elfte Szene

Die Vorigen, Lisl, Toni, Landleute; später Franz und Resl.

Lisl (tritt, der Bühne den Rücken wendend, durch die aufgestoßenes Türe; sie ist notdürftig gekleidet; die Jacke nicht geschlossen; ihre offenen Haare hängen über Schulter und Brust; auf Haupt und Armen liegt Kalkstaub).
Da tragt’s ihn ’rein – da ’rein! (Indem sie sich rückwärts, Schritt für Schritt der Mitte der Bühne nähert, bezeichnet sie den vier Burschen den Weg, welche ihr durch die Türe folgen und eine sichtlich improvisierte Tragbahre absetzen, auf welcher Toni liegt, regungslos und mit Blutspuren an den Schläfen. Einzelne Unbeteiligte haben sich mit Simerl, Urschl etc. durch die Türe nachgedrängt und andere wollen sich noch hereinzwängen, während Webersepp, der an die Türe geeilt ist, unter Beihilfe Simerls dieselbe von innen zudrückt; an allen Fenstern gewahrt man neugierige Gesichter.) Da – da legt’s ihn nieder – daher – dem eig’nen Vatern vor d’ Füß’, damit er sei’m tot’n Buab’n in’s G’sicht schau’n kann, den er im Leb’n nie hat kennen woll’n. (Tränen ersticken ihre Stimme; sie tritt auf Lahndorfer zu und fasst ihn beim Arm.) Anderl – da schau her – gelt – das hast Dir damals wohl net ’denkt, wie mir all’ die lieb’n süß’n Wort’ in’s Ohr ’plauscht hast – gelt – das wär’ Dir damals net eing’fall’n, dass unser Lieb’ amal so an End nimmt. Geh’ – Anderl – geh’ – so schau ihn doch an, Dein tot’n Buab’n – der sein Leb’n hat lass’n müss’n, um ’s meinige z’rett’n. O hätt’s unser Herrgott doch zugeb’n mög’n, dass i so dalieget und er könnt leb’n. (Sie bricht an Tonis Seite in die Knie.)

Resl (vor der Türe).
Lasst’s mi ’nein! (Die Türe geht auf, Resl gefolgt von Franz, tritt in die Stube.) Toni – mein Bua! (Sie sinkt an der Bahre nieder und in leidenschaftlichem Schmerz überdeckt sie Tonis Gesicht mit Küssen.)

Lahndorfer (wankt stumm, die Augen starr auf Toni gerichtet, nach der Bahre).

Lisl (springt auf und stößt ihn zurück).
Na – na – Du net – Du rühr’ ihn mir nimmer an, denn Du hast ihn um’bracht und auf Dei’m G’wiss’n liegt sein Tod. (Alle Umstehenden wenden sich mit Zeichen und Lauten des Unwillens und Abscheues gegen Lahndorfer.)

Lahndorfer (keuchend).
So – also so is g’meint! Alles geg’n mi! – Allein soll i steh’n in mei’m Jammer und Elend. Na – – Burgl! Da her! Da is Dein Platz – da bei mir!

Burgl (welche, als Toni herein getragen wurde, auf denselben zugeeilt war, und die Szene über in stillem Schmerz zu dessen Haupt stand, nähert sich ihrem Vater; auf halbem Weg steht sie still).
Vater – i fürcht’ mi vor Dir! (Sie schlägt aufschluchzend die Hände vors Gesicht und wendet sich ab.)

Lahndorfer (steht da, in wilder Verzweiflung um sich blickend; plötzlich ergreift er mit beiden Händen einen Stuhl an der Lehne, hebt ihn mit beiden Armen hoch empor und stößt ihn zu Boden, so dass krachend ein Fuß abspringt. Den Stuhl beiseite werfend, ergreift er das Stück Holz und schwingt es drohend empor.)
’Naus, sag i – ’naus aus meiner Stub’n, alle, wie’s da seid’s – ’naus, sag’ i – ’naus – oder es gibt an Unglück. Mein’ Buab’n will i hab’n – und allein will i ihn hab’n – ganz allein – denn auf die Stund’, wo er mein g’hört, hab’ i g’wart’ mein ganz’ Leb’n lang’. Lasst’s mi allein mit mei’m Buab’n! Geht’s – sag’ i – geht’s – oder – (Franz hat Resl und Burgl ergriffen und mit sich hinausgezogen; die andern folgen; zuletzt Lisl, zögernd, und Schritt für Schritt gedrängt von Lahndorfer. Die Türe schließt sich; Lahndorfer steht einen Augenblick still, währenddessen das Holzstück seiner Hand entfällt; dann stürzt er aufschluchzend vor Toni nieder; mit überströmender Zärtlichkeit.) Mein Toni – mein Herz’nsbua – i bitt’ Di – um aller Heilig’n Will’n – tu’ mir das net an! Mach’s nochmal auf, Deine Aug’n – g’rad a einzig’s Mal, und schau’ mi an mit ei’m gut’n Blick. So red’ doch – i bitt Di – g’rad a Wört’l sag’ – a einzig’s, armselig’s Wört’l, dass mir verzeih’n willst, was i an Dir g’sündigt hab’. Schau’ – Du allein warst mein Glück und mein’ Freud’ und all’ mein Stolz. Und jetzt liegst da – stad und blass – und Dein Herz will kein Mitleid mehr hab’n mit Dei’n armen Vatern, dem alles tot und g’storb’n is, wann Du ihm stirbst – – (Aufschreiend.) Jesses – er macht d’ Aug’n auf! (Er springt empor, wankt auf die Türe zu und reißt sie auf.) Leut’ln – Leut’ln – kommt’s rein – (Alles drängt in die Stube.) – mein Bua is g’sund – mein Bua – is g’sund – (Die letzten Worte verlieren sich in ein unverständliches Lallen.)

Franz (sieht Lahndorfer wanken).
Aber der Bauer, scheint’s, is krank! (Er fängt Lahndorfer, der zusammenbricht, in seinen Armen auf. Burgl eilt ihrem Vater zu Hilfe, während Lisl und Resl um Toni beschäftigt sind.)

(Der Vorhang fällt.)

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13 Vom Schicksal bestimmt. ^
14 hitzig, jäh.
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