Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Prozesshans'l

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2. Akt

(Wohnstube bei Lahndorfer. Die Mädchen sitzen mit ihren Spinnrädern links im Halbkreis, an der äußersten Ecke Urschl. Auf der rechten Seite ein Tisch mit Stühlen, um welchen die Burschen sitzen.)

Erste Szene

Urschl, Kathl, Zenzl und andere Mädchen. – Lenz, Gidi und andere.

Chor.

(Siehe Partitur.)

Gidi (nach dem Gesang).
So is recht, Mad’ln, singt’s nur z’samm’, wie a Häus’l voll Karnarivög’l. Heut’ auf der letzt’n Kunk’l1 muss sich ’was rühr’n, glet Urschl?

Urschl.
Ja!

Gidi.
Mach ’s Maul auf und schlaf’ net schon wieder.

Urschl.
I schlaf’ ja net.

Kathl.
Sei froh, wann’s d’Aug’n zu hat, nachher sieht’s doch Deine Spitzbubereien net.

Gidi.
No freilich, weil i so viel treib’!

Zenzl.
No, d’Leut’ verzähl’n sich g’nug Stück’ln von Dir.

Kathl.
Aber das scheniert Di nix.

Gidi.
Mi net. Nur an nix erschreck’n, hat mein Urahn’l g’sagt, a halbe Stund’ eh’s erstickt is. Und Recht hat’s g’habt, sie is ohne Schreck’n g’storb’n.

Kathl.
Und das war a g’scheidt’s Weib.

Gidi.
Das liegt schon so in uns’rer Famili, da is ein’s g’scheidter als wie ’s ander’.

Zenzl.
B’sonders Du. Is schad’, dass bloß a Bauernbua ’word’n bist; hätt’st an prächtig’n Hanswurst’l ab’geb’n.

Gidi.
Und Du die Frau Putifar, wo die Mannsbilder ’s G’wand z’reißt. (Alles lacht.)

Zenzl.
Da könnt’ i auch noch lach’n, über dem seine dalket’n Red’n. Wann der bei der Arbeit so vorndran wär’, gäb’s gar kein’ besser’n Knecht.

Gidi.
Das was Du tust, bring’ i noch im Schlaf z’samm’.

Zenzl.
Wird schon passier’n, denn Du fürch’st ja d’Arbeit wie der Teuf’l an Weihrauch.

Lenz.
Da mein’ i fast, d’Zenzl hätt’ Recht; denn neulich bin i auf’s Feld ’naus ’kommen, da warst beim Ackern so fest eing’schalf’n, dass Dir die Dach’ln2 auf der Nas’n g’sess’n sind und d’Ochsen sind derweil im Waiz’ ’rumg’lauf’n.

Gidi.
Dafür sind’s Ochs’n; wann’s keine Ochs’n wär’n, wär’ns net ’nein.


Zweite Szene

Vorige, Lisl gleich darauf Webersepp.

Lisl (steckt den Kopf zur Türe herein).
Is der Bauer z’Haus?

Kathl.
Ja Bötin! Du kommst zu uns! Jetzt schlag’ i gleich den Of’n ein!

Lisl.
Lass ihn ganz, i geh’ net ’nein. I hab’s nur dem Herrn Pfarrer net antun woll’n, dass i „na“ g’sagt hätt’ – sonst wär’ i net her. Ihr sollt’s den Bauern net vergess’n lass’n, dass morg’n Fruh’ Kirch’nsitzung is.

Lenz.
Geh’ nur ’rein, der Bauer is net z’Haus und uns brauchst net z’scheuch’n.

Lisl.
Wann i sonst ’was z’such’n hätt’, da, schenieret’s mi Ihr und der Bauer net. (Wendet sich zum Gehen, es tritt ihr Webersepp entgegen.)

Webersepp.
No, bist g’rad’ ’rein; willst schon wieder ’naus? Bleib’ noch da; tummel’n wir uns auch noch a wenig in der Kunk’l.

Lisl.
Das ging’ mir g’rad’ ab; i hab’ Heimgart’n g’nug, wann i z’Haus komm’. B’hüt’ Gott beisamm’! (Ab.)

Alle.
Auch so viel!

Webersepp (kommt nach vorne).
Das möcht’ i doch noch erleb’n, was dahinter steckt, dass die Alte net ’rein z’bringen is in das Haus.

Kathl.
Umso fleißiger sitzt unser Burgl bei ihr. Is g’wiss wieder drunt’, weil’s net daheim is.

Gidi.
No Weber, wie viel Vög’l hast denn jetzt z’Haus?

Webersepp.
Viel, aber kein’ einzig’n so g’schupft’n3, wie Du bist.

Kathl (lachend).
Schon wieder einer, der Di kennt.

Gidi.
Ja, meinst vielleicht, Di kennt man net, Du aufblas’ne Grethl Du, die all’weil ’rumsteigt, wie a Pfau und wann’s über d’Gass’n geht, nachher schwanzelt’s, dass D’meinst, dem Pfarrer sein Bibstück’l4 kommt daher.


Dritte Szene

Vorige, Simerl, gleich darauf Schlaucherl.

Simerl (tritt auf Gidi zu).
Du! Über mein’ Kathl wann nochmal so ’was sagst, nachher – (Hebt den Arm zum Schlag empor.)

Schlaucherl.
Saprament, i glaub’ da komm’ i g’rad recht. (Fasst Simerl’s erhobenen Arm.) Muss denn all’weil g’rauft sein? Habt’s denn gar kein moralisches Prinzip mehr im Leib. Ihr seid’s ja die reinst’n Hott’ntott’n.

Simerl.
Wir? Geh’ weiter, schimpf net, oder i fang’ auch an; und das weißt, da kommst nachher a bissl z’kurz.

Zenzl.
Da hast Recht; geg’n Dein’ Grobheit’n kann a manierlicher Mensch net aufkommen.

Schlaucherl.
Sixt, das is die G’scheidteste von Euch alle z’samm’; die halt’ mi für an manierlich’n Mensch’n. I sag’s ja! Zwanzig Jahr jünger wann i wär’ – d’ Zenzl müsst’ mein g’hör’n.

Zenzl.
Wann i Di aber net möcht’?

Schlaucherl.
Das is net möglich, Dein gut’s Herz hat sich schon all’s z’oft verrat’n.

Zenzl.
Du meinst wohl weg’n die zehn Maß Bier, die schon seit ei’m halb’n Jahr’ bei uns auf der Taf’l steh’n?

Schlaucherl.
Ja, steh’n jetzt die noch dort? Die müss’n ja doch schon lang sauer sein.

Webersepp.
Was willst denn eigentlich da bei uns?

Schlaucherl.
A Zustellung vom Landg’richt hab’ i z’bringen.

Simerl.
Hat der Lahndorfer schon wieder an Prozess g’wonnen?

Webersepp.
Oder ein’ verlor’n?

Schlaucherl.
So weit reicht meine juristische Nas’n net, und ’neinschau’n darf i net. Die Hauptsach’ für mi, das sind meine zwanzig Pfennig Zustellungsgebühr.

Simerl.
Und das bewusste Glas’l Schnaps –

Schlaucherl.
Schlag’ i nie aus; denn Du weißt, i hab’ a hitzige Leber und wann i da net all’weil d’rauf gieß’ – könnt’s amal ’s schönste Unglück geb’n.

Kathl (hat indessen den Schnaps eingeschenkt).
Da hast Dein Glas’l Schnaps. Jetzt musst uns aber ’was lustig’s erzähl’n, wie’s in’ Heimgart’n g’hört.

Schlaucherl.
Damit müsst’s min et plag’n, denn i neig’ mi immer mehr zur Melancholei: Mir is schon oft so monogolisch.

Zenzl.
Geh’ lass’ Di auslach’n. Du, a Mensch, dem nix abgeht –

Schlaucherl.
Als a Weib.

Kathl.
I glaub’s gleich, Du hätt’st noch solche Gedank’n.

Gidi.
Sei froh, dass ledig bist.

Schlaucherl.
Oh, zeit’nweis kommt’s halt doch über mi, wo i’s einsieh’, dass net gut is, wann der Mensch zum Einsiedler g’word’n und der Wunsch nach Zweisiedelei regt sich in g’waltiger Größ’n.

Zenzl.
Nachher schaut i mi halt um a Zweisiedlerin um!

Schlaucherl.
Das is leicht g’sagt; aber zum Heirat’n g’hör’n bekanntlich zwei und da mir der nötige Köder, in Gestalt des Nervus rirum (Rühr’ um) fehlt, so wird auch keine anbeiß’n.

Kathl.
Muss denn all’weil nach’m Geld g’heirat’ werd’n.

Schlaucherl.
Was tu’ i mit’m sichern Brot, wann i kein Fleisch dazu hab’.

Simerl.
I redet hatl amal mit die Untersberger-Mand’ln5, die verrat’n Dir schon, wo’s Geld liegt.

Schlaucherl.
Für so dumm musst die hohe Obrigkeit doch net halt’n!

Simerl.
Du glaubt’s net? Mein Lieber, da musst amal das Büch’l les’n, was i von meiner Urahn’l g’erbt hab’, da steh’n die Sprüch’ln alle drin, wo’s ei’m aufmach’n und ’s Geld hergeb’n, was D’ verlangst.

Webersepp.
Seid’s Ihr jetzt so dumm, oder stellt’s Euch nur so?

Simerl.
No, dass fein die G’schicht von demselb’n Stadtschreiber und vom Pfarrer net wahr wär’!

Schlaucherl.
Erzähl’ Simerl, erzähl’ – sonst stirb i vor Neugier’, und Du musst nachher d’Leich’nkost’n zahl’n.

Simerl (setzt sich an den Tisch; alles drängt sich um ihn).
Schon im Jahr’ 1529 war a Bauernknecht, Lazarus hat er g’heiß’n, der war beim Stadtschreiber z’Reich’nhall. Die zwei sind amal mit’m Stadtpfarrer Ellberger und mit’m Pfleger am letzten Frauentag’ am Untersberg zu. An der Klamm, „am hoh’n Thron“ heißt man’s, wo a Loch, a sakrisch, in’ Berg ’neingeht, haben’s auf amal a silberne Schrift ang’schrieb’n g’seh’n, die’s alle mitanand’ net hab’n les’n können. Wie ’s so sinnier’n und einer den andern anschaut, steht auf amal a kleinwinzig’s Mand’l vor ihnen mit ei’m großmächtig’n Bart. „Möcht’s net a biss’l in Heimgart’n ’reingeh’n“, sagt das kleine Mand’l, „bei uns geht’s kreufidel zu, wir lass’n uns nix abgeh’n.“

Gidi.
Das is wahr, die ess’n und trink’n, was in sie ’neingeht.

Schlaucherl.
Und bleib’n doch so kleine Stumperln.

Zenzl.
Das macht ihr hoh’s Alter, denn die werd’n sakrisch alt.

Schlaucherl.
’s Maul g’halt’n! Weiter Simerl im Text! Die hohe Obrigkeit wartet!

Simerl.
No also – wie’s halt so diskrier’n, auf amal kommt noch einer ’raus und schreit –


Vierte Szene

Vorige, Lahndorfer.

Lahndorfer (durch die Mitte).
Jetzt macht’s, dass Feierab’nd wird! I kann Euch heut’ so lang net brauch’n; macht’s Eure dummen G’schicht’n wo anders aus! (Geht in die Seite ab.)

Kathl.
Herrgott, bin i aber jetzt erschrock’n!

Schlaucherl.
Himmelsaprament, könnt’ i mi jetzt ärgern, dass i da nix d’rein z’red’n hab’ – aber i ärger’ min et.

Zenzl.
Der tut uns gar kein’ Poss’n. Jetzt geh’n wir zu uns vor und hock’n uns da z’samm’ und da muss der Simerl weiter erzähl’n.

Schlaucherl.
Mad’l, wie i sag’, um 20 Jahr’ müsst’ i halt jünger sein! Du hast Einfäll’ wie a Haus. Jetzt geht’s Ihr derweil’ voraus, i bring’ dem Bauern seine Schreib’n und nachher komm’ i nach.

Gidi.
So is; und der Simerl muss sein’ Almfahrt anstimmen, und so singen wir uns vor in’s Wirtshaus.

Simerl.
Mein’tweg’n, aber tut’s mit!

Lied.

(Siehe Partitur.)

(Während des Gesanges nehmen die Mädchen ihre Spinnräder, stellen sich paarweise auf und marschieren zum Schluss nach dem Takte der Musik ab. Urschl ist vor ihrem Spinnrad eingeschlafen. Sobald Gidi an der Türe ist, kehrt er um und betrachtet die schlafende Urschl.)

Gidi.
Schau’, schau’, wie gut sich die unterhalt’. Was tu’ i denn nur, damit’s recht erschrickt? I hab’s schon! (Er hält ihr das brennende Licht dicht vor das Gesicht.)

Urschl.
Es brennt! Es brennt!


Fünfte Szene.

Vorige, Burgl, glich darauf Frau.

Burgl.
Was is denn das für a Lärm? Wo brennt’s denn?

Gidi (lachend).
Unter der Urschl ihrer Nas’n.

Burgl.
Hast aber auch lauter so dumme Einfäll’, bei denen ’s größte Unglück ’rauskommen könnt’.

Urschl.
Sixt es, Du Es’l! Mit Deine dummen G’spaß hätt’ i mir bald ’s G’sicht verbrennt.

Gidi.
So a schön’s hätt’st leicht wieder krieg’n können. (Beide ab.)

Burgl (räumt die Stube auf).

Franz (mit einem Buch in der Hand).
Gut’n Abend! Is der Lahndorfer daheim?

Burgl (ist bei Franzen’s Eintritt zusammengefahren).
Ja, er is schon z’Haus, i will’n gleich hol’n.

Franz (vertritt ihr halb den Weg).
Lass nur gut sein, es pressiert net so; i kann leicht wart’n.

Burgl.
Wie d’ willst. (Setzt sich an das Spinnrad, das Urschl vergessen.) Setz’ Di halt derweil’ nieder.

Franz (setzt sich an den Tisch und legt das Buch darauf).
No, habt’s recht viel z’samm’bracht den Winter, mit’m Spinnen?

Burgl.
No mein – der Vater is z’fried’n.

Franz.
Was habt’s denn für an Weber?

Burgl.
An Sepp.

Franz.
Wie viel meint er denn, dass er ’rausbringt?

Burgl.
No, so fünf, sechs Stuck meint er, könnt’n’s leicht werd’n.

Franz.
So –

Burgl.
Ja –

Franz (der sich über den Tisch beugt und mit den Fingern darauf spielt).
Wirst recht froh sein, denn i mein’, Du könnt’st bald d’Leinwand recht notwendig brauch’n.

Burgl.
Wieso?

Franz.
No, i mein’ halt zur Aussteuer, wann jetzt doch den Toni heirat’st.

Burgl (springt auf, drückt die Hand aufs Herz).
So – ja, ja – Aber wann’s so wär’ – (Sie setzt sich wieder.)

Franz (mit unsicherer Stimme).
Nachher, meinst wohl – nachher ging’s mi nix an.

Burgl.
Das hab’ i net g’sagt.

Franz.
Aber ’denkt hast Dir’s – und ’denkt, Deand’l, is manchmal schlimmer, als g’sagt; denn was man sagt, das kann net wahr sein und kann a Ausred’ sein oder a Vorwand, aber was man denkt, das is all’weil das, was man wirklich im Herz’n meint.

Burgl (kindisch trotzig).
Und wann i ’denkt hätt’, dass Di nix anging’, ob i den Toni nimm oder net, hätt’st Du vielleicht an Grund zu einer Widerred’?

Franz (steht auf).
Wer weiß – vielleicht doch!

Burgl (bissig).
Könnt’ mir’s net einbild’n; I meint eher, g’rad Du könnt’st so an Grund am allerwenigst’n hab’n.

Franz.
Schau’ Burgl; i hab’ mi schon oft d’rüber wundern müss’n, dass g’rad’ das selbig Deand’l, das bei alle Leut’ bekannt is weg’n seiner Sanftmut, g’rad’ geg’n mi – geg’n mi allein, so trutzig is und so harb; und schau’ Burgl, da is mir’s gar oft schon in’ Sinn ’kommen, dass dahinter am End’ was b’sonders steck’n könnt’.

Burgl (gezwungen lachend).
Dass i net wüsst’!

Franz.
Sixt, Deand’l, wann i so z’ruck denk’ an die früher’n Zeit’n – (Er setzt sich, von Burgl etwas entfernt, auf dieselbe Bank, auf der das Mädchen sitzt, rückt aber im Laufe der Rede immer näher.) – schau, wie war’s da so schön, wann wir Tag für Tag mitanander in d’Schul’ spaziert sind, i, der Erst’ von der ältest’n Klass’ und Du, die Brävst’ und die Liebst’ von den Jüngst’n – Herrgott, wie hab’ i da auf’passt, dass Dir ja nix g’schieht – und weißt – wie i Dir nachher all’mal g’holf’n hab’ bei Deine Aufgab’n, wann Dir nix z’samm’gangen is.

Burgl (träumerisch).
Ja, ja –

Franz.
Und wann d’Schul’ aus war – die Freud’ und die Seligkeit, wann wir so g’spielt hab’n mitanander – (Rückt ganz zu ihr.) Und weißt es nachher auch noch, wie wir all’weil ’nunter sind an’s Bacher’l, wo i die Mühl’n ’baut hab’, und wie Du in d’Hand’ln ’patscht hast vor lauter Freud’, wann sich die G’schicht’ so ’dreht hat im Wasser –

Burgl.
Ja – ja – und weißt’s auch noch, wie i amal ’neing’fall’n bin –

Franz.
Und wie i Di nachher heimtrag’n hab’ zu mir –

Burgl.
Und wie mi nachher Dein’ Ahn’l – unser Herrgott hab’s selig – in der Kammer aus’zog’n hat.

Franz.
Ja – ja, und wie’s dann Feuer g’macht hat am Herd, damit’s Dein G’wand hat trocknen können, und Du bist derweil’ in der Stub’n umanand’ g’sprungen im Rock von meiner Resl, der Dir so lang war, dass all’weil d’rauftret’n hast müss’n.

Burgl (fröhlich lachend).
Ja – und am Sonntag, wann wir beianander g’sess’n sind, drauß’n auf der Gräd6

Franz.
Da hab’ i Dir alle meine G’schicht’ln erzählt, die i g’wusst hab’ – und wann mir nix mehr eing’fall’n is, nachher hab’ i schon so viel Unsinn z’samm’g’log’n.

Burgl.
Weißt auch noch, wie D’ all’weil Meß g’les’n hast, beim heilig’n Nepomuk auf der Bruck’n?

Franz.
Und Du warst derweil’ mein’ kleine Pfarrers-Köchin, und hast mir ’was recht Gut’s ’kocht – aus Wasser und Sand.

Burgl.
Das war freilich a schöne Zeit – bis nachher fort’kommen bist, in d’Stadt ’nein.

Franz.
Nachher war’s aus! Aber was war z’mach’n! Wie i auf d’Welt ’kommen bin, is mein’ Mutter dag’leg’n am Tod’ und hat sich halt in der Sterbensangst unser’m Herrgott verlobt, wann’s wieder g’sund werd’n könnt’, dann wollt’s aus ihr’m Bub’n an geistlich’n Herr’n mach’n. Das war’n schwere Jahr’ für mi, da drin in der Stadt, fremd und verlass’n unter all’ den Leut’n. – Aber wann’s auf Ostern zu’gangen is, oder auf’n Sommer, Du mein lieber Herrgott, da war all’s vergess’n. Wann i nachher so heimg’wandert bin, mein Ranz’l am Buck’l und hab’ über d’Wies’n unser Kirchtürm’l ’rausspitz’n seh’n, da hab’ i Dir an Juhschrei ’tan, dass bloß so g’hallt hat in die Berg’ – und die paar Monat’ daheim – das war a Lustbarkeit und a Freud’ – bis i wieder fort hab’ müss’n. Und so is halt g’wes’n acht lange Jahr’, bis – bis –

Burgl (mit abgewandtem Gesicht und unter Tränen).
Ja – bis – bis amal in d’Vakanz ’kommen bist mit Die’m langen schwarz’n Rock und Die’m Krawatt’l – wo Du damals mit Die’m Vatern ’nunter’gangen bist in’s Wirtshaus und Dir ein’ aufg’lad’n hast, dass Di Deine Füß’ nimmer ’trag’n hab’n – und Du mitt’n in der Stub’n – vor alle Leut’ der Kellnerin a Buß’l geb’n hast – z’weg’n dem’s Di nachher d’rin im Seminari – nimmer b’halt’n hab’n.

Franz (steht auf).
Also das is, mein lieb’s Deand’l, was Di so z’ruckhalt’ von mir, was Dir so z’Herz’n geht, dass mi fast gar nimmer anschaust? Geh’ weiter, Burgl – (Fasst ihre Hände.) – schau mir in d’Aug’n und

Burgl (aufschluchzend).
Lass mi geh’n! (Sie springt auf, stößt Franz von sich und wirft dabei das Spinnrad um; die Hände vor’s Gesicht gedrückt, eilt sie der Türe zu; im glichen Augenblick tritt Lahndorfer ein.)


Sechste Szene

Vorige, Lahndorfer.

Lahndorfer.
Ja, was wär’ das! Der g’studierte Herr Franz bei mir in meiner Stub’n, da müss’n freilich d’Spinnrad’ln vor lauter Schreck’n d’rüber die torklet’ Krankheit7 krig’n. (Zu Burgl, die immer noch dasteht und ihre Bewegung zu unterdrücken sucht.) Heb’s auf!

Burgl (tut, wie ihr befohlen).

Franz.
Grüß’ Gott, Lahndorfer – müsst’s net bös sein, dass i so spät noch komm’; aber mein Vater schickt mi mit einer Botschaft, die kein’ Aufschub leid’t.

Lahndorfer.
Das muss schon ganz ’was b’sonders sein, denn sonst könnt’ i so leicht net begreif’n, wie Du Di zu mir da ’rein verirrst. (Zu Burgl.) Was hast denn noch z’such’n da? Mach’ dass ’naus kommst. (Burgl will gehen.) Oder halt! Bleib’ da! Man kann ja net wiss’n was das für a saubere Botschaft sein wird‚ und von so ei’m g’studiert’n Herrn kannst allbot Dein’ Grobheit hab’n. Da hätt’ i ja nachher net amal an Zeug’n, bald i prozessier’n wollt’. D’rum bleib’ da, und setz’ Di zum Of’n hinter. (Tritt vor Franz hin.) Also was gibt’s?

Franz (die ganze Szene über ernst und ruhig, mit möglichst wenig Aktion und mit fester Stimme).
Mein Vater hat sich neulich beim Preisscheibets verkühlt und liegt im Bett’ –

Lahndorfer.
Da wär’s g’scheidter, Du gingst statt zu mir, zum Bader –

Franz.
Und d’rum, weil er selber net kommen kann, hat er mi g’schickt. Ihr wisst’s ja eh’, dass i, weil mein Vater überhaupt all’weil kränk’lt, mit Wiss’n und Will’n von der G’meind’ ’s Bürgermeisteramt für ihn versieh –

Lahndorfer.
Das wird bei der nächst’n Wahl auch anders werd’n – kannst Di verlass’n d’rauf.

Franz.
I komm weg’n dem Waldb’stand, den der Webersepp Euch überlass’n hat.

Lahndorfer (barsch).
Geht der Di vielleicht ’was an?

Franz.
Mi selber geht die Sach’ freilich erst in zweiter Hand’ was an, weg’n meine Stadl’n. Aber z’erst hat’s Bürgermeisteramt und der Förstner ’was d’rein z’red’n.

Lahndorfer (spöttisch).
Das möcht’ i wiss’n!

Franz.
Mei’m Vatern is heut’ Mittag an’zeigt word’n, dass gestern in aller Früh’, ohne dass a Mensch ’was g’wusst hat, zwanzig Leut’ von Euch’ ’naufg’schickt word’n sind zum Abholz’n. Der B’stand darf aber, weil er a Schutzwald is, net abg’holzt werd’n.

Lahndorfer.
Das wär’ mir schon ganz ’was Neu’s, dass i mit mei’m eig’nen Sach8 net mach’n dürft’, was i möcht’.

Franz.
In dem Fall’ net.

Lahndorfer.
So, willst mir’s vielleicht Du verbiet’n?

Franz.
I net, aber ’s G’richt und ’s G’setz.

Lahndorfer.
Das kost’ mi g’rad a Lacher. Bist vielleicht Du ’s G’richt! – Und a G’setz, wo das drin verbot’n is, kenn’ i net. Gäb’s aber wirklich a solches, was i übrigens noch lang net glaub’ – wer kann denn mi zwingen, dass i so a schön’s G’setz lies?

Franz.
Ob einer ’s G’setz kennt oder net, wann er’s übertritt, wird er g’straft. So is amal, und jeder muss sich darnach richt’n – auch der reiche Lahndorfer.

Lahndorfer (lacht laut hinaus).

Franz.
Weil aber kei’m Mensch’n ’was damit dient is, wann a Unglück g’schieht, und ’s G’richt straft Euch hint’nach, so hat mi mein Vater g’schickt und i hab’ die Verordnungen gleich mit ’bracht, damit’s Euch die G’setzer anschau’n könnt’s, die daher an Bezug hab’n.

Lahndorfer.
Jetzt will i Dir ’was sag’n! Das da herin is mein’ Stub’n und wer da ’was sag’n oder ’was treib’n will, was mir net passt, zu dem sag’ i kurz und gut: Da machst, dass ’naus kommst.

Franz (fährt auf).
Lahndorfer! (Beherrscht sich.) I will net g’hört hab’n, was g’rad g’sagt word’n is, aber i sag’ Dir noch amal, dass i da bin an Stell’ der Ortsobrigkeit, und da gibt’s kein’ Tür’ zum weis’n – sollt’s aber der Lahndorfer doch probier’n woll’n, so könnt’s ihm leicht acht Tag’ eintrag’n, für die er kein’ Ersatzmann stell’n kann, und wo ihm sein Geld auch nix nutzt. (Zuredend.) D’rum seid’s g’scheid und habt’s a Einseh’n, denn i glaub’ schwerlich, dass Euch g’rad’ a b’sondere Freud’ machet, wann man sich im Ort erzählt, der reiche Lahndorfer muss sitz’n.

Burgl (schüchtern und mit bittender Stimme).
Vater!

Lahndorfer (macht ein paar Schritte gegen Franz, wie um zu sprechen, wendet sich dann aber kurz ab und schweigt.) (Pause.)

Franz.
Hat Euch der Webersepp bei der Übergab’ g’sagt, dass der B’stand a Schutzholz is?

Lahndorfer.
Der Webersepp? – – Ja – g’sagt hat er’s schon – aber – was weiß denn i, was a Schutzholz ist.

Franz.
Daherin im G’setzbuch steht’s ganz g’nau. (Blättert im Buch.) Da – da steht’s: (Liest.) „Artik’l 36 Nr. 2. „Auf Hochlagen der Alpen und in allen Örtlichkeiten, wo die Bewaldung zur Verhütung von Bergstürzen und Lawinen dient –“ und so weiter. A Lawin’ is a Lahn. D’rum passt das daher. – Ihr wisst’s wohl selber, dass sich g’rad über dem Hölz’l im Fruhjahr all’weil der Schnee druckt. Wenn das Hölz’l g’schlag’n wird, is a Unglück so g’wiss, als zweimal zwei vier is, und was den, der so ’was verschuld’t, für a Straf’ trifft –

Lahndorfer (tritt auf Franz zu).
Jetzt will i Dir ’was sag’n. Ob der B’stand a Schutzwald is, oder net, i lass’ ihn desweg’n abholz’n, weil fast in alle Bäum’ der Käfer is; und in dem Buch da steht auch drin, dass a B’stand, wo der Käfer so stark is, g’schlag’n werd’n muss.

Franz.
Da schau her; mir scheint, als ob der Bauer das G’setz halt doch kennet.

Lahndorfer (nach einer ärgerlichen Bewegung).
No ja – so g’scheidt als wie Du bist, bin i am End’ auch noch.

Franz.
Aber so ganz g’nau, scheint’s, habt’s es halt doch net g’les’n, denn da – (Blättert.) bei Artikel 75, da steht a oberstrichterlich’s Erkenntnis: (Liest.) „Eigenmächtig in einem Schutzwald vorgenommener Kahlhieb kann nicht mit der Aufstellung entschuldigt werden, dass der Holzbestand vom Borkenkäfer ergriffen gewesen sei. (Er legt das Buch auf den Tisch.)

Lahndorfer (schlägt wütend mit der Faust auf den Tisch).
Wann das G’setz nur gleich der Teuf’l holet. Kaum hast a Ausred’, wo D’ meinst, Du könnt’st Di ’nauswuz’ln9 damit, nachher steht Dir auch schon drin, dass nix is. (Geht mit langen Schritten im Zimmer auf und ab.)

Franz.
Eigentlich bin i jetzt mit mei’m Auftrag’ z’End’, aber i hätt’ halt doch noch ’was z’sag’n.

Lahndorfer.
Nur zu – nur zu – weil schon g’rad amal im Zug’ bist.

Franz.
Schaut’s Lahndorfer – Ihr meint’s wohl, dass i und mein Vater auf’s Hirn g’fall’n sind, dass wir net merk’n müsst’n, wo die ganze G’schicht’ ’naus will.

Lahndorfer.
So – hat sich vielleicht der Webersepp d’rüber ’s Maul z’riss’n – der Lump!

Franz.
Net a Sterb’nswörtl hat er mir g’sagt, so wahr i da steh’! Aber man müsst’ doch so dumm sein, wie neun Tag’ Reg’nwetter, wann man net merk’n tät’, dass die ganz’ G’schicht’ bloß d’rauf abg’seh’n is, uns an Schad’n z’mach’n. Wozu wär’s denn sonst der Fall, dass die Arbeitsleut’ drob’n von Euch den Auftrag hab’n, z’allererst, g’rad’ über dem Platz, wo unsere Hütt’n steh’n, a Licht’n durchz’hau’n, von fünfzig Schritt’ in der Breit’n. So sagt’s mir nur g’rad, was habt’s denn davon, wann der Schnee meine Hütt’n nieder druckt. Mit 40 bis 60 Mark’ln is der Schad’n wieder herg’stellt, aber Euch kann’s a biss’l mehr kost’n.

Lahndorfer.
Und wann’s mi tausend Mark kost’ – es is amal mein Will’n, und i setz’ ihn durch.

Franz.
Nachher bleibt mir freilich nix anders übrig, als ’s G’richt davon in Kenntnis z’setz’n, damit’s Euch mit G’walt davon abhalt’.

Lahndorfer.
Mein’tweg’n, tu’s – aber morg’n in aller Fruh’ schick’ i noch zehn Leut’ ’nauf, damit’s a biss’l g’schwinder geht. Und rot will i mir den Tag im Kalender anstreich’n, wo i Dir a Druckerl geb’n kann. Wer anders als Du hat denn ’s ganze Dorf rebellisch g’macht mit dem neumodisch’n G’lump und mit der Maschinenwirtschaft. Treib’s nur so zu, treib’s nur so zu – wirst schon seh’n, wo damit hinkommst.

Franz.
Das weiß i jetzt schon; i komm’ vorwärts und Ihr bleib’ts z’ruck.

Lahndorfer.
Wer sagt das? Mein’ Wirtschaft hat mir noch nie so viel Geld ’trag’n, als wie g’rad jetzt.

Franz.
Wie kommt’s nachher, dass der Höchstheimer, der Gütertrümmerer, vorige Woch’ bei mei’m Vatern war, um ihn z’frag’n, ob der Lahndorfer vielleicht sonst wo noch Geld aufg’nommen hätt’, weil er sonst nach dem, was er schon ’geb’n hätt’ nix mehr geb’n könnt’.

Lahndorfer (außer sich).
Lug’n sind’s – nix als gottverfluchte Lug’n.

Franz.
Nehmt’s Euch vor’m Höchstheimer in Acht, Lahndorfer. Ihr wisst’s ja wohl, wie er’s dem Einödbauern g’macht hat. Fünftausend Mark hat er ihm ’geb’n auf den Hof, der seine dreißigtausend wert war. Und jetzt is der Hof auf der Gant. I weiß, die Prozessiererei frisst Geld – und die ewige Aufregung muss an Mensch’n z’ Grund’ richt’n. Schaut’s Lahndorfer, wenn Ihr auch jede G’leg’nheit sucht’s, mir und mei’m Vater z’schad’n, so woll’n wir Euch g’wiss net mit Gleich’m vergelt’n – und wenn ein Mensch im Dorf is, der Euch wohl will, so bin’s i.

Lahndorfer (springt auf, mit fieberhafter Stimme).
So ’was will i nimmer hör’n von Dir – g’rad von Dir am allerwenigsten – denn ’s höllische Feuer und alle Schlechtigkeit der Welt is mir net so verhasst wie Du.

Franz.
Und wodurch hab’ i den Hass verschuld’t? I bin mir nix bewusst – und das einzige, wofür i nix kann; dass i der Sohn von mei’m Vater bin – das wird’s ja doch wohl net sein.

Lahndorfer (fährt auf, mit einer Bewegung, als wollte er die letzten Worte bejahen).

Franz (herzlich).
Probiert’s es amal im Gut’n mit mir – gebt’s mir Eure Hand – und wann’s ’was gibt, was kein Mensch wiss’n soll und was Euch druckt – vertraut’s es mir an –


Siebte Szene

Vorige, Toni.

Toni (tritt ein).

Lahndorfer (der dastand mit ausgestreckten Händen, gerade als wollte er sich gegen die warmen Worten Franzens wehren, stürzt auf Toni zu).
Weil nur da bist, jetzt is recht, hab’ schon lang’ auf Di g’wart’. (Zieht ihn nach der Mitte der Stube. Zu Franz:) Jetzt musst halt net harb sein, Herr Franz, dass i Dir kein G’hör mehr geb’n kann, denn i hab’ mit’m Toni da ’was Wichtig’s z’red’n. Gelt Toni – (Winkt ihm zu.) – wir hab’n ’was abz’mach’n mitanander?

Toni (verlegen zögernd).
Ja – schon – (Leise zu Burgl.) Hast Du schon ’was g’sagt?

Burgl.
Kein Wört’l.

Franz.
Wenn’s so is, nachher muss i wohl geh’n. D’rum noch a letzte Frag’ – wird im Weberhölz’l weiter g’schlag’n oder net?

Lahndorfer.
G’schlag’n wird!

Franz.
So hab’n wir weiter nix mehr z’red’n mitanand’. Gute Nacht!

Lahndorfer und Toni.
Gute Nacht!

Franz (reicht Burgl im Vorbeigehen die Hand).
B’hüt’ Di Gott, Burgl!

Burgl (ohne in die Hand einzuschlagen, mit abgewandtem Gesicht).
B’hüt’ Di Gott, Franz’l.

Lahndorfer.
Da nimm Dein’ Schartek’n auch mit. (Wirft ihm das Buch nach, das Franz vergessen.)

Franz (hebt das Buch vom Boden auf).
I dank’ Dir halt recht schön, das mir den Weg bis zum Tisch hin erspart hast. – B’hüt’ Gott, Burgl. (Ab.)


Achte Szene

Lahndorfer, Burgl, Toni.

Toni.
Was habt’s denn g’habt mit dem? Hat’s ’was geb’n?

Lahndorfer (ist auf einen Stuhl gesunken).
Mir is völlig net gut!

Toni (eilt auf ihn zu).
No, no – war’s denn so ’was arg’s?

Lahndorfer (schlägt mit der Faust auf den Tisch).
Wann nur der leidige Satan die ganz’ Wirtschaft holet! Es gibt ja so kein’ G’rechtigkeit mehr auf der Welt.

Toni.
Da wird’s wohl g’scheidter sein, wann i wieder geh’, denn es kommt mir vor, als ob i zur unrecht’n Zeit ’kommen wär’.

Lahndorfer.
Hast Du vielleicht auch ’was ausz’kart’ln mit mir?

Toni.
I hab g’meint, Ihr wüsst’s es eh’ schon –

Lahndorfer.
I! Wer hätt’ mir’s denn sag’n soll’n?

Toni.
Ihr habt’s doch vorhin selber g’sagt –

Lahndorfer.
A was; das war g’rad a Ausred’, dass i den leidig’n Mensch’n zum Haus ’naus ’braucht hab’. Wann aber wirklich ’was am Herz’n hast, so brauchst Di net z’druck’n lass’n, nur ’raus damit!

Toni (sich am Kopf kratzend).
Ja mein Gott, das is so g’schwind net g’sagt.

Lahndorfer.
No, so a waxer10 Loder, wie Du, der wird noch net lang wört’ln! Und gar ’so was schierlich’s11 wird’s auch net sein, sonst is g’scheidter, Du b’haltst es bei Dir.

Toni.
Na, nix schierlich’s is net, im Geg’nteil’, ’was bildsauber’s wär’s, was mi druckt.

Lahndorfer.
No, nachher druck’s ’raus.

Toni.
Ja, bald Ihr so kurz an’bund’n seid’s, nachher werd’ i’s wohl auch so mach’n müss’n, und sag’ halt frei weg: Gebt’s mir Euer Burgl zum Weib!

Lahndorfer (fährt erschrocken auf).
Was! Dir is wohl ’s Hirn brandlet ’word’n? (Im gleichen Augenblick kommt Lisl, so dass sie die letzten Worte Tonis hört, bleibt aber rückwärts stehen.)


Neunte Szene

Vorige, Lisl.

Lisl (jammernd).
Sixt es, sixt es! Also doch!

Lahndorfer.
So a G’schicht’ ging’ mir jetzt g’rad auch noch ab! (Zu Burgl.) Wie kannst Denn Du Di untersteh’n, hinter mei’m Ruck’n mit dem a G’spusi12 anz’fangen?

Burgl.
I hab’ nix ang’fangt, Vater! Der Toni hat bloß in all’n Ehr’n d’rum g’fragt, ob i sein Weib werd’n will. I hab’ net „Na“ und net „Ja“ g’sagt, sondern hab’ ihn an Di verwies’n, weil doch das g’schieht, was Du sagst.

Lahndorfer (sich beruhigend).
No – nachher is ’s Unglück noch lang net so arg! (Erblickt Lisl und lacht hell auf.) Ja – i schau’ nur g’rad so, - die Bot’nlis’l in mei’m Haus! (Brüsk.) Die Alt’ und der Jung’! Da is wohl das alles a ab’kartete G’schicht’? Wann’s aber meint’s, i ließet mi durch den Antrag zu ’was zwingen, da seid’s um a paar Stund’ z’spat d’ran. (Zu Lisl.) Oder brauchst ’leicht a Geld! I hab’ kein’s!

Toni.
Der Teuf’l soll mi hol’n am Platz’l da, wann i a Sterb’nswört’l versteh’ von dem, was der Bauer sagt.

Lahndorfer (schaut ihm prüfend ins Gesicht).
No ja – das kann ja sein! (Zu Lisl.) Aber Du – Du hätt’st doch so ’was net zulass’n soll’n.

Lisl.
Ja meinst, i hab’ min et dageg’n g’wehrt, wie man sich nur wehr’n kann? Aber was willst denn mach’n! Er hat sich halt amal ’s Mad’l in ’Kopf g’setzt, da kannst nachher red’n, was D’ magst – er hat halt denselbig’n dick’n Schäd’l als wie –

Lahndorfer.
Jetzt i sag’ kurzweg, schlag’ Dir das Deand’l aus’m Kopf; es wird nix.

Toni.
Warum nachher net? Hab’ i ’leicht amal ’was ang’stellt, dass mir verwehrt sein sollt’, in ehrlicher Weis’ um a Bauerntochter anz’halt’n und wann’s auch die Tochter vom reich’n Lahndorfer wär’?

Lahndorfer.
Davon red’t kein Mensch.

Toni.
No also, dann kannst mir’s auch net verwehr’n, wann i nochmal nach Ehr’ und Brauch mein’ Antrag stell’, und Di frag’: Bauer, willst mir Dein’ Tochter geb’n?

Lisl (ist an seine Seite getreten und will ihn immer zurückhalten).

Toni.
So lass mi doch geh’n.

Lisl.
Willst jetzt Deiner Mutter gar nimmer folg’n?

Toni (zu Lahndorfer).
No, hast jetzt da d’rauf gar kein’ Antwort mehr?

Lahndorfer (ernst).
Es kann net sein!

Toni (mit unterdrückter Erregung).
Und warum net, Du musst doch an Grund hab’n?

Lahndorfer.
Willst mit Du vielleicht zwingen, dass i Dir meine Grün’ sag’?

Toni.
Vom Zwingen kann keine Red’ sein – aber verlangen kann man, dass man auf a g’rade Frag’ auch a g’rade Antwort kriegt.

Lahndorfer.
No, i mein’ doch, die g’rädest’ und kürzest’ Antwort, die’s gibt, die hast schon kriegt. – Es wird amal nix d’raus.

Lisl.
Geh’ zu, Toni, und gib Di z’fried’n. Wann doch amal sixt, dass er net Ja sagt, nachher nutzt’s ja doch nix. Lass uns lieber geh’n!

Toni.
Na, Mutter, gar so g’schwind is die Sach’ net abg’macht. Z’erst hab’ i noch a Wört’l an d’Burgl, und nachher s’Letzt’ an ihr’n Vater. Sag’ Deand’l – dass Dein Vater mi so kurz abweist, geht Dir das so wenig nah, dass dasteh’n kannst ohne a Wört’l z’red’n, weder dafür noch dageg’n?

Burgl.
Was kann i da sag’n, Toni! Nachdem, was mein Vater g’sagt hat, hab’ i wohl kein Wort mehr. So gib Di halt d’rein, in Gott’s Nam’! Schau’, es gibt ja leicht noch Schönere und Bessere als i bin –

Toni.
So – also mit dem Trost’ werd’ i abg’speist: Geh’ weiter um a Haus – und such’ Dir ’was ander’s. Dass aber halt i net so g’wachs’n bin, um jetzt schön stad mein Hut auf’s Haar z’druck’n, und mi ’nausz’schleich’n zur Tür’! Freilich – aus Deiner Antwort hab’ i wohl g’seh’n, dass besser is für uns, wir kommen net z’samm’. Denn ei’m Mensch’n gut sein, wie Du mir’s vielleicht warst, heißt noch lang’ net die Lieb’ hab’n, die man für’n Eh’stand braucht.

Lahndorfer.
Umso besser für Di, wann Du’s einsixt.

Toni.
No ja, Du kannst schon Recht hab’n; desweg’n hab’n wir zwei doch noch net ausg’red’t. Denn dass Ihr sagt’s, i hab’ mein’ Grund, das langt mir net. I weiß, dass Ihr mi all’weil den bravst’n, fleißigst’n, unbescholt’nst’n Bursch’n im ganz’n Dorf g’heiß’n habt’s. Wann’s jetzt auf amal anders von mir denkt’s, so muss i entweder verläumd’t word’n sein, oder es steckt sonst ’was dahinter – und mit ei’m solch’n Verdacht kann i net fort von dem Platz.

Lisl.
Geh’ Toni, sei g’scheid’t und lass uns fort!

Toni.
Lass mi geh’n, Mutter, Du kennst mi und hast g’rad selber g’sagt, dass i an eig’nsinnig’n Kopf hab’; jetzt will i ihn g’rad’ amal aufsetz’n.

Lahndorfer.
Den kannst aufsetz’n, wie D’willst; es hilft Di doch nix. Und wann unser Herrgott selber vom Kreuz’ ’runter käm’ und leget a gut’s Wört’l für Di ein, nachher wär’s auch net anders.

Toni.
Lahndorfer! Lasst’s min et so fortgeh’n von Euch, oder die Stund’ müsst’ ausgeh’n mit einer Feindschaft zwisch’n uns, die durch nix mehr gut z’mach’n wär’. Ihr werd’t’s mir zwar sag’n: Was liegt denn mir an Deiner Freundschaft! Aber legt’s net all’s so leicht auf d’Seit’n, denn Ihr habt’s so bald niemand mehr, der Euch gut will. I aber hab’ Euch all’weil verteidigt, weil i Euch von Herz’n gut bin. D’rum seid’s off’n mit mir und lasst’s mi ehrlich wiss’n, warum’s mir die Burgl verweigert’s.

Lahndorfer (nach einigem Zögern zu Lisl).
Du dahint’n – so sag’s ihm halt – dem dickköpfig’n Nick’l!

Lisl.
So! – Du hast also net den Mut, durch a einzig’s Wört’l vielleicht a bis’l ’was gut z’mach’n von dem, was Du seit Jahr’n verschuld’t hast. Is gut – nachher muss i’s ihm halt sag’n: Da – schau’ ihn an, Dein Vatern –

Toni (mit einem Aufschrei).
Mutter! Was hast g’sagt?

Burgl (zu gleicher Zeit).
Vater!

Lisl.
Ja, ’s Deand’l is Dein’ Schwester! Und jetzt wirst auch einseh’n, dass mein’ B’sorgnis net umsonst g’wes’n is.

Toni (wie außer sich).
Na – das is net möglich, das kann net sein!

Lahndorfer (unsicher).
Warum net – wie’s halt diemal geht!

(Pause.)

Burgl (hat sich schluchzend an Toni’s Hals gehängt).

Toni (während er Burgl’s Arme von seinem Hals löst).
I will nix frag’n, und will nix wiss’n, i müsst’ höchst’ns meiner Mutter an Vorwurf mach’n, die mir all’weil ’s Liebste auf der Welt g’wes’n is, von der i aber jetzt weiß, dass mir jed’n Tag’ a Lug in’s G’sicht g’sagt hat, wann’s mi vor’m Schlaf’ngeh’n d’ran g’mahnt hat, für mein’ verstorb’nen Vater z’beten.

Lisl.
Toni!

Toni.
Jetzt aber weiß i, dass mein Vater lebt – und dass Du’s bist. Dank’n kann i Dir’s net; aber ein’s sag’ i Dir, – Bauer – Du hast a schwere Sünd’ an mir verübt – und so lang’s an lieb’n Gott im Himm’l gibt, gibt’s auch a Vergeltung. I wünsch’ Dir’s net, aber sie kommt.

Lahndorfer (aufbrausend).
So red’st Du mit mir – mit Dei’m leiblich’n Vater!

Toni.
Bist Du mir’s vielleicht jemals g’wes’n, ausg’nommen die einzige Stund’, wo net d’ran denkt hast, dass Du’s wirst. Aber hab’ kein’ Angst – von mir wirst g’wiss nie a Wört’l hör’n, als ob Dein’ Stolz amal vor die Leut’ überwind’n und mi herruf’n sollt’st in das Haus, wo i hing’hör’ nach Recht und Blut. – Mi bist los für alle Zeit, denn in die Stub’n setz’ i mit mei’m Will’n kein’ Fuß mehr. – Und somit b’hüt’ Di Gott! (Er wendet sich zum Gehen, erblickt Burgl und sagt:) Jetzt steh’n die Sach’n freilich anders. Wann aber je amal an Brudern brauchst, der Dir a Hilf’ und a Schutz sein soll, nachher holst mi halt! – Komm’, Mutterl! (Beide ab.)

Lahndorfer (nachdem die Türe hinter den beiden zugefallen).
Toni! – – Jetzt kann von mir aus alles hin sein! (Er wankt nach dem Tisch und sinkt auf den Stuhl.)

(Der Vorhang fällt.)


Anmerkung: Der Originalaktschluss fährt, an der Schlussworte Lahndorfers anknüpfend, folgendermaßen weiter:

Burgl (eilt nach der Türe).
I hol’s wieder z’ruck.

Lahndorfer.
Da bleibst! – – – Geh’ in Dein Bett!

Burgl (zündet an dem Licht, das auf dem Tisch steht, das ihrige an).

Lahndorfer.
Wann morg’n früh’ der Höchstheimer kommt, und nach mir fragt, so sagst, i wär’ net daheim.

Burgl (geht nach der Türe, an der sie stehen bleibt; sie taucht die Finger in das Weihwasserkesselchen und besprengt sich).
Gut’ Nacht, Vater!

Lahndorfer (bleibt regungslos).

Burgl.
Gut’ Nacht, Vater! (Es erfolgt keine Antwort; Burgl geht ab.)


Zehnte Szene

Lahndorfer (sitzt regungslos am Tisch und starrt vor sich hin. Der Mond bricht durch das Fenster; plötzlich springt Lahndorfer auf).
Das halt’ i net aus – i halt’s net aus – – vielleicht is besser, wann i a bis’l in d’Luft geh’. (Er nimmt Hut und Stock, löscht das Licht aus, und geht nach der Türe. Mitten im Weg beginnt er zu wanken und erreicht gerade noch den neben der Türe stehenden Kasten, an dem er sich einhält. So verweilt er ein paar Augenblicke, dann geht er langsam ab.)


Elfte Szene

Burgl (tritt ein, das Licht in der Hand).
I hab’ doch d’Haustür’ geh’n hör’n. – Da is er net! (Sie geht mit raschen Schritten durch die Stube nach der Türe, die in die Kammer führt, öffnet dieselbe langsam, leuchtet hinein und ruft:) Vater! (Man hört sie leise aufschluchzen, dann lässt sie die Türe wieder zufallen, geht wie geistesabwesend nach dem Tisch und stellt das Licht darauf. Sie setzt sich auf einen Stuhl und indem sie mit Armen und Kopf über den Tisch sinkt, bricht sie in lautes Weinen aus.)

(Der Vorhang fällt.)

Die Wiedergabe dieses Aktschlusses ist jedoch eine überaus schwierige, und sehr leicht kann derselbe nach derer Wirkung des obigen Szenenschlusses abfallen, wenn die Darstellung in psychologischer Nuancierung nicht das Möglichste bietet. Wir stellen es somit den Bühnen anheim, sich für den einen oder den andern Aktschluss zu entscheiden.

G.N.              

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1 Im Bayrischen Gebirge und südlichen Schwaben ist es Sitte, dass befreundete Mädchen sich jeden Abend während des Winters und bis in die Mitte des Frühjahrs abwechselnd in einem andern Haus zusammengesellen, um gemeinschaftlich zu spinnen und sich dabei zu unterhalten. Eine solche Zusammenkunft heißt „Kunk’l“. ^
2 Dohlen.
^
3 Geschopft; hat aber auch die Bedeutung von närrisch, verrückt.
^
4 Truthahn.
^
5 Die Zwerge des Untersberges.
^
6 Die zur Haustüre emporführende, meist aus drei oder fünf Stufen bestehende Treppe; auch der sich an die Treppe anschließende, die ganze Front des Hauses begleitende Backsteinflöz.
^
7 Hinfallende Krankheit, Epilepsie.
^
8 Das Sach, in dem sinne von Eigentum.
^
9 wuz’ln = drehen, winden.
^
10 Kräftig, frisch, mutig.
^
11 Unsauber, leidig, unangenehm.
^
12 Liebschaft.
^

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