Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 3

Bis zur Mittagsstunde waren die Antrittsbesuche bei Forstmeister und Oberförster gemacht. Ich bekam als Führer einen Jagdgehilfen, den ich, obwohl er schon ein paar Fältchen im Gesicht hatte, um seiner hellen Blauaugen und seiner apfelroten Bäckchen willen für jünger hielt, als ich selbst war. Und am Nachmittag ging es mit „Meister Köppel“ für eine halbe Woche hinauf, in der Richtung gegen den Watzmann zu.

Berge! Die schönsten meiner Heimat! Und immer dieses wundervolle, smaragdene Seeauge in der Tiefe! Und sah man über das weite, lieblich gehügelte Tag hinaus, so blitzten wie Flimmersplitterchen die Fenster von Berchtesgaden, das mit seinen Gassenzügen, mit dem qualmenden Sudhaus, mit Stift und Türmen wie ein kostbares Schmuckstück angeheftet war an die Brust des Untersberges.

Und als wir hinaufkamen zum Herrenroint, auf dem die Jagdhütte stand, tauchte hinter den Wäldern und Almen der Watzmann empor, der große und der kleine, mit den Felszacken der Watzmannkinder dazwischen – die beiden Bergriesen mit ihrem östlichen und westlichen Saum so gegeneinander geneigt, als wären sie vor Alterszeiten einmal ein einziger Berg gewesen, eine schlanke Pyramide, um tausend Meter noch höher als jetzt die zerbrochenen Reste waren, diese zahnförmigen Stümpfe. Und welch ein Tag der Größe und des Grauens muss das gewesen sein, an dem die gigantische Pyramidenspitze niederbrach! Ob damals schon Menschen im Talkessel von Berchtesgaden lebten? Ich hörte sie schreien, sah sie rennen in Todesangst und vernahm das Sausen und Dröhnen des fallenden Gesteins.

Und spät am Abend, als wir von der Watzmannscharte heimkehrten zur Jagdhütte, hörte ich fern in der Dämmerung eine gellende Mädchenstimme rufen. Immer schrie sie die zwei gleichen wunderlichen Silben: „Dschaaapei – Dschaaapei –„ Das Wort bedeutet so viel wie „Dummerchen“.

„Was ist das?“

„Wird halt d’ Sennerin wieder a verloffens Lampl suchen!“, erklärte Meister Köppel. „Söllene Weibbildln haben allweil a kloane Schwäch für a jungs Viecherl. I muaß mer oft denken: Döskunnt ebba d’ Muatterschual sein!“

Seit diesem Wort war mir der rotbackige Meister Köppel sehr lieb.

Der letzte Tag auf dem Herrenroint bescherte mir zwei Gemsböcke. Ich tat’s in meinem Stolz nicht anders: die musste ich selber nach Königssee hinunter tragen, alle beide. Wie die Würde, so die Bürde! Auf dem letzten Steilhang wurden mir die 48 Kilo Gams so sauer, dass ich die Zähne fest übereinanderbeißen und den Bergstock verlässlich einsetzen musste. Meister Köppel wollte mir die Hälfte der Last abnehmen. Ich litt es nicht und der Jäger sagte: „Sö san a verruckts Luader. Aber is’s schon wahr: Bal si a richtiger Mensch ebbes fürnimmt, muaß’r durchi durch d’ Mauer.“ Ich schwitzte, dass mir’s über die Kniekehlen tröpfelte; aber es war mir doch ein wohliges Gefühl, für einen „richtigen Menschen“ genommen zu werden.

Als meine Frau mich so daherfließen sah wie ein Mensch gewordenes Schweißbächlein, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und sagte so was Ähnliches wie Meister Köppel: „Goscherl, was bist du für ein Narr!“ Mag sein, dass sie recht hatte, wie stets. Aber können sich die Immerklugen so freuen wie jene, die ihr Leben lang ein bisselchen Narr und Kindskopf bleiben? Und ist Freude nicht die Muttermilch allermenschlichen Gläubigkeit? Als die beiden Gämsböcke vor dem Schiffmeisterhaus auf der Erde lagen, war ich so krumm gebogen, dass ich eine halbe Stunde brauchte, um wieder grad zu werden. Doch der Stolz darüber, dass ich meinen Willen durchgesetzt hatte, wäre mir nicht feil gewesen um tausend Mark – in einer Zeit, in der ich hundert sehr nötig hätte brauchen können.

Seit dem Frühjahr war das „viele Heu“ in meiner Brieftasche fast so völlig verschwunden, wie die Wiesenernte am Ruhpoldinger Sturmtag. Ich reiste also wieder nach München und dachte während der Hinfahrt sehr beklommen an das Sprichwort:

„Hast du wo auf Pump genommen,
Sollst du lange nicht mehr kommen!“

Sprichwörter sind Wahrheiten. Ich erfuhr’s in München. Zum Unglück war auch mein Vater noch auf einer Dienstreise – wie damals, als ich den Herrgottschnitzer verkaufen musste. Und der Mutter – die ein bisschen verdrießlicher Lauen war, weil ihr die neuen siebzehn Zähne „Nit ordentlich sitze“ wollten – konnte ich das Herz nicht schwer machen. Ich verkaufte also das letzte Schnipfelchen geistigen Eigentums, das ich am „Prozesshansl“ noch besaß. Der Handel ergab nur so viel, dass ich bis zum Herbst ein mageres Taschengeld hatte. Pension und Wohnung musste ich auf Kreide nehmen, bis die konstantinopolitanische Novelle untergebracht wäre und noch was anderes fertig würde. Was? Ich saß an diesem Nachmittag ein bisschen katzenjämmerlich in meinem alten Münchener Studentenstübchen, auf dessen Ofen das Modell eines Dreimasters stand, das mein Bruder, der Seemann, aus Hamburg geschickt hatte. Während ich nach einem Stoff grübelte, sah ich immer dieses feine, zierliche Schiffchen an, und aus dem Glassturz, mit dem die Mutter das Werk ihres jüngeren Sohnes vor dem Verstauben geschützt hatte, schimmert was heraus wie eine Idee. Ein Seeroman! Über das Weltmeer kommen viele Schätze. Warum sollte nicht auch ein Bröselchen Honorar über den Atlantischen Ozean zu mir herüberschwimmen? Also: Ein Dreimaster! Der aus einem deutschen Hafen ausfährt. Aus welchem? Das musste ich mir erst aus einem Handatlas herauskritzeln. Und da ist nun ein nicht mehr junger, aber sonst ganz lustiger Kapitän, ein vergnügter Seebär, den man nicht reizen durfte. Der bringt eine feine junge Frau an Bord, frisch von der Hochzeitstafel weg, um mit ihr auf dem eigenen schiff seine Honigreise nach Brasilien zu machen. Und dann ist da ein junger Steuermann, ein Friese. Hat eine Brust, als wär’s ein Panzer, hat Fäuste wie Hämmer, ist ein wortkarger Mensch und wird auf der Reise von Tag zu Tag immer noch stiller. – Eine innere Stimme warnte mich: „Hoho! Tristan und Isolde!“ Ich antwortete: „Wieso? König Marke ist doch hier dabei. Ein wesentlicher Unterschied!“ – Und im brasilianischen Hafen schleppt ein bezechter Matrose das gelbe Fieber an Bord. Während der Heimreise springt die Krankheit von einer Hängematte zur anderen. Fast Abend um Abend gleitet ein beschwertes Brett über Bord. Es bleiben nur zwei verschont: Die junge Witwe und der stille Friese. Und nun wollen es die beiden wagen, den Dreimaster und seine kostbare Ladung heimzubringen in den deutschen Hafen.

Im Augenblick dieses waghalsigen Entschlusses schob die Köchin meiner Mutter – die Nachfolgerind er berühmt gewordenen Mathilde – den schwarzen Struwelkopf zur Türe herein: „Herr Doktor, a Bsuch ist da!“

„Für mich?“

„Zwei Herre, ja!“

Ich grübelte. Wenn zwei Herren kommen, hat man doch irgendwo einen Radau gehabt? Aber mein Gewissen war rein. Neugierig guckte ich die beiden Visitenkarten an. Adolf Kröner? Das war doch der große Stuttgarter Buchhändler? Und von Hornstein? Der feine, geistvolle Liederkomponist? Den ich seit Jahren verehrte, ohne dass ich ihn jemals persönlich hätte kennen lernen! Nein – um mich zu fordern, kamen die beiden nicht.

Ich trat in den grünen Salon meiner Mutter, der für uns Kinder in Welden das immer verschlossene, aber blutferne Blaubartzimmer gewesen war. Und da standen die beiden nebeneinander wie David und Goliath: Der zierliche Herr von Hornstein und der mächtig gewachsene breitschultrige Kröner – und ich fand in dieser vorschussreifen Sorgenstunde wieder einen Laubauer Auerhahn. Es war doch ein nicht minder unwahrscheinlicher Zufall: Dass diese beiden gerade nicht minder unwahrscheinlicher Zufall: Dass diese beiden gerade an diesem einzigen Nachmittag kommen mussten, an dem ich in München war. Einen Tag früher oder später – und wer weiß, wie mein fernerer Lebensweg sich gebogen hätte.

Adolf Kröner hatte den Keilschen Verlag mit der Gartenlaube übernommen, Hermann v. Schmid, der Dichter der Klosterbäuerin und der Zwiderwurzen, war gstorben, und nun suchte Adolf Kröner eine „oberbayerische Zither“ zur Nachfolge; von Hornstein hatte ihn auf mich aufmerksam gemacht, hatte ihn gleich von der Straße weg zu mir geführt.

Wir schwatzten, und dann streckte Körner mir die Hand hin und sagte in seinem behaglichen Schwabendialekt: „Sie gfalle mer. I mein’, wir probiere’s mitenander. Und brauche Se was, so könne Se jederzeit komme. Was Dichternöte heißt, dees hab i no alleweil verstande.“ Er lachte herzlich.

Aufatmend schlug ich ein in diese feste Hand, war ein glückliches Menschenkind, war auf den mir vertrauten Boden meiner Heimat gestellt und sah mich dem zweifelhaften Los entrissen, ein Sänger des Meeres zu werden, das ich so wenig kannte wie Konstantinopel.

Bei der Flurtür, als Herr von Hornstein schon draußen auf der Treppe war, blieb Kröner zurück und sagte halblaut: „Wenn Se was nötig hawe – unscheniert!“

Ich biss die Zähne übereinander und schüttelte den Kopf wie damals, als mir Köppel den zweiten Gämsbock hatte abnehmen wollen. „Zuerst die Arbeit, Herr Kröner“

Die begann auch gleich. Und als ich anderen Tages heimkam nach Königssee, hatte ich meine Hochlandsgeschichte im Kopf fertig: „Dschapei – die Leidenschronik eines jungen Schafes.“

Noch glücklicher als ich, war meine Frau. Damals waren die Röntgenstrahlen noch nicht erfunden. Aber der Sorgenblick meines Goscherls durchleuchtete meinen Geldbeutel um so klärender, je hartnäckiger ich bemüht war seine Schwindsucht zu verheimlichen.

Tage und Nächte rastloser Arbeit, nur manchmal unter, brochen durch einen flinken Bergsprung, um aufzuatmen und um zu sammeln, was ich an landschaftlichen Bildern nötig hatte. Und während ich am „Dschapei“ bosselte, noch mit unsicherem Tasten, begann schon der Stoff des Edelweißkönigs zu wachsen. Den hatte ich einem Edelweiß von seltener Schönheit und Größe zu verdanken, einem Stern mit dreißig Strahlen, den ich bei der Nachsuche nach einem angeschweißten Gämsbock in der Sigerethwand gefunden hatte – nicht weit von der Stelle, an der ich im folgenden Sommer einen Purzelbaum in die Tiefe machte.

Mitte August kamen der Vater und die Mutter. Vom Vater hatten wir wenig. Der war immer auf Dienstwegen, und war er einen Abend daheim, so waren auch die Forstleute da, und es wurde von Holzschlägen und Waldkulturen gesprochen. Da musste die Mutter manchmal sagen: „Jetzt höret amal auf mit eurem Berufsimple! E Stündle im Tag muss er Mensch sein, der Mensch!“ Dazu gab sie den Ton an, und es wurde lustig an der Wirtstafel.

Körperlich war sie schon so schwach, dass sie weite Partien nicht unternehmen konnte. Auch war sie vom kleinen Weibi nicht wegzubringen, das schon ein bisschen zu babbeln begann. Aber je kleiner die Welt war, in der die Mutter sich umtat, umso tiefer guckte sie hinein und umso größer erschien sie ihr. Der Watzmann oder ein Schimmersteinchen im See, eine dreihundertjährige Fichte oder ein Blümchen am Weg – für die Mutter war’s immer das gleiche unerforschliche Schöpfungswunder. „Ach, wie schön!“ Das sagte sie hundertmal des Tages. Oder: „Ach, wie groß ist Gott!“ Gab’s eine reine Fernsicht oder eine in Farben leuchtende Luftstimmung, dann sagte sie: „Jetzt haltet die Schnäbel e bissele! So was will angschaut werde!“ Und da konnte sie schweigend sitzen, mit den zitternden Händen im Schoß, in den Augen die Tränen ihrer schauenden Freude, auf den Lippen ihr stummes Gebet. Nach solchen Stunden nahm sie gerne meinen Arm, presste ihn an ihre Brust und sagte: „Bub! Dank’s beim Herrgott, dass du so was gnieße kannst!“

Vor aller Schönheit verträumt und ernst, war sie heiter vor jedem Menschengesicht. Die Schiffer und Schifferinnen wären für die muntere, leutselige Frau, die einen endlosen Geduldsfaden für ihre Sorgen und Freuden hatte, durch Wasser und Feuer gegangen. Und kamen am Abend die Forstleute, so hieß es immer gleich: „Heut muss d’ Ministrialrat wieder a bissl was verzählen.“ Das tat sie gerne, und dann saßen wir zu Zwölfen und Zwanzig im Kreis um sie herum und lauschten und lachten. Während sie mit ihren starren, von Nervenknoten überbuckelten Händen rastlos für das kleine Weibi strickte oder häkelte zog sie unermüdlich die Bajazzoschnüre ihrer übermütigen Laune. Und kam sie mit einer drolligen Geschichte zur witzigen Pointe, so liebte sie’s, zum Punktum lachend für einen flinken und dezenten Augenblick die Zunge herauszustrecken, auf der ihre siebzehn neuen Zähne lagen. Das schlecht sitzende Gebiss wurde ihr zu einem immer wirksamen Requisit ihres Humors, wie berühmte Bühnenkünstler von anno dazumal in meisterhafter Technik mit der Schnupftabakdose oder in meisterhafter Technik mit der Schnupftabakdose oder mit der Fliegenklappe spielten. Man konnte sich bucklig lachen, wenn sie die Fabel vom Lämmchen mit sanftem Schnuffelschnütchen, den Wolf mit gefletschten, sich langsam nach vorne bewegenden Zähnen reden ließ und dann die Fabel zu erfreulichem Ende führte, weil der Wolf sein Gebiss verlor und das Lämmchen mit dem besten Willen nicht mehr fressen konnte.

Viele von jenen, die damals mit uns lachten, sind schon aus dem Leben hinausgewandert. Ein paar sind noch übrig. Und treffe ich manchmal mit ihnen zusammen, heute, nach dreißig Jahren, so heißt es immer gleich: „Wissen S’ es noch, Herr Dokter, wie d’ Frau Mutter selbigesmal die Gschicht von der Mathilde verzählt hat? Heute noch muss ich lachen, wenn ich dran denk!“ Und damals, als die Mutter so heiter und übermütig war und uns alle fröhlich machte, da war sie schon unrettbar dem Tode verfallen, dessen Nähe wir nicht ahnten. Und als er kam, vier Jahre später, hatte er das gleiche heitere Gesicht, wie die Mutter selbst, und wurde für uns zu einem fröhlichen Prediger wider die törichte Menschenfurcht vor den letzten Dingen des Lebens.

Gleiten meine Augen zurück in jene Königsseer Zeit, so wandert mein Blick durch einen Frühlingswald gesunder Fröhlichkeiten, aber auch vorüber an vielen Gräbern. Keines ist mir kahl, auf jedem blühen mir freundliche Blumen des lachendem Kreise mit mir und den paar noch Lebenden wieder herumsetzen um den fröhlichen Tisch.

Einer, der selten kam, weil er einen weiten Weg hatte, war der Forstmeister Hornberger aus Berchtesgaden, ein gutmütiger, etwas stiller Mann, der jede Sicherheit verlor und nervöse Darmzustände bekam, sooft ihm ein hoher Vorgesetzter in die Nähe geriet. War aber kein Gottsöberster zu wittern, der ihm in die Akten hätte gucken können, so war er die Mensch gewordene Gefälligkeit, einer vom alten Schlag, der von der Pike auf gedient hatte und ohne viel Schulweisheit sanft und unschädlich seinen Dienst versah, um sich bei der geringsten Schwierigkeit in einen hilflosen Konfusionsrat zu verwandeln. Sein Gegenpol – der immer Anwesende – war der Schiffmeister Moderegger, ein Vierziger, der eine hübsche, freundliche Frau und bildschöne Kinder hatte. Die sahen in ihren kurzen Lederhöschen und in den farbigen Röckelchen aus, als hätte man sie aus einem Deffreggerbild herausgeschnitten und lebendig auf die Königsseer Schiffslände hingestellt. Je mehr sie tollten und Streiche machten, ums o zärtlicher guckte der Vater sie an. Bei dem jährlich wachsenden Fremdenverkehr hätte der Schiffmeister, der das Bootsmonopol auf dem Königssee besaß, ein schwer reicher Mann werden können. Aber bei seiner lächelnden Gutmütigkeit glitt ihm mehr zwischen den Fingern durch, als er festzuhalten wusste. Seine geschäftliche Rechnungsführung bestand darin, dass er Abend für Abend das viele Geld aus seinen Hosen- und Rocktaschen in die Kommodeschublade leerte; und was bezahlt werden musste, nahm man da heraus. Er selbst war genügsam, nüchtern, ein einfacher und zufriedener Mensch, der einen Spaß verstand und lieber lachte, als die Stirn in Falten zog. Nichts brachte ihn aus seiner behaglichen Ruhe. Eines Abends, als es zwischen den Schifferknechten um einen Pfifferling eine so fürchterliche Rauferei absetzte, dass ich – des Glaubens, es gäbe Mord und Totschlag – erschrocken gesprungen kam, um abzuwehren, fasste mich der Schiffmeister am Arm und sagte ruhig: „Lassen S’ ihnen doch ihr bissl Vergnügen! Wann s’ gnug haben, hören s’ scho wieder auf.“ Er kannte seine Leute. Ein paar Minuten später saß die ganze Kämpferbande mit den blutigen Schädeln schon wieder vergnügt beim Maßkrug. Und der Schiffmeister sagte zu ihnen: „Wia! Tuats enk ’s Bluat a bissl abwaschen! Unsauberkeiten mag i net. A richtiger Schiffer muaß allweil proper ausschaugn.“ Dabei die barmherzigste Seele. Wer mit einer Sorge zu ihm kam, fand freundliche Hilfe. Ich selber hab’s erfahren. Als ich den zweiten Monat heimlich in der Kreide stand und eines Morgens die Sache beklommen mit ihm bereden wollte, sagte er lächelnd: „’s Dichten muaß hungri und dursti machen. Lassen S’ Eahnanix abgehen! Die ganze Nacht hör i Eahna allweil am Schreibtisch umanandraspln. A Fleißiger hat Kredit. Sö zahlen scho amal!“ Er blieb umso nachsichtiger, je höher meine Rechnung wuchs. Und für die tausend Kahnfahrten dreier Jahre hat er mir nie einen Pfennig angekreidet. Nur um einer Sache willen wurde er ärgerlich über mich. Ich hatte eine winzige Nussschale von Ruderboot in ein Segelschiffchen verwandelt und zwanzig Quadratmeter Leinwand hinaufkonstruiert. Das Ding sah aus wie ein Dracheflügel mit einem Mückenleib, und der Schiffmeister brummte verdrießlich: „Allweil muaß i auf der Pass sein, ob am den Herrn Doktern et amal außziahgn muaß, wann’s ihn einischmeißt.“ Einmal hat’s mich auch richtig „einigschmissen“, aber der Schiffmeister brauchte sich nicht zu bemühen, ich schwamm schon selber wieder heraus. Als ich triefend ans Ufer stieg, brummte der Schiffmeister: „Sö dersaufen doch no amal!“ Er war ein guter Mensch, aber ein schlechter Prophet.

Seine jüngere Schwester war eine Sehenswürdigkeit vom Königssee, war „die schöne Marie“. Eine prachtvoll gewachsene Walkürengestalt, blondzöpfig und blauäugig, das richtige Modell für eine germanische Häuptlingsfrau. Kühl gegen Komplimente, den sie nicht haben konnte, reichte einem anderen die Hand, den sie nichtleiden mochte, wurde schwermütig unter seinem wohl bestellten Dach und ging in den Tod. Armes, schönes Mädel!

Die beiden, die da mitspielten, will ich nicht schildern. Es bleibt mir genug von den andern zu erzählen. Da war vor allem mein Meister Köppel, ein famoser Jäger, eine liebe, frohe, gutmütige Seele von einem Menschen, der sich für mich die Beine aus den Gelenken lief. Aber im Herbst einmal, bei der Brunst – als ich im Fieber sieben Hirsche hintereinander gefehlt hatte – da wurde er so saugrob gegen mich und wütete und fluchte, dass ich ihn anstarrte wie ein blaues Wunder. Er gebrauchte eine Unmenge von Kosenamen, von denen nicht ein einziger in einem deutschen Lexikon aufzufinden wäre. Und diesen lieben Meister Köppel, den ich um seiner apfelroten Bäckchen willen immer für einen Dreißiger nahm, fand ich zwei Jahre später mit schneeweißem Haar.

Ich fragte verdutzt: „Aber Köppel? Was ist denn mit Ihnen?“

Er lachte. „Mein, a Schneeberl hat’s halt gschnieben.“

„Mensch? Wie alt sind Sie denn?“

„Vierasechge.“

Ich war noch viel verblüffter als damals nach den sieben Hirschen.

Meister Köppels Dienstkameraden in Königssee waren der „lange Schneck“ und der „alte Schwab“, den man nur den alten nannte, weil es einen noch jüngeren des gleichen Namens gab. Wie in ihrem Aussehen – der eine kurz und dick, der andere lang und mager – waren sie auch Gegensätze in ihrem inneren Wesen, der eine der cholerische Ironiker, der andere der sanguinische Optimist. Der dicke ironische Schwab, aus dem die stachlichen Derbheiten hageldick herausplatzten, schmunzelte nur und kniff spöttisch das linke Auge zu – der lange Schneck mit seinen blitzenden Lichtern lachte immer übers ganze Gesicht und glaubte alles, was man ihm erzählte. Brave, im Dienste tüchtige, menschlich verlässliche Kerle waren …

 

 

Hier bricht die Handschrift ab. Mitten aus der Arbeit hat der Tod den Dichter abgerufen und scheinbar Leben und Werk unvollendet gelassen.

Ludwig Thoma hat in einem Vorwort zu dem Buch „Das wilde Jahr“ die rechten Worte für diese Tragik gefunden.

<

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.