Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 2

Immer die Nacht, bis in die zweite und dritte Morgenstunde, gehörte der Arbeit – die unverdrossenen Zechbrüder von Ruhpolding erhielten mich bei wachendem Fleiß – und meine Tage, wenn ich nicht im Garten bei dem kleinen Weibi saß, das mit Blumen spielte und munter aus dem von der Großmutter genähten Helgoländer Häubchen herausguckte, waren erfüllt von einer unersättlichen Bergrennerei. Was ich dabei entdeckte und in mich aufnahm, gab zwei Jahre später meinem „Unfried“ und damit auch noch der „Fuhrmännin“ den landschaftlichen Hintergrund.

Mit der Jagd sah es mager aus. Erst Mitte Juni, nach beharrlichem Herumschnüffeln, erforschte ich die Wechsel eines guten Rehbockes und erzählte am Abend im Kreis der Forstleute freudestrahlend von meinem herrlichen Fund. Anderen Tages musste ich nach München reisen – und als ich wieder nach Ruhpolding kam und „meinen“ Rehbock holen wollte, war er verschwunden. Nicht spurlos. Di psychologische Fährte deutete mit Fingern auf den Oberförster, der allerdings unter heiligen Eiden schwur, meinen Rehbock mit seinen zwei ehrlichen Jägeraugen nie gesehen zu haben. Das konnte er schwören, ohne sein Gewissen zu belasten. Beim Schießen braucht man bekanntlich nur ein Auge. Das andere drückt man zu.

Der prächtige Forstmeister Buckl, der sich uns in allen mannigfachen Nöten dieses Ruhpoldinger Vorsommers als verlässlicher und immer hilfsbereiter Freund erwies, gab mir nach dieser Bockgeschichte die kluge Lehre: „Alles ehrlich sagen, das ist sehr nett! Aber man muss sich auch die richtigen Leut dazu aussuchen. Sonst kommt man im Leben um viel Rehböck.“ Ich musste ihm recht geben; aber mein Leben lang hab ich dieses Aussuchen nie gelernt; und ein Dutzend Jahre später, nach vielen üblen Erfahrungen, vertraute ich meinem „Schweigen im Walde“ die unerschütterte Überzeugung an: „Wer misstrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt sich selbst. Wir haben die Pflicht, jeden Menschen für gut zu halten, solang er uns nicht das Gegenteil beweist.“

War mir auch St. Hubertus in den Ruhpoldinger Jagdrevieren nicht gewogen, so erwies sich mir der heilige Petrus umso günstiger. Die Traun spendete Forellen und Aschen nach dem Dutzend. Und hinter dem Ferchenseer Forsthaus lagen in der Waldwildnis drei Seen, der Löden-, Mitter- und Weitsee. Ihr blaugrünes Wasser wimmelte von meterlangen Hechten, die in der Sonne ruhig und satt gefressen zwischen großen Schwärmen von Lauben und Rotaugen standen. Flink erfragte ich den Bauer, dem die drei Seen gehörten. Ein kleines, mageres, immer schmunzelndes Männchen war’s, mit bockledernen Bundhosen, die so starr waren wie eiserne Futterale. Ob ich in seinem Seewasser fischen dürfe?

„Da därfen S’ fischen, wie S’ mögen.“

„Was kostet das?“

„Nix.“

„Ich kann doch soviel Hechte nicht umsonst nehmen.“

Der Bauer schmunzelte ganz besonders freundlich. „Wann S’ moanen, meinetwegen, zahlen S’ halt meim Knecht an Preußentaler.“

Das war hurtig erledigt. Und das Bäuerlein grinste vergnügt. „Dös Geld haben S’ zum Fenster aussigschmissen.“

„Warum denn?“

„Weil S’ von meine Hechten kaon derwischen.“

Ich bildete mir ein, dass ich ein geschickter Fischer wäre, und sagte: „Da bin ich neugierig. Darf ich alle Hechte behalten, die ich erwische?“

„Alle!“ Und mit schadenfrohem Schmunzeln fügte das Bäuerlein bei: „Meine Hechten beißen net. Fürigen Summer war an Engländer da, so a langhaxets Viech. Der hat si aufs Fischen verstanden wia der Teifi auf’n Seelenfang. Koan Schwanzl net hat’r derwuschen, und ferm dersprungen is er vor lauter Wuat. Eahna weard’s aan et besser gehen! Pfüe Gott!“

Die Sache reizte mich. Von München ließ ich mir die besten Schnüre, Spinnangeln und Silberlöffel kommen. Und wählte für den ersten Versuch die feinste Stunde, unmittelbar vor Ausbruch eines Gewitters. Umsonst. Die Hechte bissen nicht. Ohne eine Flosse zu rühren, ließen sie in dem kristallklaren Wasser den blinkenden Löffel auf eine Spanne weit an ihrem Maul vorübergaukeln. Der natürliche Köder, wie kunstvoll ich ihn an der Spinnangel auch befestigte, verlockte die Biester ebenso wenig zu einem Biss. Ich erzielte nur den einen Erfolg, dass ich wütend wurde wie der Engländer, eine Dutzend Angeln auf dem Seegrund hängen ließ und bei Ausbruch des Gewitters eingeweicht wurde bis auf die Haut.

Ein zweiter Versuch brachte mich nicht weiter. Stockfischen, Wurfangel, Schleppangel, Legschnur – nichts wollte helfen. In dem fischreichen Wasser waren die Hechte mit lebendiger Nahrung so gesegnet, dass sie es nicht nötig hatten, nach einem toten Brocken zu beißen. Der Fischerehrgeiz befiel mich wie ein Fieber. Weil ich alle Schuld an meinem Missgeschick der Klarheit des Wassers zuschrieb, baute ich mir ein Laubversteck und kroch am anderen Morgen auf dem Bauch bis zum Ufer. Umsonst.

In der Nacht, statt an meiner konstantinopolitanischen Novelle zu arbeiten, konstruierte ich mir unter Huraxdax-Begleitung eine ungemein scharfsinnig ausgeklügelte Reißangel mit einem Schwimmer, der die Schnur über Wasser hielt. Jetzt war ich meiner Sache sicher. Am Morgen, als nach der Rehpirsch die Sonne kam, war ich am Lödensee, legte die Büchse oft und begann mit Umsicht und Geduld das neue Manöver. Ein dicker Lümmel von einem Hecht, den ich auf zwanzig Pfund schätzte, stand, die warme Morgensonne genießend, so dicht an der Oberfläche, dass seine Rückenflosse spielend aus dem Wasser heraustauchte. Es gelang mir auch, den Schwimmer so zu dirigieren, dass ich den Hecht zwischen mich und den Reißhaken bekam. Nun sachte, sachte, immer näher mit dem Schwimmer, der einem harmlosen Häuflein von Blättern und Reisern glich, wie ein Wasserstrudel sie ineinander wickelt. Sachte, sachte – noch drei Sekunden, noch zwei, noch eine – doch eh’ ich den siegreichen Riss zu tun vermochte, glitt der Hecht um ein Dutzend Meter langsam davon, blieb wieder stehen und freute sich der Sonne. So machte er’s viermal hintereinander. Mich befiel ein englischer Wutparoxysmus, der alle bösen Instinkte in mir aufrüttelte. Fluchend packte ich meine Büchse und schoss dem Hecht eine Kugel unter den Bauch. Gleich drehte er die weiße Unterseite nach oben. Ich riss die Kleider vom Leib, watete und schwamm in den See hinein und brachte meine Beute lachend ans Ufer. In meinem Rucksack waren noch neunzehn Patronen. Drei Stunden später lagen sechzehn Hechte im Ufergras, keiner unter zehn Pfund. Weil ich ein paar Zentner Fisch nicht schleppen konnte, holte ich vom Forsthaus am Ferchensee ein Wägelchen.

Drei Tage lang nährten sich alle Ruhpoldinger Honoratioren von blau gesottenem, gebratenem, gebackenem und gesulztem Hecht – der Forstmeister, der Pfarrer, der Schullehrer, der Posthalter, die Förster, die Forstwarte und die Jagdgehilfen – nur den Oberförster nahm ich aus. Der musste von meinem Rehbock her noch Wildbret im Keller haben. Und dem Bauer, dem das Fischwasser gehörte, verging das Schmunzeln; er wurde fuchsteufelswild, kam am Sonntagnachmittag in unser Wirtshäusl, verbot mir das weitere Hechtfischen, soff sich einen fürchterlichen Rausch an und huraxdaxte senkrecht unter meiner Bettgiraffe die ganze Nacht.

An diese Hechtgroteske schloss sich wenige Tage später eine kleine Komödie, die einige Glanzlichter aus einem französischen Lustspiel aufzusetzen versuchte. Aus diesem Anlass sang ich damals eine lustige Ehestandballade, die mit der Strophe begann:

„Es sommerte blühend ein fröhliches Jahr,
Die Sonne war hell und der Himmel klar,
Da trat in mein Leben ein schwarzer Schreck:
Der lange Kaplan von Maria-Eck.“

Wahrhaftig, dieses junge, lange Kaplänchen eines in der Nähe von Ruhpolding gelegenen Wallfahrtsortes machte meiner Frau den Hof, sehr ausdauernd und energisch. Wie er predigte, hab’ ich nie erfahren. Aber er verstand sich darauf, sehr nett zu schwatzen. Wir hatten ihn bei einer Kaffeegesellschaft in Traunstein kennen gelernt. Und gleich am anderen Nachmittag erschien er in unserm Ruhpoldinger Wirtshäusl, einen Weg seiner Seelsorge vorschützend. Die alte, kranke Bäuerin, der sein Zuspruch galt, schien des himmlischen Trostes sehr bedürftig zu sein – der lange Kaplan erschien in der Folge sechsmal die Woche. Nur an Sonn- und Feiertagen blieb er aus. Da hatte er Dienst in seiner Wallfahrtskirche, die mir unvergesslich bleib um eines Votivtäfelchens willen, das ich in ihr gesehen habe. Das Bild zeigte vor zuckerhutförmigen Bergen einen reißenden milchweißen Bach, aus dem ein Versunkener die Hände mit gespreizten Fingern herausstreckte. Und drunter stand, sehr hübsch geschrieben: „Der Muttergottes und allen Heiligen sei Dank, dass ich in den Siegsdorfer Mühlbach gefallen bin.“ Es hätte wohl heißen sollen: „Dass ich gerettet wurde, als ich in den Siegsdorfer Mühlbach fiel.“

Also, der lange Kaplan, der diesen kostbaren Glaubensschatz seiner Wallfahrtskirche zu behüten hatte, machte meiner Frau zuliebe fast täglich den weiten Weg von Maria-Eck bis Ruhpolding – nein, wegen der alten kranken Bäuerin, zu deren trostbedürftiger Seele der Kaplan nicht gelangen konnte, ohne in unserem Wirtshäusl einzukehren. Ich sah ihn gar nicht ungern. Er war ein sehr netter junger Mensch, unterhaltsam und lustig. Man hätte ihn sogar hübsch nennen müssen, wäre er nicht in seiner Länge manchmal ein bisschen unbehilflich und komisch geworden. Die langen Beine, die er hatte, waren überraschend flink. Wenn ich von einer Nachmittagspirsche – weil mir der Wind oder sonst was nicht passte – vorzeitig heimkam, entfernte er sich, bevor ich den Zaun erreichen konnte, so hurtig aus dem Wirtsgarten, dass er nimmer zu erschreien war.

Lange merkte ich nichts. Es fiel mir nur plötzlich auf, dass meine Frau, die mir sonst doch jede Freude vergönnte, sehr erbittert gegen meine täglichen Pirschgänge protestierte und mir vorwarf, dass ich Jagd und Berge lieber hätte als mein Kind. Auch sprach sie davon, dass es nicht angenehm wäre, immer auf „fremde Leute“ angewiesen zu sein. Das fiele einem schließlich bei aller Geduld auf die Nerven. – Fremde Leute? Es kam doch außer dem langen netten Kaplänchen nur der Forstmeister Buckl zu uns, dem meine Frau sehr gewogen war?

Mir ging ein Licht auf. Aber ich behielt es für mich. Meine Frau, das wusste ich, stand außerhalb dieser Sache. Da konnte ich das Kaplänchen heiter nehmen.

Am folgenden Nachmittag blieb ich bei Frau und Kind im Garten. Der Kaplan erschien, sagte uns aber nur über den Zaun herüber Grüßgott und beeilte sich, zu seiner trostbedürftigen Bäuerin zu kommen. Anderen Tages, mit der Büchse hinter dem Rücken, fasste ich ihn auf dem Wiesenweg ab, schwatzte unverfänglich und fragte, ob er nicht Lust hätte, mich einmal auf einem Pirschgang zu begleiten?

„Aaah, das wäre fein!“

„Gleich heute? Ja?“

Er äußerte über diesen Vorschlag ein ganz unbändiges Vergnügen, und schwatzend wanderten wir über die mit kleinen Wäldchen besetzten und von langen Haselnusshecken durchzogenen Wiesenhügel. Ein paar hundert Schritte von uns, auf einem Apfelbaum, saß eine Wildtaube. Und ich sagte: „Die wäre im Schutz der Hecke fein anzupirschen.“

Dem Kaplänchen leuchteten die Augen, ganz ehrlich. „Darf ich?“

„Bitte!“ Ich reichte ihm die Büchse. „Können Sie denn schießen?“

„Sehr gut.“

Also! Los!“

Er machte seine Sache gar nicht übel, und erwartungsvoll pirschte ich hinter ihm her. Der Schuss böllerte, die Wildtaube fiel wie ein Stein vom Baum, der Kaplan surrte im Sturmschritt auf seine Beute zu, und von einem nahen Feld, auf dem ein paar Leute bei der Arbeit waren, rief ein junges Mädel herüber: „Bravo, Herr Kaplan, sonst tappen S’ a bissl daneben, aber dös haben S’ guat gmacht!“

Der glückliche Schütze war selig. In der Linken die Büchse, in der Rechten das nette Vögelchen, kam er stolz auf mich zugegangen. „Die lass ich mir braten! Darf ich sie mitnehmen?“

„Selbstverständlich!“ Lachend nahm ich die Büchse. „Aber – bevor Sie schossen, hab ich ganz zu fragen vergessen: Haben Sie denn eine Jagdkarte?“

Sein Gesicht wurde lang. „Jagdkarte?“

„Sie haben doch hoffentlich eine? Nicht?“

„Ich?“ Seine Augen wurden immer größer. „Nnnnein!“

„So, schön! – – Was machen wir denn da?“

„Machen? Wieso?“

„Aber Herr Kaplan! Wenn Sie keine Jagdkarte haben, so war Ihre Taubenjagd doch ein gesetzwidriger Wildfrevel. Ich halte natürlich den Schnabel. Aber alle Leute in der Nähe haben es gesehen. Die schwatzen. Das wird herumkommen. Und die Schandarmerie erfährt es – schneller, als Ihnen lieb sein wird. Unter zwei, drei Wochen kommen Sie da nicht weg. Ja, Herr Kaplan – Ihre verbotene Taubenjagd kann üble Folgen haben.“

Nun schien er aus meinen Augen was herauszulesen, ließ die Taube ins Gras fallen, sagte erblassend nur noch das einzige Wörtchen: „Jesus –“

„Und sprach’s und drehte sich stumm herum
Und zog seinen langen Buckel krumm
Und machte zehn Schritte und war schon weit,
Und blieb verschwunden seit dieser Zeit.“

Als ich meiner Frau am Abend die Geschichte der erfolgreichen Taubenjagd erzählte, nahm sie mich aufatmend um den Hals und sagte: „Gott sei Dank! Die Jagd hat doch manchmal auch was Gutes!“

Ein paar Tage später verspeisten wir die Taube, die der Kaplan von Maria-Eck für uns geschossen hatte. Sei war ein bisschen zäh, bildete aber doch eine willkommene Abwechslung auf dem schrecklichen Küchenzettel unseres Wirtshäusls. Wir machten, an die gute Wiener Kost gewöhnt, bei jeder Mahlzeit ein Martyrium durch. Und jeder Tag mit heißer Sonne wurde ein Hungertag. Weder die Suppe, noch ein Bissen Fleisch war hinunterzubringen, und am Morgen roch man schon immer, was man am Mittag verschmähen musste. Meine Frau, der auch die Schlaflosigkeit der schuhtrampelnden Huraxdaxnächte schmerzlich zusetzte, äußerte klagend die unanfechtbare Wahrheit: „Wenn auch die Berge noch so schön sind, das hält man auf die Dauer nicht aus!“ Es war dabei ihr einziger Trost, dass die Hochlandskühe gute Milch gaben und unser Kindl sichtlich gedieh. Immerhin überlegten wir schon die Möglichkeit einer Übersiedlung nach nahrhafteren Gefilden mit größeren Schlummermöglichkeiten. Und dann kam noch ein Nachmittag, der dem halben Entschluss einen entscheidenden Stoß versetzte.

Es war in der ersten Juliwoche. Ein wundervoller Tag, die Hitze ein bisschen drückend, aber der Himmel wie ein riesenhaftes Veilchen. Nicht der leiseste Windhauch. Und der Duft des frischen Heues, das ausgebreitet auf allen Wiesen lag, erfüllte wie etwas Süßberauschendes die Luft. Gegen vier Uhr, als schon überall die Heuwagen zu den Wiesen fuhren, wanderte ich mit der Büchse dem Bergwald zu. Ich kam in einen dicht geschlossenen Buchenbestand und kletterte im schönen Schatten über das steile Gehäng empor. Gleich fiel mir das wunderlich erregte Leben der Vögel auf, und dann plötzlich schien es wieder, als wäre der Wald völlig ausgestorben. Ich selber spürte eine seltsame Beklommenheit im Blut, so ähnlich, wie man sie bei einer ersten Hochtour in drei-, viertausend Meter Höhe und nach hastigem Anstieg empfindet. Und ich war doch nur auf einem bescheidenen Waldberg! Bevor ich mir die Sache noch recht zu erklären vermochte, fiel innerhalb weniger Sekunden eine graue Dunkelheit über den Wald. Weil mir unter dem geschlossenen Buchendach jeder Ausblick nach oben verwehrt war, rannte ich einer kleinen Lichtung zu, die ein Lawinenrutsch durch den Wald gerissen hatte. Und da sah ich mit Schreck und doch mit schauerndem Staunen ein Naturbild, so furchtbar wie märchenhaft!

Der ganze Süden und Westen war verhüllt durch eine hastig heranwirbelnde, gewaltige Wolkenwand, in der es, ohne dass ein Donner zu hören war, von Blitzen aufleuchtete. Sie hatte eine strohgelbe Farbe und hing so tief in das Tal hinunter, dass sie alle Hausdächer des Dorfes einwickelte. Jetzt sah ich, dass auf den Wiesen, vor dem Saum der Wolke, die Pferde scheu wurden und die Leute mit fuchtelnden Armen sonderbare Beugbewegungen machten. Die Weibsleute mit den vorfliegenden Röcken sahen aus wie Dreiecke – sahen aus, als hätte ein fürchterlicher Fischer sie alle mit den Rocksäumen an seiner zerrenden Angel hängen. Und nun flatterte von allen Wiesen plötzlich etwas auf, wie Tausendschwärme von graugrünen Papageien – das vom Sturm davongepeitschte Heu. Ein paar Sekunden, und alle Wiesen waren abgeräumt. Jetzt fiel der Sturm über den steilen Buchenwald, in dem ich stand, Massen von Heuflocken wehten an mir vorüber, mir ins Gesicht! Der gelbgraue Dunst umwirbelte alles, die tanzenden Bäume stöhnten und kreischten, Äste brachen und flogen, die dicken Wassergüsse des Wolkenbruches, vermischt mit Hagel, prasselten durch das Laub herunter, und unter Donnerbrüllen schlugen die Blitze ein, als wäre die ganze Welt verwandelt in eine Funken sprühende Elektrisiermaschine von Gottesgröße.

„Meine Frau, mein Kind!“ Das war der einzige Gedanke, den ich denken konnte, während ich wie irrsinnig über den Berghang hinunterraste. Wildbäche und Steinlawinen hinter mir her und an mir vorüber. Die Bäume krachten und fielen, brachen und rollten, als wären sie Streichhölzer, die eine unsichtbare Riesenhand umherschleuderte. Ich weiß nur noch, dass ich immer im Zickzack hin und her und wieder abwärts sauste, nicht geführt von einem bewussten Gedanken, nur getrieben und gestoßen vom Instinkt der Sinne, vom hetzenden Blick und vom unbewusst empfundenen Befehl der Ohren, die blitzschnell jedes Geräusch in meiner Nähe zu deuten verstanden.

Der Wald zu Ende! Gott sei Dank! Und nur ein paar leichte Streifwunden an Wangen, Händen und an den nackten Knien hatte ich abbekommen. In der Faust hielt ich die Büchse – Hut und Bergstock waren, ich weiß nicht, wo. Noch ein atemloses Rasen durch die letzten Güsse des Wolkenbruches – und bevor ich unser halb abgedecktes Wirtshäusl gewann, war alles vorbei. Leute rannten zwischen den schwer beschädigten Häusern und zwischen den gebrochenen Obstbäumen der Gärten umher und fluchten, beteten oder weinten. An allen Büschen und Stauden hingen die Fäden des ausgewehten Heues. Und während der Sturm sich legte und von den Berggehängen die Schuttmuhren gegen die Wiesen herunterfuhren, war der südliche Himmel schon wieder klar, und eine Gold funkelnde Sonne blitzte und lachte über alle Verwüstung der vergangenen Stunde hin.

In unserer Wohnstube, in der das Wasser über die Wände und über den Boden rann, hing meine Frau unter einem Weinkrampf an meinen Hals geklammert. Und das kleine Weibi schlief. Man hatte über sein Körbl als Schutzdach einen Tisch gestülpt. Und der gute Forstmeister Buckl war da. Gleich beim ersten Anzeichen des Unwetters war er gelaufen gekommen, weil er sich dachte: „Die kleine Frau wird sich ängstigen!“ Sie sagte auch: „Wär’ ich allein gewesen, ich wär’ gestorben!“ – Der Forstmeister bekam blaue Finger von meinem Dank. Und das war so eine von den Stunden, in denen ich gut von den Menschen denken lernte und um des Einen willen einen so festen Glauben bekam, dass ihn hundert Enttäuschungen nicht erschüttern konnten.

In dieser Nacht, als die Stuben und Bettgiraffen wieder leidlich trockengelegt waren, schlief meine Frau wie ein Murmeltierchen. Senkrecht unter uns kein Laut, kein Schuhgetrampel, kein Klapperdeckel und kein Huraxdax. Sogar die Biersäure und die Fliegenleimdüfte waren lieblich gemildert. In dieser sanften Nachtstille sagte ich zu mir: „Jetzt hat deine Frau gesehen, wie schrecklich die Berge sein können, jetzt musst du ihr auch zeigen, wie schön sie sind!“ Und von allem Schönen wählte ich das Allerschönste.

Am Morgen des siebenten Juli – an dem Tag, an dem wir beide Geburtsfest hatten, meine Frau und ich – wurde das kleine Weibi mit seiner Schwäbin der Familie des Forstmeisters Buckl in Obhut gegeben, und wir beide, wie ein erneutes Hochzeitspärchen, fuhren unter der milden Frühsonne im Wagen davon, über Inzell und am Mauthäusl vorüber, durch das traumschöne Tal der Schwarzbachwacht in die Ramsau. Wir kamen dabei an der berühmt gewordenen Bauernhütte vorüber, in der vor Jahren ein unverheiratetes Mädel fünf Kinderchen des gleichen Jahrganges in einer geräumigen Wiege liegen hatte: Zwillinge vom Januar und Drillinge vom Dezember: „Heiliger Segen germanischer Fruchtbarkeit!“ Meine Frau war anderer Meinung. Sie sagte: „Um Gottes Willen!“

Hinter der Ramsau, in deren von alten Ulmen überschattetem Gasthaus wir Mittagsrast gehalten hatten, überraschte uns auf der Weiterfahrt inmitten des schönen Tages ein Gewitter, das sich trotz ausgiebigen Platzregens doch so liebenswürdig verhielt, dass meine Frau anerkennend erklärte: „Hier ist alles besser.“ Mit der feuchten Sache war auch eine feine, künstlerische Steigerung verknüpft. Wir mussten während der ganzen Fahrt von Ilsank bis zum Königssee unter geschlossenem Lederdach sitzen und sahen von der ganzen Landschaft nur das Regengeplätscher zwischen Wagen und Straßenrain. In der Nähe des Arco-Zinnebergischen Schlösschens Schoren gerieten wir aus der Nässe, die Sonne kam, und als sich auf dem Ländeplatz am Ufer des Königssees der übel duftende Ledervorhang öffnete, hatten wir ein fertiges Bild vor uns, vor dessen grandioser und heilig leuchtender Schönheit wir staunend dastanden.

Das Glanzgesicht dieses ersten Abends am Königssee hat sich unverlöschbar in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich hab’ es zehn Jahre später in „Schloss Hubertus“ geschildert.

„Es dämmerte schon im Tal. Über das zerfließende Gewölk her traf noch ein glühender Sonnengruß die Zinnen der Berge und die Almen; alle Höhen waren so scharf beleuchtet, dass man jede Sennhütte und jeden einzelnen Felsblock deutlich unterscheiden konnte; mit klaren Linien hob sich jeder Baum aus dem schimmernden Hintergrund, und die kahlen Felswände ragten gleich erstarrten Flammen in das tiefe Blau des sich klärenden Himmels. Und siehst du über dem lang gestreckten Lärchenwald den blitzenden Streif? Das muss ein Wasserfall sein. Sieht es nicht aus, als hätten die Felsen sich gespalten wie im Märchen, um für einen Augenblick die funkelnde Schatzkammer der Zwerge vor einem erstaunten Menschenkind zu öffnen? Und weiter oben, jener seltsam geformte Felsklotz? Gleicht er nicht einem Gold gekrönten Riesenhaupt, das sich aus den Tiefen der Erde hervorhebt? Ich sag’s immer: Wer verstehen will, wie die Märchen wachsen, muss in die Berge gehen!“

Und unter diesem Schimmerbild der Höhe träumte die duftende Schattenstille des Tales. Gleich einem riesenhaften Riegel sperrte die steile Grauwand des Falkensteines sich vor, den Weitsee verhüllend und von ihm einen kreisförmigen Weiher abschneidend gleich einem bescheidenen Vorgemach vor dem großen Prunksaal. Glatt und mit blassgrünem Schimmer, die Felswand und den steigenden Waldhang spiegelnd, lag die durchsichtige Flut über seichtem und sandigem Grunde und färbte sich immer stärker zu metallenem Blaugrün, je weiter sie sich hinauszog gegen den tieferen See. Ein Völklein Wildenten kam gegen ein sacht schwankendes Schilfbeet heran geflogen, und ein letztes heimkehrendes Boot, in dem der hemdärmelige Fischer stehend das Ruder führte, schwamm von der Falkenwand zum still gewordenen Ufer des Ländeplatzes. Alle Wagen waren schon davongefahren, alle Reisenden schon verschwunden. Ein friedliches, dem Blut und der Seele wohltuendes Abendschweigen. Das kleine, freundliche, von wilden Reben eingewachsene Schiffmeisterhaus, die zwei Gasthöfe mit den hübschen Veranden, und die vielen, alten, grau gewordenen Schiffhütten – sonst kein Gebäude. Kleine Fische sprangen über das Wasser, und die Mücken tanzten. Ein paar muntere Kinderstimmen und dazu die freundlichen Grüße der Schiffer und Schifferinnen, die ihre Boote in den Hütten geborgen hatten und davon wanderten.

Nun waren wir allein am Ufer, und weil ich die schauende Andacht in den Augen meiner Frau gewahrte, war ich glücklich, ohne zu ahnen, dass ich auf der Stelle, auf der ich stand, den fruchtbaren Boden meiner Lebensarbeit gefunden hatte.

In einem kleinen Ruderboot fuhren wir früh am Morgen hinaus in den Weitsee, bevor der erste Tagesschein die höchsten Bergspitzen noch rosig anhauchte. Den Zauber dieser Frühstunde hab’ ich späterhin festgehalten in der „Martinsklause“.

Im leise rauschenden Nachen glitten wir um die Steilkante der Falkenwand herum. Jetzt lag der Weitsee offen vor uns, und die schwindende Dämmerung entschleierte ein Bild von überwältigender Schönheit. „In sachten Wellen schwankend, durchsichtig grün wie ein Smaragd, eine geheimnisvolle Flut, die mit jedem Wellenschlag das Lied der eigenen Schönheit sang, so dehnte der See sich in stundenweite Ferne. Die Ufer schienen keinen Pfad zu dulden. Als hätte die Natur diese herrlichste ihrer Stätten geheiligt vor dem Fuß der Menschen, so stiegen die im Rund geschlossenen Berge steil aus der Flut und wuchsen zum Himmel. Dunkle Fichtenwälder und Laubgehölze bekleideten die Gehänge, wie Festgewänder die Fürsten schmücken, wenn sie den Thron umstehen. Immer herrlicher traten alle Formen und Farben aus dem Duft des Morgens hervor, neue Schönheit wuchs hinter jedem weichenden Schatten, und die Gießbäche schimmerten, als gössen geheimnisvolle Hände flüssiges Silber über die Wände. Ein hoher Felsgrat und der weiße Schnee der höchsten Kuppen begann schon zu leuchten im ersten Glanz des nahen Tages. Rot säumten sich die Wolken, die hoch durch die lüfte schwebten wie gestügelte Boten. Und eine leuchtende Strahlengarbe loderte von Osten über die Höhen her, als hätte der Himmel sich aufgetan und eine Stimme riefe: „Preise die Größe meiner Allmacht und genieße, was ich schuf zur Freude der Menschen!“

Wir saßen schweigend im Boot und träumten in den wundersamen Morgen hinein, die Hände ineinander geklammert. Dann sagte meine Frau: „Da bleiben wir! Meinst du, es wird möglich sein?

„Es muss.“

Eine Stunde später war’s abgemacht. Der Schiffmeister räumte für uns in seinem Haus die drei Stuben des Oberstockes, zu dem ein schmales Holztrepplein außen an der Hausmauer hinaufkletterte. Gegen den See hinaus lag die unter wildem Wein versteckte Holzaltane.

Die Heimfahrt nach Ruhpolding wurde für uns zu einer siebenstündigen Seligkeit. Für mich bitterte in der herrlichen Sache freilich ein kleiner Wermutstropfen. Mit der Jagd war es aus! In einem königlichen Leibgehege darf ein armer Sterblicher, wie ich, die Jägernase nicht über den Zaun strecken. Aber es waren doch die Berge da. Diese Berge! Und solch ein Wasser! Mit Hechten, Lachsforellen und Saiblingen! Und im Herbst konnte ich eine weidmännische Spritztour nach Partenkirchen machen.

Spät am Abend, bei der Heimkehr nach Ruhpolding, riss ich das kleine Weibi aus den Kissen heraus und tanzte mit ihm in der Stube herum – wieder unter Huraxdaxbegleitung. Die da drunten saßen, senkrecht unter den zwei Bettgiraffen, waren bis um die fünfte Morgenstunde sehr vergnügt und dachten nimmer des verflogenen Heus und ihrer beschädigten Häuser. Es ist ein heiliges Lebenswunder, wie schnell der Mensch die unangenehmsten Dinge vergessen kann, wenn er ein bisschen nachhilft, sei es mit Alkohol oder einer philosophischen Erwägung. Aber immerhin ist es denkbar, dass ich, ein Dutzend Jahre vor dem deutschen Naturalismus, naturalistisch angekränkelt worden wäre, wenn ich beim Ruhpoldinger Huraxdax drei Monate länger ausgedauert hätte. Aber ich wollte in der Leber keine Würmer bekommen und verzog mich, getreu nach der Lehre des Laubauer Försters, von der Schattenlage auf die Sonnenseite.

Am 13. Juli – und darum ist mir seit damals die Dreizehn eine Glückszahl geblieben – sagte meine schlummerlose Frau drei Stunden nach Mitternacht auf dem Rücken der hohen Giraffe und mit den gekreuzten Händen über der Brust – wie eine heilige Cäcilie, die ihre Fingerspitzen für eine Minute der Orgel entzog: „Eine namenlose Seligkeit ist in mir, wenn ich denke, dass ich dieses Schauergetrampel heut am Abend nicht mehr hören werde!“

„Na, siehst du, Goscherl –„ So pflegte ich sie mit einem aus dem Wiener Dialekt übernommenen Kosewort zu nennen, das so viel wie „Schnäbelchen“ bedeutet – „Siehst du, im Leben wendet sich doch immer alles zum Besseren.“

„Das da drunten nicht. Das wird immer schrecklicher.“

Als wir am Morgen in der Sonne davonfuhren, weinte die gute Ruhpoldinger Wirtin sehr heftig, einesteils, weil sie ihre einzigen vier Pensionäre verlor, anderenteils, weil sie vermutlich keine Freundin von halben Dingen war und sich darüber kränkte, dass sie uns mit ihren bergbayrischen Küchengiften nicht völlig hatte ermurksen können. Einen schweren Magenkatarrh nahm ich ohnehin mit auf die Reise nach der Sonnenseite der Bergnatur und sang dem Forstmeister Buckl, der uns bis Inzell begleitete, ein nationalökonomisches Klagelied über diese unverdauliche Bergwirtshäusermode. „Warum muss denn das sein?“

Er lachte. „Damit die Oberbayern nicht zu übermütig werden. Hätten sie noch was Gutes zu beißen, so wär’s gar nimmer mit ihnen auszuhalten.“

„Aber am Königssee und in der Ramsau isst man doch sehr gut.“

„Die profitieren von der Grenze. Die Wiener Kost schlägt durch, bis über Innsbruck und Salzburg hinaus.“

Beim Abschied von diesem seelenkundigen Mann hatte meine Frau feuchte Augen, und auch mir war trüb um das Herz. Wir wussten, dass er um eines schweren Leidens willen einem nahen Tod entgegenging. Er selber wusste das auch. Gesprochen hat er nie davon. Und ich sah ihn nur lachen, hörte ihn nur heitere Worte sagen. Die Lachenden sind immer die Starken, die Schwächlinge haben Hängemäuler und finden das Gesunde und Fröhliche langweilig – weil sie nicht mitmachen können. Und ist es nicht von aller gesunden Kraft die herrlichste, auch als ein Krankgewordener und Sterbender sagen zu können: „Ich lebe noch!“ Das Leiden verschwindet, wenn man es bei den wesentlichen Ziffern des Lebens nicht mitzählt. Und dann erscheint es auch nicht nötig, dass unsere Erde unter allen denkbaren Welten in Wahrheit die beste ist – es genügt: Aus unserem Leben auf ihrer buckligen Kruste das zu formen, was sich mit Willenskraft und lachender Geduld aus ihm machen lässt. Jeder Lebende im besten Sinn dieses Wortes muss also ein bisschen Michelangelo sein wollen, um aus einem Marmorblock, den ein Törichter verdarb, noch einen herrlichen Moses herauszuhauen.

Während der ganzen langen Wagenreise hielt ich das kleine Weibi auf meinem Schoß. Die Zärtlichkeit für mein Kind klang mir zusammen mit den Gedanken, die der Abschied von diesem heiter dem Tod entgegen schreitenden Mann in mir geweckt hatte; ich dachte an das Wort meiner Mutter von den Vaterpflichten und gelobte mir im Herzen: Aus meinen Kindern – dieser liebe Pluaral würde sich ja wohl noch einstellen – aus meinen Kindern Menschen zu machen, die gut und stark sein sollten, daseinsgläubig und fröhlich. – Seit jenem Sommermorgen sind vierunddreißig Jahre vergangen. In manchen Dingen versagte mir die Kraft. Mein Gelöbnis von damals hab ich gehalten. Und kein Lob gilt mir so wertvoll und heilig, als wenn ich einen zu mir sagen höre: „Deine besten Werke sind deine Kinder.“ – Dichter? Ein leuchtender Besitz, bei dem man sich mit dem Oxhoft oder Schoppen begnügen muss, den man zugeteilt erhielt. Und Künstler? Ein ewig winkendes Ziel, nach dem der eiserne Fleiß zwei Schritte macht, das goldene Talent in der gleichen Spanne Zeit nur einen. Aber von allem Ehrgeiz der tiefste ist mir immer dieses Wort geblieben: Lebensbildner. Drum ging auch immer meine Willensreise dorthin, wo mir der Glaube ans Leben am verlässlichsten gelang. Ich bin dem Schmerz, den Lebenslasten und der Gefahr des Niederstürzens niemals ausgewichen – doch wenn ich zu erliegen drohte und ins Gleiten kam, hab ich immer mit aller Hast der Muskeln nach einem dauerhaften Halt gegriffen. –

Unsere Familienflucht an den Königssee blieb schön und wetterlos. Früh am Nachmittag kamen wir an. Unsere Wohnungstüre war bekränzt, Almrosensträuße standen in allen Zimmern: In dem sonnigen Stübchen des kleinen Weibi, in unserer großen, vierfenstrigen Wohn- und Schlafstube, die an Stelle der Giraffen unseligen Angedenkens mollige Matratzengäulchen hatte, und in meiner winzigen Arbeitskammer, deren einziges Fenster gegen die Seefläche und den Falkenstein hinausguckte. Und auf meinem Tisch lag ein großes Schreiben behördlichen Formates. Ich erschrak ein bisschen, weil ich ahnungsvoll an irgendeinen, nach meinen Barbeständen neugierigen Rechtsanwalt oder Gerichtsvollzieher dachte. Meine erste Lebensbestätigung am Königssee bestand darin, dieses verdächtige Schreiben uneröffnet und möglichst rasch vor den Augen meiner Frau verschwinden zu lassen und unfindbar zu verstecken.

Wir packten aus und räumten ein, unter den Händen meiner Frau wurden die drei Stuben flink ein rasend gemütlicher Aufenthalt, und nach dem Nachtmahl setzte ich mich sofort an die Arbeit, weil meine Frau der unanfechtbaren Meinung war: „Wenn du gleich am ersten Abend anfängst, wird es dir morgen leichter.“ Faul war ich nie, aber zum rechten, rastlosen und ausdauernden Fleiß hat meine Frau mich erzogen. Doch mein liebes, lebenskluges und ungemein pädagogisch veranlagtes „Goscherl“, das tapfer mit allen harten Sorgenstunden unserer jungen Ehe fertig wurde, hatte in sich selbst ein unüberwindbares, jeder Pädagogik widerstrebendes Wesensmoment: Die weibliche Schreckhaftigkeit vor unerklärbaren Geräuschen und vor kleinen Huschelgespenstern.

Um Mitternacht ein gellender Schrei. Ich stürze in die Stube hinaus und sehe bei mattem Mondlicht mein Goscherl silberweiß im Bett stehen, mit Bewegungen, als möchte’ es lieber zur Stubendecke hinauf, als auf den Fußboden herunter. Dazu die beklommene Meldung: „Hier ist jemand.“ Ich machte Licht und sah an der weißen Tüllgardine eines Fensters eine winzige Spitzmaus hängen. Als kundiger Jäger haschte ich sie, wie man eine Fliege fängt, und sagte: 2Na also, etwas gibt es am Königssee doch zu jagen!“ Durchs Fenster wurde die Beute in den See hinausspediert, in dessen Röhricht die Wildenten zu schnattern begannen, als würden auch sie durch eine Maus nervös irritiert.

Meine Frau beruhigte sich, dachte aber ans Ruhpoldiger Huraxdax zurück und klagte: „Mir scheint, ich habe den Abend vor der Nacht gelobt.“

Neu gestärkt durch den weidmännischen Erfolg kehrte ich zu meiner Arbeit zurück. Und erst ums Morgengrau, vor dem Schlafengehen, fiel mir das verdächtige Amtsschreiben wieder ein. Ich musste sehr lange suchen, bis ich es fand. So gut war es versteckt. Und als ich es öffnete, gab’s eine Überraschung, die mich zuerst sprachlos und dann schreien machte, als wäre jetzt mir eine Maus über die Seele gelaufen, aber eine wundervolle, schneeblanke Märchenmaus!

„Ihr Einwohner seliger Gefilde! Jetzt konkurrier’ ich mit euch!“

Das Schreiben, das ich in meinen Freude zitternden Händen hielt? Es kam von keinem neugierigen Rechtsanwalt, kam von keinem dunklen Gerichtsvollzieher und war ein leuchtendes Schulbeispiel von der Torheit und den Irrtümern des menschlichen Misstrauens. Dieses kostbare Schreiben kam von Linderhof, war eine dreijährige Jagderlaubnis für die Leibgehege Ramsau, Berchtesgaden und Königssee und trug die großzügige, träumerisch umschnörkelte Unterschrift des Königs.

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