Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 9

Gehirn? – Das ist ein rätselhafter Gegenstand, den ein Geschöpf in seinem Schädel umschließt, ohne über dieses geheimnisvolle Ding eine für alle Fälle ausreichende Verfügungsmacht zu besitzen. In lachender Ruhe scheinen Gehirn und menschlicher Wunsch sehr treu verbundene Freunde zu sein. Doch in würgenden Augenblicken, die über Glück oder Elend, über Leben oder Tod entscheiden, erweist das Gehirn sich als selbständiges Wesen, dem die Herzschläge des Menschen, in dessen Schädel es wohnt, eine fremde und gleichgültige Sache werden. Da kann der Mensch sich in einen schreienden Narren verwandeln – das Gehirn bleibt vernünftig und tut, was richtig und nützlich ist. Wenigstens scheint das bei gesunden Menschen so zu sein. Wie sich die Sache bei krankhaften Geschöpfen verhält. Das weiß ich nicht.

Und damals, als ich am Abend des 8. Dezembers zu Wien diese gelbe, rauchlose Flamme aus dem Bühnengiebel des Ringtheaters in den schwarzen Himmel fahren sah – da wollte mein schreiendes Herz, mein verstörtes Blut und der rasend gewordene Apparat meiner Beine zum Theaterportal und in den Zuschauerraum, in den dritten Rang hinauf in die Theaterloge. Hätte mein vor Angst und Sorge irrsinnig gewordenes Herz seinen Willen durchgesetzt, dann hätt’ ich vermutlich ein paar Stunden oder ein paar Tage später als ein schwarzer, unförmlicher Knochenstrunk im Wiener Polizeihof liegen müssen. Doch bevor ich das Theaterportal erreichte, das vor meinen nassen Augen wie in einem Kreisenden Nebel zu schwimmen schien, riss das selbständig gewordene Gehirn mich an Herz und Blut und Beinen jäh herum und peitschte mich in eine Seitengasse, zum Bühneneingang. Und schrie mir im tausendsten Teil einer Sekunde zu: „Du Ochse! Noch eine Viertelstunde bis zum Anfang der Vorstellung. Das Mädel ist noch gar nicht in der Loge! Wenn das Mädel schon ins Theater kam, dann ist sie zuerst, wie sie es noch immer tat, in ihre Garderobe gegangen. Wenn sie nicht in der Garderobe ist, dann ist sie noch gar nicht da! Auf die Bühne musst du, in die Garderobe! In die Garderobe! In die Garderobe!

Vor dem Bühneneingang in der Hessgasse war Gedräng und Geschrei. Ich wühlte mich durch. Dieser blasse, verstörte Mensch? War das der Portier? Ich packte ihn an der Brust und schrie eine Frage. Er sah mich ratlos an und lallte. Und da war ich schon in dem engen Flur. Kreischende Menschen kamen über die steinerne Treppe heruntergezappelt. Ich rannte hinauf. Zwei steile Treppen. Nun war ich im Garderobengang, sah schwarze Löcher und grellen Schein – und dieses Leere und Stille, das war die Garderobe meines Mädels – noch erleuchtet – die Schminkschatulle stand verschlossen auf dem Tisch, vor der Schatulle lag ein uneröffneter Brief, und neben dem Spiegel hing ein weißes, frisch gestärktes Röckelchen, dabei das pfirsichfarbene Kitterl und die schillernde Seidenschürze, die sie im Herrgottschnitzer getragen hatte.

In mir ein Schrei der Freude. „Sie ist noch gar nicht gekommen, noch nicht im Theater!“

Ich reiße die Tür der daneben liegenden Garderobe auf. Auch die ist noch erleuchtet. Und mit seitwärts gestreckten Armen, wie versteinert, steht ein junges Frauenzimmer im Hemd vor mir. Ich schreie: „Jesus, raus da, raus!“ Sie kann sich nicht rühren, nur der blasse Mund bewegt sich tonlos. Auf dem Boden liegt ein Pelz. Den packe ich, wickle ihn um das weiße Frauenzimmer und reiße die Eingewickelte mit fort. Irgendwo – auf der Bühne? Im Soffittenraum? – Hör’ ich eine verzweifelt schrillende Weiberstimme. Zur Rechten seh’ ich in wogendes Feuer hinein, fühle an meiner rechten Wange eine sengende Hitze – und zwischen unfassbaren Bildern, die sich in meiner Erinnerung grell oder schwarz durcheinanderwirren, lodert eine rote Hölle mit einer grauenhaften Riesenflamme, die vom Bühnenboden in einer mächtigen Spirale hinaufleckt gegen das Bühnendach. Dann steh’ ich in grauer Finsternis, muss immer husten, halte das in den Pelz gewickelte Frauenzimmer an mich geklammert, fühle krallende Hände an meinen Armen, an meinem Körper – vier, fünf, sechs Menschen hängen an mir – ich atme einen Dunst, von dem mir übel wird, und nun trinke ich frische Luft und erkenne mit kaltem Schreck, dass ich als Führer dieser sechs, sieben, acht lallenden Menschen die richtige Treppe verfehlte. Statt den Bühnenausgang zu finden, kam ich in einen kellerartigen Hof. In der rauchigen Dämmerung sah ich ein Tor. Das muss auf eine Straße führen. Es ist verschlossen. In der nächsten Sekunde ist es hinaus gedrückt. Ich bin auf der Gasse, sehe Menschen laufen, höre Menschen schreien. Die sechse oder sieben, die hinter mir waren, rennen davon.

Meine Erinnerung verwirrt sich. Ich sehe kein Zusammenhängendes, nur Abgerissenes, Unsicheres. Mir ist, als trüge ich das Fräulein im Pelz, weil es nur Strümpfe an den Füßen hatte, über die Gasse hinüber, in eine Kutscherkneipe, und lasse die Zitternde auf einen hölzernen Sessel fallen. Ich fühle, dass meine rechte Wange gedunsen ist wie ein gebratener Apfel, fühle an der rechten Hand jedes Härchen wie ein stechender Schmerz, und sehe, dass der rechte Ärmel meines blauen Anzuges vom Handgelenk bis zur Schulter gelb versengt ist. Dann ist mir wieder, als höbe ich das Fräulein im Pelz in eine Droschke hinein. War’s nicht eine Schauspielerin, die Kathi Fischer hieß? Oder war’s eine andere? Und dann bin ich auf der Ringstraße, in einem schwarzen Gedränge aufgeregter Menschen. Ich wühle und wühle, aber ich kann nur um wenige Schritte vorwärts kommen. Und die Menschen, zwischen denen ich mich hindurchzwänge, reden mir freundlich zu: Ich möchte doch ruhig stehen bleiben.

Dieses Gewühl und Geschiebe von tausend Menschen sieht aus wie musterhafte Ordnung. Wien hat keinen Mob – hatte damals keinen.

Die Flammen des Theaters kann ich nicht sehen, weil ich zu nah am Gebäude bin. Doch bis zur Börse hinunter flackert die Häuserzeile der Ringstraße in grellem Gelb. Und im Gewühl ein eng umdrängter Wagen. In diesem Wagen steht die Frau Jauner. Immer schreit sie: „Mein Mann? Wo ist denn mein Mann? Mein Mann? Mein Mann?“ Und da drängt sich Jauner zum Wagen hin, mit kreideblassem Gesicht; seine Stimme hör’ ich nicht, sehe nur, wie er mit den Armen fuchtelt. Und dann wird die Menge auseinandergekeilt, Feuerwehrwagen und eine Dampfspritze rasseln in das Gewühl hinein. Vor dem Portal des Theaters schaffen die Polizeileute freien Platz. Und schrillende Stimmen fallen wie schmerzende Steinwürfe aus der Höhe herunter. Dieses Fürchterliche da droben ist in dem Gezitter von zuckender Helle und schwarzen Schatten nicht deutlich zu sehen – und doch so deutlich, dass mir das Herz erstarrt. Aus Fenstern und Mauerluken strecken sich Arme mit gespreizten Fingern heraus, fahle Gesichter sieht man, hört verzweifeltes Geschrei. Und die Loggia über dem Portal und ein Balkon des Theaters ist angefüllt mit hundert kreischenden Menschen, die sich widersinnig bewegen – wie Gespenster, an die man nicht glauben kann. Ein junges Frauenzimmer springt herunter, dann ein Mann, ein zweiter, ein dritter – man hört, wie die fallenden Körper auf das Sprungtuch klatschen. In meiner Erinnerung ist eine Stimme, die immer schreit: „Nur Ruhe, die kommen herunter, die kommen alle herunter.“ Leitern werden in die Höhe geschoben, dunkel Gestalten mit blinkenden Helmen klettern hinauf, und droben auf der Loggia sieht es so aus, als schlügen die Menschen, die den Sprung nicht wagten, mit Fäusten aufeinander los.

Immer stärker wird das flackernde Gelb auf den umliegenden Häusern. In der Höhe ein wachsendes Gewirbel von Flammen, Rauch und Dampf. Und aus diesem roten und weißen Gewoge heben sich in schwarzer Ruhe die Götterstatuen des Giebels heraus.

Während die Loggia und jener Balkon sich leeren und die Letzten da droben, die völlig Mutlosen und Verstörten, über die Leiter herunter getragen oder mit verbundenen Augen in das Sprungtuch geworfen werden, komm’ ich dem Kordon der Polizei immer näher. Ich sehe Feuerwehrleute in das Portal stürmen und sehe sie wieder zurücktaumeln. Sie zünden Fackeln an, verschwinden wieder im Portal und kommen wieder heraus, mit erloschenen Fackelstrünken. Und innerhalb des Ringes von Polizei und Soldaten stehen uniformierte Herren in einer Gruppe beisammen. Alle paar Augenblicke kommt jemand zu ihnen gelaufen, macht einen tiefen Bückling und gestikuliert mit den Händen.

Immer wieder, während ich mich vorwärts wühlte, frag’ ich mit erwürgter Stimme: „Sind noch Menschen im Theater?“ Einer zuckt die Achseln, einer schüttelt stumm den Kopf, und einer sagt mir: „Nein, bestimmt nicht, im Theater ist niemand mehr, von der Polizei hat’s einer gesagt.“ Und dann geht es wie ein glückseliges Schlagwort durch die vieltausendköpfige, plötzlich froh gewordene Menge hin: „Alles gerettet!“

Ein paar Misstrauische wollen es nicht glauben und fangen im Zorn zu räsonieren an. Ein junger Mensch will den Kordon durchbrechen und wird zurückgestoßen. Er scheint ohnmächtig zu werden. Und dann steht er gegen einen Laternenpfahl gelehnt und streckt die beiden Arme, und wie ein Irrsinniger schreit er immer: „Die Resi … die Resi … die Resi …“ Zwanzig, dreißig Menschen reden auf ihn ein und wollen ihn beruhigen: Es wäre doch lange schon alles gerettet. Aber der junge Mensch will nicht hören, immer wieder schreit er: „Die Resi … die Resi … die Resi“

Nun hör’ ich hin nimmer. Mir ist ein heißer Strom von Freude in der Seele. Alles gerettet! Doch plötzlich klammert sich eine grauenhafte Angst um mein Herz – zwischen den Polizeileuten und Soldaten seh’ ich eine junge Person; ihre Kleider sind verwüstet, ihr Gesicht ist verzerrt, die Augen sind vorgequollen; wie eine Tobsüchtige gebärdet sie sich. Immer schreit sie: „Licht! Laternen! Licht! Laternen! Da drin ist alles finster! Licht! Laternen!“ Man redet gütlich mit der Tobenden, ein Offizier beschwört, dass alles gerettet wäre. Mit zuckenden Händen greift sie nach ihm und reißt an seiner Uniform. Ihre Stimme wird wie dünnes Kindergeschrei: „Laternen! Licht! Alles ist finster! Tausend Menschen sind noch drin. Sie ersticken, erwürgen sich, verbrennen! Licht! Laternen! Meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester! Alle ersticken und verbrennen!“

Aber man weiß doch, dass alles gerettet ist. Und man nimmt das grillende Frauenzimmer für eine Hysterische, die ihren Anfall bekam. Man wird heftig gegen sie, man droht ihr mit der polizeilichen Sistierung.

Vor meinen Augen schwimmt es, mir wird ein bisschen übel, und plötzlich spüre ich wieder jenen merkwürdigen, abscheulichen Dunst, den ich da drin zwischen Helle und Finsternis verschlucken musste. – Meine Erinnerung wird wieder unsicher, die Bilder gleiten unfassbar durcheinander. Und dann steh’ ich in einem offenen Fiaker, der über die Ringstraße gegen die Oper hinunterjagt. Ich hänge mit der linken Hand an den Kutschbock geklammert, und mit der rechten Faust schlage ich immer auf den Rücken des jungen Fiakers los und schreie: „So fahren Sie doch! Herrgott! Ein Wiener Fiaker! Und kann nicht fahren!“ Der Kutscher beugt sich nach vorne und peitscht auf die galoppierenden Pferde los. Und ich kreische immer wieder: „Nibelungenstraße!“ Nun hält der Wagen. Ich keuche: „Warten!“ Ich reiße an einer Glocke, taumle in den Flur, rase über drei Treppen hinauf – von droben schreit die Köchin herunter: „Was ist denn? Was ist denn?“ – und als ich hinaufkomme, atemlos, hör’ ich die Köchin in der Wohnung zetern: „Fräuln Thinka. Marand Joseph! Fräuln Thinka! Da muss was gschehgn sein! Der Herr Dokter! Über d’ Stiegen kommt er auffi wie a Narr. Und hat ka Hütl und hat gar nix! Und schnaufen tut er, und auffi rennt er wie a Verruckter!“

Ich stehe unter der Tür und muss mich halten, weil meine Knie mich nimmer tragen wollen. Und da kommt aus der Kinderstube mein liebes Mädel heraus, in einem hellen Hauskleidl, mit erschrockenem Gesicht. Ich brülle in meiner Freude, in meinem Glück, und springe auf das Mädel zu, reiße die Erschrockene an mich, und lache und weine – und küsse, küsse, küsse, was mein Mund zu erwischen vermag. Immer wehrt sie sich; immer stammelt sie: „Jesus, Jesus!“ Und da bring’ ich es, zwischen Lachen und Küssen, mit Lallen heraus. „Das Ringtheater brennt!“ Und nun scheint das Mädel zu ahnen, aus welchem Schreck und Grauen ich komme. Sie zittert, die blauen Augen werden groß, ihre Arme klammern sich um meinen Hals – und wir beide sind verbunden und aneinander gewachsen fürs Leben.

Sie wollte ins Theater. Doch die zwei kleinen Neffen mit der halbkurierten Halsentzündung bettelten: „Bitt schön, Tante Thinkerl, erzähl uns ein Märchen.“ Und da dachte sie: „Den Doktor Ganghofer seh ich morgen auch wieder, aber die Kinder sind heute krank.“ Und so blieb sie bei den zwei Buben daheim und erzählte ihnen das Märchen vom kleinen Däumling, der vier große Geschwister hatte.

Das erfuhr ich erst viele Tage später. Damals, an jenem Abend, als ich im Hausflur mein liebes, lebendiges Mädel unter Lachen und Keuchen umklammert hielt, fanden wir kein Wort und keine Frage. Und dann rasselte die Klingel wie verrückt, die Köchin rennt auf die Steige hinaus, und aus der Tiefe des Treppenhauses schrillt eine Stimme herauf: „Ist der Herr daheim? Und die Frau? Und das Fräulein Thinka? War niemand im Ringtheater?“ Zur Antwort schreit die Köchin, was ich nicht verstehe. Etwas Graues schwimmt vor meinen Augen, und die zwei herzförmigen Gasflammen des Flures werden so groß wie Wagenräder. Mein Mädel stammelt: „Um Gottes willen!“ Und rennt davon und bringt mir ein Glas Wasser. Während ich den Trunk hinunterstürze, belfert die Klingel wieder. Und tief drunten im Treppenhaus eine brüllende Stimme: „Ist die Thinka daheim?“ Die Köchin zetert: „Ja, ja, ja!“ Aber der Neugierige da drunten kann’s nicht glauben und schreit: „Ist sie nicht im Theater? Gewiss nicht?“ Ich weiß noch: Das war der Bruder meines Mädels. Dann ist in meiner Erinnerung wieder ein Riss. Ich weiß nimmer, wie und wann ich auf die Straße hinunter kam – weiß nur noch, dass mein Fiaker, den ich noch nicht bezahlt hatte, nimmer vor dem Haustor stand. Irgendeiner, den die Sorge peitschte, hatte ihn mir weggenommen.

Ich rannte gegen die Ringstraße. Fiaker und Droschken sausten an mir vorüber. Überall sah ich Leute laufen. Bald hier und bald dort vor einem Haustor blieb einer stehen und riss an der Glocke. Und wenn sich droben ein Fenster auftat, schrie er hinauf: „Ist alles daheim? War niemand im Ringtheater?“ In zwei oder drei Minuten sah und hörte ich das ein dutzend Mal. Und dann auf der Ringstraße, in der Nähe des Rathauses geriet ich in ein schwarzes Zuströmen von tausend und tausend Menschen. Hier sah es aus, als hätten die Wiener in dieser Nacht nur einen Weg. Beim Schottentor ein Meer von Köpfen, alle scharf beleuchtet. Das Parlament, die Universität, die schlanken Silbertürme der Votivkirche und die Zinskasernen des Schottenringes glänzen grell im Widerschein des groß gewordenen Feuers, das schon den ganzen Dachstuhl des Theaters verzehrt hat. Und immer wieder, jäh, erlischt diese Helle, wenn Rauch und Dampfwolken die Flammen umschleiern.

Ein Schreck, der nur leise redet, ist in den Menschen. Sie sagen, man hätte Leichen im Theater gefunden, viele, hundert, fünfhundert, tausend.

Es treibt mich vorwärts. Und je näher ich dem Theater komme, umso ruhiger steht die Menge. Ich höre nur selten ein Wort. Und immer wieder seh’ ich einen, der die Hände vor den Augen hat. Weint er? Oder hält er sich nur die Augen zu, um das schreckliche Schattenspiel nicht sehen zu müssen, das da drüben vor dem Portal des Theaters gaukelt, auf dem freien Platz, der von Polizei und Militär umschlossen ist?

Immer muss ich mich vorwärts wühlen. Und so dicht die Menge auch steht, immer find’ ich einen Weg. In meinem Gesicht muss etwas sein, was zu diesen dicht aneinander gekeilten Menschen redet. Immer ist eine Gasse vor mir, immer hör’ ich die Leute sagen: „Durchlassen! Durchlassen!“ Nun steh’ ich vor dem abgegrenzten Raum. Feuerwehrleute und Polizeimänner tragen dunkle, regungslose Körper aus dem Portal heraus. Ich sehe vier, die einen Klumpen von drei unlösbar ineinander verkrampften Toten schleppen. Leute aus der Menge, Offiziere, Arbeiter, elegant gekleidete Herren durchbrechen den Kordon, um tragen zu helfen. Und die Träger, die aus dem Theater kommen, haben kalkweiße Gesichter; in ihren Augen irrt das Entsetzen, das sie vor diesen fürchterlichen Todesbildern in den Korridoren und auf den Treppen des Theaters erfasste.

Neben mir drängt sich eine junge Frau durch den Kordon, weil sie helfen will; sie spricht gebrochenes Deutsch, man rät auf eine Russin.

Dumpfes Aufschluchzen und heiseres Atmen in der Menge, so soft wieder eine solche Karawane von Trägern mit diesen dunklen Paketen aus dem Theater kommt.

Ein Feuerwehrmann und ein halbwüchsiger Bursch in kurzem Sakko tragen einen schlanken Menschen in weißer Weste vorüber – und der junge Bursch, der da helfen wollte, scheint seine Kraft überschätzt zu haben. Er droht zu taumeln. Und stammelt: „Ich kann nimmer, ich muss auslassen.“ Da muss ich mich durchdrängen, springe hin und helfe tragen. Es ist ein Vierundzwanzigjähriger, den wir zum Polizeigebäude hinüberschleppen. Er hat nur eine kleine rote Schürfwunde an der linken Wanne. Sonst scheint er völlig unverletzt. Die Augen sind geschlossen, das blasse magere Gesicht ist ruhig. Wie ein Schlafender sieht er aus. Der? Und tot? Nein! Er kann nur ohnmächtig sein, er muss erwachen.

Bei dem Tor, das wir passieren, fasst ein aufgeregter alter Mann einen Polizisten bei der Brust und bettelt: „Lassen Sie mich doch hinein! Meine Tochter – ich suche meine Tochter!“ Träger mit leeren Händen gehen an uns vorüber. Und eine Stimme sagt: „Zu Hunderten liegen sie noch droben, in hohen Haufen, mannshoch, wie Wälle, Körper auf Körper geworfen –“ Und eine andere Stimme sagt: „Man muss sie von oben her abklauben wie Scheitholz, unten liegen sie so fest ineinander gewickelt, dass keiner herauszuziehen ist.“

Mich schüttelt das Grauen, während wir hineintreten in einen mager erleuchteten Raum. Wie eine große Halle sieht er aus, dieser überdeckte Polizeihof. Reihe um Reihe ist der Boden bedeckt mit diesen dunklen, regungslosen Körpern.

Ein junger Arzt kommt schnell auf uns zu, fühlt nach dem Herzschlag des jungen Menschen, den wir beide tragen, befühlt den Puls und sagt: „Hinlegen! Tot!“ Etwas Kaltes schüttelte mich. Irgendeiner greift zu und drängt mich beiseite. Ich möchte hinaus. Und kann nicht. Muss stehen bleiben – und starren.

Menschen kommen und Menschen gehen. Alle in atemloser Hast. Die Träger bringen immer neue Lasten. Und an die Hundert dieser Stillgewordenen liegen schon da auf dem Pflaster.

Fünf oder sechs Petroleumlampen stehen auf dem Boden und auf Mauergesimsen. Und ein paar Laternen werden hin und her getragen. Hier und dort ein Gezitter von Licht. Alles andere in erbarmungsvolle Dämmerung gehüllt. Aber dieser sparsame Lichtschein der Laternen gleitet immer und gleitet. Er zeigt mir mehr, als ich sehen will.

Nur ein paar Minuten stand ich damals gegen die Mauer gepresst. Und dreißig Jahre sind vergangen. Aber von jenem kalten Grauen ist kein Hauch erloschen. Und während ich schreibe, schüttelt mich das Entsetzen vor dem Neuerwachen dieses fürchterlichen Bildes. –

Ärzte, alte und junge, gehen zwischen den Reihen dieser dunklen Schläfer umher, beugen sich nieder, richten sich auf, schütteln den Kopf und gehen weiter. Was da geredet wird, versteh’ ich nimmer. Wie ein dumpfes Brausen ist es in meinen Ohren. Das Toben meines Blutes? Oder der Lärm des Menschengewühls, der von der Ringstraße herein quillt?

Schulter an Schulter liegen diese Dunklen, über die der irrende Lichtschein hinzittert. Die einen haben ruhige Gesichter – in giftigen Rauchschwaden muss der Tod ihnen schmerzlos und rasch gekommen sein. Immer wieder Gesichter, Hände und Kleider, die mit einer rauen, grauschwarzen Kruste bedeckt sind. Doch andere liegen da – mit offenen Augen, starr, weiß umrändert. Die Nasenbeine sind zerschmettert, eingeschlagen, zertreten. Und die Lippen sind zurückgezogen von den hart übereinander gebissenen Zähnen. Die Frauen und Mädchen fast alle mit niedergerissenen Frisuren, mit wirr gelösten Haaren. Und fast alle unter den Dunklen, die da liegen, zeigen die gleiche Verrenkung der Arme über den Kopf hinauf, mit krampfhaft geschlossenen Fäusten. Das ist wie eine hundertfältige Geste des Zornes.

Und immer neue Lasten kommen. Jetzt bringen sie auch solche in versengten Kleidern, halb verbrannt, mit verkohlten Gliedern. Um diese Lasten ist ein Geruch wie nach säßlichem Braten. Und ein Feuerwehrmann bringt eine kleine, schwarze, wunderlich zusammengeschrumpfte Masse. Aber das ist kein Kind – es ist ein erwachsener Mensch, den die Glut so zusammenschraubte.

Auch Lebende kommen, die nicht tragen – solche, die nur suchen. Sie irren zwischen den dunklen Reihen, stehen, schreien nach Licht und irren weiter. Irgendwo im Hofe ein grauenhafter Schrei. Einer, der suchen kam, hat gefunden. –

Ein paar Tage früher hatte ich geschaudert vor den Bildern Wereschtschagins, der die Gräuel des russisch-türkischen Krieges malte. Was waren jene Bilder gegen das Grauen, das da vor mir auf dem Pflaster lag. Wenn Tausende auf dem Schlachtfeld fallen, so hat das vielleicht einen Sinn, einen Zweck, den man sogar als Schönheit empfinden kann. Und gewiss ist in solchen Tod eine Notwendigkeit. Aber der hundertfache Tod, der da stumm und dennoch klagend, ruhig oder schaudervoll verkrümmt auf den kalten Steinen sich breit machte, war widersinnig, unbegreiflich und darum doppelt grauenhaft! Und alle diese Dunklen, die da schliefen mit geballten Fäusten – vor wenigen Stunden waren sie lachend und lebensfroh hineingeströmt in jenes Haus da drüben, einer schönen Freude entgegen. –

Zitternd an Seele und Gliedern ging ich davon. Es war in mir kein Gefühl meines jungen Glückes mehr, nur etwas unsagbar Quälendes.

Im Torgang sah ich eine goldene Uhr auf dem Pflaster liegen. Ich hob sie auf. Sie war nicht still geworden wie der Dunkle, der sie im Leben getragen hatte. Noch immer ging sie und zeigte ein paar Minuten vor 10 Uhr. Ich reichte sie einem der Polizisten hin, die beim Tor standen.

Draußen vor dem Tor ein kreischendes Gedränge von Menschen. In verstörter Sorge verlangen sie Einlass und fragen nach ihren Angehörigen, die heute auf Hoffmanns Erzählungen hatten lauschen wollen. Und drüben im Theater ein dumpfes Krachen. Wie der Sturz einer Lawine. War der Plafond des Zuschauersaales geborsten? Oder war eine Galerie herunter gebrochen?

Nun plötzlich in mir mit drückender Pein der Gedanke: „Wenn die Meinen in München das morgen in der Zeitung lesen!“

Ich will hinüber zum Telegrafenamt. Aber auf der Ringstraße ist nicht mehr durchzukommen. Ich muss Umwege machen.

In einer engen Gasse seh’ ich einen buntfarbigen Menschen rennen. Ein Sänger oder Chorist aus Hoffmanns Erzählungen? Er ist noch geschminkt, hat verstörte Augen, und immer redet er mit sich selbst.

Der Saal des Telegrafenamtes ist dick angepfropft mit Menschen. Man rauft sich um die Plätze an den Tischen. Ich finde einen Platz, kann aber nicht schreiben, besinne mich immer, wie ich es den Meinen sagen muss, damit sie nicht erschrecken. Hinter mir stehen wartende Leute. Sie drängen und schelten. Und ich schreibe: „Mir ist nichts geschehen, ich bin gesund und glücklich, das Ringtheater ist abgebrannt“ (Daheim erschraken sie fürchterlich, als in der Nacht diese vorsichtige Depesche kam.)

Dann wieder der Gedanke an meine Wiener Freunde. Ich erwische einen Einspänner und fahre, fahre, fahre. Manchmal fällt in eine hohe Gasse herein dieser rote Schein. Und überall wieder dieses Gerenne von Menschen, dieses Reißen an den Hausglocken, dieses hinauf Schreien zu den Fenstern.

Wo ich anfrage, hör’ ich gute Antwort. Von allen, die mir nahe standen, und die ich lieb hatte, war keiner in dieses Unglückshaus gegangen.

Noch immer bin ich ohne Hut, ohne Überrock. Und so heiser bin ich, dass ich kaum noch reden kann.

Und nun darf ich mich ein bisschen ausruhen, bei einer Theaterkollegin, bei Elise Bach, die im Herrgottschnitzer die Loni spielte, und deren Haus mir ein freundliches Heim geworden war. Auch hier ein unaufhörliches Kommen und Gehen, bis in die Morgenstunden. Nach und nach versammelt sich ein dutzend von den Mitgliedern des Theaters, alle mit verstörten Gesichtern, jeder in den Augen die Sorge: „Was soll jetzt werden aus mir?“

Es war schon grauer Morgen, als ich heimging, mit einem geborgten Hut, den Kragen meines blauen Sakkos, dessen rechter Ärmel gelb versengt war, aufgestülpt bis über die Ohren.

Auf der Straße standen die Menschen in Gruppen beisammen und lasen die Zeitungen. Kein heiteres Gesicht mehr zu sehen. In dem frohen Wien! Aus allen Augen sprach eine scheue Ratlosigkeit. Nach einer Nacht des Grauens und der Schmerzen kam ein Tag der dumpfen Trauer.

Ich kaufte eine Zeitung und las im Gehen – wie es tausend andere machten. Nun erfuhr ich, wie der Brand entstanden war. Bei dem starken Luftzug, der immer auf dieser hirnrissig verbauten Bühne herrschte, geriet ein Jutevorhang mit seinen Fransen gegen das Drahtgitter einer Beleuchtung und entzündete sich, ein Schleiervorhang fasste Feuer, und in wenigen Sekunden war die ganze Bühne eine lohende Hölle. Der Mann, der den eisernen Vorhang fallen lassen sollte, rannte im Schreck davon, die jäh erhitzte Luftwoge bauschte den Bühnenvorhang wie ein leichtes Segel in den Zuschauerraum hinaus, und Qualm und Flammen schlugen hinauf bis zur obersten Galerie. Die vielen Hunderte die schon im Hause waren, wollten fliehen. Und alle hätten sich vielleicht in hellen Korridoren und auf erleuchteten Treppen noch retten können. Aber da kam dieses Dunkle: Ein Verstörter, dessen Name nie erforscht wurde, befahl einem Bühnenarbeiter, den Haupthahn der Gasleitung abzudrehen, um eine Gasexplosion zu verhüten. Die Notlampen waren noch nicht angezündet. Und die Fliehenden in den verwinkelten Korridoren waren plötzlich in schwarze Nacht gehüllt, taumelten und irrten in unbarmherziger Finsternis. Und hinter ihnen sprang der Tod einher, mit der Bestialität der Verzweifelten, von denen einer den anderen niederstieß, mit Rauch und erstickenden Dünsten. Als Hitze und Flammen kamen, war kein Lebender mehr im Hause. Der Todeskampf dieser Verlorenen muss grauenhaft gewesen sein, doch kurz. Noch ehe der erste Feuerwehrmann in die Stickluft der stillen Gänge einzudringen vermochte, schlug in diesen aufgetürmten Leichenwällen schon lange kein Herz mehr.

Wie schnell dieses Fürchterliche geschah, wurde späterhin durch die Feststellung erwiesen, dass auf der zweiten und dritten Galerie fast alle Billeteure, die mit den Wegen im Theater doch vertraut waren, diesen würgenden Minuten zum Opfer fielen.

Als ich bei hellem Tag heimkam in meine Bude, verstört, bedrückt und in allen Knochen wie zerschlagen, versuchte ich zu ruhen, versuchte zu schlafen. Die Erschöpfung machte mich duseln, die Träume rüttelten mich wieder auf.

Wie soll man sich den Bildern eines solchen Grauens entringen? Die Augen schließen? Man sieht mit der Seele. Die Ohren verstopfen? Man hört den Jammer mit dem Herzen.

Ich sperrte mich den ganzen Tag in mein Zimmer ein, wanderte auf und ab, warf mich hin, sprang wieder auf. Am Abend, als ich hungrig wurde, ließ ich mir Mehlspeise und Obst holen. Ich konnte jenen Geruch nicht vergessen, der mir aus dem Polizeihof nachgegangen war – und durch viele Tage noch bleib in mir dieser unüberwindliche Widerwille vor gebratenem Fleisch.

Am anderen Morgen kamen zwei Briefe. Der eine enthielt einen gedruckten Zettel, vom 9. Dezember datiert:

„Auf Grund des § 9 Ihres mit mir geschlossenen Kontraktes sehe ich mich mit großem Bedauern veranlasst, wegen Abbrennens des unter meiner Direktion gestandenen Ringtheaters denselben allsogleich aufzulösen. Der Ihnen pro rata temporis ziemende Betrag Ihrer Monatsgage wird Ihnen durch meinen Sekretär flüssig gemacht werden. Franz Jauner.“

Ich bin des Glaubens, dass der Mann, der diese Urkunde unterschrieb, sie nicht verfasste. Sonst hätte sie anders gelautet. Jauner war eine vornehme, feinfühlige Natur.

Der zweite Brief, der auch vom 9. Dezember datiert war, kam aus München, von meiner Mutter. Er begann mit den Worten: „Mein lieber Bub! Schau, ich hab’s heruntergebetet! Als ob mir’s vorgegangen wär! Ich hab heut Nacht halt wieder einmal nicht schlafen können. Und da hab ich in der ewigen Sorg um mein leichtsinnigs Schliffele allweil gebetet. Und hab’s richtig heruntergebetet, dass dir nichts geschehen ist! Ich sag dir’s, Bub, glaub dran: Es gibt einen, der die Menschenleut beschützt, wenn sie Vertrauen zu ihm haben.“

Ach, Mutter! Und die Dunklen, die da drüben liegen im Polizeihof?

Um meine Stellung, die ich nun verloren hatte, machte Mama sich in diesem Brief keine Sorge. Sie schrieb: „Das Leben ist das Beste. Wenn man nur ’s Leben hat! Das andere gibt sich alles von selber.“

Das war ein Glaube, den ich mir einreden ließ, ohne dass ich Beweise verlangte.

Am Abend war eine Versammlung der Theatermitglieder im Restaurant Ronacher. Auch Franz Jauner kam, wortkarg und bedrückt. Die Namen der Mitglieder wurden aufgerufen. Und immer lief es einem kalt über den Rücken, wenn ein Name verklang und keine Antwort kam. An die Choristen und Bühnenarbeiter wurden Unterstützungen verteilt. Der Theaterschneider, ein mageres Männchen, stand mit gesenktem Kopf da und sagte leise: „Ich habe die Großmutter, meine Frau und mein Kind verloren.“ Franz Jauner zitterte, schlug die Hände vor das Gesicht und brach in Schluchzen aus. In diesem Augenblick wussten wir alle, dass wir unseren Direktor liebten.

Er musste büßen. Schwer. Und weniger, weil er ein Schuldiger war, als weil er die Verantwortung für sein Theater und für die Unzuverlässigkeit von ein paar seiner Leute zu tragen hatte. Er war so schuldig und so schuldlos, wie sich damals jeder Theaterdirektor, nicht nur in Wien, hätte fühlen müssen, wenn das Unglück unter dem gleichen Zusammentreffen vernichtender Zufälle sich in seinem Haus ereignet hätte. – Franz Jauner war ein starker, wertvoller Mensch, ausgestattet mit allen gewinnenden Eigenschaften des echten Wieners; dazu ein begabter, unternehmensfroher, an glücklichen Einfällen reicher Theatermann, auf der Bühne ohne Leichtsinn, fern von jeder Gewissenlosigkeit, einer, dem für sein Theater alles zu wenig war und nichts zu viel. Sein Leben war seit dem 8. Dezember zerbrochen. In späteren Jahren versuchte seine gebeugte Tatkraft noch einmal aufzuflackern. Er blieb ein Opfer, das jenen anderen beizuzählen ist. –

Die Mitglieder des Wiener Ringtheaters wanderten damals in die vier Winde auseinander. Nur ein paar von ihnen hab ich im späteren Leben wieder gesehen.

Immer zog es mich zu dem Platz, auf dem ‚unser’ Theater gestanden. Aber ich ging nicht hin. Erst viele Tage später sah ich die schwarze, traurige Ruine, die schon abgebrochen wurde. Alles Vernichtete stieg wieder vor mir auf. Ich sah die schönen Bühnenbilder aus dem ‚Herrgottschnitzer’, hörte heiteres Lachen und frohen Beifall – hörte das Angstgeschrei verzweifelter Menschen und starrte auf diesen rieselnden Schutt, der nicht erzählen wollte, wie viel an menschlichen Resten er noch umschlossen hielt als Kohle und Asche.

Die Zahl der völlig Verschwundenen war groß. Von jenen, die nur das Leben, nicht auch die menschliche Form verloren hatten, waren am Abend des ersten Tages nach dem Brand schon an die Zweihundert aufgefunden und ‚geborgen’, wie der technische Ausdruck des Polizeirapportes lautete. Von Stunde zu Stunde schwoll die grauenhafte Liste. Die Zahl der Abgängigen war gleich am ersten Tag auf 1200 ‚Nummern’ angewachsen. Doch diese Ziffer milderte sich. Im ersten Schreck hatte man alle Gedankenlosen, alle Neugierigen und Streuner, die in Wien während dieser Nacht nicht heimkamen zu den Ihrigen, bei der Polizei als Vermisste angemeldet. Es dauerte eine ganze Woche, bis halbe Klarheit in diese Liste kam. Schließlich, wenn ich mich recht erinnere, blieb nach allen Milderungen die noch immer entsetzliche Ziffer: 470 – mit vielen Fragezeichen dahinter, die keine Antwort fanden. Was von den völlig Verschwundenen noch gefunden wurde, war nicht mehr menschliche Form: Verkohlte Strünke, bis zur Unkenntlichkeit zermalmte Klumpen, einzelne Gliedmaßen, schwarze Knochen – und Schuhe, in denen noch die abgerissenen Füße staken.

Das Fürchterliche jener Tage war mehr als das Trauerspiel einer Stadt. Man empfand es in ganz Österreich als eine nationale Katastrophe.

Das frohe Leben von Wien war verwandelt zu einer Raserei des Schreckens und der Schmerzen. Alles andere, was Menschen beschäftigt, fesselt und erregt – Politik und Kunst, Erwerb und Ehrgeiz, auch das Glück und die Liebe – wurde für viele Tage ein Stummes, ein Gleichgültiges und Fernes.

Dieses lachende Wien war eine einzige weinende Familie geworden. Und hinter dem grauenvollen Unglück, an welchem Tausende zu tragen hatten, blieb unter vielen hundert Dächern eine schreiende Not.

Dem unerhörten Jammer folgte eine unerhörte, bewunderungswürdige Kraftleistung des Erbarmens. Wien machte den Anfang, die ganze Welt folgte nach. Es begann ein Regen, nein, ein Wolkenbruch der Wohltätigkeit. Die Hilfsgeber flossen nach Millionen zusammen. Alle Not konnte gelindert, völlig verscheucht werden. Die Schmerzen blieben. Und sie verwandelten sich in nützliche Warner.

Mit der Sicherheit in den Theatern aller Welt ist es besser geworden seit damals. Die Opfer des Ringtheaters wurden Schutzengel für tausend Nachgeborene. Man hat in den Theatern gelernt von jenem Wiener Unglück. Aber der ‚Mann beim eisernen Vorhang’ – wie jeder andere, in dessen Händen bei Eintritt einer Gefahr die Entscheidung über das Leben vieler Menschen liegt – kann wieder einmal ein Schwacher oder ein Ungesunder sein, dessen Nerven versagen, oder dessen Gehirn im Schreck einen Purzelbaum schlägt, der für Hunderte gefährlich wird. Aber diese unverjagbare Möglichkeit ist kein Grund, um ein Theatergebäude oder sonst eine Sache der Welt mit Misstrauen zu betrachten. Man muss, wenn man leben und sich freuen will, immer wieder ein bisschen zum ‚leichtsinnigen Wiener’ werden und lachend denken: ‚Es wird nicht gerade heute was passieren!“

Gegen diese ‚Parole des Wiener Leichtsinns’, gegen dieses gottsträfliche: ‚Es wird schon nichts passieren!’ wurde damals mit Erbitterung gescholten. Gewiss – diese fünf vertrauensseligen Wörtchen haben bei jenem Unglück viel verschuldet. Aber hätte man damals in Wien alle ‚Sicherheitsmaßregeln’, die man aus der ersten Verstörtheit heraus in Vorschlag brachte, auch wirklich eingeführt, dann wäre das schöne, frohe Wien ein grauer Kerker geworden. Man soll nicht allzu grimmig urteilen über dieses raschgläubige ‚Es wird schon nichts passieren!’ In diesem Wort verbirgt sich eine der stärksten Lebenskräfte, einer der hilfreichsten Frohsinnsmächte. Einmal, vielleicht sogar sehr oft, kann dieses Wort versagen – hunderttausend Mal führt seine lächelnde Vertrauensseligkeit das Leben an Gefahren vorüber, in die uns eine pedantische Vorsicht ganz sicher hineinstoßen würde. Ohne dieses hilfreiche Lebenswort hätte die Schlacht keinen Soldaten, das Schiff keinen Matrosen, die Institution der Ehe keinen Bräutigam und in den meisten Fällen auch die Wiege kein Kind. Das ist so mein Glaube. Deshalb rede ich nicht der Unzuverlässigkeit das Wort. Das Notwendige muss getan werden. Und wo man ein Mannsbild hingestellt zur Erfüllung einer Pflicht, so soll es dieser Pflicht auch genügen in einem Augenblick der Not. Aber das ganze Leben und jede Freude umschnüren mit eiserner Vorsicht? Nein! Dabei schwände das Lachen aus der Welt. Und die einzige, wahrhaft verlässliche unter allen Sicherheitsmaßregeln bleibe dann nur noch der Strick, der jede Möglichkeit einer weiteren Lebensgefahr mit Akuratesse beseitigt.

Von der Nachwirkung des Schreckens und unter dem beklemmenden Eindruck dieser wochenlangen Debatten über die Ringtheaterkatastrophe und ihre ‚Lehren’ verödeten damals die Zuschauerräume aller Wiener Bühnen. Nur das Wiedener Theater, wo die neue, fröhliche Operette von Johann Strauß, ‚Der lustige Krieg’, gespielt wurde, war leidlich besucht – das Lachen hat Flügel, die das Leben aus allen Schatten einer Tiefe immer wieder in die Höhe tragen. Die Direktoren der anderen Privatbühnen standen vor dem drohenden Krach. Auch Oper und Burgtheater, dessen geheiligten Bau man jetzt als ‚verrufenes Winkelwerk’ bezeichnete, litten schwer. Theaterkarten wurden noch billiger als Brombeeren. Man nahm sie nicht einmal umsonst.

Nun begann die Sorge um die ‚fröhliche Theaterstadt’, die Zeitungen veröffentlichen immer neue Mahnrufe an die Besonnenheit des Wiener Publikums, und eine Deputation der kummervollen Wiener Theaterdirektoren wurde vom Kaiser in hilfsbereiter Audienz empfangen.

Ich erinnere mich noch, dass eine Zeitung klagte: „Unser Theater ist zu Tod verwundet, wer rettet das Wiener Theater?“

Dieses Wunderwerk vollbrachten nicht die hysterisch aufgedunsenen Polizeivorschriften für den Theaterbetrieb, nicht die überstürzten Erneuerungsbauten auf den Bühnen und nicht die pompösen Sicherheitsvorkehrungen in den Zuschauerräumen. Das Wiener Theater wurde gerettet vom unbesiegbaren Wienertum, das schließlich trotz allem Schreck seine zärtliche Theaterfreude nicht entbehren, sein frohes Lachen, sein Kulturbedürfnis nach Kunst und seine träumende Sehnsucht nach Schönheit nicht verlernen konnte.

Aber bevor das Leben in Wien um die Weihnachtswoche wieder aufzuatmen und heiter zu blinzeln begann – welch eine Zeit des Grauens und der Verstörtheit ist das gewesen!

Und inmitten dieses Grauens zitterte die erste, sehr empfindlich angereifte Blüte meines jungen Glückes, das immer lachen wollte und ein unbedrücktes Lachen nimmer fertig brachte.

Wir beide hatten uns leib, wir gehörten zueinander. Das wussten wir jetzt. Aber was nun weiter? Unsere Zukunft begann wie jene berühmte Novelle der Fliegenden Blätter: „Er war ein Künstler und sie hatte auch nichts“. Nach Auszahlung meiner Gehaltsquote ‚pro rata temporis’ bestand mein ganzer Barbesitz aus 270 Gulden. Meine Stellung futsch. Daheim in München dunstete ein Käslaib alter Schulden.

Und Papa mit seinem mageren Beamtengehalt? Wie sollte Papa mir helfen können? Das wollte ich gleich gar nicht versuchen. – Was aber dann? Ich grübelte mir das Gehirn heraus und fand keinen Weg.

Ein paar Wochen quälender Unschlüssigkeit. Mein Mädel und ich, wir sahen uns selten. Entweder lief ich verstört und ratlos in Wien herum, oder ich hockte daheim und versuchte zu arbeiten. In dieser wirbligen Stimmung wurde das neue Volksstück, an dem ich schrieb – ‚Der zweite Schatz’ – eine unzureichende Sache. Als es am Münchener Gärtnertheater aufgeführt wurde, fand es wohl Erfolg. Aber das war von jenen Erfolgen einer, die nichts eintragen.

Die letzte Brücke, von der ich hoffte, dass sie zu hilfreichem Mammon führen könnte, war eingestürzt. Und meine Verzweiflungsstimmung führte zu einer gefährlichen Krise. Ich begann verhängnisvolle Fragen an mich zu stellen. Das liebe Mädel in meine bodenlose Existenz hereinzerren? Durfte ich das? Und warten? Viele Jahre warten? Konnte ich das? Die Antwort verschwieg ich mir. Aber durch vierzehn Tage fand ich nimmer den Mut, meinem Mädel vor die Augen zu treten. Und dann, eines Nachmittags im Kaffeehaus, brachte mir einer von den weiland Schauspielern des Ringtheaters die Nachricht: „Weißt du schon? Die Kathinka hat einen glänzenden Antrag ans Breslauer Stadttheater bekommen.“ Das gab mir einen Stoß ins Herz, aber auch einen bewegenden Stoß ins Genick.

Die Überlegung war eine sehr kurze. Ich? Wieder nach München heim? Und das liebe Mädel? Irgendwohin in die Ferne hinaus? Wann würden wir uns wieder sehen? Uns wieder finden? – Nein! Alles andere! Nur das nicht: Nur nicht die Trennung!

Ich erinnerte mich einer Bergpartie, die ich als Student im Wettersteingebirge gemacht hatte. Ich verstieg mich damals und geriet in die Nacht. Auf dem Gesims einer Felswand saß ich ein paar Minuten und studierte. Links und rechtes, vorne und hinten, überall konnte der Purzelbaum auf mich warten. Da war der kürzeste Weg immer noch der beste. Also grad hinunter über die Wand! Ich fing zu kraxeln an und dachte: „In Gottesnamen, es wird schon gehen!“ Es ging. Ich kam zu einer netten Jägerhütte, in der ein Licht brannte. So was Ähnliches muss man erlebt haben, um recht zu wissen, was Licht bedeutet.

Diese Erinnerung gab mir die Parole für den Entschluss meiner Liebe: „In Gottesnamen, es wird schon gehen!“ – (Und heute, dreißig Jahre später, während ich dieser Geschichte meiner ‚unverantwortlichen Heirat’ niederschreibe, sitze ich auf dem Gehäng des Wetterstein in meinem Jägerhaus, und sein helles Licht leuchtet hinaus in die schwarze Oktobernacht, durch deren Finsternis die verliebten Hirsche röhren.)

Nicht einmal einen langen Rock zog ich an. Weil ich keinen hatte. Geraden Weges rannte ich vom Kaffeehaus zum Bruder meines lieben Mädels. Ich erinnere mich noch an den Wortlaut meines Antrages: „Sie? Wie ist denn das jetzt? Geben Sie mir die Thinka?“ Er musste lachen und sagte: „Ja!“ Und fügte bei: „Viel Kapitalien haben S’ vermutlich nicht. Aber Talent haben S’! Und Kurasch! Sie kommen schon in die Höh!“ Und mein Mädel legte die kleine schöne Hand in meine zitternde Faust, sah mich mit heiterem, vertrauendem Lächeln an, fragte nichts und wollte nichts wissen – und gab sich mir fürs ganze Leben.

Also, nun war ich Bräutigam. Und schrieb einen glückseligen Brief an die Meinen nach München. Diese Glückseligkeit hielt auch lachend ein paar Tage an. Aber dann begannen wieder die materiellen Gewissensbisse. Denn Mama, obwohl sie versuchte, sich ‚von ganzem Herze’ an meinem Glück zu freuen, schrieb sorgenvolle Briefe, in denen sich refrainartig die Frage wiederholte: „Bub, Bub, wie willst du’s denn mache? Ich schwitz mir vor lauter Angst um dich das gute Mädle die Seel aus dem Leib!“

Um Vater und Mutter zu beruhigen, fing ich – jetzt ging es schon nimmer anders – zu schwindeln an: Dass ich zweitausend Mark ‚in Reserve’ hätte, und dass mir bei einer neuen Wiener Zeitung, die ‚in der Gründung’ begriffen wäre, eine famose Stellung in Aussicht stünde. Mama glaubte das gleich. Nur Papa bleib ein bisschen misstrauisch. Und dann kam er für einen Tag nach Wien, um sich die zukünftige Schwiegertochter anzusehen.

Von Vaters Besuch, dem ich mit Herzklopfen entgegenharrte, sind mir zwei Szenen mit intensiver Klarheit in Gedächtnis geblieben.

Ich holte Papa des Morgens um achte von der Westbahn ab und führte ihn, damit er frühstücken könnte, ins Restaurant Leidinger. Nach seiner Gewohnheit bestellte er sich was Billiges. Das Billigste auf der Speisekarte war Rindsgulasch. Sehr schön sah es aus. In der Farbe erinnerte es an den Scharlachmantel eines Kardinals. So reichlich war es papriziert. Papa speiste mit Überwindung. Und zwei Stunden später kollerten ihm noch immer die scharfen Tränen über das gute Gesicht herunter. Er sagte: „Nein, du! An die Wiener Kost könnt’ ich mich nicht gewöhnen. Was daheim die Mutter kocht, das ist mir lieber. Einfach – und doch kräftig.“

Die zweite Szene spielte bei der Brautschau. Mein Mädel hatte Wangen wie Pfirsiche in der flaumigen Reise, hatte so auffallend blühende Farben, dass die Leute, die ihr auf der Straße nachguckten, missbilligend den Kopf schüttelten und häufig mit strengem Vorwurf sagten: „Nein, das ist doch schrecklich! Ein so ein junges Mädel! Und sich soooo schminken!“ Und als die Braut nun meinem Vater gegenübersaß, potenzierten ihre Freude und Angst diese Pfirsichfarben erst recht ins Unglaubliche. Papa, der ein bisschen betroffen dreinguckte, sah immer mich und dann wieder das Mädel an. Und obwohl es sonst nicht seine Art war, zärtlich zu werden, und obwohl die unklare Stimmung des Augenblicks zu Zärtlichkeiten gar nicht anregte – küsste der Vater plötzlich und sehr rasch mein Mädel auf die Wange. Und küsste, küsste und küsste immer wieder, immer die gleiche Stelle – wickelte sein weißes Taschentuch um den Zeigefinger, sagte streng: „Jetzt halt’ ein bisserl still!“, begann den bunten Pfirsich sehr energisch zu reiben, und erklärte mit glücklichem Verwundern: „Wahrhaftig! Es geht nicht ab!“ Da musste mein glühendes Bräutl so heiter lachen, dass Papa für diesen ganzen frohen Tag aus dem Schmunzeln nimmer herauskam.

Am Abend, als ich ihn zur Bahn begleitete, sagte er:

„Du! Die nimm! Eine bessere kriegst du schwerlich mehr! Und wenn es auf der Welt eine geben kann, die mit deinem Leichtsinn fertig wird und bei dir aushält – dann ist es die da! So ein netter, gescheiter und lieber Kerl!“

Zwei Tage später kam ein Jubelbrief der Mutter. Und schließlich schrieb sie: „Bub, ich bin ganz eifersüchtig! So lobt mein Gustl alleweil dein Mädle!“ Dieser glückselige Brief hatte aber noch eine in Sorge zitternde Nachschrift: „Gelt, das ist doch wahr? Mit deine zweitausend Märkle? Tag und Nach bet ich allweil, dass es nit bloß eine Ausred ist, weil dein Herzl und dein Blut jetzt hungrig sind und nimmer warten mögen!“

Ich schickte über die Sicherheit meiner Existenz die verlässlichsten Beteuerungen nach Hause. Und sie waren keine Notlüge, wenn lachender Mut und glücklicher Glaube als Garantien für ein sorgloses Leben gelten dürfen.

Die kurze Brautzeit verflog, ich weiß nicht, wie. Durch eine Spanne von drei Monaten ist in meiner Erinnerung nichts von allem zu finden, was Wien oder Weltgeschichte hieß. Ich weiß nur von lachenden Tagen meines Glückes, weiß nur von Frühlingsnächten, die seliger Traum oder fester Schlummer waren.

Für den 7. Mai war die Hochzeit festgesetzt. Und am Morgen des 1. Mai umfasste mein Barbesitz noch die Riesensumme von zwei Gulden und fünfzig Kreuzern.

Es ist hübsche Sitte in Wien, am ersten Mai den Menschen, die man lieb hat, Blumen zu schicken. Ich kaufte für mein liebes Mädel zwei Kinderfigürchen aus Terrakotta, jedes zu einem Gulden – und auf dem Naschmarkt bekam ich für 50 Kreuzer einen dicken Strauß prachtvoller Maiglöckerln. Für einen Dienstmann hatte ich nichts mehr übrig. Ich selber musste das Maigeschenk in die Nibelungenstraße tragen. –

Das hab ich in gemütlichen Stunden schon oft erzählt. Die Geschichte dieser beiden Terrakottafigürchen ist eines der Lieblingsmärchen meiner Kinder. Dass die Geschichte wahr ist, glauben sie nicht. Und wenn ich das unter Frauen erzählte, kam es immer so, dass eine erschrockene Seele fragte: „Um Gotteswillen! Was haben Sie denn dann getan? Worauf ich, der Wahrheit gemäß, die Antwort gab: „Ich habe geheiratet. Und wir wollten unsere Hochzeitsreise nach Venedig machen. Aber wir kamen nur bis Abbazia.“

„Weil – –???“

„Nein! Das Reisegeld hätte noch lang gereicht. Aber Abbazia war damals in der Rosenblüte so unglaublich schön, dass wir drei Wochen blieben und nimmer weiter wollten.“ –

Das Heiraten verursachte mir keine schweren Kosten. Mein freundlicher Schwager in spe sorgte für alles. Ich brauchte nur für das Brautbukett und die Eheringe aufzukommen.

Dabei half mir ein Feuilletonhonorar. Und als auch dieser segensreiche Schatz schon wieder zur Neige ging und nur noch sechzig Kreuzer in meiner Tasche trauerten, machte ich mit Braut und Schwägerin einen Besorgungsbummel. Die Damen bekamen Appetit, und wir traten in einen berühmten Wiener Selcherladen, um heiße Würstln zu schmausen. Ich behauptete keinen Hunger zu haben, mein Bräutl war mit einem einzigen Paar zufrieden – aber die Schwägerin! Heiße Würstln waren ihre Schwäche und ihre Leidenschaft. Mir hämmerte das Herz, und der Angstschweiß trat mir auf die Stirne. Als die Rechnung genau schon sechzig Kreuzer ausmachte, sagte ich chevaleresk: „Mariederl, geh, vergönn dir noch ein Paarl!“ Sie schüttelte den schönen Madonnenkopf: „Na, Dokterl, dank schön, es reicht!“ Die liebe Seele! Ich konnte den Selcherladen als Kavalier verlassen. – Die Geschichte, die ich da erzählte, mag manchem Leser belanglos erscheinen. Für mich war sie ein aufwühlendes Erlebnis. Noch selten hatte ich in schwerer Lebensgefahr so hart gelitten und so quälende Sekunden überstanden, wie damals in jenem berühmten Wiener Selcherladen, auf dessen Schild der sprachlich mysteriöse Name ‚Weißhappel’ zu lesen stand.

Und am anderen Morgen war ich gerettet, war fein heraus. Es gibt doch Freude! Nicht? Und solch ein Guter und Verlässlicher, der einiges Vertrauen auf meine Zukunft setzte, borgte mir zweihundert Gulden für die Hochzeitsreise.

Diese zwei knisternden Zettel wurden das Fundament meiner bürgerlichen Existenz, die Schwelle meines Lebensglückes, der Brunnen meiner lachenden Vaterfreude.

Als Papa am Abend des 6. Mai in Wien zur Hochzeit eintraf, mich mit sorgenvollem Blick betrachtete und zögernd die Frage tat: „No, Bub, wie steht denn alles?“ – da konnte ich mit Stolz und Überzeugung sagen: „Alles glänzend!“

Der Vater atmete auf. „Brauchst du denn gar nichts von uns?“

„Nein, Papa! Dank schön.“

Er schmunzelte. „Jetzt glaub ich bald auch an die Zweitausend.“

Meine Freude hatte nur einen Schatten: Dass die Mutter nicht kommen und mein lachendes Glück nicht sehen konnte. Wegen einer Zahngeschichte musste sie zu Hause bleiben. Der Brief, den sie dem Vater für ihr ‚liebes Pärle’ mitgegeben hatte, war eine Art von weißem Himmel – auf und zwischen den Zeilen dieser stammelnden Liebe waren viele graue, strahlige Sternchen. Das war wieder so wie bei Mutters Briefen in meiner ersten Studentenzeit. Ändern sich die Mütter nie? Nur die Kinder?

Der Vater teilte mit mir die letzte Nacht in meiner Junggesellenbude. Mir blieben die Augen nicht zu. Immer musste ich mich in den Kissen aufsetzen und vor mich hinlachen. Und um 6 Uhr früh musste Papa aus den Federn; da half nichts mehr. Er sagte: „Geh, zappel doch nicht so! Jetzt haben wir noch fünf Stunden Zeit.“ Aber es litt mich nimmer zwischen den vier Wänden.

Wir gingen in den Prater hinunter. Ein wundervoller Morgen war’s. In einem Gärtl frühstückten wir. Und um die endlose Zeit zu kürzen, besuchten wir das Panorama. Dann eine Stunde für das römische Bad. Und heim! Und vom Hals bis zu den Zehen in meine beste Wäsche. Und mein Myrtensträußerl ins Knopfloch des Fracks. „Schau ich gut aus, Papa?“

„Geh, du dummer Kerl! Auf so was kommt’s doch nicht an.“

Als wir zum Brauthaus fuhren, fragte ich: „No, Vaterl? Bekomm ich denn keine gute Lehren für den Ehestand?“

Er schüttelte den Kopf. „Was für meine Ehe passte, das passt nicht für die deinige. „Heiraten und Sterben muss jeder für sich selber ausprobieren. Jetzt steckst du drin, jetzt wuzel dich durch! Und gib dir Mühe, dein Glück zu verdienen. Die Ehe kann das Fürchterlichste sein, aber auch das Beste und Wertvollste des Lebens. Führ dich so, dass du dich vor deiner Frau nie schämen musst. Alles andere gibt sich. Und wenn du jetzt Mann wirst, so vergiss doch nie, dass du noch immer Kind bleibst. Die das Kindsein verlernt haben, sind noch niemals glückliche Väter geworden. Und das, Bub: In Freude Vater sein – das ist das Allerbeste.“

Ich nahm Papa in der Droschke um den Hals und küsste seine blasse Wange.

Mein Bräutl war noch nicht fertig, als wir kamen – das erste und das letzte Mal, dass sie bei der Toilette auf sich warten ließ. Doch als sie kam, da guckte sie wie ein blühendes Röserl aus all dem feinen Weiß heraus.

Eine große Versammlung von Schwestern, Tanten, Nichten und Freundinnen war vorhanden. Diese weiblichen Seelen vergossen eine reichliche Tränenmenge. – Drei Wochen später, als wir von der Hochzeitsreise Heim kamen, sagte ein kleiner Neffe in Erinnerung dieser vielen Tränen zu meiner Frau: „Du! Tante Thinkerl! Weißt du noch: Ich war bei deiner Leich!“ – Es wird wohl so sein müssen, dass man Tränen streut, wenn Glück und Freude gegangen kommen. Man sollte nur nicht weinen, wenn sie wieder gehen – sollte dankbar nur das Eine wissen: Sie waren da!

In der Augustinerkirche wurden wir getraut. Freund Richard Alexander war mein Brautführer. Und die Kirche wimmelte von Theatervolk. Der geistliche Herr heilt eine schöne Rede. Als er schwieg, vermutete ich, dass die heilige Handlung vorüber wäre, und dass ich mich nun in feierlicher Weise als Ehemann zu dokumentieren hätte. Also hob ich den Schleier meiner Frau und küsste sie auf den Mund. Ein feines, heiteres Kichern huschelte durch die ganze Kirche. Der geistliche Herr schaute sehr verwundert drein – er war noch gar nicht fertig gewesen, hatte nur eine Stimmungspause gemacht. Nun sprach er weiter. Und ich musste noch einige Minuten warten, bis ich mich als vollständig verheiratet betrachten durfte. Jetzt war mein Bräutl richtig und wirklich meine Frau. Doch das prophetische Wort meines Vaters erfüllte sich nur halb: Mit meinem Leichtsinn ist sie trotz redlichem Bemühen nicht völlig fertig geworden – aber treu und tapfer hat sie bei mir ausgehalten, ob unser Leben feststand, oder ob es bedrohlich wackelte. Sie wurde der Liebling und das Vertrauen meines Vaters, wurde das Herzblatt meiner Mutter – und wurde mir eine Frau, deren innerstes Leben, obwohl es verständnisvoll jedem Wert des Daseins angehörte, doch eigentlich nur von zwei Gedanken geformt und geleitet wurde: Von dem Gedanken and as Wohl ihres Mannes, von dem Gedanken an das Glück ihrer Kinder. –

Ein heiteres Mahl bei Sacher. Viele Trinksprüche in Reim und Prosa: Auf das Brautpaar, auf Eltern und Großeltern, auf Geschwister und Freunde. Das erschien mir als halbe Sache. Drum klingelte ich an mein Glas und sagte: „Wir grüßten in Dankbarkeit und Ehrfurcht die Vergangenheit. Wir sprachen Segenswünsche für die Gegenwart. Warum sollen wir nicht auch an das Kommende denken dürfen? Ich trinke auf das Wohl der Kinder, die wir kriegen!“

Abends um 6 Uhr die selige Fahrt. Meine kleine Frau in dem braunen Reisekleidchen und in dem braunseidenen Kapothütl sah so entzückend aus, dass ich ganz verdreht wurde. Doch in allem Wirbel meiner Freude musste ich auch an ein Ernstes denken. Auf der Fahrt zum Bahnhof machten wir einen Umweg und fuhren an der Stätte des verschwundenen Ringtheaters vorbei, auf der sich die Gerüste für den Bau des ‚Sühnehauses’ zu erheben begannen.

Wir saßen still im Wagen, Hand in Hand. Und die Augen wurden nass.

Tausend Schmerzen für andere. Für uns das Glück. Warum gerade für uns? Das ist eine Frage, die keine Antwort findet. Ich fühlte nur: Das Leben war uns freundlich. Und ich bin ihm dankbar geblieben.

Wien verschwand uns im Glanz der Sonne. Felder kreisen, Dörfer und Städte fliegen vorbei, und in der Dämmerung des Frühlingsabends kommen die Berge auf uns zugelaufen.

Zwei Tage blieben wir in Graz. Ich habe diese zierliche Stadt an der Mur erst viele Jahre später gesehen. Am dritten Tag, auf dem Bahnhof in St. Peter, wurde meine liebe Frau von einem ganz gefahrlosen, aber höchst unbequemen und langwierigen Leiden befallen, obwohl wir uns unanzweifelbar auf festem Land befanden. Und ich gemütsrohes Mannsbild hatte beim Anblick der Symptome eine unsagbare Freude. Die kleine Frau war mir nun doppelt lieb, und das Leben wurde mir etwas noch viel Schöneres, als es mir ohnehin schon gewesen.

Wir wollten von Fiume nach Venedig und machten einen Ausflug nach dem Fischerdorf Abbazia. Noch kein Hotel, kein Badegast. Nur wir. Und das blaue Meer und die blühenden Rosen. Wir blieben. Über diese drei Wochen wäre ein leuchtendes Märchenbuch der Freude zu schreiben. Teresina, die lustige Tochter in der Osteria alla piazza’ extrahierte den Inhalt dieses Märchens in ihrem gebrochenen Deutsch mit den geflügelten Worten: „Niechs als ess und dink und lach und Bussi geb.“ Diese knuspernde und selige Weltvergessenheit kostete für uns beide fünf Gulden im Tag.

Und dennoch schmolz das ‚Fundament meiner bürgerlichen Existenz’ in der dritten Wochen sehr bedenklich zusammen.

Als wir bei der Rückkehr nach Wien den nüchternen Boden des Lebens wieder betraten, hatte ich noch siebzehn Gulden. Mein opferfreudiger Schwager holte uns vom Bahnhof ab und sagte: „Passts auf, Kinder, jetzt gibt’s a klane Überraschung!“ Wir fuhren weit, bis nach Döbling hinaus. Vor einem hübschen Gartenhaus hielt der Wagen, als es schon dunkel war. Bei der Tür begrüßte uns eine nette, flinke, muntere Wiener Köchin mit den Worten: „Grüß Gott, gnä Frau! Grüß Gott, gnä Herr!“ Und in einer niedlichen, reizend eingerichteten und festlich beleuchteten Wohnung erwartete uns eine heitere Gesellschaft beim gedeckten Tisch, auf dem die Bouillon schon dampfte und die Gläser schon gefüllt waren.

Wenn Kinder solch ein Märchen erleben dürften, würden sie sagen: „Heinzelmännchen“. In meinem Märchen musste ich sagen: Gute Menschen.

Am anderen Morgen, früh um 9 Uhr, begann ich die Arbeit: Das erste Kapitel meines ersten Hochlandsromans ‚Der Jäger von Fall’.

Mein Studio war ein großer Raum gegen den Garten, mit einer Treppe auf den Rasen hinunter. Die Fenster standen offen. Die Amseln und die Stare zwitscherten.

Herrgott, da war das Arbeiten eine feine, frohe Sache! Während die Feder knisterte, legte sich ein Arm um meinen Hals, und eine liebe Stimme sagte neben meinem Ohr: „Du, Goscherl! Verzeih, dass ich störe! Aber weißt du, die Köchin muss einkaufen. Sag mir, wie willst du es denn halten mit dem Haushaltungsgeld?“

So herzlich diese Stimme klang – der jäh erwachte Ernst des Lebens fasste mich doch ein bisserl schreckhaft an der Kehle! Aber ich fand die Ruhe, die in allen Augenblicken der Gefahr das Nötigste ist. „Ja, mein Herzkind! Morgen! Gelt? Schau, lass mich nur heut mit der Arbeit ein bisserl in Schuss kommen. Morgen reden wir dann über das andere weiter. In meinem Brieftascherl findest du fünfzehn Gulden. Das wird schon reichen für heut.“

Es reichte fast eine Woche. Denn alle Schubläden in Küche und Speisekammer waren von der lieben Schwägerin Heinzelweibchen voll gezaubert bis an den Rand.

Als ich das erste Kapitel meiner Arbeit vollendet hatte, fuhr ich in die Stadt. Über die drei Monate, bis ich den Roman vollendet haben würde, musste ich mich hinüberbalancieren. Wie ich es machte, will ich verschweigen – die Methode erinnerte an die Gepflogenheiten meiner ersten Studentenzeit. Kurz und gut, wie die Chronisten sagen – am anderen Morgen hatte ich meiner Frau das Haushaltungsgeld für den Monat Juni, bar hundert Gulden, auf das Frühstückstischerl legen.

Ich konnte auch für die Folge ziemlich pünktlich sein. Meine Frau merkte in diesen ersten Monaten nie was von der verschwiegenen Sorge, die mich manch eine halbe Nacht in meinem großen Studio herumtrieb, wie der Hunger den Wolf im Schneegefilde. Sie ging ein Vierteljährchen lang als eine zufrieden Lächelnde über den Bodensee meiner gefrorenen Tasche. Und als sie endlich merkte, wie es um meine Finanzen stand, da war auch schon die Hilfe nimmer weit.

In einer schwülen Sommernacht konnte ich sie mit der freudigen Botschaft wecken: „Goscherl! Mein Roman ist fertig!“

Am folgenden Morgen schickte ich das Manuskript an eine viel gelesene Wochenschrift. Acht Tage – nicht in Sorge – nur in wachsender Ungeduld. Und dann ein vernichtender Donnerschlag. Die Arbeit kam zurück. Sie war für den Abdruck in einer Wochenschrift unbrauchbar, weil ich den ‚sonst sehr wirksamen Stoff’ durch ein außereheliches Kind verunziert hatte.

Der Schreck fuhr mir kalt in die Knochen. Und nun merkte meine kleine, kluge Frau, dass irgendwas nicht völlig stimmte. Halb erriet sie es, zur anderen Hälfte hab ich es ihr sagen müssen. Ihre großen, erschrockenen Augen zwangen mich zur Beichte.

Eine Szene? Nein! Wie gut meine Frau mir war – das hatte ich noch in keiner Stunde der Zärtlichkeit so deutlich erfahren, wie ich es jetzt erfuhr, an diesem Tage quälender Sorgen.

Die Arbeit ändern? Nicht ums Kaputtwerden! Ich biss die Zähne übereinander. Und vor allem musste ich wissen, ob das Buch was taugte, oder ob es wirklich ein unbrauchbarer Dreck war. Mit der Bitte, mir unverblümt die Wahrheit zu sagen, schickte ich das Manuskript nach München an Karl Stieler. Vierzehn Tage, die fürchterlich waren! Und keine Antwort.

Dann eines Morgens kam ein Brief von einem mir völlig fremden Mann, von dem Verlagsbuchhändler Alfred Bonz in Stuttgart. Der schrieb mir ungefähr: „Herr Dr. Stieler hat mir mit einer warmen Empfehlung Ihr Buch geschickt; die Arbeit gefällt mir, ich nehme sie in Verlag, drucke zweitausend Exemplare, bezahle Ihnen sofort ein gutes Honorar und knüpfe nur die Bedingung daran, dass Sie mir auch Ihre nachfolgenden Werke zum Verlag anbieten.“

Meine Frau und ich, wir beide wurden halb verrückt vor Freude. Jetzt hatten wir festen Boden, konnten dem Gespenst der Sorge einen vergnügten Fußtritt geben und mit Vertrauen weiterwandern auf sicherem Weg. Kämpfen musste ich noch viele Jahre lang – aber nur, weil ich trotz akuter Besserung chronisch ein leichtsinniger Strick blieb, der niemals rechnen, sich niemals nach der Decke stecken lernte. Aber wenn mein Lebensverlangen ein Loch aufriss, gelang es mir mit gesteigerter Arbeit immer wieder, glatten Boden zu machen. So blieb mir schließlich aller Kampf eine heitere Sache, weil hinter jedem Schreck immer neu ein gläubiges Lachen kam.

Dreißig Jahre! Seit jenem Tag, an welchem das zur Heimat wiederkehrende Manuskript mir ein kaltes Rieseln durch alle Knochen goss, ist der ‚unbrauchbare Jäger von Fall’ in etwa neunzigtausend Exemplaren gedruckt worden. Und auch in einem anderen Sinn wurde jener Schreck mir wieder zu einem Glück. Der herzliche Liebesdienst, den mir Karl Stieler erwies, brachte mein abgelehntes Buch zu Alfred Bonz, zu einem Verleger, der sich für meine Lebensarbeit als treuer und verlässlicher Kamerad erwies. Jenen Verlegerjammer, über den so manch ein aufwärts kämpfender Schriftsteller üble Lieder zu singen weiß, hab ich niemals kennen gelernt. Mein Verleger glaubte an mich und an die Lebensfähigkeit meiner Arbeit, und mit Geduld und Opfern hielt er mich zehn Jahre über Wasser, bis endlich der Erfolg für uns beide sich einstellte. Das wohlwollende Leben gab mir viele Freunde – einen der besten in meinem Verleger.

Zu dem klingenden Segen, der damals vor dreißig Jahren aus Stuttgart kam, fand ich in Wien noch als Kritiker eines Wochenblattes eine nette kleine Stellung, die mir ein Sicheres eintrug und wenig Arbeit von mir verlangte. Ich konnte ganz meinen träumenden Poetenplänen gehören, ganz dem lachenden Glück meiner jungen Ehe. Im Gartenfrieden unseres Döblinger Lebens floss uns ein schöner und stiller Sommer hin.

Im Spätherbst übersiedelten wir nach Wien, in die Rathausgasie. Unser Kindl sollte keine Vorstadtknospe werden, sondern ein richtiges Wiener Blut.

Ich blieb in diesen harrenden Winterwochen fast immer daheim. Nur an jedem Mittwoch vergönnte ich mir den Sprung in den Literaturverein. Hier fand ich Menschen, zu denen es mich hinzog. Vincenz Chiavacci war Vorstand – und neben ihm der junge Karlweis, Wilhelm Goldbaum, Gustav Schwarzkopf und Ludwig Hevesi. Wir wurden Freunde fürs Leben. Treue Werte, die sich für mich zu Kostbarkeiten steigerten, blinkten mir an diesen Mittwochabenden im Weißen Lamm zum ersten Mal – und gleich so hell, dass sie nicht zu übersehen waren.

Und ein fleißiger Winter wurde das! Der Gedanke an das Kommende, der mich immer erfüllte, wie sorgende Beklommenheit und doch wie heiße, zärtliche Freude, hielt mich durch Tage und Nächte am Schreibtisch fest. Ich machte damals sogar den waghalsigen Versuch, das Sparen zu lernen. Alles andere ist mir besser gelungen.

Welch ein wundersames Gefühl: In Sehnsucht lieben, was man noch nicht sah. Man weiß nur, dass es lebt, und dass es kommen wird. Feine, leise, kaum erlauschbare Herzschläge flüstern von diesem nahenden Leben. Ist ein Alltägliches, ein billionen Mal Gewesenes im Ewigkeitslauf der atmenden Dinge – und doch ein Wunder, das jedem, der es erfährt, wie ein Neues und Unerhörtes erscheint. Heute sind deine Arme noch leer, und morgen tragen sie, was du heißer lieben wirst als dich selbst. Die Sprache redet so aus Gewohnheit. Blut von deinem Blute, Fleisch von deinem Fleische, Geist von deinem Geiste, Form nach deiner Form. Doch diese Laute sagen dir nichts, sind leer und arm. Das Wunder ist heller als jedes menschliche Wort, tiefer als jeder menschliche Gedanke. Immer sinnt und sucht deine Seele, um es zu erforschen. Immer sieht sie ein durch Glanz und Nebel schwimmendes Gesicht, weiß und winzig, klar und dennoch unfassbar, mit Augen, die dich fragen, mit einem Mündlein, das zu dir reden möchte und noch gar nicht lächeln kann. Und wollen deine Hände in Sehnsucht greifen, dann entgleitet es und zerfließt, kein Schimmer eines Erinnerns bleibt in dir zurück – und du weißt dir keinen anderen Rat, als deine brennende Stirn in die Arme zu pressen und zu zittern an Leib und Blut.

Am Abend des 4. Februar schrieb ich die letzten Seiten meiner Hochlandsgeschichte ‚Hochwürden Herr Pfarrer’. Im Kalender stand der Faschingssonntag. Und in dem Stockwerk unter uns wurde Hausball gehalten. Immer klangen die Straußischen Walzer durch den Stubenboden herauf. Es war gegen Mitternacht, als ich unter den Schluss meines Manuskriptes jenen erlösenden Schnörkel machte. Und da wollte ich es meiner Frau gleich sagen: Jetzt hab ich wieder was fertig. Aber das Schlafzimmer nebenan, dessen Tür offen stand, war dunkel und still. Ich wollte die Schlummernde nicht wecken, setzte mich ins Speisezimmer hinaus und klimperte piano auf der Zither. Da hör’ ich, wie eine beklommene Stimme meinen Namen ruft. Ich renne hinüber ins Schlafzimmer. Das Kerzenlicht flackert. Meine Frau sitzt weiß in den Kissen, das Haar ein bisschen verwirrt, einen irrenden Blick in den großen Augen, und stammelt: „Du! Mir scheint –„

Seit Wochen war alles schon abgeredet. Wir beide, die Köchin Fanny und ich, wir wussten ganz genau, was wir zu tun hatten. Und so sauste ich gleich davon, um die weise Frau zu holen – und wäre natürlich in den Hauspantoffeln davongelaufen, wenn meine Frau nicht aus dem Schlafzimmer herausgerufen hätte: „Goscherl, draußen liegt Schnee, feste Schuhe musst du anziehen!“

Der Weg war nicht weit. Droben im dritten Stock des ersehnten Hauses brannte ein rotes Laternchen. Und von droben hörte ich die Klingel bis auf die Straße herunter. So energisch hatte ich am Draht gerissen. Bis die Kluge mit ihrer sonderbaren Strohtasche herunterkam, erwischte ich einen Fiaker. Er brachte mich und die redselige Dame in schärfsten Trab zu mir nach Hause und ließ sich schicken, um den Schwager und die Schwägerin aus dem Schlaf zu läuten.

Die Kluge ging mir nicht rasch genug über die Vier Treppen hinauf. Deshalb verfeindeten wir uns. Aber sie wurde wieder freundlich, als sie gleich bei der Wohnungstüre den Duft des schon fertigen Kaffees in ihre weise Seele schnuppern konnte.

Nun diese fürchterlichen, quälenden Stunden! Diese rat- und hilflose Zerknirschung. Und die Leidende, zwischen tapfer verbissenem Stöhnen, sagte noch immer: „Geh, Goscherl, schau, es ist doch gar nicht so arg.“ Und als unter dem Stubenboden wieder ein Straußischer Walzer schmeichelt, muss sie lachen: „Schade, dass ich da nicht mittanzen kann!“ Aber dann will sie mich immer im Zimmer leiden, nicht einmal bei der Türe. Und sagt zur Köchin: „Fannerl, bleiben S’ draußen beim Herrn, dass er keine Dummheiten macht!“

Die Köchin sitzt vor meinem Schreibtisch im Lehnstuhl, erzählt allerlei wienerische Lustigkeiten – und ich renne im Zimmer herum wie ein verlorenes Schaaf. Selbstgefühl des Mannes? In solchen Stunden wird der ‚Herr und Stolz der Schöpfung’ ein Blödian, etwas Überflüssiges und Unbequemes.

Dann dieser lähmende Schreck, als die weise Frau unter Zitierung des Sprichwortes ‚Sicher ist sicher!’ einen ‚Professor’ haben will! Mit marternden Bildern in der Seele rase ich über die vier Treppen hinunter. Und wie ich zur Haustüre hinaus will, fährt gerade mein Schwager vor. Und frägt: „No, was is denn? Geht’s los? Und lachen kann er! Das gemütsrohe Scheusal! Lachen! Während mir das Wasser herunterkollert über das eiskalte Gesicht. Und lachend sagt er: „No, no, no, sei nur ruhig, ich fahr schon und hol den Professor.“

Fast eine Stunde dauert’s. Und in dieser Stunde renne ich zwanzigmal die vier Stöcke hinauf und zwanzigmal wieder herunter zur Haustüre.

Schon dämmert der graue, kalte Morgen.

Endlich! „Ach, lieber Herr Professor –“ Auch der kann lachen! Und sagt gemütlich: „Nur Seelenruhe! Wir kommen nicht zu spät!“ Er ist ein bisschen korpulent. Drum schleicht er noch viel langsamer über die Treppe herauf als die kluge Dame. Auf jedem Treppenabsatz bleibt er stehen, verschnauft behaglich und erzählt meinem Schwager eine nette Anekdote. Und droben im Speisezimmer sieht er meine Gämskrucken und Hirschgeweihe an: „Ooooh! Fein! Haben Sie die alle selber geschossen?“ Und in meinem Studierzimmer sagt er: „Da haben Sei aber einen hübschen Ofen!“ Und als er endlich, endlich im Schlafzimmer ist, bekundet er noch sein ganz besonderes Wohlgefallen an unserem pompejanischen Waschservice und will sich die Adresse notieren, wo es zu haben ist.

Die Türe wird geschlossen. Ich will verzweifeln, bin dem Irrsinn nahe. Und da erzählt mir die Köchin mit strahlendem Stolz: Dass ‚wir’ den gleichen Herrn Professor haben, der immer die Kaiserin Elisabeth entbunden hat!

Ein herzzerreißender Schrei. Dann Stille da drinnen. Und jetzt was Leises, Feines, kaum noch Hörbares – ein Laut, als hätte man an einem Buchsbaumschächtelchen den knirschenden Deckel aufgedreht – – das Weinen meines Kindes.

Für ein paar Sekunden verlor ich die Herrschaft über meine Sinne. Und später erzählte mir die Köchin: Ich hätte schauderhaft gebrüllt und hätte gradauf in die Luft einen Sprung gemacht, viel höher noch als der Tisch.

Dann steh’ ich in dieser matten Dämmerung, in der ich zuerst nicht sehe – an den zwei verhängten Fenstern sind schmale leuchtende Lichtlinien – da draußen kam die Sonne. Und auf verwüstetem Kissen, mit einer dünnen weißen Decke bis an den Hals, liegt regungslos und erschöpft die junge Mutter, versucht zu lächeln, und ihre Augen glänzen mich an. Ich taumle hin, in meinem Herzen ist etwas so Schweres und Starkes, dass es mich auf die Knie wirft, und immer küsse ich in Dankbarkeit die schlaffe, glühende Hand, bis meine Frau wieder lächeln möchte und müde lispelt: „Aber geh, so schau dich doch ein bisserl um!“

Es reißt mich in die Höhe, es dreht mich. Und da liegt was Rosiges auf weißem Leinen. Und zappelt ein bisschen.

„Ach Herrjeh, ein Mäderl!“ Und in allem verstörten Glück ist das mein erster Gedanke, mein erstes Wort: „Das Mädel muss heißen wie meine Mutter: Lotte!“

Mir schwimmen die Augen, während ich lache. Und dennoch kann ich sehen. Ich sehe mein Kindl, das groß die blauen Augen offen hat. Aber den Vater mag es nicht angucken, hat das Gold umringelte Köpfl ein wenig zur Seite gedreht und staunt wie verwundert in den hellen Schimmer am Fenster, in die glänzende Morgensonne. So legt es vor mir – nicht braun und blau und verknüllt und zerquetscht, wie Kinder ins Leben gleiten – weiß wie ein Wachsfigürchen mit Rosenblättern, mit zierlichen Gliederchen, ohne Fehl und Makel! Nein, ich kann’s nicht schildern! Doch wenn ich jetzt sage: Dass nie noch ein Kind geboren wurde, so vollkommen und so schön – dann lachen mich die Nüchternen aus, und niemand glaubt es mir. Und dennoch ist es wahr!

Fast dreißig Jahre sind vergangen. Und ich fühl’ es noch immer, als hätt’ ich es heut erlebt, an diesem jüngsten Morgen. Und mein Kindl ist Frau und Mutter. Und ist noch immer mein Kind. Und hat mir Glück und Licht und Freude gegeben.

Meine Arme trugen schon drei Kinder meines Kindes. Und schau’ ich in das glänzende Lachen dieser jungen Augen, dann ist ein froher, stolzer und schöner Gedanke in mir.

Mag vergilben, versinken, vergessen werden, was ich mit aller Arbeit meines Lebens schuf!

Ich bin unsterblich, weil ich lebe in meinen Kindern und Kindeskindern.

Dass Millionen Menschen, Milliarden von Geschöpfen, der rauschende Baum, die kleinste Blume und der leblos scheinende Stein sich rühmen dürfen, diese gleiche kostbare Unsterblichkeit zu besitzen – das kann ihren Wert in meinen Augen nicht schmälern.

Als das größte unter den schönen Wundern des Lebens erscheint mir dieses eine: Dass alles Wertvollste auch immer ein Überhäufiges und Alltägliches ist.

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