Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 8

Eine kleine Jagdgeschichte aus dem stillen, schönen Sommer 1881 zu Fall im Isarwinkel ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben und erscheint mir charakteristisch für die freundlichen Gewogenheiten des Lebens.

Da stieg ich an einem wundervollen Morgen mit dem Jagdgehilfen Eberl zum Luderer Gewänd hinauf. Wald und Berge funkelten in der reinen Sonne. Und überall das schöne ruhige Rauschen der Wildbäche.

An der Baumgrenze führte der Steig quer über einen steilen, von Heidelbeerbüschen überwachsenen Hang, der überhaucht war vom schweren Duft des verblühenden Seidelbastes. Der Jagdgehilfe, der durch das Fernrohr eine Sennerin auf dem gegenüberliegenden Berggehänge beobachtete, war zurückgeblieben. Ich schlenderte gemütlich den Steig hinan, halb schauend, halb träumend. Und plötzlich sah ich, dass sich hundert Schritte unter mir, in dem dichten Heidelbeergestrüpp, etwas Schwarzbraunes bewegte. Es huschelte und hüpfte, tauchte aus dem Grün heraus und verschwand wieder. Ich riss die Büchse von der Schulter und machte mich schussfertig. Jetzt erschien da drunten zwischen den Stauden ein lang gestreckter Vogelkopf. Mein erster, fieberheißer Gedanke jubelte: „Ein Adler!“ Was sonst? Solch ein ‚Endstrumm Vogel’ konnte doch nur ein Adler sein! Ich hob die Büchse zur Wange. Der Vogel gewahrte diese Bewegung und schwang sich mit schwer wuchtenden Flügelschlägen aus den Stauden. Mein Schuss krachte, und der Vogel stürzte leblos, schwer wie ein großer Stein in das Gebüsch zurück.

Jetzt, nach dem glücklichen Schuss, befiel mich das ‚Adlerfieber’. Ich musste die Augen schließen, und meine Hände zitterten. Wie ein Narr kam der Jagdgehilf Eberl über den Steig herauf gerannt und brüllte: „Was is denn? Was is denn?“

Erst musste ich einen Jauchzer in die Sonne hinausschreien. Dann konnte ich reden. „Einen Adler hab’ ich.“

„Was? An Adler? Liegt er?“

„Ja, da drunten.“

„Herrgottsakra! Haben Sö aber a Sauglück!“

Wir rannten lachend über den Hang hinunter. Doch als wir zu der schwarzbraunen Sache kamen, sah ich es selber gleich: Das war kein Adler.

„Mar und Joseph!“, stammelte der Jäger und wurde kreideblass vor Schreck. „Dös is ja an Auerhohn!“

Na also! Kein Adler! Nur ein Auerhahn! Aber doch eine feine Jägerprimeur! Ich hatte noch nie einen Auerhahn geschossen, noch nie einen gesehen. Und nun den ersten gleich im Flug mit der Kugel! Das war doch Ursache, um vergnügt zu lachen. Warum erschrak der Jäger? Warum guckte er mich mit mauerbleichem Gesicht so entgeistert an?

„Eberl? Was haben Sie denn?“

„Angst hab i.“

„Angst? Warum denn?“

„Weil i net woaß, ob Schusszeit is. Bei uns weard der Auerhohn bloß allweil auf’m Falz im Fruhjahr gschossen. Himisakra! Bal mer jetzt da an Hohn in der Schonzeit umbracht haben, da kriegen mer an noblen Putzer vom Förster!“ Der Jäger wollte den schönen Vogel gar nicht anrühren.

Auch mir fuhr der kalte Schreck in die Eingeweide. Ich! Der Sohn eines Forstrates! Und ein Frevler wider das Jagdgesetz! In einem königlichen Forstbezirk!

Alle Lust für eine weitere Pirsch war uns beiden vergangen. Und das wurde ein unbehaglicher Heimweg. Ich selber trug den Auerhahn im Rucksack. Der Jäger fluchte alle fünf Minuten eine fürchterliche Litanei herunter. Und daheim verschwand er gleich in seiner Stube und ließ sich nimmer blicken. Während ich im Flur des Forsthauses den Rucksack an einen dunklen Nagel hängte, vernahm ich aus der Stube die Stimme des Försters. Das schlechte Jägergewissen drückte mich, dass ich kaum reden konnte, als ich in die Stube trat. Nach allerlei Umschweifen brachte ich das Gespräch auf die Auerhahnjagd.

Auch der Förster sagte: „Den Auerhohn schießt ma bloß allweil im Falz.“

„Aber ich glaube mich dunkel zu erinnern, dass auch im Sommer Schusszeit ist? Oder im Herbst?“

„Da woaß i nix davon. Aber im Jagdkalender müaßt’s ja drinstehn.“ Der Förster holte den Jagdkalender aus dem Wandkastl und blätterte. Dann lachte er. Und sagte: „Recht haben S’, Herr Dokter! Und dös is gspassi! So a Zuafall! Grad heut is der erste Tag von der Schusszeit.“

Wie ein Verrückter sprang ich auf. Die Freude war gleich einem heißen Schwips in mir.

„Jesses! Herr Dokter? Was haben S’ denn?“

„Warten S’ ein bisserl!“ Ich rannte in den Flur hinaus und brachte lachend meine Beute. „Na also: Dann hab ich heut einen Auerhahn geschossen.“

Das wurde ein lustiger Tag. Und der Jagdgehilf Eberl, als er sich von seiner ‚Angst’ erlöst fühlte, soff sich auf meine Kosten einen Rausch an, der sich sogar bei einer Kirchweih mit Ehren hätte sehen lassen können.

Meinem Leben hatte ich solch aktuelle Freundlichkeiten noch des Öfteren zu danken. War mir das Blut heiß geworden und hatte ich – um beim weidmännischen Bild zu bleiben – blind drauf losgepulvert, dann stellte sich schließlich immer heraus, dass die ‚Schusszeit’ gerade angegangen war. Und mein leichtsinniger und unüberlegter Streich bekam den Anschein eines klugen und rechtlichen Vorganges. Alle eiserne Gerechtigkeit des Lebens ist fein durchädert mit dem Gold liebenswürdiger Barmherzigkeit. Wenn’s nicht für uns alle so wäre, würde die Statistik der Missetäter viel höhere Ziffern aufweisen – vielleicht die gleichen Ziffern wie die Volkszählung.

Die Welt ist klein. Bald nach dieser ‚Adlergeschichte’ kam ich im Grenzgebiet zwischen Bayern und Tirol zu einem Erlebnis, dem einige Bedeutung für meine zukünftige Stellung als Dramaturg des Ringtheaters in Wien nicht abzusprechen war.

Mit einem Freund, der mich in Fall besuchte, unternahm ich einen Ausflug nach dem Achensee. An diesem grünblauen See war die Heimat der berühmten Tiroler Sängerfamilie Rainer, die den Volksgesang zu einer erfolgreichen Kunstform erhoben hatte und einen verdienten Weltruf besaß, den sie nun, nach vielen, einträglichen Sängerfahrten durch Europa und Amerika, praktisch bei der Führung zweier Hotels ausmünzte, in denen es immer von Gästen wimmelte. Diese Geschwister Rainer waren geborene Musikanten, packende Sänger, meisterhafte Gitarristen und Zitherspieler, jedes Mitglied der Familie ein Künstler von ursprünglicher Art. Was sie künstlerisch schufen, hat nicht bleibende Schule gemacht; es war ihr subjektives Können, ihr persönlicher Besitz, und ist mit ihnen erloschen und versunken. Als ich die Familie Rainer damals kennen lernte, war die berühmte Truppe schon ein bisschen in die Brüche gegangen. Eine der Schwestern regierte als Wirtin im Hotel Pertisau. Und im Hotel Seehof zu Achensee präsidierte an der Table d’hote der Senior Rainer, eine prächtige, nur leider schon grau gewordene Andrä-Hofer-Gestalt, mit der klugen, musikalisch genialen Schwester Theres, die auch als Vierzigjährige noch mit dem heiteren Schwarm bezwingender Jugend wirkte und viele Herzen knickte.

Man lebte im Seehof sehr gemütlich und wurde famos verpflegt. Eine sieghafte Attraktion für die Gäste und eine Gratiszugabe zur Pension waren die fidelen Sängerstunden, die allabendlich in einem hübsch dekorierten Souterrainlokal der Dependance abgehalten wurden, das mit Berechtigung den charakteristischen Namen ‚Das süaße Löchl’ führte. Wenn da die Zither schmeichelte und die feinen Lieder klangen, wurde so viel Sekt getrunken, dass sich diese künstlerische Gratiszugabe zur Pension für die Gäste in eine sehr kostspielige Sache verwandelte. Ich musste schon am dritten Tag um Geld nach Hause telegrafieren.

Neben dem prachtvollen Liederklang und neben den unwiderstehlichen Zitherkünsten der Theres Rainer hatten die Abende und Nächte im süßen Löchl noch einen viel bewunderten Star: Den jungen Kutscher Ludwig, einen schlanken, sehnigen, mit quecksilbernen Lebenskräften erfüllten Burschen, der ein Schuhplattltänzer von seltener Meisterschaft und origineller Erfindungsgabe war. Wie die Rainertruppe den volkstümlichen Gesang zur Höhe der Vollendung erhoben hatte, so machte der junge Ludwig aus diesem derben, volkstümlichen Tanz eine wundervolle Sache, die man um ihrer Kraft und Grazie willen als Kunst bezeichnen musste. Er war gut gewachsen, aber von Gesicht nicht schön, hatte hagere Züge, Sommersprossen wie Kupferkreuzer und vordringliche Backenknochen. Doch wenn dieser Ludwig tanzte, wurde er schön; da blitzte die Kraft seines jungen Lebens, und jede seiner Bewegungen wirkte hinreißend. Als Tänzer brach er die weiblichen Herzen, wie er wollte. Damals waren zwei junge, zierliche Engländerinnen, zwei Schwestern von neunzehn und zwanzig Jahren, so bis zum Irrsinn in diesen gaukelnden Adonis vernarrt, dass sie an jedem Morgen seine Arbeit im Stall verrichteten, um seinen müden Gliedern nach der durchtanzten Nacht ein paar Stunden notwendiger Ruhe zu bescheren.

Unter der Schar der Hotelgäste im Seehof befanden sich damals vier geheimnisvolle Personen, die man nie zu Gesicht bekam. Unter meiner Mansardenstube wohnten sie in zwei Zimmern und nahmen hier auch alle Mahlzeiten ein. Ein Verlangen nach Spaziergängen oder nach Verkehr mit anderen Hotelgästen schienen sie nicht zu empfinden. Und an jedem erwachenden Morgen, wenn ich vom süßen Löchl kam und zu meiner Mansarde hinaufwanderte, standen vor der Mitteltüre dieser drei Zimmer vier Paar Schuhe, jedes Paar verschieden, zwei Paar Schnürschuhe für Herren, zwei Paar Stiefelchen für Damen – feines elegantes Schuhwerk, wie es weder in München, noch in Berlin fabriziert wurde.

Meine Neugier erwachte. Im Hotel war nichts zu erfragen. Nur der Hausknecht war ein kleiner Brunnen des Wissens – er konnte mir verraten, dass jedes der drei eleganteren Schuhpaare eine Wiener Firma, das vierte, etwas minder gelungene Produkt der Schuhmacherkunst eine Hamburger Marke an den Strümpfen trug. Also: Ein Wiener, zwei Wienerinnen und ein Hamburger. Diese nicht völlig klare, landsmannschaftliche Zusammenstellung mehrte meine Sehnsucht nach exaktem Wissen. Der Zufall im Bund mit einem meiner leichtsinnigen Streiche brachte mir die Aufklärung, die etwas überraschend auf mich wirkte.

Dicht neben dem Fenster meiner Mansardenstube ging zwischen vorspringenden Balkenköpfen des Holzfachwerkes der Blitzableiter herunter. Und eines Morgens, als ich nach den lustigen Klangstunden im süßen Löchl eine Kahnpartie zu Ernüchterungszwecken gemacht und den reichlich verschluckten Sekt noch nicht völlig ausgedunstet hatte, kam ich in meiner animierten Verfassung auf den hirnrissigen Einfall, den Umweg über die vielen Treppen zu sparen und am Blitzableiter zum offenen Fenster meiner Mansarde hinaufzuklettern.

Die Sonne blinkte schon über die Berge auf den glatten See herunter, doch im Hotel war alles noch schlummerstille, als ich die Kletterei begann.

Im ersten Stockwerk stand das Fenster offen. Und das musste eines von den drei Zimmern der vier Geheimnisvollen sein. Ich guckte in den Raum. Es war ein hübscher Salon. Sonst war irgendetwas Wissenswertes nicht zu sehen. Doch als ich weiterklettern wollte, stand ein Herr am Fenster, in hellen Beinkleidern und blauseidenem Nachthemd – ein gut konservierter Vierziger mit energischem Schauspielerkopf, mit einer schlanken, festen Nase in dem gescheiten Gesicht, das einen klugen Mund und geistvolle, heiter blitzende Augen hatte.

Mit beiden Händen seine Hüften fassend, guckte er verwundert drein und fragte in gemütlichem Wiener Dialekt: „Sie? Was machen S’ denn da?“

„Eine Turnerübung.“

„Am Blitzableiter?“

Ich hielt es für notwendig, die verwunderliche Sache ein bisschen zu motivieren. „Weil ich unter dem Dach da droben wohne. Der Weg da hinauf ist der nächste in meine Stube.“

Er lachte, streckte den Kopf zum Fenster heraus und sah in die Höhe. „Da haben S’ aber noch weit bis auffi. Möchten S’ als verständiger Mensch net lieber umkehren?“

„Nein.“

Mit seinen klugen Augen betrachtete er mich forschend, während der Morgenwind die Falten seines blauseidenen Nachthemdes pludern machte. „Sie? Wer san S’ denn eigentlich?“

„Gestatte mir, mich vorzustellen: Doktor Ganghofer aus München.“

Mein Name schien ihm eine heitere Verblüffung zu bringen. Lachend betonte er meinen Vornamen: Ludwig Ganghofer? Der vom Herrgottschnitzer?“

„Zu dienen“

„Na, so was! Da machen S’ aber jetzt augenblicklich, dass Ihnere narrischen Glieder am Boden kommen! Kraxeln S’ abi! Flink!“

Der energische Ton dieser Aufforderung reizte meinen Eigensinn. „Haben Sie mir vielleicht was zu befehlen?“

„Noch nicht, aber bald! Wir zwei haben doch Vertrag miteinander gemacht. Ich bin Ihr Direktor Franz Jauner vom Wiener Ringtheater.“

Der Inhalt der nächsten zehn Sekunden sieht in meiner Erinnerung wie eine sehr dunkle, konfuse Sache aus. Ich rutschte und sprang, war drunten auf festem Boden und entschloss mich nun doch als verständiger Mensch zum Umweg über die Treppe. Und völlig nüchtern war ich geworden.

Am Nachmittag machte ich meinem Herrn Direktor einen höflichen Besuch. Er nahm mir das Abenteuer am Fenster nicht übel, sondern sagte lachend: „Kraxeln S’ nur auch in der Kunst so kuraschiert in d’ Höh!“ Dann sprachen wir von der Inszenierung des Herrgottschnitzers, der am Ringtheater im November aufgeführt werden sollte. Und da gewann dieser schneidige und unternehmungsflinke Theatermann in zehn Minuten mein Zutrauen und mein ganzes Herz. Was man ihm sagte, verstand er sofort und sah es auch gleich in besserer Form. Auf jede Anregung ging er ein, aus jedem guten Gedanken machte er rasch eine feste Sache, und die vier Worte „Das kostet zu viel!“ schien er nicht zu kennen. Ich erinnere mich, dass er sagte: „Wenn beim Theater was hereinkommen soll, muss es zuerst hinaus.“

Nach diesem Besuch verließ ich meinen Direktor in der glückseligen Sicherheit, dass man am Ringtheater mit dem Herrgottschnitzer ein Stück überzeugender Natur auf die Bühne stellen würde. Alle dekorativen Bilder sollten so gestaltet werden, wie ich es vorschlug, und die kostümliche Ausstattung sollte nicht in der Werkstätte des Theaterschneiders entstehen, sondern in bayerischen Gebirgsdörfern echt gesammelt werden.

Am Abend kam Franz Jauner mit dem Hamburger Theaterdirektor Pollini und zwei jungen Damen von verblüffender Schönheit zum Gratiskonzert in das süße Löchl. Und als da der Kutscher Ludwig seinen hinreißenden Schuhplattler tanzte und seine graziösen Räder schlug, sagte ich zu Direktor Jauner: „So einen, wie den da, sollten wir beim Hochzeitstanz im Herrgottschnitzer haben!“

„Sie, das is an Idee! Dös machen mer!“

Am andern Morgen war der gaukelnde Star des süßen Löchls von Achensee für das Wiener Ringtheater engagiert.

Vergnügt wie ein Schneekönig wanderte ich zurück nach Fall. Und während der folgenden vier Wochen rannte ich nimmer hinter den Hirschen und Gämsen her, sondern sammelte Bauernmöbel und gebirglerische Kostümstücke, die mit der Echtheit auch malerischen Reiz verbanden. Und alles, was ich an Brauchbaren aufstöberte, wanderte nach Wien – einem großen Feuer entgegen, in dem es zu Asche werden sollte.

Dann die letzten Tage daheim im Elternhaus. Vater und Mutter teilten die frohen Erwartungen, die mich selbst erfüllten. Keine drückende Abschiedsstimmung tauchte auf. Und Mama kochte mir nach der Reihe noch alle meine schwäbisch-bayerischen Lieblingsspeisen. „Weißt“, sagte sie, „dass du mir bei der guten Wiener Koscht nit ganz an Mutterles Tisch vergesse tuescht!“

Doch außerhalb meines Familienkreises verursachte meine Loslösung von München allerlei Schwierigkeiten. Ich hatte Schulden wie Heu. Zwei gute Freunde halfen. Alles Kleine wurde glatt geebnet, und so blieben hinter mir in München nur zwei fette Schuldposten zurück, die mit liebenswürdiger Geduld auf den Ausgleich warteten. Es hat ein Dutzend Jahre gedauert, bis ich den letzten Knopf berappen und mich für alle Geduld meiner Freunde bedanken konnte. Ein Richard Wagner war ich nicht. Drum sind meine Schulden nicht unsterblich geworden. Kleine Leute müssen bezahlen, was sie borgten.

Und nun die Reise! Sie war bei mageren Taschen eine Fahrt ins Blaue und galt mir doch als Reise in eine Zukunft, in der ich schöne leuchtende Berge des Lebens sah.

Wien!

Ich liebte Wien von der ersten Stunde an, in der ich es sah. Es ist mir eine zweite Heimat geworden, die mir reich und lachend gab, und blieb mir Heimat, auch als ich sie nach zwölf Jahren wieder verlassen musste, bedrückt von Schmerz und müd auf Wegen schreitend, von denen ich nicht wusste, wohin sie mich führen würden. Und auch heute ist das noch immer so in mir: Wenn ich Wien wieder sehen darf, und wenn der Zug einfährt in den Westbahnhof, bekomme ich das Herzklopfen einer zärtlichen Freude.

Was fesselte mich gleich so fröhlich an Wien? Schon bei den ersten Atemzügen in seiner Luft? Es war wohl jener Wert des Wienertums, der von einem Fremden am raschesten erkannt und drum auch am leichtesten falsch beurteilt wird: Das Hängen der Wiener am heiteren Leben, ihre Daseinskunst nach dem lehrreichen Wort „Leben und leben lassen!“ Mir kam da mit glücklichem Lachen etwas entgegen, was ich halb schon in mir selbst besaß. Und gastlich tat mir dieses Heimische die freundlichen Arme auf. Der erste Besuch, den ich am ersten Tag einer mir von München her bekannten Wiener Familie machte, dauerte von vormittags 11 Uhr bis um die Mitternacht. Als ich in schlafender Zeit aus dem Haustor auf die Straße trat, zog ein schlanker, flinker Mensch das Hütl und sagte freundlich: „Gnä Herr, dös hat aber lang dauert!“ Es war mein Fiaker, den ich im gemütlichen Schoß der Wiener Gastlichkeit völlig vergessen hatte. Ich lachte zu den fünfzehn Gulden, die das kostete – sie galten mir als willig erlegtes Sperrsechserl am Tor von Wien.

Die Freude am heiteren Genuss des Lebens mag zuweilen wie ein Dokument des Leichtsinns erscheinen. Aber sie ist auch ein Zeichen von irdischer Klugheit, von reifem, durch Kultur geschulten Verständnis des menschlichen Lebens und seiner eng gezogenen Grenzen, die zu erweitern und mit frohem Wert zu erfüllen der Mensch ein Recht besitzt. In allem Frohsinn des Wienertums hab’ ich immer solch ein Ernstes und Tiefes empfunden und gesehen. Das unverwüstliche Lachen dieser Stadt ist die abgeklärte Philosophie eines an den Erfahrungen von Jahrhunderten gereiften Volkes. Wien, diese Heimat der zärtlichen und begehrsamen Nörgler wider sich selbst, ist die Heimat der verlässlichsten Lebensgläubigen, in denen ruhelos eine kostbare, schöne und vertrauensvolle Hoffnung brennt. Im Wiener ist Mozart und Johann Strauß; aber im Wiener ist auch Beethoven. Nur wer die Wiener nicht kennt, ist so töricht, sie oberflächlich zu nennen. Sie sind nachsichtig und geduldig, weil sie wohlwollend und hilfreich sind. In Wien fand ich die treuesten Freunde, deren Freundschaft aushielt fürs ganze Leben. In keiner Stadt, die ich zu sehen bekam, hab’ ich geistig anregende Stunden in solcher Fülle erlebt, wie gerade in Wien. Und ich leichtsinniger Bummler lernte in Wien das ernste, zähe und ausdauernde Arbeiten, nicht aus mir selbst heraus, sondern am nützlichen, den Ehrgeiz weckenden Beispiel der anderen – und an der Seite jener kleinen, klugen, gut und klar gearteten Wienerin, die meine Frau und die Mutter meiner Kinder wurde.

Als ich in Wien eintraf, war das Ringtheater schon eröffnet. Man spielte mit freundlichem Erfolg den ‚Rattenfänger von Hameln’, eine zwischen Operette und Singspiel baumelnde Sache mit einer graziösen Musik des jungen Hellmesberger. Aber eine Woche verging, bevor ich das Ringtheater betrat. Mich lockten Dinge, die mir wichtiger erschien als die Stätte meiner eigenen Wirksamkeit. Abend für Abend saß ich im Burgtheater. Das war noch im alten Haus am Michaelerplatz. Und die sieghaften Künstler, von denen die meisten schon versunken sind und nur wenige noch wie Säulen einer stolzen Vergangenheit in die Gegenwart hereinragen, waren damals noch jung oder noch in der Blüte ihres schönen Könnens. Krastel, Robert und Hartmann, Baumeister und Sonnenthal, Gabillon, Lewinsky, Meixner, Schöne und Thimig – die Wessely und Charlotte Wolter, die Hartmann, Zerline Gabillon, Frau Mitterwurzer und Stella Hohenfels. Und in einer Loge des dritten Ranges sah man noch das feine, geistvolle Gesichtchen der greisen Haizinger aus einer wunderlichen Bänderhaube heiter herauslugen.

Man muss jene Glanzzeit des Burgtheaters im alten Haus noch erlebt haben, um recht zu verstehen, was den Wienern ihr Burgtheater gegolten hat und noch immer gilt – um zu begreifen, wie sich das Beste des Wiener Lebens um dieses Theater als Kern und Angel drehen konnte. Das Burgtheater von damals war nicht Kunst in Wien, es war Wiener Kunst im edelsten Sinn des Wortes, war Wien selbst, sein Herz und Pulsschlag, sein Wahrheit gewordener Schönheitstraum und seine frohe Kraft. Was im Wienertum an Ernst und reizvollem Lachen war; was es hoffte und sann, was in ihm klang und trauerte; wie der Wiener ging und sich trug, wie er plauderte, wie er als Lebender nahm und gab; jeder Hauch seines Daseins, jeder Kern und Funke seiner Eigenart, jeder kostbare Wert seiner hohen und vornehmen Kultur – das alles sublimierte sich in der Kunst des Burgtheaters, wie auch im Kunstverständnis seines streng geschulten Publikums, zu blank geschliffener Form und zu goldhaltiger künstlerischer Tradition.

So war es einmal. Und so wird es, allen Schwankungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz, auch wieder kommen. Und bald! Weil Wien, nach ein paar schwer erklärlichen Verstörtheiten seines Lebens, sich seiner selbst wieder zu besinnen beginnt. Ein auflebendes Wien bedeutet naturgemäß auch ein Aufleben des Burgtheaters.

Seit damals sind dreißig Jahre vergangen. Und noch heute kann ich den Rausch jener Abende im Burgtheater bis in jede trunken fiebernde Regung nachfühlen. Ich saß da immer zitternd, wie vor jubelnden Offenbarungen des Lebens. Und war die Herbstnacht klar und schön, dann verträumte ich gern eine späte Stunde vor dem silberweißen Wiener Geheimnis der Votivkirche, and er noch die letzten Gerüste hingen.

Der ‚Rattenfänger von Hameln’ war im Ringtheater schon eine verleierte Sache geworden, als ich ihn mir endlich ansah. Der Besuch flaute schon ab. Und ich bekam im Sekretariate für mich und einen Freund, den ich mitnahm, eine feine Proszeniumsloge. Neugierig und behaglich guckte ich drein, immer mit dem sonderbar wohligen Gedanken: Ich gehöre dazu, das alles hier ist für mich ein Zuhause. Und keine Ahnung sagte mir, dass eine Minute dieses Abends über mein Schicksal als Mann entschieden und den treuesten Wert meines Lebens vor mich hinstellen würde.

Ein geschmackvolles Haus, in dem man gerne saß; an ihm missfiel mir nur, dass man zum Parkett über eine Treppe hinaufstiegen musste. Eine große Bühne, auf der man feine Bilder mit guter Perspektive stellen konnte. Tüchtige Sänger und Schauspieler, ein Schwarm bildschöner Frauenzimmer, eine Aufführung von fleißiger Arbeit, und ein Stück, aus dem eine findige Regie mehr herausgeholt hatte, als in ihm steckte. Ich trug die Burgtheaterstimmung in mir, hatte viel erwartet und war ein bisschen enttäuscht. Doch ich sagte entschuldigend: „Auch beim Theater ist das Anfangen eine schwere Sache.“

Da begann der dritte Akt. Und zur Tochter des Bürgermeisters von Hameln, welche Braut geworden, kommt eine Freundin zu Besuch, eine kleine, zierliche, heitere Blondine – und frägt: „Darf ich auch deine schönen Sachen anschauen?“ Beim Klang dieser warmen, herzlichen Stimmen, die nicht wie Theater, sondern wie Natur und Leben berührt, muss ich verwundert aufblicken. Auf dem Zettel steht: „Eine Bürgerstochter – Kathinka Engel.“ Und mein Glas zeigt mir in einem lieben, runden Gesicht zwei klare, kluge Augen, ein zartes, keckes Näschen und einen Mund, der heiter ist und doch ein bisschen streng.

Was war in mir? Auf dem Weg durch mein Blut war es nicht gekommen. Auch durch keinen bewussten Gedanken. Vielleicht durch ein unbewusstes Gefühl des Vertrauens und der gläubigen Sicherheit? Durch eine leise, nur traumhaft fühlbare Mahnung des wohlwollenden Lebens, das mich beschenken wollte mit einem verlässlichen Glück?

Das ist Wahrheit: Es gibt Menschenkinder, in deren Nähe man plötzlich ein besseres und verständigeres Geschöpf wird, als man vor einer Minute gewesen.

Solch ein Segen bringendes und aufwärts führendes Menschenkind war dieses zierliche, blonde Wiener Mädel. Diese Wahrheit muss ich damals beim ersten Blick als überzeugende Ahnung in mir empfunden haben. Denn ich hatte dieses Mädchen noch nie gesehen, hörte ein fremdes und mir dennoch gleich vertrautes Stimmchen acht kleine, ferne Worte sagen – und klammerte erregt die Hand um den Arm meines Freundes: „Du! Wenn die noch zu haben ist, die muss meine Frau werden!“

Mein Freund lachte: „Geh, du Narr!“

Den ganzen Abend bleib eine wunderliche Versonnenheit in mir. Dann schlief ich fest. Am Morgen betrachtete ich das unerklärliche Erlebnis des vergangenen Abends mit einiger Konsternation. Und bei ‚vernünftiger Überlegung’ begann ich der Meinung meines Freundes recht zu geben: Dass ich ein überspannter Narr wäre! „Und wenn du willst? Wird sie denn wollen?“ Im Bett sitzend, nahm ich den Kopf zwischen die Fäuste. „Du? Und heiraten? Wie willst du denn das machen? Du bist nichts und hast nichts! Und wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, auch das Herz alles Recht verloren.“ Mit dieser nüchternen Rechnung begann ich mir auszureden, was so unbegreiflich fein und zärtlich in mir glomm und zitterte.

Ich wollte vergessen. Und ich unterließ auch jeden Versuch, die persönliche Bekanntschaft dieser für meine Ruhe und Freiheit höchst gefährlichen jungen Dame zu machen.

Ein übermütiges Drauflosleben begann. Ich verwienerte nach jener billigen Seite hin, die nur wienerisch aussieht, ohne wienerisch zu sein. Es ist jenes Wienertum, das ein Zugereister immer so hurtig fertig bringt, wie er sich Wiener Schuhe und Wiener Hütl kauft.

Wohlig pritschelte ich in der lustigen Theatergesellschaft, in die ich geriet. Und vielleicht wär’ ich da auf eine schiefe Rutschbahn gekommen, wenn ich in Wien nich tien Stück Münchener Heimat gehabt hätte, das mich festhielt. Freund Richard Alexander war am Stadttheater, Konrad Dreher und Hans Albert waren vom Münchener Gärtnerplatz an das Ringtheater übergesiedelt. Wir viere hielten gemütlich zusammen, zu unserem Kreis gesellten sich ein paar heitere Wiener und da gab’s nach den Theaterstunden fidele Nächte in Vaters Weinstube, die in einem dunklen Winkel hinter der Kärntnerstraße lag. Damals kam das Hypnotisierungsfieber nach Wien. Ein junger Komponist in unserem Kreis war Hypnotiseur, der lange Konrad Dreher war das willigste Medium, das man sich wünschen konnte – wenn alle andern Gäste sich aus Vaters Weinstube verzogen hatten, wurde Konrad Dreher in Trance versetzt für die Aufgabe, in der Hypnose alle Tische und Bänke des Lokals mit seiner großen Nase umzuwerfen. Der alte, geduldige Wirt, der nie ein Spaßverderber war, sagte staunend: „Es is merkwürdig, was a Mensch firti bringt, wenn er urdntli antaucht.“

Stand im Burgtheater etwas mir Neues auf dem Zettel, so war ich drin. Die übrigen Abende gehörten den anderen Theatern. In der Oper hörte man prachtvolle Stimmen: Scaria, Walter, Rokitanski, Müller und Sommer, die Bianchi, Materna, Ehnn, Kupfer und Pauline Lucca. Im Stadttheater, wo Bukovics, Alexander, Tyrolt, die pompöse Frank und die hübsche Jenny Groß waren, wurde bei bürgerlichem Reportoire noch mit einem Reste Laubescher Tradition gespielt. Auf einer Probe, bei der ich zuguckte, erschien der alte eiserne Herr. Heinrich Laube! Eine Zeit! Ein Mensch gewordenes Kapitel deutscher Geschichte und Literatur, der abgedankte Löwe des Burgtheaters! Mir schlug natürlich gleich das Herz bis in die Kehle herauf. Und als ich ihm vorgestellt wurde, erbat ich mir die Freude, ihn besuchen zu dürfen. Er sagte knurrig: „Wenn Sie glauben, dass Sie es nicht unterlassen können, in Gottes Namen!“ Ich unterließ es. Man muss die Wünsche anderer Menschen nach Möglichkeit zu erfüllen suchen.

Im Theater an der Wien begann der junge Girardi die Herzen von Österreich zu erobern, dieser Grazer Schlosserbub, der als Mensch und Künstler zum vollendeten Typus des elegisch-heiteren Wieners wurde. In der Josephstadt wurde „Der Böhm in Amerika“ noch fern von den Schatten des Nationalitätenhaders als liebenswürdige Drolerie goutiert. Das Fürsttheater im Prater zehrte noch von Kaiser Josephs edlem Blut. Und im Carltheater, das unter Teweles Leitung stand, war eine Wiener Sensation in Aussicht: Ein Gastspiel der Josephine Gallmeyer. Ich besaß einen Empfehlungsbrief an die berühmte Künstlerin. Auf der Bühne hatte ich sie noch nie gesehen. Aber ich wusste viele Anekdoten von ihr – auch solche, die nur in Herrengesellschaft erzählt wurden. Da war ich begreiflicherweise sehr neugierig. Ich fand eine reife, schon etwas in die Breite gegangene Dame. Doch ihren Mangel an äußeren Reizen vergaß man, sobald sie nur fünf Worte gesprochen hatte. Jeder Laut, jede Bewegung an ihr war fesselnde Natur, ihr Lachen eine bezwingende Macht. Und Augen hatte sie wie gaukelnde Sterne; sie sprühten von heiterem Feuer und konnten plötzlich wunderlich ernst und traurig werden. Auch kokettierte sie ein bisschen spöttisch mit dem ‚alten Eisen’, das sie für die Wiener schon wäre. Ich musste zu ihr sagen: Dass ich mir gerne zehn Jahre aus meinem Leben ehrausschneiden ließe, ums ie bei ihr nach der Jugendseite hin wieder anzustückeln. Sie lachte: „Geh, Sie Schnaberl!“ Dann schwieg sie, betrachtete mich prüfend, fuhr mir plötzlich mit beiden Händen in den dicken Wust meines blonden Haarwaldes und sagte mit heiterem Seufzer: „Schad, dass i jetzt net um zwanzg Jahr jünger bin!“ Mir wurde ein bisschen schwül. Aber die Besuchsstunde ging heiter und gefahrlos vorüber. Und als ich mich verabschiedete, nahm mich Josephine Gallmeyer unter der Türe beim Ohrläppchen und gab mir noch einen guten Rat: „Sie! Andere Hemdkrägen müssen S’ tragen! Über so was Vorsündflutliches, wie Sie da haben, lacht ma in Wean!“ Ich trug damals den Münchener ‚Künstlerkragen’, der bis über den Adamsapfel herunter ausgeschnitten war und nach zwei Seiten abstand wie ein gestärkter Vatermörder. Es war mir auch schon aufgefallen, dass ich mit diesem Hemdkragen überall auf der Straße Aufsehen erregte. Und im Freundeskreis begann man mich um dieses Kragens willen die Münchener ‚Leinwandtulpe’ zu nennen. Doch kein Gelächter ließ mich an dieser schön geschwungenen Sache irr werden. Ich wahrte und verteidigte die Kragenmode der Münchener Boheme mit obstinatem Eigensinn.

Mitte Oktober gab es im Ringtheater einen schauspielerischen Leckerbissen. Friedrich Mitterwurzer, der zu Jauner kommen sollte, spielte vorerst als Gast in einer Matinee den Figaro in der Komödie des Beaumarchais. Ich hatte Mitterwurzer noch nie gesehen. Gleich in der ersten Szene fasste er mich an Hals und Blut und Seele. Ich saß der blitzenden Kraft seiner originellen Darstellungskunst als ein staunendes Kind gegenüber und zitterte wie ein Kaninchen vor dem Auge der Schlange. In Wien waren sie damals nicht ganz mit ihm zufrieden; man warf ihm vor, er hätte sich bei der Vagabondage seiner Gastspielreisen und seines häufigen Theaterwechsels ein bisschen verwildert. Mir erschien er als ein Gipfel der Schauspielerei.

Nach dieser feinen Sache servierte Franz Jauner wieder bürgerliche Hausmannskost: Den ‚Kompagnon’ von L’Arronge, mit dem Berliner Komiker Thomas, der die Wiener lachen machte, ohne sie völlig gewinnen zu können.

Und dann kam die Leseprobe zum Herrgottschnitzer. Jauner war sehr nett, hielt vor Beginn der Probe eine kleine Rede und sprach den Wunsch aus, „dass das einfache, aber gesunde Stück in Wien den gleichen Erfolg wie draußen im Reich finden möchte“. Zum Schluss sagte er: „So, lieber Doktor, und jetzt machen S’ mit uns, was Sie für richtig halten. Jeder von uns wird sich’s angelegen sein lassen, Ihren Intentionen nachzukommen.“

Ich hörte nur halb. Denn ich fühlte schon wieder jene wunderliche Gefahr für meine Freiheit und Ruhe. Unter der Künstlerschar, die den Herrgottschnitzer in Wien lebendig machen sollte, befand sich jene zierliche, blonde ‚Bürgerstochter’ aus dem Rattenfänger von Hameln. Bei allen Mitgliedern des Ringtheaters hatte ich höflich meine Visitenkarte abgegeben – nur bei dieser einen nicht. Und allen Schauspielerinnen, die im Herrgottschnitzer beschäftigt waren, ließ ich mich durch den Direktor vorstellen – nur dieser Kleinen nicht. Ich war ihr in einem sonderbaren Angstgefühl aus dem Weg gegangen. Aber nun stand sie da und sah mich verwundert an. Und es fiel mir auf, dass die Schauspieler sich mit einer im kameradschaftlichen Verkehr des Theaters ungewöhnlichen Höflichkeit gegen diese junge Kollegin benahmen. Keiner kam zu ihr mit den Scherzen, wie sie hinter den Kulissen üblich sind. Sie schien eine Ausnahmestellung einzunehmen und doch bei allen Mitgliedern des Theaters beleibt zu sein.

Die Leseprobe begann. Mit allen, die in dem Stück beschäftigt waren, hatte ich über die Auffassung der Rolle zu debattieren. Nur zu dieser einen Kleinen sagte ich kein Wort. Man hatte ihr eine Rolle übertragen, die nicht viel größer war als ihr winziges Näschen. Sie las die paar Worte frisch, heiter und natürlich. Ich schwieg.

Nach der Probe kam sie resolut auf mich zu. „Herr Doktor? Sie haben bei mir gar keinen Einwand gemacht. Ich möchte aber doch gerne wissen, ob Ihnen die Art, wie ich die Rolle las, auch entsprochen hat?“

Ruhig lächelnd, in ihrer blühenden Jugend, stand sie vor mir. Sie war nicht kostbar gekleidet; ganz einfach. Ein Waschkleidchen, weiß und kupfergrün gestreift, mit grünen Aufschlägen. Aber das Fähnchen saß der zierlich modellierten Figur wie angegossen. Über dem welligen Blondhaar trug sie einen schmucklosen Hut mit breiter Krempe. Ich musste mich ein bisschen bücken, um unbehindert in den Schatten dieses Hutes hineingucken zu können. Und während ich in diese klaren, heiteren Augen blickte, sagte ich leise: „Fräulein! Sie können lesen, wie Sie wollen: Mir werden Sie immer gefallen.“

Über das liebe Gesichtl flog ein heißes Rot. Dann wurden die heiteren Augen ernst und groß. Und schweigend wandte sie sich von mir ab und ging davon.

Bei den Bühnenproben, die ein paar Tage später begannen, sahen wir uns wieder. Doch während die reizvolle Weiblichkeit, die da versammelt war, sich gegen mich als Regisseur sehr liebenswürdig zeigte, hielt sich die zierliche Blonde immer fern von mir, als könnte sie ein unbehagliches Misstrauen gegen mich nicht überwinden. Ich begann mich ein bisschen zu ärgern.

Nun trat auch der ländliche Tanzkünstler, dieser Ludwig vom Achensee, in Aktion. Als er zu seiner ersten Probe kam, sagte ich zu ihm: „Wählen Sie sich die Tänzerin, von der Sie glauben, dass sie die Sache am besten macht.“ Die zwanzig hübschen Frauenzimmer mussten die Hände in die Hüften stemmen und sich drehen. Ludwig musterte sie mit Kennerblick und wählte lang. Dann deutete er mit der schwieligen Hand und sagte: „Dö da hint, dö gar net füri mag, dö taat mer am besten taugen.“ Es war die kleine Blonde. Die Wahl freute mich. Solch ein Naturmensch, wenn er zugreift, hat immer eine merkwürdige Witterung für gesunde Lebenswerte. Diese Wahl gab dann Veranlassung zu mancherlei Heiterkeiten. Der Achenseer verleibte sich bis über die Ohren in seine zierliche, graziöse Tänzerin. Aber diese blonde Wienerin war nicht in England geboren. Um ihr junges Herz zu rühren, dazu genügte es nicht, kecke Purzelbäume und übermütige Räder zu schlagen. Das musste nicht nur der Ludwig von Achensee, sondern auch der Ludwig in mir selbst erfahren. Um ein Scheffelsches Wort zu gebrauchen: „Es hatte mich!“ Aber meine Sehnsucht fand keinen Weg, auf dem sie vorwärts kam. Aufs Hofmachen verstand ich mich nicht, nur aufs lachende Zugreifen. Und diese flinke Lebenskunst versagte da zum ersten Mal. Meine Seelenstimmung wechselte zwischen Verzweiflung und Wut. Aber diese zwei heiteren Mädchenaugen, wenn sie plötzlich so ernst und groß wurden, bauten immer eine Schranke, über die man sich nimmer hinüberwagte.

Schließlich nahm das ganze Künstlerpersonal des Herrgottschnitzers barmherzigen Anteil an meinem Liebeskummer. Aber wenn meine Herzenshelfer dieser kleinen strengen Wienerin eindringlich zuredeten, lächelte sie erheitert. Und wenn die bildhübschen Frauenzimmer, die da in Masse vorhanden waren, mit sich schöntun ließen oder sich zärtlich zu mir stellten, um die blonde Spröde ein bisschen eifersüchtig zu machen, dann schien sie nicht zu sehen, was nur geschah, damit sie es sehen sollte.

Ich hatte da Geister zu Hilfe gerufen, von denen ich nicht alle wieder loswurde. Dieses Geschwirre, das immer um mich herum war, machte mich schließlich auf den Proben ungeduldig, nervös und grob. Und eines Vormittags, als ich während einer Spielpause mit dem Inspizienten was zu reden hatte, kam wieder – wie ich glaubte – eine von diesen Liebenswürdigen und legte die Hand auf meinen Arm. In wütender Gereiztheit fuhr ich auf: „Meine Ruh will ich haben! Zehn Schritte vom Leib! Bei der Arbeit auf der Bühne gibt es für mich keinen Unterschied zwischen Manndl und Weibl!“

Da sahen mich erschrocken, entgeistert und empört die Augen meines lieben Mädels an.

„Verzeihen Sie, Herr Doktor!“, sagte sie mit ganz erloschenem Stimmchen. „Aber Sie irren sich. Ich wollte nur etwas fragen wegen meines Kostüms.“

Als sie davonging und von der Bühne verschwand, wurde mir weh und kalt ums Herz herum. Ich wusste: Jetzt hab’ ich den Pfad meiner Hoffnung gründlich verschüttet.

Tags darauf mussten die Proben zum Herrgottschnitzer abgebrochen werden, um die Bühne für das Gastspiel der Sarah Bernhardt und ihrer französischen Truppe zu räumen. Dieses Gastspiel wurde für Wien aus doppelten Gründen ein aufregendes Ereignis. Erstens: Die Sarah Bernhardt für sich. Und zweitens: Man nahm in Wien dieses Gastspiel als einen Rivalitätskampf der Pariserin wider die von den Wienern vergötterte Charlotte Wolter. Das Ringtheater war für die zehn Abende ausverkauft bis auf den letzten Platz.

Ich hatte für die Dauer des Gastspiels einen feinen Parkettsitz. Aber ich verschenkte ihn, um droben auf der Galerie, wo Direktor Jauner zwei Bänke für die Mitglieder seines Theaters reserviert hatte, Abend für Abend neben der kleinen blonden Wienerin sitzen zu können, die sehr höflich gegen mich war, aber den kühlen Luftraum, mit dem sie sich umgab, um keinen Grad erwärmen ließ. An einem dieser Abende kam es bei mir zu einem bösen Paroxismus meines Kummers, meiner Ungeduld und meiner Wut. Und der gute Konrad Dreher, der mein Leiden sah und mir helfen wollte, machte dem hartherzigen Fräulein eine schreckliche Szene, während Sarah Bernhardt als Froufrou auf der Bühne zwitscherte. Die kleine Wienerin sah den zürnenden Freund und Komiker verwundert mit den groß und ernst gewordenen Augen an – und schwieg.

Bei dieser trostlosen Zerrissenheit meines Herzens blieb die stupende Kunst der berühmten Pariserin für mich eine halbe Wirkung, fast eine ferne, wirr umnebelte Sache. Manchmal rüttelte mich der süße Schmelz ihres Tones aber doch zum Schauen auf, und dann konnte ich für eine Viertelstunde meiner selbst vergessen, um die Grazie ihrer Erscheinung und ihrer schlangenlinden Bewegung zu bewundern, die elegante Reinheit und das Geschliffene ihres schauspielerischen Stils, ihren stürmenden Redestrom in der Tragödie, dieses unbeschreibliche Gezwitscher im Konversationstück, diese plaudernde Poesie des in seiner Schlankheit zärtlich sprechenden Körpers, den Feuertraum dieser großen Augen, die eminente Technik und den blitzenden Farbenzauber ihrer geistreichen Einfälle, bei denen wirkliche Kunst und äußerliche Mache sich untrennbar miteinander verschmolzen.

Doch über allem, an was ich mich da erinnere, liegt es wie ein Schleier, unter dem mir das einzelne verschwimmt. Am deutlichsten blieb mir der schauspielerische Trick im Gedächtnis, mit dem der Pariser Star die Schlussszene eines schwachen Stückes, der ‚Sphinx’ von Oktave Feuillet, sensationell aufzuputzen verstand. Die Heldin vergiftet sich. Sie heißt Blanche und ist in schwarzen Samt gekleidet, mit einer grauen Tüllfahne um die Schultern. Auf schwarz gedecktem Tisch wird ihr elegant und stilvoll in Silber der letzte Tee serviert. Neben diesem schwarzen Tisch im Lehnstuhl ruhend, nimmt sie das Gift, will in Schönheit sterben, und windet, um den Krampf des Gesichtes zu verhüllen, den Schleier in dichter Fülle um den Kopf. Dabei erlischt ihre letzte Kraft, die beiden Arme sinken vom verschleierten Gesicht seitwärts auseinander, die eine Hand fällt mitten in das silberne Geschirr hinein, eine hohe Kanne wird umgestürzt, und über den schwarzen Tischteppich und über den schwarzen Schoß der Entseelten fährt rasch und kalt diese weiße Schlange der verschütteten Milch herunter. – Das mag, nur erzählt, ein bisschen komisch berühren. Doch wie dieses Bildliche auf der Bühne wirkte, das lässt sich nicht schildern. Man schauderte und glaubte dennoch etwas Schönes zu sehen. Und hatte die überzeugende Empfindung. „Das ist Tod!“

Eine große Künstlerin! Aber das Kleine, das ich da von ihr erzählte, ist vielleicht ein wesentliches Charakteristikum für die Art ihrer Kunst. Für eine Tasse Tee braucht man im wirklichen Leben ein winziges Kännchen Rahm – für diesen letzten Tee der Sarah Bernhardt als Blanche war eine große Silberkanne mit drei Schoppen einer ganz besonders weißen Flüssigkeit unentbehrlich.

Neben der Sphinx und der Froufrou, die sie selber war, gab sie in Wien noch die Kameliendame, die Adrienne Lecouvreur, die Donna Sol in Hernani und wollte – als Dolchstoß gegen das Burgtheater – auch die Phädra spielen, die eine der berühmtesten Rollen der Charlotte Wolter war.

Die Wiener ließen sich zuerst nur widerstrebend von den funkelnden Goldnetzen dieser Pariserin einfangen. Aber dann gab es im Ringtheater Beifallsstürme, wie man sie auch in dem begeisterungsfähigen Wien noch nicht oft gehört hatte. Die Getreuesten der Wolter schäumten vor gerechtem Zorn über die ‚Undankbarkeit der Wiener’. Und heißer mit jedem Tag entwickelte sich die von der ganzen Stadt geführte Debatte: Wer von den beiden die größere wäre, diese Sarah oder ‚unsere Charlotte’. Und die Wiener hatten recht, wenn sie sagten: Bei der Bernhardt ist das Wirksamste ein Äußerliches, das Beste der Wolter ist innerliche Glut. Zu einem Entscheidungskampf auf den Brettern kam es nicht. Direktor Jauner hatte der berühmten Gastin das höchst Gefährliche dieses Unterfangens, in Wien als Phädra mit der Wolter zu konkurrieren, eindringlich und mit sorgenschwerem Herzen vorgestellt. Und so musste der Darsteller einer kleinen Rolle – wenn ich nicht irre, hieß er Monsieur Gally – im Luftzug der Wiener Ringstraße heiser werden, um eine Absage der Phädra im Ringtheater zu ermöglichen. Sarah Bernhardt konnte sich ohne Verstimmung und Schatten der tobenden Beifallsstürme ihrer Abschiedsvorstellung erfreuen. Und als Charlotte Wolter noch während der gleichen Woche im Carltheater zu wohltätigem Zweck ihre berühmte Phädra spielte – der Meißel Viktor Tilgners hat sie in dieser Rolle verewigt – da gab es einen Heimatjubel mit Lorbeermassen und Verzückungen, die allen Beifallsrausch, wie er im Ringtheater getobt hatte, zu einer bescheidenen Kleinigkeit machten. Ein Wolterschwärmer schüttete bei der denkwürdigen Vorstellung im Carltheater von der Galerie ein Tausend rosenfarbene Zettel mit einem begeisterten Sonett herunter, dessen Moral mir im Gedächtnis blieb: „Wir wollen jener fremden Frau nicht Lob und Gunst beschneiden; die Kunst hat kein Vaterland; aber unser Vaterland hat seine Kunst, der wir froh und dankbar die Stirn mit dem verdienten Lorbeer umwinden.“

Aller Lokalpatriotismus hat einen leisen Zug von unwillkürlicher Komik im Gesichte; aber er hat in diesem Gesicht auch schöne, ehrliche und treue Augen. Und stolz zu sein auf das Beste ihrer heimatlichen Kunst – dazu hatten die Wiener damals Recht und Ursache. Auch ich, als Fremder in Wien, hätte die heilig erschütternde Phädra der Wolter nicht hingegeben für die Phädra der Sarah Bernhardt – die ich um der Heiserkeit des Monsieur Gally willen freilich nie gesehen habe. Aber auch an Gott muss man glauben, ohne dass man seine heiligen Werte durch Vergleich mit einem Konkurrenten höher schätzen lernt.

Aus den aufregungsvollen Tagen der Sarah Bernhardt im Ringtheater hab’ ich noch ein paar persönliche Erinnerungen zu registrieren.

Ignaz Brüll, bei dem man nach Art und Aussehen eher auf einen jovialen Universitätsprofessor als auf einen Musiker geraten hätte, wollte von mir, als ich noch in München saß, das Libretto für eine heitere Oper haben. Ich schlug ihm dann, als ich in Wien war, das Grimmsche Märchen vom treuen Johannes vor, das ich mit ein paar eigenen Motiven durchwob. Der Vorschlag gefiel ihm; nur sollte das Buch, das ich mit dem Tod und der Leichenfeier des alten Königs einleiten wollte, einen andern Anfang bekommen. Brüll sagte: „Ich kann doch nicht eine heitere Oper mit einem Trauermarsch beginnen.“

„Warum denn nicht? Ich meine, dass man gerade die Heiterkeit am wirksamsten aus einem Dunkel des Lebens herausschält.“

Wir zerzankten uns, und es wurde nichts aus der Sache. Aber ich hatte ihr eine wertvolle Bekanntschaft zu danken. Eines Nachmittags führte mich Brüll in ein Kaffeehaus auf dem Kohlmarkt. Wir fanden da zwischen ein paar Leuten, an die ich mich nicht mehr erinnere, einen untersetzten, breitschultrigen Mann mit einem rötlich gebarteten Haupt, halb Zeus und halb Wotan. Als ich ihm vorgestellt wurde, nickte er wie einer, der was ist und verlangen kann, dass man es weiß. Aber ich kannte ihn nicht. Und ein Freund von schweren Gesprächen schien er zu sein. Nach zwanzig Worten waren wir bei Spinoza und Kant. Was er sagte, hatte wuchtiges Fundament. Ein Gelehrter? Nein. Doch wohl ein Künstler! Es war etwas Freies, Festes und Herrschendes in seinem Blick. Ich riet auf einen Bildhauer, der berühmt sein musste, ohne dass ich seinen Namen zu erraten vermochte. Als er ging, fragte ich Brüll: Wer war das?“

„Johannes Brahms.“

Mir verschlug’s den Atem. Und da hatte ich nun seit zwei Jahren sein radiertes Porträt, das ich mir aus einer Zeitschrift herausgeschnitten, in meiner Stube hängen. Die Bildnisse berühmter Menschen sind eine unzuverlässige Sache.

Vorwurfsvoll murrte ich: „Warum haben Sie mir denn das nicht gesagt?“

„Damit Sie nicht über Musik mit ihm sprechen.“

Und neben diese Geschichte meiner ersten Begegnung mit Brahms will ich gleich das Bild der letzten stellen. Das war viele Jahre später, bei Max Kalbeck. Der gab ein Festmahl zu Ehen eines berühmten Quartetts. Und zwischen den gefeierten Geigern saßen Johann Strauß und Max Burckhard. Zu oberst an der Tafel Meister Brahms, mit abgezehrtem Körper, das Gesicht vergilbt von dieser unerbittlichen Krankheit. Ich unten am Tisch neben dem Bratschisten des Quartetts. Der sprach zwei Stunden lang nur von seinem Instrument. Bei aller Verehrung und Höflichkeit machte mich das ein bisschen müde. Und als der schwarze Kaffee serviert wurde, rief plötzlich Johannes Brahms über die lange Tafel zu ihm hinauf: „Ganghofer!“ Und winkte. Ich rannte zu ihm hinauf: „Meister?“ Da nahm er mich bei der Hand und sagte: „Kommen Sie her da, Sie Ärmster! Setzen Sie sich zu mir! Ich seh’ doch, der da drunten bohrt Ihnen mit seiner Bratsche ein Loch in den geduldigen Bauch!“

In allen großen Menschen ist ein großes Mitleid.

Noch ein anderes Gesicht steigt herauf aus jener ersten Wiener Zeit. Trotz der guten Lehre, die mir Heinrich Laube erteilt hatte, musste ich doch zu einem gehen, den ich verehrte: Zu Julius von der Traun, dem Dichter des Schelm von Bergen. Ich fand einen feinen, liebenswürdigen alten Herrn, der beinahe blind war. Aber das merkte ich erst, nachdem er schon eine Stunde freundlich mit mir geplaudert hatte. Und ich würde es überhaupt nicht gemerkt haben, wenn er nicht selber davon gesprochen hätte, mit der leisen Klage, dass ihm das Arbeiten schwer fiele.

„Ich sehe die Buchstaben nimmer, die ich schreibe.“

„Haben Sie nie versucht, zu diktieren?“

Er schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Künstlerisches Schaffen ist immer so was Ähnliches wie Liebe und glückliche Ehe. Wenn Mann und Frau da zärtlich miteinander werden, wollen sie doch keinen haben, der ihnen zuguckt.“

In meiner Erinnerung an diese Wiener Stunde bei dem halb erblindeten Reichsrat Schindler ist ein Duft nach alten, schönen Dingen.

Heiß zog es mich zu Ludwig Anzengruber. Aber ich predigte mir Geduld und sagte: „Studiere zuerst gut und tüchtig dein Stück ein, und dann geh zum Meister und bitte ihn, deine Lehrlingsarbeit anzusehen!“

Während des Gastspiels der Sarah Bernhardt machte ich mir nach den Abenden, die mein Herz marterten, noch saure Nächte. Wenn um zehn Uhr das Pariser Froufrou verraschelte, begannen die Dekorations- und Beleuchtungsproben zum Herrgottschnitzer, die manchmal bis zwei und drei Uhr morgens dauerten. Ich hatte mir’s in den Kopf gesetzt, die Bühnenbilder natürlich bis aufs Tüpfelchen auszuarbeiten. Schließlich hätte ich zufrieden sein können. Aber ich war’s noch immer nicht. Und auf den letzten Proben gab es allerlei Verdrießlichkeiten mit den Damen, die sich gegen meine Kostümvorschriften sträubten. Nur die kleine, spröde Blonde verursachte mir keinen Ärger und zog sich gewissenhaft so an, wie ich es haben wollte. Die anderen, namentlich die vom Chor, wären gern in seidenen Röckelchen und Batistschürzen gekommen, in gestöckelten Schucherln mit durchbrochenen Strümpfen, in feinen Frisuren und mit Simpelfransen, die damals Mode waren. Aber da gab’s keinen galanten Pardon. Und eine feste Hilfe hatte ich an Franz Jauner, der immer das Rechte und Echte wollte. Aber weil ich auch auf der Generalprobe noch immer was zu bessern fand, verlor schließlich auch der willige Direktor die Geduld, und es gab einen fürchterlichen Skandal. Wir beide fuhren aufeinander los wie rabiate Wölfe. Ich sagte mir: „Jetzt kannst du abfahren von Wien, mit dem Wohlwollen deines Direktors hat es ein Ende!“ Doch eine Viertelstunde später schlug er mich lachend auf die Schulter: „Sie, Ganghofer, passen S’ auf, die Premier’ macht sich! A Rauferei auf der Generalprob is allweil die sicherste Garantie für an Erfolg.“

Ich atmete wieder auf. Und am Nachmittag, mit einer Logenkarte bewaffnet, ging ich zu Anzengruber. Er wohnte in der Wiedener Vorstadt. Mit einem Gefühl der Ehrfurcht betrat ich das alte, ein bisschen dustere Haus. In der Küche fand ich eine Frau, welche wusch. Ich fragte, ob ich den Dichter sprechen könnte. Ja, und ich sollte nur gradaus gehen, er wäre schon drin. Mir hämmerte das Herz bis in den Hals herauf, als ich nach schüchternem Klopfen die Tür öffnete. Scharfer Tabakgeruch quoll mir entgegen. Wie ein grauer Nebel war’s vor meinen Augen. In meiner Erinnerung seh’ ich ein Fenster und einen großen Raum. In der Mitte ein langer Tisch mit Büchern und Zeitschriften. Neben dem Fenster stand der Schreibtisch, von dem sich Anzengruber erhob, mit langer Pfeife. Der vorgestreckte Bart und die scharfe Hakennase hatten weiße Lichtlinien von der Fensterhelle. Der Dichter schien über die Störung, die ich brachte, sehr unwillig. Ich hatte eine Stunde getroffen, in der ich unbequem erschien.

Stammelnd brachte ich’s heraus: Ich wäre der und der, jetzt würde in Wien meine Erstlingsarbeit aufgeführt, und es wäre mir eine große Freude und Ehre, wenn Meister Anzengruber sich die Premiere meines Stückes im Ringtheater ansehen möchte.

„Na!“ Anzengruber schüttelte den Kopf, dass sich die Welle seines Bartes bewegte. „Wann i a Stuck sehgn will, schreib i mer selber ans.“

Ich drehte mich erschrocken auf dem Stiefelhacken um. Wie ich auf die Straße hinunter kam, das weiß ich nimmer. Und drunten rannte ich ins Blinde hinein. Diese Abfuhr tat mir so grausam weh, dass ich hätte heulen mögen. Es dauerte lang, bis ich ein bisschen ruhiger wurde. Dann sagte ich mir: „Du weißt doch, wer er ist! Vielleicht hat ihm dein ungerufener Besuch eine wertvolle Stunde kaputt gemacht, vielleicht hast du ihm einen kostbaren Gedanken in Fetzen gerissen.“ Ich dachte an die unverblümte Weisheit Heinrich Laubes. Und für die Folge hab’ ich mir’s abgewöhnt, berühmte Leute zu besuchen, weil ihre Bekanntschaft mir von Wert erschien. Solche Einseitigkeit der Auffassung ist kein zureichender Grund für Belästigungen beschäftigter Menschen.

Die Freude an meiner Premiere im Ringtheater war mir versalzen. Ohne sonderliche Erwartung ging ich ins Theater. Erst der glückliche Verlauf des Abends machte mich wieder froh.

Die Hauptrollen wurden von Jauner, von Elise Bach, von der schönen Zampa, von Albert, Lindau und Dreher gespielt. Die Aufführung in ihrem schauspielerischen teil war gut und wirksam ausgeschliffen, ohne die heimatliche Echtheit der Münchener ganz zu erreichen. Doch ein Musterhaftes war alles übrige: Bühnenbild und Licht und Farbe. Solch ein Vollendetes ist dem Herrgottschnitzer niemals wieder auferstanden. Sooft sich der Vorhang hob, setzte der Beifall ein, der dem natürlich wirkenden Bild der Szene galt. Und als ich mich nach den Aktschlüssen immer wieder und wieder bedanken musste, sah ich hinter den Kulissen in zwei lieben, blauen Augen, die mich bisher sehr misstrauisch betrachtet hatten, die Freude über den Erfolg meiner Arbeit glänzen. Das wog mir als der beste Gewinn dieses Abends.

„Mein Glück wird werden! Und jetzt hab’ ich mich festgesetzt in Wien!“ Mit diesem erquickenden Gedanken schloss ich nach vergnügter Nacht die Augen. Aber am Morgen! Als ich aufwachte! Und meine Neugier auf das Wohlwollen der Kritik nicht überwinden konnte! Da hätt’ ich am liebsten die Augäpfel nach innen gedreht.

Freilich, die Gestrengen maßen das kleine Haus des Herrgottschnitzers am Kirchturm der Kreuzelschreiber! Und machten aus dem Namen Anzengruber eine schwere stählerne Keule, mit der sie mich totschlugen – nicht ganz – aber doch ein bisschen. Ich habe fest Atem ziehen müssen, um wieder leidlich Luft für ein weiteres Leben zu kriegen. Und dabei half mir einer, von dem ich’s am letzten erwartet hätte.

Im Theater war’s nicht gemütlich. Der Herrgottschnitzer fand wohl reichlichen Applaus, aber nicht den riesigen Kassenerfolg, den Jauner erwartet haben mochte. Und die Schauspieler, die mir den Verdruss nachtrugen, den es auf den Proben abgesetzt hatte, waren nicht frei von Schadenfreude darüber, dass von der Kritik mein poetisches Haar so schmerzlich gegen den Strich gebürstet wurde. Nur die zierliche Blonde, als sie mich eines Abends während der Vorstellung hinter den Kulissen in melancholischer Stimmung fand, sagte zu mir: „Das Glück ist gute und gesunde Arbeit. Ob es in Wien ‚was macht’ oder nicht, das kann Ihnen doch ganz gleichgültig sein. Nicht?“

Ich hörte diese Worte nicht so, wie ich sie hätte hören müssen. Ich fühlte: Das ist Mitleid. Und darum sagte ich wütend: „Bei Ihnen hat’s noch weit bis zur Liebe!“

Sie machte wieder die großen Augen und schwieg.

Immer quälender war die Frage in mir: „Wie wecke ich dieses umschmiedete Herz?“ Seinen Wert begann ich zu erkennen, als ich Kathinka außerhalb des Theaters, in ihrer Familie sah. Sie hatte Vater und Mutter schon verloren, denen sie Zärtlichkeit und Liebe über den Tod hinaus bewahrte. Bei ihrem Bruder lebend, war sie neben einer von Schwierigkeiten durchkräuselten Ehe die treue und hilfreiche Freundin ihrer Schwägerin, der Abgott ihrer kleinen Nichten und Neffen. Mit einer hübschen Sopranstimme begabt, wollte sie Sängerin werden. Eine ungeschickte Schule übermüdete das junge, zarte Stimmchen, das nun ein Jahr der Ruhe nötig hatte. Um nicht müßig zu bleiben, war Kathinka für kleine Sprechrollen ans Ringtheater gegangen. Der schauspielerische Beruf färbte nicht ab auf ihr Wesen. Alles Komödiantenhafte war ihr fremd, alles Trübe des Theaters ging an ihrer reinen und festen Art vorüber, ohne sie zu berühren. Nie hörte man von ihr ein übles Wort über andere; und wer von ihr sprach, wusste nur Gutes zu sagen und bekam in der Stimme immer gleich einen herzlichen Ton. Für alles, was Arbeit und Aufgabe eines Mädchens hieß, hatte sie eine angeborene Geschicklichkeit, verstand alles, ohne dass sie es erst lange lernen musste. Was sie an Arbeit begann, kam ihr als ein tadellos Vollendetes aus den kleinen, fleißigen Händen. Sparsam, dazu gesegnet mit Geschmack, verstand sie sich aus bescheidenen Mitteln entzückend zu kleiden. Ihre Erscheinung fiel immer auf, ohne dass an ihr ein Zug von Eitelkeit war. In allem, was sie tat, und in jedem ihrer Worte war Takt und Wohlwollen. Für künstlerische Dinge hatte sie ein Urteil von überraschender Sicherheit; äußerliche Flunkereien bestachen sie nicht, immer sah sie den Kern. Gerades Denken und spielender Humor, verlässlicher Ernst und erquickende Heiterkeit mischten sich zu gleichen Werten in ihrer frohen, doch immer prüfenden Natur. Ein frisches, redliches, gesundes und unkompliziertes Menschenkind! Eine Wienerin besten Schlages! Und dazu noch für die Augen ein allerliebstes Kerlchen, mit dem fein geschnittenen Gesichtl in verblüffender Ähnlichkeit an eine berühmte schöne Frau erinnernd. Ich habe in jenen kämpfenden Sehnsuchtstagen ein Jugendbildnis der Geistinger, das ich in der Auslage einer Kunsthandlung sah, für ein Bild des Mädchens gekauft, das ich liebte – mit einer Art von Liebe liebte, die mir trotz einiger Erfahrung auf diesem Gebiet etwas völlig Neues war. Immer saß in mir dieses Gefühl der Sicherheit: „Wenn du die bekommst, dann bist du geborgen fürs Leben!“

Aber die Theaterlust, in der bei Geklatsch und Geraune, bei Geflüster und Getuschel hinter allen Kulissen, das Misstrauen und die Verstimmung gedeiht, war den Wegen meiner Sehnsucht nicht günstig. Statt uns zu finden, rückten wir beide mit jedem Abend immer weiter auseinander. Und brachte ein wohlwollender Augenblick ein gutes, hilfreiches Wort, dann blies die nächste Minute wieder erkältend und gefährlich drüber hin.

Neben den typischen Bildern in den Herzenskämpfen dieser Wochen gab es auch ein paar wunderliche Episoden.

Abend für Abend wurde dem Fräulein Kathinka anonym ein prächtiges, kostbares Rosenbukett in die Garderobe geschickt. Man begann im Theater davon zu reden. Mir war unbehaglich zumute. Aber ich schwieg. Dass sie manchem gefiel und keinem gefallen wollte, das wusste ich. Und eines Abends trat sie auf mich zu. „Herr Doktor? Sind die Rosen, die ich immer bekomme, von Ihnen?“

„Nein! Ich gebe Ihnen gern mein Leben. Aber Rosensträuße wie Wagenräder schenke ich nicht.“

„So? Aber ich habe in der Blumenhandlung fragen lassen. Und dort sagte man: Der Besteller dieser Blumen wäre der Doktor Ludwig Ganghofer.“

„Das versteh’ ich nicht. Ich kann Ihnen nur sagen, dass man in der Blumenhandlung gelogen hat. Warum? Das ist mir dunkel.“

Später hat sich das Mysterium aufgeklärt. Ein Schwärmer, der eine Gefahr in mir sah und mich verdrängen wollte, schickte diese Rosen und nannte im Blumengeschäft meinen Namen. Und kalkulierte: Ich könnte, durch die Gelegenheit verführt, so tun, als wären die Rosen von mir. Und dann wollte er mit dem großen Coup meiner Blamage kommen. Hirnrissig! Was doch in verliebten Köpfen für sonderbare Blasen wachsen! Aber ich darf meinem Konkurrenten keinen Vorwurf machen. Denn solch einen Hirn verdrehten Einfall, der nicht klüger, aber noch viel gefährlicher war, hatte ich selber!

Ich begleitete mein blondes Bild ohne Gnade eines Vormittages vom Theaterbüro nach Hause. Dabei kam die Ungeduld meiner Sehnsucht zu einer Krise. Mitten in der Sonne der von tausend Menschen belebten Ringstraße bleib ich stehen. „Sie! Fräulein Kathinka! Dass ich Sie gern habe, das wissen Sie. Aber ich will jetzt endlich auch einmal was wissen. Ein Wort ist nicht notwendig. Ein Kuss genügt. Den will ich haben. Ich weiß, dass Sie nur den Mann küssen, dem Sie von Herzen gut sind. Bekomm’ ich den Kuss?“

Heiß brennend flog es ihr über das verblüffte Gesichtl. Dann lachte sie. „Herr Doktor? Haben Sie einen Schwips?“

„Vielleicht, ja! Trunkenheit kommt nicht nur vom Wein. Ich glaub’ auch, dass Sie mir gut sind. Und wenn Sie mir jetzt nicht ehrlich versprechen, dass ich meinen Kuss daheim bekomme, dann nehm’ ich Sie hier auf er Ringstraße beim Schopf und küsse Sie vor allen Leuten so fürchterlich ab, dass Sie um Hilfe schreien.“

Sie bekam wieder die großen Augen. Dann sagte sie ganz ruhig: „Ihnen trau’ ich das wirklich zu … dass Sie so was fertig bringen?“

„Ich schwöre! Also? Bekomm’ ich meinen Kuss? Daheim?“

„In Gottes Namen! Ja.“

Auf dem ganzen Weg sprachen wir kein weiteres Wort mehr. Ich freute mich im stillen. Aber mein liebes Mädel schien, je näher wir dem Haus in der Nibelungenstraße kamen, immer beklommener zu atmen. Daheim aber fand sie rasch ihre sichere Haltung wieder. Und sagte ernst: „Um Ihnen eine Torheit zu ersparen, hab’ ich ja gesagt. Dieses Ja muss ich halten.“ Sie bot mir den Mund. Mein Vergnügen hatte die Würze eines Witzes – es war sehr kurz. Dann ein schneidiges Stimmchen: „Adieu, Herr Doktor! Vor einem Spaziergang über die Ringstraße in Ihrer Begleitung werde ich mich für die Zukunft hüten.“ Und weg war sie.

Mir wurde schwül, aus doppelter Ursache: Aus gemehrter Sehnsucht und aus dunkler Angst. Und wirklich – während der nächsten Tage schien es, als wäre alles zu Ende und als stünde jetzt zwischen uns eine Mauer, die nicht mehr niederzureißen war. Ich geriet in eine schwarze Verzweiflungsstimmung und machte allerlei Dummheiten, die meine hoffnungslose Situation noch verschlimmerten.

Mit der Pein meines Herzens mischte sich noch die Qual meiner Arbeit. Ich wollte und musste was Neues beginnen. Aber jedem Einfall misstraute ich; und was ich am einen Tag niederschrieb, wanderte am nächsten wieder in den Papierkorb. Die Schläge der stählernen Keule, die ich schmerzlich empfunden hatte, führten zu einer lähmenden Nachwirkung. Und schließlich dachte ich selber: „Aus! Vorhang! Du wirst nichts! Du kannst nichts! In dir ist nichts!“

Ratlos verlungerte ich die Tage und verbummelte die Nächte. Im Theater hatte ich nichts zu tun. Der ‚Herrgottschnitzer’ wollte einschlafen, und neben einem Bürgerschen Stück, das auch durch die Kunst Friedrich Mitterwurzers nicht über Wasser gehalten wurde, begann man ‚Hoffmanns Erzählungen’ von Offenbach zu studieren. Bei Jauner wechselten die Entschlüsse flink; ging es nicht so, so ging es anders; war mit Volksstück und Schauspiel nicht viel zu machen, so musste die Oper helfen. Und ich selber bekam den Eindruck: Jetzt hat er einen Treffer. Bei einer Probe, die ich hörte, schmeichelte sich mir dieser bezwingende Klang in Blut und Sinne. Das war für das Ringtheater ein großer Erfolg! Dann dominiert die Musik. Und alles andere ist abgetan. Auch ich.

Dieses beklemmende Zukunftsbild stand mir vor Augen, wenn ich am Schreibtisch saß und das weiße Papier anguckte.

Eines Vormittags warf ich die Feder fort, die mir in der Hand trocken geworden war, und rannte davon. Ich kam durch die Herrengasse und schusselte verloren so vor mich hin. Plötzlich hielt mich etwas Hartes am Arme fest: Die Zwinge eines derben Hakenstockes. Ich sah mich um. Ludwig Anzengruber stand vor mir und sagte: „Sö san doch der? Ja? Der bei mir gwesen is?“ Mit einem herzlichen Wort machte er mir alle Bitterkeit verschwinden, die von jenem übel geratenen Besuche zurückgeblieben war. Und dann sagte er: „Weil ma gar so mit mir auf Eahna rumdroschen hat, hab ich mir doch Ihr Stuck anschauen müssen. Alles hat mir net gfallen. Aber es san doch Sacherln drin, dö packen und was versprechen. ’s Beste dran ist der vierte Akt und dö Figur von dem Alten da! Respekt!“

Er ging mit mir bis zum Schottentor, sprach immerzu über den Herrgottschnitzer und nahm jedes Detail der Arbeit unter scharfe Gläser. Für das kostbare Geschenk dieser zehn Minuten muss ich dem Unsterblichen dankbar sein. Denn als ich mit siedendem Köpfl heimkam in meine Bude auf dem Heumarkt, da hatte ich wieder Mut und konnte arbeiten. Bis spät in die Nacht hinein saß ich am Schreibtisch. Und im Bett, bei der flackernden Kerze, las ich noch mal die Kritiken über den Herrgottschnitzer. Und da wirkten sie auf mich wie eine gerechte, vorwärts schiebende Sache. Zwischen dem Bumm der stählernen Keule klangen doch auch gute, wohlwollende Worte. Einer nannte mich ‚Defregger der Bühne’. Ein anderer sagte: Bühnenbilder von solcher Naturtreue hätte man in Wien noch nie gesehen. – Dieses Freundliche hatte ich früher, unter dem ersten Gebrumm meines geklopften Haardaches, völlig überhört. – Und dass es viele Menschen allen Dingen des Lebens gegenüber so machen, nur das Schmerzende fühlen und verfluchen, ohne das tröstende und herzliche Lächeln des Lebens zu gewahren – ich glaube, das ist die Ursache aller pessimistischen Weltauffassung. Pessimismus ist immer der Ausfluss eines Übermaßes ungerechtfertigter Lebensansprüche und persönlicher Eitelkeiten. Der Pessimist sieht immer nur Beweiskraft im eigenen Jammerschrei; den Jauchzer eines anderen, der glücklich ist, hält er für eine Sache, die nicht zählt. Das ist eine Art von Gerechtigkeit, bei der man das wahre Gesicht des Lebens nicht entschleiert.

Am folgenden Morgen war mir zumut wie einem neu gedrechselten Menschen mit dauerhaften Scharnieren im Gliederbau. Ich schloss mich eine Woche lang so fest in meine neue Arbeit ein, dass alles andere für mich versank. Sogar das peinigende Gekribbel meines Herzens wurde still und stumm. War dieses Dürstende völlig in mir erloschen? Es schien so.

Und was im Ringtheater geschah, wurde mir ein Fremdes und Gleichgültiges, soweit es mich selbst betraf. Der große Erfolg, den ‚Hoffmanns Erzählungen’ am Abend des 7. Dezembers im Ringtheater fanden – ein klingender Erfolg, der nun alles beiseite schob, was Volksstück hieß – machte mir keine Sorge. Ich dachte: „Hier bist du erledigt, aber irgendwo kommst du schon wieder in die Höhe.“ Und um Franz Jauners willen, der im Ringtheater nun endlich festen und sicheren Boden gefunden hatte, freute ich mich dieses Erfolges, der eine Jubiläumszahl von ausverkauften Häusern in verlässliche Aussicht stellte.

Am Vormittag des 8. Dezembers – es war ein Feiertag – begegnete ich auf der Ringstraße der Kathinka und ihrer Schwägerin. Wir plauderten. Doch eine Mauer war da! In mir eine wunderliche Verlegenheit. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Wir sprachen vom Erfolg im Ringtheater. Kathinka war am Abend der Premiere daheim geblieben, weil ihre zwei kleinen Neffen Halsentzündung hatten – wurde bei ihr zu Hause jemand krank, dann war sie die Pflegeschwester und das Sorgenmutterl. Aber jetzt ging es den beiden Jungen schon besser. Und da wollte sie am Abend, an diesem 8. Dezember, in die Theaterloge kommen, um die zweite Aufführung von ‚Hoffmanns Erzählungen’ zu sehen.

Ich sagte: „Da komm ich auch. Natürlich!“

Doch auf dem Heimweg schüttelte ich den Kopf. „Nein! Du gehst nicht hin! Du bleibst daheim bei deiner Arbeit.“

Das alles war doch jetzt ein Aussichtsloses geworden! Was man ‚materielle Existenz’ zu nennen pflegt, das begann für mich dem Minuszeichen wieder entgegenzurutschen. Das oberbayerische Volksstück im Ringtheater? Und Franz Jauner? Für den bin ich seit gestern was Überflüssiges geworden! Der wird doch morgen oder übermorgen meinen Vertrag kündigen! Dann kann ich wandern. Wohin? Halt wieder heim nach München!

Nach der Mahlzeit spielte ich mit Alexander und Dreher in unserem Kaffeehäusl die gewohnte Billardpartie mit Kegeln. Ich spielte schlecht und verlor so abscheulich, dass ich schließlich den Stecken fortwarf und Heim rannte, um zu arbeiten.

Für zwei Stunden, bei der Arbeit und in meinen Zigarettendampf eingewickelt, vergaß ich wieder alles. Doch gegen sechs Uhr begann in mir eine wunderliche, beklemmende Unruhe zu wühlen. Es zog mich wie mit hundert Stricken zum Ringtheater, zu der im dritten Rang gelegenen Theaterloge. Doch immer wieder kam die vernünftige Überlegung obenauf. „Nein! Du bleibst bei der Arbeit daheim!“ Ich beschwor es vor mir selbst mit einem heiligen Eid.

Als es halb sieben geschlagen hatte, saß ich noch immer am Schreibtisch. Doch plötzlich – Eidschwur hin oder her! – musste ich die Feder fortwerfen. Und musste meinen Hut und Überrock packen – zwei Dinge, die ich zehn Minuten später nicht mehr besaß – und die ich auch im Leben nie wieder gesehen habe.

Zog ich den Überrock gar nicht an? Behielt ich ihn bei diesem hirnwirbligen Gerenne über dem Arm? Ich weiß es nicht. Der Abend war nicht kalt, nur ein bisschen neblig. Und verrückt, wie einer, der das Glück seines Lebens zu versäumen fürchtet, rannte ich durch die lange Herrengasse hinunter.

Atemlos komme ich zum Schottentor, zur Ringstraße. Vor dem Portal des Theaters brennen im trüben Abend die zwei Bogenlampen wie große Sonnen. Plötzlich erlöschen sie. Und hoch in den dunklen Lüften zuckt es wie ein mattes Wetterleuchten. Ich bleibe stehen und gucke nach aufwärts. Und da öffnet sich das steile Dach des Theaters wie eine schwarze Riesenmuschel. Und eine gelbe, rauchlose Flamme fährt baumhoch gegen den finsteren Himmel.

„Jesus!“ Für eine Sekunde ist alles lahm und tot in mir. Dann der schreiende Gedanke: „Mein Mädel in der Theaterloge! Im dritten Stock! Auf Armslänge beim Vorhang!“

Ich weiß noch, dass ich schrie wie ein Tier. Und dann sprang ich, im Irrsinn meines Entsetzens, gegen das Theater hin – und schleuderte von mir, was mich beim Rennen hinderte – Hut und Überrock.

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