Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 7

Aus dem Spätherbste 1880 erinnere ich mich einer wühlenden Erregung, die mich erfüllte, als ich im Kunstverein die ersten Radierungen von Max Klinger sah – und eines schmerzenden Staunens, das mir das Gastspiel der greisen, schon siebzigjährigen Adelaide Ristori brachte. Sie spielte grauenhafte Stücke: Eine fürchterlich zugerichtete Maria Stuart, eine zu rührseligen Bildern zerhackte Marie Antoinette und eine Elisabetta Regina d’Inghilterra, in der die gekrönte Meisterin der Liebe und des Hasses für den krassesten Vorstadtgeschmack frikassiert war. Und inmitten dieses theatralischen Kehrichts stand die Ristori als greise Priesterin einer versinkenden Kunst, als lächelndes Kind und unsterbliches Weib, als klingende Sphinx, als ein Schauer, den man wie schöne Zärtlichkeit empfand.

Und dann, im Winter, unter dem Regiment der Narrenkappe, am 19. Februar, verwandelte sich eine Stunde fröhlichen Lebens zu einem grauenhaften Trauerspiel der Jugend. In Kils Kolosseum hielten die Kunstakademiker ihr Faschingsfest ab, das eine heitere Reise um die Welt illustrierte. Alle wilden Völker waren da zu fidelen Sitten dressiert. Rings um den großen Saal, in dem sich viertausend vergnügte Menschen durch eine einzige Türe versammelt hatten, wimmelte es von lustig bevölkerten Wigwams, Kralen, Pfahlhäusern und Laubhütten. Nicht weit von dieser einzigen Tür – im Säulengang, der den Saal umzog – hatte die Bildhauerschule des Professors Max Wiedemann eine Eskimotruppe installiert, unter den niederen Dächern zweier Schneehöhlen, in denen Hofbräu als Tran verschluckt und Heringe auf russenden Ölflämmchen gebraten wurden. Es sah sehr malerisch aus: Wie diese heiteren Zottelmännchen sich im rotbraunen Zwielicht drängten, Gesicht und Hände glänzend von Fett, in dicken, täuschend aus Werg und Watte nachgemachten Eisbärengewändern, mit ‚wasserdichten’ Schellackringen um Hals, Handgelenke und Fußknöchel.

Gelächter und Stimmengewirr. Den überfüllten Saal durchrauscht die Fatinitzaquadrille, Champagnerpfropfen knallen wie die Gewehrschüsse eines Vorpostengefechtes, der Frohsinn wird turbulente Mitternachtsstimmung, wird toller Rausch des ausgelassenen Übermutes, und im Zuge der heiß gewordenen Luft bewegen sich diese schreienden Farben an den Wänden: Die komischen Schildereien, die Wimpel und Fähnchen, die Festons und Girlanden, der künstliche Rosenfrühling und dieser verschwenderisch angebrachte Papierschmuck.

Aus der kleineren Eskimohütte prasselt eine fidele Lachsalve heraus. Was war denn los? Ach, nur so eine kleine Dummheit, die ein bisserl gefährlich hätt’ ausfallen können! Auf der Heringstonne, die als Tischchen diente, ist eine Talgkerze umgefallen, und das purzelnde Flämmchen streift die Ärmelzotten eines Eskimo. Ein jähes Aufleuchten. Doch zwei junge, keck zugreifende Hände ersticken flink den aufzüngelnden Schein. Und nun lacht man über den kleinen Schreck. Die Talgkerze wird wieder angezündet, mit aller nötigen Vorsicht natürlich. Aber einer unter diesen weißgrauen Zottelbären – ein junger Berliner – will die heitere Stimmung nicht mehr finden. „Nee,“ sagt er, „hier is es nich jemietlich, ick jehe!“ Er tritt aus der Eskimohütte. Hinter ihm ein gellender Schrei, ein grelles Auflodern. Brüllend rennt eine schlanke, drei Meter hohe Flammensäule aus der Hütte heraus. Der junge Berliner wird ohnmächtig vor Schreck und kollert lautlos unter eine Bank. Ein Dutzend Zottelmänner springen aus den Hütten heraus, wollen helfen, schütten Bier und Champagner in diese schlanke, sich drehende Feuersäule. Viele, die das sehen, halten es für einen verwegenen Künstlerjux. Ein Kluger schreit entrüstet: „Was sind denn das für dumme Witze?“ Da lodert eine zweite Flammensäule gegen die Decke des Säulenganges hinauf, eine dritte, vierte, fünfte. Drei Zottelmänner, die Feuer gefangen, wälzen sich auf dem Boden und ersticken die Flammen. Neun junge Menschen brennen lichterloh – und wie sie schreien in ihrem Schmerz, das hört sich an wie tolles Gelächter. Ein Märchen der Geschichte, die Mythe von den brennenden Fackeln des Nero, ist grauenvolle Wahrheit geworden. Und Tausende von den fröhlichen Menschen im überfüllten Saal wissen, sehen und hören nichts von diesem herzzerdrückenden Schauspiel. Das Schmerzgelächter erstickt unter dem Lärm der tausendstimmigen Heiterkeit, im Rauschen der Musik. Zwischen diesem Lichtgewoge, Farbengewirr und Laternengeflacker fällt der Schein der schlanken Feuerspindeln, die sich in der Ecke des Säulenganges zusammendrängen, schon über zwanzig Schritte hinaus nicht mehr auf. Werg und Watte brennen schnell – das Geloder ist schon wieder erloschen, noch ehe die zunächst Stehenden, die das Entsetzen wortlos machte, zu dieser einzigen Türe flüchten können. Kreischende Stimmen beteuern bei der Türe: „Nichts, nichts, es ist nichts geschehen, es ist alles schon vorbei, nur Ruhe, Ruhe, Ruhe!“ Bei der Türe, wo sich die Menschen zu stauen drohen, schreit das einer dem andern zu, und jeder glaubt es. Das Lachen und der Lärm im Saal verliert keinen heiteren Atemzug, die Musik mit Geigen, Pauken und Tschinellen wirbelt weiter, und das bunte Fest bleibt jubelnde Freude ohne Störung. Feuerwehrmänner und Sanitätsgehilfen haben wollene Decken, Türvorhänge und Tischtücher um diese schwarzen, mageren Gestalten gewickelt, die auf dem Boden liegen oder noch stehen, gehen, taumeln und nur noch eine schwer zu enträtselnde Ähnlichkeit mit jungen Menschen besitzen. Man trägt die leise Wimmernden und die völlig Stummgewordenen aus dem Saal, durch diese einzige Türe hinaus. Jener junge Berliner erwacht aus seiner Ohnmacht; ihm ist nichts geschehen, er ist gerettet; zitternd stiert er in das Dunkel der zwei leer gewordenen Eskimohütten. Und vierzig, fünfzig, hundert verlassen das heitere Fest – wer zuerst diese lodernden Flammensäulen und dann diese schwarzen Pakete sah, redet kein Wort mehr. Das Entsetzen hat die Kehle der Wissenden gewürgt – sie gehen bleich und schweigend davon, mit dem Gedanken: Was ich weiß, das müssen doch auch die anderen wissen!

Jedem, der durch diese einzige Türe hinausgegangen, wird die Rückkehr in den Saal verwehrt, um eine Panik zu verhindern, um ein noch größeres Unglück zu verhüten.

Im Korridor und in der Garderobe liegen die Verkohlten und noch Lebenden auf Bänken und Tischen. Junge Ärzte suchen Hilfe zu bringen. Ein grauenvolles Bild! Wer es im Vorübergehen sehen muss, wendet sich mit geschlossenen Augen ab.

Von den zwölfen, die man nach der Klinik brachte, starben neun noch in der Nacht und während der folgenden Tage. Nur drei kamen mit dem Leben davon, um Entstellte oder Krüppel zu bleiben.

Das heitere Fest der Ahnungslosen, die im Saal geblieben, dauerte bis in die fünfte Morgenstunde.

Während des Vormittags durchsickerte das Gerücht von diesem Schrecklichen die Stadt. Und am Abend lasen es die Münchener in der Zeitung: Dass blühende Jugend, in der reifenden Kraft des Lebens, mit Talent beglückt, mitten in Lust und Freude verglühen und verkohlen musste.

Einer von diesen schwarzen Toten hieß Otto Emmerling, war ein reich Begabter und hatte kurz vorher bei einem Wettbewerb der Akademiker den ersten Preis und ein Reisestipendium für Italien bekommen. Nur dieses Fest seiner Freunde wollte er noch mitmachen, dann in das gelobte Künstlerparadies unter dem ewig blauen Himmel wandern.

Aus der kleineren Eskimohütte prasselt eine fidele Lachsalve heraus. Was war denn los? Ach, nur so eine kleine Dummheit, die ein bisserl gefährlich hätt’ ausfallen können! Auf der Heringstonne, die als Tischchen diente, ist eine Talgkerze umgefallen, und das purzelnde Flämmchen streift die Ärmelzotten eines Eskimo. Ein jähes Aufleuchten. Doch zwei junge, keck zugreifende Hände ersticken flink den aufzüngelnden Schein. Und nun lacht man über den kleinen Schreck. Die Talgkerze wird wieder angezündet, mit aller nötigen Vorsicht natürlich. Aber einer unter diesen weißgrauen Zottelbären – ein junger Berliner – will die heitere Stimmung nicht mehr finden. „Nee,“ sagt er, „hier is es nich jemietlich, ick jehe!“ Er tritt aus der Eskimohütte. Hinter ihm ein gellender Schrei, ein grelles Auflodern. Brüllend rennt eine schlanke, drei Meter hohe Flammensäule aus der Hütte heraus. Der junge Berliner wird ohnmächtig vor Schreck und kollert lautlos unter eine Bank. Ein Dutzend Zottelmänner springen aus den Hütten heraus, wollen helfen, schütten Bier und Champagner in diese schlanke, sich drehende Feuersäule. Viele, die das sehen, halten es für einen verwegenen Künstlerjux. Ein Kluger schreit entrüstet: „Was sind denn das für dumme Witze?“ Da lodert eine zweite Flammensäule gegen die Decke des Säulenganges hinauf, eine dritte, vierte, fünfte. Drei Zottelmänner, die Feuer gefangen, wälzen sich auf dem Boden und ersticken die Flammen. Neun junge Menschen brennen lichterloh – und wie sie schreien in ihrem Schmerz, das hört sich an wie tolles Gelächter. Ein Märchen der Geschichte, die Mythe von den brennenden Fackeln des Nero, ist grauenvolle Wahrheit geworden. Und Tausende von den fröhlichen Menschen im überfüllten Saal wissen, sehen und hören nichts von diesem herzzerdrückenden Schauspiel. Das Schmerzgelächter erstickt unter dem Lärm der tausendstimmigen Heiterkeit, im Rauschen der Musik. Zwischen diesem Lichtgewoge, Farbengewirr und Laternengeflacker fällt der Schein der schlanken Feuerspindeln, die sich in der Ecke des Säulenganges zusammendrängen, schon über zwanzig Schritte hinaus nicht mehr auf. Werg und Watte brennen schnell – das Geloder ist schon wieder erloschen, noch ehe die Zunächststehenden, die das Entsetzen wortlos machte, zu dieser einzigen Türe flüchten können. Kreischende Stimmen beteuern bei der Türe: „Nichts, nichts, es ist nichts geschehen, es ist alles schon vorbei, nur Ruhe, Ruhe, Ruhe!“ Bei der Türe, wo sich die Menschen zu stauen drohen, schreit das einer dem andern zu, und jeder glaubt es. Das Lachen und der Lärm im Saal verliert keinen heiteren Atemzug, die Musik mit Geigen, Pauken und Tschinellen wirbelt weiter, und das bunte Fest bleibt jubelnde Freude ohne Störung. Feuerwehrmänner und Sanitätsgehilfen haben wollene Decken, Türvorhänge und Tischtücher um diese schwarzen, mageren Gestalten gewickelt, die auf dem Boden liegen oder noch stehen, gehen, taumeln und nur noch eine schwer zu enträtselnde Ähnlichkeit mit jungen Menschen besitzen. Man trägt die leise Wimmernden und die völlig Stummgewordenen aus dem Saal, durch diese einzige Türe hinaus. Jener junge Berliner erwacht aus seiner Ohnmacht; ihm ist nichts geschehen, er ist gerettet; zitternd stiert er in das Dunkel der zwei leer gewordenen Eskimohütten. Und vierzig, fünfzig, hundert verlassen das heitere Fest – wer zuerst diese lodernden Flammensäulen und dann diese schwarzen Pakete sah, redet kein Wort mehr. Das Entsetzen hat die Kehle der Wissenden gewürgt – sie gehen bleich und schweigend davon, mit dem Gedanken: Was ich weiß, das müssen doch auch die anderen wissen!

Jedem, der durch diese einzige Türe hinausgegangen, wird die Rückkehr in den Saal verwehrt, um eine Panik zu verhindern, um ein noch größeres Unglück zu verhüten.

Im Korridor und in der Garderobe liegen die Verkohlten und noch Lebenden auf Bänken und Tischen. Junge Ärzte suchen Hilfe zu bringen. Ein grauenvolles Bild! Wer es im Vorübergehen sehen muss, wendet sich mit geschlossenen Augen ab.

Von den zwölfen, die man nach der Klinik brachte, starben neun noch in der Nacht und während der folgenden Tage. Nur drei kamen mit dem Leben davon, um Entstellte oder Krüppel zu bleiben.

Das heitere Fest der Ahnungslosen, die im Saal geblieben, dauerte bis in die fünfte Morgenstunde.

Während des Vormittags durchsickerte das Gerücht von diesem Schrecklichen die Stadt. Und am Abend lasen es die Münchener in der Zeitung: Dass blühende Jugend, in der reifenden Kraft des Lebens, mit Talent beglückt, mitten in Lust und Freude verglühen und verkohlen musste.

Einer von diesen schwarzen Toten hieß Otto Emmerling, war ein reich Begabter und hatte kurz vorher bei einem Wettbewerb der Akademiker den ersten Preis und ein Reisestipendium für Italien bekommen. Nur dieses Fest seiner Freunde wollte er noch mitmachen, dann in das gelobte Künstlerparadies unter dem ewig blauen Himmel wandern.

Die Trauer lag auf der erschrockenen Stadt wie ein drückender Alp. Doch bei allem Schreck empfand man ein tröstendes Aufatmen. Glückliche Zufälle, aus wirbelndem Leichtsinn und sprachlosem Entsetzen, aber auch aus Barmherzigkeit des Lebens geboren, hatten ein noch größeres Unglück verhütet. Ein Unglück, dessen Grauen sich nicht ausdenken ließ! Wäre in dem überfüllten Saal eine Panik entstanden, oder hätte das Feuer der lebenden Fackeln die Überfülle dieses papierenen Schmuckes erfasst, um die einzige Türe mit Flammen zu sperren, so hätte man die Opfer an Zerdrückten und Erstickten, an Verbrannten und Verkohlten nach Hunderten, vielleicht nach dem Tausend zählen müssen.

Durch viele Wochen brachte ich den Schauder dieses Bildes nicht mehr los. Ich redete mir immer vor: „Von zwei Übeln ist doch das kleinere geschehen! Ist das nicht ein Beweis für das Erbarmen und die Verlässlichkeit des Lebens? Und was da geschehen ist – nun liegt es hinter schweren, unbeweglichen Schleiern. Solch ein Furchtbares erlebt der gleiche Mensch nicht zweimal. Freilich, ein Neues war auch das nicht! Ben Akibas Weisheit ist nicht zu bestreiten. Alles kommt wieder. Aber seit dem Feuerdrama der ‚Wilden Männer’ am Hofe Karls des Wahnsinnigen musste ein halbes Jahrtausend vergehen, bevor solch ein Entsetzliches in München sich wiederholen konnte. Sei ruhig! Solch ein Schreckliches wirst du nicht mehr erleben müssen!“

Das psychische Grauen, das sich in mir nicht beschwichtigen wollte, verursachte eine merkwürdige Erscheinung an meinem Körper. Ich bekam auf beiden Wangen und am Hals viele kleine Blasen – ähnlich den Bläschen, die man an den Fingern bekommt, wenn man sich mit dem von einem Streichholz abspritzenden Phosphor verbrannte. Die Bläschen sprangen auf und wurden kleine Wunden, die nicht heilen wollten. Unser Hausarzt erklärte die Sache als Haarwurzelentzündung und verordnete mir eine Salbe. Aber die Geschichte wurde immer schlimmer. Ich wanderte von Arzt zu Arzt, keiner konnte mir helfen, jeder sagte was anderes.

Damals verkehrte ich am Biertisch mit einem jungen Mediziner, der ein begabter Mensch, aber ein wunderlicher Schwadroneur war. Er äußerte oft mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit so verrückte Dinge, dass man sich krumm darüber lachte. Und eines Abends sagte er zu mir: „Jetzt weiß ich, was Ihnen fehlt. Sie sind gar nicht krank. Was Sie haben, ist nur eine physische Reflexerscheinung Ihrer psychischen Sensibilität. Das ist so etwas Ähnliches wie bei den Stigmatisierten. Körper und Seele sind doch eine Sache. Seelische Freuden haben Heilwirkung für körperliche Leiden. Psychische Qualen und Defekte verwandeln sich in körperliche Unbehaglichkeiten und umgekehrt. Ich bin überzeugt, dass jeder Geizhals an chronischer Verstopfung leidet. Wer zur Verschwendung neigt, muss von fliegenden Diarrhöen geplagt werden.“

Ich lachte. Denn bei mir stimmte das ein bisschen.

„Ihr Zustand,“ sprach er weiter, „ist mir wieder ein Beweis für meine Anschauung. Seit Wochen reden Sie von nichts anderem, als von diesen verbrannten jungen Künstlern. Das grauenvolle Schicksal dieser armen Teufel peinigt Sie in tiefster Seele, so schwer, dass Sie jetzt selber Brandwunden im Gesicht haben.“

Ich hielt natürlich diese paradoxe Diagnose für einen schlechten Witz. Und fragte lachend: „Was müsste ich dann nach Ihrer Meinung tun, um geheilt zu werden?“

„Nicht mehr an diese verbrannten jungen Menschen denken. Dann wird es aufhören. Oder …“

„Was?“

„Sie müssten sich selber eine schwere Brandwunde beibringen. Das würde dann auch helfen. Durch Ablenkung.“

„Ich danke!“

Der Zustand meines Gesichtes wurde von Tag zu Tag schrecklicher. Schließlich konnte ich nicht mehr ausgehen, mich nicht mehr vor Menschen blicken lassen. Eitel war ich nie. Aber man will doch appetitlich und menschenwürdig aussehen. Ich wurde rasend vor Wut. Und schließlich nahm ich verzweifelt meine Zuflucht zu einem Gewaltstreich. An die sinnlose Diagnose jenes jungen Äskulaps hinter dem Biertisch dachte ich nimmer; ich hoffte nur, dass eine gründliche Desinfektion meines wunden Gesichtes sich als nützliche Sache erweisen müsste. Ging also in die Apotheke, kaufte mir einen Liter rektifizierten Alkohol, goss ihn daheim in die Waschschüssel, kratzte alle Wunden auf, dass sie bluteten, und wusch mir das rote Gesicht mit diesem reinen Spiritus. Die Wirkung war fürchterlich. Durch fünf Minuten glaube ich im siedenden Pech der Hölle zu sitzen. Ich wurde halb ohnmächtig und lag dann wimmernd auf meinem Bett, bis ich einschlief. Am Morgen, als ich aufwachte, roch es in meinem Schlafzimmer wie in einem anatomischen Kabinett. Ich hatte gleich die Vorstellung von vielen Spiritusgläsern mit kleinen, komischen Figürchen. Und als ich mein Gesicht betastete, war da eine schöne glatte Sache. Ich empfand keine Spur von Schmerz, fühlte nur am Hals und im Gesicht ein leises Spannen, sprang aus dem Bett, guckte neugierig in den Spiegel – und lachte vergnügt. Alles, was Tags vorher noch Wunde gewesen, war mit einem glatten, feinen, rosenfarbenen Häutchen überzogen. Eine Woche später war ich vollständig geheilt und hatte an Hals und Wangen eine tadellose Haut ohne Narbe.

Trotz des mirakulösen Erfolges möchte ich diese Spirituskur keinem zweiten Menschen empfehlen.

Der Wunsch, mich körperlich wieder frisch zu machen, trieb mich in die verschneiten Berge. Es fehlte nicht viel, und ich wäre von dieser Erholungstour nimmer heimgekommen. Bei Partenkirchen war’s. Kein Führer hatte mich begleiten wollen, weil, wie sie sagten, der Schnee ‚so lahnig’ wäre. Ein junger Bursch, der sein Leben um zehn Mark lachend feilhielt, war schließlich mitgegangen. Auf halbem Weg wurde er ernst und verbot mir das Jodeln.

Mit den Schneereifen war untertags nimmer viel zu machen, wir mussten sie auf den Buckel nehmen. Der Schnee, der am kalten Morgen leidlich getragen hatte, wurde in der milden Sonne klebrig.

Als wir einen hohen stielen Hang nicht weit unter dem von Schneewächten überwellten Grate traversierten, kam plötzlich die ganze weiße Gegend rings um uns herum ins Rutschen. Ich sagte: „Herrgottsakra!“ Und der junge Führer kreischte: „Aufhupfa! Und schwimma!“

Ich hupfte auf. Und schwamm. Und bevor ich noch ein Dutzend Schwimmbewegungen gemacht hatte, waren wir schon ein paar hundert Meter unter dem Steig. Immer flinker ging’s. Zwei mächtige Schneewogen purzelten über uns weg. Dann waren wir drunten, ganz drunten, staken zuoberst als Weinbeeren auf einem mächtigen Schneepudding, bis unter die Arme eingepökelt in diese weißgraue Masse, wir beide etwa zwanzig Meter voneinander entfernt. Hut, Bergstock und Schneereifen, alles beim Teufel! Wie das zugegangen war, das weiß ich nicht. Es war kein anderer Gedanke in mir gewesen, als nur der eine: „Schwimmen, schwimmen, schwimmen, damit dich der Schnee nicht überwirft!“ Späterhin hab’ ich bei zwei bösen Abstürzen im Gebirge die gleiche Erfahrung gemacht: Man denkt nichts und hat keinen Schreck, man will sich nur halten; und liegt man drunten, so weiß man nicht, wie’s zugegangen ist. Der Schreck und das Nervenzittern kommen immer erst hintendrein.

Mein junger Führer, der sich schon fluchend aus dem zähen Schneefutteral herauszuzappeln begann, rief zu mir herüber: „Fait ebbes?“ („Fehlt was?“)

„Ja! Meine Zigarettendose kann ich nicht finden.“

Nach ähnlichen Ereignissen war es zur Beruhigung meiner Nerven immer das erste, dass ich mir eine Zigarette wickelte, die ich mit einem Grisebachschen Wort die weiße Tochter Moskaus zu nennen liebte.

Und hatte ich so den Anhauch der Todesnähe gefühlt, dann pflegte als Kontrastwirkung das gesteigerte Verlangen nach heißen Zärtlichkeiten des Lebens in mir zu erwachen. Nach meiner Rückkehr in die Stadt wurde ich in ein tolles Drauflosleben hineingewirbelt, bei dem sich meine ohnehin schon mit einem Minuszeichen versehene materielle Bilanz erschreckend nach abwärts bewegte. Ich geriet in einen heiteren Freundeskreis, der die Sektfrühstücke als tägliche Gewohnheit pflegte.

Daneben begann ich in zappelnder Kunstsehnsucht ein ruheloses Rennen zu den Werkstätten der Maler. Alles, was man bisher als künstlerische Prinzipien beschworen hatte, kam damals ins erste Wanken, und ein Umschwung bereitete sich vor. Die einen blieben fest und überzeugungstreu auf erprobtem Boden stehen, die anderen irrten und suchten.

Einen starken, fürs ganze Leben nachwirkenden Eindruck gewann ich von einem Atelierbesuche bei Fritz August Kaulbach, der ein großes, fast vollendetes Frauenporträt auf der Staffelei hatte. Ein Dreißigjähriger, stand er schon auf der Schwelle seines Ruhmes, mit einem Können, welches träumen und staunen machte. So fesselnd wie als Künstler, ebenso anziehend wirkte er in der festen Harmonie seines persönlichen Wesens auf mich. Seit jenem Atelierbesuch vor dreißig Jahren ist das so in mir geblieben: Wenn vom Typus künstlerischer und menschlicher Vornehmheit gesprochen wurde, hab’ ich immer an Kaulbach denken müssen.

Rotwangige Ruhe und heitere Klarheit fand ich in Franz Defreggers Haus und Werkstätte, moderne Sensation bei Piglhein, in dessen Atelier und Leben sich Kunst mit luxuriöser Boheme vermischte. Leibl machte Aufsehen durch seinen rasch überzeugenden Verismus, und der einsiedlerische Poet Hans Thoma begann im Kunstverein verstanden zu werden und Anerkennung zu finden. Neben ernsten Kämpfern standen mit lachender Zufriedenheit die Unveränderlichen. Lossow strichelte an den vom französischen Rokoko angehauchten Bildern seines ‚Götterdekamerone’, und Ferdinand Wagner, der Makartino von München, glänzte mit seiner schönen Frau auf allen Künstlerfesten durch originelle Kostüme.

Ein Eigenartiger und mit bitterer Zähigkeit Ringender war der junge Trübner. Die Münchener ‚Kunstkenner’ nannten ihn den Quadratlmaler, weil er mit breitem Pinsel viereckige Farbtupfen herb auf die Leinwand setzte. Sein Atelier füllte sich mit unverkäuflichen Bildern. Arbeiten, die zwanzig Jahre später als hohe Werte ausgerufen wurden, standen da als verstaubte Winkelhüter herum. Eines Tages sagte Trübner zu mir: „Jetzt muss ich doch einmal aufräumen und alles auf den Mist werfen.“

„Schenken Sie mir was! Mir gefällt’s. Ich nehm’ es.“

„Gern. Suchen Sie sich was aus!“

Lange schwankte ich zwischen der großen, als Deckengemälde gedachten, ‚Wilden Jagd’ und der kleinen, brutal verwegenen und dabei doch träumerisch zärtlichen ‚Kentaurenhochzeit’. Am liebsten hätt’ ich die beiden Bilder genommen. Und ich hätte sie auch bekommen. Aber so unverschämt wollt’ ich doch nicht sein. Ich begnügte mich mit dem kleineren Bild, das ich nun seit dreißig Jahren besitze. In Zeiten der Sorge verkaufte oder versetzte ich, was ich an Wert besaß; dieses Bild ist mir von meiner Wand gekommen.

In jenem Frühjahr 1881 spannen sich auch herzliche, in fester Treue ausdauernde Lebensfreundschaften an, mit Max Bernstein, um den sich die dramatische Muse mit der Justitia raufte, und mit Felix Philippi, der bei aller Berliner Schwertmäuligkeit sich als geborener Freund und als herzensguter, durch dick und dünn verlässlicher Kamerad erwies. Er wusste damals noch nicht recht, ob er Schriftsteller werden oder Musiker bleiben sollte. Als Pianist mit verblüffendem musikalischen Gedächtnis war er ein Schüler Hans von Bülows und als solcher natürlich auch ein frenetischer Wagnerianer. Eines Tages, auf seiner Bude in der Maximiliansstraße, von mittags zwei Uhr bis spät in die Nacht hinein, spielte er mir ohne Pause auf dem Klavier die ganze Tetralogie der Nibelungen vor, Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Ich lag auf dem Diwan, rauchte hundert Zigaretten und trank ein Dutzend Mal schwarzen Kaffee, den ich in einer kleinen Maschine selbst bereitete.

Nach Mitternacht fragte Felix der Unermüdliche: „Willst du zur Abkühlung noch was aus dem Holländer hören?“

„Nein! Danke! Ich bin zufrieden!“

Seit damals hab’ ich jedes Mal, sooft ich den Trauermarsch der Götterdämmerung hörte, die leisen Symptome einer Kaffeevergiftung in mir gespürt. Die Erinnerungsfähigkeit misshandelter Magennerven scheint noch viel sensibler zu sein als das Reminiszenzvermögen der glühendsten Begeisterung.

Während hundert Dinge mein quirlendes Interesse weckten, stand ich abgekühlt und misstraulich der eigenen Arbeit gegenüber. Es war mir völlig gleichgütig, dass der Prozesshansl seit Monaten im Archiv des Gärtnertheaters schlummerte, weil man für eine wichtige weibliche Rolle keine passende Darstellerin hatte. Eines Tages ließ Direktor Lang mir sagen: Nun hätte er was Brauchbares gefunden.

Am gleichen Mittag, unter der heiter funkelnden Sonne des letzten Apriltages begegnete ich auf dem Residenzplatz einer sehr jungen Dame. Viele Leute sahen ihr nach. Ich musste stehen bleiben, um sie zu betrachten. Sie ging in Eile, wie Kinder gegen den Sturm schreiten, frisch, mutig und heiter. Ein Schlankes, fein modelliertes Figürchen in himmelblauem Seidenkleid mit weißen Spitzen. Unter dem reich gebänderten Strohhut lachte ein rundes, rosiges Gesichtl mit Grübchen in den Wangen, mit vergnügten Augen. Als sie an mir vorüberging, flatterten die blauen Hutbänder gegen mich her. Es war kein Wunsch in mir. Ich sah das Mädel nur eben so an, wie man in Freude ein liebliches Bild des Lebens betrachtet.

Auch ein alter Herr war stehen geblieben. Er nickte mir lachend zu, und sagte: „Ein netter Kerl!“

Den folgenden Morgen ging ich zum Gärtnertheater hinunter, um mich nach der ‚Brauchbaren’ zu erkundigen. Der Direktor sagte: „Sie ist eine Anfängerin, aus der Provinz. Aber sie sieht gut aus, und ich glaube, sie hat Talent. Wenn Sie die Rolle mit ihr durchnehmen, wird’s wohl gehen.“

Ich ließ mir die Adresse geben und machte mich gleich auf den Weg.

Nun stand sie vor mir, in einem dunkelroten Hauskleid. Aber ich sah eine andere Farbe.

Es war die Himmelblaue vom Residenzplatz.

Und sie gab mir gleich einen Beweis ihrer schauspielerischen Gewissenhaftigkeit. Die Rolle, die man ihr vor drei Tagen geschickt hatte, wusste sie schon auswendig, Wort für Wort.

Wir fingen sofort zu studieren an, sehr ernst und energisch. Wenn es sich um die Kunst handelte, gab’s bei mir keine Flausen – so behauptete ich. Aber bei der zweiten Lektion wollte die Sache nicht recht vorwärts. Ich atmete schwer und riss das Fenster auf. Der junge Mai war schwül. Und bei der dritten Unterrichtsstunde waren wir ein Herz und eine Seele.

Es begann ein grünes, lachendes Frühlingsglück. Sonne, die ohne Schatten war – Frohsinn, der keiner Sorge dachte.

Weil sie mich in der ganzen Art ihres Wesens und ihrer heiteren selbstlosen Fügsamkeit an jenes gute Gretchen aus dem Reigen meiner letzten Studienzeit erinnerte, gab ich ihr den gleichen Namen: „Himmerl!“

Und sie war auch eines – ein Himmelchen, in dessen blauer Seligkeit nie eine Wolke aufzog. Nur eine einzige unliebsame Eigenschaft hatte sie: Ihre Mutter war eine Kulissenmama von beklemmendem Zuschnitt. Aber was ging mich die Mutter an! Ich sah sie selten. Und die missmutigen Augen, die sie machte, kamen auch viel zu spät.

Die ersten Proben zum Prozesshansl gewannen die Rosenfarbe meines frohen Glückes. Himmerl machte seine Sache sehr gut. Alles andere war mir vorerst noch gleichgültig. Und war die Probe erledigt, so fuhren wir in einem zottelnden Einspänner zur Stadt hinaus, schmausten irgendwo in einem Dörfl und waren vergnügte Kinder.

Nur schade, dass eine heikle Arbeit, zu der ich mich hatte bereden lassen, mir viele Stunden meiner blauen Freude nahm. Für eine militärische Jubiläumsfeier im Hoftheater sollte ich ein den Abend füllendes Festspiel schreiben, in dessen letzten Akt die lebenden Bilder mit dem begleitenden Texte von Hermann Lingg sich einfügen mussten. Es war eine Arbeit, um zu verzweifeln. Ich hatte der würdigen Gelegenheit Rechnung zu tragen und wollte doch jeden byzantinischen Klang vermeiden. Und das Gehirn zerbohrte ich mir, um in diesen festlichen Ernst auch ein Bröselchen Humor und heiteres Lachen hineinzubringen. Ich half mir mit einer Soldatenfigur aus der Biedermeierzeit, mit einem gutbayerischen Bauernjungen, der sich durch Tapferkeit vom gemeinen Soldaten zum Offizier aufgeschwungen hat, die goldenen Epauletten trägt, aber dabei doch ein Bauer bleibt: Der Leutnant Christian Kapp. Solche Soldaten gab es. Aber es war eine Torheit von mir, für eine Jubiläumsstimmung bei théâtre paré ein Stück ehrlicher, aber derber Wirklichkeit schildern zu wollen. Das rächte sich. Doch während der Arbeit hatte ich keine Vorahnung der Bombe, die da über meinem Haardach platzen sollte. Ich freute mich meines Einfalls, schuftete fleißig drauf los und dachte: „Was mir nicht allzu fein aus der Feder kommt, das werden schon Joseph Kainz, die Ramlo und Meister Häußer zu gutem Glanz aufbügeln.“ Diese drei Künstler standen mir für die Hauptrollen zur Verfügung.

Bei dem Hin- und Hergerenne zwischen der Hölle meines Schreibtisches und dem Himmel meiner Liebe kam ich selten heim zu den Meinen. Eines Nachmittages erwischte mich Mama in der Ludwigstraße und hielt mich lachend beim Ohrlappen fest. „No, du? Dich sieht man ja gar nimmer! Aber gut muss es dir gehe? Wenn’s dir schlecht ging, da wärst du schon lang gekomme!“ Sie sah wohl die Zerknirschung und Reue in meinem Gesicht, denn sie fing gleich lustig vom Recht der Jugend zu reden an. „Schau, wir kränken uns nit! Wenn’s dir nur gut geht! Was flügg ist, naus zum Nestle. Ich und dein Vater sind auch nit daheim gebliebe. Und die Geschäftlen, die man als jung nit gemacht hat, sagt der Judd, die macht man als alter nimmer.“

Sie ließ sich vom Fortgang der Proben erzählen, und als sie merkte, dass ich selber der Premiere mit einiger Beklommenheit entgegensah, bekam sie vor Aufregung gleich das ‚Zwicken’, wie sie jene Nervosität in den unteren Gründen zu nennen pflegte. Mama – um an die wunderlichen Hypothesen jenes jungen Äskulap hinter dem Biertisch zu erinnern – Mama war eben eine Verschwenderin an Liebe.

Je mehr der Prozesshansl auf den Proben eine feste Sache wurde, um so misstrausicher guckte ich drein. Der Stoff war gut, die Hauptfigur dankbar – und Freund Neuert spielte diese Figur mit überzeugender Kunst. Aber die Logik der Handlung verlangte einen letzten Akt von unbarmherziger Grausamkeit, verlangte eine Sache, von der man damals sagte: „Auf dem Theater ist so was nicht möglich.“ Und so hatte ich mich zu einem unkünstlerischen Kompromiss mit der Gemütlichkeit bereden lassen. Jetzt, da der Schaden nimmer zu ändern war, sah ich es ein, nicht nur aus eigener Erkenntnis, sondern weil mir nun auch die aufrüttelnden Vergleiche zu Gebote standen.

Ich hatte während dieses Frühjahrs, nachdem der Prozesshansl schon fertig war, Anzengrubers Pfarrer von Kirchfeld und den Meineidbauer gesehen. Von der Bühne herab, bei unzulänglicher Darstellung, wirkten die beiden Stücke nicht allzu erregend auf mich. Ich meinte das übliche Volksstück mit allem bisherigen Theaterapparat zu sehen, mit Entreeliedern, Couplets und Aktschlussmusik. Aber ich erkannte doch auch, dass inmitten dieses Verbrauchten große neue Gestalten standen, Kinder aus Seele, Fleisch und Blut eines starken Menschen, eines Dichters. Die rechte, richtige Wirkung fasste mich erst, als ich Anzengruber für mich allein zu lesen begann, und als ich den Gwissenswurm kennen lernte und die Kreuzlschreiber, dieses klassische deutsche Lustspiel. Ich rannte wie ein Narr herum, bedrückt von der Selbsterkenntnis: „Herrgott, was für einen Schmarren hast du gemacht!“

Noch ein anderer fasste mich an Herz und Hals: Peter Rosegger, von dessen ersten Werken damals eine Lieferungsausgabe erschien, die Schriften des Waldschulmeisters, Sonderlinge aus dem Volk der Alpen, Heidepeters Gabriel. Rosegger war mir näher als Anzengruber, wirkte wärmer und farbiger auf mich, vertrauter und verständlicher, mit dem Duft und Anhauch meiner eigenen Heimat. In schlaflosen Nächten verschlang ich mit einem Zittern von Freude diese schlecht gedruckten Hefte. Und damals erwachte in mir die Sehnsucht, nach Wien zu gehen, wo Anzengruber war, und von wo man nicht weit bis zu Rosegger hatte. Das Gruseln, das ich bei solcher Lektüre vor meiner eigenen Anfängerei empfand, verbitterte mir sogar die Freude, die mir das Himmerl gab. Sie gefiel mir bei den letzten Proben auf der Bühne nimmer, weil sie sprechen musste, was ich geschrieben hatte. Und noch eine zweite Unbehaglichkeit kam dazu. Ich wollte das Himmerl eines Nachmittags zu einer Spazierfahrt abholen. Nur die Mutter war daheim. Und ich bekam ein übles Klagelied zu hören; über die schlechten Zeiten beim Theater; und nun wäre das unkluge Himmerl auf diese ‚ideale Leidenschaft’ hereingefallen; mit 150 Mark Gage! Dabei ein Haushalt mit Mutter und Magd, die Toiletten und Kostüme fürs Theater, das teure Leben! Ich verstand. Etwas Kaltes und Unbehagliches griff mir an die Kehle. Ich wollte davonrennen. Aber ich hatte das Himmerl doch wirklich lieb. Und war überzeugt, dass das gute Mädel von dieser diplomatischen Aktion der Mutter keine Ahnung hatte. Die paar blauen Zettel für jeden Monat waren wohl auch noch aufzutreiben. Ich nickte. Und die Mutter musste mir schwören, dass das Himmerl von dieser Sache nie was erfahren sollte. Ein paar Tage brauchte ich, um mit dieser beklemmenden Sache fertig zu werden. Dann war wieder blauer Mai.

Nun kam die Uraufführung des Prozesshansl. Sie machte mir eine zweifelhafte Freude, obwohl das Stück gefiel und Erfolg hatte. Papa glaubte zu meinem Trost einen ‚unleugbaren Fortschritt’ konstatieren zu dürfen. Und Mama sagte: „Ja, Bub, ein Sprüngerl ist’s aufwärts gange. Aber jetzt musst halt auch emal en feste Sprung mache!“

Dieses Wort verursachte mir eine ruhelose Nacht.

Einen festen Sprung machen?

Am Leitseil der Vorbilder, die mich begeisterten? Nein! Wenn’s mit dem Nachmachen ginge, warum macht dann nicht jeder Werdende gleich den Homer, Shakespeare und Goethe nach? So geht’s nicht! Ich muss das Bessere suchen in mir selbst, aus meiner eigenen Art herausschöpfen, was in ihr zu finden war.

Ibsen, Anzengruber und Rosegger standen vor mir da wie leuchtende Fackeln. Die Werte, die ich an ihnen gewahrte, verstand ich hoch einzuschätzen. Und dennoch hat mich nie die Sehnsucht befallen, den von ihnen vorgezogenen Geleisen folgen zu wollen. An Heyse studierte ich sprachliche Form, an Turgenjews Skizzen aus dem Tagebuch eines Jägers, die mir eine hieße Verzückung brachten, suchte ich das Geheimnis zu erforschen, wie man Natur sehen und Natur schildern muss. Aber ein eingefleischter Schüler von anderen bin ich nie geworden, bin nie dem Erfolg eines Besseren, nie einer künstlerischen Mode nachgelaufen. Ich hab’ es auch späterhin erlebt, dass alle, die hinter Ibsen und Zola hertrotteten, wieder umkehren mussten, um sich selbst zu suchen. Oder sie verloren sich. Ob man ein Großer oder ein Kleiner ist – auf dem Boden der Kunst muss man ein Eigener sein. Oder man ist ein Niemand.

Der Brief, den meine Mutter mir über die ‚Gedichtlen’ nach Berlin geschrieben hatte, begann Fleisch und Blut in mir zu werden. Ich fing an, nach Wegen zu suchen, für die meine Kräfte ausreichten.

In einem Essay über die moderne Nervosität hab’ ich vor kurzer Zeit ein prachtvolles Wort gelesen – ein schwerer Neurastheniker sagte da zu seinem Arzt: „Wir in unserer Familie wollten immer mehr sein, als wir sein konnten. Dabei sind wir alle nervös geworden.“ Das ist nicht nur ein Kommentar zur Geschichte unseres heutigen Lebens, auch ein Kommentar zur Geschichte unserer Kunst. Die Großen bringen das Große spielend fertig. Der Durchschnitt des Talentes muss schwitzen, keuchen und zittern, wenn er mehr sein will, als er sein kann – eine törichte Kritik verlangt es von ihm, und obwohl sie selber niemals Lessing ist, will sie doch an jedem Produzierenden einen Goethe oder Sophokles haben, einen Tizian oder Phidias – und so vergeuden wertvolle Begabungen aus gepeitschtem Ehrgeiz ihre beste Kraft im nutzlosen Anlauf zu hohen Sprüngen und gebären aus krankhaft überreiztem Geist eine Schar von nervösen Kindern, die keinem Menschen zur Freude und dem Leben ein Schaden sind.

In diese Hetzjagd hab’ ich mich nicht einreihen lassen. Meine ersten Versuche hab’ ich mit lachendem Leichtsinn aus dem Ärmel geschüttelt. Und als ich späterhin fest und richtig das ernste Arbeiten lernte, und als ich mich sicher auf dem Boden fühlte, dem ich entwachsen war und zu dem ich gehörte, gab ich immer nur, was ich selbst besaß, und wollte niemals mehr aus mir machen, als ich von Natur aus sein konnte. Man mag den Wert meiner Lebensarbeit nach Gutdünken abschätzen. Aber eines weiß ich: Meine Arbeit war immer ein Stück meiner selbst, hatte mein Herz, meine Freude, meinen Glauben, und drum blieb sie unkompliziert, blieb heiter und gesund. Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis meines Erfolges, den mir die Auguren der überschnürten Ästhetik schwer verübeln.

Von den Wegen, die ich in kommender Zeit als die meinen erkennen sollte, war ich freilich damals, als das Wort der Mutter vom ‚festen Sprung’ mir schlaflose Nachtstunden verursachte, noch weit entfernt.

Während die Münchener mit Herrgottschnitzer und Prozesshansl, dazu noch mit dem prächtigen, das Niveau der üblichen Dorfkomödie übersteigenden Protzenbauer der Frau Hartl-Mitius, wieder gastieren gingen und von Erfolg zu Erfolg reisten, bekam ich daheim in München bei Gelegenheit jenes Festspiels einen schmerzhaften Klaps auf das verdutzte Köpfl.

Ein Leutnant, der sich in eine kleine Wirtstochter verliebt und in der Hitze der Manövertage als guter Bayer einen vollen Maßkrug bis auf die Nagelprobe leert – das erschien in einem théâtre paré höchst deplaziert.

Am Tag nach der Aufführung erschien in der Presse eine Mitteilung: Das Stück wäre zu spät fertig geworden, die Festkommission hätte nicht mehr Zeit gehabt, sich über den Inhalt des Stückes zu informieren, sonst hätte sie Veranlassung gehabt, das Stück aus ästhetischen Gründen abzulehnen.

Das war mein Dank für das willige Arbeitsopfer zweier Monate. Ich wurde rasend und erwiderte mit ungezügelter Grobheit. Eine Pressfehde entspann sich, es bildeten sich Parteien für und gegen mich, und im Feuer des Gefechtes ließ ich mich zu einer Ausschreitung hinreißen, die ich später selbst bereute, da sie mir viele gute Freunde entfremdete und mir heiße Kohlen unter den Münchener Boden legte.

Um mir die Luft der lieben Heimat noch völlig in eine schwer zu atmende Gasart zu verwandeln, kam hinter seligen Freudenwochen noch das tragisch-groteske Finale mit dem Himmerl dazu.

Nach dem heißen Ärger in München wollte ich grüne, kühle Berge sehen, erwirkte dem Himmerl beim Theater einen achttägigen Urlaub, und da wollten wir miteinander hinauskutschieren nach Fall an der Isar und im weißen, einsamen Forsthaus eine Honigwoche verbringen. In diesen süßen Honig fiel eine Fliege hinein. Himmerls Mutter wollte partout mitfahren. Ich sprach wie ein Cicero. Aber es war ihr nimmer auszureden. Na also, in Gottes Namen!

Damals feierte man in München das VII. Deutsch Bundesschießen, dessen jubelweckende Sensation die graziöse, gesundpikante, von Lebenslust durchkicherte Schützenliesl wurde, die Fritz August Kaulbach für die Festwiese gemalt hatte. Vor dem großen Bilde, das den Giebel einer Wirtshalle schmückte, standen immer tausend Menschen versammelt und lachten hinauf zu dieser gemalten Predigt der heiteren Daseinsfreude.

Es gab auf der Wiese, während die Stutzen knallten, auch allerlei Volksbelustigungen. Das erste Velozipedrennen auf dem Hochrad wurde abgehalten, und der Luftschiffer Securius stieg mit seinem Ballon ins Blaue. Ja, das Leben ging aufwärts! Ich erinnere mich einer Deggendorfer Schützengruppe, die im Pschorrbräu mit lebhafter Aufregung die Neuigkeit besprach: Dass ihre Stadtväter daheim das Petroleum für eine überwundene Sache erklärten und die Gasbeleuchtung einführen wollten. Und gar in Wien, da waren sie noch weiter voran! Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass der Theaterdirektor Franz Jauner, der das Wiener Ringtheater übernahm, um es im Herbst zu eröffnen, einen ersten Versuch mit der Theaterbeleuchtung durch elektrische Bogenlampen machen wollte. Als ich diese merkwürdige Nachricht las, sagte mir keine Ahnung, dass da eine Schicksalswendung meines Lebens den ersten Schritt zu mir herangemacht hatte.

Am letzten Nachmittag vor der Abreise in die Berge bummelten wir beide, das Himmerl und ich, mit vergnügter Lauen und Arm in Arm durch das Gewühl der Festwiese. Plötzlich wurde mir siedeschwül um den Verstand – meine Mutter stand vor uns da! Ein Ausweichen war nimmer möglich. Mama hatte uns schon gesehen, auf fünf Schritte, und machte sehr große Augen. Es widerstrebte mir, der Mutter eine Unbehaglichkeit zu verursachen. Ich brachte es aber auch nicht über mich, das Himmerl zu verleugnen. Mit dem Saltomortale eines mir selbst nicht völlig klaren Entschlusses sagte ich: „Grüß Gott, Mama! Darf ich vorstellen? Meine Mutter … meine Braut.“

Der Mutter flog es mit heißem Schreck über das Gesicht. Doch sie fand sofort ihr Lachen wieder und sagte zum Himmerl: „Botz tauset! Das ischt ja eine Neuigkeit, die ich mir heut nimmer erwartet hätt, so schnell im Zufallskörble! Ja, no, wenn die Sach so ischt, da will ich halt in Gottes Name gratuliere!“

Himmerl stammelte ein paar verwirrte Worte und küsste der Mutter die Hand.

„Mir soll’s recht sein, Fräule!“, sagte Mama. „Mir ischt jede recht, die den lange Bube da endlich emal zur Vernunft bringt. Vom Theater her kenn ich Sie ja schon. Sie haben mir gut gefallen und scheinen ein liebes, nettes Mädle zu sein! Und da wünsch ich Ihnen nur von Herze, dass es mein Herr Luftikus von Sohn mit Ihnen ernster meint, als er’s mit vielen andern gemeint hat!“ Dazu lachte sie, als wär’s ein harmloser Scherz. Freundlich plauderte sie noch ein paar Worte mit dem Himmerl, sprach auch von meiner bevorstehenden Reise, deren Zweck sie zu erraten schien. Und als sie gehen wollte, sagte sie leise von der Seite her zu mir: „Du! Mit dem Papa musst reden! Der tät’s nit vertragen, wenn er es auch so erfahren müsst. Bub, red mit dem Vater! Und zwar gleich, wenn du von deinem Antizipandoreisle wieder heimkommst!“ Ihr liebes, gutes Gesicht brannte wie Feuer, als sie sich von uns abwandte und im frohen Gewühl der Menschen verschwand.

Das Himmerl lachte, wunderlich glücklich. Mir aber war nicht wohl zumut. Ich blieb an diesem Nachmittag sehr schweigsam, obwohl das Himmerl froher und reizender war als je.

Am andern Morgen reisten wir ab. Als wir in Fall das Forsthaus zwischen den grünen Bergen erreichten, meinte ich: Jetzt wäre ein leichteres Aufatmen in mir. Es kamen auch liebe, heitere Tage. Wir beide waren immer allein. Himmerls Mutter mit ihrem Strickstrumpf hielt sich dezent im Hintergrund und ließ sich nur bei den Mahlzeiten betrachten. Dennoch konnte ich mein rechtes Lachen nimmer finden. Immer war eine sonderbar beklommene Sorge in mir: Jetzt, und jetzt, und jetzt wird das Himmerl von der Festwiese reden! Und vom Glückwunsch meiner Mutter! Aber das Mädel schwieg, kam nicht mit der leisesten Andeutung auf diese Begegnung zurück. Während des dritten und vierten Tages wurde das Himmerl ein bisschen nachdenklich, und wie ein feiner, wehmütiger Schleier lag es über seiner sonst so rosigen Laune.

Am Vorabend des Tages, mit welchem Himmerls Theaterurlaub ablief, kam der Jagdgehilf Gasteiger und meldete mir einen ‚ganz kapitalen Gamsbock’, der sicher zu erwischen wäre. Aber wenn Himmerl am Nachmittag reisen sollte, konnt’ ich doch nicht am Morgen eine Gemspirsch machen.

Himmerl sah mir wohl die Qual dieses Kampfes zwischen Liebe und Jagdpassion am Gesicht an und fragte: „Bis wann könntest du denn wieder daheim sein?“

„Spätestens bis früh um neune!“

„Dann geh doch! Ich warte schon mit dem Frühstück.“

Das gute Himmerl! An diesem Abend war ich sehr vergnügt.

Früh um zwei Uhr segelten wir los, der Jagdgehilf und ich. Aber es wurde eine Gemspirsch mit Hindernissen. Der Wind schlug immer hin und her. Wir mussten weite und schwierige Umwege machen, um den Gemsbock nicht zu vergrämen. Als ich auf der Bergschneide endlich zu Schuss kam, war es schon zehn Uhr vormittags. Und dann gab es, weil der Schuss nicht tödlich gewesen, durch fünf Viertelstunden noch eine schwer ermüdende Suche auf schwierigem Terrain.

Als wir aus dem Gewänd der Schattenseite wieder heraufgeklettert waren zur sonnigen Bergscheide, mussten wir ein paar Minuten rasten.

Drunten im Tal, wie der winzige Kram einer Nürnberger Spielzeugschachtel, lagen die paar Häuser von Fall.

Ich zog mein Fernrohr auf und suchte da drunten – und fand auch, was ich suchte. Im Wiesgarten des Försterhauses, frei in der milden Sonne, saß das Himmerl mit der Mutter beim weiß gedeckten Frühstückstisch. Deutlich konnte ich unterscheiden, dass die Mutter sehr heftig und aufgeregt in das Himmerl hineinredete, das sich unbeweglich und mit gekreuzten Armen auf dem Sessel zurücklehnte. Und plötzlich kam es mir so vor, als schlüge das Himmerl die Hände vor das Gesicht und fiele über den Tisch hin.

Mir war das wie ein Stoß ins Herz. Ich packte meine Büchse und sprang vom Boden auf. „Gasteiger, ich muss heim! Lassen Sie sich Zeit mit dem Bock! Ich renne voraus.“

Man braucht sonst für diesen Abstieg bei flottem Marsch gut eine Stunde. In zwanzig Minuten war ich drunten, atemlos, von Hitze dampfend.

Das Himmerl war ein bisschen missmutig, seine Mutter sehr freundlich.

Bis ich mich umkleiden konnte, war es Essenszeit. Ein heiteres Abschiedsmahl, jede Verstimmung war verschwunden – und in acht Tagen sollten wir uns ja wieder sehen! Bei guter Laune und im brennenden Durste dieses strapaziösen Morgens sprach ich etwas hurtig dem roten Tiroler zu. Es fiel mir wie Blei auf die Augenlider. „Himmerl, ich muss mich eine Stunde aufs Ohr legen, sonst fall’ ich um. Um zwei Uhr weckst du mich, gelt? Dann haben wir noch drei gemütliche Stunden, bis ihr reisen müsst.“

Das Himmerl nickte.

In meinem Zimmer fiel ich wie ein Klotz auf das lederne Sofa hin.

Punkt zwei Uhr – ich konnte drunten in der Försterstube die Schwarzwälderuhr noch schlagen hören – wurde ich geweckt. Das Himmerl saß neben mir auf dem Sofa. Ich konnte mich nicht ermuntern, brachte die Augen nur blinzelnd auf. Wenn ich mich recht erinnere, sagte das Himmerl: Jetzt wären wir allein miteinander, ungestört, und vor der Abreise müsste doch das noch beredet werden, und wie ich mir denn das mit dem Heiraten jetzt dächte?

Ich weiß noch, dass ich einen Schreck bekam. Doch er war nicht ausreichend, um mich vollständig wach zu machen und dieses schwere Blei aus meinem Leben herauszuschütteln.

„Himmerl? Jetzt, in meiner müden Schlaftrunkenheit! Das ist doch nicht der richtige Moment für so eine ernste Sache … an die ich auch selber noch gar nicht gedacht hab’.“

Ob es zu einem Wortwechsel kam, oder ob das Himmerl gleich beleidigt war und davonging, das weiß ich nimmer. Die Müdigkeit von damals hat alles klare Erinnern in mir ausgelöscht. Ich muss auch sofort wieder eingeschlafen sein.

Als ich erwachte, hing schon die graue Dämmerung um die Fenster her. Erschrocken sprang ich auf und rannte in das andere Zimmer hinüber. Leer! Das Himmerl war fort. Ich lief hinunter in die Küche, zur Försterin. Das gekränkte Himmerl hatte keine Zeile, keinen Gruß zurückgelassen.

Nun wurde ich wütend. „So!“ Aber am anderen Tag zerschmolz mein Zorn in Sehnsucht, und am nächsten Nachmittag fuhr ich nach München und rannte vom Bahnhof gleich zum Gärtnertheater. Das Himmerl spielte. Ich glaube, das Stück hieß „Der Herr von Perlacher“. Und Schweighofer gastierte in der Hauptrolle.

Ich hatte einen Balkonsitz, ganz vorne bei der Bühne, und machte mich sehr bemerklich. Allen Leuten, die in meiner Nähe saßen, fiel ich auf. Nur das Himmerl sah mich nicht, wollte mich nicht sehen. Der Stolz begann in mir zu kribbeln. Doch als das Theater aus war, stand ich auf der Straße beim Bühneneingang und wartete. Das Himmerl kam, mit dem großen Ridikül am Arme – sah mich an wie ein fremden Menschen und ging vorüber. Im ersten Schreck wollt’ ich hinter dem Mädel her. Aber plötzlich war diese wunderliche Idiosynkrasie wieder da. Ich roch die roten Karpfen von Schloss Baumgarten.

Es war eine schreckliche Nacht. Doch ich wusste in mir: Alles ist aus!

Am nächsten Vormittag will ich die Ludwigstraße hinuntergehen. Da kommt mir das Himmerl entgegen. Seine Augen lächeln scheu. Ich grüße höflich – und gehe stumm vorüber. Wie ein grauer Schwindel ist es in mir. Aber ich kann nicht anders. Es musste so sein.

Und am Nachmittag, als ich verstört und verloren an meinem Schreibtisch saß, kam ein alter Dienstmann mit roter Kappe und brachte mir ein rotes Kuvert. Es enthielt einen aus doppelten Gründen schwer zu lesenden Brief von Himmerls Mutter – und enthielt ein Päckchen Banknoten, die gleiche Summe, die ich dieser Frau seit drei Monaten heimlich zugesteckt hatte.

In der ersten Ratlosigkeit war die Frage da: Wie ist das Himmerl plötzlich, über Mittag, zu so viel Geld gekommen? – Das hab ich einige Zeit später auch erfahren. Aber ich mag’s nicht erzählen.

– Armes, liebes, törichtes Himmerl! Was hast du auf dein junges Leben gelegt, aus Zorn, nur um des erbitterten Wunsches Willen, quitt mit mir zu werden! –

Aber dieses Geld? Das konnt’ ich doch nicht wieder zurückschicken? Das wäre eine Lächerlichkeit, eine neue Kränkung gewesen. Und einen offenen Kamin hatte ich nicht, um mit diesem Papier da nach französischem Edelmannsstiel zu verfahren.

Ich reichte das Kuvert samt Inhalt dem Dienstmann hin. „Da Mensch! Das schenk’ ich Ihnen für diesen Gang, der Ihnen vermutlich sehr leicht geworden ist.“

Es kamen ein paar harte Stunden. Ich hatte das Gefühl: Du bist ein Schuldiger! Aber ich konnte die Schuld, die ich begangen hatte, nicht finden.

Vor Abend ging ich zu den Meinen hinüber. Der Spiegel, der im Vorplatz hing, zeigte mir ein kalkweißes Gesicht.

Papa war noch im Ministerium. Die Mutter fragte perplex: „Du bist schon wieder da?“ Und sagte gleich: „Bist du bei Papa gewesen? Hast du geredet mit ihm?“

„Das ist nimmer nötig, Mama! Die Geschichte ist aus.“

„Nein?“ Ich glaube: Das war Freude, was in ihren Augen aufglänzte. Aber dann sagte sie kummervoll: „Ach, das arme dumme Mädle!“

Ich setzte mich schweigend neben dem Spinnrad ans Fenster, auf dessen Gesims die Nelken und Hyazinthen blühten. Und da nahm die Mutter meinen Kopf zwischen ihre Hände: „Schau, Bub, sie gut! Es ist gescheiter so! Du bist nix und hast nix, alles hast verschustert und verbröselt. Du hättest dich bloß ins Nothäfele hineingesetzt bis über den Hals hinauf.“

Mit diesem Wort war die Geschichte vom Himmerl zu Ende. Einen Kommentar will ich ihr nicht geben. Aber ich glaube: In dieser Geschichte war Freude, Schönheit, Leibreiz, alle Brutalität der Natur, alle traurige Torheit der Jugend und des Lebens.

Am andern Morgen war es als Entschluss in mir: Fort von München, fort, fort, fort, fort! Ich wollte das Himmerl nimmer sehen. Aber wohin? Und neue Schulden machen, nur um reisen zu können? Denn ich hatte während dieser letzten Monate meine Tasche zu einer federleichten Sache gemacht.

Da kam ein Brief. Aus Wien. Franz Jauner hatte den Herrgottschnitzer und Prozesshansl für das Ringtheater erworben und bot mir einen Vertrag als Theaterdichter und Dramaturg. Es war keine glänzende Stellung. Aber sie deckte mein Leben. Ich unterschrieb. Vater und Mutter waren einverstanden. Sie nahmen das als einen Aufstieg meines Lebens.

Im Oktober sollte ich meine Stellung antreten. Noch zwei Monate Freiheit! Ich ging in die Berge, wieder nach Fall, und ließ mir im Forsthaus das Zimmer geben, in dem das Himmerl gewohnt hatte. Wenn ich um zwei Uhr morgens zur Gemspirsch ausrückte, ging das Himmerl mit mir, ganz still, mit traurigen Augen. Doch als ich mein altes Zimmer mit dem Ledersofa wieder bezog, blieb das Himmerl aus und kam nicht mehr.

Neben meiner Pein und meiner langsam erlöschenden Sehnsucht hatte ich aus München noch etwas anderes mit herausgebracht in die Berge: Ein Verwundern und eine ruhelose Gedankenarbeit über das letzte Wort eines Mörders.

Im Juli war Garfield, der Präsident der Vereinigten Staaten, das Opfer eine Attentates geworden. Der Mörder hieß Charles Guiteau. In einem Briefe, den die Polizei aus den Taschen des Attentäters zog, stand die Stelle:

„Das Leben ist ein leerer Traum. Es ist gleichgültig, welche Wege angeht, und was man treibt.“

Dieses Wort rüttelte in mir das sorglos schlummernde Denken wieder auf, machte mich für zwei Jahrzehnte zu einem unermüdlichen Gottsucher und baute mir eine feste Staffel zu innerlicher Lebensruhe.

Ich fühlte: Was dieser Verzweifelte sagte, stimmt nicht. Sein Wort ist die Ausgeburt eines krank gewordenen Gehirnes, das nimmer Augen hatte zu schauen, nimmer Ohren um zu hören.

Das Leben ist weder ein Traum, noch ist es leer. Das sind Worte, die nichts erweisen. Aber weil schon so viele sich irrten und noch keiner die Wahrheit fand, könnte das ein Beweis dafür sein, dass diese Wahrheit für uns Menschen ewig unerforschbar bleibt. Es ist also zwecklose Neugier, wissen zu wollen, was das Leben ist. Man kann bei erträglichen Verlusten nur das eine finden: Wie man das Leben sehen und nehmen muss, um in nutzbarem Frieden mit ihm auszukommen.

Diesen Gedanken nahm ich aus der Stadt mit mir hinaus in die Berge, rollte ihn bei jeder Gemspirsch über die steilen Wege hinauf und trug ihn von einem Berggipfel zum andern. In reiner Sonne bekam er hellen und verlässlichen Glanz.

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