Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
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               Kapitel 4
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               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
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               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 6

Bevor ich wieder eine Staffel fand, die mich aufwärts brachte, kam ein wunderlich reiches und dabei doch leeres Jahr. Es brachte mir keinen Fortschritt auf künstlerischem Boden. Der erste, mühelos gepflückte Erfolg begann mich ein bisschen zu beschwipsen, und lachend biss ich in alle Birnen des Lebens. Bei diesem ruhelosen Gegaukel von Heiterkeiten wurde mir auch die Arbeit zu einem leichtsinnigen Räderschlagen ohne Ziel. Ich war nicht faul. Aber das früher Begonnene verstaubte, und Neues wollte nicht klar und richtig in mir aufbrennen. In dem ‚Abstecher’, den ich mit dem Herrgottschnitzer auf das Gebiet der volkstümlichen Literatur gemacht zu haben meinte, konnte ich den Weg meiner kommenden Zeit noch nicht erkennen, immer wieder war die ehrgeizige Sehnsucht nach der ‚höheren Richtung’ da, und dann lockte wieder der heimatliche Boden, auf dem mir der erste Erfolg wie ein flinkes Lachen gekommen war. Mein Roman schlummerte, der Trinker von Rothenburg und mein tragikomischer Nero fielen völlig aus mir heraus, ich schrieb zwei Einakter, die ich wieder in den Papierkorb schmiss, und brachte ein romantisches Lustspiel fertig, das vom Münchener Hoftheater angenommen, doch glücklicherweise niemals aufgeführt wurde. Und zu Neuerts gutem Titel ‚Der Prozesshansl’ ersann ich ein neues Volksstück, das was Tüchtiges hätte werden können, aber nach gutem Anlauf in konventioneller Halbheit stecken blieb.

Bei diesem Schwanken, Irren und Trödeln gab mir der Zufall wieder einen gelinden Stoß nach jener Seite hin, der die Arbeit meiner späteren Jahr sich zuwenden sollte. Die Reichelsche Buchdruckerei in Augsburg machte mir den Vorschlag, den Erfolg des Herrgottschnitzers ‚auszunützen’ und die Handlung des Stückes in eine Dorfgeschichte für den Königskalender umzuschmelzen. Zuerst lachte ich und riss den höflichen Brief in Fetzen. Aber dann kam es so, dass bei der Einschätzung des Herrgottschnitzers mein junger, unbekannter Name ein bisschen beiseite geschoben wurde. Hans Neuert war ein erfolgreicher Dramaturg, ein gefeierter und beliebter Künstler. Ihm traute man das Beste zu, mir nichts. Über die Ausschaltung, die ich da erfuhr, ärgerte sich Neuert selbst viel mehr als ich. Er war und blieb mir ein guter Freund, der mir immer redlich zuerkannte, was meines Blutes war.

Und da wurde mir die Augsburger Anfrage zu einer guten Gelegenheit, um dokumentieren zu können, was ich am Herrgottschnitzer als mein bescheidenes Eigentum bezeichnen durfte. Im Juni, während die Münchener mit dem Herrgottschnitzer in Berlin gastierten, war ich eine Woche lang zu Gast bei Verwandten in Niederbayern und pirschte auf Rehböcke. Während der freien Stunden, die mir die schönen Tage bewilligten, schrieb ich in einer blühenden Geißblattlaube von Schloss Baumgarten den Herrgottschnitzer als Dorfgeschichte.

Ich nahm das gar nicht als Arbeit, nur als eine Eigentumserklärung, die im Königskalender unter meinem Namen allein gedruckt werden sollte und dann ihren Lebenszweck erfüllt hätte. An künstlerische Seelenkämpfe aus jenen hurtigen Kritzelstunden in der Geißblattlaube weiß ich mich nicht zu erinnern. Mir ist von jener Juniwoche nur das Gedenken an sorglos heitere Tage und die Erinnerung an eine groteske Fischgeschichte im Gedächtnis geblieben.

Ich angelte gern. Und gleich am ersten Abend im Schloss Baumgarten fragte ich meinen Vetter, ob da nicht irgendwo in der Nähe ein gutes Fischwasser wäre? Die Antwort lautete: „Kein Schwanz weit und breit!“ Aber Tags darauf, bei einem ziellosen Sonnenbummel, fand ich zwischen Dorf und Wald drei alte, dick mit Schilf und Wasserblumen überwachsene Weiher. Und bei der wabernden Mittagshitze sah ich zwischen Röhricht und Krautgeschling die knollfetten Rücken bemooster Karpfen aus dem schwarzen Wasser lugen. Es war in diesen Weihern seit so vielen Jahren nicht mehr gefischt worden, dass auch der Schlossherr selber nimmer wusste, ob es in diesen ‚Froschlaken’ noch Fische gäbe. Das war nun was für mich: Einen zappelnden, silber blitzenden Schatz zu heben, dessen die lebenden Menschen sich nimmer entsinnen konnten! Ich rannte gleich ins nächste Bauernhaus, holte eine Sense, mähte aus jedem Weiher für einen Angelplatz das Schilf heraus und knetete aus Honig und Schwarzbrott eine Kirrung für die scheuen Karpfen, die vor der Sense Reißaus genommen und sich im Schlamm verkrochen hatten. Beim Hufschmied hämmerte und feilte ich eine englische Stoppnadel zu einer feinen Angel aus, und am Abend flocht ich mit vielstündiger Geduld eine prachtvolle Angelschnur aus den hundert Fäden, die ich aus meiner blauseidenen ‚Künstlerkrawatte’ herausgezogen hatte.

Im ersten Morgengrau und gleich dem ersten Angelzuck hob ich aus dem geheimnisvollen Wunderwasser einen Karpfen heraus, so groß und schwer, dass er sich in der Gießkanne gar nicht unterbringen ließ. Unter der Dachtraufe des nahen Bauernhauses sah ich einen tischhohen Wasserbottich stehen. Den rollte ich zum Weiher. Und dann ging’s los: Hinein mit der Angel, heraus mit dem Karpfen! Man weiß, was Schönheitsrausch bedeutet. Aber hier gab’s einen Karpfenrausch, dessen herzklopfende Sensation mir nur ein passionierter Angler nachzufühlen vermag. Bis neun Uhr vormittags hatte ich ungefähr einen Zentner Karpfen gefangen. Und ich musste diesen märchenhaften Sportgenuss nur deshalb beenden, weil die Karpfen im Wasserbottich schon mit solchem Gedränge durcheinander wimmelten, dass man kaum noch mit der Hand dazwischenfahren konnte. Und den schlüpfrigen Bottich umwitterte in der heiß werdenden Sonne ein Schuppenduft, der sich zu einer Unerträglichkeit auswuchs. Aber noch immer verlor ich die Freude an dieser grandiosen Sache nicht. Ich musste nur für die weiteren Fischzüge Platz im Bottich schaffen. Die zwei schwersten Kerle wurden aus dem Fass herausgehoben. Mit den mächtigen Zappelschwänzen unter den Armen rannte ich bei brütender Sonne über den Schlossberg hinauf. In der Küche gab’s einen fidelen Jubel meiner beiden jungen Bäschen und aller Mägde. Auch die Tante schmunzelte beim Anblick der ausgiebigen Fastenspeise. Der Onkel aber besaß empfindsame Nasenflügel und schalt: „Pfui Teufel! Fort damit! Die stinken ja nach Moos, wie die Pest vor Wien nach Türken!“

Ich ließ natürlich auf meine Karpfen nichts kommen. „Den Moosgeruch kann man doch in fließendem Brunnenwasser auslaugen!“ Aber als ich die zwei Riesenkarpfen in den spiegelklaren Brunnentrog setzte, drehten sie die weißen Bäuche nach oben und bezeigten nicht die geringste Lust mehr, reines Wasser zu schlucken und ihren mussigen Lebenscharakter in lauterem Element zu purifizieren. Sie hatten im Schlamm gelebt, waren an den Dreck gewöhnt und mussten sterben, als sie appetitliche Schönheit erleben sollten. Kultur bedeutet nicht immer einen Segen. Statt dass die beiden Karpfen gebraten wurden, warf man sie unter Gefühlen der Empörung auf den Mist, den die Frühlingssonne umglänzte.

Und als ich hinunter kam zu meinem Bottich, konnte ich schon auf hundert Meter die Türken riechen. In dem warm gewordenen Wasser des großen Fasses pritschelte kein Schwänl mehr. Ein jammervolles Sonnensterben hatte da begonnen. Nur weiße Bäuche waren zu sehen. Von den vielen Verschmachteten zuckten ein paar noch mit den Kiemen. Diese Hoffnungsvollen warf ich wieder in den Schlamm des Weihers. Mit den anderen rannte ich hausierend von einem Bauernhof zum nächsten: „Wer mag Karpfen? Wer mag Karpfen?“ Lachend und mit beiden Händen griffen die Bäuerinnen zu. Doch am Abend, als die mörderische Sonne rot hinunterschwebte, lagen auf jedem Misthaufen des Dorfes ein paar von den unglückseligen Opfern meines märchenhaften Fischzuges.

Und während der nächsten Tage, als ich in der Geißblattlaube meine erste Dorfgeschichte vollendete und sehnsuchtsvoll den Wohlgeruch der Alpenflora schilderte, war auf eine Viertelstunde rings um Schloss Baumgarten her ein Fischgeruch, so grauenvoll, dass er jede wohlerzogene Nase zur Verzweiflung brachte.

Ich habe in meinem ferneren Leben niemals wieder einen Karpfen gegessen. Doch es blieb mir von der grotesken Fischgeschichte für kommende Zeiten nicht nur dieses taedium cibi, sondern auch ein pädagogisches Erinnern. Ich begann misstrauisch gegen das Übermaß zu werden. Und wenn die leicht zu fangenden Fische sich allzu bedenklich mehrten, kam in einer Stunde des Widerstrebens immer die Warnung: „Du, sei vorsichtig, da karpfelt’s ein bisserl!“

Es begann auch mit der Rückkehr nach München ein Jahr, in dessen Verlauf ich ein Schutzmotto von solch einer prophylaktischen Wirkung sehr nötig hatte. Denn die liebeleere, die herrliche Zeit führte in mir zu einer jähen Solarisation. Die Amateurfotografen, welche wissen, dass sich auf einer sensiblen Schicht, die man allzu lang der reinen Sonne aussetzt, Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz verwandelt, werden verstehen, was ich mit diesem aus der Chemie herbeigeholten Fremdwort über die damalige Wandlung meines Lebens sagen möchte.

Und so muss ich nun schon wieder von einem tollen, blutheißen Purzelbaum meiner Jugend erzählen, auf die Gefahr hin, dass bibelfeste Kritiker meines Lebenslaufes sagen werden: Man müsste mir viel verzeihen, usw. usw. Soll die Geschichte meines Lebens eine nützliche und hilfreiche Sache werden – und das ist die einzige Absicht, die mich leitet – so muss ich ehrlich bei der Wahrheit dieses Lebens bleiben, von dem ich weiß, dass es trotz allem Räderschlagen unkompliziert und fröhlich war.

Als kleiner Junge, im Dorf, hatte ich immer ein rasendes Vergnügen an jenen Drehorgelmännern, die mit gemalten Moritaten herumzogen und dazu ihre unzensurierten Lieder sangen. Aus einem solchen Volksliede, dessen Held eine höchst verwerfliche Erscheinung war, kann ich mich noch heute an zwei Strophen erinnern. Diese beiden Strophen adaptiere ich hiemit zu persönlichem Gebrauch, zeige unverblümt mit dem erzieherischen Haselnusssteckerl die Moritaten meiner Entwicklung auf und singe:

„Also knüpfte dieses junge Laster,
Blindlings taumelnd auf der Lebensbahn,
Bald im Dorf, blad auf dem Großstadtpflaster
Ein verbotenes Verhältnis an!

Ja, er frevelte sehr viel beim Lieben,
Übte schlecht das sittliche Gebot,
Aber seht – er ist gesund geblieben,
Bis an seinen, nun schon nahen Tod!“

Was man unter Gesundheit versteht, und was zur Erhaltung der Gesundheit dringend erforderlich ist, erschien mir von je als eine sehr wichtige Sache. Und damals, im Sommer 1880, bei passioniertem Sportbetrieb und bei strotzendem Lebensbehagen, wurde ich mit mehr Temperament als Sachkenntnis zum glühenden Vorkämpfer einer Lebensnotwendigkeit, die seit einiger Zeit begonnen hatte, eine Wissenschaft zu werden. Man wird erraten, dass ich die Hygiene meine. Dabei spukten auch wieder die alten Weltverbesserungspläne in mir. Und so beschwor ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sehr lebhafte Debatten, in deren Verlauf ich harte Dinge über die unverständige Kinderpflege und Kindererziehung im Bürgertum zu sagen hatte, über Grammatikzöpfe und Schulblödsinn, über gesundheitswidrige Knechtung der Jugend, über Mangel an ausgiebiger Bewegung und Körperpflege, über sinnwidrige Ernährungsmethoden, über hirnverbrannte Prüderie und ekelhafte Kraftvergeudung usw. Bei diesen Debatten leibte ich drei Worte. Sie lauteten: ‚Schulwege zur reinen Mutter Natur’, ‚notwendiges System einer verstandesgemäßen Egoistik’ und ‚gesunder, durch Lebensvernunft begrenzter Animalismus’. Gerne sagte ich: „Es ist unmöglich, Mensch zu bleiben, wenn man nicht in dringender Stunde das Recht in Anspruch nehmen darf, ein gesundes Tier zu sein!“ Oder ich sagte: „Mensch? Was heißt das: Mensch? Auch wir sind Tiere, nur leider solche mit schwächeren Sinnen und Kräften. Die Maus hört besser, der Maulwurf tastet feiner, der Adler sieht schärfer, der Fuchs wittert verlässlicher und der Floh springt im Verhältnis ungefähr dreitausend Mal höher als wir. Und mit unseren mangelhaften Lebensbehelfen, die wir Sinne und Fähigkeiten nennen, wollen wir das ding an sich erforschen und Gottes fabulösen Mantel mit der Elle messen. Unsinn! Wir müssen uns genügsam auf das beschränken, was innerhalb der Grenzen unseres Lebens möglich und erreichbar ist: Gesundheit, menschliche Kraft, besonnene Freude, klar verstandenes Glück und als Sonntagsbraten einen schönen Traum, der ins Blaue schwimmt.“ Oder ich sagte: „Was durch den Mund eingeht, verunreinigt das Herz nicht, spricht der Prophet, der der mildeste unter allen Menschen war. Dabei vergaß er nur leider, dass, was durch den Mund eingeht, die Muskeln härtet oder entkräftet, das Gefühl verweichlicht oder stählt, die Gedanken müde macht oder befeuert. Und wie das Eingegangene durch die zwei verschleierten Tore des Lebens wieder hinausgeht, davon hängt es ab, ob uns das Leben ein leichtes Lachen wird oder eine zermalmende Pein!“

Eine solche Debatte gab es eines Abends bei Hans Neuert, nachdem wir beide die von mir ersonnene Handlung des Prozesshansl miteinander erörtert hatten. Meine Gegner bei diesem Meinungskampf waren der heiter-sarkastische Freund, seine redlich für alles Höhere eingenommene Gattin und ein schöngeistiger Leutnant, der als interessante Persönlichkeit bezeichnet wurde, weil eine berühmte Schauspielerin des Hoftheaters um seinetwillen alle Phosphorköpfe eines Zündholzpackerls verschluckt hatte – glücklicherweise ohne beklagenswerten Erfolg. Es gab schon damals Leute, welche schlechte Streichhölzer fabrizierten. Der gewissenlose Fabrikant, der den Phosphor mit irgendeiner blauen Sache verfälschte, verdient im ruhmvollsten Kapitel der Münchener Theatergeschichte eine dankbare Erwähnung als Lebensretter eines großen Talentes.

Ich hatte bei meiner hygienischen Debatte einen schweren Stand gegen die vereinigten Gegner. Doch in der Hitze des Gefechtes überschrie ich sie alle drei. Sie bekamen Sukkurs. Es war als Gast noch eine junge schöne Schauspielerin zugegen, die ihr Engagement an einem Provinztheater verlassen hatte und sich einen Ferienmonat vergönnen durfte, bevor sie ihre neue Stellung hoch droben im Norden antrat. Wir beide waren im Alter nicht weit auseinander. In ihrer Erscheinung war sie ganz vornehme Dame, sehr elegant, hatte dabei das Herz eines guten, scheu nach Schönheit dürstenden Kindes und den klaren, heiteren Verstand eines normalen gesunden Weibchens. Lange lauschte sie schweigend der erregten Debatte, runzelte nur manchmal missbilligend und schmerzhaft die fein geschwungenen Augenbrauen. Doch plötzlich war sie in eine grollende Medea verwandelt und legte mit aller Empörung einer schönen Frauenseele gegen mich los:

„Nein, nein, nein! Das ist fürchterlich! Da geh’ ich nicht mehr mit! Glauben Sie vielleicht, der herrliche Monolog des Wilhelm Tell wäre nicht entstanden, wenn Schiller zwei Tage früher ein unverdauliches Gemüse gegessen hätte? Oder wollen Sie mir beweisen, dass mein ideales Denken und Fühlen abhängig wäre von der Qualität des Rindfleisches, das mir im Hotel vorgesetzt wird? Nein, nein, nein! Wie kann man solche Anschauungen vertreten? Phantasie und Seele sind denn doch etwas anderes als der Magen.“

„Über die Seele will ich nicht mit Ihnen streiten, mein verehrtes Fräulein. Entweder haben wir keine, oder sie muss auch im Magen wohnen. Aber was die Phantasie betrifft … nach den neuesten physiologischen Forschungen ist der Brunnen der Phantasie nicht im Gehirn, sondern in den Eingeweiden zu vermuten. Die müssen also gesund sein, wenn die Phantasie nicht krank werden soll.“

Meine schöne Gegnerin beschuldigte mich in flammender Entrüstung der Unanständigkeit. Die Debatte wurde immer gereizter und entwickelte sich, während meine drei früheren Gegner sich in lachendes Publikum verwandelten, zu einem leidenschaftlichen Wortgefecht zwischen uns beiden. Wenn meine Widersacherin gegen meinen ‚prosaischen Materialismus’ mit Gründen nicht mehr aufzukommen vermochte, bekam sie nasse Augen und klagte in Zorn: „Nein! Nein! Das ist entsetzlich, das ist einfach entsetzlich!“

So kämpften wir bis in die zweite Morgenstunde – bis der schöngeistige Leutnant schläfrig wurde. Ein Wagen war um die späte Zeit nicht mehr zu bekommen. Ich musste meine schöne Gegnerin, die in München nicht ortskundig war, zu ihrem weit entfernten Hotel begleiten. In den nachtstillen, menschenleeren Straßen spann sich unsere heftige Debatte weiter. Ein paar Mal lief mir die empörte Feindin in Zorn davon. Doch bei der nächsten Straßenecke wusste sie nicht, ob rechts oder links, und weil ein befragbares Menschenkind nirgends zu erspähen war, musste sie trotz Zorn und Empörung wieder warten, bis ich sie einholte.

Vor dem Hoteltor sagte sie mit schwerem Ärger: „Ich hoffe, wir beide werden einander nicht mehr begegnen. Mit Ihnen könnt’ ich mich nicht vertragen. Solche Anschauungen? Nein, nein, nein, nein!“

Höflich ihren Zorn überwindend, reichte sie mir ‚zum Abschied für immer’ die Hand. Wir wünschten einander gute Nacht. Und plötzlich hingen wir Hals an Hals geklammert. Mit dieser überraschenden Wendung waren unsere hygienisch-philosophischen Meinungsverschiedenheiten ein für allemal beigelegt.

Als das liebe, prächtige Mädel vier Wochen später nach verschiedenen Aufschubstelegrammen endlich reisen musste, um auf den Brettern ihres neuen Wirkungskreises als Antrittsrolle die Jungfrau von Orleans zu spielen, blieb ich verstört in München zurück, als ratlose Waise eines begrabenen Glückes. Ein paar Wochen später kam ein dürstender Brief, mit einem entzückenden Bild der Viola in ‚Was ihr wollt’. Und da war es um mich geschehen. Ich packte meinen Koffer, heimlich, und kutschierte eines brennheißen Nachmittags zum Bahnhof, zu einer Reise ins Blinde, ins Dunkle und Unberechenbare. Die Fahrt ging über Augsburg. Und als der Zug zur Lechbrücke kam, durch deren eisernes Sparrenwerk ich einst die Geßnersche Idylle mit der für das Elsbethle geschriebenen Widmung

„Reden, Handeln, Tun und Wandeln
Zeigt der Menschen Wesen nicht …“

Hinausgeschleudert hatte ins Leere, da erinnerte ich mich plötzlich des fürchterlichen Schuppendunstes jener vielen, in der Sonne gestobenen Karpfen von Schloss Baumgarten.

Und in mir ein Schrei der Besinnung: „Mensch? Was machst du da? Du zerstörst dein Leben! Und dazu noch ein anderes! Sei vernünftig! Schluss! Es karpfelt!“

In Augsburg stieg ich aus. Weil ich mit dem grauenvollen Abend nichts Besseres anzufangen wusste, besuchte ich das Sommertheater im Schießgraben, wo sie mit jubilierender Aufführungsziffer den Herrgottschnitzer gaben. Ein halb schon verkrachter Direktor hatte sich mit dem Stück wieder aus dem Wasser gehoben.

Das Haus war so dick besucht, dass man für mich einen Stuhl in den dunklen Hintergrund einer Loge stellen musste. Das Publikum jubelte, obwohl die Aufführung eine ganz entsetzliche war. Im zweiten Akt – Dekoration: Die Weglalm – wurde ich ganz rasend über eine Kuhglocke, mit der sie zur Erhöhung der Lokalfarbe unablässig hinter den Kulissen bimmelten. Zum Verzweifeln war’s! Und jedes knalldicke Ammergauer Mädel, das auf die Bühne kam, erweckte in mir das Bild der feinen, schlanken, süßen Viola in Shakespeares ‚Was ihr wollt’. Aber wenn dann die Sehnsucht in meinem Blut brüllte: „Rindvieh, so reise doch!“ … dann war auch immer wieder der abschreckende Duft der gestorbenen Karpfen da.

Zwanzig Jahre später, in Innsbruck, wollt’ ich eines Abends ins Theater gehen. Man gab die Zärtlichen Verwandten. Vor dem Theaterportal studierte ich den Zettel. In der Rolle der komischen Alten fand ich den Namen meiner einstigen Gegnerin bei jener hygienischen Debatte. Sic transit gloria amoris! Einst die Viola! Und jetzt die komische Alte! Nein! Das hab’ ich mir nicht ansehen mögen. Ich kehrte wieder um. Will ich völlig bei der Wahrheit bleiben, so muss ich gestehen, dass ich keine Träne im Aug’ zerdrückte. Es war in mir nur ein wunderlich schmerzendes Lachen. Und im Hotel erlebte ich einen jener Zufälle, die unglaublich sind. Ich sagte zum Kellner: „Bringen Sie mir irgendetwas, was fertig ist.“ Er fragte liebenswürdig: „Vielleicht einen Paprikakarpfen mit Nockerln?“ Dan erschrak er über mein Gesicht. Ich besorge, dass er mich für einen Irrsinnigen hielt.

Von Augsburg fuhr ich damals mit dem letzten Nachtzug nach München zurück. Die Meinen hatten nichts von meiner kleinen Reise gemerkt, die beinahe eine so große geworden wäre, dass ich den Rückweg nimmer gefunden hätte. Während der folgenden Tage fragte meine Mutter sehr häufig: „Bub, was hast du denn?“

„Nichts, Mutterle! Ich denk’ nur so über Verschiedenes nach.“

„Na, Gott sei Lob und Dank! Weil du nur endlich zu denken anfangst!“ Sie lachte. „Solang er denkt, der Mensch, ischt er nie verlore!“

Heitere Kameradschaft tröstete mich. Damals war Konrad Dreher als junger Komiker ans Gärtnerplatztheater gekommen. Man kennt ihn heut als einen Wohlbeleibten, den auch Julius Cäsar gern in seiner Nähe geduldet hätte. Vor dreißig Jahren war der ‚Konradl’ eine magere Hopfenstange mit wehender Künstlerkrawatte, der typische junge Dachs, von dem man, wenn er sich näherte, zuerst nur die große Nase sah. Diese war sein ruheloser Kummer. Seinen Arm unter den meinen klammernd, sagte er einmal mit weher Trauer: „Weißt, Ludwigl, innerlich bin ich ein tragischer Held! Aber mit so einer Nasen! Da musst halt Komiker bleiben! Es hilft nix! D’Leut lachen halt allweil!“ Er glaubte in allem Ernste, dass ein klassischer Liebhaber an ihm verloren ginge. Und bei unseren Wanderungen durch die einsamen Gründe des Englischen Gartens deklamierte er mit heißer Inbrunst die großen Reden des Romeo, des Melchthal, des Mortimer, des Don Carlos und des Uriel Arosta. Mit der Antwort des Uriel auf seine Verfluchung als Jude machte Konrad Dreher bei einer Sippung der Schlaraffia den Versuch, als klassischer Rezitator die ersehnte Anerkennung zu erzwingen. Er wollte tragisch wirken. Doch als er bei diesen dröhnenden Jamben zu der Stelle kam:

„Ihr dürft mir fluchen …“

Da brach die ganze Korona in ein brüllendes Gelächter aus. Und Konrad Dreher, von der heiteren Gunst des Augenblickes fröhlich überwunden, schloss seine ernste Deklamation mit dem lustigen Extempore:

„… Denn ich bin und bleibe ein Hebräer!
In Gottes Namen!“

Von nun an ließ er die Rede des Uriel immer nur als fidele Nummer los und begann sich in das Schicksal zu fügen, dass die Natur ihn zu einem Menschen von der Trauer erlösenden Komiker gebildet hatte. Wir beide wurden gute, feste Kameraden. Und seinen drolligen Erlösungskräften muss ich dankbar sein. Sie brachten mir in einer Zeit, in der mich eine dumpfe Melancholie bedrohte, das helle, freie, sorgenlose Lachen wieder bei.

Im gleichen Sommer schloss ich eine herzliche, für’s ganze Leben ausdauernde Freundschaft mit einem anderen jungen Künstler des Theaters, mit Richard Alexander, der am Gärtnerplatz neben Konrad Dreher als Liebhaber und Bonvivant die Gunst der Münchener gewann. Er war ein Mensch und Künstler von quellender Jugend, mit bezwingendem Scharm und klarem Lebensmut. Im gesellschaftlichen Verkehr merkte man ihm niemals den Schauspieler an; da war er von liebenswürdigem ernst, konziliant, vornehm, fein, immer à quatre épingles. Und stand er auf der Bühne, so ging etwas Wohliges, etwas Ruhigmachendes von ihm aus. Neben aller Ergriffenheit des Zuschauers, die Alexander in ernsten Rollen zu erzielen wusste, blieb immer ein leises, eigentümliches Schmunzeln, das den Ernst seiner Wirkungen schmackhaft machte. Drum sagte ich eines Tages zu ihm: „Du, ich glaube, dass du eigentlich als Liebhaber und Held deinen Beruf verfehlst. Ich glaube, dass in dir das Zeug zu einem ganz großen Komiker steckt.“

Dieses Urteil kränkte ihn. Er war der Meinung, dass ich zu wenig von ihm halte, die Qualität seiner künstlerischen Begabung unterschätze.

Ich sagte: „Nein! Die Leute zur Rührung zu zwingen ist leichter, als die Menschen in Freude lachen zu machen. Der Humor ist das Größere als die Tragik. Und alle ganz großen Dichter, Homer, Shakespeare, Goethe, sind Humoristen gewesen.“

„Nach deiner Definition wäre Schiller kein großer Dichter. Der macht die Menschen nicht lachen.“

„Das ist ein Irrtum. Schiller als Mensch hatte Humor. In seinem Leben steht der Humor breitspurig neben aller Tragik. Schiller ist nur leider nicht alt genug geworden, um den Humor seines Lebens und Leidens auch groß hinüber zu heben in seine Kunst. Aber denk an seine Anfänge, an den Spiegelberg, an den Mohren im Fiesko, an den Hofmarschall Kalb! Und den lang ausgesetzten Versuch, Humor zu zeigen, hat er im Wallenstein wieder aufgenommen. Wäre Schiller um zwanzig Jahre älter geworden, er hätte sich als einen der größten Humoristen aller Zeiten erwiesen. Drum wünsch ich dir ein langes Leben, Richard! Dann wirst du einer der größten Komiker der Gegenwart werden!“

„So? Weißt du was … steig mir auf den Buckel hinauf!“ (So schreib’ ich jetzt; doch er drückte sich im Ärger wesentlich anders aus.)

„Na also, schau, du bist ein Humorist! Mit einem einzigen Wort vermagst du dem ernstesten Gespräch eine heitere Wendung zu geben.“

Wir debattierten auch sonst sehr gerne, über wissenschaftliche Fragen, über Gott und Seele, über die letzten Rätsel des Lebens und der Welt. Und eine solche, aus dem Nichts geborene Debatte hätte uns zwei treu und herzlich Verbundenen beinahe in Todfeinde verwandelt.

Wir wanderten miteinander zum Passionsspiel nach Oberammergau. Unser ganzer Vorrat an Eleganz befand sich in den Rucksäcken hinter unseren Schultern. Fein war’s! Zwei junge, feste, frohe Menschen, in Freundschaft Herz an Herz geschmiedet, und so hineinzuwandern in die blauen und grünen Berge! Auf dem Hinweg, zwischen Murnau und Ammertal, überkletterten wir das Hörnle, weil es mein Wahlspruch war: Der nächste Weg geht immer über die Berge, nicht um die Berge herum. Aber diesmal trog mich meine Devise. Statt um zwei Uhr nachmittags kamen wir abends um sieben Uhr in Oberammergau an. Wir gerieten in einen grauenvollen Platzregen, vor dem wir gerade noch rechtzeitig Schutz in einer Jägerhütte auf der Kuppe des Berges fanden. Und beim Abstieg verirrten wir uns trotz meiner touristischen Spürnase – das heißt, den nächsten Weg fand ich da wirklich; es war aber auch der dreckigste, ein Viehweg, auf dem wir manchmal bis über die Knie herauf in Morast versanken. Bei der Ankunft in Ammergau sahen wir so schauderhaft aus, dass wir in jedem Hotel, an dessen Tor wir klopften, unerbittlich abgewiesen wurden. Schließlich, als die Nacht schon sinken wollte, fanden wir Unterkunft bei einem braven Mann. Der im Sommer Maurer und im Winter Herrgottschnitzer war. Wir bekamen eine winzige Stube mit einem Lederkanapee und einem Bett. Eine Stunde brauchten wir, bis wir den gröbsten Bergschlamm von unseren Hosen und Joppen heruntergekratzt hatten. Dann mischten wir uns in das wunderliche Dorftreiben, bei dem man die Haare der in Kurzledernen umherwandelnden Apostel mit der Elle hätte messen können. Und wir beide dachten während des ganzen Abends heimlich immer dieses Eine: „Welcher von uns zwei Müden wird wohl das Bett bekommen?“

Als wir in der Mitternachtsstunde Heim wanderten, sagte Richard: „Weißt du, wir sind doch gute Freunde, wir wollen uns doch wegen des lumpigen Bettes nicht zanken. Ich meine, wir lassen das Los entscheiden.“

„Gut! Zipfeln wir!“ Ich machte flink an mein Taschentuch einen Knoten, hielt dem Freunde bei einer Laterne trübem Schein die zwei verhüllten Zipfel hin und dachte: „Ich krieg schon das Bett!“

Nein! Er gewann es. Und war darüber sehr guter Laune.

Seufzend streckte ich mich in der Herrgottschnitzer-Herberge auf das knollenharte Lederkanapee. Und Richard in seinem herrlichen Bette sagte immer: „Aaah, wie schön!“

Der Mond schien ein bisschen ins Zimmer herein. Ich konnte nicht schlafen. Dieses verfluchte Knapee!

Auch Richard drehte sich immer hin und her. Ich vermutete: vor Behagen. Dann fragte er: „Du? Hast du dich beim Hauswirt erkundigt, wo man da hin muss?“

„Nein! Da wirst du schon suchen müssen.“ Bei dieser Antwort durchzuckte mich ein Hoffnungsschimmer.

Und richtig, nach einer Weile steht er auf, brummt ein „Scheußlich!“ in den Bart, den er als Schauspieler nicht hatte – und geht zur Türe.

Kaum ist er draußen, fahr’ ich vom harten Kanapee auf und bin mit einem Sprung in dem herrlichen Bett da drüben. Ich jauchze in meiner Seele und strecke die müden Beine. Im gleichen Augenblick saust Richard wieder in die Stube herein, wirft sich längelang auf das steinerne Kanapee – sagt: „Dich kenn ich doch!“ – und lacht dazu wie ein Seliger des Lebens.

Nach fünf Minuten begriff ich, warum er lachte und aus welchen Erwägungen er mir die Eroberung des Bettes nicht übel nahm. Ich begann zu fluchen: „Himmel, Herrgott und Haberstroh! Wie viele haben denn dich in dem Gott verwünschten Bett gebissen?“

Er jubelte: „Hundert! Mindestens!“

Wer da jetzt an Flöhe denkt, muss als wohlwollender Optimist bezeichnet werden. Und seit damals ist mir, wenn Freunde teilen, die schlechtere Hälfte immer die liebere. Man kommt besser dabei weg. Und ich sagte mir damals: „Du hast also doch wieder Glück gehabt, denn du hast ganz richtig das Bessere herausgezipfelt.“ Und wenn wir späterhin etwas schief ging, dachte ich zu meinem Troste gern an das Kanapee von Oberammergau. Es wurde zu einem Erziehungsfaktor für meinen Optimismus, bei dem ich mich der Unzufriedenheit entwöhnte.

Der folgende Morgen – früh um vier Uhr, beim ersten Schimmer, waren wir alle beide schon auf den Sohlen – brachte einen schwülen, zwischen Regen, Sonne und Wolken wechselnden Tag. Das Passionsspiel wirkte mächtig auf uns, obwohl wir auf den ungedeckten Plätzen in der einen Viertelstunde nasse Köpfe, in der anderen glühende Schädel hatten. Damals vor dreißig Jahren war diese schöne Sache von Ammergau viel naiver als heutzutage, hatte noch Linien und Farben von der barocken Inszenierung vergangener Zeiten. Die Kreuztragung Christi, das schlichte Bild dieser edlen, duldenden Würde, steht mir noch heute lebendig vor Augen. Und nach der Kreuzigungsszene, während des Würfelspiels der Landsknechte, rollte und dröhnte ein Gewitter mit flammenden Blitzen über die von grauer Trauer verhüllten Berge hin. Man wurde nass bis auf die Haut und regte sich nicht und hatte ein Gefühl von Gottes brennender Nähe. Der stärkste von allen Künstlern und Priestern heißt Natur.

Für die zweite Nacht fanden wir glückselige Unterkunft in einem bissfreien Hotel. Und Richard, in der Erinnerung an die vergangene Nachtmarter, erhob wider mich den literarischen Vorwurf: „Siehst du, ganz naturalistisch bist du in deinem Bauernstück doch nicht gewesen. Bei deinem Herrgottschnitzer gibt’s keine Wanzen.“

Am nächsten Morgen, unter schöner Sonne, wanderten wir los: Durch Graswang, wo der ‚Herrgottschnitzer’ spielt, vorüber an Linderhof, wo König Ludwig II. sein stilles, verschlossenes Lebensmärchen träumte, und durch den Ammerwald zum Plansee.

Und in diesem Ammerwald entstand jene gefährliche Debatte. Ihr Bericht mag illustrieren, was zwei vernünftige Menschen fertig bringen, wenn die latent in ihnen steckende Torheit zu akutem Ausbruch kommt. Nicht nur zwei Menschen! Zwei Freunde! Die einander lieb haben!

Wir marschierten im Ammerwald, zwischen den Geierköpfen und dem Säuling, an einem Wildbach entlang. In diesem Bach schwamm ein handgroßes Stück Holz auf hurtig gaukelnden Wellen. Wir kamen bei diesem Anblick auf physikalische Gesetze zu sprechen.

Der eine von uns beiden behauptete: „Dieses Holz kommt schneller vorwärts als das Wasser; erstens schwimmte s so schnell wie das Wasser, zweitens wird es durch Wind und Wellendruck nach vorwärts gestoßen; Geschwindigkeit a + b = c, also größer als die Geschwindigkeit des Baches, schneller als das Wasser.“

Der andere behauptete: „Nein! Dieses Holz bleibt hinter dem Lauf des Wassers zurück. Erstens schwimmt es primär nur so schnell wie das Wasser. Zweitens wird es durch Reibung, durch Gegenstoß der Wellen und Luftwiderstand aufgehalten. Geschwindigkeit x – y = z, somit kleiner als die Geschwindigkeit des Baches, langsamer als das Wasser!“

Bei der stundenlangen Debatte über diese wissenschaftliche Streitfrage gerieten wir in solchen Eifer, in solche Hitze, in solchen Zorn, dass wir uns schließlich mit den unverzeihlichtesten Worten schwer beleidigten. Bei meinem Temperamentskoller war ja so was immer möglich. Aber auch Richard, der Ruhige, der Vornehme, der liebenswürdig Konziliante, entbrannte zu solchem Jähzorn, dass er tobte wie ein Berserker. Seitdem ich an ihm dieses unmöglich Scheinende erlebte, besitze ich ein versöhnliches Verständnis für die wunderlichen Zornblasen, die bei Meinungskämpfen hoch gelehrter Herren zuweilen aufzutauchen pflegen.

Wir beide hätten uns damals entweder lebensgefährlich an den Hälsen gepackt oder wären als erbitterte Todfeinde auseinander gegangen – wenn nicht der liebe, verständige Himmel wieder einmal ein Einsehen mit zwei hirnverbrannten Menschenkindern gehabt hätte. Während wir brüllten und einander unsere wissenschaftlichen Wutausbrüche an die Nase schrieen, merkten wir nicht, dass, wie bei schauerlichen Szenen auf dem Theater, auch hier in der Wirklichkeit des Lebens ein fürchterliches Gewitter aufzog. Wir merkten nur jählings, dass uns der Himmel das kalte Wasser wie aus Fässern über die Ohren goss.

Ein Wolkenbruch!

Binnen fünf Sekunden waren wir eingeweicht bis auf die Haut. Unsere Rucksäcke mit ihrem Inhalt waren wie voll gesogene Schwämme, zentnerschwer. Wie wir später konstatierten, schwammen sogar die Markstücke in unsern Geldbörsen.

Unser blutdürstiger Gelehrtenstreit war zu Ende. Plötzlich! Wir sahen einander unter triefenden Hüten an. Und lachten. Und waren versöhnt. Und lachend rannten wir durch diesen rauschenden Brunnen der Lüfte hinunter zum Plansee.

Im Hausflur des Gasthauses zur Forelle blieb ein Bach hinter uns. Wir bekamen ein Zimmer mit zwei Betten. Einer musste dem andern die Wäsche vom Leib herunterziehen – selber brachte man dieses Klebende nimmer los von der Haut. Dann saßen wir nackt in den Betten, auf türkische Manier, hatten ein Tischerl zwischen uns und spielten Pikett, bis die blau gesottenen Forellen kamen und bis unsere Kleider drunten über dem Herd wieder trocken wurden. Die Kellnerin, die uns bediente, lachte sich buckelig vor Vergnügen.

Und dann am Abend, in Reutte, sahen wir das wundervollste Alpenglühen, das ich jemals in den Bergen erlebte.

Der Abend war schon dunkel, der Himmel schwer bewölkt. Nur gegen Westen brannte eine purpurne Luftscharte. Und plötzlich begann eine steile Wand wie Blut zu brennen, wie in Glut, die von innen heraus den Fels durch quoll. – Was die Reisenden in den Bergen als Alpenglühen zu bezeichnen pflegen, ist nur hübsche, farbige Abendbeleuchtung. Die kann man häufig sehen. Aber solch ein ganz Schönes und Tiefes ist, wie im Menschenleben, auch selten in der Natur. Immer kommt es nur nach schwerem Aufruhr. Kommt zwischen dem versunkenen Tag und der näher schleichenden Nacht. Es ist wie ein brennendes Lied der Verlassenheit, ist glühendes Erinnern an Schmerz und Schönheit, die verschwunden sind. – Alpenglühen des Lebens? Das ist niemals in jungen Herzen, nur tief in den Seelen von Gealterten, die noch nicht müde sind. –

Seit dreißig Jahren, sooft ich die zwei Silben Reutte höre oder schreibe, seh’ ich dieses brennende Wunder der Natur, das ich damals an jenem dunklen Abend erlebte.

Am folgenden Tag, in Hohenschwangau – wir waren noch immer ein bisschen feucht – trafen wir Freunde in der ‚Alpenrose’, verhockten bei herrlicher Sonne den ganzen Nachmittag in der Wirtsstube und spielten Gottes Segen bei Cohn.

Dieses gleiche, teufelshaarige Spiel hat einige Wochen später meinen Herrgottschnitzer aufgefressen bei Putz und Stingel.

Es wurden damals im Sommer 1880 im Münchner Hoftheater die von Possart mit künstlerischem Verständnis, mit diplomatischem Geschick und einem Riesenmaß von Arbeit inszenierten Mustergastspiel abgehalten. Was künstlerischen Rang und Namen auf der deutschen und österreichischen Bühne hatte, war als Gast geladen. Es kamen Friedmann, Krastel, Lewinsky, Robert, Sonnenthal, die Wessely, die Strassmann und die Wolter aus Wien, Barnay aus Hamburg, Dettmar und Haase, die Ellmenreich und Ulrich aus Dresden, Förster und Leipzig, Wentzel aus Stuttgart, Lange aus Karlsruhe, Holthaus von Hannover, Berndal, Krause, Oberländer und die Frieb-Blumauer aus Berlin. Dazu die Sterne des Münchner Hoftheaters: Possart, Rüthling, Herz, Rhode, Häußer, Jenke, Marie Meyer, die Dahn-Hausmann und die Ramlo.

Man war in München fieberhaft gespannt auf dieses künstlerische Turnier der Auserlesenen. Es gab auch herrliche, ereignisvolle Abende mit rauschenden Beifallsstürmen. Aber es blieb doch fast hinter jeder Aufführung ein leises Unbehagen zurück, eine ungestillte Sehnsucht nach künstlerischer Einheit. Die verschiedenen Stilarten der Schauspielerei strebten eher auseinander, statt zu einem Ganzen zusammenzufließen und sich einheitlich zu beseelen.

Nur die wundervoll ausgeglichene Darstellung des Clavigo mit Sonnenthal, Possart, Barnay und der Wessely war Schönheit aus einem Guss und stieg empor zu einer künstlerischen Höhe, auf der kein Wunsch ohne Erfüllung blieb. Noch heute, nach dreißig Jahren, wenn ich an diese Vorstellung denke, hab’ ich das Gefühl, als stünde ein leuchtender Wundergarten der Kunst vor mir offen.

Die anderen, an Figuren reicheren Werke konnten trotz der großen Auswahl an Theaterberühmtheiten nicht so gleichwertig besetzt werden wie der Clavigo. Und da kam es dann immer so, dass der Stärkere den Schwächeren an die Kulisse drückte, um für sich allein als Sieger durch die Lampen zu gehen. Und der Dichter bekam dabei einen Faustschlag ins Genick, einen Stoß in die Herzgrube. Doch inmitten eines zerrissenen Ensembles sah man hinreißende Einzelleistungen. Possart als Oktavio, Fritz Krastel als Max Piccolomini, die Ramlo als Franziska, Häußer als Illo, die Wolter als Lady Macbeth, Sonnenthal als Hamlet, die Frieb-Blumauer als Daja und der schon kranke Rüthling als Wilhelm Tell schossen bei diesem Wettbewerb um den großen Preis der Schauspielkunst den goldenen Vogel ab. Einen Sensationserfolg hatte Friedmann, der als Vorläufer der naturalistischen Schauspielerei den Isolani im Dialekte seiner östlichen Heimat sprach.

Das Café Maximilian war zum Theatercafé ernannt. Hier fand man sie alle, die berühmten Mimen aus Osten, Norden und Westen. Es war eine große Ehre für einen kleinen Sterblichen, wenn er an dieser leuchtenden Tafel seinen Kapuziner schlürfen durfte. Hier wurde ich eines Nachmittags mit dem Dichter Martin Greif bekannt. Nun ist er einer der Seligen. Damals trug er wegen der Sommerhitze zwar keinen Hemdkragen, dafür aber einen dicken, blauwollenen Schlips um den Hals. Und ich erinnere mich, dass er zu mir gläubig Aufhorchendem sagte: „Als Dramatiker bin ich noch nicht voll gewürdigt. Aber als Lyriker stehe ich bereits auf ewigem Boden. Man wird nach meinem Tod von meinen Gedichten zurückgreifen auf meine Dramen.“ Und eines Abends, als ihm ein etwas unglücklich aussehendes Bratenstück vorgesetzt wurde, sagte er mit milder Klage zur Kellnerin: „Ist das ein Nachtmahl für einen Menschen, der den Hermelin um die Seele trägt?“

Mehrere Jahre später, als ich einen Sommer am Starnberger See verbrachte und bei sengender Hundstagshitze nach München musste, begegnete mir Martin Greif auf dem vor Sonne wabernden Bahnhofplatz, mit einer kleinen Handtasche und wieder um den Hals jenen dicken, blauen Schlips.

„Wohin denn, Herr Greif?“

„Nach Italien?“

„… Jetzt?“

„Ich habe eine Francesca da Rimini im dritten Akt. Und da möchte’ ich noch etwas italienischen Himmel hineinbringen.“

Er hatte bei seiner kindlichen Naivität mancherlei Wunderlichkeiten an sich, manche, über die man lächeln musste, doch keine, die einem andern Menschen wehgetan. Erst in der Zeit seines schwer erträglichen Leidens wurde er gallig, misstrauisch und ungerecht.

Damals, vor dreißig Jahren, im Café Maximilian, hielt er sich immer zu den Wienern, aus Dankbarkeit. Denn ein Wiener, Ludwig Speidel, hatte ihn der Welt nach dem Corfiz Ulfeldt als den neuen Schiller proklamiert. – Nun hat Martin Greif die Augen geschlossen, ohne dass die Welt noch recht darüber ins klare kam, ob er ein Großer oder ein Kleiner war. Muss das immer nach pedantischem Maßstab festgestellt werden? Gilt es als Verbrechen, Lerche zu sein, weil der Schwan den stärkeren Schrei besitzt? Genügt es nicht, von einem Klingenden zu wissen, dass er auch einer ist? Und ein Klingender ist Martin Greif gewesen, wenn er sich zuweilen auch gründlich versang – einer von jenen, die das tiefe, schöne Dürsten in sich tragen. Jetzt hat es ihm eine kühle Hand gestillt.

Von den Großen der Kunst, um die in jenen Sommertagen der Lorbeer des Lebens duftete, sind nur ein paar Eherne noch übrig. Viele, viele sind schon hinunter gesunken ins ewige Schweigen. Fast alle. Das Gedenken an jene rauschenden Abende wird zum Bild eines von Zypressen umwogten Friedhofes, aus dessen Grüften die Erinnerung leuchtende Geistertänze heraufbeschwören kann.

Und an die großen Bilder von damals hab’ ich als kleines Possenspiel mein eigenes Erleben anzuhängen. Zwischen ihm und den Mustergastspielen war ein wunderlicher Zusammenhang. Unter den auswärtigen Mimen befand sich einer, mit dem ich befreundet war – einer, der neben den Musen auch die mitternächtige Fortuna als Göttin gelten ließ. Gleich am ersten Tag erkundigte er sich bei mir, ob in München nicht irgendwo Gelegenheit wäre zu einem niedlichen Jeu? Ich wusste Bescheid. Das Wiener Restaurant in der Dienerstraße war Schauspielerkneipe und wurde zu einer Spielhölle der Mimen. Hier wurde durch Gottes Segen bei Cohn so manche künstlerische Existenz zerbrochen. Und Glückspilze, die beim Theater schlechte Gagen hatten, verdienten sich da die Mittel zu behaglicherem Leben. Ich selber hatte nie eine besondere Passion für das Hasardspiel, gustierte aber doch zuweilen um der Kameradschaft willen ein bisschen mit und kam mit leidlich blauen Augen davon.

An diesen Spieltisch führte ich den glücksüchtigen Mimen. Die Liebe schien ihm gewogener zu sein. Denn beim Spiel ließ er die Haare mitsamt den Wurzeln. Er wurde so fürchterlich gerupft, dass er sich nach Schluss der Mustergastspiele das Geld für die Heimreise borgen musste. Ich glaube, die einzige Münze, die er vom Münchener Theatertournier nach Hause brachte, war die goldene Ludwigsmedaille für Kunst und Wissenschaft.

Und mir – zur gerechten Strafe dafür, dass ich den Elefanten seines Missgeschickes gemacht hatte – mir erging es noch viel übler. Ich hatte mir aus gastlicher Gefälligkeit den Besuch des gefährlichen Tisches angewöhnt. Auch sonst lebte ich damals ein bisschen sorgenfern drauf los, brauchte viel, verborgte noch mehr, was ich niemals wieder sah – und so bestand eines Abends der Rest meines Barvermögens aus vierhundert Mark. An diesem Abend kam es an dem heimtückischen Tisch zu einer Bulle von elfhundert Mark. Jeder Spieler dachte vermutlich im Stillen: „Das wäre jetzt was für mich!“ Ich selber dachte naturgemäß nicht anders, nahm mir aber vor, nur auf ein ganz verlässliches Blatt zu setzen. Und ich bekam das verlässlichste, das allerbeste des Spiels: drei Säue – der Münchener sagt nicht: Ass. Ein Glücksfall ohnegleichen! Grün-Ass, Eichel-Ass, Schellen-Ass! Etwas Heißes stieg mir in die Ohren. „Kinder, da kann ich doch nicht anders!“ Mit solch einem phänomenalen Blatt musste man die Bank halten. Sonst hätte man das Glück beleidigt. „Also! Rrrraus!“ Große Spannung der Korona. Der Bankier schlug um. Es kam der Herz-Siebener, das schlechteste Blatt der vierten Farbe. „Futsch!“ Am Tisch ein kurzes Schweigen. Dann allgemeine Empörung gegen diese Niedertracht der rollenden Göttin. Nur der Bankier schmunzelte.

„Das ist aber doch ein Hundepech!“ Ich lachte, legte meine vierhundert Mark auf den Tisch und schrieb über siebenhundert Mark einen Bon. Der musste bis zum andern Abend bezahlt werden.

Ich schlief in dieser Nacht so gut und fest wie immer. Die Bagatelle brauchte ich mir doch nur am nächsten Morgen bei meinem Theateragenten zu holen.

Damals hatte ich, seit dem Erfolg des Herrgottschnitzers in Berlin, eine hübsche Junggesellenwohnung: Großes Arbeitszimmer mit kleiner Schlafstube, in der unter karmoisinroter Lampe ein persischer Teppich für einer Rosshaarmatratze lag. So was galt Anno 1880 für schick und mondän.

Am Morgen ließ ich mir einen Dienstmann an mein Bett holen und schickte ihn zu meinem Agenten. Ich bekam die Antwort: „Die letzte Abrechnung ist Ihnen zugegangen, neues Inkasso ist noch nicht eingelaufen.“

Papa war gerade verreist. Ich lief zur Mutter: „Kannst du mir’s geben?“

Mama bekam, was sie einen ‚schönen Schreck’ zu nennen pflegte. „Aber, Bub? Eine Forsträtin soll siebenhundert überflüssige Mark im Schächtele habe? Bist du denn verrückt?“ Dann kam die ernste Predigt, die ich verdient hatte – mit dem beherzigenswerten Schlusssatz: „Hin ist hin, Anna Maria Fiedlerin! Aber um Gottes Wille, merk dir’s für ein andersmal!“

Also wieder zum Agenten! Um Vorschuss! Doch der Agent hatte eine geschäftliche Norm: Er gab keine Vorschüsse. „Prinzipiell nicht!“ Dagegen hatte er die merkantile Gewohnheit missfiel mir. Ich schüttelte den Kopf und lief wieder heim zur Mutter.

Sie sagte: „Bub, so warte doch die paar Tag, bis der Papa heimkommt. Der kann dir’s vielleicht geben.“

„Bis zum Abend muss ich bezahlen.“

„Aber du kannst doch dem Spielratzeler sagen, dass er bis in drei Tagen sein Geld bekommt. Das muss ihm doch um’s Himmels Wille recht sein!“

Mit dieser vernünftigen Logik hielt Mama die Sache für geordnet.

Aber die Kultur besitzt ein vieldeutiges Wort. Es lautet: „Ehr’ im Leibe.“ Hinter diesem Wort verbirgt sich ein großes Missverständnis des Lebens. Es ist eines von jenen Worten, die man nur selten so nimmt, wie man sie nehmen sollte. Es drückt wie glühendes Eisen, wenn es locker wie eine Feder liegen dürfte – und man nimmt es als leichten Hauch, wenn es pressen und messen sollte wie schweres Blei.

Ich war der Meinung, dass ich jenen Tag nicht überleben könnte, wenn der Bon bis nachts um zwölf Uhr nicht berappt war.

Am Nachmittag verkaufte ich den Herrgottschnitzer um eintausendvierhundert Silberlinge. Höher konnte der Theateragent den Wert meines Anteils an dem erfolgreichen Stück mit dem besten Willen nicht taxieren. Sein Irrtum machte ihn zum vermögenden Mann.

Mein Irrtum machte mich zu einem jungen Hund mit geschorenem Fell.

Und wie es mir ergangen ist, so erging und ergeht es vielen auf den ersten Stufen der Kunst. Ist diese Möglichkeit eine zulässige? Eine moralische?

Es stimmt: Ich schloss diesen Handel nach freiem Willen und freier Überlegung. Gegen den Käufer, der dabei zu Vorteil kam, ist kein Vorwurf zu erheben. Es hat mir auch nicht viel geschadet. Ich habe diesen Narrenstreich meiner Jugend durch Arbeit wieder ausgeglichen.

Aber auf dem Boden schöpferischer Kunst haben viele, die höher zu bewerten sind als ich, durch eine solche Torheit der jungen Jahre ihr ganzes Leben schwer und rau und mühsam gemacht, wenn nicht völlig zerbrochen.

Freiheit des Verfügungsrechtes? Ein schönes Wort, fast so schön wie ‚freier Wille’. Aber darf ein Hausbesitzer mit seinem Haus machen, was er mag? Da redet die Stadt ihm drein, mit Recht! Darf ein Bauer mit seinem Wald treiben, was er will? Da redet der Staat ihm drein, mit Recht! Und nur ein Künstler soll die praktischen Werte dessen, was er geistig schuf, aus Unüberlegtheit oder Leichtsinn verschwenden und verschleudern, zerschlagen und zerstören dürfen? Ohne dass der Staat ein Recht hätte, da mitzureden?

Ist es nicht denkbar: Dass Gesetze geschaffen werden, die den Wert des geistigen Eigentums auch gegen seinen Schöpfer schützen? Gesetze, die solche Käufe unmöglich machen oder sie doch so erschweren, dass der Zwischenhandel in der Kunst lieber auf sie verzichtet, statt in riskante Lage zu geraten?

Es würden durch solchen Schutz die jungen Schriftsteller, Künstler und Musiker wohl manchmal verwünschten Ärger zu erleben bekommen. Aber das schadet ihnen nichts. Ich glaube sogar, dass es ihnen nützlich wäre. Ein paar verdrießliche Kampfmonate würden da belohnt werden durch sorgenlose Jahrzehnte, in denen es einem jungen Talent möglich würde, seiner blühenden Reife unbehindert entgegen zu schreiten.

Und sollte kein Gesetz da helfen können, so müssen die Berufsgesellschaften den Wandel zum Vernünftigen bringen.

Ich habe damals an jenem Abend meinen Bon berappt. Aber niemals wieder hab’ ich Hasard gespielt. Im klirrenden Saal von Monte Carlo kann ich stundenlang den Irrsinn und die dunstende Angst der Spielratten betrachten, ohne dass ich in die Versuchung gerate, fünf Franken zu setzen.

Als nach erledigter Katastrophe der Vater heimkam, gab es unbehagliche Tage im Elternhaus. Niemand machte mir Vorwürfe. Papa sagte nur wieder einmal nach langer Pause: „Du Kamel!“ Aber es blieb ihm eine Furche auf der Stirn. Und Mama, wenn ich heimkam, wurde immer auffallend schwatzlustig und spielte alle Register ihrer sprichwörtlichen Späße. Ich fühlte, dass die Eltern mir die Reue über meinen Torenstreich erleichtern wollten. Und diese Reue war doch gar keine sonderlich brennende Sache. Ich erledigte sie mit dem Wort der Mutter: „Hin ist hin, Anna Maria Fiedlerin!“ Aber die schonende Güte der Eltern bedrückte mich. Schließlich riss ich aus und rannte in die Berge, nach Fall an der Isar. Und hier kam ich gleich wieder zu einer prachtvollen Sache, die mich völlig tröstete. Ich schoss meinen ersten Hirsch, einen Zwölfender. Wie das zuging, hab’ ich in der Geschichte vom Egidius Trumpf erzählt.

Sonnenschöne Tage beim Rauschen der Bergwälder. Dazu die gemütlichen Abende zwischen den lustigen Jagdgehilfen, bei Zither und alten Liedern, bei wunderlichen Geschichten und derben Jägerspäßen. Und allerlei seltsames Erleben zwischen Sommertal und Höhenschnee. Der kurzlederne genius loci fasste mich fest beim blonden Schopf. Es formten sich die Anfänge zum ‚Jäger von Fall’. Und ein Abend nach lauem Regen bescherte mir ein bläulich glimmendes Wunder im Wald. Als ich in der Dämmerung von der Rehpirsch heimkehrte, begannen Tausende und Tausende von Glühwürmchen zu schwärmen. Der Moosgrund schien von unzählbaren Funken zu brennen, alle Stämme und Zweige waren behangen mit diesem mystischen Licht, in Kurven und Schlingen schwirrten die feinen Lichterchen durch die dunkelnde Luft – und schließlich war ich selber wie eine wandelnde Fackel, denn hundertfältig klammerte sich dieses zarte Glimmen an meine Hände und Arme, an Schultern und Brust, an meine Beine, bis hinunter zu den Schuhen. Ich wusste: Dieses feine, rätselhafte Glühen ist Sehnsucht und Lockung der Liebe. Seltsame Bilder des Lebens und der Freude wogten in mir, und ein unbeschreiblicher Rausch der Sinne durchrieselte mich. Jeder Atemzug war mir eine Süßigkeit.

Dabei ein brennendes Sehnen, ein Dürsten nach Erkenntnis. Die Liebe der Hero und des Leander? Und das träumende, fliegende, suchende Feuer dieser Winzigkeiten? War da ein großer Unterschied? Und Goethe in seiner taumelnden Qual um Friederike von Sesenheim? Und solch ein verflogenes Fünklein auf meinem Joppenkopf? Waren sie alle beide nur Spielzeug, Liebling oder Stiefkind der zwingenden Natur? Götter und Tierchen des Augenblicks?

Etwa vierzig von diesen zärtlichen Lichterchen brachte ich heim in meine dunkle Stube. Ich klaubte sie wie leuchtende Beeren von meinem Körper ab, sammelte sie alle in meinen Hut, öffnete die beiden Fenster – und während ich, bei wachen Augen träumend, in den kühlen Kissen lag, schwül atmend, schwebten sie in glimmenden Reigen aus dem Hut hervor, gaukelten leuchtend durch den Raum der Stube und taumelten lautlos durch die offenen Fenster hinaus in die rauschende Hochlandsnacht.

Gegen Morgen kam ein schweres Gewitter. Zwei Tage goss es in Strömen. Erst der dritte Abend machte sich wieder schön. Bei Anbruch der Dämmerung lief ich sehnsüchtig in den Wald hinaus. Nur wenige Funken schimmerten im Moose, nur wenige Lichterchen flogen im Dunkel. Es war wieder so wie sonst. Die kleine brennende Liebe war millionenfach gestorben in zwei nassen Tagen. Hat solches Sterben auch eine Klage? Wir Menschen hören sie nicht. Weil wir schlechte Ohren haben? Nein! Wir würden solche Klage auch nicht vernehmen, wenn wir die scharfen Ohren der Fledermäuse hätten, die den Flug eines Dämmerungsfalters so deutlich zu hören scheinen, wie wir Menschen von heute das Propellersausen eines lenkbaren Luftschiffes unterscheiden.

Die Tiere leiden und sterben schweigend. Das Klagen und Jammern ist eine Erfindung der Menschen. Tiere können das Stöhnen lernen, wenn wir Menschen sie quälen. Doch stumm ertragen sie, was die Natur ihnen auferlegt an irdischen Unerlässlichkeiten.

An jenem märchenhaft glimmenden Abend im Faller Bergwald fing es für mich an, dass ich mich eins zu fühlen begann mit allem großen und kleinen Leben der Natur.

Durch Tage und Wochen blieb ich ein Verträumter, der wenig reden wollte, nur immer schauen und lächeln musste.

Bei der Heimkehr nach München, im Herbst, fand ich einen Kummer und eine Freude. Einer ging, den ich liebte, und einer kam, den ich lieben lernte. Freund Richard zog von München fort, ans Wiener Stadttheater. Und Joseph Kainz begann in München als Mortimer. Mich fasste er gleich an Herz und Nerven. Beim Publikum war der Eindruck ein geteilter; man bezeichnete als Manier, was der ringende Beginn seines großen Könnens war. Mit Romeo bezwang er viele Widerstrebende; die anderen meinten, dass man als Romeo eine griechische Nase und schön gedrechselte Beine haben müsste. Mit dem Gratiano erfocht er einen lachenden Sieg. Und dann brachte der bis zur Brutalität realistische Valentin im Faust wieder eine mit Ärger gemischte Verblüffung, die sich erneuerte, als Kainz in der Rolle des Melchthal ein junger Bauer mit einer Flamme in der Seele, aber mit genagelten Schuhen an den Füßen sein wollte. Das ging doch nicht! Die Kurzlederne gehörte in die Bauernkomödie, nicht in die Klassizität des Wilhelm Tell. Das Publikum blieb widerhaarig, und auch gewiegte Theaternasen wurden irr in der Witterung für diese aufstrebende junge Kraft, die nach Wahrheit im Schönen rang. Ein paar falsche Besetzungen kamen dazu, man drängte ihm Rollen auf, die seiner Art widersprachen. In einem modernen Gesellschaftsstück musste er eine Rolle des erkrankten Rüthling übernehmen – der schwarze Gehrock saß ihm wirklich nicht gut – und da wurde er angeblasen wie ein lächerlicher Nichtskönner. Tags darauf kam ich zu ihm. Seine Augen brannten: „Na? Gestern? Was?“ Ich glaubte ihn trösten zu müssen: „Da können Sie doch lachen drüber! Ein paar Jahre, und Sie sind der größte Schauspieler Deutschlands!“ Er schob das dünne Har aus der Stirn und sagte zähneknirschend: „Das weiß ich. Aber warten müssen, bis es auch die anderen merken, das ist hart. Und langweilig!“

Einer von den ersten, die es merkten, war König Ludwig.

Im Zusammenhang mit diesem von Trauer und Mythe umwobenen Namen taucht aus meiner Erinnerung das Bild eines auf rauschender Begeisterung schwimmenden Abends herauf, mit dem die Münchener das Wigelaweia-Geläster von ehemals ausglichen. Im Hoftheater wurde bei festlich beleuchtetem Haus der Tristan gegeben. Und in einer Loge des ersten Ranges wohnte Richard Wagner der Aufführung bei, die eine Stunde länger dauerte als sonst. Diese Überstunde war Jubel und Jauchzen von tausend Verzückten. So hab’ ich nie ein Volk seinen Sieg gekrönten Fürsten feiern sehen, wie die Münchener an diesem Abend den Meister mit der dunklen Samtmütze umdonnerten. Aus den Rängen schienen die Menschen mit vorgebeugten Leibern sich herunterwerfen zu wollen, und das Parkett war anzusehen wie eine schwarz und farbig brandende See, über deren Gebrüll zu Hunderten die kleinen weißen Segel flatterten: Die den Meister grüßenden Taschentücher. Und wie lange war es her, dass viele, viele von diesen Begeisterten noch die höchste Blüte des menschlichen Geistes in jenem Spottvers eines Münchener Witzblattes erkannten:

„Wigala wogala weia,
Bleib i auf der Schaukel, so muaß i speia!
Wigala wogala wack,
Fall i abi, so birch i ’s Gnack!“

Was ist Hohn auf die neuen Klänge eines ringenden Kunstwerkes? Was ist Jubel über erkannten Wert? Auch Tod und Leben unterscheiden sich nicht viel deutlicher voneinander. Alles ist Mutter und Kind – eines gebiert und begräbt das andere. Um mit Menschenaugen richtig sehen zu lernen, müsste das Märchen von Methusalems Alter Wahrheit werden für jeden Atmenden.

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