Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 5

Während der folgenden Wochen blieb ich viel daheim und büffelte bis zur Verblödung für mein Examen. Manchmal ging ich ins Theater, oder las ein neues Buch, schrieb ein paar kritische Aufsätze für die Bremer Monatshefte und ließ da auch meine Rolla-Übersetzung erscheinen, deren Manuskript noch immer ‚in Händen Paul Lindaus’ war.

In den abendlichen Dämmerstunden jener Sommertage entstanden allerlei Bruchstücke zum Trinker von Rothenburg. Zwischen die von Eisen rasselnden Lieder eines Pappenheimers ist ein Theaterzettel in mein Tagebuch hineingekleistert: Götterdämmerung. Ich kannte von Wagner nur den Tannhäuser, der mich fest geschüttelt hatte, und den Lohengrin, den ich nicht recht vertrug und als blaues Tschindardra bezeichnete. Fast wär’ ich ins Lager der Antiwagnerianer geraten. Man kommt sehr leicht in die Gefahr, ein Gegner von Dingen und Menschen zu werden, die man nicht kennt. Doch unter dem Theaterzettel der Götterdämmerung steht in meinem Tagebuch.

„Groß ging ich hin, mit scharfer Kraft
Gerüstet zu kritischem Strauße –
Und gab mein Herz in willige Haft
Und kam als Zwerg nach Hause.“

Nach solcher Erkenntnis spürt man immer zwei schiebende Fäuste hinter seinen Schultern. Ich arbeitete Tag und Nacht, so ruhelos, dass die Eltern mich fortschickten auf eine kleine Erholungsreise. Vierzehn Tage kroch ich in der alten Stadt an der Tauber durch alle Mauerwinkel und Wallgänge, um Studien für meinen Trinker von Rothenburg zu machen. Mondschein versilberte die Romantik der träumerischen Herbstnächte, in denen die Trauben reiften.

Und dann, im späten Oktober, die Fahrt nach Leipzig zum Doktorexamen. Ein Vetter, der sich als junger Gelehrter an der Leipziger Universität habilitiert hatte, chaperonierte mich in liebenswürdigster Weise auf dem Marmorboden der Wissenschaft, auf dessen reiner Glätte ich meinen Schritt nicht völlig sicher fühlte, trotz der Büffelei des vergangenen Vierteljahres. Mein lieber, freundlicher Vetter! Heute klingt sein berühmter Name durch alle Welt des Wissens. Ich möchte mich solcher Verwandtschaft gerne rühmen, habe aber doch nicht recht den Mut, meines Vetters Namen zu nennen. Denn ich muss da, wenn ich bei der Wahrheit bleiben will, eine kleine Geschichte erzählen – nicht, wie man Präsident wird, nur, wie man schwer aus einer Droschke herauskommt. Es gibt aber Leute, die den Humor des Lebens nicht immer verstehen. Und die könnten – wenn ich auch bei allen heiligen Eiden mich allein mit jeder Schuld belade – von meinem Vetter, von diesem ernsten, berühmten Gelehrten, sagen wollen: „Mitgegangen, mitgehangen!“ Der falsche Buchstabe in diesem Sprichwort ist kein Druckfehler. Bis zum Gewandhaus ging der Vetter mit. Dann fuhren wir. Doch ich merke, dass ich den Ereignissen vorgreife.

Also, an jenem Samstag den 25. Oktober 1879, nachmittags um drei Uhr, lotste mich mein freundlicher Vetter zu Leipzig unter herzstärkendem Zuspruch ins Examen.

„Du,“ sagte ich, bevor wir die Halle der Universität betraten, „wenn alles gut abläuft … morgen ist Sonntag … da machen wir morgen einen lustigen Ausflug. Mit Mädchen.“

„Mit Mädchen?“

„Natürlich, mit Mädchen, sonst wär’s ja doch nicht lustig.“

„Ja, ja, da hast du gewiss recht. Aber … ich kenne kein Mädchen. Wenigstens keines, das mit uns einen lustigen Ausflug machen würde. Ohne die Frau Mama. Und so eine willst du doch vermutlich nicht mithaben?“

„Du, das ist eine ganz feine, wissenschaftliche Logik! Aber da sei nur ohne Sorge! Ich kriege schon ein Mädel. Und für dich auch eines.“

„Meinst du?“

„Natürlich! Und dir überlasse ich das nettere. Du bist doch schon Privatdozent. Und ich bin morgen vielleicht noch gar nicht Doktor. Verdienst muss gelten im Leben. Du kriegst die Nettere. Und weißt du, ich hab mir das jetzt gerade besser überlegt. Wir machen den Ausflug morgen für alle Fälle. Auch wenn ich durchsause. Man hängt sich doch wesentlich lieber auf, wenn man vorher noch ein paar gemütliche Stunden erlebte.“

„Das ist unlogisch.“ Mein Vetter lachte. „Da findet man Gründe, die gegen das Aufhängen sprechen.“

„Sehr richtig! Da wird also morgen der lustige Ausflug eine verlässliche Garantie für mein Weiterleben. Gelt, du machst mit? Einen Menschen muss man doch immer retten, wenn man kann.“

„Selbstverständlich! Aber wie willst du denn das anstellen? Mit den zwei Mädchen? Du bist doch fremd hier in Leipzig.“

„Das schadet nichts.“

„Und du hast ja auch keine Zeit mehr. Bis sechs Uhr dauert dein Examen. Und um sieben Uhr sind wir zum Souper bei Waibler geladen.“

„Erlaub mir! Eine Stunde! Eine Stunde hat doch sechzig Minuten.“

Meinem Vetter erschien die Sache plötzlich nicht ganz geheuer. „Mensch? Du wirst doch nicht etwa …“

„Keine Angst! So was mag ich auch nicht. Zwei ganz nette, tadellose Käfer müssen das sein. Fidel. Aber anständig.“

„Da bin ich wirklich neugierig.“

Wir betraten den heiligen Boden der Wissenschaft und machten ernste Gesichter.

In dem Zimmer, in das ich geführt wurde, roch es gut nach alten Büchern mit Lederbänden. In der Mitte ein grün gedeckter Tisch. Herüben ein Sessel und drüben ein Sessel.

Mir hämmerte das Herz ein bisschen. Aber schließlich wurde ich ruhig. „Es wird schon gehen!“ Ich hatte doch die drei Fächer gewählt, in denen ich relativ am besten beschlagen war: Literaturgeschichte, alte Philosophie und Physik. Eine etwas wunderliche Zusammenstellung. Sie ergab sich aus meinem doppelten Schulweg. Ich glaube, weil Literaturgeschichte und Physik so wenig zueinander passten, hielten sie mich in Leipzig für einen ‚weechen Promotionsbruder’ – und drum waren der Philosoph und der Physiker sehr misstrauisch gegen mich.

Der erste Examinator kam. Der Literaturhistoriker. Ein feiner Gelehrtenkopf, schön im Alter, mit klaren, wohlwollenden Augen. „Nun“, sagte er, „ich habe ja bereits aus Ihrer mit Fleiß gearbeiteten Dissertation ersehen, dass ich Sie gar nicht mehr zu examinieren brauche.“ Dabei schmunzelte er ein bisschen. „Es kann sich also zwischen uns beiden nur um eine kollegiale Unterhaltung handeln. Ich vermute wohl, dass Sie nicht eigentlich … im strengsten Sinn des Wortes Gelehrter werden wollen?“

„Sehr richtig, Herr Professor!“

„Was wollen Sie werden?“

„Schriftsteller.“

„Ein sehr bescheidenes Wort. Es gibt ein stolzeres: Dichter. Sind Sie Lyriker?“

„Nein!“

Der Herr Professor lächelte zu der Energie, mit der ich dieses Wort aus mir heraus gestoßen hatte. „Also Dramatiker?“

„Ja … vielleicht …“

„Nun, da könnten wir ja miteinander darüber plaudern, wie die Kunstform des Dramas entstanden ist?“

Ich atmete auf. Darüber ließ sich was sagen. Ich sagte sehr viel. Kam sogar auf die Indianertänze zu sprechen, als auf eine mimische Entwicklungsstufe, deren unartikulierte Erregungslaute embryonal als Urformen der dialogisierten Szene zu betrachten wären.

„Ein sehr guter Gedanke!“, warf der Professor freundlich ein. „Es wäre nur in Rechnung zu ziehen, dass um die Zeit, in welcher die Kunstform des Dramas entstand, Amerika noch nicht entdeckt war. Aber Sie dachten hier vermutlich an das englische Ausstattungsstück, das während des letzten Jahrzehnts von Amerika herüber stark beeinflusst wurde.“

Mir verschlug es den Atem. Denn ich merkte nun, wie er mich wissenschaftlich einschätzte.

„Im Übrigen haben Sie mir sehr viel Anerkennenswertes gesagt, obwohl ich Ihre Anschauungen nicht immer teilen konnte. Denn …“

Und da hielt er mir nun für den Rest der Stunde einen prachtvollen, fesselnden Vortrag über die Geburt des griechischen Dramas, bei der aller Jubel und Schmerz des Lebens, aller Zorn und das Lächeln der Götter Paten waren.

Freundlich reichte er mir die Hand. „Es war mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und es freut mich, Ihnen sagen zu können, dass Sie bei mir recht gut bestanden haben.“

Der liebe, famose, gütige Mensch! Als er zur Türe hinausging, dachte ich über die Gattung homo sapiens viel zärtlicher, als eine Stunde früher.

Nun kam der Philosoph. Kühl, ruhig, persönlich völlig unbeteiligt. Das war meines Erachtens auch ganz richtig so. Ein Philosoph muss immer außerhalb der Dinge stehen und den Menschen gegenüber eine gewisse Distanz bewahren, deren Würde jede Vertraulichkeit entfernt. Nun kann man auf dem Gebiete der alten Philosophie von den Eleaten zu den Eklektikern doch mancherlei fragen, was ein leidlich instruierter Kandidat zu wissen verpflichtet ist. Aber wer nicht gerade Spezialist für die Epoche der Neuplatoniker und ihrer stoischen Vorläufer ist, möge sich jetzt ausmalen, was das heißt: Ein dreiviertelstündiges Examen über Marc Aurel. Was man da weiß, kann ausreichen für 10 Minuten. Aber noch eine weitere halbe Stunde lang wurde dieser unglückselige Römer meiner heißen Pein gebraten. Schließlich war er geschmort bis auf die Knochen. Ich aber auch.

An ein wohlwollendes Abschiedswort des Philosophen kann ich mich nicht erinnern.

Der Physiker erschien. Ein flinkes, zähes Männchen mit strengen Augen. Ich verstand gleich, dass dieser Blick mir sagte: „Gehörst du herein, dann gut! Gehörst du nicht herein, dann hinaus mit dir! Aber ich will dich prüfen bis auf die Nieren. Was du weißt, wirst du zeigen können.“ Die Augen eines Gelehrten haben das Recht so zu sprechen. Aber wenn man Kandidat ist, spürt man dabei was Kaltes unter der Frackweste. In 45 Minuten hetzte mich dieser Examinator durch das ganze Gebiet der Physik. Gerade dem bleib ich keine Antwort schuldig. Gott sei Dank – und meinem unvergesslichen Physikprofessor Beetz in München! Was man von einem Lehrer empfing, den man liebte, das sitzt!

Um 6 Uhr wurde mir feierlich eröffnet, dass ich mein Examen bestanden hatte. Wie ein froher Rausch war es in mir, als ich langbeinig in den Abend hinaus sprang, der mir noch schöner dünkte, als ihn das klare Wetter machte.

Ich telegrafierte nach Hause: „Herzlichen Gruß – Doktor Ludwig Ganghofer.“ –

Punkt 7 Uhr erschien ich bei Fritz Waibler. Er war artistischer Direktor bei der Leipziger Illustrierten, ein Aschaffenburger Jugendfreund meiner Mutter.

Der Vetter war schon da. Zuerst ein Glückwunsch. Dann die neugierige Frage: „Hast du die zwei Mädchen für morgen?“

„Natürlich.“

„Nette?“

„Du wirst ja sehen!“

Eine vergnügte Mahlzeit. Um mein Gedeck herum lag ein Lorbeerkränzel mit goldenen Beeren. Von dieser fröhlichen Tafelrunde ist mir ein Gesprächsthema in Erinnerung geblieben. Man sprach vom Schnarchen. Und Tante Waibler klagte: „Ach du lieber Gott, mein Fritz schnarcht, dass ich manchmal in der Nacht verzweifeln möchte. Wecken will ich ihn nicht. Er muss doch schlafen. Aber schrecklich ist das!“

Und ich: „Tante, da weiß ich ein Mittel. Jeder Schnarcher ist in einer einzigen Nacht von diesem Übel zu kurieren. Das hab’ ich in der Kaserne gelernt.“

„Allgütiger Himmel! Wie denn?“

„Sehr einfach. Wer schnarcht, liegt auf dem Rücken. Fängt er zu sägen an, so gibt man ihm a tempo mit den Fingerspitzen einen flinken, leichten Klaps auf die Magengrube. Sofort hört er zu schnarchen auf. Fängt er nach einer Weile wieder an, dann wiederholt man diesen Klaps. So vier- oder fünfmal. Dann ist er kuriert.“

Fritz Waibler lachte in seiner mainländerischen Behaglichkeit. Und Tante jubelte: „Wahrhaftig? Das probier’ ich noch heute Nacht! Ist’s aber auch wirklich wahr?“

„Natürlich! Zwischen Magengrube und Gaumen bestehen doch sehr intime physiologische Zusammenhänge. Durch die kurz und flink applizierten Klapse ist die Magengrube subjektiv sensibel geworden. Sie ist gelehrig wie ein junger Hund, der pünktlich bestraft wurde, wenn er nicht stubenrein war. Ganz genau erfasst das Witterungsvermögen der Magengrube die Wechselwirkungen zwischen Schnarchen und Klaps. In dem Augenblick, in dem der Gaumen schnarchen will, denkt sie: ‚Aha, jetzt kommt das wieder!’ Sie wird nervös und telegrafiert auf der Nervenleitung durch die Gehirnzentrale zum Gaumen hinauf: ‚Du da droben, lass das sein, sonst krieg’ ich’s da herunten!’ Und der Gaumen gehorcht. Weil er aus Erfahrung weiß, dass ihm die Magengrube, wenn er sich mit ihr verfeindet, sehr unangenehm werden kann.“

Das Ehepaar Waibler und mein Vetter lachten vergnügt. Und immer wieder jubelte die Tante: „Heute Nacht probier’ ich’s! Noch heute Nacht Probier’ ich’s!“

Um die probate Kur nicht allzu lange hinauszuschieben, wanderten mein Vetter und ich um 11 Uhr davon.

Auf der Straße fragte er gleich: „Du? Ist das wahr?“

„Mit dem Schnarchen?“

„Nein. Mit den Mädchen. Hast du sie wirklich?“

„Wenn ich dir doch sage!“

„Und wirklich? Sind sie nett?“

„Sehr nett!“

„Alle beide?“

Ich schwieg ein Weilchen. „Du wirst die Wahl haben.“

„Aber wie hast du denn das nur gemacht?“

„Das sag’ ich dir morgen.“

„Und wo treffen wir die Mädchen?“

„Vor dem Gewandhaus.“

„Wie weißt du denn als Fremder, wo das Gewandhaus ist?“

„Ich weiß das gar nicht. Aber die Leipziger Mädchen wissen es. Ich weiß nur, dass es in Leipzig eine berühmte Sache gibt, die Gewandhaus hießt. Da hab’ ich die Mädchen hinbestellt. Und mich kannst ja du hinführen. Nicht?“

Im Hotel, Schlag Mitternacht, dachte ich mit Lachen: „Jetzt kuriert die Tante Waibler den Onkel Fritz!“ Dann schlief ich – nicht wie ein König, denn die meisten Könige schlafen nicht gut, sie schlafen umso schlechter, je mehr sie Könige sind. Ich schlief in dieser Nacht wie ein Bauer, der seine Ernte goldschwer in der Scheuer hat.

Am anderen Morgen, der einen sonnigen Sonntag brachte, holte mich mein Vetter ein paar Minuten vor elf Uhr ab und führte mich zum berühmten Gewandhaus.

Vor diesem Gewandhaus warteten einundzwanzig nette Mädchen auf uns beide.

Mein Vetter war perplex. Aber die Lösung dieses zweiundvierzigäugigen Jugendrätsels war eine sehr einfache. Ich hatte drei Viertelstunden Zeit gehabt, war durch die Grimmaische Straße gelaufen – durch die Straße mit den meisten Läden. Und wo ich in einem Laden ein hübsches Mädel sah, ging ich hinein und fragte wahrheitsgemäß: „Fräulein! Ich heiße so und so, bin aus München, hier in Leipzig fremd, habe heute mein Doktorexamen gemacht und möchte das morgen mit einem lustigen Ausflug feiern. Haben Sie nicht Lust, den Ausflug mitzumachen? Mich würde das sehr freuen!“

Im Dutzend waren ein paar schockiert, die andern lachten verständig und sagten Ja. Es ist schon so: Mit der Wahrheit kommt man am weitesten.

Von den einundzwanzig, die uns vor dem Gewandhaus erwarteten und nichts voneinander wussten, wurden zwei über die große Gesellschaft ärgerlich und rannten davon. Neunzehn Lustige bleiben uns und verstanden den harmlosen Spaß. Ich nahm sechs Droschken, verlud die kichernde Jugend, und dann fuhren wir nach Eutritzsch hinaus, in die Gosenschenke, die fast so berühmt ist wie das Gewandhaus. Dicht bei Eutritzsch lauerte in der Völkerschlacht die französische Kavallerie. Auf diesem historischen Boden hielten wir an langem Tisch fidele Mahlzeit, tranken ungestöpselte Gose mit Sekt, ließen ein paar Musikanten kommen und tanzten wie lustige Narren bis in die Nacht hinein.

Bei der Heimfahrt unter den funkelnden Sternen stockte plötzlich die Droschkenkolonne, und es gab ein grillendes Gelächter und Geschrei. Ich saß im letzten Wagen und sprang heraus. „Um Gottes willen, was ist denn los?“

In der ersten Droschke, in der ich meinen gelehrten Vetter mit den drei hübschesten Mädchen verladen hatte, war der Boden durchgebrochen.

Wir lachten, wie nur sorglose Jugend lachen kann.

Na also! Jetzt war ich Doktor der Philosophie! Und ein bisschen Mediziner war ich auch: Fritz Waibler schnarchte nicht mehr in dieser Nacht.

Als ich heimkam nach München, schmunzelte Papa zufrieden. Und Mama hatte eine ganz unbeschreibliche Freude über den großen lateinischen Papierbogen, über das Doktordiplom des Ludovicus Ganghofer, das in einem roten Samtfutteral gegen Staub und Ungeziefer geschützt war. Sehr stolz war die Mutter auf die wissenschaftliche Note: cum laude. Mama war nämlich der Meinung, dass man besser als ‚mit Lob’ nicht doktorieren könnte. Ich unterließ es, die Mutter über diesen zärtlichen Irrtum aufzuklären.

Und eines Nachmittags, zufällig bei einem Bummel, trat ich ins Café Maximilian. In einer Ecke, hinter einem mit Zeitungen beladenen Marmortisch, saß Hans Neuert. Wir begrüßten uns, und als wir beisammen saßen, sagte Neuert: „Sie haben damals in Berlin so verständnisvoll über unser Repertoire gesprochen. Was Sie damals sagten, das ist mir viel durch den Kopf gegangen. Ich schreibe jetzt an einem Stück für unser Ensemble. Darf ich Ihnen den Stoff erzählen? Und wollen Sie mir dann ganz aufrichtig Ihr Urteil sagen?“

„Aber gern. Schießen Sie los!“

Neuert fing zu erzählen an. Das Stück hieß: ‚Der Prozesshansl’. Zwei Bauern liegen im Streit um einen Acker, über den die Eisenbahn gebaut werden soll; die Handlung des Stückes spielt durch zwanzig Jahre. Männer werden Greise, Kinder werden Leute; natürlich, ein Bauernprozess ist eine Sache, deren Ende schwer zu erleben ist, ein halbes Menschenalter geht darüber hin; inzwischen heiraten sich zwei Liebespaare übers Kreuz, und aus jedem Ehepaar muss der unbequeme Teil heraussterben, damit sich die Richtigen am Ende kriegen können.

Ich schüttelte bedenklich den Kopf. „Das einzig Gute an dieser Geschichte ist der Titel. Der wäre wert, dass man ein neues Stück dazu erfände. Alles andere scheint mir unbrauchbar. Jeder Federstrich an diesem Stoff ist verlorene Arbeit. Das ist kein Stück, nicht einmal eine Novelle, nur ein Gummischnürl, sehr lang, aber dünn.“

Neuert schien von meinem offenen Urteil nicht sehr angenehm berührt. Aber er konnte meine Gründe nicht widerlegen. Wir plauderten weiter. Ich sagte lachend: „Wissen Sie, dass Herr Deppe damals in Berlin bei mir war?“

„Ja. Der ist sehr betrübt von Ihnen zurückgekommen.“

„Ich kann so was nicht machen. Aber zu denken hat mir die Sache doch gegeben. Und plötzlich waren Bilder da, Figuren, Szenen.“ Ich begann zu erzählen.

Neuerts Augen wurden immer größer. Und plötzlich griff er mit beiden Armen über den Tisch herüber und packte meinen Arm. „Aber Mensch! Das ist ja famos! Das wär ja doch so ein Stück, wie wir’s brauchen! Und dieser Lehnl ist eine Roll’, wie für mich noch nie eine geschrieben worden ist. Das müssen Sie machen! Mensch! Das wär’ ein Verbrechen, wenn Sie das liegen ließen!“

Ich blieb unentschlossen. Und dachte: „Natürlich, ein Schauspieler, der sieht eine gute Rolle, und da muss alles gut sein.“

Aber Neuert ließ nicht locker, bevor er nicht meinen Handschlag hatte. „Die Hauptsach steht. Sie brauchen das nur hinschreiben. Was dann praktisch fürs Theater noch fehlt, das bossel ich schon hinein.“

Auf dem Heimweg reute mich die Sache wieder. Mein Trinker von Rothenburg? Mein Roman? Mein Lustspiel in Versen? Mein Nero? Aber mein Handschlag war gegeben. Und am Abend, bei der Lampe, in meinem kleinen Studentenstüble von ehemals, legte ich mir ein Packerl vom gelblichen Aktenpapier meines Vaters zurecht. Und dachte: „Na also, in Gottes Namen, mach es halt! Dann bist du die sekante Geschichte los und hast wieder freien Weg.“ Ich begann zu kritzeln.

In der Nacht kam die Mutter noch zu mir in die kleine Stube. „Spät ist’s, Bub, geh doch schlafe!“

„Bald, Mutterle!“

Sie guckte mir über die Schulter. „Was machst du denn da?“

„Ach Gott, so, ich probier halt ein bisserl was.“

„Bub? Tust du da nit wieder die kostbare Zeit vertrödle?“

„Vielleicht ja.“

Sie fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Geh, so werd doch endlich einmal ein bissele gescheit! Jetzt bist Du Doktor der Philosophie. Da hat man doch auch Verpflichtunge.“

Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte in dieser Nacht die ersten Szenen des Herrgottschnitzers wieder in den Papierkorb geworfen. Aber es war ein Beharrungsvermögen in mir, das sich stärker erwies als jeder Zweifel und Widerwille. Ich musste schreiben. Tag und Nacht. Und tat es ohne Kopfzerbrechen, gab nur, was von selber kam.

Was da werden wollte, spross aus schlecht beackerten Schollen. Es war bei uns in der Heimat aller Boden der Kunst ein bisschen steril geworden. Wenig Neues wuchs. Und war ein Neues irgendwo in der Ferne aufgegangen, so wusste man nicht viel davon. Heute rennt jedes neue starke Wort und jede feste künstlerische Tat mit Blitzesschnelle durch die Welt. Damals war es anders. Dem Nachwogen großer politischer Ereignisse gegenüber war die Kunst eine minder wichtige Sache geworden. Tauchte irgendwo ein wertvoller Klang auf, so gingen seine Schallwellen langsame Wege. Im politisch ruhigeren Österreich waren sie damals uns Deutschen auf literarischem Boden voraus. Es waren von Rosegger schon ‚Heidepeters Gabriel’ und die ‚Schriften des Waldschulmeisters’ da. Aber ich hatte von diesem Neuen noch keine Zeile gelesen, kaum seinen Namen gehört. Und hatte noch nie ein Stück von Anzengruber gesehen. Man hörte seinen Namen aus der Ferne, wie die Namen Berg und Costa von der Wiener Lokalkomödie. Der Erfolg des Pfarrers von Kirchfeld aus dem Anfang der siebziger Jahre war schon lange verebbt, beinahe vergessen. Und wie hätten die deutschen Bühnen sich für Anzengruber mit gerechter Schätzung seines Wertes begeistern sollen in einer Zeit, in der ihn die Wiener selbst schon wieder fallen ließen, dem Doppelselbstmord und dem Vierten Gebot mit ratlosem Verwundern gegenüber saßen und den Ledigen Hof, das Jungferngift und die Trutzige als missratene Kinder erklärten? Noch viele Jahre später, als man überall schon wusste, wer Anzengruber war, sagten die Münchener Dialektschauspieler von ihm und seinem Werk: „Dös is ebbes Fremds für uns, dös liegt uns net!“ Die Münchener Volksbühne hatte auch späterhin nie einen guten Wurzelsepp oder Steinklopferhans. Der funkelnden Kraft Anzengrubers, seiner ätzenden Satire und markanten Schärfe kam die behagliche Eigenart der Münchener nicht willig entgegen. Versuchten sie sich an ihm, so blieb es immer eine halbe, gekünstelte, unlebendige Sache. Das ist kein Vorwurf für diese Schauspieler. Sie konnten nicht aus der heimatlichen Haut heraus, in der sie staken. Und wie viel klassische Anzengruberspieler hat es denn in Wien selbst gegeben? In vierzig Jahren fünf oder sechs, Martinelli an ihrer Spitze – Künstler, die als Menschen der Eigenart dieses Dichters kongenial waren und seine Gestalten auf der Bühne mit sich selbst erfüllen konnten. An Anzengrubers Schaffen war nie etwas volkstümlich Typisches. Er hat auch eigentlich nie das wirkliche Volk geschildert, weder das Wiener Volk, noch das Volk der Berge, noch den Bauer überhaupt – es war doch auch sein Dialekt etwas von ihm selbst Erfundenes. Ein geborener Dichter, schuf er neue Bilder und Gestalten aus seinem eigenen Fleisch und Blut. Und diese Gestalten waren sieghaft, weil ihr Schöpfer ein starker und tiefer Mensch war. Aber für die heitere Behaglichkeit der Münchener Dialektschauspieler, die auf der Bühne auch im Zorn noch Reserven der Gemütlichkeit behielten, welche lebten und leben ließen – für die heimatliche Eigenart dieser Schauspieler blieben die Anzengruberschen Gestalten immer fremdsprachige Wesen. Klang und Farbe der bayerischen Heimat kamen in diesen Schauspielern dem Andersgearteten nicht entgegen. Diese Heimatkünstler wurden groß bei den bescheidenen Aufgaben, die sie vorfanden – sie spielten Prüller, Schleich, Müller und Schmid.

Das waren die Muster, die ich vor mir sah, als ich begann. Ich wollte diesen Mustern weder nachgehen, noch hatte ich den bewussten Ehrgeiz, über sie hinauszuklettern. So richtig wusste ich selber gar nicht, was ich da machte. Ich nahm, was kam – und gab, was ich besaß. In neun Tagen und Nächten warf ich, was wie von selbst sich bildete, auf dieses gelbliche Aktenpapier meines Vaters hin, wie man eine Gelegenheitssache aus dem Ärmel schüttelt, oder wie man bei lachendem Spiel einen Ball schleudert, den man nicht gewogen, und von dem man nicht ahnen kann, wie hoch er steigt und wohin er fliegt.

Die Kugel, die da ins Rollen kam, riss mein ganzes Leben hinter sich her. Aber damals hielt ich selber nicht sonderlich viel von der Sache und guckte verwundert drein, als Hans Neuert mich in der Freude über mein Geschreibsel umarmte. Er hobelte die etwas kantige Sache als theatralischer Praktiker zu, füllte die Lücken und Sprünge mit lustigem Episodenwerk – und so wurde das Stück vom Gärtnerplatztheater zur Aufführung angenommen. Der Regisseur Skikt, den ich auf Neuerts Rat als höflicher Theaternovize besuchte, sagte zu mir: „No ja, viel is net dran. Die jungen Leut glauben halt allweil, sie können’s besser. Aber no, drei- oder viermal wird’s schon gehen.“ Das war kein gutes Prognostikon. Aber was hatt’ ich denn zu verlieren? Ich lachte.

Dieser Winter hatte daneben mit einer schönen Sache begonnen, die mir das Blut viel heißer machte als der ganze Theaterkram. Zur Belohnung für mein Doktorexamen hatte Papa mir eine Jagderlaubnis im Hochgebirge erwirkt. Und der Forstmeister von Tölz nahm mich zur Gemsbrunst mit nach Fall. Er gab mir gute Lehren. „Nur ja nichts Schlechtes schießen! Einen Gemsbock heimbringen, der nicht schussbar ist, das gilt im Königreich Bayern als Staatsverbrechen.“ Und zum Jagdgehilfen Gsteiger, der mich führen sollte, sagte er: „Gelt, passen S’ mir auf! Der ist zum ersten Mal auf der Gemsjagd. Dass er keine Dummheiten macht! Sie sind verantwortlich.“ Der Gehilfe nahm es mit der Verantwortung sehr ernst. Schon beim Aufstieg schimpfte er: „Teifi, da hüat i liaber an Sack voll Flöh als so an narrischen Schüppel, wia Sö oaner san!“ Die Bergfreude rumorte in mir. Und natürlich war ich auch ‚echt’ kostümiert: Hemd mit offener Brust und kurze Hose mit nackten Knien bei Schnee und 5 Grad Kälte. An den Füßen schwer genagelte Flöße, die mich drückten ,und auf dem Buckel eine geliehene Büchse. Am zweiten Tag sahen meine beiden Knie wie geschälte Blutorangen aus, von denen es immer rot heruntertröpfelte. Aber fein war’s! Freilich, der Gasteiger schimpfte: „Himi Sakra, wenn S’ net gscheit san und dös verruckte Außihupfen über d’Latschen und d’Wandln net guat sein lassen, bind i Eahna meiner Seel an a Feichten oni, bis Eahna ’s narrische Bluat a wengl küahler weard!“ Immer musste ich lachen, oder schreien, oder rennen und verrückte Sprünge machen, oder tief atmen und staunen. Meine Seele genoss, wie die Heißhungrigen schlingen. Die Schönheit der Berge wurde für mich zu einem gesteigerten Wunder des Lebens, die Jagd zu einem fröhlichen Dolmetsch der Natur. Ich begann der Natur gegenüber anders zu sehen, anders zu hören, anders zu fühlen als früher. Was mir früher leblose Schönheit gewesen, begann sich jetzt für mich zu verwandeln in schönes Leben – nicht nur deshalb, weil dieser merkwürdige Gasteiger, wie von Gott und Mensch und Gemsbock, auch von jedem Stein, von jedem Latschenbusch und jedem Baum die Lebenswörter zu gebrauchen pflegte: Er möchte, er will, er tuat, er denkt, er sagt. Und als wir beide nach wundervollen Tagen, die mir wie blankes Silber meiner Jugend waren, den alten kapitalen, 70 Pfund schweren Gemsbock, den ich nach zwei unverantwortlichen Fehlschüssen mit der dritten Kugel gestreckt hatte, ins Tal hinunterbrachten, lagen im Zwirchgewölb des Försterhauses die beiden lausigen Schneider, mit denen der Forstmeister von Tölz zwei bayerische Staatsverbrechen begangen hatte. Herrgott, wie selig und stolz ich damals war! Der lange Förster Sagenbacher hielt es für dienstliche Pflicht, den Forstmeister ein bisschen grün zu waschen, und brummte: „Mei’, a Zuafall halt! Die jungen Heuschniggl haben halt allweil Schwein auf der Jagd, grad so wia in der Liab; ’s guate Zuig rennt eahna zua wie bsessen. Und nacher bilden sie si’ ein, sie können’s besser! No ja, in der Liab kon’s ja mögli sein. Aber auf der Jagd san mer no allweil die Alten liaber!“

So hab’ ich das gleiche Wort von den Jungen, die es besser zu können glauben, in diesem gleichen Winter zweimal zu hören bekommen.

Und der Gasteiger, als er mir zum Abschied die braune Tatze herbot, sagte lachend: „A Viech mit Haxen san S’ freili! Aber kommen S’ bald wieder! Ich hab mi fei’ guat unterhalten! Is scho wahr!“

Meinen Gemsbock kaufte ich natürlich und nahm ihn mit nach München. Und nun denke man sich das Aufsehen, das ich verursachte, als ich an einem der ersten Dezembertage mit offener Brust und mit nackten Knien stolz meinen Gemsbock im Rucksack vom Bahnhof durch die Kaufingerstraße und über den Residenzplatz zur Schönfeldstraße trug!

Beim Kriegsministerium begegnete mir ‚der geheime Kommerzienrat aus der Schönfeldstraße’, ein merkwürdiger alter Herr, der seit einiger Zeit in der Nähe unserer Wohnung häufig zu sehen war. Er schaute mir mit sonderbarer Verwunderung nach. Dabei drehte er nicht nur den Kopf, sondern drehte langsam die ganze massive Figur herum und blieb so auf der Straße stehen, die beiden Hände mit dem leise pendelnden Spazierstock hinter dem Rücken. Ein wuchtiger Stahlkopf mit weißem Seemannsbart und funkelnder Brille. Wer war dieser fremde alte Herr? Niemand kannte ihn. Für einen reisenden Kaufmann sah er zu vornehm aus, für einen reichen Privatmann viel zu ernst und viel zu gescheit. Er war immer sehr elegant gekleidet, fast modisch, trug unter dem straff sitzenden Winterrock eine helle Hose, auf dem weißen Bärenkopf einen taubengrauen Zylinder mit schwarzem Band. Und wenn er den Winterrock offen hatte, sah man im Knopfloch seines schwarzen Gehrockes ein mehrfarbiges Ordensbändchen. Drum nannten wir ihn den geheimen Kommerzienrat.

Als ich mich bei der Haustür noch mal umguckte, sah ich, wie der merkwürdige alte Herr zu meinem Anblick ernst den Kopf schüttelte, als wäre in ihm der halb erstaunte, halb barmherzige Gedanke: „Das ist ein Narr!“

Auch Papa sagte so was Ähnliches, als ich mit meinem Gemsbock heimkam. Und die Mutter schlug vor meiner etwas ruppig aussehenden Beute die Hände über dem Kopf zusammen: „Jesus, Bub, das alte zähe Luder kann ja kein Mensch nit fresse.“ Die missliebigsten Glieder der Verwandtschaft wurden mit Schlegeln, Bügeln, Wanteln und Ziemerstücken beschenkt. Freilich mir zuliebe behielt die Mutter auch ein kleines Stück für uns. Bei der Mahlzeit mussten die anderen immer in den Zähnen stochern. Und die Mutter sagte: „Der hat Flaxe wie eiserne Stacheldräht!“ Doch mir hat dieser Braten geschmeckt, so köstlich, dass ich den auserlesenen Hochgenuss gar nicht zu schildern vermag. Das ist ein Fluch aller Schriftstellerei: Man muss das Beste immer ungesagt lassen, weil man dafür nicht die ausreichenden und richtigen ‚Wörtlen’ hat.

Wie ich die Gemsjagd genommen hatte, so nahm ich in diesem Winter mein junges freies Leben in der Stadt. Und fast an jedem Sonn- und Feiertag schwitzte ich irgendwo da droben im Schnee der Berge. Ein unglaublich gesunder Winter war’s. Durch volle fünf Monate steht in meinem Tagebuch kein Liebeslied, keine lyrische Raserei des Blutes. Das freudige Hängen an der Natur und jede sportliche Kameradschaft mit ihr ist wirksamste Pädagogik zu reinlichem Leben. Was heutzutag in unserer zwanzigjährigen Jugend lebendig wird an Naturfreude, an Vorliebe für Sommerspiel und Wintersport, das soll man pflegen, schützen und fördern. Es wird ein gesünderes Geschlecht erziehen. Das Milieu meiner Jugend hat mir dieses Gesunde, Schützende um dreißig Jahre früher gegeben, bevor es Mode und dann verständige Schule wurde. Und schon vor fünfundzwanzig Jahren, als ich von München nach Wien übersiedelt war, ließ ich mir ein Paar Skier aus Norwegen kommen und sauste im Wienerwald mit Bauch und Nase gegen die Bäume, bis ich mit den langen Hölzern das Ausweichen lernte.

Gerade jener ‚lieblose’ Winter von 1879/80 war einer der fröhlichsten meiner Jugendzeit. Kam ich lachend und erfrischt, in Schnee und Sonne braungebrannt, von einer winterlichen Bergtour heim, dann wurde mir die Woche zu einem harmlos vergnügten Purzelbaum. Die Heiterkeiten wimmeln da in meiner Erinnerung so wirr und zahlreich durcheinander, dass ich einzelnes nimmer zu haschen, nimmer herauszuholen vermag. In jenem Winter wurde auch die Münchener Schlaraffia gegründet. Sie brachte malerisch fidele Nächte, brachte Freundschaft, die sich mit Kunst verbrämte. Und mein Vater nahm mich gerne mit in seine geliebte Schwadron der Pappenheimer, in eine prächtige, heitere Herrengesellschaft, in der sich Aristokraten und Bürger, Gelehrte und Kaufleute, Beamte, Offiziere und Künstler zu einem selten harmonischen Kreis vereinigten. Auf der Miniaturbühne dieser Schwadron machte ich mich als Festspieldichter nützlich oder trat als Schauspieler auf, als Flötenbläser, als Kunstschütze, als Minnesänger, als Clown, oder als Ballerine in Trikot und in kurzen Tarlatanröckerln.

Wie eine frohe, farbige Sache steht mir ein Jugendfest bei Paul Heyse in Erinnerung. Heyse, der Achtziger, ist schon ein bisschen grau geworden. Aber ich seh’ ihn noch immer mit dem braun gehelmten Olympierkopf von damals, mit den blanken Augen und dem Lächeln seines Wohlgefallens an der Freude der Jugend, die er in sein Haus gerufen hatte. Spätere Jahre brachten mir die Freundschaft des Dichters als wertvolles Geschenk, zu einer Zeit, da sein Werk schon ein Jahrzehnt mein Führer und Lehrer gewesen war. Vielleicht nur noch Maupassant gab mir technisch und stilistisch so viel Vorbildliches wie Paul Heyse. Vor mancher Seite seiner Bücher, auf der ich einen erregten Vorgang geschildert fand, konnte ich halbe Tage lang sitzen und nachgrübeln, wie er das fertig brachte: Mit den ruhigsten Worten die stärkste Bewegung zu schildern.

Es steigt noch ein anderes Dichterbild aus jener Zeit herauf: Hermann Lingg. Ich hatte ihn aufgesucht, weil’s mich sehnte, ihn kennen zu lernen. In dem kleinen Häuschen der Nymphenburgerstraße fand ich den früh gealterten Dichter mit dem prachtvollen, Ehrfurcht erweckenden Löwenhaupt zwischen engen, mit Büchern tapezierten Wänden. Er war sehr freundlich. Und saß in einem Lehnstuhl, die Beine mit einer wollenen Decke umwickelt. Immer rieb er die kalten Hände, während er sprach. Und beklagte sich über das kränkende Unverständnis, dem seine Völkerwanderung begegne. Immer war in seinen Augen ein suchender Blick, der mich schmerzte. Und als ich wieder draußen war in der Februarsonne, blieb’s noch lange wie ein drückender Alp auf mir. Es quälte mich die Frage: „Der ist doch ein Würdiger … wie wird es dir ergehen? Wird was werden aus dir? Oder wirst du unten bleiben? Oder halb in die Höhe kommen? Und wirst du dann auch im Lehnstuhl sitzen? Und frieren? Und klagen müssen über den Undank der Welt?“

Mir war’s ein erlösendes Aufatmen, als ich dann wieder einmal bei Karl Stieler saß – (jetzt hatte er einen feinen Pfälzer, der wie Veilchen und Rosen duftete) – und als ich dieses frohe, weltgläubige Lachen wieder hörte, wieder in diese heiter blitzenden Augen sah. Er wollte mir auch gleich wieder nützliche Schule halten. „No also, nur unscheniert raus mit die Liederln!“

„Da hab’ ich ein Haar drin gefunden. Jetzt mach ich keine mehr.“

Ein bisschen war’s gelogen. Denn ich hatte ein kleines Mondscheinlied gemacht. Ich rede nur von ihm, weil es eine Strophe enthielt, in der, vor dreißig Jahren schon, ein Grundwort meines Lebens ausgesprochen war:

„Und find’ ich nah das Schöne nicht,
So such’ ich’s in der Ferne,
Und glänzt die Erde manchmal nicht,
So glänzen doch die Sterne.“

Aber die Stunden, in denen die Erde mir nicht glänzen wollte, waren selten. Und nicht nur voller Sterne hing mir der Himmel, auch voller Geigen. In jenem Karneval kam ich wieder einmal drei Tanznächte nicht ins Bett. Dass ich am Tage nicht schlief, das ist doch selbstverständlich. Die Tage muss der Mensch benützen. Und nach einem zweiundsiebzigstündigen Wachen und Lachen besuchte ich am Faschingsdienstag Vormittags 11 Uhr – um nur ja nichts zu versäumen – die Karnevalsaufführung des Hoftheaters.

Doch ehe der Vorhang hochging, schlief ich schon. Und als der Billetteur mich weckte, war ich der letzte und einzige ‚Zuschauer’ in dem entleerten, bereits verdusterten Haus. „Sie“, sagte der Brave in dem blauen Tressenrock, „jetzt müssen S’ aber heimgehn! Wissen S’, länger als a Stuck dauert, därf man im Hoftheater net schlafen.“

Und bald darauf ein unerhörtes, ein Herz und Seele schüttelndes Erlebnis! Die Uraufführung von Ibsens Nora im Residenztheater. Dieses Stück ist niemals wieder auf einer deutschen Bühne besser gespielt worden als damals in München. Das war ein Vollendetes. Und versank. Und wird niemals wiederkommen. Eine glückliche Fügung – das Wort Zufall wäre minderwertig – hatte am Residenztheater eine Schar von Künstlern versammelt, unter denen sich für jede Gestalt des Stückes der beste, der vollkommene Darsteller fand. Frau Ramlo spielte die Nora, und sie blieb die einzige klassische Interpretin dieser Rolle – die Dahn-Hausmann gab die Frau Linde, Possart den Doktor Rank, Häusser den Krogstad. Und Herr Knorr, sonst ein sehr mäßiger Schauspieler, war mit dem Apblom seines Äußeren, mit seiner hohlen Schwäche der geborene Helmer, in dem er die Rolle seines Lebens fand. Gegebene Natur und meisterhaftes Können vereinigten sich in dieser Aufführung zu einer Harmonie und Wirkung ohnegleichen.

Ich hatte einen Platz auf der kleinen, mit fünfzig Menschen dick angepfropften Galerie über der Königsloge. Was ich hörte und sah, umklammerte mir das Herz, schnürte mir die Kehle zu, machte mich schwitzen und frieren, machte mich zittern in allen Fibern meines jungen Lebens. Ich fühlte: Da ist ein Neues, da ist ein starker und grandioser Mensch, der Tiefen aufreißt und Höhen zeigt, in Zorn verdammt und doch in Hoffnung begnadigen möchte, Morsches vernichtet und Würdiges erbauen will, die Menschen aufwärts zieht aus Schlamm und Ekel, und für die Zukunft des Lebens klare, reinliche Straßen weist.

Nach dem zweiten Akt – nach der Tarantellaszene neben dem geplünderten Christbaum – stürzte ich aus dem engen schwülen Raum in den Korridor hinaus, setzte mich auf den glatten Boden hin, vergrub das Gesicht in die Hände und brach in Schluchzen aus. Leute standen um mich herum. Keiner lachte, keiner sprach. Und dann pressten sie sich schweigend wieder hinein in diesen engen Theaterkäfig. Einer, ein junger Mensch, beugte sich zu mir herunter und flüsterte: „Es geht wieder an.“

Während des letzten Aktes stand ich ganz hinten im Winkel, konnte die Bühne nimmer sehen, konnte nur noch die Stimmen der Schauspieler hören, die offenbarende Stimme des Dichters. Und als Herr Knorr als Helmer seine letzte, ratlose und doch von einer Hoffnung durchzitterte Frage gestammelt hatte: „Das Wunderbare?“ – und als der Schlag einer schweren Türe dröhnte, die sich schloss – und als der Vorhang herunterging, war dumpfe Stimme im ganzen Haus. Mir hämmerte das Herz bis in den Hals herauf. An allen Gliedern war ich wie versteinert. Jener junge Mensch redete mich wieder an. Er sagte: „Ich weiß nicht … aber ich glaube, das Stück ist aus?“

Langsam und still verließen die Menschen das Theater. In der Garderobe sahen die Leute einander komisch an. Einen hörte ich fragen: „Haben Sie das verstanden?“ Ein anderer sagte: „Schade! Wenn das Stück nicht diesen unmöglichen Schluss hätte…“

Ich rannte in die Nacht hinaus, rannte stundenlang in den Straßen herum.

Und am andern Nachmittag – ein Donnerstag war’s – begann das literarische Gezänk im Caféhaus. Immer wieder hieß es: Ein realistischer Fotograf, ein unfruchtbarer Negierer; Gestalten, die als Wahrheit beginnen und dann Hohn und Lüge werden; Beleidigung der Gesellschaft; Zynismus gegen die Heiligkeit der Ehe; Nora, diese hysterische Person, die weder Weib noch Mutter ist; und dieser widersinnige Schluss, dieses undramatische Fragezeichen.

Ganz rasend machte mich das. „Seid ihr denn blind? Der? Ein Realist? Ein Verneiner? Das ist doch einer, der die Menschheit liebt? Seit Goethe war kein solcher Bejaher mehr da! Ein Idealist vom reinsten Wasser! Was ihr Realismus an ihm nennt, das ist doch nur eine äußerliche Form, ein Kappl, das er aufsetzt, weil es ihm gerade so passt. Und dieser Schluss ist doch der einzig richtige! Es kann keinen andern geben. Dieser Schluss ist ein Aufrütteln. Ibsen schreit vom Theater herunter: ‚Menschheit, hier ist das Problem deiner Entwicklung zur Höhe, jetzt such’ es zu lösen an dir selbst! Ich, der Dichter, zeige dir den Weg. Gehen musst du ihn!“

Die Köpfe wurden heiß. Wo man hinkam in diesen drei Tagen, überall der Streit um den Schluss der Nora.

Und am Sonntag, daheim beim Mittagessen, bekam ich eine Karte, die mich fiebern machte. Frau Rüthling – die Gattin des beleibten Schauspielers, der einem unheilbaren Leiden entgegendämmerte – galt in jener Zeit als die Aspassia von Isarathen. Ihr Haus war der literarische Salon von München. Und nun schrieb sie mir: „Heute können Sie bei uns ein Erlebnis haben. Henrik Ibsen wird kommen.“

Ich konnte dieses Große kaum erwarten und war am Nachmittag der erste in dem mit Kunstschätzen voll gepfropften Salon der Frau Rüthling. An die zwanzig Leute erschienen. Aufregendes Warten. Die Hausglocke bimmelt. Er kommt! Alle schweigen. Die Türe geht auf. Und wer steht da? Mein ‚geheimer Kommerzienrat aus der Schönfeldstraße’! Zuerst gab’s mir einen Stoß. Ich erholte mich wohl gleich. Aber so kann’s gehen, wenn man den Wert der Menschen nach Äußerlichkeiten taxiert!

Ibsen blieb nicht lange. Er schien sich auf dem Präsentierteller äußerst unbehaglich zu fühlen. Und redete sehr wenig, mit einer hohen langsamen Stimme. Fing eine Dame von der Nora zu schwärmen an, dann sprach er sehr ängstlich vom Wetter. Sein Abschied war wie eine Flucht.

Damals, bei dem Sturm, den die Nora in mir aufrüttelte, vergaß ich beinah meines eigenen Stückes. Und dachte ich dran, so war’s mir eine Unbehaglichkeit. Ich empfand zu deutlich die Distanz zwischen meinem unreifen Versuch und diesem Meisterhaften und Neuen, dessen Wert ich heiß empfand.

Man hatte mit der Inszenierung des Herrgottschnitzers schon begonnen. Frau Hartl-Mitius spielte die Loni, Frau Schönchen die Traudl, Neuert den Pechlerlehnl, Albert den Herrgottschnitzer, Hofpauer den Geißbuben, Brummer den Muckl. Und der ‚alte Lang’ wirkte noch in einer kleinen Episode mit. Ich kümmerte mich nicht viel um die Inszenierung. Als ich auf Neuerts Drängen endlich zu einer Probe kam und hinter den Kulissen der berühmten Schönchen vorgestellt wurde, fragte sie: „Wo bleibt denn Ihr Herr Papa?“

„Mein Papa? Warum? Soll der denn kommen?“

„Schaut er sich denn bei der Prob sein Stück net an?“

„Aber das Stück ist doch von mir.“

„Von Ihnen?“ Die Schönchen guckte verwundert mich jungen blonden Menschen an; und ich sah noch viel jünger aus, als ich war. „Ah, so was! Von Ihnen? Ja wie alt sind denn Sie?“

„Bald fünfundzwanzig.“

„Bald? Können Sie’s schon nimmer erwarten?“ Die Schönchen lachte. „No, passen S’ auf, später, da geht’s gschwinder. Da heißt’s nacher allweil: schon!“

Der Abend der Aufführung kam – dieser 11. März 1880. Papa tröstete mich immer, wie in Sorge, dass es mir übel ergehen könnte. Und die Schwestern kicherten, sooft sie mich ansahen. Nur Mama, die sich zuerst gegen den Besuch der Aufführung heftig gesträubt hatte, war voll des besten Glaubens, aber schrecklich aufgeregt – so aufgeregt, dass sie Opiumtropfen nehmen musste. Lachend sagte sie: „Sonst muss ich am End aus deiner Komödi raus, wenn’s grad am allerschönste wird.“

Die Eltern gingen früher ins Theater als ich. Mir pressierte die Sache nicht. Ich las noch was. Und versäumte den ersten Akt. Auch im Theater befiel mich keine Spur von Aufregung, eher ein Gefühl des Unbehagens – ich kam mir hinter den Kulissen sehr überflüssig vor.

Das Stück gefiel.

Und als da draußen dieses Plätschern und Rauschen war, fasste mich jemand bei der Hand und zog mich hinaus auf die offene Bühne. Das grelle Licht der Rampe blendete meine Augen. Immer wieder. Ein halbdutzendmal war ich schon da draußen gewesen und hatte noch immer nichts gesehen. Als man mich wieder hinauszerrte, sagte ich zu mir: „So schau doch einmal richtig hin!“ Und da sah ich nun plötzlich das weite Haus, diese große, von Menschen wimmelnde Höhle. Die vielen weißen zappelnden Hände hatten etwas Komisches. Und als ich die vielen kleinen dunklen Punkte in den tausend geblichen Gesichtern sah, befiel mich die Empfindung, als griffe mir eine gefährliche Faust an den Hals. Hinter den Kulissen sagten sie alle: Das wäre ein schöner Erfolg. Aber ich konnte zu keiner rechten Freude kommen.

Auf der Straße, neben dem Bühneneingang, fand ich die Eltern, die mich erwarteten. Vater und Mutter schienen die Rollen getauscht zu haben. Papa war froher Laune und lachte: „No also, es ist ja ganz gut gelaufen.“ Mama war still und nachdenklich. Aber sie hängte sich in meinen Arm ein, während wir in der Nacht zwischen vielen Menschen heimgingen. Immer wieder, vor und hinter und neben mir, konnte ich Worte hören, die mich merken ließen, dass diese fremden Menschen im Theater fröhlich gewesen waren. Nun begann ich auch etwas Warmes und Frohes in mir zu fühlen. Und ich musste die Mutter fragen: „No, Mutterle, warum bist du denn so schweigsam? Hat’s vielleicht dir nicht gefallen?“

„Doch, Bub,“ sagte sie leise, „ich glaub, du hast da was ganz Ordentliches gemacht. Jetzt musst du dich aber zusammennehmen und schauen, dass du ein bisserl weiter kommst.“

Ich begleitete die Eltern bis zur Haustüre, küsste Mutter und Vater, und ging ins Café Paul, wo die Schauspieler waren. Hier wurde ich lustig. Es gefiel mir, dass Hans Neuert und ich so nett gefeiert wurden.

In meinem Tagebuch von damals steht kein Wort über den Ausgang der Premiere, keine Zeile über den Herrgottschnitzer. Nur der Theaterzettel des ersten Abends ist eingeklebt.

Man gab das Stück alle paar Tage, immer bei gutem Besuch. Und wurde ich in dieser Zeit irgendwo mit Namen vorgestellt, dann bekam ich häufig die Frage zu hören: „Sind Sie vielleicht verwandt mit dem Autor des Herrgottschnitzers?“ Kam es auf, wie nah ich mit ihm verwandt war, so hieß es gewöhnlich: „Nein! Den hätt’ ich mir aber älter vorgestellt!“ Dabei geriet ich in ein unbehagliches Dilemma. Entweder war das Stück so gescheit, dass man es einem jungen Hund mit grünen Ohren nicht zutraute – oder es war so altmodisch, dass man keinen jungen Pulsschlag drin verspürte. Bei meinem Mangel an Eitelkeit neigte ich dieser letzteren Ansicht zu und wurde von dieses Gedankens Blässe ein bisschen schmerzlich angekränkelt.

Eines Nachmittags im sonnigen März besuchte ich mit der Mutter den Salvatorkeller auf dem durch Millionen Räusche berühmt gewordenen Nockherberg. Nicht weit von unserem Platz war ein Tisch mit Studenten. Einer der jungen Leute erkannte mich und trank mir zu: ‚Prost Herrgottschnitzer!’ Ein Getuschel am Tisch da drüben. Dann begannen sie alle im Takt mit den Krugdeckeln zu klappern und sangen immer das gleiche Wort: ‚Herrgottschnitzer, Herrgottschnitzer, Herrgottschnitzer …’

Der ganze Saal, in dem ein paar tausend Menschen waren, begann aufmerksam zu werden, und der Kanon pflanzte sich fort von einem Tisch zum andern: ‚Herrgottschnitzer, Herrgottschnitzer, Herrgottschnitzer …’

Mama lachte, dass ihr die Tränen kamen. Mir war bei diesem Radau nicht recht gemütlich und ich wollte Reißaus nehmen. Aber gleich hatten mich ein paar Studenten und zwei himmelblaue Kürassiere beim Wickel. Auf festen bayerischen Schultern wurde ich unter dem Hallo von zweitausend Menschen durch den Saal getragen. Und Mama, die bei jedem Spaß immer gleich dabei war, hatte einen drolligen Einfall, tänzelte hinter mir her, kopierte die ‚Frau Rat’, zog im Menuettschritt den Rock auseinander und knickste bei jedem Tisch: „Ich bin die Mutter Ganghofers.“ Das war heiter und parodistisch gemeint. Aber heimlich funkelte doch auch ein bisschen Stolz im Herzen meiner guten Mutter.

Und am Abend, als wir in der Frühlingsdämmerung heimwanderten, alle beide vom schweren Salvator und von dem lustigen Triumph ein bisschen angeschwipst, tat die Mutter plötzlich einen von ihren brunnentiefen Seufzern und sagte: „Ach, Bub, wenn ich jetzt noch wisse tät, ob der ander auf’m Weltmeer drauße guts Wetter hat, da könnt ich heut mit’m liebe Herrgott ordentlich zfriede sein!“

Dann kam eine beklemmende Enttäuschung. Der Besuch des Stückes in München begann sehr bald abzubröseln. Nach der 17. Aufführung verschwand es vom Repertoire. Und mit Ausnahme von ein paar kleinen Provinztheatern kümmerte sich keine Bühne drum.

Wäre nicht wegen eines zweiten Berliner Gastspiels der bayerischen Volksschauspieler schon alles abgeschlossen gewesen – wer weiß, ob die Münchener jetzt, nach dem Versagen in der Heimat, noch den Mut gefunden hätten, das Berliner Wagnis zu erneuern. Aber alles war kontraktlich schon festgelegt. Sie mussten reisen. Doch ohne den Herrn Deppe. Den hatte sein glücklicher Einfall vom vergangenen Jahr auf eine schmale Bank gesetzt. An seine Stelle trat ein neuer Impresario. Der konnte nun eine zehnjährige Ernte von dem klingenden Samen halten, den Herr Deppe in unsicheren Boden gesät hatte.

Die Münchener hatten diesmal in Berlin nur ein einziges neues Stück: den Herrgottschnitzer. Am ersten Abend gab’s einen stürmischen Erfolg, der Tag für Tag einen ganzen Monat lang das Haus bis auf den letzten Stehplatz füllte. Die Anerkennung der Presse war einstimmig. Ich selber machte große Augen zu dem freundlichen Wunder, das die Berliner Kritik mir da zu erleben gab. Und am 7. Juni 1880 schrieb Berthold Auerbach an Jakob Auerbach: „Gestern sah ich ein Stück der Münchener Schauspieler, ‚Der Herrgottschnitzer von Ammergau’, ein Stück ganz im Dialekt, auch in den Empfindungen voll warmer Naturlaute und überhaupt ganz naturalistisch, dabei aber mit geschickten theatralischen Kontrasten und auch einigem theatermäßigem Aufputz. Ich konnte erst lang nach Mitternacht zur Ruhe kommen, so bis ins tiefste regte mich diese neue Fassung des Volkslebens auf. Es ist offenbar, es ist ein Schritt weiter geschehen, als ich wagte oder vielleicht auch konnte. Dennoch glaube ich, dass meine Haltung und Fassung mehr der Dauer der Kunst entspricht.“

Als die Münchener heimkehrten zur Isar, wurde der Herrgottschnitzer im Theater am Gärtnerplatz wieder hervorgeholt und über hundertmal gespielt. Er war in Berlin zu Beinen gekommen, mit denen er über alle Bühnen wanderte bis nach Amerika und Australien. Ein bisschen lebt und zappelt er noch heute. Aber viel Staub der wechselnden Zeiten ist ihm auf Kopf und Herz gefallen. Vor dreißig Jahren nahm man ihn als naturalistisch, heute wird er unter die Schmachtlappen eingereiht. Alles Urteil in künstlerischen dingen ist eine Relation der Zeit, in der es sich bildet. Unter Doppelsichtigen muss der Einäugige zum Blinden werden. Und dann kommen wieder Seher mit den leeren Augenhöhlen. Die wissen alles am besten.

Nach der ersten staunenden Verdutztheit begann ich mich damals meines Erfolges langsam zu freuen. Und für die bescheidenen Verhältnisse, an die ich gewöhnt war, verdiente ich so reichlich, dass ich eines Abends daheim in der kleinen Stube sagte: „Mutterle, wenn das so weitergeht, dann bau ich nächstes Jahr ein feines Haus für uns alle!“

„No, no, no, werd nur nit übermütig!“ Die Mutter lachte. „Unser Herrgott wird schon der Geiß das Schwänzle net gar z’lang wachse lasse.“

Mama war eine von jenen Prophetinnen, deren Weisheitssprüche sich zu erfüllen pflegen. Ein paar Monate später gehörte der Herrgottschnitzer einem Agenten. Der verdiente mit dem Stück ein großes Vermögen. Ich hatte nichts. Aber ich war ausreichend gesund, um über die Suppe lachen zu können, die mein Leichtsinn mir eingebröckelt hatte. Und Reue? Nein! Torheiten, die man einsieht, braucht man nicht zu bereuen. Sie erweisen sich fürs kommende Leben als nützliche Dinge. Wäre die Goldamsel des Herrgottschnitzers nicht gerade noch rechtzeitig aus meiner kleinen Stube in einen fremden Käfig geflogen – wer weiß, vielleicht wäre ich bei diesem ungewohnten Schwimmen im schnöden Mammon zum unverbesserlichen Verschwender geworden, zu einem Verbrecher wider die beste Kraft meiner Jugend? Sorge und Schulden – die plötzlich da waren, ich wusste nicht wie – erzogen mich zu einem zähen Arbeiter und schließlich zu einem relativ vernünftigen Exemplar der Schöpfung. Alles hat sein Gutes. Der Gang meines Lebens lehrte mich an diese Wahrheit glauben.

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