Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 4

Ich schilderte, wie ich nach Kaffee und Butterbrot zum Kampf schritt. Und da mag es nun romantische Seelen geben, die mich als sicheren Schützen und als kaltblütigen Helden bestaunen möchten. Ich muss sie enttäuschen – Wahrheiten enttäuschen immer. Ich kann nicht Mut und Blut und Seelenruhe schildern, kann nur von einem lustigen Tag und einem Abend mit schwer verdorbenem Magen berichten.

Wir fuhren schweigend zum Bahnhof, mein Sekundant und ich. Als wir den Wartesaal betraten, waren meine Gegner mit ihren zwei Sekundanten schon vorhanden. Sie saßen an einem runden Marmortisch. Wir alle waren Duzbrüder des A.L.V. Nun taten wir, als hätten wir uns nie gesehen. Nach ritterlicher Sitte pflegt man sich erst auf dem Kampfplatz zu begrüßen.

An einem anderen Tisch saß der Unparteiische mit dem Arzt. Die beiden guckten sehr würdevoll drein.

Weil bis zum Abgang des Zuges nach Neustadt-Eberswalde noch Zeit war, frühstückten wir noch mal: Frankfurter Würstln mit Meerrettich. Doppelte Portion! Erstens hatte ich wirklich Appetit, und zweitens kalkulierte ich: Vor einer Pistolenmensur mit Genuss zu speisen, das macht einen guten Eindruck. Da denken sich doch die anderen: Der denkt nicht ans Sterben! – Sehr schneidig biss ich in die Würstln hinein. Nicht nur beim Hazardspiel und in der Liebe, auch bei Ehrenhändeln muss man mit Psychologie arbeiten.

Während ich schmauste, fiel mir ein eleganter Herr auf, mit Zylinder und grauer Hose. Der ging immer so merkwürdig im Wartesaal hin und her und guckte so eigentümlich. Und dieses Gesicht? Wo hatt’ ich nur dieses Gesicht schon gesehen? Richtig! Bei der Auffahrt zur Reichstagseröffnung. Der Polizeileutnant! Der mir die kleine Perle von Meppen gezeigt hatte. Und im gleichen Augenblick, als ich ihn wieder erkannte, ging er rasch auf meine beiden Gegner zu und sprach sehr höflich mit ihnen. Sie bekamen kreideweiße Gesichter und sahen sehr erschrocken drein. Und wie die Ölgötzen bleiben sie sitzen, während der Herr mit dem Zylinderhut rasch zu uns herüberkam. Er fragte: „Die Herren Ganghofer und Brociner?“

„Ja.“

„Sie sind verhaftet. Ich ersuche Sie, mir ohne Aufsehen zu folgen.“ Er winkte zum anderen Tisch hinüber. Und dann ging er neben uns sechsen her und führte uns in ein Amtszimmer des Bahnhofes. Halb war ich perplex und halb empört. Der Herr, der seinen Zylinderhut weggelegt hatte, zog die Handschuhe aus; von uns sieben war er der einzige, der welche hatte. Er sprach: „Ich bedauere, die Herren Sekundanten einer Leibesvisitation nach Waffen unterziehen zu müssen.“

„Na,“ dachte ich aufatmend, „da wird er sich schneiden!“ Denn wir sollten die Waffen erst draußen in Neustadt-Eberswalde von einem Korps der Forstschule bekommen. Sehr harmlos begann ich Aufklärungen über diese ‚unmotivierte Verhaftung’ zu fordern, sprach von Irrtum und Missgriff der Polizei und hoffte noch immer, dass wir da entwischen und unser grimmiges Ehrenwerk vollenden könnten. Der Herr Polizeileutnant schien gar nicht zu hören, dass ich sprach. Aufmerksam griff er den Sekundanten meiner beiden Gegner in alle Taschen und unter die Westen. Brociner, als die Visitation bei ihm begann, war unerklärlicherweise das verkörperte Bild eines belasteten Gewissens. Krampfhaft hielt er den Rock zusammen und beteuerte: „Ich habe nichts, ich habe nichts, ich gebe mein Ehrenwort, dass ich keine Waffe habe!“

Ich mahnte: „Lieber Freund, was liegt denn dran, wir sind doch keine Verbrecher, der Herr wird seinen Irrtum einsehen, lassen Sie sich doch in aller Gemütsruhe visitieren!“

Er blickte kummervoll zu mir auf. „Mir ist das nicht angenehm …“ Und krampfhaft zog er wieder die Rocksäume übereinander.

Es schoss mir ein erschrockner Gedanke durch den Kopf. Um Gottes willen, er wird doch nicht irgendwas Verfängliches von seinen russischen Freunden oder aus dem sozialdemokratischen Lager in der Tasche haben? Dann wird er hopp genommen und aus Deutschland abgeschoben! Während ich grübelte, wie ich durch einen glücklichen Einfall die Aufmerksamkeit des Polizeibeamten ganz auf mich allein lenken könnte, klagte Brociner in wachsender Erregung: „Ich gebe mein Ehrenwort, ich gebe mein Ehrenwort …“

„Soooo?“, sagte der Leutnant in der grauen Hose triumphierend. „Aber ich fühle doch hier eine Pistole!“

Brociner, mit der Miene eines in sein Schicksal ergebenen Menschen, sträubte sich nicht länger gegen die Enthüllung dieses Geheimnisses. Und aus seiner Brusttasche zog die flinke Hand des Polizeibeamten eine kleine Kognakbulle in Form eines Bocksbeutels heraus. Nun Mussten wir alle lachen. Nur der Leutnant in der grauen Hose war ein bisschen verlegen. Doch er fasste sich rasch und gab meinem mädchenhaft errötenden Freunde das Kognakfläschchen mit einer höflichen Verbeugung zurück: ‚Sie hatten wohl für das blutige Schauspiel dieses Morgens eine kleine Herzstärkung nötig?’ Er nahm den Zylinderhut. ‚Die Herren Sekundanten brauche ich weiter nicht zu behelligen. Die Herren Gegner muss ich ersuchen, mit mir zum Polizeipräsidium zu fahren.’

Das wurde unter dem Dach des geschlossenen Viersitzers eine unerquickliche Kutschiererei.

In dem grauen Haus der staatlichen Ordnung nahm uns ein sehr würdevoller Polizeirat ins Gebet. Es war nichts mehr zu leugnen, nichts mehr zu bekennen. Die Polizei wusste schon alles. Meine beiden Gegner hatten auf ihrer Bude ein bisschen laut von unserem Unternehmen gesprochen, die Hausfrau hatte gelauscht, alles erschnappt, und die dumme Urschel war schnurstracks auf die Polizei gelaufen. Und nun ließ uns der Polizeirat diese Alternative: Entweder sofort in Untersuchungshaft zu wandern, oder uns vor seinen Augen auf Ehrenwort zu versöhnen. Als leidlich vernünftige Menschen zogen wir alle drei das letztere vor und verließen mit gutem Humor und als neu vereinte Freunde den Polizeipalast. Die Sekundanten erwarteten uns beim Tor. Nun lachten wir alle sechse, und lustig wirbelte in uns die Freude des unbeklecksten jungen Lebens. Natürlich hielten wir gleich ein lukullisches Versöhnungsmahl, zu dem wir den netten Herrn Polizeileutnant einluden, welcher Schultze hieß.

Wir schmausten mit Genuss und becherten lustig. Brociner wurde wegen der ‚Pistole’ ein bisschen gehänselt. Er lachte dazu, nahm mich unter den Arm und sagte herzlich: „Ja, ich habe mich schrecklich aufgeregt. Die ganze Nacht hab’ ich kein Auge zugemacht, und in der Früh war mir elend. Sie wissen doch, wie ich Ihren Vater und Ihre Mutter verehre. Und Ihnen bin ich doch gut. Aber ich weiß doch, was für ein Krawallkäfer Sie sind! Ich habe schreckliche Angst um Sie gehabt. Und Wildenbruch auch. Dem hab’ ich schon Botschaft geschickt, dass alles gut abgelaufen ist.“

Aber ganz gut lief die Sache doch nicht ab. Unsere Bowle war stark wie ein Ochse. Und wir becherten wie die Bürstenbinder, begossen unser unversehrtes Leben immer wieder mit einem Ganzen. Im Viertelrausch feierten wir unseren ‚neuen Freund Schultze’ mit langen Reden. Dieses sechseckige Zutrinken warf den Tapferen aus dem Sattel des dreibeinigen Wirtsstubengaules. Um vier Uhr lag er – ich will nicht behaupten, dass er unter dem Tisch lag – aber irgendwo lag der Polizeileutnant. Und blieb da liegen.

Als ich heimkam in meine schiefe Bude, umarmte ich die gute Frau Henkel und las die an Vater und Mutter geschriebenen Briefe nochmals, bevor ich sie verbrannte. Dabei wurde ich völlig nüchtern. Und jetzt – diesen wehen und ungeschickten Worten gegenüber, die ich da in das Herz meiner Mutter hinein geschrieen hatte, und bei den Bildern, die aus diesen Worten vor mir auftauchten – jetzt fuhr mir die verspätete Aufregung in die Eingeweide wie ein Messer, das sich sieben Mal in mir umdrehte.

Am Abend war Friedensfeier im A.L.V. Ich konnte nicht heiter werden. Mir war nicht wohl. Ich hielt dieses Wühlende in mir für einen schwer verdorbenen Magen. Die Freunde rieten mir als Gegenmittel saure Rollmöpse an. Gehorsam verschluckte ich zwei von diesen schauerlichen Essigschlangen. Sie wirkten verhängnisvoll. Mit Symptomen, wie sie der Seekrankheit schwersten Kalibers voranzugehen pflegen, stieg ich in eine Droschke. Unter den Linden begann die Katastrophe. Sie dauerte bis weit hinunter in die Luisenstraße.

Dann schlief ich wie ein Stein. Bis zum anderen Nachmittag.

So sehen die Tragödien der Jugend aus, wenn das Schicksal einen Schattenstrich dabei vergaß. Diese Vergesslichkeit wirkt wie das wohlwollende Lächeln einer Sphinx. Auch die große, steinerne Bestie hat Humor. Man braucht ihn nur ein einziges Mal in ihren Augen gesehen zu haben, dann glaubt man für immer dran, und ihr Antlitz verliert die Züge des Schreckens.

Während der folgenden Wochen blieb ich viel daheim, schrieb fleißig an die Mutter und arbeitete fest. Bei den Gedankenspielen, die mir jenseits einer überbrückten Tiefe kamen, drängten sich mir zwei neue Stoffe auf: Ein heiteres Epos ‚Der Trinker von Rothenburg’ – die Geschichte jenes braven Bürgermeisters, der nicht durch berserkerische Tapferkeit, sondern durch einen gesunden, imponierenden Schluck seine bedrohte Stadt vor der Vernichtung rettet – und eine Tragikomödie ‚Nero’, in der ich zwischen rauchenden Blutbächen die humoristischen Linien an einem Wüterich der Weltgeschichte finden wollte.

Neben diesen Arbeitsplänen kam für mich eine wunderliche, aufregungsvolle Zeit: Der Druck meiner Gedichte. Es war ja von mir schon mancherlei in Zeitungen erschienen. Aber ich selber hatte dieses journalistische Geplänkel nie recht ernst genommen. Erst jetzt begann ich aus dem Wundertopf der Druckerschwärze richtig Blut zu lecken. Dieses Gleichnis hinkt, es stimmt nicht in der Farbe. Doch sein Sinn ist zutreffend. Der Anblick des ersten Korrekturbogens hat für eine dreiundzwanzigjährige Poetenseele etwas Berauschendes, auch etwas Gefährliches. Aus diesen sechzehn Seiten ruppigen Papiers, aus den mystischen Tüpfelaugen dieser schwarzen, winzigen Kobolde quillt etwas Rotes und Brennendes heraus, etwas unheimlich Dampfendes. Zum ersten Mal steht ein dunkler, unbekannter Name scharf und deutlich gedruckt auf dem Anfangsbogen eines werdenden Buches! Es erwachen da Gefühle, wie sie heutzutage ein Mensch empfinden muss, der das Fliegen lernt. Vorerst eine Trunkenheit, bei der man kein präzises Schauen mehr fertig bringt. Doch im schwimmenden Rausch dieser wunderlichen Freude kommen klare, Herz bedrückende und Hals würgende Minuten. Da hat man hell und schmerzend die Empfindung: Jetzt spielst du mit deinem Leben; was dich erhöhen oder vernichten wird, liegt nicht in der Kraft deines Willens, nur im Kern des in dich gelegten Wertes, den du selbst nicht zu erkennen, nicht zu bestimmen vermagst; du stehst vor dem Zinken eines Scheideweges, von dem der eine Pfad zur Höhe, der andere zu Enttäuschung, Lächerlichkeit und Verzweiflung führt, und da springst du mit geschlossenen Augen los, ohne zu wissen, ob du festen, steigenden Boden unter den Füßen behalten oder ins Leere purzeln wirst.

Nach der Ratlosigkeit solcher Stimmungen ist immer gleich der hoffnungsduselige Glaube wieder da. Man wird gedruckt! Das heißt: Jetzt fängt eine neue Epoche der Menschheit an, eine Umwälzung aller Dinge, die man als deutsche Kunst und Literatur bezeichnet. Ja! Das glaubt man! Bei dreien oder vieren, welche deutsche Verse schrieben, kam es auch so. Bei tausend anderen, die es glaubten, war es ein Irrtum. Da zählt der meine nicht als eitles Verbrechen mit, nur als heitere Notwendigkeit. Könnte man im ‚Anfang aller Dinge’ solchem Irrtum nicht verfallen, dann begänne man seinen Weg auf dem Boden der Kunst als Lump, als Heuchler und ekelhafter Macher – oder als etwas Schlimmeres noch: als bewusster Dilettant.

Schöner, berauschender Glaube! Dieser Glaube an sich selbst! Doch bevor ich noch den letzten Korrekturbogen erledigt hatte, war dieser Glaube zerstört, zerrieben, zerbröselt. Im Manuskript hatten mir die meisten dieser Lieder und Gesänge sehr gefallen. Doch während ich die Korrekturen und Revisionen las und Vers um Vers immer wieder vornahm, wurden mir diese Gedichte immer schrecklicher. Ach, diese fürchterlichen Tage und Nächte vor der Platte meines Biedermeiersekretärs! Die gute Frau Henkel wollte sich’s gar nicht ausreden lassen, dass ich an einer schweren, ‚det Jehirne anjreifenden’ Krankheit litte. Ich erinnere mich, dass ich spät in einer Nacht, als die brave Seelemir wieder einmal mit Kamillentee kam und mich ins Bett schicken wollte, verzweifelt schrie: „Aber liebe, liebe Frau Henkel! Ich bin nicht krank! Sie sehen: Ich dichte doch nur!“ Das hielt sie für noch gefährlicher als Nervenfieber und Gehirnerweichung.

Ich änderte, hobelte und feilte mit zäher Verbissenheit. Ging der Revisionsbogen fort, dann war ich überzeugt: „So ist es gut!“ Erhielt ich den gedruckten Bogen, dann war das Zähneknirschen der Verzweiflung wieder da.

Schließlich bekam ich von der schlummerfernen Ruhelosigkeit dieser ‚Korrekturnächte’ wirklich einen schweren Klaps an meiner sonst sehr festen Gesundheit. Frau Henkel triumphierte als Prophetin. „Wenn ick et nich jesagt hätte! Nu haben wir die Bescherung!“ War es nur ein Nervenschock? Oder war’s eine Lungenentzündung? Denn ich musste bei kühler Nacht in der Glut meiner Qual immer alle Fenster aufreißen. Die Sache ging an 42° Fieber vorbei.

Nach zwölf Tagen war ich wieder leidlich in Ordnung. Während der Rekonvalszentenwoche – im frühen Frühling, der schüchtern grünen wollte – erlebte ich ein liebes kleines Abenteuer, einen Extrakt-Roman in drei Stunden und drei Kapiteln: sich finden, beisammen sein, Abschied für immer.

Um Frühlingsluft zu trinken, war ich an einem milden, zauberblauen Tag zum Wannsee hinausgefahren. Es ging auf en leuchtenden Abend zu. Zwischen Stauden, an denen die Knospen dufteten, und zwischen dem leise glucksenden Wasser ging ich am Ufer so hin –

„Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.“

Und plötzlich steht in der Abendglut ein junges hübsches Mädel vor mir, scheint erschrocken und erfreut, sieht mich mit großen, herzlichen Augen an und lächelt.

„Bitte … sind Sie nicht der Herr, der mich in der Nacht einmal, vor einem Vierteljahr, in der Luisenstraße gegen einen abscheulichen Menschen beschützte?“

Findlingskinder, mit denen es das Schicksal gut meint, pflegen ein charakteristisches Muttermal zu besitzen, mit dem sie alles Nötige beweisen können. Mein Havelock besaß eine zweispannenlange Naht, die das Werk einer Berliner Kunststopperin war. Man muss ein Einsehen haben und darf es mir nicht verübeln: Dass ich am schönen, von dem kommenden Lenz und einer sinkenden Sonne umgluteten Wannsee mit dieser kunstvollen Naht ein bisschen renommierte. Das Mädel war zu nett!

Und köstlich war es, zu sehen, wie sich in diesen zwei braunen Mädchenaugen eine kleine, bedeutungslose Sache zu einer großen Tat verwandelte. Je häufiger ich versicherte: „Das war doch gar nicht der Rede wert!“ – um so stattlicher wurde der Held aus jener Nacht mit dem Glatteis. Der liebe Gott bekam einen feinen Dank für mein glücklich verschontes Leben. Und der Havelock wurde eine verehrungswürdige Relique. Ich musste dem guten Mädel eine halbe Stunde lang zureden, bis es den Entschluss zu fassen vermochte, sich irdisch auf diesen heiligen Havelock hinzusetzen, weil man auf dem Schweinfurter Grün des kurzen, feuchten Frühlingsgrases wirklich nimmer länger sitzen konnte, ohne einen katastrophalen Schnupfen zu riskieren.

Frau Henkel, in der Sorge um mein kaum geleimtes Wohlbefinden, hätte im gehäkelten Unterrock die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und wäre wieder Prophetin geworden. Doch die tauende Frische dieses Frühlingsabends brachte meine von Apoll geschmälerte Gesundheit vorwärts, statt ihr zu schaden.

Drei Stunden – in glühendem Glanz, in blauer Dämmerung, die letzte unter dem Schimmer winziger Sterne! Diese drei lebenden Stunden waren die drei Strophen eines leise träumenden Frühlingsliedes – eines jener kleinen Frühlingslieder, von denen Heinrich Heine sagte, dass sie ‚klingen’.

Ein Erschrecken vor der Dunkelheit, die das Mädel nicht hatte kommen sehen; ein Denken an die Mutter, die irgendwo da droben saß, von wo Musik herunterdudelte; ein letzter, dankender Kuss, zwei pressende Arme um meinen Hals – und nun das leichte Rauschen eines Kleides, das ich in der Finsternis schon nimmer sah.

Ach Gott! Drei Stunden! Und das Wichtigste hatte ich völlig vergessen! Ich wusste noch gar nicht, wie das Mädel hieß. Der Frühling hatte uns beiden nicht so viel Zeit gelassen, um nach ‚Stamm und Art’ zu fragen oder uns in die Rolle des Richters hineinzufinden, der sich angelegentlich nach den Personalien erkundigt. Während dreier Stunden hatte das liebe Mädel zwei Namen: ‚Sie’ und ‚Du’ – geradeso, wie ich. Alles Weitere erschien und nebensächlich. Und so, wie sie waren, jene drei Stunden, so waren sie schön.

Ein Weilchen blieb ich noch auf meinem braven Havelock sitzen, die Arme um das Knie geschlungen, und blickte über das schwarze Wasser hinaus, auf dem die Spiegelbilder zweier Sterne wie erlöschende Flämmchen gaukelten. Ich wusste nicht klar und richtig, ob ich da ein Liebes und Köstliches nur geträumt, oder ob ich es wirklich erlebt hatte? Wirklich?

Was war das? Ein Märchen, wie das Leben sie ersinnt?

Für alle Fälle war es ein Beweis dafür, dass es unleugbar eine schöne und dankbare Sache ist, die Unschuld zu beschützen.

Wir beide sahen uns niemals wieder.

Lang ist’s her. Aber gestorben ist die Unschuld vom Glatteis in der Luisenstraße gewiss noch nicht. Für ein frühes Sterben war sie viel zu nett und zu gesund. Und da seh’ ich jetzt ein Bild. In Berlin, oder in Potsdam, oder in Spandau, oder irgendwo lebt eine fünfzigjährige Frau. Hat Mann und Kinder. Ihr Leben ist ruhig, klar und selbstverständlich. An vergangene Dinge denkt sie wenig. Die Gegenwart ist ihr wichtiger. Nur jedes Jahr einmal, wenn um den Frühlingsanfang herum ein leuchtender Abend versinkt – und es brennt im dämmerigen Zimmer noch kein Licht – dann denkt diese fünfzigjährige Frau an etwas Vergangenes und sieht einen stillen dunklen See. Und lächelt.

Ihr Mann wird neugierig. „Warum lachst du?“

„Mir ist was eingefallen.“

„Was denn?“

– Und da möchte’ ich nun gerne wissen, welche Antwort sie auf diese Frage gibt? Erraten kann ich’s nicht. Drei Stunden waren nicht ausreichend, um diese liebe, dankbare Frauenseele so gründlich kennen zu lernen.

Was ist doch das Leben eine bunte Sache! Gleich neben der leisen Geschichte vom Wannsee steht die Erinnerung an die große Aufregung der Berliner über das neu erfundene Asphaltpflaster. Man konnte da immer Droschkengäule liegen sehen, die man nur mühsam wieder auf die zitternden Beine brachte. Die Volksseele kochte von heißer Barmherzigkeit für die armen Tiere. Wenn sich um solch eine gefallene Stute zweihundert empörte Menschen sammelten, konnte man sie über die Misswirtschaft der Berliner Polizei ganz fürchterlich klagen hören. Und die Droschkenkutscher! Was die erst sagten! Da konnte man den Berliner Dialekt in seinen tiefsten Tiefen studieren. Die Zeitungen debattierten über die Sache. Und die Polizei hielt es für nötig, etwas zu tun, ließ Architekten, Rennstallbesitzer und Tierärzte als Sachverständige vernehmen und versandte beruhigende Kommuniqués an die Journale. – Und neulich, als ich in Berlin war, räsonierte ein Kutscher über eine Straße, die noch nicht mit Asphalt gepflastert war: Weil sich der arme Gaul so schrecklich plagen musste, um den Wagen über diese ‚Berje von Jranit’ hinüberzubringen. – So ist’s überall, nicht nur in Berlin. Und in allen Dingen. Das Leben wandelt sich immer zum Besseren. Nur die Menschen bleiben immer die gleichen. Mögen die Dinge des Lebens sein, wie sie wollen – zuerst schimpft der Mensch. Dann kann’s weiter gehen.

Eine lebhafte Erinnerung ist mir an den Tag geblieben, an dem ich in einer Zeitungsredaktion das neu erfundene Lüdtge’sche Telefon zu sehen bekam. Mir lief die schöne Gänsehaut eines wundersamen, prachtvollen Grauens über den Rücken und durch die Seele, als ich in diesen kleinen, sonderbaren Apparat hineinlauschte und plötzlich klar und deutlich die Stimme eines Menschen reden hörte, von dem ich nicht wusste, wo er war. Man sagte mir: der Mensch, der mit dieser geisterhaften Stimme sprach, befände sich nicht nur in einem anderen Zimmer, sogar in einem anderen Haus. Unglaublich! An jenem Tag war ich sehr stolz auf das siegende Genie der menschlichen Wissenschaft.

Während der letzten Aprilwochen, als die bulgarische Fürstenkrone geschmiedet wurde und die Besetzung von Bosnien sich vorbereitete, gab es in unserem A.L.V. einen Kampf, der uns wesentlich wichtiger schien als die politischen Seifenbläsereien ‚hinten, weit in der Türkei’. Wir liebten Wildenbruch und glaubten an ihn. Die Ablehnung, die seine Dramen von allen Theaterdirektoren erfuhren, wirkte auf uns wie eine persönliche Beleidigung, wie ein Verbrechen wider die heiligen Werte des Lebens. Und unser Präses Berthold Litzmann hatte eine schöne, kühne Idee: Man muss die Aufführung eines Wildenbruch’schen Werkes erzwingen; muss der Menschheit nur einmal zeigen, wer Wildenbruch ist und was er kann; dann macht sich alles Weitere von selbst; die Theaterdirektoren sind blinde Hasen, aber das Publikum hat Verstand und Urteil.

Der Same, den Litzmann streute, wurde nach vielen Schwierigkeiten und Hemmnissen zu einer prächtigen Ernte. Für die Aufführung wurde wieder, wie beim ‚Wilhelm Tell’, das kaltgestellte Nationaltheater gemietet. Die ersten Proben hielt man auf der Dilettantenbühne eines vorstädtischen Wirtshauses. Zur Darstellung hatte man die Sektierer-Tragödie ‚Der Mennonit’ gewählt. Die Rollen wurden mit jungen, arbeitsfreudigen Schauspielkräften besetzt, zu denen sich noch ein paar Mitglieder des A.L.V. gesellten. Wildenbruch führte selbst die Regie. Ein Neuling auf den Brettern! Und zeigte doch gleich beim ersten Versuch die Kraft und Ruhe eines erfahrenen Theatermannes. Und zäh wie Eisen blieb er. Kein Hindernis entmutigte ihn, eine Verschleppung machte ihn müde. Ein paar Mal stand es auf der Kippe, das die Sache ins Wasser zu fallen drohte. Aber Wildenbruch und Litzmann hielten das mühsam Werdende aufrecht. Der bedeutungsvolle Abend brachte ein erschreckendes Defizit, doch einen großen künstlerischen Erfolg. Die Darstellung war gerade ausreichend, um nicht zu schaden; doch ehrliche junge Begeisterung glänzte in diesem halben Können. Sie half auch mit. Aber den starken und nachwirkenden Sieg erfocht der Dichter für sich allein. Von den paar hundert überraschten Menschen, die sechs oder sieben Bankreihen füllten, wurde Wildenbruch immer wieder mit hellem Jubel herausgerufen. In der Norddeutschen Allgemeinen, die für die Theaterdirektoren eine maßgebende Stimme war, stand eine begeisterte Kritik. Wildenbruchs tapferer Apostel Berthold Litzmann hatte sie geschrieben. In dieser Kritik, die der Welt einen neuen Mann verkündete, war eine Figur des Stückes als ‚Gemisch aus Frömmelei und Wollust’ bezeichnet. Ein wirksamer Terminus für die Zeit des Prozesses kontra Marpingen! Die Theaterdirektoren begannen nach Wildenbruch und seinen Werken zu fragen. Der Weg, den dieser Starke und Redliche über die deutschen Bühnen machte, nahm seinen Anfang mit jenem 22. April 1879.

Nach diesen Tagen freudiger Begeisterung für das Werk eines anderen kam für mich selbst ein bitteres Ernüchtern. Mein Buch erschien. Ein schweres Postpaket brachte mir fünfzig gebundene ‚Freiexemplare’. Sie standen als hoher Posten in der Rechnung; ein bisschen unsichtbar; es war mit ihnen wie mit der Kopfbedeckung des Bürgermeisters von Bischofshofen. Der hatte im Gemeindekonto ein Hut verrechnet, den ihm der Wind bei einer Amtshandlung davon wehte. Der Bezirksamtmann von Berchtesgaden sagte: „Sie, das geht nicht, das ist ein privater Posten! Der muss heraus.“ Nach acht Tagen kam die neue Rechnung, und der Bezirksamtmann sagte befriedigt: „Na also, jetzt ist ja der Hut draußen!“ Da lachte der Bürgermeister von Bischofshofen: „Der is schon noch drin! Aber Sie finden ihn halt nimmer!“

Heute kann ich lachen über den Misserfolg, den die Publikation meiner Studentengedichte bei mir selbst erzielte. Aber damals war ich einen Tag lang wie ein Irrsinniger. Schon von außen war das Bücherl schrecklich anzusehen. Die eine Hälfte der Freiexemplare war blitzblau gebunden, die andere maikäferbraun. Und als ich erst las! Seit jener Stunde weiß ich, was Kongestionen sind. Dieses fertige Buch stand mir nun wie eine halbwegs fremde Sache gegenüber, über die ich ein zutreffendes Urteil fand. Ich merkte, dass ich da ein paar Schock unreifer Pflaumen meiner Seele in die Welt hinausgeschickt hatte.

Mit diesen Freiexemplaren, die mir den Aufenthalt in meiner dreieckigen Bude verleideten, wollte ich so rasch wie möglich aufräumen. Bei jeder Wanderung ins Café, bei jedem abendlichen Ausgang nahm ich ein halb Dutzend Bändchen in allen Taschen mit, den einen Tag die maikäferbraunen, den andern Tag die zwetschgenblauen. Und wo ich einen Menschen erwischte, dem ich ein Exemplar ins Herz stoßen konnte, fing ich glich zu widmen an: „Meinem treuen, innig geliebten Freunde …“ War ich mit der Widmung so weit gekommen, dann musste ich immer fragen: „Wie heißen Sie?“

Eine Woche brauchte ich, bis ich den Mut fand, ein Exemplar an Vater und Mutter zu schicken. Mit Herzklopfen öffnete ich fünf bange Tage später die Antwort. Papa, der bei aller Güte sonst sehr streng war, urteilte überraschend milde und wünschte mir neben vielen ernsten Ratschlägen guten Erfolg auf dem begonnenen Weg. Aber die Mutter! Diese sonst so nachsichtige, zärtliche Mutter schrieb: „Ein paar von deinen Verslen haben mir nicht übel gefallen. Aber die kreisen zwischen dem andere Zeug herum, wie die einschichtigen Johanniskäferlen im Kleiensack. Bubele, der Goethe hat’s besser können, wie er noch so jung war wie du. Doch es muss ja nicht jeder ein Goethe sein, sonst hätt der eine nicht so viel Wert, wenn’s neben ihm noch ein paar Dutzend gäb. Deswegen musst du also das boädische Herzle nicht gleich in die Hos fallen lassen. Talent, glaub ich, hast du schon. Jetzt schau halt auch, dass es rauskommt. Für dasmal ist es drinne blieben. Und eines im Ernst, mein Bub, mit solche abscheulige Sachen wie von deinem verlorenen Sohn – gelt, der ist doch ein Sauhirt gewesen – und mit fuselnackichte Weibsbilder und schlechte Mädgers darfst du mir nimmer kommen. Bist du denn so? Gelt, nein? Warum lügst du denn nacher? Bloß wegen der Renommaschi bei den Kaffeehausbrüderlen? Die machen dich nicht zum Dichter, wenn du nicht selber einer bist. Bloß mit Schweinpriesterverslen fligt man noch lang nicht zum Musenbergle nauf. Das Leben hat dunkle Winkelen, und ein Dichter muss auch reden davon. Der Goethe hat’s auch getan. In seinen Büchlen ist alles drin. Trotzdem kann man sie jedem jungen Mädgen in die Hand geben. Die wo glauben, man könnt’s nit, sind große Oxen. Weißt, ein Dichter bloß für die verheiraten Leut, das ist schon keiner. Wenn ein Dichter die richtigen Wörtlen hat, darf er von allem reden und zu jedem Menschenkind. Aber können muss er’s, weißt. Du kannst es noch nit. Schau nur, in Goethes Fischer ist doch auch das feuchte Weib drin. Da wird sich keiner denken, dass sie eine nasse Krinolin anhat. Man weiß doch auch, dass sie nackicht ist. Aber wie appetitlich ist das gesagt. Und jetzt schau diene Verslen dagegen an! Und nacher mach in Zukunft bloß, was du kannst, und gib dich wie du bist. Freilich, was weiß ich denn viel von Kunst und Künstlerei. Aber ich sorg, das wird nie ein richtiger, der feuerfarbicht sein will, wenn er grün ist, und allweil anderst ausschauen will, als ihn Gott hat wachsen lassen. Vielleicht sagst du jetzt, deine dumme altmodische Mutter versteht da nichts davon. Vielleicht hast auch recht, es gibt viel Fortschritt, den ich nit mitmache mag. Aber schick mir nur einmal ein Büchle von dir, das gut ist, nacher versteh ich es schon.“

Dieser Brief tat mir weh bis ins Blut. Und dennoch musst’ ich ihn küssen und dieses linde, bläuliche Blatt an die schmerzenden Augen pressen. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass Papa und Mama sich damals lange miteinander besprochen und sich dann in die Rollen geteilt hatten. Der Vater schrieb mir ohne Vorwurf, was mich ermuntern konnte – die Mutter musste mir das Harte schreiben, das in ihren Worten leichter für mich zu hören war.

In der Stimmung, die mir hinter dem Brief der Mutter verblieb, kam es mir ganz überraschend, dass über das ‚Büchle’ ein paar sehr wohlwollende Kritiken erschienen. Die hab’ ich mir nicht aufgehoben. Nur eine – die schlechteste unter den abfälligen klebte ich als Menetekel in mein Tagebuch. Sie war in einem Berliner Blatt erschienen und lautete:

„(Befriedigte Dichter.) Es muss eine Befriedigung seltener Art für gewisse Menschenkinder sein, durch das Medium der auf eigene Kosten gedruckten so genannten Gedichte sich ‚auch ein Dichter’ zu fühlen. Soll man sie au sérieux nehmen und mit der Entrüstung des vom heiligen Dichterberuf erfüllten Philologen gegen sie zu Felde ziehen? Oder soll man sie zum Amüsement gelangweilter Frauen, wie dies jetzt Mode ist, coram publico totschlagen? In beiden Fällen würde man, wie Graf Andrassy sagte, mit Kanonen nach Spatzen schießen. Zu diesen Gedanken bringt uns ein Buch: ‚Vom Stamme Asra’, Gedichte von Ludwig Ganghofer. Eine Kritik vertragen diese Gedichte nicht. Um dies aber zu beweisen, wollen wir eine Leistung auch hier verewigen. Herr Ganghofer singt:

Es ist aller bösen Begier
Dein Blick ein Trank aus Lethe;
Mein Auge hängt an dir
Andächtig im Gebete.

Mir schafft deiner Wimper Schlag
Von Wunsch und Sorge ledig
Der Sehnsucht jüngsten Tag!
Wie ist mein Gott so gnädig!

Gewiss sehr hübsch, namentlich wenn der Leser Schwung der Seele zur Genüge hat, um dem ‚Tiefsinn’ des Dichters folgen zu können.“

Ich vermag die kummervolle Geschichte meines ersten Buches nicht zu beschließen, ohne zum Kontrast auch eines merkwürdigen Erfolges zu gedenken, den das ‚Büchle’ mir eintrug. Diese Geschichte ist vielleicht auch ein kleiner Beitrag zur Psychologie des weiblichen Herzens.

In der Luisenstraße war eine Konditorei, in der ein nettes, braves Mädel Verkäuferin war: das Klärchen. Ich war nicht der einzige, in dem die Sehnsucht erwachte, da ein bisschen Egmont zu spielen. Aber der kleine schlagfertige Käfer mit den klugen Blitzaugen und dem dunklen Lockenköpfl war unnahbar. Die Lauen, die keine Freude an der Ausdauer hatten, ließen sich bald abschütteln. Außer mir verblieben noch drei Hartnäckige. Und weil keiner dem anderen den Platz räumen, keiner dem anderen die Gelegenheit zu einem Vorteil lassen wollte, vereinigten wir uns mit freundlichen Gesichtern in der Hinterstube der Konditorei, die am Abend Weinstube wurde, zu einer vierköpfigen Skatgesellschaft. Wer die Karten ausgeteilt hatte, konnte immer ein paar Minuten mit dem Klärchen schwatzen und sein Glück versuchen. Aber zwei Minuten genügten nicht, um dieses stählerne Herz zu schmelzen. Und bis beim Gehen neu die Runde an einen kam, hatten schon wieder die drei anderen fest an der Süßholzstange geraspelt. Aus Liebe saßen wir da die ganzen Tage, und im Spieleifer – der immer heiß erwachte, sobald das Klärchen schlafen ging – schlugen wir auch noch manche Nacht um die Ohren, in der ein viver, flinker Konditorjunge uns schlummerlos bediente. Aber so ging die Sache nicht weiter. Wir sahen das alle viere schließlich ein. Und so beschlossen wir: Dass die Göttin Fortuna darüber entscheiden sollte, welchem von uns vieren als einzig Bleibendem das Feld zu überlassen wäre: Jenem, der bei einem Dauerskat als erster auf +1000 käme. Misstrauen und Eifersucht verschärften die Sache noch. Genau 1000 musste man haben. Kam man darüber hinaus, so musste man wieder verlieren, um mit einem entsprechend zählenden Spiel das Tausend präzis zu erreichen.

Wir spielten Tag und Nacht und nährten uns dabei mit Kuchen, Krapfen, Schokolade, Schinkenbrötchen und gespritztem Wein. In der zweiten Nacht, zur Vertreibung des Schlafes, wurde immer wieder ein gewürzter Knickebein verschluckt. Wir spielten, spielten, spielten – volle siebenundvierzig Stunden. Keiner konnte das glatte Tausend erwischen. Immer ging es wieder drüber oder drunter. Und hatte man das richtige Spiel, so fuhr die Eifersucht eines anderen mit der höheren Reizung dazwischen. Endlich, noch eh’ die achtundvierzigste Stunde geschlagen hatte, wurden wir des zwecklosen Unsinns müde, trollten uns aus einem Kampf ohne Sieg nach Hause und krochen in die Klappe. Jetzt schlief ich neunzehn Stunden. Und erwachte mit einem relativ vernünftigen Gehirn. Und sagte: „Mach doch diesen Wahnwitz nicht mehr mit! Das Klärchen ist ein braves Mädel! Aussichtslose Sache! Schenk ihr zum Abschied dein kleines Buch, schreib eine nette Widmung hinein, und dann adieu!“

So geschah es am anderen Vormittag. Und als das Klärchen mein himmelblaues Goldschnittverbrechen in der Hand hatte und die Widmung las, wurde das feine, nette Gesichtl plötzlich feuerrot bis unter die dunklen Haare.

Erstaunt und doch noch ein bisschen misstrauisch sah mich das Mädel mit weiten Augen an. „Das haben Sie gedichtet?“

„Ja.“ Ich sprach, wie eines Mannes Rede sein soll.

Und da wird das unnahbare Klärchen leinenweiß über Stirn und Wagen hin, ein Zittern kommt in die schlanken Hände, die das Buch umklammern – und so beugt sich das Mädel über den süßen Tortentisch zu mir herüber und spricht: „Heut am Abend geh ich mit Ihnen.“ Und sagt mir auch gleich, wo ich am Abend auf sie warten sollte.

Es war in der dritten Maiwoche. Schon herrliches Wetter. Der Abend ein bisschen schwül.

Klärchen hatte sich zierlich aufgeputzt. In einer offenen Droschke fuhren wir nach Charlottenburg hinaus. Das schweigsame Mädel hielt mich immer bei der Hand und sah mich an wie ein unbegreifliches Wunder.

In der Flora speisten wir nett und gemütlich. Und doch war mit dem Klärchen eigentlich nichts Vernünftiges zu reden. Das Mädel wollte immer nur wissen, wie man dichtet. Und schweren Kummer hatte das gute Kind darüber, dass es am Tage bei dem unruhigen Geschäft und neben den drei Skatbrüdern nur so viel Zeit gefundne hatte, um in das Buch ein bisschen hineinzuspitzen. Aber am Morgen! Da hätte sie Zeit zum Lesen! „Jotte, Jotte, wie ich mich da drauf freue!“ Sie berlinerte kaum merklich, hatte nur so ein paar dezente Jottchens.

Und wie schade, dass nicht Mondschein wäre! Da könnte man schwärmen, und da müsst’ ich ihr in der ‚blassen Selene’ was vordichten.

„Kind! So was kann man doch nicht machen, wie man Zigarrenspitzen abbeißt. Aber schwärmen kann man doch auch, wenn der Mond nicht scheint.“

Wir spazierten in den großen Florapark hinaus. Die Nacht hing still und dunkel über den jung belaubten Bäumen. Im Park ein paar verlorene Lichter. Und zu den Laubkronen, die nah bei den hohen Mauern standen, warfen die Straßenlaternen einen matten Schein hinauf.

Nun saßen wir auf einer Bank. Ganz tief im Park. Und schwärmten. Als wir uns erhoben, lag unter den Bäumen eine brütende Finsternis. Da brannte keine Laterne mehr. Weil es schon zwei Uhr morgens war. Wie doch beim Schwärmen die Zeit verfliegt! Auch am Florasaal waren alle Fenster schwarz. Alle Tore und Türen standen verriegelt und versperrt. Da half kein Schreien und kein Rütteln. Und rings um den Park herum eine drei Meter hohe, glatte Mauer. Wir waren Gefangene. Das Klärchen fing ein Jammern und Klagen an, dass mir unwillkürlich das Würzburger Apfelschiff unseligen Angedenkens in Erinnerung kam. Was machen? Ich selber wäre wohl über die hohe Mauer flink hinübergekommen. Aber das Klärchen in dem hübschen neuen Kleid? Die Ärmste hielt schon jetzt immer das Taschentücherl unter das Kinn, damit ihr die salzigen Tränen nicht auf die feinen Stickereien tröpfeln sollten. Erst suchte ich einen Baum, der zwei feste Äste über den Bord der Mauer streckte. Dann spürte ich was aus, um das Klärchen einen Meter hoch an der Mauer hinaufzubringen. Bei einer Fontäne waren bemalte Gnomen aus Terrakotta. Einer trug einen großen Fliegenschwamm als Hut. Der tischhohe Zwerg wog einen festen Zentner. Ich schleppte ihn hinüber zur Mauer, hob das Klärchen auf den Fliegenschwamm, und dann kraxelte ich über Baum und Äste zum Mauersaum. Als ich, auf den schiefen Ziegeln kniend, mich hinunterbückte, konnte ich knapp die beiden Hände des Mädels fassen. Ich zog sehr vorsichtig, um nicht durch einen Rutsch das Gleichgewicht zu verlieren – ein Akrobat hätte diese Prozedur als ‚große Arbeit’ bezeichnet. Gott sei Lob und Dank – das Klärchen war auf der Mauer! Aber Schwindel bekam es und musste sich gleich niedersetzen. Lachend sprang ich auf die Straße hinunter. „Spring nur! Ich fang dich auf.“ Lange musste ich ihr zureden, bis sie den Mut fand, mir in die Arme zu plumpsen. Nun lachten wir alle beide.

Eine Droschke, die wir erwischten, brachte uns nach Berlin in die Luisenstraße. Das Klärchen schlüpfte zum Haustor hinein. Drei Uhr war’s. Aber die Glastüre der Konditorei war noch schimmerig. Und richtig, im Hinterstübchen saßen die drei Skatbrüder noch beisammen. Sie sahen mich misstrauisch an, obwohl sie wussten, dass unser Klärchen schon seit 9 Uhr abends schlummerte. „Wo warst du denn?“ Doch eh’ ich was zu schwindeln anfing, brüllten sie fürchterlich los. Diese Gott verfluchten Gartenbänke, die im Frühling frisch gestrichen werden! Mein heller Sommeranzug hatte sich in ein grüngestreiftes Zebra verwandelt.

Am anderen Mittag hatte das Klärchen meine Gedichte noch immer nicht gelesen – weil die zwei hübschen Augen immer weinen mussten um das neue Kleid.

Wir blieben wohl gute Kameraden. Aber das schwärmerische Mädchen ging nie wieder mit mir. Doch eines Tages fragte mich das gute Kind in allem Ernst, ob Friedrich Schiller, als er schon ein gedruckter Dichter gewesen, auch einmal über eine so hohe Mauer geklettert wäre?

„Nein, Mädel! Kraxeln kann ich besser.“

Dann kamen Tage, die mir halb wie ein Atmen in der Heimat waren, Tage, die mein Leben zu einer ungeahnten Wendung führten.

Am 5. Juni begann auf der Friedrich-Wilhelmstädtischen Bühne das Gastspiel der bayerischen Volksschauspieler vom Münchener Gärtnerplatztheater.

Ein Münchener Kaufmann, der Deppe, hatte den Einfall gehabt, den Berlinern zeigen zu wollen, was diese blauweißen Künstler zu leisten vermochten.

Und da muss ich nun, bevor ich wieder von meinem eigenen Leben erzählen kann, ein Kapitel Münchener Theatergeschichte erörtern.

Das Ensemble der bayerischen Dialektschauspieler von damals bildete sich im Laufe von anderthalb Jahrzehnten zu einer künstlerisch so vollkommenen theatralischen Erscheinung aus, dass ihm in der Geschichte der deutschen, der volkstümlichen Schauspielkunst ein dauernder Platz gesichert ist.

Jeder Aufschwung, jede Glanzperiode, jede eigenartige Neuerung auf dem Boden der Schauspielkunst, sei es nun der klassischen oder der volkstümlichen Schauspielerei, lässt sich auf irgendeine literarische Strömung, auf das Erscheinen eines genialen Bühnendichters oder Theatermannes zurückführen. Doch auf die Entwicklung des Münchener Dialekt-Ensembles aus dem Ende der siebziger Jahre trifft diese Regel nicht zu. Es ging nicht aus der Han deines Regisseurs hervor, der gewusst hatte, was er da herausbildete. Die Entwicklung dieser Truppe hängt auch nicht mit dem Auftauchen eines sieghaften Bühnendichters oder dem Erscheinen einer neuen dramatischen Spezialität zusammen. Bauernkomödien und bayerische Dialektstücke wurden in dem von Karl geleiteten ‚Isartor-Theater’, auf dessen Brettern Hans Neuert als jugendlicher Liebhaber neben der neu auftauchenden Geistinger wirkte, und in dem von einer Aktiengesellschaft erbauten ‚Volkstheater am Gärtnerplatz’ auch früher gespielt, bevor sich noch das Münchener Ensemble in dieser Eigenart gebildet hatte. Man spielte die lustigen Komödien Prüller’s und die biederen Stücke des unglücklichen Müller, der, von Erpressern gehetzt, auf der Roseninsel des Starnbergersees durch Selbstmord endete. Es war jener Müller, für dessen ‚Haberfeldtreiber’ ich mir in Welden die nackten Waden hatte wichsen lassen. Und Hermann von Schmid, der populäre Erzähler, in dessen Adern jedoch kein ausreichendes Theaterblut rollte, hat seinen ‚Tatzelwurm’ und die ‚Zwiderwurzen’ erst dramatisiert, als das Münchener Ensemble in seiner eigenartigen Vollendung schon fertig gebildet war.

Ein Zufall führte diese Truppe zusammen, der Zufall, dass sich Mitte der siebziger Jahre an dem durch einen Krach aus einem Aktienunternehmen zur Hofbühne gewordenen Gärtnertheater eine kleine Schar von Schauspielern und Schauspielerinnen zusammenfand, die, ganz tüchtige Darsteller für die üblichen Aufgaben, ihre besten Wirkungen erzielten, wenn sie im freien Fluss des angeborenen Dialekts ihre Heimat spielen und sich selber zeigen konnten. Nur dieser Zufall führte allmählich zu einer Bevorzugung der Dialektkomödie, und aus bescheidenen Anfängen wuchs langsam dieses künstlerisch vollendete Ensemble heraus, dem allerlei Halt- und Leidensstationen nicht erspart blieben. Die ‚Bauernspieler’ galten nicht viel im Büro des Theaters und bezogen erbärmliche Gagen. Direktor Lang, ein Schwärmer für Ausstattungsstück und Operette, war ein Gegner des Dialektstückes, und erst die wachsende Vorliebe des Publikums für die heimatlichen Klänge, und die liebenswürdigen Kassenrapporte der glänzend gespielten ‚Zwiderwurzen’ milderten einigermaßen seine Antipathie gegen die ‚gemslederne Komödie’. In der Heimat freute man sich der schönen und heiteren Sache, ohne recht zu wissen, dass man an dieser volkstümlichen Kunstgattung und ihrer seltenen Vollendung etwas Besonderes und Auserlesenes besaß.

Mit der meisterhaften Darstellung der ‚Zwiderwurzen’ begann der Ruf des Ensembles über München hinauszuwachsen. Alle an der Isar einkehrenden Fremden, die Norddeutschen, und besonders die Berliner, schwärmten für diese Bauernspieler, die man nur kurzweg die ‚Münchener’ zu nennen anfing. Dieser klingende Ruf, den sie in der Fremde gewannen, brachte Herrn Deppe auf den glücklichen, nur leider für ihn selbst nicht sehr ersprießlichen Einfall, Impressario zu werden und die ‚Münchener’ während ihrer Ferien für ein Gesamtgastspiel in Berlin zu engagieren. Hans Neuert, Albert, Hofpauer, Brummer, Podbertzky, Fräulein Schönchen, Frau Hartl-Mitius, Fräulein Beck, Frau Reschreiter und ein Dutzend Mitglieder des Chorpersonals zogen bei aufbrennender Sommerhitze an die ‚grüne’ Spree. Sie brachten drei Stücke: Die ‚Zwiderwurzen’, den von Neuert aus einer Dorfgeschichte von Messerer herausgebosselten ‚Schlagring’ und die ‚Gundl von Königssee’, welche Bonn (der ‚Miris’ der Fliegenden Blätter) nach einer epischen Dichtung von Julius Grosse fürs Theater zugeschnitten hatte.

Man nahm die Münchener in Berlin mit offenen Armen auf, noch ehe man gesehen hatte, dass sie auch große Künstler waren. Vorerst wusste man nur, dass sie aus Bayern kamen. Für die Berliner Presse genügte das, um die Gäste herzlich zu begrüßen. Ich las diese wohlwollenden Ankündigungen der Journale. Dabei kochten mir alle Pulse, in denen ein Feuerchen von beginnendem Heimweh zuckte.

Ein Juni, sengend und brennend! Eine Hitze, die aus den Theatern gemiedene Höllen machte. Am ersten Abend des Gastspiels war das Haus der Friedrich-Wilhelmstadt kaum zu einem Drittel gefüllt. Von dieser kleinen Schar waren noch viele Köpfe auf die Kritik und auf neugierige Leute vom Bau’ in Abrechnung zu bringen.

Der Abend brachte einen großen schauspielerischen Erfolg. Es war nur eine Stimme über die meisterhafte Ausbildung dieser Truppe, über diese hinreißende Naturtreue der Darstellung. Man konnte Tags darauf keine Zeitung in die Hand nehmen, ohne von ungeschminkter Natur, von frischem Erdgeruch und von der unverfälschten Berglust zu lesen, welche die Münchener nach Berlin gebracht. Frau Hartl-Mitius, die Schönchen, Hans Neuert und Albert wurden als Künstler ersten Ranges anerkannt. Die Harmonie des Ensembles verglich man mit der Kunst der Meininger.

Über die Hoffähigkeit des Dialektes auf dem Parkett der hohen Kunst wurde ein bisschen scholastisch debattiert. Eine vornehme Zeitung erklärte, dass in diesem Falle nur das eminente schauspielerische Können die erfolgreiche Ausnahme rechtfertigte, dass aber prinzipiell dem Dialekt eine Berechtigung auf der Bühne nicht zuzuerkennen wäre, dem süddeutschen Dialekte ebenso wenig, wie dem plattdeutschen.

Solche Debatten ergaben sich aus dem halben Wohlgefallen, mit dem man die dramatisierte Dorfgeschcihte der ‚Zwiderwurzen’ entgegennahm. Sie hatte bei der Kritik einen schweren Stand. So begeistert die Kritik den Schauspielern entgegenkam, so unglimpflich sprang sie mit den Stücken um, welche die Münchener mitgebracht hatten. Nicht viel besser als der ‚Zwiderwurzen’ erging es dem ‚Schlagring’, und grausam wurde die ‚Gundl vom Königssee’ behandelt.

Neben der Bullenhitze, die damals im Juni herrschte, wurde der Misserfolg der Stücke mitschuldig an dem bösen finanziellen Resultat jenes Gastspiels. Abend für Abend gähnte den braven Künstlern ein leeres Haus entgegen, und Herr Deppe, der Impresario, zeigte ein trostloses Gesicht.

Meine Begeisterung für die heimatliche Sache ließ mich den persönlichen Verkehr der Künstler suchen. Landsleute schließen sich in der Fremde leicht aneinander an, und so ergab es sich bald, dass ich für Hans Neuert und Albert den Cicerone bei mancherlei Wanderungen durch Berlin und durch die schöne, seit dem 1. Mai eröffnete landwirtschaftliche Ausstellung machte, und dass ich im Hotel Müller, wo die Münchener abgestiegen waren, fast täglich mit den Freunden aus der Heimat an gemeinsamer Tafel saß. Der schwer begreifliche Widerspruch zwischen dem großen künstlerischen Erfolg und dem schlechten Besuch der Vorstellungen war für uns ein ruheloses Thema debattierender Unterhaltung. Am Tag nach der Premiere der ‚Gundl’ saßen wir mittags wieder zusammen. In trüber Stimmung wurde das Verdikt der Presse besprochen, die an dem armen Königsseer Madl kein gutes Haar gelassen hatte. Man debattierte hin und her, und im Lauf des Gespräches sagte ich, dass die ‚Münchener’, um künstlerisch voll gewürdigt zu werden, ein anderes, ein neuartiges Repertoire haben müssten. „Ihr quält euch nutzlos mit diesen dramatisierten Dorfgeschichten ab, die auf dem Theater zäher Gummi bleiben. Ihr braucht gesunde, vollblütige Stücke, gut gearbeitet, mit neuen Stoffen, die man frisch herausholt aus dem wirklichen Volksleben, mit neuen, originellen Figuren, die in Humor und Ernst euer künstlerischen Individualität entsprechen und in Farbe und Linien von der gleichen heimatlichen Naturtreue sind, wie euer meisterhaftes Spiel. Solche Stücke müsst ihr haben. Dann wird sich die Aufgabe und Arbeit in eurer Kunst zu einem harmonischen und wertvollen Ganzen verbinden.“ So was Ähnliches sagte ich. Und sprach sehr lange, brachte Beispiele, erörterte volkstümliche Probleme, die mir neu und für die Bühne dankbar schienen, und schilderte charakteristische Figuren, denen ich bei meinen Bergwanderungen begegnet war. Alle, die an dem langen Tisch saßen, stimmen mir zu: „Ja, richtig! Aber woher diese neuen Stücke nehmen? Wer soll uns so was machen?“

Die Tafel wurde aufgehoben. Und am Nachmittag war ich sehr überrascht, als mich Herr Deppe, der Impresario der Münchener, in meiner dreieckigen Bude besuchte und mir den Antrag machte, ‚solch ein Stück, wie ich es gemeint hätte’, für die Münchener zu schreiben. Zuerst sah ich den Mann mit großen Augen an. Dann schüttelte ich lachend den Kopf. Ich hatte noch nie eine Zeile Dialekt geschrieben. Und nun gleich ein ganzes Stück? In einer Mundart, die für mich als Schwaben halb wie eine fremde Sprache war? „Verehrter Herr Deppe, das geht doch nicht, das kann ich nicht!“ Er meinte: Einen Versuch wäre die Sache doch wohl wert; im nächsten Frühjahr gedenke er das Berliner Gastspiel zu wiederholen und garantiere mir die Aufführung meines Stückes. „Nach Ihren Erörterungen hab’ ich den Eindruck, dass da nichts Unbrauchbares herauskommt. Wenn Sie wollen, mach’ ich jetzt gleich mit Ihnen den Vertrag.“

Es überlief mich heiß. Der Weg zur Bühne, der für Anfänger immer ein Weg durch Dornen ist, war da für mich verwandelt in eine bequeme, sichere Straße. Aber ich dachte an das Wort meiner Mutter: „Bub, in Zukunft mach nur, was du kannst!“ Und ich wollte doch auch ein bisschen ‚höher’ hinaus, wollte auf den Kothurn und Sokkus steigen, nicht in die lederne Bauernhose schlüpfen. Mein ‚Lustspiel in Versen’, die ‚wilde Sache’ meines Romans, mein ‚Trinker von Rothenburg’ und mein tragikomischer Nero bauten feste Zäune um mich herum. Und was – du barmherziger Himmel! – Was sollte denn aus meinem Doktorexamen werden, wenn ich jetzt anfangen wollte, oberbayerische Schnadahüpfeln zu singen?

Der Schweiß brach mir aus den Schläfen. Ich sagte: „Nein!“ Herr Deppe zog ab. Und die Sache schien erledigt.

Drei Wochen hatten die Münchner vor leeren Häusern gespielt. Erst während der letzten tAge des Gastspiels, als der Ruf dieser einzigartigen Künstler sich in Berlin herumzusprechen begann und das Wetter ein bisschen schlechter wurde, besserte sich der Besuch. Bei der Abschiedsvorstellung gab es Jubel und Kränze. „Wiederkommen! Auf Wiedersehen!“

Nun waren sie fort. Wie ein Vereinsamter kam ich mir vor. Und spürte, dass mir ein Körnchen, welches keimen wollte, ins Leben geworfen war. Es stiegen Bilder und Dinge herauf, die ich im schwäbischen Dorf gesehen hatte. In stiller Nachtstunde kam der alte Lehnhardt aus dem Weldener Armenhaus und hatte mir bald was Ernstes und bald was Heiteres zu sagen. Neben dem Lehnl stand meine Großtante, die Staatsrätin Knapp, in der die Liebe nach einer Ohrfeige entbronnen war, die der ernste, zurückhaltende Freier einst dem wilden, rassigen Mädel zum Ausgleich für eine herausgestreckte Zunge applizierte. Wie oft hatte die Mutter uns Kindern diese feine Geschichte aus der Familienchronik erzählt! Und wenn im Odenwald ein Freier das trutzige Mädel hauen konnte, das er lieb hatte – warum sollte im bayerischen Ammerwald nicht ein trutziges Mädel den Burschen ohrfeigen können, von dem es geliebt wurde? Ganz deutlich hörte ich den festen Klatsch. Und sah ein Dutzend lustiger Leute, denen ich in den Bergen begegnet war, und hörte sie lachen – und plötzlich war um mich her eine Stille, in der sich schmerzend mein geprügeltes Herz zusammenkrampfte. Und meine von Zorn bebende Stimme klang genau so wie die Stimme des Herrn Albert aus der Truppe der Münchener: „Halt, Loni! Und net von der Stell! Bis i dir gsagt hab, was i dir sagen muss!“ …

Die gute Frau Henkel dachte gleich wieder an eine Lungenentzündung. Ihre Sorge wegen meiner schlaflosen Nächte blieb mir psychisch eine ferne Sache. Meine Seele war nimmer in Berlin. Sie saß auf einer Felsnase der Kobelwand oder guckte von der Weglalm, die ich als Student einmal erstiegen hatte, hinunter ins Ammergauer Tal.

Alles kam und fügte sich zusammen, ich selber wusste nicht, wie. Nach vier oder fünf Tagen war das Gerippe des ‚Herrgottschnitzer’ in den Gelenken. Fleisch und Blut gab ich von mir dazu.

Da kam ein ernster, sorgenvoller Brief meines Vaters. Was denn mit meinem Doktorexamen wäre? Und ob ich etwa Anlagen hätte, ein arbeitsscheuer Kaffeehaushocker zu werden? Und ob es denn wirklich wahr wäre, dass ich seit Weihnachten kein Kolleg mehr besucht, mich an der Universität für das Sommersemester gar nicht mehr inskribiert, also wieder ein Jahr verloren hätte?

Ein zähneknirschender Katzenjammer befiel mich. Und die Selbsterkenntnis schrie mir ins Gewissen: „Wirklich, Kerl, du verbummelst und verfaulst! Mach Ernst einmal!“

In Berlin ging’s nicht. Ich hing da an zu vielen Stricken, die mich hin und her zogen. Eines Morgens fiel ich zum Abschied dieser freundlich glänzenden Perle des Berliner Bürgertums, dieser guten, wehmütig gerührten Frau Henkel um den Hals, schob das Neue und Unsichere, das mich während der letzten Tage befallen hatte, energisch von mir weg – „Unsinn! Fertig! Schluss!“ – und fuhr nach Halle hinüber, um mich da vier Wochen einzuspinnen für eine irrsinnige Büffelei auf mein Doktorexamen.

Während dieser vier Wochen hab’ ich von Halle nur den Marktplatz mit der Rolandsstatue, das Hallorenviertel und ein paar schöne Abendstimmungen bei einsamen Kahnfahrten auf der Saale gesehen. Und nur das Bild eines einzigen Hallenser Menschenkindes ist mir in Erinnerung geblieben: Die kleine, nette, wunderliche Köchin der alten Dame, bei der ich wohnte. Man denke nicht Übles! Dieses Mädchen hieß Minna. Sie ging vorüber – um mit Schiller zu sprechen; doch ‚meine’ Minna war sie nicht. Das brave Mädchen redete ein mit kleinen bunten Fähnchen aufgeputztes Hochdeutsch, verwechselte manchmal mir und mich wie der alte Wrangel und gab so drollige Worte aus reiner Seele heraus, dass ich es für nötig erachtete, ein Dutzend dieser klassischen Volksdokumente in meinem Tagebuch festzuhalten.

Die brave Minna verhätschelte mich. Eines Tages fragte ich, woher es denn käme, dass sie mir so gut wäre?

Ihre Augen glänzten. „Ach, Sie gehen so intensiv die Treppe herauf.“

Ein andermal fragte ich: „Minna, warum besuchen Sie denn nie den Tanzboden?“

„Ooooh, ich habe edlere Freuden.“

Ein feines Rot färbte ihre Wangen. Und ich musste erklären: „Minna, Sie sind ein hübsches Mädchen.“

„Ach, sagen Sie das nicht mehr zu mich, es schadet meiner Konstitution.“

„Es heißt mir, Minna, nicht mich.“

„Ooooh, das macht nichts. Das steht eben nicht in meiner Grimmatik. Deswegen komme ich doch durch die Welt. Wenn ich nur ein wenig Französisch und Englisch kann.“

Manchmal zog ich sie ein bisschen auf. Dann sagte sie immer: „Ach, bitte, machen Sie sich keinen Luxus mit mich. Überlassen Sie das den Unwürdigen!“

Die Dame, bei der sie diente, sagte zu ihr: „Minna, gehen Sie nach der Musikalienhandlung und holen Sie ‚Ich liebe dich herzinniglich’ von Gumpert.“

„Nein, nein, das tu’ ich nicht, das sag’ ich nicht, da sind alle die jungen Herren im Geschäft. Schreiben Sie mich es auf!“

Für mich sollte sie aus der Buchhandlung Jean Pauls Titan holen. Sie brachte die Antwort: „Der Buchhändler hat mich gesagt, einen Roman ‚Die Damen’ von Sankt Paulus gibt es nicht. Aber der Herr Buchhändler lässt Sie sagen, der heilige Paulus hätte brieflich Korinthen bestellt.“

Als ich Ende Juli von Halle fort ging, beschenkte mich Minna mit ihrer Fotografie, auf deren Rückseite sie geschrieben hatte:

„Kommst du einst an meinem Grabe,
Kommst du meiner Asche nah,
Wo ich meine Ruhstatt habe,
So verweile du allda!
Schreibe an des Grabes Rand:
Diese hab’ ich auch gekannt!“

Ich sagte: „Minna, Sie sind doch sonst ein sehr lustiges Mädchen. Warum machen Sie auf dem Bild so ein ernstes Gesicht?“

„Sehen Sie, der Pornograf hat immer an mich gedreht und gemacht. Das gefällt mich nicht, das passt mich nicht, da kann ich ihm nicht freundlich schauen.“

Mit schönen Worten bedankte ich mich für das Bild.

Und Minna sprach: „Da habe doch ich mir zu bedanken, weil Sie ihm nehmen. Aber ich geb es Ihnen gerne. Weil Sie einer von den treuen, seelenvollen Menschen sind, die mir nie angelogen und mich immer die Fremdwörter richtig gesagt haben!“

Gute Minna! Ich hoffe, du liegst vorerst noch wärmer, als man in einem Grab liegt. Doch siehe, deinen Wunsch hab’ ich erfüllt. Hier steht es:

„Diese hab’ ich auch gekannt!“

An einem der letzten Julitage war ich in Leipzig, um mich zum Doktorexamen anzumelden und meine Dissertation einzureichen. In Leipzig konnte man mit sechs Universitätssemestern promoviert werden. Das siebente und achte Semester, das von anderen Universitäten für das Wettrennen um den Doktorhut verlangt wurde, hatte ich in Berlin verschustert.

Ich habe Berlin, so sehr das Heimweh an mir zog, nicht leicht verlassen. Diese Stadt, die mir gastlich gewesen und mich lachend hatte leben lassen, war mir lieb geworden.

Aber die Bilanz meiner Entwicklung? Nicht nur meinem Vater, auch mir selbst erschien sie mager. Was hatte ich erobert und gewonnen in diesem Jahr? Damals war ich der Meinung: Nichts!

Dieser Gedanke machte mir bei aller Heimfreude die Reise nach München ein bisschen bänglich.

„Seid mir gegrüßt, ihr gelben Felder,
Ihr ersten meines Heimatlands,
Gegrüßt, ihr abenddunklen Wälder,
Du meiner Heimatsterne Glanz!“

Am anderen Morgen saß ich in der kleinen Stube meiner Mutter.

„Ein festes Mannsbild bist du geworden!“, sagte Mama, während ihre zitternde Hand durch meinen Haarwald streifte. „Aber ’s Geld für das teure Berlin, mein’ ich, ist nausgschmisse gwese? Gell?“

Papa war sehr wortkarg.

Von meinen Gedichten sprach man nicht. Das war eine noch bösere Kritik als jenes Berliner Blatt sie über den ‚Dichter auf eigene Kosten’ geschrieben hatte.

Nicht diese stumme Kritik würgte mir so atemraubend den Hals zu. Mich quälte, was ich sehen musste. Ach, wie grau und mager war die Mutter geworden! Sie sagte: Das käme davon, weil sie immer mit den Zähnen zu tun hätte.

„Ja, ja,“ nickte Papa, „mir scheint, der eine Zahn ist in Berlin ein bisserl hohl geworden, und der andere schwimmt auf dem indischen Meer herum, seit drei Monaten wissen wir nimmer, wo?“ (Es war um die Zeit, in der mein Bruder irgendwo da draußen in der Welt den Skorbut und das gelbe Fieber überstand und dann in einem chinesischen Theater beinah erstochen worden wäre, weil er über eine Zopftragödie hatte lachen müssen. Ein Glück, dass er einen Revolver bei sich hatte! Sonst wäre er aus der gelben Bude nicht mehr herausgekommen. – Um solcher Dinge willen werden die Mütter grau, auch wenn sie noch gar nicht wissen, dass diese Dinge geschehen sind. Mütter ahnen, Mütter haben das zweite Gesicht. Eine rechte Mutter sein, bedeutet: Sich fühlen als ein Stück Natur, mit geheimnisvollen Nerven, mit sensiblen Herzensfäden, die jedes leise durch die Erde rinnende Zittern spüren und von ihm Gefahr besorgen für die Kinder.)

Sooft die Hand der Mutter mich streichelte, war in mir die quälende Frage: „Hast du in Berlin was getan, was schlecht oder unsauber war, ein Schreck für die Mutter?“ Durfte ich antworten mit einem Nein? Oder musste ich mich mit einem Ja ins Gesicht schlagen?

Ich konnte nimmer von Berlin erzählen. Und ein paar Mal sagte Mama: „Geh, Bub, so hock doch net alleweil da wie e Stock!“ Sie begann ihre lieben ‚Späßle’ zu machen. Aber ich konnte nicht heiter werden.

Man schlachtete kein Kalb an diesem Tag. Aber zu Mittag bekam ich Rehragout mit Knödeln und Dampfnudeln mit Vanillesauce. Und an diesem Abend war die alte Lampe nimmer da, und der neumodische Rundbrenner stank die kleine Stube voll, weil die Mutter mich immer anguckte und auf die neue Erfindung nicht aufpassen konnte.

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