Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 3

Eine der ersten Großtaten meines neuen, frisch gefüllten Portemonnaies war die Erwerbung eines Zylinderhutes. Dieser Kauf war eine Trutztat; man ist als Dreiundzwanzigjähriger immer gerne zum Schillerschen in tyrannos bereit. Ich wollte die Angströhre als Mutrohr gebrauchen, wollte kulturell wirken, gegen eine Berliner Unsitte ankämpfen. Man hatte mir gesagt, dass man zu Berlin in der Neujahrsnacht auf der Straße keinen Zylinderhut tragen dürfe. Der Hut würde eingetrieben, der Träger des Hutes geprügelt. Drum kaufte ich mir den Zylinderhut, sagte: „Jetzt bin ich neugierig!“, setzte die schwarze Kanone auf und ging um Mitternacht unter den Linden spazieren. Wer mir begegnete, brüllte: „Hut, Hut, Hut, Hut!“ Ich wurde aber weder geprügelt, noch wurde mir der schöne Zylinderhut eingetrieben. Freilich der linke Ärmel meines Überrockes wurde bedenklich in der Naht gelockert, und schließlich hatt’ ich eine offene Weste und nur noch einen halben Hosenbund, den der heimatliche Riemen gerade noch ausreichend festzuhalten vermochte. Bis auf meinem neuen Zylinderhute kamen sie nicht hinauf. Da waren meine Fäuste und mein Hakenstock dazwischen, mit denen ich die Hochquarten der Regenschirme auffing, als wäre der Platz vor dem Brandenburgertor ein Fechtboden. Glücklich und ziemlich unversehrt brachte ich den „Hut, Hut, Hut“ gegen 1 Uhr morgens wieder heim in die Charitéstraße. Dieser Sieg wider die Narretei der Jahreswende machte mir eine so rasende Freude, dass ich daheim den Zylinderhut auf den Lederlehnstuhl legte und mich draufsetzte. Das vertrug er nicht. Er war eine Leiche. Und lachend schlief ich ins neue Jahr hinein.

Der Januar begann mir unter dem Zeichen des Theaters. Jetzt, da ich mir feine Galerieplätze leisten konnte, rannte ich fast jeden Abend zu irgendeiner Vorstellung, bald in klassische Luft, bald in die heitere Vorstadt. Auf der Wilhelmstädtischen Bühne war wenig los, immer ‚Der kleine Herzog’ mit dem Tenoristen Swoboda und der pikanten Stubel. Im Wallnertheater jubilierte der ‚Doktor Klaus’, hinter dem ‚Die Lachtaube’ kam, mit der entzückenden Ernestine Wegner, mit Georg Engels und Blencke. Auf den Brettern des Residenztheaters, dessen Stern die Claar-Delia war, wurden hundertmal ‚Die Fourchambaults’ gegeben, und dann gastierten Friedrich Haase und die Niemann-Raabe in ‚Mademoiselle de Belle-Isle’. Prachtvoll war es damals in der Oper: Wachtel, Niemann, Betz, die Mallinger, Lilli Lehmann, die Tagliana! Stimmen wie Götterkehlen. Und Niemann ein Schauspieler, wie ich außer dem Münchener Kindermann auf den Brettern der Oper keinen mehr gesehen habe, welcher Mensch und Künstler so ganz gewesen wäre. Vom ‚Himmel’ der Kgl. Oper trug ich viele schöne Trunkenheiten mit heim in meine dreieckige Bude.

Im Kgl. Saaltheater gastierte damals während des ganzen Winters eine französische Truppe, die mir in ihren schauspielerischen Äußerlichkeiten gefiel, ohne mir sonderlich zu imponieren. Sie wurde von Presse und Publikum auf das herzlichste kajoliert. Wie man da über den Rhein hinüberklatschte und linde Pflaster auf brennende Wunden legen wollte, das hatte was Unerquickliches. Ich liebe die Franzosen. Aber ich mag’s nicht sehen, dass der Deutsche gar zu gern ein französischer Affe ist. Mit der Kraft sind wir weiter gekommen, als mit der gutmütigen Liebedienerei. Man merkt das in Elsaß-Lothringen, das heute undeutscher ist als je. Und damals in Berlin war’s guter Ton, nett gegen diese französischen Komödianten zu sein. Ein hoher deutscher Adel und die Finanzaristokraten füllten den Saal der Franzosen, applaudierten mit Wohlwollen und ließen im Kgl. Schauspielhaus Schiller, Goethe und Kleist vor leeren Logen spielen.

Freilich, da gaben sie die ‚Frau ohne Geist’, bis sie ganz verdummte. Und allzu glänzend wurde auch in klassischen Stücken nicht gemimt. Es fehlt dramaturgisch ein schöpferischer Kopf, eine formende Faust. Nach der Ernennung eines Bühnenleiters machten damals die Berliner den Witz: „Bei der Wahl eines neuen Direktors ist das Schauspielhaus auf den Deetz gefallen“. So hieß der neue Direktor; und Deetz bedeutet im Berliner Dialekt so viel wie Kopf. Aber eine geniale Frau konnte man hier sehen, den weibgewordenen Humor: die alte Frieb-Blumauer. Und tüchtige Künstler waren da: Ludwig, Berndal, Liedtke, Oberländer und der junge Kahle, die Klara Meyer und Frau Haverland. Es strebte nur im Rahmen des Ganzen das Einzelne manchmal auseinander. Was Regie und Bild der Szene betraf, machte auch die Erinnerung an das Gastspiel der Meininger das Urteil anspruchsvoll. Dieses Auferstehen von kulturgeschichtlichen Vergangenheiten im Bühnenbild, der harmonische Zusammenklang und das Abgestimmte, die prachtvolle Führung der Massen in der Komparserie, das hatte mich gepackt und begeistert wie jeden anderen, obwohl es mir so vorkam, als stünden die schauspielerischen Kräfte nicht auf verblüffender Höhe. Mit einer einzigen Ausnahme. Ich sah den Fiesko. Ein kleines mageres Kerlchen, kaum zwanzigjährig, das den Bourgognino spielte, gewann mich beim ersten Klang seiner Stimme und warf mir mit seinen Glutaugen heißes Feuer in die Seele – Joseph Kainz – dessen schlechte Nase und mangelhafte Waden damals von Publikum und Kritik viel deutlicher erkannt wurden als sein umschleiertes Genie, das alle Schleier schon zerreißen wollte.

Bei diesem Namen fällt mir etwas ein. Außer den Bühnen, von denen ich schon gesprochen, hatte Berlin noch ein Theater, das ich über alles liebte. Der Zoologische Garten war’s. Halbe Tage verbrachte ich in den Winterhäusern der Raubtiere, bei den Dickhäutern, bei den Affen und Vögeln. Direktor dieses unerschöpflichen Theaters war damals Bodinus. Wenn er zwei wilde Bestien in ihrer Paarungszeit zusammenließ, teilte er das seinen Freuden durch eine kleine Zeitungsannonce mit: „Heute Tiger.“ Oder. „Heute felis leo.“ Dann kamen sie, um die ungezähmte Natur bei ihrem schöpferischen Werk zu belauschen. Und als sich dieser Direktor vermählte, ließ ein Lustiger unter seinen Freunden die kleine Zeitungsannonce erscheinen: „Heute Bodinus.“ So erzählte man in Berlin. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, dass Bodinus, als ich ein leidenschaftlicher Stammgast des Zoo wurde, schon graue Haare hatte.

Mit der gleichen Zärtlichkeit und nachdenklichen Neugier, wie den Zoologischen Garten, liebte ich das Berliner Aquarium und ganz besonders seinen Star: den klugen August, einen an Drolerien und ernsten Rätseln unerschöpflichen Schimpansen, der seinen großen Käfig mit einem Spielgefährten teilte, mit dem Hunde Flock.

Warum mir das jetzt einfiel? Vor einem Jahrzehnt verbrachten Kainz, Karlweis und ich ein paar unvergessliche Wochen miteinander in Bordighera. Eines Abends, bei der Sektpulle in meinem Zimmer, kam ich auf jene Berliner Zeit zu sprechen, auf den Zoo, auf das Aquarium. Und nannte die Namen Flock und August.

„Oooh!“, sagte Kainz, in dessen Augen es zärtlich aufblitzte. Und da saß er auch schon zwischen den Lehnen des Fauteuils, mit kurzen Beinchen, mit langen Armen, mit dem Gesicht und den Bewegungen des klugen Aujust, mit gerunzelter Stirne, mit diesen rätselvollen, schwermütigen Urweltsaugen. Er mimte eine wohlschmeckende und eine widerliche Mahlzeit, zeigte das groteske Zerrspiel mit seinem Kameraden Flock und wurde wieder der stille, nachdenkliche Beobachter, der die vor dem Gitter stehenden und vorüberwandernden Aquariumsgäste betrachtete. Deutlich war es in seinen Augen und Mienen zu lesen: Jetzt kommt ein alter langweiliger Herr, jetzt ein boshafter Junge, jetzt ein hübsches, furchtsames Kind, mit dem er barmherzig spielen möchte, und jetzt ein junges Weib, dessen Schönheit und Geruch ihn reizte. Kein Possenspiel. Was wir da zu sehen bekamen, das war eine tiefe Tragikomödie aus Urweltstagen, genial illustrierter Darwinismus. Während wir lachen mussten, dass uns die Tränen kamen, ging von dem Zorn und Hohn, von der Sehnsucht und Trauer dieser rätselvollen Ewigkeitsaugen ein Schauer aus, der uns erschütterte. Eine stumme, schauspielerische Leistung, die den Vergleich mit jedem klingenden Wert aushielt, den uns Joseph Kainz auf dem Theater zu bieten wusste. Theater? Sprach ich von Theater und Schauspielerei? Es war mir so, als hätt’ ich von einem starken, seltenen Menschen gesprochen, dessen allzu frühen Verlust wir Lebenden nie verschmerzen werden, die wir ihn sahen in der Fülle seiner sieghaften Kraft und seines leuchtenden Glanzes.

In den Theaterwochen meines Berliner Winters fand sich auch ein Weg, der mich selbst auf die Bretter führte. Die Berliner Studentenschaft plante eine klassische Vorstellung zugunsten eines Genesungsheimes für kranke Lehrerinnen. Auf dem schwarzen Brett war zu einer Versammlung eingeladen. Ich besuchte sie. Erst wollte man Coriolan geben. Ich sprach dagegen und riet zu Schillers ‚Tell’, bei dem die jugendliche Begeisterung halbwegs zu ersetzen vermag, was dem Dilettantismus an theatralischem Können abgeht. Mein Vorschlag wurde angenommen, man wählte mich in das Aktionskomitee, und nun begann eine lustige Theaterschwimmerei, deren vielseitige Beschäftigung mich dem Kollegienbesuch entfremdete. Ich habe bis zu meinem Abschied von Berlin die Hörsäle meiner Professoren nur ab und zu noch gesehen.

Für die Aufführung erwarben wir das seit einiger Zeit verkrachte Nationaltheater, und sein beschäftigungslos gewordener Direktor Paul Borsdorff, ein Possart dritter Güte, übernahm die Regie. Zur Besetzung der weiblichen Hauptrollen wurden beliebte Künstlerinnen gewonnen, die Claar-Delia als Armgard, Frau Haverland als Stauffacherin, die Klara Meyer als Berta. Eine Woche ging darüber hin, bis aus dem Schwarm der studentischen Bewerber die Geeignetsten für die männlichen Rollen ausgewählt waren. Musste man einen als unbrauchbar zurückweisen, so gab es Kränkungen und Galle, Grobheiten und Feindschaften. Unter den Refüsierten waren nur wenige, die mit Humor zu der Einsicht kamen, dass es für das irdische Glück nicht notwendig wäre, Theaterblut zu haben. Eine fürchterliche Sache war’s mit dem Bewerber um die Rolle des Rudenz. Denkt euch einen langknochigen Jüngling, der mit endlos scheinenden Armen gaukelte wie eine Windmühle mit ihren Flügeln. Und diese Windmühle sächselte. Aber der Jüngling war von einer rasenden, zähneknirschenden Begeisterung. Es brannte auch so etwas wie Talent aus seinen immer rollenden, immer verstörten Augen heraus. Und wir merkten, dass er zitterte vor ehrgeiziger Sehnsucht und die Ablehnung wie einen Mord empfunden hätte. Na also, in Gottes Namen!

Den Chor der frommen Brüder übernahm der akademische Gesangverein. Und um nettes ‚Volk’ auf die Bühne zu bringen, machte ich den Vorschlag, fünfzig oder lieber noch hundert hübsche junge Mädchen aus der Berliner Gesellschaft zur Mitwirkung als Statistinnen einzuladen. Das wurde mit Jubel ausgeführt. Wir gewannen dadurch mit Sicherheit ein zahlreiches Publikum von Müttern, Vätern, Tanten und Onkeln. Und gleich bei der ersten Probe, im Duster des Zuschauerraumes und im feinen Zwielicht hinter den Kulissen, ging, die Paare nach Dutzenden gerechnet, ein Flirten los, dass es rasselte. Man friert bei aller Kunst, wenn nicht Hand in Hand mit ihr die schöpferische Liebe geht. Beim Dilettieren ist das eine noch viel notwendigere Sache als auf den ernsten Höhe rechter Kunst, für die doch schließlich auch der Jubel des Herzens und die Pein der Sehnsucht immer die tiefsten, die unerschöpflichen Brunnen erschließt.

Im Dämmerdunkel jener Theaterproben wurden Künstler geweckt, Talente aufgerüttelt, Kräfte gehoben, Lebensketten geschmiedet, aber auch schwächliche Existenzen vernichtet, schwache Herzen gebrochen. Oder man fand sich lachend zusammen, erkannte, dass man nicht weinen wollte, ging lachend wieder auseinander und war dem Leben dankbar für eine vierzehntägige Glückseligkeit. Aus den Schleiern des Erinnerns an eine frohe, rasch entflammte Zärtlichkeit steigt lächelnd eine zierliche Gestalt herauf, ein feines Köpfchen mit nachtschwarzer Haarkrone und mit flinken, neugierigen Kinderaugen. Ein achtzehnjähriges Dingelchen, dessen Seele, aus Wachs und Ambra gegossen, jedem lockenden Reiz des Augenblickes bildsam entgegendrängte – Sulamith, die nicht wusste, wo der Weinberg war, und doch die Trauben gern gekostet hätte.

„Dank’ ich deinen süßen Küssen
Mit dem Fluche böser Tage?
Kind, in dir ist Durst nach Wissen,
Den ich nicht zu stillen wage.“

Jeder Blick dieser erwartungsvollen Augen war ein Verschenken ohne Grenzen. Aber das völlig Unbehütete, das furchtlos Unkluge dieses jungen Lebens schob mir in einer Zeit, in der ich von Ibsen noch nichts wusste, die Fischbeine der Verantwortung ins Gewissen. So hatte die Sache keine andre schlimme Folge als ein Schock lyrischer Gedichte, die in meinem Tagebuch verblieben.

Bei einem heimlichen Spaziergang durch den Tiergarten wurden wir von feuchtem Schneegestöber überfallen. Die kokette Kleine, die ein bisschen frühlingshaft gekleidet war, bekam so nasse Strümpfe und Schuhe, dass sie in diesem Zustand den Heimweg zu Mutter und Vater nicht wagte. Da blieb nichts anderes übrig, meine dreieckige Bude musste als Trockenstube dienen. Ehrlich bat ich die gute Frau Henkel, mich bei hellem Tag für eine Stunde von jenem strengen Hausgesetz zu entbinden, das da lautete: „Mä’chens mitbringen? Nee!“ Und wirklich, die brave alte Seele machte eine Ausnahme und erlaubte mir, ‚dem Fräulein am warmen Ofen die Schuhe trocknen’ zu dürfen. Die Kleine, als sie meine Bude betrat, guckte so flink herum wie ein Vögelchen, das bei Sturmwetter in ein falsches Nest geriet und sich dennoch gleich wie zu Hause fühlt. Dann musste sie im Lederlehnstuhl sitzen, der bei der Ermordung des Zylinderhutes mein Mitschuldiger von unten her geworden war. Ich saß vor ihr auf dem Boden und wärmte an meiner Brust die kühlen und dennoch rosigen Füßchen, während die dünnen Schuhe und die seidenen Strümpfe in der Ofenröhre dampften.

So pflegten frivole Romane zu beginnen. Der meine endet hier. Nach einer Stunde, die eine sehr starke war, erschien Frau Henkel, um sich höflich zu erkundigen, ob die Schuhe des Fräuleins schon trocken wären? Sie waren mehr als trocken, waren angebrannt. Und aus den seidenen Strümpfen fielen nussgroße Löcher heraus wie aus mürben Zunder. Frau Henkel hatte, ohne dass wir’s merkten, zu fleißig im Ofen nachgelegt. Klein-Sulamith bekam auf dem Heimweg wieder nasse Füße, musste während der Tell-Aufführung ununterbrochen in der stilwidrigsten Weise niesen und schneuzen und war ein paar Tage darauf verschwunden, war zu einer märchenhaften Tante gereist, ohne Abschied von mir nehmen zu dürfen.

Ich hatte den Trost meines reinen Gewissens. Doch dieses stolze Hochgefühl wurde mir späterhin durch unerquickliche Erwägungen getrübt. Ein Dreiundzwanzigjähriger pflegt sich das immer post festum als Verbrechen gegen die Rechte der Jugend auszudeuten, wenn er, unter unwillkürlichem Zwang, einem lieben Mädel gegenüber ein anständiger Junge blieb. Eine Registrierung meines Tagebuches behauptet:

„Mensch, du warst ein großer Esel!
Zwischen Immenstadt und Wesel
Und auch weiter nördlich zu
Lebt kein größerer wie du!“

Schließlich beschwichtigte ich diese peinvolle Selbsterkenntnis durch die Hypothese, dass ich damals, als die Trauben reif waren, unter dem Bann von Dingen stand, die in meinem Kopf wichtiger waren, als die kleine dumme Liebe in meinem Blut.

Damals war ich scharf in literarisches Fahrwasser geraten. Bei den Vorbereitungen für den Wilhelm Tell hatte ich ein paar Mitglieder des akademisch-literarischen Vereines kennen gelernt. Und da sprang ich ein mit Beinen, Herz und Seele. Präses war Berthold Litzmann, heut Universitätsprofessor in Bonn, der Schöpfer eines geistvollen, fesselnden Buches über Goethes Faust. Unter den Mitgliedern waren der ernste Höniger, der schneidige Liman, der an Versen unerschöpfliche Lyriker Max Stempel. Aus dem A.L.V. waren die Brüder Heinrich und Julius Hart hervorgegangen; sie begründeten die Bremer Monatshefte und sangen in ‚Weltpfingsten’ und ‚Sansara’ neue Klänge. Alter Herr des Vereines war der Schauspieler Kahle. Und unser Ehrenpräsident und Dalailama war Ernst von Wildenbruch. Seine gerade, feste, offene und wohlwollende Art gewann die jungen Herzen beim ersten Blick, auf den ersten Handschlag. Wer ihn persönlich kennen lernte, hat sein zähes, eisernes Schaffen niemals missverstanden. Immer gab er sich selbst, bei der Arbeit wie im freundschaftlichen Verkehr. Und wir Junge von damals, wir glaubten an ihn und sahen in ihm den Großen, der sich zu strecken begann. Er hatte sich auch durch die Heldengesänge ‚Sedan’ und ‚Vionville’ schon einen Namen gemacht. Doch seine erste dramatische Arbeit, die wir begeistert verschlangen – der ‚Mennonit’ – und dann auch die ‚Karolinger’, wurden ihm von allen Bühnen zurückgeschickt. Keine Enttäuschung verbitterte ihn, immer blieb er stark, froh und zuversichtlich. Damals schrieb er am ‚Harold’, den er uns vorlas. Und aufmerksam hörte er die heißen Debatten an, die um das Werk geführt wurden. Zehn Jahre älter als wir Junge, hatte er für uns ein brüderliches, fast väterliches Empfinden, hatte für jeden Interesse, für jeden Geduld, für jeden ein ermunterndes Wort und ein Gefühl der Hoffnung, die oft Sorge wurde. Zu meinem Münchener Freunde Marco Brociner, der nun auch in Berlin flanierte, sagte Wildenbruch eines Tages sehr ernst: „Dieses junge Ross Ganghofer macht mir schweren Kummer.“ Dabei konnte er doch während der langen Sitzungen des A.L.V. gerade über mich am meisten lachen. Er war einem derben Spaß nicht abhold, und sein breites, schütterndes Lachen hatte was Gesundes und Behagliches.

Von Ernst von Wildenbruch wird noch Weiters zu erzählen sein. Ein glücklicher Einfall, den Berthold Litzmann hatte, wurde für Wildenbruchs Aufstieg als Dramatiker zu einer nützlichen Staffel.

Inzwischen begann im Nationaltheater durch fleißige Proben, bei denen der cholerische Direktor Paul Borsdorff brüllte wie ein Stier von Uri, der Apfel Wilhelm Tells schön langsam reif zu werden. Und wie für junge Liebe, so wurde die Tell-Ausführung auch eine redliche Kupplerin für junge Freundschaft. Ich fand zwei prächtige Kameraden, die mir treue Freunde blieben durchs ganze Leben: Der sinnierliche, arbeitsfeste Karl Mühling, der einen schwungvollen Stauffacher auf stramme Beine stellte – und der junge Mosse, mein verlässlicher ‚Max der Kleine’. Der spielte den Itel Reding und brachte mit seinen drolligen Fragen, unter deren ernstem Klang sich immer eine aufreizende Ironie verbarg, den Direktor Borsdorff zur Verzweiflung. Bei der Stelle ‚Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen’ unterbrach er während der Probe den stelzenden Jambenklang und fragte: „Herr Direktor Borsdorff? Ich möchte gern verstehen, was ich spreche. Warum sind die Bücher, auf die ich pflichtgemäß meine Hand zu legen hätte, augenblicklich nicht vorhanden?“

Borsdorff grübelte. „Schiller hatte sie vermutlich nicht nötig. Drum ließ er sie weg. Das ist dramatische Ökonomie.“

„Ssso? Aber wenn ich eine subjektive Vermutung aussprechen darf, dann sind diese abgängigen Bücher beim Antiquar.“

Da brüllte Paul Borsdorff wieder mit rotem Kopf und versuchte uns klar zu machen, dass Kunst eine Sache wäre, die man ernst und heilig zu nehmen hätte. „Glauben Sie, mein Theater … (Es war aber schon nicht mehr das seine!) … ist ein Vergnügungsstall für Iokusse?“

In der Zeit dieser Proben erfuhr ich gelegentlich, dass weit draußen in einem Vorstadttheater ein Stück des neu aufgetauchten Wiener Volksdichters Ludwig Anzengruber gegeben würde, von dem ich noch nichts gelesen, nichts gesehen hatte. Doch als ich, um diese geistige Lücke zu füllen, eines Abends in die Vorstadt hinauskam, wurde ‚Dorf und Stadt’ von der Birch-Pfeiffer gespielt. Man hatte den ‚Pfarrer von Kirchfeld’ nach zwei schlecht besuchten Vorstellungen wieder abgesetzt. Mir ist das nicht aus literarhistorischen Gründen in Erinnerung geblieben, nur deshalb, weil ich in der gleichen Nacht, während ich von der Birch-Pfeiffer nach Hause wanderte, ein kleines Abenteuer erlebte, das einen bösen Ausgang hätte nehmen können. Es rieselte fein in der Nachtkälte, und spiegelndes Glatteis bedeckte die Straßen. Man musste kleine, vorsichtige Schritte machen. Als ich die menschenleere, schlecht beleuchtete Luisenstraße hinunterging und schon in die Nähe meiner schiefen Bude kam, hörte ich in der Stille der Nacht einen Wortwechsel, eine grobe lachende Mannskehle und eine ängstliche Mädchenstimme. Meine Vermutung traf auch das Richtige, und ich steuerte, so flink es bei dem Glatteis möglich war, auf die zwei dunklen Gestalten los.

Damals las man häufig in den Zeitungen von nächtlichen Attacken auf ‚alleingehende Damen’. Hübsche Frauen und junge Mädchen, wenn sie sich gegen einen solchen Angriff verteidigen wollten, wurden brutal misshandelt, durch Fauststöße ins Genick zu Boden geworfen. Die Presse pflegte das in Apostroph als ‚berechtigte Eigentümlichkeit des Berliner Mob’ zu bezeichnen.

Zu einer solchen Szene kam ich. An der Ecke des Charitégartens riss sich ein Mädel in dunklem Kapuzenmantel aus den Fäusten eines Mannsbildes los und kam auf mich zugeschlittert. Aus dem Kapuzenschatten, aus dem nur ein kreideblasser Fleck zu sehen war, klang eine von Tränen erstickte Stimme heraus: „Ach, mein Herr, ich bitte, helfen Sie mir doch! Dieser Mensch lässt mir keine Ruhe, und ich muss in die Apotheke, was holen für meine Mutter.“

„Ja, Fräulein, gehen Sie nur, ich halte den Kerl schon auf.“

Die Arme auseinanderlegend, deckte ich den Weg des auf dem Glatteis davongaukelnden Mädels. Der andere stand vor mir, und als ich ihn nicht weiterließ, fing er zu räsonieren an, seine Rede mit Ausdrücken spickend, deren Sinn mir dunkel blieb, obwohl ich in der Kenntnis des Berliner Dialekts schon einige Fortschritte gemacht hatte. Mit groben Stößen puffte er gegen mich an. Ich gab den Weg nicht frei, weil ich hinter mir noch immer den trippelnden Schritt des Mädels hörte. Mein Widersacher stellte das Schimpfen ein, wurde stumm, und während er mit der Linken an mir zerrte, sah ich, dass er mit der Rechten etwas aus der Tasche riss. Ich dachte: Wir sind doch nicht in Niederbayern? Und hielt die Waffe meines Gegners für einen Hausschlüssel, von denen es damals in Berlin sehr große gab. Da musste ich flink sein. Bevor der andere mit dem Schlüssel losboxen konnte, hatte er eine Gesunde hinter dem Ohr. Er taumelte auf dem Glatteis und machte Räder mit den Armen, wie ein Seiltänzer, der vom gespannten Draht zu stürzen droht. Das wirkte komisch, ich musste lachen. Und sagte: „Weiter drüben stehen Sie besser, da ist Sand gestreut.“ Nun fuhr er wieder auf mich los. Mit beiden Fäusten stieß ich zu. Und während ich an meiner linken Seite einen Glitsch wie von einem fehlgegangenen Streich des vermeintlichen Hausschlüssels fühlte, machte der dunkle Held einen Purzelbaum auf dem Glatteis und streckte die Beine in die Luft. Von dem Mädel war nichts mehr zu sehen. Da konnt’ ich den Weg nun freigeben. Ehe der Geplumpste wieder auf die Füße kam, war ich um die Ecke herum und schlitterte heim zu meiner dreieckigen Bude. Am andern Morgen kam die gute Frau Henkel jammernd zu meinem Bett. Was denn mit meinem Hevelock passiert wäre? Der hatte von der linken Schulter bis zur Tasche herunter einen glatten Schnitt. Auch der Kittel, den ich darunter getragen, war noch durchgeschnitten bis auf das Futter. Eine kleine Gänsehaut fröstelte mir über den Nacken. Da hätte nicht viel gefehlt, und es wäre mein Name bei der Tell-Aufführugn nimmer auf dem Theaterzettel gestanden.

Ich hatte mich, als Mitglied des Aktionskomitees, um keine Rolle beworben. Dennoch musste ich mitspielen. Es gab nämlich mit dem windmühlenflügeligen Darsteller des Rudenz eine Katastrophe. Was aus seiner Seele herausbrannte, war unleugbar Glut und Rasse. Schloss man die Augen, so empfand man den Klang des Talentes, allem Gesächsel zum Trotz. Aber diese mittelalterliche Holzschnittmimik, dieser eckige Zugmechanismus der Arme und Beine, diese rollende Entrücktheit der Augen – wer das mit ansah, bog sich vor Lachen. Nein, wirklich, es ging nicht! Als wir dem Ärmsten das mitteilen mussten, rührte uns die Empfindung, dass wir einen seelenvollen jungen Mann steinunglücklich gemacht hatten. Der in Verstörtheit Trauernde hieß, wenn ich mich recht erinnere: Ludwig Wüllner. Ob das der berühmte Balladensänger gleichen Namens von heute war? Ich weiß es nicht.

Wer sollte nun den Rudenz spielen? Wir fanden keinen andern. In der Not musste ich einspringen, während der Nacht vor der Generalprobe die Rolle büffeln und die zärtliche Szene mit Berta von Bruneck als einsames Huhn markieren. Klara Meyer, die Darstellerin des edlen Fräuleins, schwänzte auch die einzige Probe, die sie uns zugesagt hatte. Und so stand ich als ohrenfeuchter Dilettant vor der Aufgabe, in der Vorstellung die Szene des Rudenz und der Berta ohne Probe mit einer gefeierten Künstlerin zu spielen, die ich außerhalb der Bühne noch nie von Angesicht gesehen hatte. Mir war sehr schwül, als es am 27. Januar auf den Abend zuging. Aber schließlich dachte ich: Mit ein bisschen Frechheit wird’s schon gehen.

Ein Haus – bei einer Dilettantenaufführung dürfte man mit einiger Berechtigung sagen: Zum Brechen voll! Wir jubelten: tout Berlin wäre da. Und ich, in meiner engen Garderobe, schwitzte vor Aufregung. Und hergerichtet hatten sie mich! Fürchterlich! Ich stak in einem grasgrünen Samtkostüm. Und kleinlöckelig hatten sie mir die vielen blonden Haare gebrannt, dass ich aussah wie ein Laubfrosch mit einer Schneckenperücke. Als ich, für die Bühne fertig, in den Spiegel guckte, sah mir eine jammervolle Puppenfratze entgegen, und ich hatte die Empfindung: Jetzt trifft mich der Schlag.

Verzweifelt fragte ich den Friseur: „Um Gottes wille, mueß denn dös so sein?“

Er sagte: „Allemal! Det is seit Anno Tobak so bei’n Rudenz jewesen. Aber wenn Se so schwäbisch reden, det wär ’ne neue Nüangse.“

In der Aufregung schlug bei mir das Schwäbische noch immer durch. Und mit dieser Anmerkung traf der Friseur einen kritischen Nagel auf den Kopf. Bei dem Darstellertausch für diese Rolle hatte unsere Aufführung statt eines sächsischen Rudenz nur einen schwäbischen gefunden – keinen besseren.

Meine Szene kam. Und hätte mich nicht der Inspizient noch rechtzeitig abgefangen, so wär’ ich mit dem Zwicker auf die Bühne gerannt, das schwarze Schnürl hinter dem Ohr. Der Kulissenwachtmeister nahm mir den in Silber gefassten Anachronismus von der Nase. Nun war ich auch noch kurzsichtig. Von den Zuschauern in dem großen Haus sah ich nur viele, viele kleine, rötliche Kleckse auf dunklem Hintergrund. Dieses Unbestimmte machte mir Mut. Sieht man keinem ehrlichen Menschen in die Augen, dann ist man williger zu bösen Taten.

Wie aus einer Pistole geschossen, so kam es mir aus den hämmernden Herzen herausgefahren:

„Freileun, jätzt endlüch fünd’ ich Eich alleun!“

Aber wo war meine Berta? Ich sah sie nicht. Vermutlich trug sie ein Jagdkleid? War also ebenfalls grün? Ich guckte nach allem, was auf der Bühne grün war. Ach, dieser schweizerische Bergwald hatte schauderhaft viel grünes Zeug! Da hieß es: Glück haben oder daneben greifen! Ich glaube, dass ich in meiner Ratlosigkeit ein heimliches Stoßgebetlein zum heiligen Antonius stammelte, der für’s Finden gut ist. Ich suchte und suchte, sprach immer Verse dabei, und endlich setzte ich mein Vertrauen auf eine grüne Säule, die sich ein bisschen zu bewegen schien.

„Jetzt oder nüe,
Ich mueß den teiren Augenblück ergreufen!“

Gott sei Lob und Dank! Sie war es. Wenigstens hatte ich was Lebendiges zwischen den Händen. Die Augen ließen mich im Stich, alles schwamm vor meinem Blick. Aber die Seligkeit des Gefundenhabens klang aus meiner Stimme. Denn nachträglich erklärte ein Kritikus: Relativ am besten hätte ich die Freude des ersten Wiedersehens mit dem Fräulein von Bruneck zur Geltung gebracht.

Das klare Bewusstsein begann mir zurückzukehren, während ich meine Berta am Arme festhielt, den sie mir immer zu entziehen suchte. Indes ich stürmisch deklamierte:

„Wer bin üch,
Dass üch den kiehnen Wunsch zu Eich erhäbe?“

Hörte ich meine Berta verdrießlich flüstern: „Drücken Sie nicht so! Geben Sie die Hände weg!“

Da wurden meine schwimmenden Blicke plötzlich sehend. Und dicht vor meiner Nase entdeckte ich zwei große, graue, prachtvolle Mädchenaugen, deren Iris wundersam gezeichnet war. In dieses Herrliche starrte ich perplex hinein. Theater, Publikum, Schiller, Rudenz, Rolle, alles war im Nu vergessen, und nur noch diese beiden rätselschönen Augen waren da. Das Fräulein zischelte: „So sprechen Sie doch!“ Ich wollte reden. Aber was? Auch nicht ein einziges Wort meiner Rolle fuhr mir ins gelähmte Gehirn. Vom Souffleur verstand ich keinen Laut. Doch zu sprechen fing ich an – nach einer Pause, die dem Publikum kaum aufgefallen, aber mir wie eine Höllenqual und Ewigkeit erschienen war – ich redete, sprach immerzu, sprach Vers um Vers, Jamben eigener Fechsung – – Unsterblicher, verzeihe sie mir! Es ist nicht auszumalen, wie die Sache geendet hätte, wenn nicht die gewandte Künstlerin auf den Einfall gekommen wäre, mir ein Stichwort ihrer Rolle zuzuflüstern. Das brachte Licht in mein Gehirn, mit einem Schlag war alles Vergessene wieder da, und nach einem Übergang, den ich flink erhaschte, lief die Sache plätschernd weiter im besten Fahrwasser – ich hatte glücklich wieder heimgefunden zu Friedrich Schiller. Nach Schluss der Szene, hinter den Kulissen, sagte Berta von Bruneck: „Da schwitzt man Blut!“ Ich hatte nur Wasser ausgedunstet. Aber reichlich! Meine gebrannten Locken waren glattes Haar geworden. Im Zwischenakt wollte der Friseur sie wieder kräuseln. „Nein! Ich danke!“

Die Szene von Geßlers Tod hatte rauschenden Erfolg. Hier wirkten die vierhundert jungen Menschen auf der Bühne, die gut dressierte Masse, die prächtigen Stimmen des akademischen Gesangvereins, das stürmische Gefühl dieses Volkes von Zwanzigjährigen, der Pulsschlag von Begeisterung in dieser Jugend – und am meisten der große Dichter, dessen Werk nicht umzubringen war. Auch die Rütliszene und der Schuss nach dem Apfel hatten starke Wirkung geübt und reichen Beifall gefunden.

Das Brausen des Erfolges hob und trug uns alle. Auch mich. Jetzt war ich Rudenz, weinte an der Leiche des edlen Attinghausen wirkliche Tränen, die mir die Schminke von den Wangen wuschen, hätte schlagen, stechen und morden können für die Freiheit der Schweiz und jubelte aus brennendem Herzen das Wort:

„Und säht ühr leichten die wüllkommnen Flammen
Dann auuf die Feunde stirzt wü Wedddrstrahl
Und brächt den Pauu der Türrrranneu zusssammn!“

Die Aufführung wurde anerkennend von der Presse besprochen. Mir hielt ein Kritiker – wenn ich mich recht erinnere, war es Blumenthal, ‚der blutige Oskar’, der beim Tagblatt das scharfe Richtschwert schwang – mit Wohlwollen die historische Tatsache vor, dass Rudenz, der Uli, von Geburt kein Schwabe gewesen wäre.

Trunken vom Erfolg, inszenierten wir auch noch einen Siegesfrühschoppen. Und um die Mittagszeit, als die meisten von uns schon ein bisschen angestochen waren, kam die Nachricht, dass die Vorstellung am Abend wiederholt werden müsste. Trotz einem verschwenderischen Gebrauch von kaltem Wasser brachte ich bis zur Stunde, in der sich der Vorhang hob, den Spiritus nicht mehr völlig aus dem Kopf heraus. Wie mir, so ging es auch anderen. Das wurde eine grässliche Geschichte. Kaum eine Szene ging vorüber, ohne dass ein Malheur passierte. Das Publikum kicherte viel. Und ich, als kreuzvergnügter Rudenz mit glatt gewässertem Haar, ich wurde im vierten Akt so überzärtlich gegen den toten Herrn von Attinghausen, dass ich ihm den angeklebten Weißbart von der Wange riss. Der Leichnam des edlen Mannes sagte plötzlich mit vernehmlicher Stimme: „Au!“

Nach einer Trunkenheit von Jubel, Begeisterung und schöner Freude solch ein Satyrspiel wider Willen! Wir hatten einen bösen Katzenjammer davon – viel mehr noch von der Reue über die Misshandlung unseres geliebten Dichters, als vom Alkohol.

Aber schließlich lachte man wieder. Jugend muss immer wieder lachen. Oder sie wäre nicht Jugend. Und weil ich schon gerade vom Lachen rede, muss ich die kleine Geschichte eines schier endlosen Gelächters erzählen. Wir saßen, unser fünfe oder sechse, eines Abends in einem Restaurant der Dorotheenstraße und debattierten mit heißen Köpfen und kochender Leidenschaft über Heinrich Heine. Am Nachbartisch saß ein einsamer Herr, der immer aufmerksam zu uns herüberhorchte. Das Bewusstsein, einen verständnisvollen Zuhörer zu haben, beflügelte unsern Geist. Wir sprachen von der Matratzengruft, vom Rückenmarksleiden des armen Lazarus, der ein singender Schwan bis zum letzten Hauch seiner Schmerzen blieb. Damals begann man die Idee der V Da wurden meine schwimmenden Blicke plötzlich sehend. Und dicht vor meiner Nase entdeckte ich zwei große, graue, prachtvolle Mädchenaugen, deren Iris wundersam gezeichnet war. In dieses Herrliche starrte ich perplex hinein. Theater, Publikum, Schiller, Rudenz, Rolle, alles war im Nu vergessen, und nur noch diese beiden rätselschönen Augen waren da. Das Fräulein zischelte: „So sprechen Sie doch!“ Ich wollte reden. Aber was? Auch nicht ein einziges Wort meiner Rolle fuhr mir ins gelähmte Gehirn. Vom Souffleur verstand ich keinen Laut. Doch zu sprechen fing ich an – nach einer Pause, die dem Publikum kaum aufgefallen, aber mir wie eine Höllenqual und Ewigkeit erschienen war – ich redete, sprach immerzu, sprach Vers um Vers, Jamben eigener Fechsung – – Unsterblicher, verzeihe sie mir! Es ist nicht auszumalen, wie die Sache geendet hätte, wenn nicht die gewandte Künstlerin auf den Einfall gekommen wäre, mir ein Stichwort ihrer Rolle zuzuflüstern. Das brachte Licht in mein Gehirn, mit einem Schlag war alles Vergessene wieder da, und nach einem Übergang, den ich flink erhaschte, lief die Sache plätschernd weiter im besten Fahrwasser – ich hatte glücklich wieder heimgefunden zu Friedrich Schiller. Nach Schluss der Szene, hinter den Kulissen, sagte Berta von Bruneck: „Da schwitzt man Blut!“ Ich hatte nur Wasser ausgedunstet. Aber reichlich! Meine gebrannten Locken waren glattes Haar geworden. Im Zwischenakt wollte der Friseur sie wieder kräuseln. „Nein! Ich danke!“

Die Szene von Geßlers Tod hatte rauschenden Erfolg. Hier wirkten die vierhundert jungen Menschen auf der Bühne, die gut dressierte Masse, die prächtigen Stimmen des akademischen Gesangvereins, das stürmische Gefühl dieses Volkes von Zwanzigjährigen, der Pulsschlag von Begeisterung in dieser Jugend – und am meisten der große Dichter, dessen Werk nicht umzubringen war. Auch die Rütliszene und der Schuss nach dem Apfel hatten starke Wirkung geübt und reichen Beifall gefunden.

Das Brausen des Erfolges hob und trug uns alle. Auch mich. Jetzt war ich Rudenz, weinte an der Leiche des edlen Attinghausen wirkliche Tränen, die mir die Schminke von den Wangen wuschen, hätte schlagen, stechen und morden können für die Freiheit der Schweiz und jubelte aus brennendem Herzen das Wort:

„Und säht ühr leichten die wüllkommnen Flammen
Dann auuf die Feunde stirzt wü Wedddrstrahl
Und brächt den Pauu der Türrrranneu zusssammn!“

Die Aufführung wurde anerkennend von der Presse besprochen. Mir hielt ein Kritiker – wenn ich mich recht erinnere, war es Blumenthal, ‚der blutige Oskar’, der beim Tagblatt das scharfe Richtschwert schwang – mit Wohlwollen die historische Tatsache vor, dass Rudenz, der Uli, von Geburt kein Schwabe gewesen wäre.

Vererbung zu popularisieren. Und nun debattierten wir mit glühendem Eifer darüber: Ob Heines Leiden ein selbstverschuldetes gewesen wäre? Könnte das nicht auch so sein: Dass alles, was man von seiner ausschweifenden Jugend und seinem leichtfertigen Lebenswandel zu erzählen pflegt, nur Schwindel und Lüge, posthum ersonnene Fabel ist? Von vielen seiner Lieder weiß man doch, dass die dichterische Fiktion das größere Mutterrecht an ihnen hatte, als das wirkliche Erleben. Heine ein Wüstling? Klatsch, Klatsch! Mangel an Menschenkenntnis! Blödsinn! Und pietistische Mieselsucht! Auch der übelste Sünder ist nie so sündhaft, wie es ein Dominikaner von jedem anständigen Kerl vermutet. Und Heinrich Heine? Der gesungen: Dub ist wie eine Blume! Aus hundert seiner leidenschaftlichen Lieder blicken die Traumaugen eines schüchternen Knaben heraus. Ein feiner Geist! Blitzend, schillernd! Ein Spötter, gewiss! Spott ist Zorn der Guten, Empörung der Besseren. Ein vornehmes Herz, eine verlässliche, starke Mannesseele! Denkt an sein Lächeln im Leiden, an die treue Sorge für seine Frau, an sein sonniges Scherzen mit der Mouche! Und der soll das Mark seiner Knochen vergeudet haben in den Gossen des Lebens? Dann hätte er nicht so gegen Platen gesungen. Ein Fremder allem Schmutz und Ekel ist er gewesen! Rein und redlich, wie jeder Begnadete! Und muss das unverdiente, grausame Schicksal erleben, dass sein Körper vergiftet war vom Blut krankhafter Geschlechter! Eine Ahnenreihe von Krämern, Geizhälsen und Schacherböcken! Und alles, was die Natur ihnen vorenthielt an Geist, an Schönheit des Herzens, an Glanz der Seele – das alles sammelt sie verschwenderisch in diesem einen glückselig-unglückseligen Enkel! Und kann es nicht hindern, dass alles, was an giftiger Lauge durch die Venen der Ahnen sickerte, nun verzehrend und mörderisch, rachsüchtig und boshaft zusammenströmt in diesem reinen Gefäß, in diesem kostbaren Gebein, im heiligen Herzen dieses Letzten, der aus der Tiefe plötzlich aufstieg als ein Gipfel! Und stürzen musste wie eine gigantische Tempelsäule! Verbrennen wie Nessus! Solch ein Anfang, und dieses Ende! Welch ein ruchloses Schicksal! Ein Mord ohnegleichen!

Wir schwiegen in Erschöpfung, durchbrannt von den Bildern unserer Phantasie, durchrieselt von dem Grauen, das uns anhauchte aus unseren eigenen Worten.

Und da beugte sich dieser einsame Nachbar, den wir völlig vergessen hatten, plötzlich gegen uns her, macht mit dem Zeigefinger eine drollige Stopselzieherbewegung und spricht: „Nun ja! Aber dieses, mein’ ich, können die jungen Herren doch wohl mit gutem Gewissen nicht behaupten, dass Heinrich Heine sanitär vernünftig gelebt habe?“

Wie Öl war dieser Satz geflossen.

Erst waren wir stumm und starr. Dann schrieen wir los. Wir lachten, kreischten und brüllten, dass ich ein Radau der Gäste gegen uns erhob und dass wir das Lokal verlassen mussten. Stillen konnten wir dieses krampfhafte Gelächter nicht.

Der tobende Sturm in unseren jungen Herzen! Und dann der kalte Wasserstrahl dieses greisenhaften Wortes: Sanitär vernünftig! Das war ein Kontrast, der das Zwerchfell in eine rasselnde Trommel verwandelte.

So lang die Straße war – wir brüllten und schrieen noch immer, als sie schon zu Ende ging.

‚Sanitär vernünftig!’

Und dann lachte man sich einsam heim! Und hätten wir, was Philistertum bedeutet, noch nie gewusst – jetzt wussten wir’s!“

‚Sa, sa, sa, sanitär vernünftig!’

Ich lachte noch in meiner Bude – immer sah ich diesen Stopselzieherfinger kalt an Heinrich Heines glühende Stirn tippen – und ich lachte, lachte, lachte noch in meinem Bett.

Kein Schlaf. Als ich des Lachens müd geworden, kam eine wachende, nachdenkliche Nacht. Und es formten sich während dieser Nachtstunden mancherlei Bilder für den Roman, den ich schon in München begonnen hatte, und der ‚eine wilde Sache’ werden sollte.

Am andern Morgen begann ich wie rasend zu arbeiten. Doch es dauerte sechs Jahre, bis aus jenen Berliner Manuskriptblättern die ‚Sünden der Väter’ herauswuchsen.

Arbeitsabende waren auch immer Abende, in deren Stille mich das Heimweh drückte. Aber da hatte ich einen süßen Trost. Der Segen der großen Weihnachtsschachtel war so reichlich ausgefallen, dass ich bis in den Februar hinein noch ‚Leckerle’ und ‚Pfeffernüssle’ zu knuspern hatte. Wenn mich das Heimweh plagte, holte ich mir was aus dieser Schachtel. Und während ich biss und schluckte, hatte ich immer das sichere Wissen: Jetzt ist die Mutter da. Ich hörte ein helles Lachen, hörte eine leise, zärtliche Stimme, aus der es auch immer ein bisschen wie Sorge klang. Zu einer Leidenschaft wurde mir das: An dieser Schachtel zu riechen. Es war unglaublich, wie sie heimelte. Und als in einer solchen Heimwehnacht der letzte süße Bissen verschluckt war, blieb ich lange mit geschlossenen Augen in meinem Lederlehnstuhl sitzen und reimte ein kleines Lied an meine Mutter. Immer war es mir das Beste meines Lebens: Mich als Kind zu fühlen, bis jenes andere, Schönere kam: Mich Vater zu wissen.

Aber die Abende, an denen es mich in meiner dreieckigen Bude festhielt, wurden immer seltener. Das ‚nette Volk’, das bei der Komparserie unserer Tell-Aufführung mitgewirkt hatte, öffnete mir die Türen vieler Familien. Und da gab’s dann Einladungen zu den Bilsekonzerten, Rendezvous beim Schlittschuhlaufen auf dem Goldfischteich, musikalische Teestunden, Kränzchen und Hausbälle in endloser Folge. Ich war ein leidenschaftlicher Tänzer. Vom ersten Geigenstrich, vom ersten Klimperton des Pianinos hielt ich bis zum grauenden Morgen durch, Tour um Tour, und jede Tour vom ersten bis zum letzten Takt. Meine Leidenschaft für den Tanz war eine wunderlich geschlechtslose Sache. Zärtlichkeiten beim Tanz? Das kannte ich nicht. Ich verlangte von meinen Tänzerinnen nur, dass sie Schwung hatten, dass sie ausdauernde Beine und langen Atem besaßen, und dass sie selber eine objektive Freude am Tanz empfanden. Und am liebsten war mir der Tanz in kleiner Gesellschaft, bei der sich dieses froh Beflügelte aus lachender Stimmung und von selbst ergab. Diese feierlichen und steifen Hausbälle waren mir ein Gräuel – auch ohne die stereotype Hummermayonnaise, mit der man mich verjagen konnte, und ohne die ewigen Lachsbrötchen, die mich zur Verzweiflung brachten.

Mir stak das so von Kindheit auf im Blut: Dass an in einer kleinen netten Familienichts anders machen soll, als was sich natürlich einfügt zwischen die engen Mauern des Hauses. Festlichkeiten in Räumen, die sich für Feste eignen, habe ich immer gerne gesehen. Aber jeder Widerspruch zwischen Wollen und Können, zwischen bürgerlicher Möglichkeit und vornehm tuender Sehnsucht war mir immer unbehaglich und wirkte komisch auf mich. Ich konnte bei solchem Pflanz und Mumpitz nie in festliche Stimmung kommen, musste immer lachen, war immer gereizt. Die Bosheit war nie von meinen Eigenschaften eine. Aber bei solchen Gelegenheiten erwachte sie in mir.

Ich erinnere mich mit Gruseln eines ‚Hausballes’, den ich damals erlebte. Und ich erzähle diese Geschichte wirklich nicht, weil sie groteske Linien hat. Sie soll ein kulturelles Ausrufungszeichen bekommen, soll ein Appell sein an den guten Geschmack des Bürgertums.

Die Komödie spielte im Haus eines höheren Beamten, zu dem man Herr Rat sagte. Es war eine bildhübsche Tochter da, eine korpulente und asthmatische Mutter. Vier kleine Zimmer, völlig ausgeräumt. Damit man sich doch ein bisschen umdrehen konnte. Denn hundert Gäste waren geladen. Und natürlich kamen die Damen in großer Toilette, die Herren in Frack und weißer Binde. In einem der vier Zimmer standen drei Skattische für die alten Herren; in einem anderen, vorerst noch abgesperrt, war das kalte Büfett installiert; in zwei aneinander stoßenden Zimmern wurde getanzt; das Pianino stand auf dem Korridor, der auch als Wandelbahn für die erhitzten Pärchen diente, und dessen lange Wand eine Sesselreihe in allen Stilarten hatte, vom Rokokotaburett bis zum dreibeinigen Küchenstuhl. Wo der Korridor sich in die Tiefe des Hauses verlief, war er durch eine geblumte Gardine abgesperrt. Im ehelichen Schlafgemach legten die Herren ab – unter allerlei ‚unpassenden Scherzen’. Im Zimmer der Tochter schlüpften die Damen aus ihren Pelzen und Mänteln. Man konnte aus diesem Zimmer immer ein wunderliches Gekicher hören. Eine Dienstbotenkammer mit Klopfbalkon war als Rauchsalon und Bierstübchen eingerichtet.

Solange nur zwanzig und dreißig Leute da waren, sah die Sache sehr fein und stilvoll aus. Ein ununterbrochenes Vorstellen und Verbeugen. Früh Gekommene hörten Dutzend Mal die gleichen Namen. Schon jetzt war die Hausfrau aufgeregt und ruhelos. Immer schwerer ging ihr Atem. Und die beiden Dienstmädchen, welche Tee und Konfekt servierten, hatten kongestive, abgehetzte Gesichter; man konnte es ihnen an den bösen Augen absehen, dass sie am folgenden Morgen kündigen würden.

Ein paar Minuten nach 8 Uhr war das Gewühl ein komplettes. Die alten Herren setzten sich gleich zu ihrem Skat. Man transpirierte schon, noch ehe man zu tanzen begann. Bei der Polonaise kam man nicht vom Fleck, und es wurde da immer lustig kommandiert: ‚Auf der Stelle! Rührt euch!’ Im Anfang erhöhte dieses Ellenbogengefühl die Lustigkeit; hart stieß man sich niemals an, immer geriet man in linde Gegend. Aber schon während der ersten Rundtänze, die für jedes Paar ein behindertes Kreisen auf beschränktem Flecke wurden, begann ein aufgeregter Drachenkampf zwischen der Jugend, die Luft haben wollte und überall unter den Vorhängen die Fenster aufriss, und zwischen der Hausfrau, die ihre üppig entblößten Freundinnen vor Schnupfen bewahren wollte und die Fenster immer wieder schloss. Die Sache entwickelte sich zu einem boshaften Gesellschaftsspiel. Alle paar Minuten kreischte eine ängstliche Frauenstimme: „Es zieht, es zieht!“ Dann kam die Walze der Hausfrau wieder in aufgeregtes Rollen. Jugend und Alter wurden erbitterte Feinde. Nur die grauköpfigen Herren saßen ruhig und zufrieden bei ihrem Skat.

Fürchterlich war dieses Gequietsche des Pianinos. Der Klavierspieler, als man ihm Vorwürfe machte, verteidigte heftig seine Kunst und schob alle Schuld auf das Instrument. Da müsse etwas nicht in Ordnung sein. Als man den Klavierkasten öffnete, wurden verschiedene Fremdkörper gefunden, die vom letzten Hausball her noch zwischen den Hämmern und Saiten hingen: Ein Handschuh, ein Spitzentüchelchen und eine Serie von Zigarrenstummeln.

Um halb elf Uhr wurde die versperrte Flügeltüre zum Büfettraum geöffnet. Und unter Hurra und Hallo begann eine Bewegung der Massen, die dem Sturm auf eine Festung glich. Was man eroberte, musste man, von Gewühl umkeilt, in der Luft verschlingen. Die Gesellschaft glich einem Schwarm von Gauklern, mit Tellern und Gläsern über den Köpfen. Alle verstanden sich nicht aufs Balancieren. Man bekleckerte seinen Mitmenschen mit italienischem Salat, übertüpfelte die Ausladungen der Damen mit Mayonnaise und ließ ihnen das in Suppe zerfließende Gefrorene auf die Kleider tröpfeln. Nur die alten Herren bekamen Teller und Gläser in das Spielzimmer getragen und blieben – als das einzig Feste in diesem lärmenden Aufruhr – zufrieden und seelenruhig bei ihren Wenzeln sitzen. Im Büfettraum tobte der Kampf der Hungernden und Durstigen eine Stunde lang. Wer sich ein Plätzchen an der vom Gedränge schief gerückten Tafel erkämpfte, nützte die Gunst des Augenblicks aus und stürzte flink, bevor das Schicksal ihn wieder ins Ungewisse schleuderte, ein paar Gläser schaumlosen Bieres hinunter oder ein paar Kelche von diesem Sekt, welcher Luftblasen so groß wie Erbsen von sich gab.

Dieses eilfertige und gierige Verschlingen und Schlucken führte zu akuten Folgen. Wer sich im Korridor befand, konnte immer wieder ein Damenpärchen gewahren, das möglichst unauffällig durch jenen geblumten Vorhang zu verschwinden suchte. Die Grenze dieses Vorhanges durfte kein Männerfuß überschreiten. Es hätte ein Engel des Schamgefühls mit weißem Lilienschwert vor diesem geblumten Vorhang Wache stehen und alle Unberufenen verscheuchen sollen. Und dennoch wurde gerade die Stätte vor diesem Schleier der Geheimnisse von allen Kavalieren des Hausballes beharrlich und mit zunehmendem Eifer aufgesucht. Denn dicht vor diesem Vorhang war eine Türe. Wer sie öffnete, tat es immer nur um einen schmalen Spalt, der knapp zum Durchschlüpfen ausreichte. Diese Türe führte zu einer dämmerig erleuchteten Garderobekammer. Der Lichtmangel, der hier herrschte, war nicht Sparsamkeit; er war eine Konsequenz wohlweislicher Überlegung. In diesem Raum konnte man eine ingeniöse Erfindung der kultivierten Großstadt kennen lernen. Mitten in dem leeren Raum zwischen den hohen Kästen war eine lange hölzerne Bank platziert. Sie war sehr hochbeinig, viel höher als eine gewöhnliche Bank. Und auf dieser Holzbank standen in exakter Reihe ein Dutzend – wie soll ich sagen? – Ein Dutzend Urnen der fluktuierenden Lebensasche. Diesen architektonischen Aufbau nannte man die ‚Seufzerbrücke’. Unleugbar eine höchst sinnreiche Institution. Nur ein bisschen gefährlich! Und in später Stunde, bald nach der Mitternachtsglocke, gab’s auch richtig eine schreckliche Katastrophe. Ein Jüngling stieß bei einem gaukelnden Ruch in diesem Dämmerschein gegen die Seufzerbrücke und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie fiel. Ein fürchterliches Klickeradoms! Während aus der düsteren Rätselhöhle dunkle Schlangen in den Korridor herausgeschossen kamen, erhob sich ein wirres Geschrei und Gelächter. Jetzt liefen sogar die Skatbrüder mit den Karten in der Hand zur Türe und guckten wissbegierig in den Korridor hinaus. Der war im Nu so leer geworden, wie der Marktplatz nach dem Warnungsschrei: „Der Löwe kommt!“ Nur der Pianist blieb auf verlorenem Posten zurück; er war erschrocken auf den Klaviersessel gesprungen und zog mit übertriebener Vorsicht sogar noch die Frackschöße in die Höhe. Das hübsche Töchterchen des Hauses weinte vor Scham, die Hausfrau glich einer Entseelten, renitent verweigerten die beiden Dienstmädchen das notwendige Werk der Hilfe, und der Hausherr, mit den Skatkarten in der Hand, beschimpfte den unbekannten Missetäter als brutalen Rohling. Neben dem Bild dieser schauerlichen Situation die Sprache des schreienden Kontrastes: Große Toilette mit Perlenschnüren und blitzenden Steinen! Ordensbändchen, Frack und weiße Binde! Schliff der Großstadt! Sublime Kultur!

Von diesem unterbrochenen Opferfest der menschlichen Freude zog die männliche Jugend unter lachender Kalauerhetze ins Caféhaus. Dann verteilte man sich zu einer Studienreise durch Berlin bei Nacht. Ich geriet mit einem lärmenden Schwarm in die Antonssäle. Sie waren der Rendezvousplatz der Berliner Dreiviertelswelt. Weiblicher Leichtsinn, der sich der wechselnden Sünde freut, ohne ein steuerpflichtiges Geschäft aus ihr zu machen, mischte sich hier mit richtiger Damimonde. Die Farben ihres die Nächte fressenden Lebens hatten nie viel Anziehendes für mich. Bei den Gesprächen, wie sie auf solchem souterränen Bummel üblich waren, musste ich schweigen, weil mir die Kenntnis der termini technici fehlte. Und konnte man auch diesen Frauenzimmern gegenüber niemals völlig vergessen, dass sie doch immer noch Frauen blieben - und wollte man deshalb nett und höflich mit ihnen plaudern, so erschien man läppisch und blamabel. Ich blieb da der unverbesserliche Provinzler, bei dem die Großstadt kein erzieherisches Resultat zustande brachte. Genuss, den nicht eine Spur von Wohlgefallen und Neigung auf besseren Boden heben konnte, galt mir nie als wünschenswerte Sache: Auch existierte für mich zwischen Liebe und Portemonnaie keine chemische Affinität, und so bleib ich für eine Verführung ungelehrig, die mir als höchsten Trumpf in die Ohren flüsterte: „Ich habe lauter eejene Möbel!“ In dieser Beziehung wurde und blieb Berlin für mich eine solide, ungefährliche Stadt. Aber jener Nachtweg durch die Antonssäle wurde mir dennoch etwas höchst Interessantes. Ich sah bei dieser Gelegenheit ein wahres Mirakel von einem Menschen, dessen Bild unverlöschbar in meinem Gedächtnis haftete. Es war ein kleiner, knalldicker, jüdischer Vortänzer, der beim Cancan so unglaubliche Sprünge und Pirouetten machte, als wäre er ein Mensch gewordener Gummiball von vier Fuß Durchmesser. Mannshoch schnellte er sich in die Luft, sprang mit horizontal gespreizten Beinen über große Frauenzimmer weg, ohne ihre Hutfeder zu streifen, ließ unter dem fliegenden Kugelbauch mit rasender Geschwindigkeit die kleinen Füße zappeln und kanonierte dazu im Takte der Musik mit seinem Chapeau claque. Jeder Sprung dieses beflügelten Fettballons erschien wie ein Widerspruch gegen die Gesetze der irdischen Schwerkraft.

Neben diesem Bild taucht noch die Erinnerung an eine andere ‚Ball-Erscheinung’ herauf. In den ersten Februartagen kamen schwere Schneestürme. Berlin war wie in weiße Watte gewickelt, war unwegbar geworden. Während dieser weißen Tage saß ich viel daheim in meiner dreieckigen Bude, mit einer aufregungsreichen literarischen Arbeit beschäftigt. Ich sammelte meine lyrischen Gedichte unter dem anspruchsvollen Titel ‚Vom Stamme Asra’ zu einem Bändchen. Dieser Titel hatte was Unzutreffendes. Ich hatte wohl, wie ich glaubte, schon viel geliebt, war aber noch niemals dran gestorben. Um nun diesen Titel, in den ich zärtlich verleibt war, einigermaßen zu rechtfertigen, gab ich der Anordnung meiner Gedichte einen novellistischen Zusammenhang: harmlose Jugend, erste Leibe, Verlust des reinen Glückes, Untreue der Geliebten, schmerz und Verzweiflung, stumpfes Ermüden, Aufbrennen des Lebenshungers, Trunkenheit im Genuss, Ernüchterung, Ekel und Reue, verlorener Sohn, das Ende, der kalte ‚Schwager mit den schwarzen Rossen’. Punktum! Wo in diesem Zusammenhang zwischen den aus wirklichem Erleben heraus gewachsenen Liedern eine unbequeme Lücke klaffte, wurde flink was Ersonnenes eingeschoben. Ja, ich wurde während dieser Schneegestöbertage zu einem großen Wüstling in Versen! Und was von echten Lebensliedern nicht in den Kram meiner Idee passte, das ließ ich weg.

Ein vernünftiger Verleger hätte dieses Bändchen natürlich nie angenommen. Aber ich hatte einen gläubigen Freund, der immer sagte: „Teufel, jetzt muss doch endlich mal was ‚rrraus von dir! Mit Dreiundzwanzig! Denk doch an Alexander den Großen!“ Und um mich vorwärts zu treiben, versprach der gute, leichtsinnige Kamerad, mir das Geld für die Druckkosten zu borgen. Also! Los! An einem Sonnabend, um die Dämmerung, lag das säuberlich geschriebene Manuskript vollendet vor mir. Und weil ich als echter Asra nun endlich gestorben war, wollte ich mir einen vergnügten Abend machen, zog Frack und weiße Binde an und verließ meine dreieckige Bude, um draußen zu Charlottenburg im Flora-Etablissement eine Redoute zu besuchen. Als ich auf die Straße trat, umwaberte mich ein weißes Gewirbel. Durch die lange Luisenstraße hinauf war keine Droschke zu finden. Endlich, beim Brandenburger Tor, entdeckte ich eine. Der Kutscher, wie ein weißer Schneemann, saß regungslos auf dem Bock.

„He! Kutscher! Flink! Ich will nach Charlottenburg.“

Er drehte das Gesicht. „Ick nich!“ Den Schnee von sich abschüttelnd, hüllte er sich wieder in seinen Kragen.

Erst schimpfte ich, dann musste ich lachen und konnte dem klugen Berliner diese Entscheidung bei solchem Wetter nicht verdenken.

Na, schließlich kam ich doch nach Charlottenburg hinaus. Auf dieser Redoute gab’s eine Sensation. Eine feine, schlanke, prachtvoll gewachsene Tänzerin, als weißer Pfau maskiert, erregte fieberhaftes Aufsehen. Immer war ein Schwarm von Verehrern und Sehnsüchtigen hinter dieser wundervollen Erscheinung her. Man konnte sich aber auch kaum was Schöneres denken als diesen weißen Pfau. Auf der reichen, kunstvollen Frisur der mit Silber gepuderten Perücke saß der zierliche Pfauenkopf mit dem nickenden Federkrönchen. Das Gesicht war mit weißen Seidenschleiern dicht umhüllt – daraus schloss man: Eine Frau, die um keinen Preis erkannt sein will, eine Dame aus der hohen Gesellschaft, oder eine berühmte Bühnenkünstlerin? Ein schöner schlanker Hals, fein geformte Schultern, im Ausschnitt des Kleides das dezente Rätsel einer zarten Brust. Das weiße Atlasleibchen saß wie angegossen. Weiße Lederhandschuhe verhüllten die Arme bis zu den Achselspangen. Ein kurzes, gepufftes Seidenhöschen nach Art der spanischen Herrenmode aus dem 17. Jahrhundert. Die zierlich modellierten Beine in silbrig schimmernden Seidentrikots. Und von den Hüften rauschte nach rückwärts eine lange, weiße Atlasschleppe hinunter, locker überfallen von einem Halbrad weißer Pfauenfedern. Jeder Schritt war zierlich, jede Bewegung von vollendeter Grazie. Ein Bild, das auch im härtesten Männerherzen ein akutes Entzücken erwecken musste! Und zu tanzen verstand dieser weiße Pfau, dass man die Primaballerina der Oper dachte. Wer die geheimnisvolle Schöne für ein paar Walzertakte eroberte, war glücklich. Mir gewährte sie ein Zipfelchen Mazurka durch die Hälfte des Saales. Dabei sprach zu mir ein feines, hohes Stimmchen, das, im Ton ein bisschen verstellt, mit großer Flinkheit Französisch parlierte, bis einer der Ungeduldigen mir die schöne Tänzerin entführte. Bei jedem Rundtanz hatte der weiße Pfau ein Dutzend Hospitanten und tanzte bei Quadrille und Lancier jede Figur mit einem andern. Der Herrenschwarm, der ruhelos auf den Fährten des feinen Vogels war, vergrößerte sich von Stunde zu Stunde. Und in Hoffnung und Sorge wurden Wetten abgeschlossen, ob der weiße Pfau sich demaskieren oder um Mitternacht vom Ball verschwinden würde.

Endlich der Tamtamschlag, auf dessen Geheiß alle Masken fallen mussten. Und da gab’s einen schreienden Aufruhr. Der weiße Pfau verschwand nicht aus dem Saal. Er demaskierte sich inmitten eines neugierigen Gedränges. – Ein Mann! – Als die Schleier fielen, kam ein erhitztes, apfeldickes Friseurpuppengesicht mit bläulichen Bartstellen zum Vorschein. Das Gesicht des jungen Menschen glänzte in der dummen Freude seines Ballerfolges. Doch erschrocken guckte er drein und zwitscherte mit unbehaglicher Fistelstimme, als dieses aufgeregte Schreien und grobe Schimpfen der Enttäuschten, der Geärgerten und Wütenden begann. Alle Frauenzimmer lachten vergnügt; und eine mit lustiger Stimme schrie: „Det is die Rache des Kindes!“ Unter Geschimpf und Püffen wurde der weiße Pfau aus dem Ballsaal hinausgedrängt – und dann erzählte man: Der arme Vogel wäre draußen in der Damengarderobe noch unbarmherzig geprügelt worden.

Das Leben setzt mit raffinierter Kunst die schärfsten Kontraste nebeneinander. Ein paar Tage später, inmitten eines sibirischen Winters, schmolzen warme Südwinde und lachende Sonne innerhalb weniger Stunden diese lastenden Schneemassen spurlos von den Dächern und Straßen fort:

Der Frühling ist kommen
Über Nacht ins Land,
Her übers Meer von fernem Strand
Auf unsichtbaren Kähnen.
Die Häuser haben die Schlafmütz abgenommen,
Und von den Linden tropfen die Freudentränen,
Weil der Lenz gekommen.

So sang ich am 6. Februar. Und am folgenden Tag, in dieser lachenden Frühlingssonne, kam mir ein großes Erlebnis. In meinem Tagebuch ist um ein leeres Blatt herum ein Lorbeerstab gezeichnet, und inmitten des leeren Blattes steht:

Heute, den 7. Februar,
nachmittags 3 Uhr 55 Minuten
den
Reichskanzler Fürst
Bismarck
Vor dem kaiserlichen Schloss
Mit eigenen Augen gesehen.

Was ich bei der Niederschrift dieser Worte empfand, das brauch’ ich nicht zu schildern. Jeder Lebende weiß, was Jugend fühlt, wenn sie einem Heros begegnet.

Ein paar Tage später, am 12. Februar, sah ich die Auffahrt zur Eröffnung des Reichstages. Zwei Stunden hatte ich schon auf gutem Posten ausgehalten, als das Anrollen der Equipagen und Droschken begann. Der Polizeileutnant, hinter dem ich stand, zeigte mir den Präsidenten Forckenbeck, den Freiherrn von Stauffenberg, Treitschke, Richter, Bamberger, Lasker, Bebel und die kleine Perle von Meppen. Am Hochrufen und Hüteschwenken merkte man schon von weitem, dass der Kaiser, der Kronprinz und Bismarck kamen. Mit allem Temperament gesunder und kräftiger Jugend jauchzte ich meine Begeisterung aus der Seele heraus. Bismarck sah mich im Vorüberfahren an und lachte – als wäre in ihm der Gedanke: „Der hat eine feste Gurgel.“

Krösus der Erde! Wo bist du? Versuch’ es, mir diesen Blick abzukaufen! Du Bettler!

Während der folgenden Wochen machte ich ein paar Versuche, Karten für eine Reichstagssitzung zu bekommen. Doch wenn man erwartete, dass Bismarck sprechen würde, war für einen unprotegierten Sterblichen nichts zu kriegen. Zu einer anderen Sitzung zog es mich nicht. Die wirtschaftlichen Nüchternheiten, um die man sich damals im Reichstag zankte, waren keine Angel, an die das Herz der Jugend sich hängen konnte. Ich begann auch von der Politik ein bisschen abzurücken. Die Nachwehen des russisch-türksichen Krieges, der Krieg in Afghanistan, Mac Mahons Sturz und Gambettas Wahl zum Präsidenten der französischen Kammer, die Pest in Russland und der Kaffernkrieg nach der Niederlage am Tugelafluss – das alles war mir wie fernes Marionettenspiel. Sogar mein soziales Programm begann zu verstauben. Doch dass ich bei diesem Theatergerenne und Literaturgeplänkel nicht völlig der Politik entfremdet wurde, wenigstens der heimatlichen nicht, das beweist eine Tagebuchnotiz vom 21. Februar. Sie lautete:

„Vorgestern, wie in der Zeitung gelesen, apostrophierte der ‚patriotische’ Abgeordnete Dr. Sigl den König von Bayern, den bayrischen Staat und seine Minister mit diesen geflügelten Worten: ‚Die katholische Kirche hat Dynastien, Reiche und Völker verschwinden sehen. Sie wird auch noch bestehen, wenn von euch allen kein Mensch mehr etwas weiß. Der Vatikan braucht nur zu wollen, und der bayrische Staat und was dazu gehört mitsamt seinen Ministern purzelt über den Haufen.’ – – Nicht schlecht! Und das nennt sich eine Thron erhaltende Partei! Wittelsbach, werde hart! Volk, wann gehen dir die Augen auf!“

Es erscheint mir heutzutage nicht unnützlich, sich dieser Ansicht eines Wortführers der bayerischen ‚Patrioten’ von 1879 zu erinnern. –

Ein paar Tage, bevor ich diese Notiz in mein Tagebuch kritzelte, sah ich wieder einmal vor mir die Augen einer ungewissen Sache, die Leben oder Tod bedeuten konnte.

Bei einer Abendkneipe des A.L.V. war es zu einer heißblütigen Debatte gekommen. Über was wir da stritten, das weiß ich nimmer. Aber ich muss wohl im Dienst meiner Überzeugung ein bisschen ausfällig und sehr grob geworden sein. Denn am anderen Morgen wurde mir von zwei Kartellträgern und Vereinsbrüdern eine Säbelmensur gebracht. Ich war perplex, wusste schon nimmer, was ich am Abend vorher in der Hitze des literarischen Gefechtes räsoniert und geschrieen hatte. „Aber! Kinder! Was wollt ihr denn da von mir? Das ist doch verrückt. Unter Freunden wird man doch noch glatt von der Leber weg reden dürfen. Macht doch keinen Unsinn!“

Der eine sagte: „Willst du vielleicht kneifen?“

Mir wurden die Lippen kalt. „Nein. Aber bevor ich mit dem anderen rede, habt ihr zwei von mir jetzt eine Pistolenforderung unter schweren Bedingungen. Adieu!“

Von dem Bild der beiden, als sie gingen, blieb mir nur in Erinnerung, dass der kleinere von ihnen prachtvolle Röhrenstiefel trug, die meinen Neid erweckten und mich an meine Gymnasistenschulzeit, an meine Wanderungen von Augsburg nach Welden erinnerten.

Bis zum Abend des zweiten Tages war alles abgeredet. Die Verhandlungen wurden im Café Bauer geführt. Die beiden Pistolenmensuren sollten am nächsten Vormittag in Neustadt-Eberswalde erledigt werden.

Mein Leichtsinn blieb obenauf. Aber schließlich, bei der Lampe in meiner stillen Bude, wurde mir doch ein bisschen schummerich, sooft ich Heim dachte. Zwei Pistolenmensuren in einer Stunde? Läuft die erste glücklich ab, so geht doch sicher die zweite schief. Ein schöner Unsinn, das! Aber es war nichts anderes zu machen.

Ich schrieb an Papa. Und schrieb an die Mutter. Beim Schreiben dieses Briefes musste ich häufig aufstehen und im Zimmer herumgehen, bis ich die Ruh wieder fand. Bevor ich die beiden Briefe versiegelte, küsste ich ihre Überschriften.

In meinem Tagebuch stehen, von jenem Datum, die beiden Strophen:

Die Sonne steigt, die Sonne flieht
Und bringt uns Stund’ um Stunde.
Das Leben kommt, das Leben zieht
Und schlägt uns Wund’ um Wunde.

Die Freude ist wie rares Gold
Inmitten dunkler Leiden –
Ob auch die kalte Lippe grollt,
Das Herz muss sich bescheiden.

Unter diese kontemplativen Verse schrieb ich mit fünf Zeilen mein Testament. Es lautete:

Das Manuskript meiner Gedichtsammlung
Vom Stamme Asra ist zum Binden beim
Buchbinder Reibedanz in der Luisenstraße.
Meine Rolla-Übersetzung ist noch immer
In den Händen Paul Lindaus.

Sehr erstaunt war die gute Frau Henkel, als ich um halb zwölf Uhr nachts und mitten im Monat meine Rechnung verlangte – und auch bezahlte. Diese schwer begreifliche Sache erklärte ich ihr so:

„Ich bin für morgen in einen Spielklub eingeladen. Drum will ich vorher meine Schulden bezahlen. Wenn ich dann morgen Pech habe und den letzten Knopf und alles bis aufs Hemd verliere, wird niemand geschädigt.“

Erst heilt mir Frau Henkel im gehäkelten Unterrock eine lange Predigt über die Verwerflichkeit des Hazardspiels. Sie dachte ans ‚Kümmelblättchen’. Aber dann versprach sie mir:

„Ick halte Sie de Daumen. Passen Se mal uff, da jewinnen Se!“

„Ich danke Ihnen. Ja. Tun Sie das! Vielleicht hilft es. Sie sind eine liebe brave Frau! Gute Nacht!“

Ein paar Minuten bummelte ich noch zwischen den schiefen Wänden meiner Stube umher. Dann gab ich die zwei versiegelten Briefe in mein Tagebuch, ließ am Biedermeiersekretär den Schlüssel stecken und legte mich ins Bett. Nach einer Viertelstunde schlief ich. Fest!

Marco Brociner, der mein Sekundant war, musste mich wecken, als er früh um halb 8 Uhr kam, mich abzuholen.

Während ich mich wusch und ankleidete, stand er am Fenster und guckte hinaus ins neblige Grau.

Ich war fertig und sagte: „So!“

„Alles in Ordnung?“

„Alles.“

Wir tranken zusammen Kaffee. Brociner war ein bisschen blass. Doch er plauderte heiter und ablenkend.

Ich wollte der Frau Henkel auch diese doppelte Portion Kaffee noch bezahlen. Aber sie sagte: „Nee, nee, nee! Berappen tun Se den Kaffee man, wenn Se bei’s Spiel wat Ordentliches jeklaut haben. Erst det Jeschaäft und denn det Verjniejen.“

Nun gingen wir.

Auf der Schwelle guckte ich mich um. Ob ich meine liebe, dreieckige Bude wohl wieder sehen würde?

„Na freilich, ja!“

In gruselige Spannung und in Sorge um mein bisschen Wohlergehen vermag ich jetzt niemand zu versetzen. Man weiß doch: Ich lebe. Und dass man noch lebt, ist schließlich immer das Beste an den Geschichten, die man von sich selbst erzählen kann.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.