Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 2

Mit meinem Abschied von München verwebt sich ein märchenhaftes Sommernachtsbild, das so leuchtend in meiner Erinnerung steht, als lägen zwischen jenem Erlebnis und heut nur wenige Wochen, nicht über die dreißig Jahre.

Wir waren eine Kompanie von etwa zwanzig ‚Brüdern und Schwestern’. Jeder und jede hatte irgendwas mit der Kunst zu schaffen und hielt sich für ein Genie in der ersten Blüte stürmischer Entwicklung. Mit zwanzig Jahren gerät man leicht in die Gefahr, Kunst und Lebenssehnsucht miteinander zu verwechseln. Und wir alle waren vollblütige, lebenshungrige Jugend mit heißen Seelen, erfüllt von quirlender Daseinsfreude. Junge Komponisten und Musiker, Sänge rund Sängerinnen aus allen Klassen des Konservatoriums; angehende Schauspieler und Schauspielerinnen, deren Talent zumeist nur in der getreuen Nachahmung aller Absonderlichkeiten ihrer Lehrer: Possart, Rüthling und Richter bestand; junge Poeten, die sich als Neuerer und Befreier erschienen, weil sie über Geibel, Freytag, Dahn und Bodenstedt räsonierten und ihre Muster bei den Franzosen holten, bei Musset und Richepin; und junge Maler, die gegen Piloty gereizt waren, alles Erfolgreiche als Dreck und Schmieralie bezeichneten, die ‚braune Sauce’ des akademischen Ateliers verdammten und die ‚Natur’ so malen wollten, wie sie war, nicht wie der ‚Philister’ sie auf der Leinwand zu sehen wünschte – aus solchen Elementen rekrutierte sich unser ‚freier Jugendbund’, der bei kameradschaftlichem Du und bei ‚gemeinsamen Kunstinteressen’ wie Eisen zusammenhielt. Jeder und jede fühlte sich als Ausgangspunkt einer neuen Zeit, einer neuen Kunst, einer edleren Qualität des Lebens; jeder und jede trug in sich die selbstherrlich verliehene Anwartschaft auf Lorbeer und Unsterblichkeit. Und wo sind nun diese Stürmer und Erlöser, diese Hoffnungsvollen von damals? Nur wenige von ihnen haben sich im wirren Wogengang des Lebens leidlich obenauf gehalten als tüchtige, brauchbare Menschen, als ehrliche, gewissenhafte Künstler. Die meisten sind versunken, verschollen und vergessen, an Enttäuschungen gescheitert, in das einst vermaledeite Philistertum zurückgerutscht, oder zerbrochen in Leichtsinn und Elend, erloschen in Gräbern, auf denen kein Marmor kündet, dass hier einer in Staub und Friede schlummert, der auch einmal mit Stolz und Jubel schrie: „Anch’io!“

Aber damals! Dieses heiße Leben in Jugend! Das Atmen in einer Sonne, die nicht unterging! Das frohe Jagen nach hohen Zielen, die umnebelt waren, und die man doch zu sehen meinte! Dieses brennende Hoffen, dieses unerschütterliche Glauben an sich selbst und an die Freunde, die man liebte! Wie schön ist das gewesen!

Wir alle waren immer der heiligen Überzeugung: Was wir trieben, das wäre ‚Kunst’. Doch was in uns zuckte und zitterte, aufbrannte und verglühte, träumte und schrie, begehrte und verwarf – es war im Kern nicht anderes als das Kleine und Große des ewig Menschlichen, das in aller Jugend tobt und hundert Masken hat. Komödien und Tragödien der Liebe gingen da mit und neben der ‚Kunst’ immer hin und her, zumeist als Hauptsache, dann wieder als ein ‚Erledigtes’ und ‚Überwundenes’. Diese aufregungsvollen Wechselspiele der Herzen und des Blutes dauerten nie länger als ein paar Tage, schlimmstenfalls ein paar Wochen – Zeit genug für Sehnsucht und Irrtum, für Faustische Verzückung und Mephistophelische Erkenntnis, für glühende Liebeslieder und gereimte Sapphische Oden, für schwärmerische Mondscheinständchen und rasende Phantasien auf geduldigem Klavier, für Wertherstimmungen und Kotzebuesche Verzweiflung, für geplante Doppelselbstmorde und erlösendes Gelächter. Und kam man ‚zur Vernunft’, hatte man’s ‚niedergerungen’, so war man wieder gut Freund und Kamerad, wurde Vertrauter und Schutzengel bei den akuten Herzensnöten der anderen.

Unsere heilige Versammlungsstätte – unter der Woche Abend für Abend, an Sonntagen vom Mittagsmahl bis zur Mitternachtsstunde – war die ‚Rosenau’ in Schwabing. Ein Münchener Apotheker, dessen auffallende Ähnlichkeit mit König Ludwig I. zu allerlei unkontrollierbaren Gerüchten Anlass gab, hatte sich mit erklecklichem Vermögen zur Ruhe gesetzt und hauste zu Schwabing in dieser Villa Rosenau, inmitten eines großen prachtvollen Parkes, der reich war an hundertjährigen Bäumen, an labyrinthisch verschlungenen Gebüschen, an heimlichen Lauben und an glühenden Rosen, die zur Abendzeit einen berauschenden Duft in die kühle Dämmerung hauchten. Für die Spiele hirn- und herzverdrehter Jugend das richtige Milieu! Der freundliche, gutmütige Hausherr übte gegen die zwanzigköpfige Schar von uns ‚Brüdern und Schwestern’ eine verschwenderische Gastfreundschaft. Das tat er aus Zärtlichkeit für seine Tochter Maxi, welche Schauspielerin werden wollte, sich zu einer Sarah Bernhardt zu entwickeln versprach und die temperamentvolle, kapriziöse, qucksilberig zappelnde Seele unseres freien Jugendbundes war: Ein zartes, hyperschlankes Mädchen, innerhalb jeder Minute himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, nervös bis zu ruheloser Qual, Täubchen und Medea, mit den Augen einer ekstatischen Heiligen, mit einer rotblonden Lockenfülle, die sie zu den ungeeignetsten Zeiten auflösen und schütteln musste, weil sie immer behauptete: Jedes Härchen wäre für sie ein ‚grässlicher Schmerz’. Wo sie ging und stand, da war Theaterboden für die Maxi, und alle festen Dinge der Umgebung, auch die banalsten, wurden zu Kulissen ihrer wechselnden Illusionen. Jede innerliche Regung, jede nüchterne Tätigkeit ihres Lebens wurde bei ihr zu enthusiasmierter Schauspielerei, nicht zu billiger und heuchlerischer Komödianterie, immer zu gesteigertem Erleben, zu vertieftem empfinden, zu einer stilvollen Sache, in der bei aller Verrücktheit doch stets eine art von redlicher Wahrheit steckte. In der Kirche war sie ganz Maria Magdalena; auf der Straße gab sie sich je nach der Stimmung des Augenblicks als vornehme, unnahbare Dame oder als deren Widerspiel; in der Nähe von Kindern wurde sie Baby, und zwischen bejahrten Leuten markierte sie das Großmütterchen. Ihr eigener Vater erzählte lachend, dass die Maxi nicht nur im Schlaf Theater spiele, sondern auch im stillsten und einsamsten aller Kämmerchen mit Vehemenz und Begeisterung den abschied der Jungfrau deklamiere oder den grausigen Monolog der Lady Macbeth, die ihre Hände nicht mehr weißzuwaschen vermag. Jede Wendung des Gespräches gab der Maxi Anlass zu einem schauspielerischen Exempel, unter freiem Himmel genau so wie unter Dach, und bei der Mahlzeit konnte sie zwischen Renken und Nierenbraten in Verzückung aufspringen, die Fensternische als ‚Zwinger’ erklären, sich mit gelöstem Haar auf die Knie werfen und Gretchens Gebet – O neige, du Schmerzensreiche – zum Fensterkreuz empor klagen, so inbrünstig und verzweifelt, dass uns Hörenden die Tränen auf die Servietten tröpfelten.

„Kinder? Kinder?“, pflegte Papa Apotheker in solchen Momenten zu fragen. „Habts schon amal an so an Narren gsehen?“ Dabei war in seinen Augen ein Blick der glücklichsten Zärtlichkeit.

Der Ton, den die Maxi anschlug, gab das Stichwort für unser Echo in der schönen Rosenau. Immer wurde gemimt und stilvoll geflunkert, man inszenierte, probierte und führte auf, improvisierte eine Oper, eine Stegreifkomödie, oder trieb auf andere Weise künstlerischen Radau, musikalisch oder deklamatorisch, ernst oder heiter. Und so kamen wir eines Tages auf die von uns als klassisch und genial erkannte Idee: Shakespeares Sommernachtstraum bei Vollmondschein im Park der Rosenau aufzuführen, selbstverständlich ‚in höchster künstlerischer Vollendung’, doch ohne Publikum, ganz für uns allein, als ‚Fest und Weihe’, als ‚Kunst für die Künstler’. Die Besetzung ist meinem Gedächtnis halb entschwunden. Aber die Maxi war natürlich Titania im offenen Haar und wählte den Oberon, den sie haben wollte. Den Puck spielte die ‚kleine Fischer’, die ein paar Jahre später als Aschenbrödel im Gärtnertheater die Münchener entzückte. Mein blonder Freund, der ‚lange Oskar’, gab den Demetrius. Mir hatte das aus Männlein und Weiblein gemischte Regiekollegium den Lysander zugeteilt. Wer Hermia und Helena waren, weiß ich nimmer; ich weiß nur noch, dass ich verleibt war in alle beide, ein Umstand, der dem zärtlichen Farbenwechsel meiner Rolle mit temperamentvollen Wirklichkeiten zu Hilfe kam. Ein feines Orchester hatten wir natürlich auch.

Während ich die Rolle lernte, befand ich mich in so zappelseliger Erwartung, dass mir für einige Wochen sogar meine brennenden Weltverbesserungspläne, mein Schulprogramm und meine heiß geliebten Ziffern des ‚eisernen Lebensbedarfes’ eine minderwichtige Sache wurden. Schon jede Vorbereitung entwickelte sich zu einer zwischen dunstendem Kunsteifer und ausgelassenem Frohsinn baumelnden Köstlichkeit. Diese Kostümproben! Aller Faltenwurf der weißen und bunten Stoffe wurde gewissenhaft ausprobiert, und es ging da zu wie in der Werkstätte eines griechischen Bildhauers. Um der Aufführung halb und halb den Charakter einer Improvisation zu wahren, wurden die Szenen der einzelnen Gestaltengruppen gesondert einstudiert, und im Park einigten wir uns nur beiläufig über die Verteilung des Raumes: Hier der Hain des Theseus, hier der Sauerkohlgarten und die Hütte der Rüpel, hier das Rosenreich und die Tanzwiese der Elfen. Das spielerische Zusammenfinden der Gruppen wurde der Eingebung des Augenblicks überlassen. Szenerie: Der ganze Park mit der Villa Rosenau als Burg des Theseus im Hintergrund. Beleuchtung: Pechfackeln im königlichen Hain, zwei alte Laternen in der Rüpelgegend, der lautere Vollmondschein im Paradies der Elfen.

Mit Hangen und Bangen harrten wir dem Wetterglück der bedeutungsreichen Vollmondnacht entgegen. Sie brachte einen stahlblauen Himmel mit blitzenden Sternen, die langsam im wachsenden Mondschein erloschen. Ein Rosenduft, der den Atem der jungen Brüste beklommen machte. Fern das Leben der Straße, und hinter den Bäumen die Nachtröte der Stadt wie der Widerschein eines großen Freudenfeuers. Leise Musik, von der man nicht wusste, woher sie kam. Das Glutgezitter und das Rauschen der Pechfackeln. Und als im schwülen Rosenduft die ersten Strahlen des Mondes milchig hinglitten über die leise flüsternden Kronen der Linden, trat der purpurne König mit der Gold funkelnden Königsbraut und dem bunten Gefolge aus dem Palast in den Hain heraus.

„Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitsstunde
Mit Eil heran –„

Was Theseus noch weiter zu sagen hatte, das stimmte nicht mit der natürlichen Beleuchtung dieser Nacht. Es gab auch im Verlauf der Aufführung zwischen Szenerie und Dichtung noch viele, viele Widersprüche, von denen einer den anderen überpurzelte. Aber das störte uns nicht in unserer schwimmenden Kunstbegeisterung, in unserem froh durch die Mondnacht tollenden Jugendrausch. Man deklamierte, dass man heiser wurde, sprang und rannte, dass die fallenden Schweißperlen im Mondschein glitzerten. Um sich zwischen silbernem Licht und schwarzen Schatten zu finden, und um die leeren Wege dieses Irrens und Suchens mit helfenden Worten zu füllen, improvisierte man, wie der Augenblick es gab und wie Begeisterung, Humor und guter Wille den Einfall fertig brachten. Wäre von den Zutaten und Geistesblitzen, um die wir den ‚Sommernachtstraum’ bereicherten, nur ein blasser Schimmer hingedrungen bis zur Kirche von Stratford, die glücklicherweise weit entfernt von Schwabing liegt – Shakespeare hätte sich im Grab herumgedreht. Sehr oft! Er hätte eine ruhelose, qualvolle Nacht gehabt. Aber was wir da in Mondschein und Rosenduft mit trunkenen Sinnen gaukelten – für uns, für unser junges Blut und unsere jungen Torenherzen war es blühende Schönheit, ein Rausch von Freude, das Mysterium einer attischen Nacht, ein Glänzen heiliger Kunst, ein frohes Gewirbel von Jugend, ein Unvergessliches, von dessen Wert mir in dreißig Jahren keine Farbe verblasste. Und als das Spiel, das wir wie leuchtende Wirklichkeit genommen, sein Ende fand – als dieses Vollmondmärchen versank, in dem uns Licht und Schatten, Sinn und Worte, Sehnsucht und Pein, Zärtlichkeit und Küsse zu heißem Leben geworden – und als der dünn gekleidete Oberon, der vor Schnupfen immer niesen musste, seinen Segen gesprochen hatte:

„Elfen sprengt durchs ganze Haus
Tropfen heil’gen Wiesentaus!
Friede sei in diesem Schloss,
Und sein Herr ein Glücksgenoss!
Nun genung!
Fort im Sprung!
Trefft mich mit der Dämmerung!“ …

Da saßen und lagen wir, alle noch in den Kostümen, bis zum Erwachen des Tages rings um die Pfirsichbowle und schwatzten und lachten, ließen die Gläser klingen und waren glückselige Menschenkinder, die sich auf ihre ‚künstlerische Leistung’ einen goldenen Stecken einbildeten. Männlein und Weiblein wollten, als es Morgen wurde, gar nicht heraus aus den bunten Tüchern; man wäre am liebsten im safranfarbenen Chiton und in der blauen Chlamys über die Schwabinger Landstraße und durch das Siegestor zur stillen Bude heimgewandert, um

„… in das Licht hineinzuschlafen,
So weit wir in die Nacht hineingewacht.“

Nur ein paar von den Brüdern und Schwestern des Rosenauer Jugendbundes hab’ ich im späteren Leben wieder gesehen. Ihr anderen von damals? Ihr Heißen und Frohen, ihr trunkenen Gaukler jener märchenschönen Sommernacht? Wo seid ihr? Wo, um mit Oberon zu fragen, ‚treffen’ wir uns wieder? – In der ‚Dämmerung’? – Gibt es im Dunkel ein sich Finden? Wer es im Licht versäumte, hat es versäumt für immer. Horaz ist nicht mein Liebling. Aber eines von seinen Worten lieb’ ich: Carpe diem!

– – Und dann fort von München. Noch war’s kein Abschied, nur eine Ferienreise, eine mehrwöchige Fußwanderung, zuerst nach schwäbischer Gegend, dann durch die ganze Länge der bayerischen Berge hin, vom Watzmann am Königssee bis zur Mädelegabel im Allgäu. Unersättlich trank ich die grünen und blauen Bergbilder in mich hinein, ohne zu ahnen, dass ich da für die Arbeit meines Lebens sammelte.

Bei kühl werdendem Herbst der letzte Abend im Elternhaus, in dem engen, kleinen Wohnzimmer, wo noch ein paar von den alten, lieben Geräten aus der weißen Forsthausstube von Welden standen. Mutters Spinnrad bei den kümmernden Blumen in der Fensternische. Und auf dem Tisch die in Ehren grau gewordene Petroleumlampe, die ich vor einundzwanzig Jahren zu Kaufbeuren, beim ersten Abenteuer meines Lebens vom Tisch heruntergeworfen hatte. An ihrem zinnernen Fuß waren noch Beulen davon zu sehen. Und seit ein paar Jahren sprachen die Eltern schon immer von dieser notwendigen Sache: Eine Hänglampe kaufen zu müssen, einen neumodischen Rundbrenner.

Du alte Lampe! Die mir an jenem letzten Abend im Elternhaus zum letzten Mal brannte! Wie vielen neugierigen Kinderfragen im huscheligen Zwielicht glänztest du? Wie viel hundert Stunden hab’ ich gedankenlos oder träumend hineingeguckt in dein kleines, ruhiges Flammenherz? Auf wie viel Heiterkeiten von uns sechsen, die wir zusammenhielten wie die Kletten, gossest du deinen milden Schimmer! Wie viele Sorgen auf der ernsten Stirn meines Vaters beschienest du! Und wie viel leise tiefe Geschichten hättest du Wissende erzählen können von den stillen Tränen und vom hellen Lachen meiner Mutter? Alte Lampe! Dass ich dir eine dankbare Hymne singe, das verdientest du dir ehrlich. Und ich sah dich nimmer. Denn als ich wieder heimkam aus der Fremde, warst du verschwunden, altes Blech geworden, und warst, ich weiß nicht wo – vielleicht hatte ein Münchener Zinngießer deinen verbeulten Fuß schon umgeschmolzen zu Maßkrugdeckeln! Und die fabulöse Hänglampe war da, der neumodische Rundbrenner, der ein bisschen heller leuchtete, doch immer rußen wollte, wenn die Mutter in Gedanken war und nicht aufpasste.

Aber damals an jenem letzten Abend glänzte die gute alte Schimmertante noch freundlich über drei blonde und zwei graue Köpfe hin. Eine Lücke war schon in unseren Kreis gerissen. Der Bruder war nimmer da. In seiner Begeisterung für die deutsche Marine hatte er’s durchgesetzt, dass er Schiffsjunge werden durfte. Nun schwamm er auf weiter See in Kalifornien. Und sooft der Herbstwind nur ein bisselchen am Fenster rüttelte, tat die Mutter einen schweren Seufzer. Wurde der Wind zum Sturm, dann wussten wir immer, dass die Mutter bald sagen würde: „Ach Gott, ach Gott, was wird der arme Bub wieder harte Zeit haben auf’m wilde Meer da drauße!“ Und wenn sie das gesagt hatte, bewegte sie die Lippen lautlos weiter, während sie spann oder häkelte. Dann wurde sie wieder fröhlich. Auf ihren Herrgott konnte sie sich verlassen. Das wusste sie. Doch an jenem letzten Abend vor meiner Reise hörte sie den Wind nicht, der ans Fenster pochte. Das Herz einer Mutter hat Stunden, in denen es feine Liebe nicht teilen kann und einem Kind ganz gehören muss.

Die zwei Schwestern waren daheim, die eine noch halb ein Kind, das auf dem neuen Pianino Schumans ‚Fröhlichen Landmann’ mit etlichen Schwierigkeiten spielte – die andere ein großes, schlankes Mädel mit einem verschlossenen Traum im Herzen. Die beiden nähten am letzten Abend noch etwas für mich. Auch die Mutter stichelte ruhelos, hatte immer nasse Augen und war dabei doch immer lustig. Ununterbrochen schwatzte sie mit mir, und jede ernste Lehre, die sie mir gab, bekam ein drolliges Schwänzchen. „Gelt, Bub, sei fleißig … ein faules Zwergele frisst mehr, als ein fester Ries’ verdiene kann! Gelt, Bub, sei nett und manierlich, dass die Berliner net sagen: Der muss eine schöne Raffelhex zur Mutter haben! Und gelt, Bub, tu mir sauber bleiben an Leib und Seel … schau, der Dreck sich noch lang nit das Beschte vom Leben!“ Wie der Blick war, mit dem sie mich ansah bei diesen Worten, das kann ich nicht erzählen. So reich ist meine Sprache nicht.

Dabei schrieb und rechnete der Vater, rauchte sparsam an seiner Zigarre, war still und ein bisschen missmutig. Er hatte seine Einwilligung zu meinem ‚Berliner Jahr’ nur zögernd gegeben. „Arbeiten und was werden kann man doch überall,“ meinte er, „wozu braucht man denn da gerade das heiße und teure Berliner Pflaster?“ Aber Berlin war doch jetzt für uns Junge ‚der große Boden’. Ich dachte immer: Bist du in Berlin, dann bist du schon in der Höhe. Drum wurde die Stunde, in der mein Vater Ja sagte, für mich zu einer schreienden Seligkeit. Und der Glanz der großen Dinge, die mir da kommen sollten, ließ auch am letzten Abend keine schwermütige Stimmung in mir erwachen. Während der Vater schweigsam blieb und die Mutter mit feuchten Augen immer plauderte, strahlten in meinen Träumen die Luftschlösser der Zukunft mit goldenen Fenstern.

Am anderen Morgen reiste ich ab – Postzug, dritter Klasse – im Geldbeutel meinen ersten Monatswechsel von hundertzwanzig Mark und die Kollegiengelder, in der Handtasche ein ‚Fressaliopackerl’, das schwer von Knackwürsten und Butterbroten war, im fein gefüllten Koffer meine Zukunftslose: Die fast vollendete Doktordissertation, die Rolla-Übersetzung, ein paar hundert Gedichte, sozialpolitische Aufsätze, dramatische Entwürfe und die ersten Anläufe zu einem ‚psychologischen Roman’, der ‚etwas ganz Wildes und Neuartiges’ werden sollte. Auch drei Empfehlungsbriefe hatte ich: Einen an die bayerische Gesandtschaft in Berlin, den ich niemals abgab, an den Reichstagsabgeordneten Schauß den zweiten, der mir einen merkwürdigen Abend bescheren sollte – und an den Dichter Hans Hopfen den dritten, der mir eine Stunde unbehaglicher Scham verursachte.

Ich fuhr hinaus in das herbstliche Land, wie Kolumbus ins rauschende Meer. Doch die Hochflut meiner frohen Stimmungen erfuhr gleich nach den ersten Stunden der Fahrt einen schweren, schmerzenden Dämpfer, als die Kondukteure schrieen: Regensburg, Regensburg, Regensburg!

Ich ziehe vorbei der alten Stadt
Und grüße leise die Mauern.
Im Winde gaukelt ein welkes Blatt,
In mir ein wehes Schauern.
Vom Dome das graue Türmepaar
Winkt her über Dächer und Gassen –
Es sah mit an, wie selig ich war,
Eh’ mich mein Glück verlassen.

Mein braun gelocktes, blauäugiges Glück,
Das Glück meiner jubelnden Lieder!
Wohin nun wend’ ich den heißen Blick,
Und wo nun find’ ich es wieder?
Ich ziehe vorbei, weiß kaum, wohin –
Ins Leben? Zu meinem Grabe?
Ich weiß nur, wie verlassen ich bin,
Und was ich verlassen habe.

Ein Schönes, Reines und Zärtliches stieg empor aus den grauen Schleiern der Vergangenheit. Ach, diese rasselnden Stunden, die ein Jagen durch fremde, leere Weiten waren! Ich saß den ganzen Tag wortlos hineingedrückt in meinen Kupeewinkel, hatte kein Auge mehr für die Bilderflucht der Reise und hielt noch immer für Seelenschmerzen, was schon Hunger war. Es kam eine lange, fürchterliche, schlaflose Nacht, mit Selbstvorwürfen und allen Purzelbäumen einer ziellos gewordenen Sehnsucht. Nicht, weil mein Magen knurrte, nur um ein bisschen Abwechslung in die finstere Monotonie zu bringen, fraß ich in einer halben Stunde alle Knackwürste und Butterbrote auf, die mir die Mutter mitgegeben hatte. Das machte mich ein bisschen ruhiger, und schließlich fielen mir die Augen zu. Als ich erwachte, sah ich einen grauen, nebeligen Morgen, sah weite, ebene, kahle Felder und gewahrte ein paar kümmernde Föhrenwäldchen. Über die trüb verschleierte, kreisende Ferne gaukelten riesenhafte, schwarze Spinnen hin: Die Flügel der Windmühlen. Quälendes Heimweh befiel mich, ein Zweifel an allem Kommenden. Wie kann denn das Leben reich sein in einer Landschaft, die so arm ist an schönen Dingen? Und jetzt diese vielen nüchternen Häuser zwischen gelben Dämmen und Mulden – wie eine Ansiedlung zur Ausbeutung gewaltiger Sandgruben – um Gottes willen, das konnte doch unmöglich mein Berlin sein? Das große, ersehnte, verheißungsvolle Berlin?

Es war nur die Gegen von Lichterfelde. Und dann in der Ferne ein Meer von Dächern, verschleierte Kuppeln, umnebelte Türme. Ich reckte mich mit halbem Leib zum Fenster hinaus, und vor Aufregung schlug mir das Herz herauf bis in den Hals. Ein schrecklicher Barackenbahnhof. Doch nun ein Gewimmel von Menschen, eine Fülle des Lebens, ein Strom von Bildern, ein brausender Lärm – die Großstadt, die Kaiserstadt, die Pulsstätte des Deutschen Reiches!

Ich hatte mein Gepäck auf dem Bahnhof gelassen, war in eine Droschke gesprungen und ließ mich hineingondeln in dieses neue, große Leben. Unter den Linden stellte ich mich auf eigene Füße, bummelte gleich eine Stunde lang, frühstückte im Café Bauer – von dem ich schon wusste, dass es der Versammlungsort der literarischen Jugend wäre – und dann gab ich einem Zuge meiner politischen Sehnsucht nach und rannte zum Opernplatz, zum Haus des Kaisers, zum berühmten ‚Eckfenster’. Doch den Gefallen, sich am Fenster zu zeigen, konnte Kaiser Wilhelm Weißbart mir nicht erweisen. Es war nach jenem wahnwitzigen Verbrechen eines Narren, in der Zeit nach dem Nobilingschen Attentat – der Kaiser, von den Folgen seiner Verwundung noch nicht genesen, war fern von Berlin, zur Nachkur in Wiesbaden.

Auch Bismarck und Moltke begegneten mir nicht, obwohl ich die ganze Mittagszeit vor ihren Türen patrouillierte. Komisch, wie wenig man in Berlin zu sehen bekam! Es war nur ein Trost, dass man wusste: Alles Große ist da!

Am Nachmittag ging ich auf die Zimmersuche und rannte dabei in mein erstes Abenteuer hinein, ohne was davon zu merken. Ich hatte einen schönen Schreck von der Sache.

Natürlich wollte ich ganz im Herzen der großen Stadt wohnen, um nur ja nichts zu versäumen, wenn irgendetwas Wichtiges los wäre. Weil ich aber auch an die Grenzen meines Geldbeutels denken musste, fasste ich Zutrauen zu einem schmalen, alten, sehr bescheiden aussehenden Haus in der Friedrichstraße, ganz nahe bei den Linden. Neben der Haustür hing ein Zimmerzettel. In dieser altersgrauen Schaluppe konnte doch eine Mansarde nicht gar so teuer sein? Ein Fräulein, das mir im finsteren Korridor begegnete, war sehr freundlich und führte mich in den ersten Stock hinauf zur Hausfrau. Diese Hausfrau, die eine Vorliebe für heftige Wohlgerüche zu haben schien, war eine noch nicht alte, aber auch nicht mehr junge Dame in rotem Schlafrock, sehr schön frisiert, von auffallend hübschem Teint, fast ein bisschen puppenhaft. Schade, dass sie so dick war! Aber hatte ich denn was Komisches an mir? Die Dame, während ich mit ihr verhandelte, lachte immer so merkwürdig. Und die Hälfte von dem, was sie in ihrem flinken Berliner Dialekt redete, verstand ich nicht. Wir wurden einig, obwohl ich den Preis der Mansarde – dreißig Mark, die ich für den ersten Monat gleich vorausbezahlen musste – ein bisschen hoch fand. Aber man kann in solchem Fall doch nicht mehr Nein sagen, kann wegen zehn Mark eine liebenswürdige Dame nicht kränken. Das Zimmerchen unterm Dach gefiel mir, obwohl es ein bisschen sonderbar aussah, wunderlich mädchenhaft. Und das heftige Parfüm der Hausfrau, das man in dem ganzen alten Haus roch, war auch hier oben im vierten Stocke noch zu spüren. Ich riss die Fenster auf. Dann fuhr ich zum Bahnhof, um mein Gepäck zu holen. Bei Anbruch der Dämmerung war ich wieder daheim. Zwei Dienstmänner schleppten meinen Koffer über die vier steilen, ausgetretenen Stiegen hinauf. Fast auf jeder Treppe begegnete mir eine junge elegante Dame, die das Haus verließ. Wie seltsam, dass in dem alten, schäbigen Mauerkasten so vornehme Leute wohnten! Und was Merkwürdiges war mit diesen zwei Dienstmännern. Unhöfliche Kerle! Ganz eigentümlich guckten sie mich an und schienen nicht viel Gutes von mir zu halten – vielleicht, weil sie merkten, dass ich kein Berliner war, also nach ihrer Meinung wohl ein minderwertiges Geschöpf Gottes. Ich gewann bei dieser Gelegenheit keinen guten Eindruck von den Verstandskräften und Gemütsqualitäten des Berliner Volksschlages.

Als ich allein war, packte ich aus und richtete mich häuslich ein. In meinem Koffer fand ich eine gut riechende Schachtel mit allerlei feinen, verspeisbaren Dingen und einen Zettel der Mutter: „Lieber Bub! Da hast du noch was von daheim, dass dir die erste Mahlzeit in der Fremd ein bissele besser schmeckt!“ Jetzt brauchte ich nimmer auszugehen, konnte zu Huase bleiben. Wie gemütlich war das: So behaglich im neuen Quartier zu sitzen, mit Genuss zu beißen und zu schlucken, immer heimzudenken und an den Luftschlössern meiner Zukunft zu bauen! Und immer zu wissen: Rings um mich herum ist das grandiose Berlin, das Werden und Wachsen einer großen aufwärts steigenden Zeit!

Die Zigarette brannte und machte mit ihrem blauen Qualm dieses schreckliche Hausparfüm unfühlbar. Angenehm empfand ich die lautlose Stille, die im Haus herrschte. Da wird sich’s fein arbeiten lassen! Und um auch den ersten Abend noch gut zu benützen, nahm ich meine Rolla-Übersetzung zur Durchsicht vor. Die wollte ich gleich in den nächsten Tagen zu Paul Lindau tragen, der eine begeisterte Monographie über Alfred de Musset geschrieben hatte und den deutschen Rolla für ‚Nord und Süd’ doch sicher mit Wonne und Handkuss annehmen würde! Auf welches Honorar ich wohl rechnen durfte? Na, so fünf, sechs hundert Märkerchen werden schon herausspringen! Und das gibt dann ein herrliches Leben in Berlin! Theater an jedem Abend!

Gegen Mitternacht merkte ich bei der Arbeit, dass es im Hause nicht mehr so still war wie in den Abendstunden. Manchmal eine lustig-kreischende Mädchenstimme. Dann ein lautes Gelächter von einem Halbdutzend Menschen. Jetzt die Töne eines Klaviers, ein schmachtender Walzer, der überschlug in einen rasenden Galopp. Ich dachte: Irgendwo unter mir da drunten wird Gesellschaft sein, und jetzt werden die Leutchen nach dem Souper ein bisschen vergnügt.

Weil’s mit der Arbeit nimmer vorwärts ging, wollt’ ich mich aufs Ohr legen. Ich spürte auch die dreiundzwanzigstündige Eisenbahnfahrt des Bummelzuges recht merklich in den Knochen. Schon war ich dran, mich auszukleiden. Da ging im dritten Stockwerk des Hauses ein fürchterlicher Spektakel los, der aus einer Stube herauskam auf den Korridor. Ich hörte ein schrillendes Weibergekreisch und das Zorngebrüll eines betrunkenen Mannsbildes. Weil ich dachte, da drunten gibt’s irgendein Unglück, nahm ich meinen festen Hakenstock und sprang auf die Treppe hinaus.

Was ich da gewahrte, jagte mir einen Schreck ein, der mir den Hals zuschnürte. Durch den steilen Treppenschacht konnte ich auf den Korridor des dritten Stockes hinuntersehen, der von einer trüb brennenden Lampe erhellt war, doch grelle Lichtsteifen aus den offenen Türen rötlich erleuchteter Stuben bekam. In diesem Licht- und Schattengewürfel bewegte sich mit Geschrei und Geschimpfe ein balgender Knäuel von drei Mannsleuten und einem halben Dutzend Weibsbilder. Und aus schwarzen Ecken oder aus hellen Türen kamen noch immer neue Damen herbei gesprungen. Sie hatten sehr wenig an. Eine von ihnen trug nur schwarze Strümpfe und einen gelben Kapotthut. Und die heftig duftende Hausfrau im roten Schlafrock erschien, debattierte in einer Sprache, von der ich kein Wort verstand, schrie wie ein amtlich entrüsteter Unteroffizier und begann mit einem langen japanischen Fächer fürchterlich auf das Haardach eines betrunkenen Menschen loszudreschen.

Als ich nach dem ersten Schreck ein bisschen zur Besinnung kam, stand ich in meiner Stube, hatte hinter mir die Türe versperrt und heilt in der linken Faust den Schlüssel, in der rechten meinen Stock. Jetzt begriff ich, in was für eine Art von Haus ich blinder Esel da geraten war. Mir grauste vor diesem mädchenhaften Zimmer. Und nun verstand ich das komische Schmunzeln dieser Hausfrau bei der Wohnungsmiete, verstand den sonderbaren Blick und die Unhöflichkeit der beiden braven Dienstmänner.

„Raus, raus, raus, raus!“

Im Hui quetschte ich alles, was ich ausgepackt hatte, wieder in den Koffer hinein. Dabei wurde es drunten ruhig; und in dieser halben Stille hörte man neuerdings ein Lachen, eine trällernde Stimme und wieder dieses zärtlich vergnügte Klavier. Um zwei Uhr morgens war ich reisefertig. Mein Koffer war verschlossen, meine Reisetasche zugeschnürt. Ich sperrte das Zimmer ab, nahm den Schlüssel mit mir und rannte ins Café Bauer. Hier blieb ich, bis es Tag wurde. In der Französischen Straße fand ich ein Zimmer, war froh, bei ordentlichen Leuten unterzukommen und fragte in der Eile gar nicht nach dem Preis.

Aber wie sollte ich jetzt mein Gepäck aus dem Haus der wohlriechenden Dame mit dem roten Schlafrock ohne Skandal herausbringen? Ich kam zu der Einsicht, dass das Menschenleben Augenblicke besitzt, in denen man die Polizei wie eine sehr löbliche und segensreiche Institution empfindet. Als Hilfesuchender wandte ich mich an einen Schutzmann. Der Brave war zuerst ein weinig misstrauisch und guckte mich an wie ein Untersuchungsrichter. Glücklicherweise sah ich bei der Ecke der Lindenpassage meine beiden Dienstmänner stehen. Die mussten jetzt her und Zeugenschaft darüber ablegen, dass ich erst am verwichenen Abend ‚da drüben’ eingezogen war. Als die Sache sich völlig geklärt hatte, lachten die drei sehr ausgiebig auf meine Kosten. Und der wackere Schutzmann unter Assistenz der beiden Dienstleute nahm meinen Zimmerschlüssel und befreite meine sieben Zwetschgen aus dem Duftbereich der schön frisierten Patronin. Er brachte mir sogar die dreißig Mark zurück. Doch ich hätte um keine Not der Welt diese drei Goldstücke wieder angerührt. Sie dufteten – wenn auch nur in meiner Einbildung, die ich wie eine quälende Pein in der Magengrube verspürte. Und wer bürgte denn dafür, dass es meine drei Goldstücke waren? Nein, nein, nein!

Der Schutzmann sagte: „Ick darf das Jeld nich behalten. Wat soll ick denn damit machen?“

„Was Sie wollen? Mir ist das Wurst.“

Ich vermute, dass er die dreißig Mark zu wohltätigen Zwecken verwendete. Und ich hab’ ihm ein dankbares Gedenken bewahrt. Um dieses wackeren Mannes willen dachte ich nun wesentlich besser von der Polizei als bisher. Während eines langen Semesters hab’ ich der Berliner Schutzmannschaft aus Dankbarkeit keinen bösen Streich gespielt, wenigstens keinen unverzeihlichen. Es ist kein Mensch so verstockt, dass ihn ein reiner Glanz des Lebens nicht zu helleren Überzeugungen bringen könnte.

Im neuen Quartier gab’s einen neuen Schreck. Ich hatte in meiner schusseligen Alteration und in meiner Abneigung wider heftige Wohlgerüche kein ‚Zimmer’ gemietet, sondern einen ‚Salon’, dessen monatlicher Mietpreis, wie ich erst jetzt erfahren sollte, sechzig Mark betrug. So war mein Monatswechsel innerhalb vierundzwanzig Stunden auf dreiundzwanzig Mark zusammengeschmolzen. Da mussten – es ging nicht anders – die Kollegiengelder dran glauben. Meinem Vater konnte ich doch weder die Geschichte vom ‚Salon’, noch weniger meiner Mutter die dunkle Historie der roten Dame mit dem japanischen Fächer erzählen. Ich schrieb also heim, dass ich – unbegreiflich wie – eine Hundertmarknote verloren hätte. Es ist eine psychologisch bemerkenswerte Tatsache, dass man um guter Motive willen die bösen Mittel heiligen kann, ohne Jesuit zu sein. Papa ersetzte die verlorene Note wieder und schickte dazu einen kurzen Brief, in dem er meine Mitteilung nicht im geringste bezweifelte, mir nur den Rat gab, mit Geld und Geldeswert in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Vom ‚Zauber der Großstadt’ hatte ich fürs erste genug. Ich wurde ein fleißiger Student, büffelte fest für mein Doktorexamen und schwänzte während des Monats November nur selten eine Kollegienstunde. Auf der Universität hörte ich Geschichte der Philosophie bei Zeller, neuere Philosophie bei Althaus, Philosophie seit Kant bei Harms, Literatur von 1250-1515 und Literatur von 1805-1832 bei Scherer, Literatur des Dreißigjährigen Krieges und Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts bei Geiger und zur Aufbügelung meiner politischen Kenntnisse auch ein Kolleg über ‚Völkerrecht’ bei Rubo. Denn manchmal baute ich in meinen Träumen an dem Luftschloss: Politiker von Fach zu werden und mich ‚jung in den Reichstag währen zu lassen’, um mein soziales Programm und meinen ‚Staat der in Jugend Glücklichen’ durchzusetzen. Liebe Torheit der jungen Jahre! Aber lächelt nicht über sie. Wenn sie nicht wäre, käme das Alter nicht zu seinen verdienstvollen Weisheiten.

Aus meinem Berliner Kollegienheft von 1878 erseh’ ich, dass Professor Rubo in seinem Kolleg über Völkerrecht predigte:

„Jeder Staat gegenüber dem anderen besitzt das Recht auf gegenseitige Achtung. Jeder Staat ist berechtigt, vom anderen zu fordern:

  1. Achtung seiner Existenz.
  2. Achtung in Bezug auf seine Staatseinrichtungen.
  3. Achtung in zeremonieller Hinsicht.
  4. Achtung in Bezug auf die sittliche Würde des Staates, d.h. jeder Staat ist berechtigt zu verlangen, dass ein anderer seinen Erklärungen Glauben beimesse.“

Wenn Professor Rubo damals Wahrheit predigte, dann gibt es heutzutage – von der ‚Achtung in zeremonieller Hinsicht’ abgesehen – kein Völkerrecht mehr. Aus dieser anscheinenden Tatsache will ich aber keinen Vorwurf wider die Menschheit erheben. Es gibt doch auch ein Professorenrecht, d.h. jeder Professor ist berechtigt, von seinem Hörer das Kollegiengeld zu verlangen. Er kriegt es aber nicht immer. Und ich muss bekennen, dass ich ad hoc ein schlechtes Gewissen habe, trotz der prompt ersetzten Hundertmarknote.

Papa hatte schon recht: Das Berliner Pflaster war nicht nur ‚heiß’, es war auch ‚teuer’.

Um meinen Not leidenden Geldbeutel zu schonen, bezog ich ein sehr billiges Zimmer, weit da draußen, wo Berlin ein Ende nahm. Damals! Heut sieht diese Gegend anders aus, alles ist da Großstadt geworden. Aber damals sagten sich in der Charitéstraße die Berliner Katzen gute Nacht, und von meinem Fenster konnte ich über weite, kahle Sandflächen hinausträumen, auf denen sich die ersten Viaduktbogen der Stadtbahn zu erheben begannen, die das ferne Charlottenburg mit Berlin verbinden sollte.

Das dreieckige Stübchen, das ich in der Charitéstraße Nummer 1 – eine Nummer 2 besaß die Straße nimmer – gefunden hatte, war allerliebst und anheimelnd. Es biedermeierte. Ein Lederlehnstuhl, den man nie ansehen konnte, ohne an eine Großmutter mit weißen Schmachtlocken zu denken. Und der Schreibsekretär war ein völlig unergründlicher Organismus von Klappdeckeln und Schubladerln. Und in dem alten, ungeheuren Bett hatte ich zuweilen die mollige Sensation, als schliefe ich in einer riesigen, mit Daunen ausgepolsterten Ofenröhre. Und die Hauspatronin duftete nicht und hatte keinen roten Schlafrock, hatte immer eine blaue Schürze vor dem dunkelbraunen Kleid, war die alte, kleine, wohlgenährte Frau Henkel, lachte freundlich und gutmütig, hatte das Herz auf dem rechten Fleck, und in den Adern ruhiges, gesundes Bürgerblut aus Altberlin. Und getreulich hielt sie, was sie mir beim Einzug versprach: „Sie sollen’s so jut haben bei mich, det Sie jlooben, Sie wären bei Muttern zu Hause.“ Nur eine strenge Bedingung stellte sie: „Mä’chens mitbringen, nee, so wat jibt’s nich bei mich!“ Diesem Hausparagraphen wurde ich gerecht, und da fand ich an der kleinen, dicken Frau Henkel einen verlässlichen Schutzengel meines Berliner Winters.

Die Treue dieses freundlichen Hausgeistes wurde sehr bald auf eine harte Probe gestellt. Für die ‚verlorene’ Hundertmarknote kam so was Ähnliches wie ein Strafgericht des Schicksals. Doch bevor ich den Jammer dieser Tragödie singe, muss ich von zwei Lustspielszenen berichten.

Ich hatte meinen Empfehlungsbrief dem Reichstagsabgeordneten Schauß abgegeben. Der liebenswürdige, geistreiche, nur ein bisschen spöttisch veranlagte Herr Landsmann nahm mich mit zu einem parlamentarischen Kneipabend. Ich zitterte, voll der großen Erwartungen. Es kam aber wesentlich anders, als ich mir die Sache ausgemalt hatte. Meiner grünen Jugend wegen heilt man eine Vorstellung für überflüssig. In einer gemütlichen Extrastube, um eine lange Tafel herum, saß ein Dutzend politisch berühmter Männer. Ich wusste aber von keinem, wer er war, hatte keinen noch gesehen. Herr von Schauß hatte mich an der Mitte der Tafel an seine Seite genommen wie ein braves Hunderl, das zwischen Menschen auf einem gleichberechtigten Sessel sitzen durfte. Das Gespräch war anregend, aber nicht übermäßig politisch. Heiße Köpfe, die nach der Arbeit verkühlen und sich ausruhen wollten – die tobende Rednerschlacht, die um das Sozialistengesetz geschlagen worden war, lag hinter ihnen. Sie waren müde. Aber manchmal im Verlauf des ruhigen Abends hörte ich doch ein feines, kluges, interessantes Wort. Und dann fragte ich leise: „Bitte, Herr von Schauß, wer ist das?“ Bald stillte er meine Neugier, blad führte er mich durch sarkastische Bemerkungen in die Irre, ließ mich raten und deuten und lachte vergnügt, wenn ich in meiner politischen Unerfahrenheit komisch danebengriff. Und als an der Tafel das Gespräch gerade verstummte, sagte er laut, für alle Anwesenden hörbar: „Na also, junger Freund, wenn Sie bei Ihrer Neugier sich auch noch zu einem feinen Menschenkenner entwickeln wollen, dann suchen Sie einmal zu erraten, wer und was der Herr da ist, der uns gegenübersitzt. Natürlich ist er ein großer, genialer Politiker, sonst dürft’ er zu uns nicht herein.“ Alle an der Tafel lachten, auch der schwerkorpulente Herr, der uns gegenübersaß. „Also, schauen Sie ihn einmal recht scharf an! Sein politisches Farberl werden Sie schwerlich erraten. Wir sind auch noch nicht draufgekommen, obwohl wir da doch ein bisserl mehr Übung haben wie Sie!“ Wieder dieses heitere Gelächter an der Tafel.

Und der Schwerkorpulente sagte in Gemütsruhe: „No freilich, gar so durchsichtig bin ich nicht, wie es Ihnen grad passen möcht.“

Die Heiterkeit der Stimmung erhöhte sich noch. Mir brannte das Gesicht. Und Herr von Schauß sprach lustig weiter: „Betrachten Sie diesen Unergründlichen nur recht genau! Seine klingende Seele ist unentschleierbar. Ein Bild von Saïs. Aber suchen Sie wenigstens zu erraten, welchen bürgerlichen Beruf der Rätselhafte ausübt. Ist nicht alles an ihm Gemütlichkeit, Herzensgüte, Frieden und Ruhe? Schaut er nicht aus, als wäre ihm eine Maß Hofbräuhaus viel wichtiger als das Wohl und Wehe des sehr teuren Vaterlandes? Schaut er nicht aus, als könnte man ihn um den Finger wickeln? Wenn sein ausgiebiges Embonpoint einem solchen Versuch nicht widerstreben würde! Wie schwer taxieren Sie ihn? Drei Zentner? Das ist zu wenig. Man könnte an Martin Luther denken … Sie sind doch Goethekenner? Nicht? … na also: Hat sich ein Bäuchlein angemäst’, et cetera! Und das Köpfl muss man anschauen! So was Gsundes! Da könnt man doch drei Prälatenköpf draus machen! Und diese wohlwollenden Handerln! Man ist doch fest überzeugt, dass sie nur geben können, nicht nehmen!“ An der ganzen Tafel ein schallendes Gelächter. „Und so was von Fingerln! Kurz, aber dick! Na, was glauben Sie, dass dieser Rätselhafte sein kann? Ein friedsamer Bräumeister? Meinen Sie? Oder ein wohlgenährter Bäck aus Feldmoching? Ja, was Heimatliches muss er schon haben für Sie!“

Ich war in namenlose Verlegenheit geraten und sah mit flehenden Augen an dem Spötter hinauf.

Da sagte Herr von Schauß: „Strengen Sie Ihr Köpfl nicht an! Sie erraten’s nicht! Das ist der neue Finanzminister von Bayern.“

Ja! Wie der Reichstagsabgeordnete Schauß den Exzellenzherrn von Riedel da geschildert hatte, so ähnlich sah er aus. Das hinderte aber nicht, dass er ein hervorragender Staatsmann war, der seiner Heimat zum Segen wurde, und dazu ein prächtiger Mensch – was er schon dadurch bewies, dass er zu dem etwas derben Spaß gemütlich und mit Nachsicht der Taxen lachte. –

Als dr Herbst noch milde war, lernte ich im Tiergarten eine junge Gouvernante kennen, ein richtiges schnodderig-fideles Berliner Kind, das mir späterhin sehr amüsanten Unterricht im Spreeländer Dialekt erteilte. Sie machte es dabei wie die Lateinprofessoren, welche die Lehre von der Konjugation mit amo beginnen – „Ick liebe dir!“

Eines Morgens, der blau und sonnig leuchtete, saßen wir im Tiergarten bei gelbem Blätterfall auf einer grünen Bank. Vor uns in der Reitallee erschien ein eleganter Sportsmann auf feurigem Goldfuchs. Einer in jenen Jahren, die man die besten nennt, breitschulterig, nicht allzu groß, aber eine feste, schneidige Gestalt, das interessante Gesicht durch einen rötlichen Spitzbart verlängert. Das Gouvernantchen kicherte: „Det is mein Verehrer!“ Sie selbst umgrenzte den Sinn dieses Wortes: Der elegante Reiter suche bei seinen Spazierritten gerne die Bank auf, wo sie mit den Kindern wäre, grüße freundlich, verhielte das Pferd und schwatze lustig mit ihr.

Die Sache sah ungefährlich aus. Ich hatte aber doch die Witterung eines Nebenbuhlers. Der Übermutsteufel saß mir gleich im Genick – und als der stramme Reiter herankam und vertraulich grüßte, zog ich parodistisch den Hut bis auf den Boden, und nachdem ich mich wieder aufgerichtet hatte, schlang ich zur Dokumentation meines Besitzrechtes den Arm um den Hals der Gouvernante und küsste sie auf den verdutzten Schnabel. Der Reiter schaute sehr verwundert drein. Lachend rief ich: „Ja, ja, es ist schon so!“ Und küsste das Mädel noch einmal. Als ich das erledigt hatte, verschwand der Reiter in gestrecktem Galopp.

Ein paar Tage später gab ich meinen Empfehlungsbrief bei Hans Hopfen ab. Ich wurde in das schöne, ernste Studio des Dichters geführt. Auf dem Schreibtisch lag ein Manuskript, eine bis zur Hälfte beschriebene Seite. Etwas wie ehrfurchtsvoller Schauer rührte sich in mir. Ich hielt geduldig auf der Stelle aus, auf der ich stand; doch ums Leben gern hätt’ ich den letzten Satz gelesen, den der berühmte Dichter da geschrieben hatte. Und neben dem Schreibtisch stand eine wundervolle Marmorbüste seiner schönen verstorbenen Frau.

Hans Hopfen kam. Und der Dichter, der da nun vor mir stand, das war jener elegante Reiter auf dem feurigen Goldfuchs! Ich glaubte vor Scham in den Boden versinken zu müssen und dachte dabei mit Gewissenspein an die gute Lehre meiner Mutter: „Bub, sei nett und manierlich!“ Auch Hopfen schien mich wieder zu erkennen. Erst sah er mich mit seinen blitzenden Augen schweigend an, dann schmunzelte er ein bisschen und lud mich zum Sitzen ein. Vom Tiergarten schwieg er; ich natürlich auch. Heiter und herzlich sprach er mit mir und behielt mich eine ganze Stunde. Die Qual meiner Verlegenheit mag es verschuldet haben, dass mir von dieser Unterredung keine Silbe im Gedächtnis blieb. Nur das letzte Wort bei der Türe hab’ ich mir gemerkt. Hopfen reichte mir da die Hand und sagte lächelnd: „Adieu, lieber Ganghofer! Ich kenne Ihren Vater und schätze ihn sehr. Und kann ich Ihnen was nützen, so dürfen Sie in jeder Stunde zu mir kommen. Aber besser, als die Hilfe von Fremden, ist’s immer, wenn man selber die Ellbogen tüchtig rührt. Sie sind ein junger, fester Kerl! Glück auf! Jung sein, das ist was Schönes. Aber auch der langsam Alternde hat noch ein paar Rechte ans Leben, ernste und heitere. Die Jugend, die nie denken kann, dass sie auch einmal älter wird, negiert das leicht. Und manchmal auf nicht sehr liebenswürdige Weise. So was kann wehtun. Ich besorge, Sie werden das später auch einmal an sich selbst erfahren. Na, bei Ihnen hat’s noch lange hin! Adieu! Und auf Wiedersehen! Ich habe mich sehr gefreut!“

Mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Begossenheit trat ich auf die Straße. Und während meines ganzen Berliner Winters fand ich nimmer den Mut, bei Hans Hopfen die Glocke zu ziehen. Erst in späteren Jahren, als er neu vermählt war, sahen wir uns wieder, in München, im Gebirge, am Starnbergersee. Jede Stunde, die er mir schenkte, wurde für mich zu einer wertvollen Freude. Er blieb mir freundlich gewogen, bis er die blitzenden Augen schloss. Und meine Flegelei vom Berliner Tiergarten gehört zu den wenigen Dingen meines Lebens, die ich bereue.

Als ich von jener pädagogischen Qualstunde bei Hans Hopfen heimkam in meine Bude, verbrannte ich den noch unabgegebenen Empfehlungsbrief an den bayerischen Gesandten. Man kann niemals ahnen, wie solche Besuche ausfallen!

Und nun will ich von jener rächenden Schicksalstragödie berichten, die mich fast für einen ganzen Monat vom Berliner Leben völlig ausschied und mich in meiner dreieckigen Bude zum knurrenden Eremiten machte.

Am 5. Dezember hielt Kaiser Wilhelm, noch immer nicht völlig von seinen Wunden genesen, feierlichen Einzug in Berlin, um die Regierungsgeschäfte wieder zu übernehmen. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Fahnen und Flaggen wehten um alle Dächer und Fenster, die grauen Straßen waren verwandelt in leuchtende Farben. Über die Länge der Linden hin, vom Brandenburger Tor bis zum kaiserlichen Schloss bildeten die Turner und die Berliner Studentenschaft Spalier. Ein Jubel, der wie brausender Sturm, wie das Echo rollenden Donners war! Man hatte Tränen in den Augen und schrie seine deutsche Freude aus tiefster Seele heraus, als hinter den funkelnden Spitzreitern die offene, sechsspännige Kaiserkarosse vorüberrollte und dieses ehrwürdige weiße Haupt die jubelnden Menschen grüßte.

Der Kaiser trug den rechten Arm noch in schwarzer Binde. Da mag die Begeisterung der Menge dem kaum Genesenen mühsame Minuten bereitet haben. Liebe ist immer egoistisch. Und eines der selbstsüchtigsten Dinge des Lebens ist die tobende Zärtlichkeit der Massen. Bei Tücherwehen und Hüteschwenken ging ruhelos ein dichter Regen von kleinen Lorbeerzweigen und Kornblumensträußchen über den Wagen hin, den geduldig lächelnden Kaiser unter Blau und Grün beinah begrabend. Und wie eine schwarzgraue Riesenwoge, anbrandend gegen Bäume und Häuser, drängte die Menge, als der Wagen mit seinem Gefolge von Prinzen und Fürstlichkeiten verschwunden war, über die Linden dem Opernplatz entgegen. Eine vieltausendköpfige Menschenmasse stand hier dicht gedrängt, jeder einzelne fast unbeweglich eingekeilt. Mit wühlenden Ellenbogen hatte ich einen günstigen Ausguck auf dem Sockel einer Laterne erkämpft. Der nie verstummende Jubel wuchs immer zu mächtigem Rauschen an, sooft der Kaiser sich auf dem Balkon oder am Eckfenster zeigte. Man sang die ‚Wacht am Rhein’, sang ‚Heil dir im Siegerkranz’ und ‚Deutschland, Deutschland über alles’ – und wie diese vielen Tausende von singenden Stimmen ineinander wogten, mit verschiedenem Takt in die Ferne schwammen, sich verloren, sich fanden und wieder auseinander gerieten, das hatte bei allem dröhnenden Lärm was Geheimnisvolles, war ergreifend zu hören und bekam doch auch in brüllender Dissonanz zuweilen einen komischen Zug. Den erfassten die witzlustigen Berliner gleich, die mich umstanden. Und inmitten aller Begeisterung gab es ehr häufig Gelegenheit zu lustigem Gelächter. Könnte man solch ein Sprühfeuer des Volkswitzes nur im Gedächtnis behalten! Aber nach allem johlenden Vergnügen war immer gleich der ehrliche Jubel wieder da, wenn die Menschenmenge einen von ihren politischen Lieblingen gewahrte. Man sah den Kronprinzen Friedrich und den Prinzen Friedrich Karl, sah den dunklen schmächtigen Moltke mit dem blassen Erzgesicht und sah die siegreichen Fahnen defilieren. Vor den Augen des Volkes war eine große Zeit für kurze Stunden wieder aufgeschlagen wie ein bewegliches Bilderbuch. Nur die weiße Riesengestalt des Fürsten Bismarck war nicht zu sehen. Der Kanzler lag, ein Leidender, in Friedrichsruh. Und die Berliner sagten, der Ärger mit dem Reichstag hätte ihm die Galle krank gemacht.

Ich hielt auf dem Posten meiner Neugier bis zum Abend aus, bis der große Platz sich schon zu leeren begann und die ersten Lichterschlangen hinglitten über die illuminierten Häuser. Unter den Linden wollte ich mir nach dem durchhungerten Tag was Stärkendes kaufen. Aber da fuhr mir ein kalter Schreck durch die schief gedrückten Knochen. Mein Portemonnaie war weg – mit meinem ganzen Vermögen, mit den achtzig Mark, die von meinem Dezemberwechsel noch übrig waren! Ich klopfte mich ab vom Hals bis zu den Stiefeln. Weg war’s. Wie ein Dachshund, der seinem geliebten Herrn nachspürt, schnüffelte ich suchend im Leutgewühl unter den Linden hin und her. Weg war’s! Vor dem matt erleuchteten Eckfenster des heimgekehrten Kaisers suchte ich in Spiralen den ganzen Opernplatz ab. Nichts zu finden. Ich hatte kein Auge mehr für die aufbrennenden Glanzwunder der Illumination, sondern rannte auf die Polizei, auf das Fundbüro. Der Beamte suchte mich durch die Mitteilung zu trösten, dass es nicht nur mir allein so ergangen wäre, und dass mich für die Zukunft eine zujeknöppte Tasche vor ähnlichem Missgeschick und vor langen Fingern bewahren würde.

Im Herzen noch eine letzte Hoffnung, rannte ich durch den festlichen Glanz des Abends heim. Vielleicht hatte ich das Portemonnaie zu Hause liegen lassen? Schweißtriefend langte ich in meiner dreieckigen Bude an und suchte, suchte, suchte. Weg war’s. Die gute Frau Henkel in ihrem Erbarmen fing gleich zu weinen an. Ich fluchte. Noch am Abend schrieb ich an die Eltern und berichtete das bittere Malheur.

Nach drei Tagen – inzwischen hatte meine silberne Uhr mich leidlich ernährt – kam ein kummervoller Brief der Mutter und von Papa ein Zettel jenes geblichen Aktenpapiers, das ich kannte. Auf diesem Zettel stand in der festen Handschrift meines Vaters der berühmte Vers:

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
Und wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Die ‚verlorene’ Hundertmarknote und Professor Rubo, der mir gratis das Völkerrecht dozieren musste, waren gerächt. So waltet das grausame Schicksal. Von dem man immer behauptet, dass es ähnlich wie die Themis blinde Augen hätte.

Vaters poetische Antwort hatte auf der Kehrseite des Zettels noch diese prosaische Nachschrift: „Sieh zu, wie du durchkommst! Vor dem 1. Januar kriegst du nichts! Machst du Schulden, so musst du sie selbst bezahlen.“

Ich saß als ein zernichtetes Menschenkind im Lederlehnstuhl meiner dreieckigen Bude und starrte feuchten Blickes und ratlos auf die vielen leeren Schubfächer des Biedermeiersekretärs. Und Frau Henkel brachte beim Anblick meines stummen Jammers die blaue Schürze nimmer von den Augen.

So endete für mich der Begeisterungsjubel des 5. Dezembers.

Was tun? Seit Zeus diese beiden geflügelten Worte sprach, haben schon Millionen Menschen sie ihm nachgesprochen in Stunden ratloser Sorge.

Von einem Universitätskameraden borgen? Dann musste ich im Januar bezahlen und kam abermals zu kurz. Bücher verkaufen? An Büchern hatte ich nur, was ich zur Arbeit unentbehrlich brauchte. Stunden geben? Wo findet man gleich was? Und da muss man in hundert Gassen herumrennen, schleift die Stiefel durch und wird doppelt hungrig. Und ich brauchte meine Zeit für die Arbeit.

Lyrische Gedichte verkaufen? Welches Rindvieh gibt was dafür? Und meine Rolla-Übersetzung musste ich erst ins reine schreiben.

Es blieb kein anderer Ausweg, als einen Teil meiner Garderobe zu versetzen. Dazu musste ich aber meine Gaderobe erst wieder haben! Denn ich hatte sie aus Freundschaft und der Kunst zuliebe weggeborgt bis auf den einen Anzug, den ich trug. Am Wallnertheater, wo damals der lustige Helmerding noch spielte, hatte ich als ‚naiven Liebhaber’ meinen Münchener Freund, jenen blonden ‚langen Oskar’ vorgefunden, der beim Rosenauer Sommernachtstraum den Demetrius spielte. Oskar mimte nun fast täglich in einer anderen Rolle und brauchte dazu eine abwechslungsreichere Garderobe, als sein Koffer sie aufwies. Was Neues konnte er sich nicht kaufen, weil er bei einer Gage von hundert Mark ohnehin immer in Geldschwulitäten war. So borgte ich ihm aus meinem Kleiderkasten, was er brauchen konnte. Und merkwürdigerweise konnte er alles brauchen, obwohl er um einen halben Kopf länger war als ich. Aber nun mochte der lange Oskar seine naiven Liebhaber meinetwegen im Hemd spielen – ich brauchte meine Garderobe, um essen zu können. Als ich zu ihm kam, wollte er beim Klang meiner Stimme die Zimmertüre nicht aufsperren. Mir wurde schummerich, wie der Berliner zu sagen pflegt. Und als ich mir den Eingang mit rührendem Appel an die heiligen Pflichten der Freundschaft erzwungen hatte, gab mir der lange Oskar meine Röcke, Westen und Hosen in einer Form zurück, in der ich sie mit der hohlen Hand umschließen und transportieren konnte: In Gestalt von sieben Versatzzetteln. Das blonde Ungeheuer sah bei meinen Vorwürfen bekümmert drein und wies mir zu stummer Entschuldigung ein völlig leeres Portemonnaie. Nur ein Uhrschlüssel war drin, der zu einer Uhr gehörte, die der lange Oskar schon lange nicht mehr hatte. Das Ende dieser aufregungsvollen Szene war, dass wir alle beide lachten. Doch es gibt ein Lachen, das schmerzlicher ist als die heißeste Träne der Pein.

Jetzt war mein Jammer erst ganz und fertig geworden. Die gute Frau Henkel hätte mir gern geholfen. Aber sie war in mehr als bescheidenen Verhältnissen und musste selbst jeden Knopp dreimal umdrehen. Sie wollte mir jeden Morgen das Frühstück geben, am Abend den Tee, mit heißem Wasser nach Belieben, ein Butterbrot dazu, und ‚vor dem Neetichsten’ borgte sie mir zehn Mark.

Das Mittagessen? Ein Traum! Eine Fata Morgana! Und gerade damals stand ich in einer Epoche des jugendlichen Heißhungers, in dem ich fünf Portionen boeuf à la mode mit Knödeln auf einen Sitz verschlingen konnte.

Noch mal an die Mutter schreiben? Mein Elend mit rührenden Farben malen? Ein so gutes Herz die Mutter hatte – aber was Papa nicht haben wollte, das tat sie nicht. Vor dem ersten Januar durfte ich auf Geld nicht rechnen. Aber eines wusste ich: Am 24. Dezember wird eine große, große, große Schachtel kommen, so groß, um mit ihrem Inhalt sieben Holzknechte für eine Woche satt zu machen.

Glaubt mir: Ich habe mich als kleiner Junge nie so zitternd auf das leibe Christkindl gefreut, wie ich mich damals als dreiundzwanzigjähriges Mannsbild nach diesem 24. Dezember sehnte.

Na also! Etwas anders bleib jetzt nicht mehr übrig, als mich vom 9. bis zum 24. Dezember mit Geduld und Beharrlichkeit durchzuhungern. Und um so was zu erleben, reist man von München nach Berlin! Sehnsucht der Jugend! Was bist du? Manchmal ein großer Unsinn.

Franz von Kobells tröstendes Sprüchlein fiel mir ein: „Wackelt’s aussi, wackelt’s eini aa!“ Dabei kam ich zur ruhigen Überzeugung, dass diese ‚Prüfung’ vielleicht ein gar nicht zu scheltendes Erlebnis werden könnte. Erstens würde ich jetzt sehr viel zu Hause bleiben – mit Ausnahme der Kollegstunden fast immer. Und da kann man arbeiten wie ein Narr! Dann hatte ich doch jetzt auch die Gelegenheit, aus eigener Erfahrung kennen zu lernen, was ‚Hunger’ ist – nicht Hunger, der immer zu essen findet, sondern Hunger, dem aussichtslos die Schwarten krachen. Und das war doch für einen jungen Poeten, der das Leben von allen Seiten kennen lernen soll, eine sehr nützliche, instruktive Sache. Alles im Leben hat sein Gutes. Man muss es nur richtig ansehen.

Ein paar Nächte nach durchhungerten Tagen brauchte ich, um die Rolla-Übersetzung ins reine zu schreiben. Dann trug ich das fein geschriebene Manuskript – ich besorge, ein Freitag war’s – zu Paul Lindau und schwor darauf: Jetzt bin ich gerettet! Ich wurde nicht vorgelassen. Doch mein flehender Blick schien dem jungen, bildhübschen Dienstmädchen, das mir diese Botschaft verkündete, rührend ans Herz zu greifen. Es ließ die Flurtüre halb offen, verschwand – und in der schmalen Türspalte erschien ein hurtiger Mannskopf mit dunklem Kraushaar, mit einer Feder in der Hand und mit fabelhaft gescheiten Augen hinter den Gläsern eines großen Hornzwickers, der schräg auf einer kräftigen Nase ritt. Ich stand vor dem Autor der berühmten ‚Harmlosen Briefe eines deutschen Kleinstädters’, vor dem Allmächtigen der ‚Gegenwart’.

Er sagte mit rasender Schnelligkeit: „Ich kann Sie nicht empfangen, ich habe Redaktionsschluss. Was wollen Sie? Rasch!“

Mir schnürte das Tempo dieser Worte die Kehle zu. „Ich habe …“

Weiter kam ich nicht. Paul Lindau hatte das Manuskript in meiner Hand erspäht. Er nahm es. „In Gottes Namen! Geben Sie her! Man wird Ihnen schreiben. Adieu!“ Die Türe fiel ins Schloss und drinnen wurde ein Schlüssel umgedreht oder eine Kette eingehakt – es war ein Geräusch, das an den schweren Augenblick erinnerte, in welchem Adam das Paradies verlassen musste.

Aber ich dachte: „Wenn er nur ein bisschen ins Manuskript hineinguckt! Dann liest er schon weiter. Und nach zwei, drei Tagen hab’ ich Brief und Honorar!“

In brennender Sehnsucht wartete ich an jedem Morgen auf die Post. Tag um Tag verging. Paul Lindau blieb so schweigsam, wie Moltke sein konnte. Und niemals wieder hab’ ich mein Manuskript gesehen. Wenn im Hause Paul Lindaus nicht von Zeit zu Zeit ein großes Reinemachen in herrenlosen Manuskripten abgehalten wurde, muss er meine Rolla-Übersetzung von 1878 noch heute besitzen. Ein Dutzend Jahre später, während ich zu der Eröffnung des Lessingtheaters in Berlin war, erzählte ich ihm an einem lustigen Abend im Hotel de Rome diese Geschichte unserer ersten Begegnung. Er lachte. Doch als ich ihm schilderte, welch schmerzhafte Wirkung sein schweigen auf meinen knurrenden Magen übte, sagte er ernst und herzlich: „Ach Gott! Sie Ochse! Warum haben Sie mich denn nicht angepumpt!“ – Die besten Gedanken kommen immer zu spät. Und die redlichste Hilfsbereitschaft der Menschen bleibt in den dringendsten Fällen ein Treppenwitz.

Ich hungerte. So ausgiebig, dass ich den Hosenriemen, den ich damals nach bayerischer Sitte trug, an jedem Morgen um ein Löchelchen enger schnallen konnte. Dabei brachte ich meine Doktordissertation zu Ende und begann ein Theaterstück zu schreiben, meiner knurrenden Stimmung entsprechend nicht etwas eine gallige Tragödie, sondern ein romantisches Lustspiel in Versen, für das ich den Stoff jener mit Siegfried Mundy verschwundenen Preiskomödie aus der Versenkung heraufholte.

Während meiner zweiten Hungerwoche, die ich mir durch Skandierung fünffüßiger Jamben verkürzte, lernte ich ein paar prächtige, waschechte Urberliner kennen. In den Berliner Wirtshäusern brauchte man das Brot nicht zu bezahlen, Stulle und Weißbrot gingen gratis drein. Und da besuchte ich an jedem Vormittag um die elfte und zwölfte Stunde herum eine Weißbierkneipe in der Schumannstraße – nahe der Friedrich-Wilhelmstädtischen Operettenbühne, die sich später in das gloriose Deutsche Theater verwandelte – ließ mir für zwanzig Pfennige eine ‚kühle Blonde’ reichen, in der eine Zitronenscheibe schwamm, und fraß dazu den ganzen Brotkorb leer, manchmal auch das Körbchen eines unbehüteten Nachbartisches. Ich wurde ein Dorn für die Augen des Wirtes, tat aber immer, als sähe ich diese missmutigen Blicke nicht. Der Gedanke lag nahe, jeden Tag einen andern Wirt mit meiner uneinträglichen Kundschaft zu beglücken. Doch jene Weißbierkneipe in der Schumannstraße hatte für mich einen lustigen Haken, der mich festhielt. An einem Fenstertisch versammelte sich hier alltäglich eine kleine Gesellschaft von alten wohlgenährten Berliner Herren zum Frühschoppen: Meister des Handwerks, Kaufleute der Vorstadt, bescheidene Rentiers. Und manchmal erschien auch der alte, saftvolle Komiker Scholz. An diesem Stammtisch der Ureingesessenen ging es so fidel und gemütlich zu, dass ich auch als unbeteiligter Außenseiter nicht aus dem Lachen herauskam. Die Unterhaltung, die ich da mit anhörte, wurde zuweilen ein bisschen derb. Aber ich stammte doch aus einer Heimat, in der man ebenfalls nicht zimperlich war. So konnte mich der trieblustige Genius loci aus der Heimat der kühlen Blonden nicht verdrießen. Ich lachte mit, sooft die Herren des Stammtisches Ursache zum Lachen hatten. Es gab da typische Redensarten, wie sie in Bayern die Tarockspieler haben. Aber diese Scherze waren lange nicht die besten. Das Hübscheste flatterte immer aus dem flinken, durch alle Tagesgeschichte springenden Diskurs heraus. Wie feine Wiesel hüpften die drolligen und spöttischen Worte auf, an denen ich nie was Anmaßendes spürte, nie was Aufdringliches. Es war echter, rechter, gesunder Humor. Die Getreuen dieses Stammtisches waren nicht nur sehr kluge Männer, sie waren auch feste, klare, bei aller Spottlust heiter versöhnliche, gutherzige und wohlwollende Menschen, die mir gefielen – mehr noch: Die ich zu lieben begann.

Eines Mittags sah der Wirt mich freundlich an, obwohl ich just die lange Stulle meines Tisches erschreckend verkürzte. Und von den Herren des Stammtisches guckten immer wieder ein paar zu mir herüber. Plötzlich fragte einer: Warum ich denn immer so allein säße, und ob ich nicht lieber Gesellschaft hätte? Dann sollte ich mich doch zu ihnen setzen. Ich trug meine kühle Blonde hinüber. Die Herren machten mir in ihrer Mitte Platz und schoben mir gleich die drei Brotkörbe des Stammtisches hin. Lachend merkte ich, dass sie meine brotgefährliche Zwangslage erraten hatten. Aber man sprach nicht davon. Und als die Herren aus meinem Zungenklang den Süddeutschen heraushörten, wurden sie riesig nett. Dieses gleiche freundliche Entgegenkommen, eine fast an Zärtlichkeit grenzende Vorliebe für den Deutschen aus dem Süden, hab’ ich späterhin immer wieder erlebt, nicht nur in Berlin, überall in Norddeutschland. Wenn es auch umgekehrt so wäre, und wir Bayern hätten alle verständige Ursache dazu, dann müsste dauernd der lieblichste Völkerfrieden innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches wohnen. Komm’ ich heute nach dem Norden, so wirkt ja wohl auch mein Name ein bisschen mit und die Art meiner Arbeit, um mir freundliche Gesichter zu gewinnen. Aber damals, als junges Nichts, in meinem Berliner Studentenjahr, da erfuhr ich das schon so: Man brauchte in einem Haus, das ich betrat, und in einer Gesellschaft, in die ich hineingeriet, nur zu wissen, aus welcher Heimat ich kam, und ich wurde herzlich aufgenommen, freundlich behandelt, fast verhätschelt. Die Stammtischherren der Weißbierkneipe in der Schuhmannstraße machten den Anfang damit. Und reizend war der gemütliche Takt, mit dem sie meiner unerörterten Hungersnot zu Hilfe kamen. Offenkundig bot mir keiner was an, den kostenfreien Brotkorb ausgenommen. Sie taten immer so, als bestellte ich mir nur deshalb nichts, weil mein bayerischer Magen an die Berliner Küche nicht gewöhnt wäre – es gab da auch wirklich ein paar Dinge, vor denen mir gruselte, zum Beispiel Kaltschale und Schokoladesuppe. Und da machten die Herren hartnäckige Versuche, mich ‚für die Berliner Kochkunst’ zu gewinnen, bestellten sich allerlei fein duftende Spezialitäten ihrer heimatlichen Frühstücksküche und nötigten mich, recht ausgiebig davon zu kosten. Ich gabelte von vielen Tellern so viele Bröckelchen weg, dass es fast immer eine ganze Mahlzeit ausmachte. So ging es Tag für Tag, dieser lachenden Herzlichkeit gegenüber ‚kostete’ ich ohne ein Gefühl der Scham, schluckte mit Appetit, empfand verschwiegene Dankbarkeit, spielte aber stolz den Heuchler und sprach: „Ja ja, freilich, sehr gut! Aber ich bin’s halt net gwöhnt. Portionweis brächt i so was net nunter.“ Die Herren erlebten aber doch den Triumph, mich als völlig Bekehrten zu sehen. Denn nach dem ersten Januar, als in meinem neu gekauften Geldbeutel wieder angenehme Hochflut war, kam ich in jeder Woche ein paar Mal zum Frühschoppen in die Schumannstraße, bestellte doppelte Portionen, schluckte fest mein Eisbein und andere Berliner Köstlichkeiten runter und amüsierte die Tafelrunde mit bayerischen Späßen und mit gesunden Schandahüpfeln, über die meine lieben Altberliner dicke Tränen lachten.

Die Gesichter und Gestalten dieser zehn freundlichen Menschen sind mir so deutlich im Gedächtnis geblieben, dass ich sie noch heute zeichnen könnte. Und begegnet mir jetzt zuweilen auf Reisen, im Hotel oder im Gebirge eine von den nicht seltenen Radau-Schnauzen aus Neuberlin, dann denk’ ich mir immer: „Quassel du nur! Du machst mich nicht irre. Du bist ja gar kein Berliner. Die richtigen Berliner, die echten, kenn’ ich doch!“

Nach der Frühschoppenstunde in der Schumannstraße kam mir daheim in meiner dreieckigen Bude der Abendtisch, den die gutherzige Frau Henkel mit Tee und Butterbrot auf Kreide deckte, immer wie seufzende Armut vor. Die brave Frau trug auch das Ihrige dazu bei, um diese schwermütige Armeleutstimmung noch grauer zu machen. Wenn sie die breit geschnittene Butterstulle und das viele heiße Wasser brachte, drehte sie immer gleich das Gesicht auf die Seite, damit ich die rinnenden Bächlein ihrer Rührung und ihres Erbarmens nicht sehen sollte.

Ihren Butterflößen, wie den Brotkörben und Kostproben der Weißbierkneipe zum Trotz, wurde ich bis zum 23. Dezember sehr mager, wurde leichter um ein Dutzend Pfunde. Wie wäre mir’s erst ergangen ohne meine freundlichen Nothelfer? Ich hätte mit dem Suppenkaspar im Struwwelpeter konkurrieren können.

In zitterseliger Stimmung sah ich den 24. Dezember anbrechen. Er verging. Die große, große, große Schachtel blieb aus. Und es kam ein einsamer, dunkler, trauriger Weihnachtsabend, einer, der begossen wurde mit den Tränen eines dreiundzwanzigjährigen Heldenjünglings. Ich schämte mich vor mir selbst, aber ich musste heulen und konnte mich nur mit dem Gedanken trösten, dass auch die großen Heroen bei Homer nicht ohne Tränen sind. Und die gute Frau Henkel heulte mit, ganz Herz zerbrechend. Dieser nassen Tragödie der Gottverlassenheit folgte ein Satyrspiel. Ich geriet mit meiner braven Hausfrau in einen schreienden Zank, weil ise sagte: „Nee, wat müssen Sie aber ooch vor ’ne unjemietliche Olle haben!“ Über meine Mutter ließ ich so was nicht sagen. Und die voreilige und unzutreffende Meinung der Frau Henkel konnte ich bald durch überzeugende Beweise widerlegen. Denn die Schachtel – viel größer noch, als ich sie mir erträumt hatte, traf am 27. Dezember ein, war rechtzeitig in München aufgegeben worden und hatte sich nur bei dem Weihnachtsrummel auf der Post verspätet. Ich führte um die Schachtel herum einen Indianertanz meiner Freude auf, und die dicke lachende Frau Henkel schlug vor Staunen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie diese Lawine von Backwerk sah, diese Kaskade von Knackwürsten und geselchten Ripperln, diesen Stoß von Wäsche, den neuen Anzug und ganz zu unterst in der Schachtel das siebenmal petschierte Kuvert mit dem Januarwechsel und einer Hundertmarknote als Weihnachtsgeschenk.

„Nee, so wat, na aber so wat! Nee, wat haben aber ooch Sie vor’n herzensjutes Muttchen!“

So – berliggio berloggo – ändern sich die Anschauungen der Menschen.

Noch am gleichen Tag holte ich die ‚Theaterkostüme des langen Oskar’ und meine silberne Uhr aus ihrem Pumpverlies und vergönnte mir einen kreuzvergnügten Abend.

Mit dem Datum des 28. Dezember steht nach einer dreiwöchigen liedleeren Pause wieder ein Liebesgesang in meinem Tagebuch:

Ein Blick in dein Auge, ein einziger Blick
In dein fröhliches, lachendes Auge,
Und selig entschieden war mein Geschick, usw.

Jubelnde Daktylen! Aber wer war die Dame? Alles Erinnern schweigt. Das war wohl keine sonderlich glühende Sache, und sicher keine unglückliche, denn nach diesem Lied zeigt mein Tagebuch wieder eine vierwöchige Lücke ohne zärtlichen Herzensschrei.

Die Wogen des Berliner Lebens nahmen mich Reichgewordenen auf und begannen mich zu schaukeln. Ein leidenschaftliches Theatergerenne und ein als Wichtigkeit empfundenes Literaturgepritschel nahm seinen Anfang. Die Geschehnisse kamen jagend heran, eines ums andere, bunt, verwunderlich, sonnenhelle, schattendunkel, fröhlich, tragisch und grotesk. Euch werden sie lächeln und lachen machen – ich empfand sie als großes Erleben.

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