Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 1

Um die Zeit, in der mein junges Leben ‚frei’ wurde und mit Herz und Blut jeder dämpfenden Verpflichtung entrann – um diese Zeit bekam ich ein Wort zu hören, das eindrucksvoll auf mich wirkte, obwohl es heiter und absichtslos gesprochen war.

Im Sommer, bei einem Ausflug an den Tegernsee, al sich die Blauberge besteigen wollte, hörte ich von der Rottachmühle herüber die Stutzen knallen. Das war hallende Musik, die mich anzog. In dem grünen Buchental zwischen Wallberg und Bodenschneid fand ich das Tegernseer Forstpersonal bei einem lustigen Scheibenschießen versammelt. Ich vergaß die Blauberge, vertrödelte den ganzen Tag, schwatzte an den Ladetischen mit den Jagdgehilfen, guckte zu den Scheiben hinaus – und wenn der weiß und rot gefleckte Zieler da draußen den Spitzhut in die Luft warf, einen Juhschrei tat und Purzelbäume schlug, dass war immer eine Freude in mir, als hätt’ ich selber einen Punkt geschossen.

Unter den Schützen war einer, dem mein besonderes Interesse gehörte, sooft er den Stand betrat und die schwere Feuerbüchse hob. Ein feines, altes Männchen. Schon weißköpfig, mit mehlgrauem Backenbart und Schnauzer. Der grüne Jägerhut mit der Spielhahnfeder war schief übers rechte Ohr gezogen, dass die Sonne beim Zielen dieses klare, schöne, jung gebliebene und heiter blitzende Auge nicht blenden sollte. Das schlanke, alterszarte Mannsfigürchen stak in weiten grauen Hosen mit grünen Streifen und in einer Miesbacher Joppe, deren Rückenteil durch die Quetschfalte hochgezogen war und vom Körper weg einen straffen Winkel machte. In dem durchgeistigten Gesicht dieses heiteren Greises war ein Mund, den man immer ansehen musste. Man dachte dabei an Sokrates. Wenn er in seiner fröhlich ruhigen Weise sprach, wurden die anderen still und horchten. Und wenn der Greis vor die Schreibe trat, war immer ein Gedränge von neugierigen und erwartungsvollen Schützen um den Stand herum. Der Alte schoss nicht schlecht, obwohl seine Hände schon ein bisschen müd und zittrig waren. Häufig musste er vor dem Schuss den schweren Stutzen absetzen und noch mal Atem schöpfen.

Nun trat er wieder in den Stand. Der Schuss krachte. Während der greise Schütz das rauchende Feuerrohr langsam sinken ließ, sagte er schmunzelnd: „Der, moan i, kunnt stecken!“

Draußen wirbelte ein Spitzhut in die Luft, ein Juhschrei klang und die zum Himmel gerichteten Beine des Zielers zappelten vor der Scheibe. „Gelt? In aller Mitten steckt ’r!“ Ein fideles Geschrei um den Stand herum. Und als der Alte mit den heiter blitzenden Augen sich umdrehte, rief der Forstmeister: „No also! Es geht ja no allweil sauber hin!“

„Warum soll’s denn net?“

„Weil’s halt diemal schon a bissl wackelt.“

„Macht nix!“ Und lachend das Hütl rückend, sprach der Weißkopf dieses Wort, das mir unvergesslich geblieben: „Wackelt’s aussi, wackelt’s einie aa!“

Auch noch andere merkten sich diese tröstende Weisheit; sie wurde für alle Schützen und Jäger meiner heimatlichen Berge ein ewiges Sprichwort.

Wer dieses Sprichwort münzte? Wer dieser lebenskluge Alte mit den schönen, frohen Augen war?

Der Dichter Franz von Kobell.

Den ich liebte, noch eh’ ich ihn kannte! Und an den ich hundertmal im Leben denken musste, jedes Mal, sooft ich mich nach einer kleinen Wankelmütigkeit der Frau Fortuna mit seinem feinen Wort tröstete: „Wackelt’s aussi, wackelt’s eini aa!“

Den echten Goldgehalt dieses weisen Humoristenwortes lernte ich freilich erst in späteren Zeiten ganz erkennen. Für den Anfang – in jenen tollen Jahren meiner Freiheit, in denen ich mir alle paar Tage was zu verzeihen hatte – wurde dieses lachende Wort ein bequemer Trost für jeden schief gegangenen Streich meines Leichtsinns.

Und da steigt aus der Vergangenheit noch ein anderer Kopf herauf, einer, dem ich auch am Ufer des Tegernsees zum ersten Mal in die blauen Augen schaute – nicht weit von der Stelle, wo heute sein Denkmal steht. Damals war er ein Fünfunddreißigjähriger, im jungen Glanz seines frohen Ruhmes, in aller Kraft und Pracht und Frische seines Lebens. Einer mit der Sonne auf der Stirn! Ein heiter Sprühender! Dem kein Totenvogel das hätte prophezeien mögen: Dass dieser lachende und dennoch quellentiefe Sänger schon ein halbes Dutzend Jährchen später ein Verstummter und ein ewig Schalfender sein würde. Karl Stieler!

Die Pächter unseres modernsten Geschmackes nennen es alte Mode und Verbrechen: Etwas als deutsch zu bezeichnen, was uns heimatlich gefällt. Aber der war deutsch! Man kann es nicht anders sagen. Beim Anblick dieses festen und energischen Mannskopfes mit dem weichen Träumermunde, mit dem strahlenden Augenblau und der linden Goldwelle des Bartes, musste man immer gleich an Wagenburgen denken, an rauschende Sängerharfen, an Eberspeere und an klirrende Brünnen.

Er hatte mich zu einer Flasche Wein geladen. Auch das war deutsch an ihm: Dass er immer gleich ein bisschen bechern musste, wenn er mit einem zweiten beisammen saß. Und als er gegen mich jungen fremden Menschen so nett und herzlich wurde – mit einem seligen Schimmer in den Augen, denn er vertrug nicht viel und hatte immer gleich ein liebenswürdiges Schwipschen weg – da fasste ich mir ein Herz und sprach ihm ein paar von meinen Gedichten vor. Er klopfte freundlich meine Hand und sagte mit einem Ton, der nicht wehtun konnte: „Burscherl, Burscherl! Dös is no nix! Drin is scho a bisserl was. Aber viel besser muaß alles no aussikummen!“ Er begann mir auseinanderzusetzen, was er unter künstlerischer Form verstand, unter ‚sauberen Ausbohren’, unter ‚Antreiben’ und ‚Fertigschmieden’. Er sagte: „Plagen muss man sich mit jedem Wörtl! Aber wenn’s dasteht, muss es ausschauen, als wär’s aus dem Ärmel geschüttelt. Ja, mein liebs Burscherl! Form! Form! Dös hat seine Hackerln! Aber der Leser muss allweil glauben, als wär die Geschicht so leicht, dass er’s grad so machen kann! Nur nix übertreiben! Reden und wirken muss das Einwendige. D’ Form muss allweil untertreiben. Jeds Wörtl muss Natur sein, wie ’s Blattl am Baum. Aber was dahintersteckt! Was für Säft da steigen und schanzen müssen, bis jedes Blattl sauber und richtig an seinem Platzl steht.“ Er schilderte mir, wie er selber in die ‚Formschul’ ginge, ein gutes Gedicht oder ein Stück Meisterprosa hernähme, um stundenlang an jedem Vers und an jedem Satz zu studieren, immer mit der Frage: „Warum hat es der da so gemacht und nicht anders?“ Für solche Schule empfahl er mir Goethe, Goethe und Goethe, dann Platen und Paul Heyse, von dem er sagte: „Unter allen Lebenden kann’s der am beten!“ Dann musst’ ich ihm wieder ein paar von meinen Gedichten hersagen, dramatische Fragmente, Prosasätze – und da nahm er jeden Satz und jeden Vers zwischen die Zangen seiner Kritik, zeigte mir jedes Loch im Ausdruck und stieß mit freundlichem Wohlwollen meine Nase auf jedes aufgeblasene Wort, auf jede sprachliche Dummheit. Während dieser vier Stunden, in denen wir drei Flaschen Rüdesheimer tranken, hab’ ich mehr von deutschem Stil profitiert, als in allen Jahren meiner Schulzeit.

Warum kann man so was Ähnliches nicht auf der Universität haben – wenn auch ohne Rüdesheimer? Man sollte nicht nur für angehende Journalisten und Schriftsteller, auch für alle künftigen Beamten, Juristen und Gelehrten auf jeder größeren Hochschule neben einem Seminar für stilistische Übungen eine Lehrkanzel für deutschen Stil errichten. Auf diese Kanzel müsste nicht eine akademische Lehrkraft, sondern ein hervorragender Stilist aus schriftstellerischen Kreisen berufen werden, um die reichen Erfahrungen seiner eigenen sprachlichen Entwicklung für die Stilschulung seiner Hörer nutzbar zu machen. Dann würden nach ein paar Jahrzehnten die satirischen Rubriken für sprachliche Ungeheuerlichkeiten des Juristen- und Beamtenstiles aus den Witzblättern verschwinden. Und ein Journalist und Schriftsteller müsste nicht erst ein Dreißig- und Vierzigjähriger werden, bis er mit Eifer und Plage die fürchterlichsten Schulhörner seiner Sprache abzustoßen vermag und anfängt, einen appetitlichen Stil zu schreiben.

In den Wochen nach meinem Schultag bei Karl Stieler las ich wie rasend nur immer Goethe, Goethe und Goethe, dazwischen die Lyrik Platens, die von klarer Schönheit funkelnden Terzinen Paul Heyses – und mit allen Fühlern meiner geweckten Formsehnsucht tastete ich an dem Marmor seiner Novellensprache herum. Dann kam ich zu Adalbert Stifter, der mich ganz trunken machte, und zu Berthold Auerbach, der mich entzückte und durch viele, viele Nächte festhielt, obwohl die Freude, die ich an ihm hatte, immer gemischt war mit einer leisen ethnologischen Verwunderung. Die Schwaben des Schwarzwaldes mussten doch wesentlich andere Menschen sein als die Schwaben im schwäbischen Holzwinkel, den ich kannte! Freilich, auch in Welden und Hegnenbach, in Zusamzell, Villenbach und Kruichen hatte ich manchen Bursch und Bauer kennen gelernt, der gescheiter als andere Menschen war, das Gras wachsen hörte und zuweilen ein ‚Wörtle’ zu sagen wusste, das an die sieben Weisen erinnerte. Aber so viel abgeklärte Spinozisten, wie sie im Schwarzwald leben müssen, gab es im schwäbischen Holzwinkel nicht. Diese rein statistische Erwägung tat aber der künstlerischen Wirkung, die Auerbach auf mich übte, keinen Eintrag. Ich leibte seine Bücher, und mancher Ton, den er anschlug, rührte in mir an schlummernde Saiten.

Mit den Büchern wechselte wieder das Leben. Die Begegnung mit einem Dichter, den nur wenige kannten, und von dem ich selber noch gar nichts wusste, erschütterte mich tief. Und da taucht neben Kobells und Stielers gesunden Köpfen ein von Gram und Leiden zerrissenes Gesicht mit flackernden Wahnsinnsaugen aus der Vergangenheit herauf.

Marco Brociner, mein rumänischer Freund, erzählte mir wunderliche Dinge von einem verbummelten Poeten, einem Schweizer, der so hieß wie einer der Wächter unter dem Hute des Landvogts – Heinrich Leuthold. Ein Kranker, ein halb schon Irrsinniger! Dessen letzte lachende Lebensfreude darin bestand, mit der ‚Stadtequipage’ halbe Tage lang spazierenzufahren! Diese Equipage – das war die für München neue Tramway, von der man als erste Strecke die Linie Schwabing-Theresienhöhe eingerichtet hatte. In solch einen himmelblau lackierten Wagen stieg Heinrich Leuthold täglich ein, ohne die Fahrt zu bezahlen, und fuhr mit dem Vergnügen eines seligen Kindes ein Dutzend Mal die ganze lange Strecke hin und her, bis der Zufall einen Bekannten brachte, der den auf Pump reisenden Fahrgast auslöste, oder bis ihn der ungeduldig gewordene Kondukteur an die Luft setzte.

Eines Mittags fand ihn Brociner in der Goethestraße, betrunken, ohne Hut, in schmutzigen Kleidern, mitten in einem Schwarme Schrei vergnügter Kinder, die der Angezechte mit einem Regenschirm kommandierte wie ein Tambourmajor seine Trommler.

Und Abend für Abend hockte Leuthold im ‚Polnischen Hof’ an der Ecke der Heustraße, ließ sich freihalten von Nachbar Schuster und Schneider – die ‚was Schönes’ hören wollten – und bezahlte Nierenbraten und Emmentaler Käse mit dem Vortrag seiner Gedichte. Das sah ich mir einmal an. In der Wirtsstube saß eng gedrängt eine kleine Schar von Gästen um einen Stammtisch, den eine Hängelampe beleuchtete, verschleiert von den Wolken des Pfeifenqualmes – Droschkenkutscher, Dienstmänner mit den roten Kappen, behäbige Bürgersleute. Lustige Stimmen schwatzten durcheinander. Über die Körper der lärmenden Gesellschaft streckte sich plötzlich ein langer Arm herauf, den der zurückfallende Ärmel bis zum Ellbogen entblößte, als trüge der Mann, dem dieser Arm gehörte, ein Hemd, das keine Ärmel hatte. Eine rollende, kauende Stimme: „Rrruhe, ühr meune Chünder!“ Nun erhob sich ein hagerer Mensch mit einem hart und eckig geformten Gesicht, das verwüstet war von Leiden und Leidenschaft. Eine starke, seltsam verzerrte Nase. Um den breiten Mund, dessen Oberlippe einen zernagten Schnurrbart trug, grinste etwas Tierisches, weil der starke Unterkiefer mit dem struppig abstehenden Knebelbart wie eine geballte Faust aus dem Gesichte hervortrat. Die Augen waren zwei irrende Flammen. Eine hohe, schön gewölbte Stirne verlor sich mit zwei scharfen Winkeln unter den kurz geschorenen Büscheln des ergrauten Haares.

Das war Heinrich Leuthold, einst ein Hoffnungsstolzer, ein ‚Krokodilbruder’ von Geibel, Heyse, Bodenstedt und Hopfen – einer, von dem man erst nach seinem Erlöschen im Irrenhaus erfahren sollte, dass auch er ein Begnadeter war.

Er machte mit dem Arm solch eine große Bewegung, wie die Klara Ziegler sie als Medea zu machen pflegte. Und mit seiner tiefen, rollenden Stimme begann er ein Gedicht zu rezitieren, eine prachtvolle Übersetzung der Longfellowschen Ballade vom Becher des Sachsenkönigs Wiklaf. Die Art seines Vortrages war nicht schön. Er sang in monotonen Rhythmen und betonte aufdringlich die Reime. Dabei wurde in seinem unverfälschten Schwyzerdütsch der ‚König’ zum ‚Chönüch’, das ‚heilig’ zum ‚heulüch’, und es gab ein ‚fäschtlüches’ Mahl und ‚luschtüche’ Mönche. Mit dem linken Arm auf den Tisch gestützt, streckte er den Hals nach vorne und hatte als einzige, den Vortrag begleitende Geste eine Kreisbewegung, die er mit dem rechten Daumen vor der Nase machte, als wollte er sich nach Bauernart bekreuzen. Fast war das ein grotesker Anblick. Man hätte lachen mögen. Aber Feuer schlug aus diesem Menschen heraus und zündete. Etwas Schmerzendes krampfte sich um mein Herz – halb war es Ehrfurcht, halb Schrecken und Erbarmen.

Ein paar Tage später führte mich Brociner zu ihm. Das Recht zum Eintritt in die Klause dieses Dichters musste ich mit einem Päckchen Zigaretten erwerben. Wer Zigaretten brachte, war für Heinrich Leuthold willkommen. Er wohnte bei einem in bescheidenen Verhältnissen lebenden Journalisten, der an diesem Verlorenen viel Gutes tat. Je weniger der Mensch besitzt, um so barmherziger ist er. Wenn die Reichen schenken würden, wie die Armen geben, dann wäre schon längst keine Not mehr auf Erden.

Wir traten in eine richtige Bummlerbude. Auf einem Sessel mit zerrissenem Rohrgeflechte lag ein Rock mit umgestülpten Ärmeln. Auf der Kommode stand das Waschgeschirr; Handtuch und Seife daneben; und eine Weste, ein Papierkragen mit umgeschlungener Krawatte neben einer Weinflasche, in der eine niedergebrannte Kerze stak. Leuthold lag auf dem verwüsteten Bett, mit den Händen unter dem Kopf, in zerknittertem Hemd und schwarzer Hose, die Füße nackt.

Er nahm die Zigaretten, die ich brachte, und brannte sich gleich eine an. Dann kümmerte er sich nimmer um mich. Auch für Brociner, der höflich und liebenswürdig auf ihn einredete, hatte er nur ein paar missmutig knurrende Worte. Dabei kratzte er fortwährend mit der großen Zehe an der Bettlade und passte in dicken Wolken den Zigarettenrauch vor sich hin.

Brociner blinzelte mir zu: Da ist nichts zu machen! Wir hatten eine schlechte Stunde getroffen – einen Vormittag, an welchem Heinrich Leuthold nüchtern war.

Als ich beklommen, mit zugeschnürter Kehle, aus diesem Zimmer ging, sah ich mir das rahmenlose Ölgemälde noch einmal an, das an der weißen Mauer hing: Der Kopf eines Dreißigjährigen, von Lenbach gemalt, mit blitzenden, geistvollen Augen, mit stolz geschwungenen Lippen, mit lebensfrohen und dennoch verträumten Zügen, mit einer hohen, gedankenreichen Stirn, um die sich das dichte, gelockte Haar gleich einem braunen Helm herum schloss.

Wie viel leuchtende Hoffnungen, wie viel brennende Träume waren unter dieser Stirne! Was blieb von ihnen? Was da knurrend und rauchpassend auf dem ekelhaften Bette lag und mit dem Zehennagel an der Lade kratzte?

Dann hab’ ich Heinrich Leuthold nicht mehr gesehen.

Noch am gleichen Abend las ich, was im ‚Münchener Dichterbuch’ und in den ‚Fünf Büchern französischer Lyrik’ von ihm erschienen war. Ich konnte in dieser Nacht nimmer schlafen. Alles brannte und zitterte in mir.

Ein Jahr später, als ich in Berlin war, erlag er in der Heilanstalt Burghölzli seinem Wahnsinn. Ein paar Wochen früher waren seine Gedichte erschienen, von Freunden gesammelt. Ein Buch nur! Dieses Buch wird bleiben.

Ich konnte die zwei Köpfe nicht vergessen: Diesen Kopf im zerwühlten Kissen und diesen prachtvollen Poetenkopf an der weißen Mauer.

Immer wühlten diese Fragen in meinem Gehirn: „Was ist Genie? Was ist Wahnsinn? Wer gibt das Helle? Wer verwandelt es in ein Dunkles? Wer erschafft den Wert? Und wer zerstört ihn wieder? Und warum?“

Ich kam zu abstrusen Hypothesen, in denen die Rätsel der Hypnose und Suggestion eine wunderliche Rolle spielten. Was damals unter meinem Haardach rumorte, das kann ich heute nicht mehr rekonstruieren. Ich machte es wie die spekulativen Philosophen, die alles aus der Innenwelt schöpfen und in der Außenwelt ihre Regenschirm nicht mehr finden. Wie ich ohne Kenntnis des Lebens die Welt verbessern wollte, so glaubte ich alle Mysterien der Psyche ergründen zu können, obwohl ich bislang nur die Gehirn von Rindskälbern und Rehböcken gesehen hatte.

Was Hypnose heißt, das spielte ein paar Jahre lang eine sehr bedrohliche Rolle in meinem Verstand. Und die Sache hatte so nett und lustig angefangen. Der dänische Hypnotiseur Hansen war nach München gekommen und gab Vorstellungen im Kolosseum. Die Münchener, denen die Erscheinung der Hypnose eine ziemlich neue Sache waren, regten sich schrecklich auf, und es bildeten sich zwei erbitterte Parteien: Ob das Wissenschaft oder Schwindel wäre. Natürlich rannte auch ich ins Kolosseum und guckte neugierig zu, wie Hansen seine Medien traktierte, die sich zahlreich aus dem Publikum anboten. Schwindel war die Sache natürlich nicht. Bei vielen Medien missrieten die Experimente, bei vielen gelangen sie. Es reizte mich, zu erfahren, ob Hansen auch bei mir was fertig brächte. Ich stieg mit vier oder fünf anderen, mir fremden Leuten auf das Podium, musste mich auf einen Sessel setzen, bekam von Hansen eine blinkende Kristallkugel in die Hand, mit der Weisung, sie fest anzugucken und an nichts anderes zu denken als an den Glanz der Kugel. Das tat ich auch. Aber ich wurde nicht schläfrig. Hansen strich und fuchtelte mit seinen Händen, fixierte mich bocksteif durch seine scharfen, funkelnden Brillengläser – ich wurde nicht schläfrig. Er arbeitete an mir herum, dass ihm der Schweiß übers Gesicht herunter lief. Ich wurde nicht schläfrig. Und schließlich dacht’ ich mir: „Warte, wenn’s dir nicht gelingt, vielleicht gelingt mir die Sache!“ Langsam ließ ich die Augen zufallen und hörte, wie Hansen triumphierend vor sich hinmurmelte: „OH, also doch!“ Er demonstrierte mich dem Publikum als stark widerstrebendes Medium, bei dem aber, da es nun durch Ausdauer doch bezwungen wäre, alle Experimente voraussichtlich ganz besonders gut gelingen würden. Er ließ mich gehen, stehen, hüpfen, mich drehen, ließ mich rohe Kartoffeln als reife Äpfel verspeisen, gab mir Wasser zu trinken mit der Suggestion, dass es Champagner wäre, und machte mich so ‚total betrunken’, dass mein Getorkel das Publikum zu wiehernden Lachslaven reizte. Er stach mir lange Nadeln durch die Hände und in die Schenkel und behauptete, dass ich nicht den geringsten Schmerz verspüre. In Wahrheit tat es aber ganz abscheulich weh. Dann machte er mich ‚steif’ und legte mich quer über zwei Stühle, so, dass auf dem einen Stuhl nur mein Hinterkopf, auf dem anderen nur meine Fersen lagen. Nun setzte sich der Triumphator auf meinen Bauch. Ein paar Sekunden hielt ich das aus. Dann sagte ich leise: „Herr Hansen, jetzt müssen Sie herunter, sonst knickt mir der Bauch ein, und ich lasse Sie fallen!“ Sehr flink sprang er auf – das Gesicht, das er machte, konnt’ ich leider nicht sehen, da ich noch immer die Augen geschlossen hielt. Er stellte mich schnell auf die Füße, blies mir ein paar Mal ins Gesicht und rüttelte mich am Arm. Ich spielte den Erwachenden. Herr Hansen hatte sehr große Augen und schien nicht recht zu wissen, was er denken sollte. Während das ahnungslose Publikum in stürmischen Beifall für den Hypnotiseur Hansen ausbrach, sagte ich: „Nicht wahr, Herr Professor, Sie nehmen mir den Spaß nicht übel? Ich wollte nur meine Muskeln und Nerven prüfen.“ Er schien ein bisschen verlegen, nahm aber die Sache, wie sie gemeint war, schüttelte den Kopf, lachte, fasste meine Hand, führte mich vor die Rampe und sagte in seinem fremdländischen Akzent zum Publikum: „Das ist ein sehr gesunter, lustiker junger Mahn!“

Nach Hansens Abreise blieb in München eine hypnotische Epidemie zurück. In allen Familienzirkeln und Wirtsstuben wurde hypnotisiert und suggeriert. Mir gelang es sehr häufig, junge Mädchen in hypnotischen Schlaf zu versetzen. Ich brauchte nur ein bisschen zu streichen und ihnen fest in die Augen zu schauen, dann wurden sie blass oder rot, seufzten tief und machten die Lider zu. Es bildete sich in mir die fixe Idee aus, dass mein Wille stärker wäre als der Wille anderer Menschen. Und das Gespenst der Hypnose rumorte sehr bedrohlich in meiner Phantasie. Doch als von meinen Meiden eines so fest einschlief, dass ich es erst nach Anwendung von sehr viel kaltem Wasser wieder erwecken konnte, und als das Erwachen in einen nervösen, kaum zu stillenden Weinkrampf des Mediums überging, bekam ich vor dieser geheimnisvollen Wissenschaft einen heilsamen Schreck und machte für die Zukunft von der ‚mir innewohnenden Willenssuperiorität’ nur noch sehr vorsichtigen Gebrauch. Solche Fälle mit bedenklichem Ausgang hatte es auch anderweitig gegeben, die Zeitungen warnten vor Missbrauch dieses Mysteriums der Natur, und man gewöhnte sich in München das Hypnotisieren wieder ab, wie man das fürchterliche Cri-Cri vergessen hatte, nachdem es für ein Vierteljahr zu einer Plage der Menschheit geworden.

Vom Kolosseum, das ich auch zu Varietézeiten gern besuchte, wäre auch sonst noch manches zu erzählen. Ich erlebte da den Siegeslauf des ‚kleinen Postillions’ und des Debardeurliedes „Ich bin so kitzlig, ich war noch niemals so kitzlig wie heutta!“ Kokettierende Dummheiten erobern die Welt am leichtesten.

Einen Winter lang war ich Stammgast am Artistentisch des Kolosseums, dichtete für die Chansonettensängerinnen aktuelle Strophen und fühlte mich nach Pariser Muster als Bohemien mit einer Vorahnung des Überbrettels. Wunderliche Existenzen und merkwürdige Menschen hab’ ich da kennen gelernt. Alle waren sie von kindlicher, fast kindischer Heiterkeit – in einer Zeit, in der jeder Gaukler Abend für Abend mit seinem Leben spielte, weil es damals noch keine schützenden Netze und keine das Gruseln des Publikums dämpfenden Polizeivorschriften gab: Die Luftgymnastiker machten ihre Flüge und Purzelbäume über den unbehüteten Köpfen der Zuschauer. Ein hübsches kleines Weibchen, die Frau des Signor Antonio, hätte damals im Kolosseum eines Abends beinahe den Hals gebrochen. Nur mit zwei Fingern konnte ihr Mann, der in den Kniekehlen am schwingenden Trapez hing, sie nach einem dreifachen Saltomortale noch bei den Zehen erwischen. Das kleine Weibchen stieß einen gellenden Schrei aus, allen Zuschauern stockte der Herzschlag, aber Signor Antonio griff rechtzeitig mit der anderen Hand noch zu, erhaschte das Füßchen seiner Frau und sagte mit der Ruhe eines geborenen Berliners: „Soltanto freddo! (Nur kalt!)“ Rasender Beifall. Und dann war das niedliche Weibchen am Artistentisch von überschäumender Fidelität und trank sich vom Sekte, den mein mit Moneten gesegneter Freund berappte, ein nettes lustiges Äffchen an.

Bei aller Heiterkeit meines freien Lebens, das die Ellenbogen immer breiter auf den Tisch der Freude legte, wurde ich doch nie ein Zeitverschwender, sondern blieb ein fleißiger Mensch. Aber das war kein Verdienst, nur ein Zwang meiner Natur, dem ich gehorchen musste. Hatte ich einen sonnenschönen Tag mit einer halben Nacht um die Ohren geschlagen, und kam ich heim in meine Bude, so zündete ich stets die Lampe an, blieb noch ein paar Stunden am Schreibtisch sitzen, arbeitete oder las was Tüchtiges. Damals gewöhnte sich mein Körper das an: Wenig Schlaf zu brauchen. Fünf Stunden Schlummer im Durchschnitt genügten mir. Doch während dieser fünf Stunden war ich immer wie ein Bleiklotz, den kein Kanonenschuss lebendig machen konnte.

In solch einer Nacht bekam ich früh um zwei Uhr, als ich noch am Schreibtisch saß, einen seltsamen Besuch. Es erschien bei mir ein Hoflakai, um für den König ein französisches Memoirenwerk aus der Zeit Ludwigs XIV. zu holen, das ich von der Staatsbibliothek entliehen hatte. Wenn ich mich recht erinnere, waren es die Briefe der Lavallière – oder was Ähnliches.

Die Studie über Rabelais und Fischart wurde, wenn auch kein gutes, so doch ein dickes Manuskript; meine Rolla-Übersetzung ging dem Ende zu; die Begegnung mit Leuthold, andere persönliche Erlebnisse und mein versunkenes Liebesglück begannen sich zu einem Romanstoff zu verdichten, in dem ich dem geprüften Liebespaar schließlich alles Glück vergönnte; viele Gedichte entstanden; und zu lyrischer Übung übersetzte ich manches von Musset, Béranger, Richepin, Sterchetti – natürlich auch Shakespearesche Sonette – denn die hat doch jeder einmal übersetzen müssen. Daneben pritschelte ich viel in Kunst, bildete mir ein, von Malerei was zu verstehen, und ärgerte mich grün und blau, wenn die Münchener Kunstvereinsbrüder die Bilder von Hans Thoma, die mir ein träumendes Entzücken gaben, gründlich missverstanden und als komische Taferln erklärten. Damals war ja auch Arnold Böcklin für die große Menge noch ein Unentdeckter, und sogar Auguren schüttelten den Kopf zu der Leidenschaft des Grafen Schack für diesen sonderbaren Schwärmer, der, wie man zu sagen pflegte, „seine poetischen Naturstimmungen immer durch die unmögliche Staffage verpatzte“.

Auch der Theaterteufel hatte mich fest bei den Haaren. Für Kompromisse war ich da nicht zu haben. Was mir gefiel, machte mich schreien vor Begeisterung, was mich abstieß, machte mich toben vor Wut. Und jede Vorstellung fand noch ein Nachspiel in den erbitterten Wortgefechten am Stammtisch des Café Metropole, bei denen jedes Thema immer wieder zu meinem ‚Programm einer unabhängigen Nationalbühne’ führte. Kam ich heim in meine Bude, so klebte ich den aus einer Zeitung ausgeschnittenen Theaterzettel in mein Tagebuch und schwelgte mich in verzückten oder vernichtenden Kritiken aus. Die letzteren wimmelten von schweren Injurien. Ein Glück, dass sie nicht gedruckt wurden! Sonst hätten die Tage meiner Freiheit brummende Zahnlücken bekommen.

Das Münchener Residenztheater hatte damals ein vorzügliches Ensemble. Besonders Shakespeare und Lessing wurden so glänzend gespielt, dass ich manche Vorstellung, die mir unauslöschlich in Erinnerung blieb, als ebenbürtig neben das Beste stellen konnte, was ich späterhin im Wiener Burgtheater sah. Meine besonderen Lieblinge waren Rüthling, Herz, Jenke, Possart, Häusser, die Dahn-Hausmann, die Ramlo und Marie Meyer. Auch im Gärtnertheater sah man Gutes. Neben dem alten Lang, der mit sieghaftem Humor zwischen den Werken Raimunds und Nestroys die verstaubten Staberliaden lebendig erhielt, hatte sich für das heimatliche Volksstück eine glückliche Truppe zusammengefunden: Die Hartl-Mitius, Hans Neuert, Albert, Brummer. Und neben ihnen standen ein paar Kleine, die, auf den richtigen Fleck gestellt, eine Art von Größe bekamen. Wie diese Leute das Leben des bayerischen Gebirgsdorfes nachspielten, das war so etwas wie Morgenröte der naturalistischen Theaterkunst. In der Heimat verstand und würdigte man das nicht recht. Erst der rauschende Erfolg eines Gastspiels dieser Truppe in Berlin musste den Münchnern zeigen, was sie da besaßen. Mich machten diese Künstler in der Joppe weinen und lachen. Aber mir dämmerte noch mit keiner blassen Ahnung auf, was diese Leute zwanzig Monate später für mich bedeuten sollten. Mich zog es zu hohen Rossen hin – und unter dem Theaterzettel der ‚Zwiderwurzen’ steht in meinem Tagebuch von 1878 die Idee zu einem Trauerspiel ‚Alcibiades’ skizziert.

Alcibiades? Nicht als Politiker sah ich ihn, sondern als Gegensatz des Philistertums, als Helden des Lebens, als den Herren des prachtvollen Hundes mit dem gestutzten Schweife, als den Liebling des Sokrates, als den lachenden Priester dessen, was ‚heilige Natur’ ist, und als Anwalt der gesunden Freude, den ich vor den Richtern des Areopags die Schönheit der Phryne enthüllen ließ. Nach homerischem Muster sollten die Olympischen da mitspielen und in Eiferssucht und strafenden Zorn geraten, weil der Athener mit dem schönsten aller erdgeborenen Weiber ein Ähnliches beginnen, wie es die Franzosen trieben mit der Göttin der Vernunft.

Der Entwurf blieb im ersten Atemzug stecken. Irgendetwas an ihm missfiel mir. Es war in dieser Sache ein Widerspruch zu mir selbst, etwas mir Fremdes, das ich ankühlend empfand, ohne darüber ins Klare zu kommen. Aber ich begann für diese totgeborene Idee sehr eifrige ‚Studien’ im Leben zu machen. Mit diesem bequemen Terminus der Malerwerkstätte rechtfertigte ich in meiner Lebensführung mancherlei Dinge, die meinen Vater missmutig und meine Mutter traurig machten.

Ach, diese Silbe: Weib! Vier Buchstaben nur! Und dennoch das größte und unerschöpflichste aller lebenden Worte!

Zuweilen war plötzlich wieder der alte Widerwille da, ein schmerzendes Besinnen, eine quälende Sehnsucht nach Verlorenem. In solchen Stimmungen dichtete ich schwüle Warnungslieder an mich selbst –

„Durch meine Träume johlt und tollt
Der alte Höllenjubel,
Als ob er neu mich reißen wollt’
In seinen Freudentrubel.
Da klingt und singt es, girrt und lacht,
Da steigt’s empor aus Grüften,
Im Mondschein flimmert’s durch die Nacht
Von Brüsten und von Hüften.

Da wallt und wirbelt, wogt und winkt
Das Heer der weißen Arme –
Doch wenn im Ost der Tag erblinkt,
Verfall’ ich neu dem Harme.
Da schleicht aufs neue mir ins Herz
Ein Schaudern und ein Ekel,
Und mahnend tönt durch meinen Schmerz
Das alte Mene tekel!“

Doch auf die Dauer wollte ‚Eckart, der Altgetreue’ das unbotmäßige ‚junge Blut’ nimmer ‚hüten’. Diese Gouvernantenverpflichtung wurde ihm vermutlich zu langweilig. Und so fand das Verlangen nach ‚Betäubung’, der Durst nach Freude, die Sehnsucht nach Genuss alle heimlichen Weg frei. Es kam mir da zustatten, dass ich – wörtlich und bildlich gemeint – meine Haare seit geraumer Zeit nicht mehr hatte schneiden lassen. Ja, ganz im Ernst, mein Glück mit zärtlichen Abenteuern hing immer mehr als zur Hälfte an meinem Haar. Die Natur wird wissen warum. Ich weiß es nicht. Manchmal ärgerte mich das, und es erschien mir als Beweis für die Unzulänglichkeit meines persönlichen Wertes, dass ich, wenn ich mit Rücksicht auf die Sommerhitze kurz geschoren war, immer gewaltsame geistige Anstrengungen machen musste, um weibliche Herzen zu erobern.

Da kommt mir ein wunderlicher Gedanke, eine Erinnerung aus Zeiten, in denen ich viel und aufmerksam die Bibel las. In diesem Buch steht Natürliches und Unmögliches, leuchtend Schönes und schwarz Entsetzliches, schwursichere Wahrheit und töricht Erfundenes. Die Novelle von der holden Ruth und jene von der klugen Esther hab’ ich immer für wirkliches Leben gehalten. Doch als völlig unwahrscheinlich und lebenswidrig erschien es mir stets, dass Delila den Simson verriet. Ich glaube nicht an dieses verlogene Märchen, das Leben zeigte mir nie ein Gegenstück zu solcher Fabel. Die Tatsache, dass Simson ein Jude und Delila eine Philisterin war, ist keine ausreichende Erklärung für jenes naturwidrige Verbrechen eines Weibes. Lasst euch von den deutschen Soldaten aus 1870 und 71 erzählen, wie verlässlich und hilfsbereit die kleinen ‚Feindinnen’ in Frankreich waren! Die napoleonischen Garden erzählten ein gleiches vom Weib aller besiegten Länder. Ob ein Weib zum Flattersinn oder zur Beständigkeit neigt – es weiß in Gehorsam und Treue doch immer eine Eigenschaft des Mannes zu werten: die Kraft. Vor Jahrmillionen hat die weise, um die Dauer ihres Lebens besorgte Natur diesen Spürsinn für den Wert der Kraft in das Wesen des Weibes mit Feuer eingeschmolzen.

Weib! Du wunderliche, von Rätseln quellende Silbe! Toren und Egoisten schelten und schmähen dich! Viele verkünden die Lüge, dass sie dich hassen. Ihr Hass ist nur maskierter Hunger, ist nur ein Klang aus dem alten Lied vom Fuchs und den sauren Trauben. Alle, die das Weib verdammen, sind unehrlich. Sie waren schlechte Spieler und wurden ärgerlich, weil sie nicht gewannen. Oder sie waren Kranke, die ein gesundes Weib nur pflegen mag.

Weib! Du lieblichste, du sonnenklarste aller Silben! Deine Rätsel sind nur schwimmende Schleier. Nichts an dir ist dunkel und unverständlich. Alles an dir ist helle Güte, frohe Natur und lachendes Schenken. Nicht nur der heilige Brunnen bist du, aus dem ohne Unterlass das neue Leben quillt. Du bist auch dem Leben geschenkt als eine erquickende Sonne, als eine Blume, die zu allen Jahreszeiten blüht und duftet, als Speise, die immer mundet, als ein süßer Trank für alle dürstenden Stunden, als eine farbige funkelnde Welle – nun kommt sie, leuchtet und lacht, stillt die Sehnsucht eines Verschmachtenden – und ist wieder fort geschwommen. Wo schwand sie hin? Warum diese Frage? Schon ist die andere da. Und immer wieder, wieder und wieder eine neue Welle. Jede ist anders, und dennoch gleichen sie sich alle, in ihren besten Werten, in ihren schönsten Farben. Und singend schwimmen sie dahin im großen Strome des Lebens, der nach Millionen die Schiffe der ewigen Freude trägt.

Nur ein einziges Mal in jener trinkenden, wellenfrohen Zeit meiner Jugend geschah es, dass mich vor der Silbe Weib ein fürchterliches Grauen schüttelte.

Ich wanderte spät in einer sternschönen, lauen Sommernacht von einer lustigen Kneipe nach Hause. In einer langen, menschenleeren Gasse hörte ich außer meinem eigenen Schritt noch einen andern klingen, der leicht und hurtig war. Da wird man als Dreiundzwanzigjähriger immer ein bisschen neugierig. Ich streckte die Beine und holte die späte Wandermännin ein. Sie war nett gekleidet, trug ein Strohhütchen und hatte einen dichten Schleier umgebunden. Ich kalkulierte: Ein Ladenmamsellchen, das bei Verwandten war oder einer Freundin Elefantendienste geleistet hatte und nun einsam nach Hause wanderte. Ruhig ging das Mädel vor mir her, guckte nicht rechts und nicht links, schien meinen Schritt nicht zu hören, sich um meine Nähe nicht zu kümmern. In solchem Fall pflegt Münchener Jugend immer zu fragen: „Na, Fräulein, wohin denn noch so spät?“ Die Einsame schwieg, drehte sogar das Gesicht auf die andere Seite. Ich ging gemütlich nebenher, schwatzte lustig und machte kleine Scherze, über die ein zwanzigjähriges Mädchen immer ein bisschen zu kichern pflegt. Und hat ein Mädel immer ein bisschen zu kichern pflegt. Und hat ein Mädel nur erst gelacht, so dauert es immer lange, bis die erste Antwort kommt. Und dann fragt man nach dem Namen, nach Laden und Konfektion, und ob vielleicht das Herzerl gerade Vakanz hätte? Gewöhnlich lautete dann die Antwort: „Geh, Sie möchten aber viel wissen! Überhaupts, lassen S’ mich in Ruh! Ich kann allein auch heimgehen!“ Die Antwort, die Gretchen dem Faust gegeben, ist nicht nur ein unsterbliches Wort, sie ist in ihrer zweiten Hälfte auch eins von den Worten, die nicht aussterben.

„Allein heimgehen? Aber zu zweit wär’s doch netter, nicht?“

Die Richtigkeit dieser Tatsache konnte die späte Wandermännin nicht bestreiten.

Weil sie stumm blieb, sagte ich: „Denken Sie nur, was einem jungen und vermutlich auch sehr hübschen Mädel in der Nacht alles passieren kann, wenn es allein nach Hause geht. Da kann irgendein grober betrunkener Kerl daherkommen und …“

„Ja!“, stimmte sie zu, ohne mich ausreden zu lassen. „So was ist mir einmal passiert. Da ist mir einer begegnet, wie ich heim bin von meiner Frau Tant, so ein unverschämter Kerl! Und wie ich gsagt hab: Sie Kerl, Sie unverschämter, lassen S’ mir mein Fried! … was sagen S’, da hat er zum schimpfen angfangt und hat mir eine runterghaut, der Flegel, dass ich acht Tag lang a gschwollens Gesicht umanandtragen hab müssen!“

Ich war natürlich sehr empört über ein derartiges Benehmen – einer jungen Dame gegenüber – und verhieß ihr für den Fall einer Gefahr meinen wirksamsten Schutz. Der Mann, der das Weib beschützt, ist eines freundlichen Zutrauens immer sicher. Die meiner Hut Anvertraute wurde kameradschaftlich und duldete, dass ich ihr zur Erhöhung des Schutzes den Arm um die Hüfte legte. Aber je zutraulicher sie sich anschmiegte, umso energischer wehrte sie sich, wenn ich ihr den dichten Schleier, den kein Späherblick durchdringen konnte, in die Höhe schieben wollte. Diese Zwiespältigkeit des zugeneigten Körperchens und des abgewandten Gesichtes verschärfte sich so sehr, dass mir die Sache ein bisschen verdächtig erschien. Entweder war das eine mit hübschem Figürchen und hässlichem Gesicht – oder eine von den Heimlichen, die gerne trinken möchten und doch die Augen nicht zu zeigen wagen. Und manchmal sagte sie bei neckischem Geplauder ein paar Worte, die mich stutzig machten – Worte, wie sie ein nettes Münchener Mädel nicht zu sagen pflegt. Ich kannte mich da nimmer aus, dachte mir schon: „Sei vernünftig, lass das Frauenzimmer laufen!“ Aber das Abenteuer unter dem Schleier lockte wieder, und das Blut wurde eigensinniger, als es der Verstand ihm hätte erlauben mögen.

Wir kamen zu einer dunklen Anlage. Links war die erleuchtete Straße, rechts lag der schwarze Schatten. Und das Mädel selber lenkte in dieses Dunkel hinein. Und obwohl es unter den Bäumen stockfinster war, erwischte sie gleich eine Bank, ließ sich nieder und sagte mit leisem Lachen: „Da gfallt’s mir, da kann man ein bisserl schwärmen!“ Das Manöver war verdächtig, aber dieses Wort klang wieder harmlos. Es war von den Späßen einer, wie sie auch jenen relativ braven Frauenzimmern geläufig sind, die ein Student noch immer mit Überzeugung als ‚anständig’ bezeichnet. Aber weil mir die Situation nicht behagte, fasste ich das unbesonnene Menschenkind bei der Hand: „Geh, sei gescheit und komm, ein nettes Mädel setzt sich doch nicht in der Nacht auf so eine Bank hin!“

Sie ließ sich von mir fortziehen und sagte ein bisschen zögernd: „No also, ja, aber versprechen musst mir, dass du daheim kein Licht net anzündst.“

Dieser eigentümliche Gedankensprung gab mir zuerst ein lustiges Lachen, dann ein nachdenkliches Schweigen. Irgend etwas stimmte da nicht. Und als wir in den hellen Schein der nächsten Laterne kamen, griff ich flink nach dem dichten Schleier der rätselhaften Dame. Sie wehrte sich wie eine Löwin. Aber der Schleier blieb mir in der Hand – und beim Laternen schien sah ich ein junges, kalkweißes Gesicht, dessen linke Wange von einer fürchterlichen Krankheit entsetzlich zugerichtet war. Das Grauen schüttelte mich, ich schleuderte von mir, was ich in der Hand hatte, und jagte wie ein Gepeitschter davon. Gar nicht erholen konnt’ ich mich von diesem Schreck. Ich kam beim ‚Grünen Baum’ zur Isar, riss an der Floßlände die Kleider vom Leib und sprang ins kalte Wasser. Immer tauchte ich, immer wieder, und schlug mit den Händen ins strömende Wasser hinein, um dieses Schauerliche von meinen Fingern wegzuwaschen. Als ich zitternd aus dem Strom gestiegen, zog ich nur an, was ich am Leib haben musste, um Heim laufen zu können. In meiner Bude machte ich aus allem, was ich am Körper getragen hatte, einen Pack, schnürte ihn mit Spagat zusammen, warf das Bündel zum Fenster hinaus auf die Straße – und wusch mich wieder, immer wieder – und konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen. Erst im Grau des Morgens schlief ich für ein paar Stunden ein. Als ich erwachte, sprang ich gleich zum Fenster und guckte hinaus. Die Straße hatte schon Leben, das Bündel war verschwunden. Vielleicht hatte ein Gendarm den sonderbaren Fund auf die Polizei getragen? Da mögen sie sich über dieses mysteriöse corpus delicti schön den Kopf zerbrochen haben!

Eine ganze Woche lang verließ mich dieses quälende Grauen nicht. Und ein warnender Merk dieser Nacht ist mir geblieben durchs ganze Leben. – Weib? – Auch dieser Silbe Weib muss ich dankbar sein. Sie wurde durch ihren nachwirkenden Schauder eine Wächterin meines gesunden Blutes und ließ mich, auch bei schreiendem Tausch der jungen Sinne, noch immer erkennen, wo die Zähne der Freude sind und wo die Grenzen des Genusses liegen müssen.

In späteren Jahren, als ich die dunklen Dinge des Lebens etwas ruhiger betrachten lernte und das Graue vom Schwarzen unterschied, kam mir die Vermutung, dass jene späte Wandermännin gar nicht gewesen ist, was man ein ‚vergiftetes Weib’ zu nennen pflegt – sondern dass sie nur ein großes Feuermal auf der linken Wange hatte und ein beklagenswertes Geschöpf war, das sich am Tag von der Freude ausgeschlossen sah und drum die Freude der Gelegenheit in der Finsternis suchte. Diese Erkenntnis änderte nichts mehr an der heilsamen Wirkung, die ich empfunden hatte.

Damals, als ich noch unter dem guten Stern dieses Schauders lebte, ging ich durch Wochen und Monate allem aus dem Wege, was Versuchung hieß. Und als der Sünder, der schlummerlos in jedem Manne lebt, wieder hungrig wurde, blieb ich penibel in der Wahl und handelte nach dem geistreichen Wort, das der versunkene ‚Napoleon aus östlichen Bezirken’ von jenen gesprochen hatte, denen er das Genie nicht zuerkannte: „Sie müssen Niveau bewahren!“

Diesem Niveau-Bewahren bei allem, was Abenteuer hieß, verdank’ ich es, dass jede Erinnerung an das einst Gewesene mir ein liebenswürdiges, lächendes Antlitz zeigt. Denk ich zurück an jene tollen Zeiten meiner ‚Freiheit’, so steigt kein Hässliches vor mir auf, kein Übles und Zweifelhaftes, das mich zur Reue zwingen müsste.

Stürme hat’s freilich immer gegeben. Keine Liebe beginnt ohne Aufruhr, keine Liebe endet ohne Blitz und Krach. Diese Stürme sind das Beste an ihr. Es müssen nur die richtigen Erschütterungen sein, jagende Gewitterstürme, die wieder blauen Himmel bringen. Bei manchem meiner Freunde konnt’ ich zum Ende jeder Liebe den chronischen Landregen beobachten, der alles Helle trüb machte, alle blühenden Gefilde eines akuten Glückes in schauerlichen Morast verwandelte.

Wie gerne seh’ ich sie herauftauchen aus der Vergangenheit, diese lieben, zärtlichen Köpfchen, die schwarzen, braunen und blonden!

Grüß dich Gott, Marie, du mein sanftes ‚Himmelchen’, du lieblichste von allen, du Gretchenschwester mit den blauen Augen und den Silberflechten! Du mit dem stillen Lächeln und dem selbstlosen Herzen! Wie viel liebe Flüsterworte sprachst du mir an die Wange! Und all diese leisen, kostbaren Worte sind erloschen in mir. Nicht, weil ich das schlechte Gedächtnis der Undankbaren habe, nur, weil ich solch ein schreckliches Exemplar der Schöpfung bin: Ein Mann! Von deinen Worten blieb mir nur eines lebendig – ein Wort, das du gar nicht zu mir gesprochen! Weißt du noch, wie meine dicke, kluge Hausfrau dich eines Abends um deiner lieben Torheit willen ins Gebet nahm, weil sie Mitleid mit dir hatte, die gute Seele! Weißt du noch, wie sie dir sagte, du solltest doch nicht so unvernünftig sein, solltest ein bisschen an dich selber denken, dein junges Leben nicht rettungslos an einen leichtsinnigen Menschen hängen, der dich nicht heiraten könnte und auch gar nicht diese Absicht hätte? Und da gabst du ihr mit deinem stillen Lächeln die Antwort: „Das macht nichts! Wenn er mich nur lieb hat!“ – Aber halt! Da taucht aus dreißigjähriger Tiefe noch ein anderes deiner lieben Worte herauf. Wir kannten uns sieben Tage. Ich wurde schon ungeduldig. Und da hast du energisch das blonde Köpfl geschüttelt. Wir sahen uns eine Woche nimmer. Und plötzlich, an einem Sonntagnachmittag, standest du in meiner Stube. Ich saß am Schreibtisch und machte gro0e Augen. „Marie? Was willst denn du?“ Deine sanften blauen Sterne wurden feucht, und schmerzlich, hilflos und dennoch zärtlich sahst du mich an: „Ich hab’ mir’s überlegt. Wenn’s halt nicht anders sein kann … in Gottes Namen!“ Ach, du gutes Mädel! Und weißt du noch, was ich dir eines frühen Morgens sagte: „Himmelchen, wenn ich einmal dem lieben Gott begegne, will ich einen rosenroten Heiligenschein für dich erbitten.“ Da hast du so laut gelacht, wie ich dich sonst noch niemals hatte lachen hören. Mein Versprechen hab’ ich nicht gehalten. Seit damals bin ich dem lieben Gott schon viele hundert Mal begegnet. Doch immer hatt’ ich bei seinem Anblick so viel zu staunen, dass es mir gar nicht einfiel, etwas erbitten zu wollen, weder für andere, noch für mich. Sei mir um dieser Vergesslichkeit willen nicht böse, du gutes Herz, und begnüge dich mit dem Heiligenschein des Erinnerns, in dem ich dich sehe! –

– Und du, Josephine? Umflossen von der schweren, tintenschwarzen Mähne! Wo kommst du denn so unerwartet her mit deinem schusseligen Gang, der immer etwas zu versäumen fürchtete? Warum drehst du schon wieder so hurtig das schmale Gesicht nach allen Seiten, mit dieser ‚dummen Angst’ in den schwarzen Kirschenaugen? Dein scheues Herz klopft ganz ohne Grund so närrisch. Wir beide sind allein, ganz ungestört. Und niemand sieht dich, als nur meine Freude! Aber weißt du, jetzt muss ich eine Gewissensfrage an dich stellen. Was hast du deiner braven Mutter auf dem Totenbett geschworen? „Das nie zu tun!“ Jetzt sag mir, Josephinerl, wie oft hast du diesen Schwur – – Ich kann nicht weiter sprechen, der schwarze Kobold hält mir mit der linken Hand den Mund zu und fährt mir mit der andern Hand ins Haar, erwischt einen festen Schüppel und zieht, dass ich schreien muss in lachendem Schmerz. Du Lustige! Wirst du gleich auslassen! Schnell! Und dreh dich um! Und guck! Da kommt deine klassische Namensschwester, die Josa mit den klingenden Worten, die sie alle vom Theater entlieh, zu dem sie gehen wollte. Und als sie von dir was hörte – oder von einer anderen? Ich weiß es nimmer! – Da sagte sie eines Abends mit dem Zornblick einer beleidigten Göttin: „Sie haben eine Adalgisa, ich will nicht Ihre Norma sein!“ Und kam doch in der Nacht, vergaß die tragischen Akzente, sprang in das Fach der Sentimental-Naiven, glaubte nur noch an sich selbst und war ein allerliebstes herziges Mädel! –

– Kleine ‚Mignon’! Du Feine, Zierliche! Du braune Tochter des Südens! Oder war deine Großmutter eine Zigeunerin? Eine Bajadere? Du mit der lüsternen Tugend und den harmlosen Satansaugen! Mach’ diese Augen zu! Wende sie weg von mir! Du weißt ich kann diese Augen nicht sehen, ohne toll zu werden! –

– Und du, in deiner Hoheit, du herb Verschlossene! Ich schwor: Dich hätte keine irdische Mutter geboren, Albrecht Dürer zeichnete deinen strengen Leib, Platon hauchte ihm die Seele ein, und Orpheus, der dich mit seinem jüngeren Bruder verwechselte, vererbte dir diese wundervolle Stimme, die wie purpurner Samt glänzte. Meine Gleichnisse waren ein bisschen anachronistisch; aber sie stimmten. Und wenn du so langsam sprachst, dann musste ich immer ungeduldig seufzen und musste gucken, ich weiß nicht wohin. Doch wenn du sangst, dann hörte ich alle schönen Glocken des Lebens klingen, musste das Gesicht in die Hände drücken und musste weinen. –

– Flink, Melanitscha, bringe den wirksamen Gegensatz! Lass dein goldenes Lachen schimmern! Du kapriziöse Freundin meines phlegmatischen Freundes, dessen Vater viele Weinberge sein eigen nannte! O du Gefährliche du! Graziöseste aller Heimtückerinnen, niedlichste aller Schlangen, die mit Seide zu rascheln lieben! Weißt du noch, wie du mich eines Abends batest, ich möchte die Rolle des Gretchens mit dir studieren? Wie eine ernste, heilige Sache hab’ ich das genommen. Und plötzlich tauschtest du die Rolle, um mir als glühende Eboli sehr spanisch zu kommen. Donnerwetter, da musste ich kühlen Kopf behalten, nachdem ich ihn für fünf Minuten verloren hatte! Aber wahr ist’s, Melanitscha: Mit dir hätt’ ich acht Tage lang sehr glücklich werden können – wenn deine junge Mutter, die ich immer für deine ältere Schwester hielt, nicht diese fürchterliche Gewohnheit gehabt hätte, stundenlang mein Haar um ihren Finger zu drehen! Das hat mich aus deiner ergötzlichen Nähe getrieben. –

– Und du, mein Dorle, deren tief erschrockene Seele sich in das gütigste Herz verwandelte! Auf welche wunderliche Weise wir uns kennen lernten, das hab’ ich dir erst erzählen müssen, als wir uns schon ein paar leibe Stunden kannten. Droben in den Bergen war’s, an einem idyllischen See, zu feiner Sommerzeit. Und Vollmond war in jener Nacht. Ich hatte einen lyrischen Anfall und bummelte nach Mitternacht in diesem milchigen Schein, während alle Häuser still waren und alle Menschen schliefen. Nur der See sang aus der Tiefe des Tales sein leises Rauschen herauf zu mir, und durch die Hollerstauden und Haselnussbüsche ging ein zirpendes Geflüster. Und da stand neben grasigem Fußweg ein schmuckes, niedliches Haus, ein Bauernhaus, das ein Städter umgemodelt hatte zu seinem Sommersitz. Ein ebenerdiges Fenster war offen. Der Mond schien unschuldsweiß in eine reizende Stube hinein. Und da drinnen stand ein nettes weißes Bett, und auf weißem Kissen ruhte mit gelöstem Haar ein schlummerndes Köpfchen auf rundem Arm. Nicht wahr, da gab’s doch keine zweite Möglichkeit? Jeder junge, lustige Mondscheinwandler hätte da ganz das gleiche getan, hätte die Nagelschuhe von den Füßen gestreift, wäre leise, ganz leise in die reizende Kammer hinein gestiegen, hätte lautlos das Fenster zugemacht und das Rouleau heruntergelassen, um den vorwitzigen Mond von seiner Neugier zu kurieren.

Schon dein Erwachen, Dorle, war eine Zärtlichkeit. Nur deine Rede war ein halbes Sträuben – diese merkwürdige Flüsterrede: „Aber, Herr Leutnant! Aber, Herr Leutnant!“ Dann verstummte dein Mund unter Küssen. Ich hätt’ es für überaus unzweckmäßig gehalten, dir zu sagen, dass ich nicht der Herr Leutnant wäre . Und als du friedlich schlummertest in meinen Armen, schien es mir auch völlig überflüssig, das vorsichtige Pochen zu beachten, das sich an der Fensterscheibe vernehmen ließ. Ach Gott, wie kommen doch zu hoher Sommerzeit die Tage so früh! Schon um die vierte Morgenstunde konnte das grüne Rouleau, das eine Schäferin mit dem Hirtenstab zwischen zwei wolligen Lämmchen zeigte, den zudringlichen Dämmerschein des erwachenden Morgens nimmer aus der Stube sperren. Was jetzt? Man hält ein schlummerndes Mädel an seiner Brust – wie soll man da Reißaus nehmen und verschwinden? Probieren muss man’s. Aber da schlugst du gleich die Augen auf und wolltest lachen. Dein halbes Lachen verwandelte sich in fassungslosen Schreck. Und mit verstörten Augen sahst du mich an: „Um Gottes willen, wer sind denn Sie?“ Doch du warst ein kluges, einsichtsvolles Mädchen, das sich mit dem Unabänderlichen freundlich abzufinden wusste. Und wenn ich späterhin nach dem ‚Herrn Leutnant’ fragte, sagtest du lachend: „Der kann meinetwegen General werden!“ Ich weiß auch, du bist eine brave tapfere Frau geworden, die ihren Mann in Ehren hielt und ihre fünf Kinder auf behagliche Lebenswege brachte. –

Wer kommt? Wer kichert in der duftenden Stille des Erinnerns? Wem gehören sie feinen zärtlichen Stimmen? Gaukelt der Reigen versunkener Heiterkeiten noch immer weiter? Ach, Kinder, Kinder, wie soll ich denn von euren guten Herzen erzählen? Ich weiß doch eure Namen nimmer! –

Und die ganz Vergessenen? An denen alles erloschen ist, nicht nur der Name! Auch die Erinnerung an das Lachen und an die Freude!

In mein Tagebuch aus jener Zeit, unter dem Datum des 18. Septembers, ist eine rotviolette Fahrmarke des ‚Münchener Stadt-Omnibus’ eingeklebt, mit der Nummer 855. Der rosenfarbene Zettel ist mir doch sicher nicht wegen des wunderlichen Zusammentreffens dieser Nummer mit meinem Geburtsjahr 1855 wert geworden. Neben dem Zettelchen stehen die französischen Verse:

„Avez-vous vu en Barcelone
Une Andalouse, au sein bruni,
Pâle comme un beau soir d’automne …“

Was war das? Ich weiß es nimmer. Es muss eine feine, reizvolle Sache gewesen sein! Sonst hätte sie mich nicht an Alfred de Musset erinnert.

Und viele kleine Lieder, gute und schlechte, zärtliche und zürnende stehen in diesen vergilbten Tagebüchern. Bei der Hälfte dieser Lieder frag’ ich mich umsonst, an wen sie gerichtet waren. Sie klingen noch, doch sie erzählen nimmer. Groll oder Freude, Leid oder Lachen – alles versunken, alles vergessen! Wir Männer sind doch schreckliche Kerle! Nicht undankbar. Doch unverzeihlich schwach an Gedächtnis!

Und dieses Lied? Eine Novemberweise. Und beginnt mit dem linguistisch rätselhaften Verse:

„Sie sprach zu mir:
Ick liebe dir!“

Richtig, ja – November 1878 – damals war ich nimmer in München. Da war ich schon in Berlin.

Lasst mich Abschied nehmen von der Heimat und ihren lachenden Freuden, von ihren Bergen und ihren freundlichen Kindern! Sei um mich her, du gaukelnder Reigen des Gedenkens, tretet zu mir mit versöhnlichem Lächeln, ihr Frohen und Träumerischen, ihr Lieblichen und Gütigen! Und reicht mir noch ein letztes Mal die kleinen, schenkenden Hände! Ich will sie streicheln in Dankbarkeit.

Weib! Du wundersamste, du himmelhellste aller Silben!

Hätt’ ich die Herrlichkeit des Lebens, die Güte und Weisheit des ewigen Schöpfers nie verstanden vor dem Bild eines tauenden Morgens, eines brennenden Abends, einer sternschönen Nacht – ich würde den Wert des Lebens, die humorvolle Langmut und jedes holde Wunder des Ewigen ausreichend geahnt und empfunden haben vor dem Sonnenblick eines liebenden Weibes.

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