Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
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               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
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               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
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               Kapitel 6
               Kapitel 7
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               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
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               Kapitel 3

Kapitel 11

Ein starkes Ereignis, das für mich beinah eine schwere Gefahr geworden wäre, trat in mein Leben herein, als – ich weiß nimmer recht: Ob das Münchener Hoftheater oder Heinrich Laube in Wien – eine Preiskonkurrenz für ein Lustspiel ausschrieb. Ich machte mich gleich mit Dampf an die Arbeit und dachte an eine Intrigenkomödie im Stil von Scribe’s ‚Ein Glas Wasser’.

Neben meinen literarhistorischen Studien betrieb ich damals noch immer die Physik als Lieblingsfach. Und eines Morgens, im Laboratorium, sagte Professor Beetz zu mir: „Da hab’ ich jetzt einen Schüler bekommen, der aus etwas östlichen Bezirken stammt. Ein hochbegabter Mensch! Aber er wird schwer weiter finden, weil es bei ihm an der Grundlage fehlt. Möchten sie den Mann nicht ein bisschen in die Kur nehmen?“

Das tat ich gerne. Und am Nachmittag machte mich Professor Beetz mit dem Mann bekannt: Herr Siegfried Mundy. Er war ein paar Jahre älter als ich, um einen halben Kopf kleiner, breitschulterig, mit einer seltsamen Lässigkeit in allen Bewegungen. Im Leben schien es ihm nicht gut zu gehen; seine Kleider waren defekt, die Hosen hatten Fransen, die Stiefel waren schief getreten und hatten empörte Schnäbel. Sein Gang erinnerte an den Gang von Menschen, die viel in Filzschuhen gehen. Er stammte von irgendwo da drunten aus der Bukowina her und hatte in Czernowitz und Wien studiert. Gleich in der ersten Minute gewann er mich durch seine kluge Art, zu reden. Was er sagte, war gescheit und fein und hatte Glanz. Auf den breiten Schultern saß so etwas wie ein dunkler Musikerkopf, mit geistvollen und doch verträumten Augen, mit einem blassen, fein geschnittenen Gesichte, das an Schumann erinnerte, auch ein bisschen an Napoleon. Ich ging mit ihm nach seiner Wohnung, um den Unterricht gleich zu beginnen. Er erzählte mir, dass er den Vater schon verloren habe, dass seine Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen lebe und ihm nur wenig geben könne. Die Zärtlichkeit, mit der er von dieser Mutter sprach, gefiel mir sehr. Das war der Anfang unserer Freundschaft, die eine verhängnisvolle Sache wurde.

Der arme Kerl wohnte schlecht, sehr schlecht. Wir mussten die erste physikalische Repetitionsstunde in der Küche seiner Hausfrau abhalten, weil Mundy nur für die Nacht eine Bettstelle hatte, die am Tag von einem Nachtpostbeamten belegt war. Die weiteren Unterrichtsstunden hielten wir in meiner Wohnung ab, und Mundy, den ich bald Siegfried zu nennen begann, blieb schließlich vom Morgen bis zum Abend in meiner Bude, arbeitete da während meiner Kollegienzeiten für sich allein – (der wesentlichste Teil seiner Arbeit bestand darin, dass er meine Zigaretten rauchte) – ließ sich was Billiges aus dem nahen Wirtshaus holen, während ich über Mittag Heim rannte zu meinen Eltern, und ging jeden Abend mit mir aus. Wenn die Kellnerin Rechnung machte, hatte Siegfried immer etwas Klagendes in seinen gescheiten Augen oder verließ für einige Minuten die Wirtsstube. Ich lachte dazu. Diese doppelten Fütterungskosten gingen auf die Dauer meinem ohnehin sehr mager gewordenen Geldbeutel hart ans klingende Leben. Doch was wäre die Freundschaft wert, wenn sie nicht tapfer standhielte in der Stunde, in welcher Gott nach dem Sprichwort am nächsten zu sein pflegt?

Und Siegfried hatte nicht nur mein Herz ganz und gar erobert. Professor Beetz war Feuer und Flamme für seine Begabung. Und Professor Rheinhardstöttner heilt ihn für eine ‚große geistige Hoffnung’. Mein Vater und meine Mutter liebten ihn zärtlich; mit zwanzig Worten, in denen er gut und ernst von mir gesprochen, hatte er sie gewonnen, und nun vertrauten sie ihm, wie gute Christen dem Felsen Petri, hielten ihn für einen wirksamen Mentor meines Leichtsinns, für einen standhaften Schutzengel meiner quecksilbernen und unzuverlässigen Jugend.

Ich vermag das gar nicht zu schildern: Welch ein Hochgenuss es für mich wurde, ihm die physikalischen Grundgesetze beizubringen. Bei jedem Kleinsten, das ich ihm zeigte, hatte er gleich weite Ahnungen, tiefe Intuitionen, scharfe Blicke in den Organismus der Natur. Es kam mir dann immer so vor, als wäre er der Lehrer und ich der Schüler, der andächtig zu lauschen hatte. Mit Vorliebe zitierte er die Verse des Geistes, der stets verneint. Es war etwas Voltairisches in ihm. Und wie er von Gott und Materie sprach, das hätte dem guten, frommen Pfarrer von Hegnenbach binnen fünf Minuten einen Schlaganfall verursacht. An Siegfrieds Weltanschauung gemessen, war ich ein Pietist.

Jede Unterrichtsstunde endete mit einer leidenschaftlichen Debatte, bei der mich Siegfried immer stumm machte. Wenn er sprach, dann war er der protokollierte Sieger. Nicht nur mir gegenüber. Auch zu den Professoren konnte er mit seinem feinen Lächeln ein paar Worte sagen, bei denen die gelehrten Herren stutzig und nachdenklich wurden. Doch wenn er die Feder in die Hand nahm, und das war ein schwer begreiflicher Kontrast, dann kam in der Regel etwas wunderlich Unmögliches aufs Papier. Ich schrieb es dem Umstand zu, dass das Deutsche nicht seine Muttersprache war, und dass er nur Deutsch reden, nicht aber das Deutsche schreiben gelernt hatte. Manchmal guckte flüchtig was Asiatisches aus ihm heraus, das ich nicht näher zu definieren vermag. Es war mir so fremd, dass ich es nie begriff. Wenn ich mir da nicht mehr zu helfen wusste, pflegte ich zu sagen: „Jetzt bist du wieder ganz Tartar!“ Er ließ dann lächelnd die schönen Zähne blinken und inhalierte mit tiefen Atemzug den Zigarettenrauch.

Was er im Leben werden wollte, verriet er nie. Er sagte: „Physiker, Meteorologe, Ingenieur, das sind doch nur so Worte für den kleinen Anwärter auf das staatliche Butterbrot. Mir ist es um ein Ganzes zu tun. Sei ohne Sorge, ich mache meinen Weg.“ Welchem Menschen hätt’ ich glauben mögen, wenn nicht ihm!

Doch wie in der Physik, so hatte sein Schulwissen auch in anderen exakten Fächern bedenkliche Zahnlücken, die ich als sein Gratisinstruktor mit Ausdauer zu plombieren versuchte. Doch er wurde immer bald des ‚trockenen Tones’ satt, begann eine geistsprühende Debatte, bei der er über alle Gipfel und Tiefen des menschlichen Denkens sprang, oder legte sich rauchend auf mein Sofa und griff nach einem der orientalischen Literaturwerke, die ich stößeweis aus der Staatsbibliothek Heim trug.

An literarischer Belesenheit war er mir mächtig über – so schien es – und ganz gewiss auch an Sicherheit, Schärfe und Mut des Urteils. Er ließ im Bereich der Weltliteratur nur wenige gelten: Homer, Konfuzius, Dante, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière, Goethe, Heine und Börne. Alles Spätere war ihm Stuss und geistige Ohnmacht. Und auch an den Großen, an den Kongenialen, entblößte er mit dem Seziermesser seines Geistes so viele Schwächen, dass mir häufig eine Gänsehaut meiner gekränkten Ehrfurcht über den Rücken lief. Ich erinnere mich eines Wortes von ihm: „Weißt du, nur die ganz Großen dürfen sich das manchmal erlauben, ganz klein zu sein. Der Durchschnitt muss Niveau bewahren.“ Er war in den Literaturen alle Völker und Zeiten so erstaunlich beschlagne, kannte so viele hundert Bücher, von denen ich noch nie gehört hatte, und in allem, was ‚Wortkunst der Menschheit’ hieß, war er so ganz und tief zu Hause, dass ich gar nicht zu fassen vermochte, wie er bis zu seinen 25 Jahren diese Fülle der Belesenheit hatte erzwingen können. (Späterhin ist einer gekommen, auch ein Fünfundzwanzigjähriger, bei dessen Lektüre ich mich viel an Siegfried Mundy erinnern musste: Weininger, der Verfasser von ‚Geschlecht und Charakter’.)

Manchmal, in meiner Bewunderung und bei aller redlichen Freundschaft für Siegfried, wurde ich seinem überragenden Geist und literarischen Wissen gegenüber ein bisschen eifersüchtig. Diese Eifersucht gab mir sogar eines Tages den abscheulichen Verdacht ein: Dass er stundenlang mit vernichtender Kritik über ein philosophisches Werk spräche, das er gar nicht kannte. Aber ich setzte mir selber gleich wieder den dummen Kopf zurecht, sagte mir, dass Eifersucht auf geistige Superiorität eine ekelhafte Sache ist, und dass ich als schwadronierende Unkenntnis angesehen hatte, was tiefstes Verständnis eines fliegenden Geistes war, dem ich nicht folgen, den ich nicht kontrollieren konnte. Ich machte meine hässliche Sünde wider den Geist durch doppelte Herzlichkeit wett, durch gesteigerte Freundschaft, die eine Art von brüderlicher Liebe wurde.

Und solche Liebe war notwendig, um Siegfried materiell auf Bord zu erhalten. Während unseres Zusammenlebens wurde seine Mutter immer ärmer, schickte immer weniger, schließlich nichts mehr. Da nahm ich Siegfried ganz zu mir. Ich hatte in der Schellingstraße eine nette Wohnung, mit gemütlicher Wohnstube und einer Schlafkammer, in der eine zweite Bettstelle ganz gut noch stehen konnte. Auch meine Eltern waren der Meinung, dass Armut nicht schände, und dass Siegfried ein wertvoller Mensch wäre, dem man helfen müsste. Papa erhöhte mein Taschengeld, ich gab dazu ein paar Stunden, leider einem Schüler, der nicht aus Amerika war – und da wollte der Aden für uns beide nicht reichen. Den Freund durfte ich nicht darben lassen. Also musste ich versetzen, was belehnbar war, und musste Schulden machen. Das letztere verursache Schwierigkeiten, das erstere hatte seine Grenzen. Denn der Inhalt meines Kleiderkastens musste jetzt für uns beide reichen. Und schließlich hatten Achilleus und Patroklos bei beginnendem Winter nur noch einen Überrock. Für alle Schwierigkeit des Lebens gibt es einen Rat. Ich blieb zu Hause und arbeitete, Siegfried ging in meinem Havelock spazieren, um die für mich nötigen Bücher aus der Staatsbibliothek oder Zigarettentabak zu holen. Meine Eltern sahen in die bedenkliche Ökonomie unseres Dioskurenlebens nicht klar hinein – denn echte Freundschaft verbietet doch das: Von einem Freund zu sagen, dass er gar nichts hat.

Ich fühlte mich reich belohnt. Man bedenke nur diese Fülle geistiger Anregung, die ich dem Freund verdankte! Und wie er es verstand, meinen Ehrgeiz zu reizen, meinen Fleiß zu steigern! Ein fleißiger Bursch, auch in den tollsten Zeiten meiner Universitätsjahre, bin ich immer gewesen, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil mich das Erringen freute. Aber so rasend fleißig, wie während meines Zusammenlebens mit Siegfried, hab’ ich selten gearbeitet. Der gute, treue Kerl trug bei grimmiger Kälte meinen Havelock halbe Tage lang spazieren, nur damit ich bei der Arbeit sitzen bleiben müsste und sicher vor jeder Störung wäre.

Und meine Eltern hatten wirklich recht: Er war ein Schutzengel meiner Jugend. Und verstand es, temporär die Zwiespältigkeit meines Herzens und Blutes zu kurieren. Jedes nette Mädelchen, das mich wirblig zu machen drohte, verleidete er mir durch die typische Redewendung: „Mich könnte so was Billiges nicht reizen!“ Jedes Abenteuer, das sich anspinnen wollte, durchkreuzte er. Und zwar aus drei Gründen. Erstens: Weil er nicht dulden dürfe, dass ich eine Gemeinheit gegen mein Herz beginge; zweitens: Weil das nachweisbar von der Arbeit ablenke; und drittens: Weil er prinzipiell sehr gering von zärtlichen Freuden dachte. Er zitierte mit Vorliebe ein von mir übersetztes Gedicht Petöfis, darin es hieß:

„Hörst du die Wachtel rufen: Wigg di wigg?
Soll ich’s in Menschensprache übersetzen?
Der Ruf bedeutet: Flieh das Weib!
Es schlingt die Männer in sich ein
So wie das Meer die Flüsse,
Um sie in seinem Rachen zu begraben.
Ein schönes Tier, das Weib,
Schön, doch gefährlich!
In goldnem Kelch ein Gifttrank!
Ich trank von diesem Tranke – –„

Wenn er zu dieser Stelle kam, dann wurde er immer sonderbar schwermütig. Einmal hatte er Tränen in den Augen. Ich verstand die Sache nicht und sagte verdrossen: „Hätt’ ich nur das dumme Gedicht nicht übersetzt. Was du draus machst, das ist denn doch ein bisserl übertrieben! So sind die Weiber gar nicht! Sie können doch so nett sein …“

In Jähzorn auffahrend, unterbrach er mich: „Ich hasse die Weiber.“

„Geh, warum denn?“

Er wurde ruhig, ließ die Tartarenzähne blinken, wickelte eine Zigarette, und als sie brannte, machte er eine vornehm abweisende Handbewegung: „Wir wollen das gut sein lassen, solange wir von wichtigeren Dingen zu reden haben.“

Ja, wir hatten von Wichtigem zu reden, bei Tag und bei Nacht! Von unserem Preislustspiel!

Ich hatte zu Siegfried natürlich gleich in den ersten Tagen unserer Freundschaft von meiner ‚Idee’ gesprochen. Die Sache gefiel ihm. Er erklärte: „Du! Das machen wir zusammen!“ Dieser Vorschlag schnürte mir ein bisschen den Hals zu, ich weiß nicht, warum – es war doch selbstverständlich, dass ich Ja sagte. Wir teilten uns also redlich in die Arbeit. Siegfried war, wie schon erwähnt, ein bisschen schwach als Held der Feder. Demnach blieb der ‚handwerksmäßige’ Teil der Sache mir allein überlassen. Ich saß die langen Winternächte am Schreibtisch, während Siegfried schlief. Und am Morgen, beim Frühstück, musste ich ihm vorlesen, was die Nacht geboren hatte. Nun kam sein Anteil an der Arbeit. Er kritisierte. Und nach leidenschaftlichen Debatten, bei denen wir brandrote Köpfe bekamen, änderte ich manches, was ihm nicht gefiel.

Unser Konkurrenzlustspiel sollte ‚Der Preis der Waffenruhe’ heißen, spielte in Stambul und setzte die abendländische Galanterie und Kultur in ein tragikomisches Gefecht gegen die morgenländische Poesie und Schlauheit. Bei der Suche nach Farben und Lichtern für diese östliche Schlauheit war Siegfried erklecklich findiger als ich. Immer verlangte er ‚Lokalkolorit’, lag Zigaretten rauchend den ganzen Tag auf dem Sofa, las orientalische Dichter und exzerpierte jeden Satz und jeden Spruch, der ihm gefiel. In das Wort ‚Bülbül’ – zu Deutsch: die Nachtigall – verliebte er sich bis zur Raserei. Und wär’ es ihm nachgegangen, so hätte die Bülbül, die mir schrecklich wurde, in unserem Lustspiel hundertmal singen müssen. Ich hatte mich überhaupt mit Händen und Füßen gegen diese ‚Exzerpte’ zu wehren, die ich in unser Stück ‚verweben’ sollte. Gegen die Aufnahme von einem Dutzend kluger Sprichwörter, die Gemeingut der östlichen Völker waren, hatt’ ich nichts einzuwenden. Aber Siegfried wurde zum poetischen Shylock und wollte den persischen und arabischen dichtern das beste Fleisch pfundweis aus dem Leibe schneiden und für unser Lustspiel braten. Ich wurde schließlich wütend. „Nein! Stehlen mag ich nicht.“ Er ließ die Tartarenzähne blinken. „Hat Shakespeare etwas nicht gestohlen? Man nimmt das Gute, wo man es findet, weißt du! Den Großen ist erlaubt, was den Kleinen verboten ist.“

Solche Kämpfe verzögerten die Arbeit. Um Zeit zu gewinnen, gab ich die zwei Instruktorenstellen auf, die ich noch hatte. Dadurch bekam mein Geldbeutel die Auszehrung. Und Siegfried sagte: „Unter Entbehrungen kann ich nicht geistig schaffen. Jetzt steht alles auf dem Spiel. Da musst du Geld besorgen. Du musst! Das ist deine Pflicht.“ Er forschte die Adresse eines Geldgebers aus und brachte mir ein Wechselblankett. Ich ließ mich bereden und schrieb meinen Namen drunter. Aber es fielen mir der Herr Lammberger und Papas Augen ein. Und drum warf ich das ‚Popierche’ in die Schreibtischlade.

Wir dichteten ‚unter Entbehrungen’ ein paar Wochen weiter. Ich konnte daheim bei den Meinen essen. Für Siegrieds Gasthauskonto stand ich Bürge beim Wirt. Die Kreide wuchs bedenklich. Wirt und Hausfrau wurden ungeduldig. Und plötzlich, eines Abends, hatte Siegfried sehr viel Zwirn, Banknoten und Gold. Seine Mutter schien in bessere Verhältnisse gekommen zu sein. Und ihr Sohn ließ mich an seinem Reichtum teilnehmen, wie ein König mit seinem Narren speist. Um diese Zeit begann etwas gegen Siegfried in mir zu kribbeln. Ich konnte mir diese wunderliche Verdrossenheit, die mich immer quälte, nicht erklären, machte mir zornige Vorwürfe und schalt mich einen schlechten, undankbaren Freund. So überwand ich’s.

Als ich den letzten Akt des Lustspiels begann, war Siegfrieds Mammon zu Ende. Ein paar Tage später – er ging am Abend aus und kam nach einer Stunde heim – da hatte er schon wieder Geld! Mir wurde die Sache ein bisschen unheimlich, denn ich wusste diesmal genau, dass er von zu Hause weder Paket noch Brief bekommen hatte.

„Siegfried? Woher hast du das Geld?“

„Von wem soll ich es haben? Von meiner Mutter doch!“

„Das ist nicht wahr. Zu dir ist kein Briefbot gekommen.“

„Ich hab mir’s auf der Post geholt.“

„Das stimmt nicht. Du bist so spät ausgegangen, dass die Post nicht mehr offen war.“

Er lachte. „Sieh nur! Die Unschuld spioniert!“ Die asiatischen Zähne blitzten. „Also gut! Um deine komische Neugier zu befriedigen. Von Professor Rheinhardstöttner hab’ ich’s gepumpt.“

Ich erschrak, dass ich sprachlos war.

Er guckte spöttisch zu mir auf. „Mach dir keine Sorge, Kleiner! Von dir hab ich bei der Sache nicht gesprochen. Nur von mir. Und von meiner Arbeit. Rheinhardstöttner ist der Mann, der das begreift: Dass ein starkes Talent nicht hungern darf, wenn es gedeihen soll. Er gibt mir, was ich brauche.“

Die Woche drauf war ‚Der Preis der Waffenruhe’ fertig. Im Groben. Ich machte mich an die stilistische Überarbeitung. Siegfried kümmerte sich nicht mehr viel um die Sache. Er sagte: „Mach du dieses Äußerliche nur allein! Feilen kannst du ja! Du warst doch Schlosser.“

Er war fast immer auf der Fahrt. Und in mancher Nacht blieb er aus, bis es Tag wurde, und schlief dann bis zum Abend. Von Professor Rheinhardstöttners ‚Stipendium’ hatte er sich nett ausstaffiert. Und dennoch trug er, wenn er ausging, fast immer meinen Havelock, meinen Hut, meine Wäsche, meine Schnürschuhe. Er nahm sogar meine Uhr, mein Portemonnaie und meine Brieftasche, auf die mir das Luischen ein wundervolles Monogramm gestickt hatte, auf seine Wanderungen mit. „Weißt du, damit du bei deinem Leichtsinn nicht in Versuchung kommst, vom Schreibtisch wegzulaufen!“

Einmal, spät in der Nacht, während ich noch arbeitete, kam er taumelig heim, roch nach Champagner und hatte an seinen, nein, na meinen Kleidern ein ganz niederträchtiges Parfüm. „Mensch! Du stinkst ja wie ein Dachs in der Ranzzeit! Was hast du denn getrieben? Wo warfst du denn?“

Er wickelte sich eine Zigarette und erzählte mir lachend – ich weiß nimmer, was – irgendeine verrückte Weibergeschichte, in der ein ‚rothaariger Satan’ vorkam.

Ich musste ein bisschen verwundert dreingucken. „Sooo? Und was ist denn mit Petöfis Wachtel? Wigg di wigg?“

Diese Frage machte ihn ernst, fast melancholisch. Doch als er im Bett lag, fing er wieder zu lachen an.

Wenige Tage später war Siegfried eigentümlich erregt, ruhelos und scheu. Beim Inhalieren des Zigarettenrauches schob er auf sonderbare Art die Unterlippe vor. Kam er heim, so rannte er gleich wieder davon. Es schien fast, als ginge er mir aus dem Wege. Das dauerte eine halbe Woche. Dann war er wieder in bester Laune, war ganz der Alte, der spöttisch Überlegene, der Wortschillernde und Geistfunkelnde.

Ich hatte während dieser Woche drei Akte von den fünfen unseres Preislustspiels ins reine geschrieben.

Um diese Zeit war daheim bei meinen Eltern irgendetwas nicht mehr in Ordnung. Papa sah mich nimmer an, redete nie ein Wort mit mir, war blass und hatte eine kummervolle Stirn. Einmal fragte ich: „Hast du was gegen mich?“ Da stand er auf und ging wortlos aus der Stube. Und Mama warf mir einen Zorn funkelnden Blick zu. Das gute Mutterle! Das mir doch sonst immer die Stange hielt durch dick und dünn! Und war jetzt immer gereizt und heftig gegen mich! Oder hatte Tränen in den Augen und drehte das Gesicht auf die Seite. Hundertmal trieb’s mich: „So frag doch, was los ist!“ Aber weil ich bei meinem Leichtsinn doch immer ein bisschen Butter auf dem Kopf hatte, traute ich dem schweigsamen Mysterium nicht, hielt ebenfalls den Schnabel und dachte: „Es wird schon wieder hell werden!“ Doch dieses Dunkle blieb. Was da nur sein konnte? Wenn ich über meine Lebensführung nachgrübelte, fand ich viel, was für die strengen und reinlichen Anschauungen meiner Eltern wie eine sehr verwerfliche Sache aussehen konnte.

Ich sprach mit Siegfried darüber. Der hatte immer etwas Wichtigeres zu reden. Die Preiskonkurrenz verursachte ihm Sorgen und Ungeduld. Dass wir den Preis gewinnen würden, daran zweifelte er nicht im geringsten. Aber bis da die vielen Stücke durch die Hände aller Preisrichter gehen, und bis die Gekrönten zur Aufführung kommen, darüber kann ein Jahr und mehr vergehen. „So lange kann ich nicht warten!“, sagte er. „Ich reiche das Stück einfach ein, sobald es fertig ist. In vier Wochen wird es aufgeführt. Und alles ist gut! Alles! Alles!“

In einer bärenkalten Nacht – der Ofen war ausgegangen, und es hatte schon zwei geschlagen – machte ich einen schönen Schnörkel unter die Überarbeitung des letzten Aktes. Ich weckte Siegfried. Und während ich auf seinem Bett saß, fiel er mir in einer Exaltation um den Hals, die meine Freude noch übertrumpfte. Wir schwatzen lange, schmiedeten Zukunftspläne und bauten Luftschlösser, bis Siegfried sagte: „Jetzt leg dich schlafen! Morgen mach’ ich schon alles. Ich gehe gleich zum Hofschauspieler Richter. Der weiß schon von dem Glück.“

„Richter? Kennst du ihn denn?“

„Natürlich! Aber jetzt leg dich schlafen! Ich muss Ruhe haben, wenn ich morgen geistig frisch sein soll.“

Ich brachte das Schlafen nicht fertig. Während Siegfried schnarchte, stand ich wieder auf und schusselte in die stille Winternacht hinaus, um mein brennendes Köpfl kühl zu machen. Immer dachte ich ans Luischen, immer jubelte meine Seele: Jetzt kommt das Glück, jetzt können unsere Herzen göttliche Einheit werden! Dabei hatte ich Havelock, Rock und Weste offen. Und als ich eine Stunde später Heim trottete, fing ich zu niesen an. Am Morgen, als ich erwachte, waren Siegfried und die Reinschrift unserer Komödie verschwunden. Bei mir entwickelte sich einer meiner katastrophalen Katarrhe. Mittags, als ich heimkam zu den Meinen, fiel ich mit meiner Freude gleich zur Türe hinein! „Viktoria, unser Stück ist fertig!“ In den schwermütigen Augen meiner Mutter sah ich ein helle, gläubiges Aufleuchten. Doch Papa sagte trocken, fast hart: „So? Nun, Herr Mundy wird ja das Seinige dazu beigetragen haben. Da ist auch Gutes zu hoffen. Aber du merke dir für deine zukünftige Laufbahn, dass man meines Erachtens nie ein richtiger Künstler werden kann, wenn man nicht auch ein rechtlicher Mensch ist!“ Ich guckte den Vater ein bisschen entgeistert an und wollte die absolute Notwendigkeit dieser pädagogischen Bemerkung nicht begreifen. Die Freude war mir gründlich versalzen.

Als ich verdrossen heimkam in meine Studentenbude, legte ich mich hustend und mit wahnsinnig gewordener Nase ins Bett. Erst am Abend tauchte Siegfried auf, sagte mir, dass Regisseur Richter schon bei der Lektüre des Stückes wäre, und dann rannte er gleich wieder davon. In der Nacht bekam ich Fieber, und am Morgen hatte ich eine so prachtvolle Halsentzündung, dass ich kaum mehr schlucken konnte.

Am Nachmittag brachte Siegfried unser Stück wieder heim. „Richter ist begeistert! Er wird sofort die Aufführung durchsetzen.“

„Siegfried!“ Ich gurgelte die Worte heraus. „Lügst du nicht?“

Er sah mich an, wie der Reise den Zwerg, gab mir keine Antwort und setzte sich draußen in der Stube an den Schreibtisch. Durch die offene Türe konnte ich das Gekritzel der Feder hören. „Du? Was machst du denn?“

„Striche. Und ein paar Szenen muss ich ändern, die du verkuhwedelt hast.“ Er schloss die Schlafzimmertüre. Und in dieser Nacht arbeitete er fast bis zum Morgen. Und schlief dann draußen auf dem Sofa, um von meiner Halsgeschichte nicht angesteckt zu werden.

In der Frühe schickte die Hausfrau zu den Meinen: Es ginge mir nicht gut. Und eine Viertelstunde später trat Mama an mein Bett. Sie war zornig erregt und doch in zärtlicher Sorge. „Raus! Und zieh dich an! Mein Kind bleibst du allweil. Ich bring dich im Dröschkle heim zu uns. Da hast du die richtige Pfleg!“ Während der Fahrt im Wagen sprach sie kein Wort.

Dann lag ich daheim in meinem alten Stübchen, in meinem alten Bett, und obwohl der Schmerz meine Kehle würgte und das Fieber mich schüttelte, hatte ich ein Gefühl unsagbaren Wohlbehagens. Wenn nur Mama ein bisschen freundlicher gewesen wäre! Sie kam alle zehn Minuten, ließ mich gurgeln oder wechselte den Umschlag an meinem Hals. Und sprach nur, was mit der Pflege zusammenhing. Als sie wieder einmal die Sicherheitsnadel in den frischen Umschlag gesteckt hatte, nahm ich ihre Hand. „Mutterle? Warum bist du mir denn so bös?“

„Das wirst du schon selber wissen!“ Und mit Tränen in den Augen ging sie aus der Stube.

Mir fiel, wie der Volksmund sagt, das Zäpfle hinunter. Ich konnte nimmer fragen.

Am fünften Tag durfte ich aufstehen. Papa hatte in diesen fünf Tagen mein Zimmer nicht betreten. Und auch Siegfried hatte keinen Laut von sich hören lassen.

Als er mir schon wieder ganz leidlich ging, am Nachmittag des siebten Tages, trat Papa in meine Stube. Sein Gesicht war mauerblass. Mama stand mit ineinander gekrampften Händen unter der Türe, hatte verstörte Augen und stammelte: „Jesus, Jesus, was wird denn da schon wieder herauskommen!“

„Da ist von einem Dienstmann ein Brief für dich gebracht worden“, sagte Papa. „Die Sache hat mir nicht gefallen … das ist eine Weibsbilderschrift. Ich habe den Brief aufgemacht.“ Er reichte mir ein Blatt. „Was ist das?“

Ich sah eine ungelenke Zitterschrift. Und las: „Lieber Herr Ganghofer! Ich beschwöre Sie um Gottes willen, kommen Sie sofort zu mir! Anna Teuffer.“

Noch immer sah ich das mir völlig unerklärliche Blatt an, als Papa sehr heftig wieder fragte: „Was ist das? Ich will es wissen.“

„Ich verstehe nicht, was das heißen soll. Und ich kenne keine Anna Teuffer.“

Der Vater wurde zornig. „Aber sie nennt dich doch beim Namen! Und sagt noch: lieb!“

Ich konnte Papas Aufregung nicht begreifen. Seiner unbegründeten Heftigkeit gegenüber stieg mir das Blut ein bisschen zu Kopf. „Wenn ich dir doch sage, Papa, dass ich keine Anna Teuffer kenne! Ich weiß nicht, was dieser Zettel bedeutet. Und dass diese rätselhafte Person mich lieb nennt, das ist noch lange kein Beweis gegen mich. Millionen Menschen sagen: lieber Gott. Und keiner kennt ihn.“

„Du …“, fuhr der Vater auf und fasste mich am Arm. Aber da sprang die Mutter zwischen uns beide und schrie: „Gustl! Jesus! Gustl! So schau den Buben doch an! Man sieht doch, dass er die Wahrheit sagt.“

Papa brauchte lange, bis er ruhig wurde. „Also, gut! Sobald dir der Doktor auszugehen erlaubt, wirst du diese Sache klar stellen.“

„Das tu ich noch heute, Papa. Jetzt gleich.“ Ich zog meine Stiefel unter dem Bett heraus.

„Aber du Narr du!“, schalt Mama. „Dass du dich wieder verdirbst und morge wieder hueschte muescht wie e Schlosshund!“ Mir wurde ganz leicht ums Herz, als die Mutter schwäbelte.

Papa war anderer Meinung. „Nein, Lotte! Lass ihn nur gehen! Gleich! Das tut ihm nichts. Und wenn er eine Woche lang hustet, so ist das viel weniger gefährlich, als wenn wir zwei noch eine solche Nacht haben sollen … wie die ganzen Wochen her. Lass ihn gehen!“ Schwer atmend verließ Papa die Stube.

Die Mutter wickelte mich ein, als wär’ ich sterbenskrank. Bevor ich ging, nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände und sah mir in die Augen. „Bubele! Gsteh mir’s ein! Hascht du jetzt die Wahrheit gesagt?“

„Ja, Mama!“

„Sich es aber auch wahr? Machscht du’s net wieder wie in Welde beim Bachkätzelespfeifle?“

„Nein, Mutterle!“

„So geh in Gottes Name! Da wird dir der kalte Wind drauße nix schade. Unser lieber Herrgott wird sorge dafür … wen du auch jetzt grad ein dumms Späßle über ihn gmacht hast. Glaub mir’s, Bub, er ist leib. Und ich kenn’ ihn auch.“ Sie küsste mich. „Na also, jetzt geh! Ich bin nur neugierig, was da rauskommt.“ Das sagte sie nun ganz ruhig.

Auf der Straße wurde mir ein bisschen schwindelig. Aber das ging wieder vorbei.

Doch was nun machen? Etwas, das dunkel in mir wirbelte, schrie immer den Namen: Siegfried. Ich rannte zur Schellingstraße. Aber nein, nein! Auf halbem Weg kehrte ich wieder um. Und wusste: Wenn Siegfried hinter dieser verschleierten Sache steckt, so sagt er mir wieder eins von seinen blinkenden Worten, und dann kann ich mir nimmer helfen und muss ihm wieder glauben. Es war notwendig, dass ich die Sache anders anpackte. Zuerst auf die Polizei! Und nach diesem Namen fragen! – Teuffer? Teuffer? – Es kam mir plötzlich so vor, als wäre mir dieser Name doch nicht unbekannt, als hätt’ ich ihn vor einiger Zeit gehört, oder gelesen. Was war denn nur mit einem Teuffer? Und dieser Zettel? Diese paar Worte? „Ich beschwöre Sie um Gottes willen, kommen Sie sofort zu mir!“ Das war keine Redensart, das war der Schrei eines gequälten Menschenherzens. Papa hatte schon recht mit seiner Aufregung – ich selber fühlte, dass da eine schreckliche Sache die Augen aufmachen würde.

Im Auskunftsbüro der Polizei, als ich das Blättchen mit dem Namen Anna Teuffer dem Beamten hinreichte, sah der Mann, nachdem er gelesen, mich so merkwürdig forschend an, dass in mir etwas kribbelig wurde.

„Teuffer?“ Er schein mich nach Kleidung und Aussehen taxieren zu wollen. „Nach der Anna Teuffer fragen Sie?“

„Wollen Sie gütigst Ihre Amtshandlung vornehmen?“

Er ging zu einem Regel und schlug ein dickes Buch auf. „Ja, ja, stimmt schon, es gibt nur eine Anna Teuffer.“ Er nannte eine Adresse, beim Polytechnikum draußen – und als er Straße und Hausnummer aufgeschrieben hatte und mir den Zettel reichte, sah er mich wieder so verdächtig an, dass ich aufbrauste: „Warum fixieren Sie mich so? Ich bin kein Verbrecher.“

Der Beamte kehrte sich schweigend um und sprach leise mit zwei anderen Herren des Büros. Als ich zur Türe hinausging, sahen die drei mir nach.

Eine quälende Aufregung befiel mich. Ich sprang in die nächste Droschke und fuhr da hinaus. Auf der Wohnungstüre war ein Porzellanschild: Teuffer. Ich läutete. Es kam von innen jemand zur Türe gerannt, als würde zu einem Schwerkranken der Arzt erwartet. Eine vierzigjährige magere Frau stand vor mir, vergrämt und verweint, mit brennroten Lidern, mit den Augen eines Geschöpfes, das etwas Entsetzliches gesehen. Diese Frau war mir fremd. Ich merkte auch an ihrem Blick, dass sie mich nicht kannte. Aber etwas an mir schien ihr aufzufallen, schien sie zu erregen. Immer starrte sie meinen Havelock an, und dann sah sie mir wieder verstört ins Gesicht.

„Sind Sie die Anna Teuffer?“

„Ja. Was wollen Sie?“

„Das muss ich Sie fragen. Sie haben mir doch geschrieben.“

„Ich? Ihnen?“

„Ja. Heute. Durch einen Dienstmann.“ Ich gab ihr den Zettel.

Ihre Augen wurden starr und groß. „Jesus Maria, wer sind Sie denn?“

Ich nannte meinen Namen, nannte Titel und Wohnung meines Vaters.

Die Frau fing heftig zu zittern an. „Mar’ und Joseph! Wer ist denn nachher der andere?“

Es lief mir kalt über den Rücken. „Welcher andere?“

„Der mir helfen hat wollen … Jesus Maria … und den gleichen Überzieher hat er angehabt, und den gleichen Hut, und … und ein Brieftaschl mit seinen Visitkarten hat er gehabt, und mit zwei goldenen Buchstaben drauf …“

Mir wurde fast übel vor Aufregung. Sprechen konnte ich nimmer. Ich zog meine Brieftasche heraus und zeigte sie der Frau.

„Jesus, Jesus, Jesus …“ Sie fiel im dunklen Flur auf einen Sessel hin und begann zu schluchzen, als hätte sie in diesem Augenblick ein schweres Unglück erlebt.

Ich suchte die Weinende zu beruhigen und führte sie in ein Zimmer, dessen Tür ich offen sah – eine bürgerliche Stube, die einigen Wohlstand verriet, mit einer kümmernden Palme in der Fensternische.

Es dauerte lange, bis die Frau zu reden vermochte. Aber was sie wirr durcheinander schluchzte, verstand ich nicht.

„Werden Sie doch ein bisserl ruhig! Sagen Sie mir doch alles der Reihe nach, dass ich es verstehen kann.“

„Jesus, Jesus … mein guter armer Mann! Sie wissen doch, der Teuffer … den man unschuldig zum Tode verurteilt hat …“

Nun wusste ich plötzlich, woher der Name Teuffer in meinem Gehirn war. Vor Monaten hatte ich diesen Namen in der Zeitung gelesen, in einem Mordprozess. Dieser Teuffer – ein Makler, der auch Darlehen an Offiziere und Studenten vermittelte – war beschuldigt, in einer Münchener Vorstadt, zu Haidhausen oder in der Au, einen Menschen ermordet zu haben, mit dem er bei einer Wirtshauskneiperei in Streit geriet. Die Sache war etwas rätselhaft; man konnte an die Unschuld Teuffers glauben, der auch leugnete. Auf Grund der wider ihn sprechenden Indizien wurde er zum Tode durch das Schwert verurteilt. Die Revision war noch unerledigt.

Und das abgehärmte, verstörte, schluchzende Weib, das da vor mir auf dem Kanapee saß, war die Frau des Mannes, auf den der Henker wartete.

Da kam nun – wie das Weib erzählte – vor Wochen ein Student, ein junger untersetzter Mensch, in meinem Hevelock, mit meinem Hut, unter meinem Namen, mit meiner Brieftasche, mit meiner Visitenkarte, und wollte Geld von diesem Teuffer borgen.

„Ich hab’ ihm gesagt, was los ist mit meinem Mann. Und ich hab’ gleich weinen müssen.“

Und da sagte ‚der andere’: Es wäre doch Malz und Hopfen noch nicht verloren, da wäre doch noch zu helfen. Man müsste nur die rechten Wege machen, dem König die Sache richtig vortragen, ihn günstig stimmen für ein Gnadengesuch. Freilich, das könnte nur einer wagen, der sehr gut beim König stünde – sagte dieser andere – so gut zum Beispiel, wie sein Vater, der Herr Forstrat im Finanzministerium. Und erst vor wenigen Tagen hätte er, dieser andere, zufällig mit seinem Vater über den Fall Teuffer gesprochen, und sein Vater wäre von der Unschuld des Herrn Teuffer felsenfest überzeugt – und da wäre sehr viel nimmer nötig, um den Herrn Forstrat zu bewegen, dass er für diesen Unschuldigen etwas täte, etwas sehr Wirksames, etwas ganz Sicheres, bei Seiner Majestät unserem gnädigen König.

Die Frau sah mich mit dem Blick einer Verzweifelten an. „Ich müsst’ doch meinen Mann nicht gern haben, wenn ich dem Menschen nicht gleich geglaubt hätt’. Dass die Leut lügen, weiß man ja. Aber so kann doch keiner lügen! Und da hab’ ich ihm gleich Geld gegeben auf sein gutes Gesicht hin.“

„Wann war das?“

Sie nannte mir den Tag – am gleichen Tag hatte Mundy das viele Geld ‚von seiner Mutter’ bekommen.

„Und dann hat’s lang gedauert, bis er wieder gekommen ist. Ich hab’ gemeint, ich muss mir die Seel herauswarten. Und am Abend einmal, ganz spät, ist er dagewesen …“

Es war der Abend, an welchem Mundy das ‚Stipendium’ von Professor Rheinhardstöttner erhalten hatte.

„… und hat mir gesagt, sein Vater wär’ zum König Ludwig nach Hohenschwangau gefahren und hätt’ sich schier das Herz herausgeredet für meinen Mann.“

Und so kam dieser andere wieder und wieder, ließ sich immer Geld geben – und sage das eine Mal: Die Sache stünde glänzend – das andere Mal: Der König hätte das Gnadengesuch schon unterzeichnet – das letzte Mal: Jetzt wäre alles in Ordnung, und der Begnadigte käme schon in den nächsten Tagen wieder heim zu seiner Frau.

„Und allweil hat er gesagt: Nur schön geduldig warten, nur still sein, nur zu keiner Menschenseel was sagen! Und nur ja nicht schreiben oder sonst was tun! Jesus, heilige Mutter, ich hab’ vor Freud nimmer schlafen und essen können. Und heut in der Früh, da hab’ ich vom Herrn Verteidiger einen Brief gekriegt … Herr Jesus … und in dem Brief da ist dringestanden, dass man die Revision verworfen hat, und dass … mein Mann … mein Mann … geköpft wird.“

Ich kann das Gesicht nicht schildern, das ich bei diesen Worten vor mir sah.

„Jesus, Jesus, da hab’ ich mir nimmer anders helfen können. Und hab’ geschrieben. An wen denn? Jesus! An wen? Was ist denn das alles? Wer ist denn der andere?“

Es war ein Gefühl in mir, dass ich hätte brüllen und irgendetwas zerschlagen mögen!

Als ich zur Ludwigstraße rannte, blieben auf der Straße die Leute stehen und sahen mich an. Im Büro des Finanzministeriums fand ich den Vater nicht. Ich raste heim. In der dämmerigen Wohnstube – es wollte schon Abend werden – waren Papa und Mama beisammen.

In einer Aufregung, die mich zittern machte, stürzte ich diese ganze fürchterliche Geschichte heraus. Papa schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, wobei jede Silbe ein Wort für sich allein wurde: „Das ist doch eine namenlooose Gemeinheit! Dieser Kerl! So ein Kerl!“ Dazu lachte Mama ganz eigentümlich, nervös und schrill.

Und nun kam auch gleich das andere an den Tag, dieses Dunkle in der Stimmung der Eltern während der letzten Wochen.

Papa nahm mich am Kittel, zog mich ans graue Fenster hin und sah mir in die Augen, mit einem Gesicht, vor dem ich schmerzhaft erschrak. „Ludwig? Kennst du einen Geldmann Käfer?“

Mir fuhr es schwül unter die Haare. „Ja, Papa. Vom Käfer hab’ ich im vorigen Monat was gepumpt. Weil wir Geld brauchten … Mundy … und ich. Was ich hatte, reichte nicht für uns beide. Am ersten habe ich den Betrag zurückbezahlt.“

„Das stimmt. Aber … wie war das mit dem Wechsel?“

„Mit welchem Wechsel?“

Mama schrillte dazwischen: „Gelt, Gustl! Gelt, ich hab’s gesagt!“ Inzwischen sprang Papa zur Kommode hin und brachte mir einen länglichen Zettel.

Im grauen Licht des Fensters konnt’ ich es gerade noch sehen: Es war ein Wechsel über 280 Mark, von mir unterschrieben – und giriert von Siegfried Mundy. Mein Name, ja, das war wirklich meine Schrift! Der Zettel, den ich in der Hand heilt, konnte nur jenes Wechselblankett sein, das ich vor Wochen auf Siegfrieds Zureden unterschrieben und dann in die Schreibtischlade geschmissen hatte, weil ich an den Herrn Lammberger und Papas Augen dachte!

Mit diesem Wechsel hatte Mundy beim Herrn Käfer Geld geholt, ohne mein Wissen. Und hatte den Wechsel als Girant unterzeichnet. Dem Herrn Käfer kam die Sache nachträglich etwas sengerig vor, und er ging zu meinem Vater. Papa bestellte Mundy zu sich ins Büro und sagte: Herr Mundy, mir ist gestern ein Wechsel gezeigt worden, auf dem zu meiner Überraschung auch Ihr Name steht?“ Mundy machte erstaunte Augen: „Mein … Name?“

Papa, der mir das am grauen Fenster erzählte, unterbrach sich: Denk dir, Ludwig, wie mir zumut war!“

Nach jener erstaunten Frage korrigierte sich Mundy sofort: „Ja, richtig, ja, ich besinne mich, ich habe den Wechsel giriert, weil mich Ludwig um diesen Gefallen gebeten hat. Ein Wechsel über 150 Mark, nicht wahr?“ – „Nein! 280 Mark.“ – „Richtig, ja … das ist merkwürdig … aber ich besinne mich jetzt … ja, richtig, verzeihen Sie, Herr Forstrat, aber ich habe augenblicklich sehr viel wichtigere Dinge im Kopf. Wenn Ludwig nicht zahlungsfähig sein sollte, werde ich den Wechsel einlösen. Bei einer Freundschaft, wie sie uns verbindet, ist das ja selbstverständlich … man muss da manches in den Kauf nehmen.“ Papa erwiderte: „Freundschaft ist eine schöne Sache, Herr Mundy, aber sie hat ihre Grenzen. Doch wie die Sache nun auch liegen mag, ich danke Ihnen!“ Und noch am gleichen Tag, zwei Monate vor der Verfallzeit, löste der Vater diesen ‚unklaren’ Wechsel ein. Und da standen nun Papa und Mama seit Wochen unter der drückenden Angst, dass ihr Sohn eine niederträchtige Sache verübt hätte, die Siegfried Mundy aus Freundschaft auf seinen breiten Buckel genommen.

Als Papa mir das am grauen Fenster erzählte, musste ich schreien: „So ein Hund!“

Mama fing wieder schrill zu lachen an: „Aber gelt, Gustl! Ich hab’s doch gesagt! Hab’ ich dir’s nicht gesagt!“ Dann bekam sie einen Weinkrampf und bekam das nervöse ‚Nackeln’ in ihren Knien und Fersen. Ich saß neben ihr, hielt sie umschlungen, küsste sie immer und streichelte ihr Haar mit dem weiß gewordenen ‚Sorgeplätzle’. Und ehe das ‚Getrommel’ noch völlig vergangen war, sagte die Mutter lachend: „Bub! Mein Bub! Heut zum Abend koch ich dir aber dein Liebstes! Dampfnudle mit em Vanillisößle!“

Und Papa reichte mir die Hand. „Ludwig! Wenn wieder einmal … ich will’s nicht hoffen … etwas Unklares zwischen uns treten sollte, dann wollen wir nicht mehr schweigen, sondern uns offen aussprechen, gelt?“

„Ja, Papa!“

Der Vater drückte meine Hand. „Ich hab’ dir unrecht getan. Diesmal. Sag’: Einmal ist keinmal. Und erinnere dich, dass du mir viel Ursache gegeben hast, wegen deines Leichtsinns in schwere Sorge zu geraten!“

– Mein Leichtsinn wurde auch durch diese Geschichte nicht kuriert. Aber zwischen meinen Vater und mich ist nie wieder etwas ‚Dunkles’ getreten. Ärger hab’ ich ihm noch viel verursacht. Aber man sprach sich aus, ehe die Maus zu einem Elefanten wurde, und schuf wieder klare Herzlichkeit. So blieb es, bis Papa die guten, redlichen Augen schloss. –

Was sollte mit Siegfried Mundy geschehen? Die Polizei? Nein! Ich bettelte: „Lass ihn laufen, Papa!“ Aber konfrontieren musste man ihn, sein Geständnis festlegen. Und da durfte man ihm nicht Zeit lassen, einen seiner ‚genialen Geistesblitze’ zu ersinnen.

Während Mama in der Küche den Teig zu meinen Dampfnudeln klopfte, raffte Papa zusammen, was er an Geld im Haus hatte, und schickte das dicke Päckchen durch unser Hausmädel an die Anna Teuffer. Dann musste das Mädel einen Brief zu Professor Rheinhardstöttner tragen: Der Herr Professor möchte Herrn Siegfried Mundy für abends 9 Uhr auf unverfängliche Weise zu sich bestellen; wir beide kämen eine halbe Stunde früher.

Wir gingen schon um 8 Uhr – nach Mutters herrlichen Dampfnudeln! Sie hatten mir prachtvoll geschmeckt. Und dennoch fieberte ein Wehes und Bitteres in meinem Leben. Mir war bang auf den Augenblick, in dem ich diesem verlorenen Menschen ins Gesicht schauen sollte, den ich geliebt hatte wie einen Bruder – und der mich jetzt erbarmte, um seines Talentes willen.

Professor Rheinhardstöttner fiel bei der Geschichte, die er von uns zu hören bekam, aus allen Wolken.

Draußen wurde die Glocke gezogen.

„Er kommt.“

Als Siegfried Mundy in seinem neuen Anzug das Zimmer betrat und neben dem Professor auch meinen Vater und ich gewahrte, stutzte er ein bisschen. Und ein Zittern kam in seine Hände, als der Professor die Türe versperrte und den Schlüssel abzog. Ich trat auf den Wortlosen zu und sagte ihm alles in die Augen. Die Wechselgeschichte schien ihn nicht sonderlich aufzuregen, doch als ich den Namen Anna Teuffer nannte, wurde er weiß wie die Wand.

Er leugnete nicht, sagte nur die drei kleinen Worte: „Na also ja!“ Da sah er die versperrte Tür an, ließ die Tartarenzähne blinken und machte in aller Gemütsruhe den Scherz: „Ich komme mir vor wie Napoleon auf St. Helena.“

Professor Rheinhardstöttner setzte das Protokoll auf. Das dauerte sehr lange. Papa und ich, wir saßen schweigend auf dem Sofa. Siegfried Mundy saß in der Mitte des Zimmers auf einem Sessel, wickelte sich eine Zigarette um die andere, aus meiner Tabaksdose, die er noch immer bei sich trug, und schob beim Inhalieren des Rauches auf eigentümliche Art die Unterlippe vor.

Wortlos unterzeichnete er das Protokoll und sah mich nimmer an. Als ihm der Hausherr die Tür aufsperrte, entfernte er sich rücklings, verbeugte sich lächelnd auf der Schwelle und sagte: „Guten Abend allseits!“ Es war eine Persiflage des Grußes, mit dem ich in eine von Gästen besetzte Wirtsstube zu treten pflegte – an Abenden, an denen ich den Kalbsbraten oder das boeuf à la mode für meinen Freund Achill bezahlte.

Ich hab’ ihn im Leben niemals wieder gesehen. Zehn Jahre später hab’ ich noch etwas von ihm gehört. Nichts Gutes.

In der Nacht, als wir von Professor Rheinhardstöttner heimkamen, saß die Mutter lange an meinem Bett, mit meinen Händen in ihrem Schoß, in Sorge um meine Gesundheit. Aber ich hustete nimmer, hatte keine Schmerzen mehr im Hals, war ganz gesund.

Am anderen Vormittag wanderte ich mit einem Dienstmann zur Dioskurenbude in der Schellingstraße, um ‚diesen anderen’ auszuquartieren. Wir fanden keine Arbeit mehr. Siegfried Mundy war verduftet, war mit dem Frühzug nach Wien gereist – hatte sich noch Geld von unserer Hausfrau gepumpt und hatte ihr das schriftlich gegeben: Dass ich alles bezahlen würde. Und mit ihm selbst waren noch mancherlei andere Dinge verschwunden: Mein neuer Reisekoffer, der Rest meiner Kleider, meine Wäsche, ein Pack meiner Manuskripte und auch die Komödie „Der Preis der Waffenruhe“, nicht nur die Reinschrift, auch der Entwurf und ein Stoß von Skizzen und Exzerpten.

Im Schüttelfrost meiner nackt gewordenen Poetenseele dachte ich: Vielleicht liegt das Manuskript des Lustspiels noch beim Hofschauspieler Richter?

Ich rannte hin. Der alte, feine, vornehme Herr empfing mich liebenswürdig, war ein bisschen verwundert. „Sooo? Also Sie haben an dem Lustspiel auch mitgearbeitet? Warum haben Sie denn da Ihren Namen nicht auf das Titelblatt geschrieben?“

„Aber der hat doch draufgestanden!“

„Nein!“

Ich stellte die Sache klar. Und fragte, um einen platonischen Trost zu gewinnen: „Ist es wahr, Herr Regisseur, dass Sie von unserer Arbeit so begeistert waren?“

„Begeistert?“ Er lächelte wohlwollend. „Das ist doch ein … wie soll ich sagen? … ein etwas forcierter Ausdruck. Das Lustspiel hat mir nicht übel gefallen, als Anfängerwerk, als Talentprobe. Aber ein bisschen sehr breit ist alles! Überladen mit Weisheiten, die nicht heiter wirken. Und für die Bühne meines Erachtens ganz unmöglich!“

Wie mit Wasser begossen trat ich auf die Straße. Und schüttelte mich. Na also, meinetwegen, mochte Mundy doch den wertlosen Dreck zu Wien in meinem Koffer haben! Kreuz drüber!

Aber mein Luischen? Und das nahe Glück? Und meine Luftschlösser? Die Erfüllung der ewigen Sehnsucht? Die göttliche Einheit der Liebe? Mir schossen schmerzende Tränen in die Augen.

Als ich in meine Studentenbude heimkam, saß der Dienstmann noch da, den ich ganz vergessen hatte. Er half mir in beiden Zimmern die Möbel umstellen. Alles machten wir anders, als es war – damit ich das Gewesene leichter vergessen könnte.

Nun blieb ich allein. Und während ich im Sofawinkel hockte und vor mich hinsah ins Leere, dachte ich eine halbe Stunde lang sehr schlecht von der gesamten Menschheit.

Ich brauchte viele Wochen, bis es mir gelang, dieses Abscheuliche zu übertauchen. Aber hundert treue Freunde meines Lebens haben es reichlich wettgemacht, dass einer mich betrog. Und was Freundschaft heißt, blieb weiterhin auch für mich das Gleiche, was sie mir früher war: Ein frohes und völliges Geben meiner selbst.

Wie ein Narr begann ich in den folgenden Monaten an meiner Doktordissertation über Fischart und Rabelais zu arbeiten. Und Arbeit half mir die gallige Erinnerung überwinden.

Doch als ich endlich die Enttäuschung leidlich verschmerzt hatte, kam ein neuer Schlag, der mich noch viel härter und tiefer traf.

Regensburg liegt nicht allzu ferne von München. Und die Kunde der Wahrheit hat zuweilen noch flinkere Beine als der spinnfüßige Klatsch. Die Unsicherheit meiner zukünftigen Existenz – nun, da ich zum andern Male umsatteln, auf die akademische Laufbahn verzichten und Schriftsteller werden wollte – war ganz gewiss für mein gläubiges Luischen nicht bestimmend, wohl aber für jene, auf deren Stimme das Luischen hören musste. Aber die ‚Zwiespältigkeit’ meines Lebens, mein Gepritschel in heimlichen Gewässern warf bedenkliche wellen. Die mögen wohl ihre Kreise von der Isar bis zur Donau gezogen haben. Auch mein sonstiges Tun und Reden war nicht immer, was gewissenhafte Menschen als ‚einwandfrei’ zu bezeichnen pflegen. Und das ging dem Luischen schließlich gegen Herz und Seele.

Ich will es nicht schildern, wie es Schritt um Schritt so kam – und will um meiner selbst willen nicht zu beweisen versuchen, dass es so kommen musste. Es genügt zu sagen: Einer ist bei Nebel und Irren von einem Berg heruntergestürzt, der schön war in der reinen Sonne. Man braucht nicht auch noch auszumalen, wie der arme Kerl von Felsstufe zu Felsstufe kollert, in der Luft sich überschlägt, alle Glieder blutig reißt und dann übel zugerichtet drunten liegt in der dunklen Tiefe.

Ja, mein Luischen schrieb mir ab.

Erst konnte ich diesen Brief nicht fassen. Ich hatte ihn aufgemacht wie die hundert anderen, in Freude, in der frohen Sehnsucht: Süße und zärtliche Worte zu hören. Ein ratloses Verwundern, ein Atem beklemmender Schreck befiel mich. Ich konnte an dieses Unmögliche nicht glauben. Und meine erste Empfindung war wohl auch die richtige: „Was in diesem Brief steht, das ist nicht Groll, nicht Zorn, nicht Verstoßung – es ist noch immer Zärtlichkeit und Liebe – doch etwas anderes noch dabei, das mir unverständlich ist!“ Aber dann rann mir etwas Wirres und Graues um die nassen Augen. Und es ging mir wie den Liebeshelden in Tausend und einer Nacht, die bei allen süßen und schmerzenden Zuckungen ihres Herzens immer gleich in Ohnmacht fallen. Ich torkelte vor meinem Schreibtisch über den Sessel hinunter und blieb da liegen, ich weiß nicht wie lange. Als ich wieder zur Besinnung kam, ging ich in die Schlafstube und steckte den Kopf sehr ausdauernd in kaltes Wasser. Und taumelte auf die Straße. Und rannte irgendwohin – ich glaube, in den Englischen Garten.

Immer musste ich an das stockfinstere Sommerhäuschen zu Welden denken – die leis und herzlich redende Stimme meiner Mutter klang in meinen Ohren – und immer, immer, immer wieder hörte ich diese zwei, mich quälenden Worte: „Unsaubere Leut!“

Irgendwo, unter dichten Bäumen, setzte ich mich auf die Erde hin und nahm den brennenden Kopf zwischen die Fäuste. Und da begann ich, was mir geschehen war, als eine Strafe zu fühlen, die ich verdiente. Jählings schoss mir der Gedanke durch Hirn und Herz: „Vielleicht soll das gar keine Trennung sein? Kein Abschied für immer? Nur eine Mahnung der Liebe? Ein Aufrütteln zur Besinnung? Ein Hinweis zu reinlichen Wegen?“ Aber dann schüttelte ich in Erbitterung gleich wieder den Kopf dazu. Mit Herzen, die heiß von Liebe sind, macht man auch er Moral zugunsten keine Experimente, wie mit kalten Fröschen! Und man reißt einem Menschen nicht gleich das Kostbarste und Wertvollste seiner Seele aus den Armen, nur um für seine etwas zweifelhafte Lebensführung eine pädagogische Parabel zu konstruieren.

Mit solchen und ähnlichen Gedanken, die ein bisschen angekränkelt waren durch die Schule Siegfried Mundys, wühlte ich mich in einen tobenden Jähzorn hinein. Irrsinnig rannte ich im sinkenden Abend umher, und als ich zu später Stunde heimkam in meine Bude, war es für mich eine ausgemachte Sache, dass ich diese Nacht nicht überleben könnte. Ich schrieb an Mutter und Vater, schrieb an das Luischen und setzte in mein fragmentarisches Tagebuch, mit dem Datum dieser Nacht, die beiden Strophen:

„Immer hab’ ich nur genossen,
Nie das Leben ernst bedacht.
Und nun harrt mit schwarzen Rossen
Mein der Schwager. Gute Nacht!

Immer nur mit offnen Armen
Stürmt’ ich hin durch diese Welt.
Niemand soll sich mein erbarmen!
Wie man sündigt, so man fällt.“

Nun schmunzelt ihr wohl? Weil ihr wisst, dass ich noch immer lebe! Aber glaubt mir nur: Es war eine grauenhafte Nacht! Eine von jenen Nächten der Ratlosigkeit, in denen verstörte Menschen sich erwürgen, weil sie den nahenden Morgen für eine unmögliche Sache halten. Den Faust retteten Engelschöre und das Läuten der Osterglocken. Mich kleinen Enkel der ewigen Sehnsucht hielt die letzte Zeile des obigen Sterbeliedchens im Leben fest. Denn als ich diese Zeile niedergeschrieben hatte, missfiel sie mir schrecklich, wegen ihres altmodisch verzierten Sprachklanges und wegen ihrer banalen Tugendläpperei. Bei diesem Missfallen schied sich in mir der kritische Poet vom leidenden Menschen. Ich suchte nach einer wertvolleren Fassung dieses ‚letzten Wortes’, Stunde um Stunde verging, ich fand nicht Besseres, wurde beim Suchen müde und legte mich schließlich ins Bett.

Am Morgen verbrannte ich die zwei in der Nacht geschriebenen Briefe und ging ins Literaturkolleg, wie alle Tage.

Und ohne Überleitung steht in meinem Tagebuch, datiert um einen Monat später, dieses überfeilte Zitat aus dem 4. Kapitel von Fischarts Verdeutschung des Gargantua:

„Wilt du ein Tag fröhlich sein,
So gang ins Bad, so schmeckt der Wein.
Wilt du dann lustig sein ein Woch’,
Spreng die Ader, auff Beyrisch doch,
Nemlich hintern Umhang gelegen,
Dass dir kein Lufft nicht gang entgegen.
Gefallt dir: Sein ein Monatsfürst,
Schlacht Säu, friss und verschenk die Würst.
Wilt dann ein Jahr lang Freuden treiben,
So magst du auff gerahtwol weiben!
Aber wilt wol dein Lebtag leben,
So musst dich in ein Kloster geben!“

Die Erde hatte mich wieder. Aber die vier Wochen, die schweigsam zwischen diesen beiden Tagebuchstellen liegen, waren zur Hälfte eine böse Zeit, bis meine knirschende Erbitterung sich in stille Schwermut verwandelte, mit der ich dem verlorenen Glücke nachträumte und seinen Wert verstand.

Mehr als dreißig Jahre sind hingeronnen seit damals. Mit ruhigen Augen kann ich betrachten, was einst gewesen. Das Leben gab meinem jungen, törichten Herzen von allem Guten das Beste. Und als dieses Leuchtende zum anderen Mal versunken und erloschen war, da blieb, ohne dass ich es in den Narrenjahren meiner Jugend erkannte und empfand, von seiner reinen, köstlichen Schönheit noch immer ein leise mahnendes Flügelwehen um mich her. Ob bewusstes Gedenken oder unbewusstes Erinnern – immer war’s wie eine unsichtbare Hand, die mich aufrichtete, wenn ich stürzte, mich zurückschob, wo die Wege hässlich wurden, mich nicht versinken ließ in Sumpf und Kot. Sie band mich fest an alles Natürliche und Gesunde, bewahrte meinem Leib unvergeudet die frische Kraft und behütete mein Herz für ein Kommendes: Für das feste, dauernde Glück meines reifen Lebens.

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