Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 10

Die ‚neuen Leiden’ meines jungen Lebens hatten vorerst ein sehr vergnügtes Gesicht. Daheim bei den Meinen, die sich in München einzuleben begannen, fand ich heiteren Himmel. Doch ich bedurfte noch mehr der Seelenstärkung. Einen Manöverritt vorschützend, benützte ich zwei dienstfreie Tage, um heimlich nach Regensburg zu reisen, meinem Luischen in die reinen Augen zu schauen und mir feste Widerstandskraft gegen die gefährliche Sache zu holen, die ich in meinem Hegnenbacher Abschiedsliedchen als ‚Welt’ bezeichnet hatte.

Dann kam ein Erlebnis, das mir neue Bilder der irdischen Schönheit erschloss und mich vor Freude ganz närrisch und verdreht machte. Als ich in den ersten Oktobertagen vom Militärdienst frei wurde, durfte ich meinen Vater bei einer Inspektionsreise ins Hochgebirge begleiten. Ich erinnere mich noch, dass ich im Eisenbahnwagen, als ich diese blaugrünen, riesenhaften Steinwogen über die schwarzen Waldhügel herauftauchen sah, wie von Sinnen zu schreien begann: „Papa, die Berge! Die Berge! Die Berge!“ Dieses Bild sprang mir mit solcher Kraft in die Seele, dass ich seiner Schönheit hörig blieb durchs ganze Leben.

Ich kannte bisher die Berge nur als ein fernes, blaues Märchen, zart und fein an den Saum des Horizontes gezeichnet, mit dem Himmel fast verschwimmend in eines. So hatt’ ich sie manchmal an klarem Morgen gesehen, vom Münchener Exerzierplatz aus, im Sattel meines Pferdes; und dann hatt’ ich immer ein paar Kommandorufe überhört und Kasernenarrest bekommen.

Nun wurden die blauen Träume in leuchtender Erfüllung. Und ich sah die Berge, als mein Fuß zum ersten Mal ihre steinernen Hallen betrat, im Farbenzauber ihres herbstlichen Feiertagskleides, im Samtgrün der steilen Fichtenwälder, in den flammenden Blutwogen der Buchengehege, mit dem lichten Goldgezack der Lärchen und Birken, mit den purpurnen Feuerflocken der Vogelbeerstauden, im reinen Weiß der steilen Wände, mit einer ersten silbernen Schneeblüte auf den hohen Gipfeln. Und all diese Schönheit war überglänzt von einer klaren, milden Sonne, umflutet von lachendem Blau, durch das ein rätselsamer Flug von feinen glitzernden Fäden ging. Vor diesem schimmernden Wunder der Natur begann in mir zu keimen, was mein Leben erfüllen sollte. Muss ich es Zufall nennen? Oder Glück? Wenn ich die Berge zum ersten Mal gesehen hätte in einer grauen, frierenden Regenwoche? Was dann? Aber ich fand sie gerade in diesen einzigen Tagen, in denen sie schöner sind als in allen anderen fünfzig Wochen des Jahres. Wieder eine Goldamsel meines Lebens!

Acht Tage! Und jeder Tag eine Trunkenheit meiner Sinne. Der Vater lachte Tränen über mein ‚verrücktes Gezappel’. Und manchmal in der Nacht musste er schelten: „So schweig doch endlich, dass man schlafen kann!“ Vom ersten Zwielicht bis zum sinkenden Abend musste ich rennen und klettern. Jede Stunde auf einem freien Gipfel war mir ein Ruhen am Herzen des Schöpfers, jeder Blick zu den funkelnden Sternen der Bergnächte ein staunendes Anbeten des Ewigen, jeder Ausguck zu blauen Weiten ein Lächeln über die Kleinlichkeiten des menschlichen Lebens. Einem Specht oder einem Haselhuhn konnte ich stundenlang im steilen Bergwald nachrennen; halbe Tage lag ich geduldig vor den großen Ameisenhaufen, guckte diesem emsigen Gekribbel zu und träumte in die ruhelosen Rätsel des Kleinlebens die wunderlichsten Gedanken hinein. Ganz von Sinnen war ich, als ich das erste Rudel Gämsen sah; und ein unbeschreibliches Zittern durchrieselte mich in jener glühenden Abendstunde, in der ich zum ersten Mal den Orgelschrei eines brünstigen Hirsches hörte.

Aller Glanz, der diese große Natur umschimmerte, warf in meinen Augen auch einen verklärenden Schimmer über die Gesichter und Gestalten der Menschen in den Bergen. Diese alten, klug schwatzenden Förster, die jungen, kecken Jagdgehilfen und die lachenden, gliederstarken Holzknechte wurden für mich zu heiteren Lebenskünstlern, zu frohen Weltweisen, zu ‚Menschen, wie sie sein sollten’. Ich sah in ihnen den ‚besseren Schlag’, eine Erfüllung des gesunden Naturwillens. Und jedes gemütliche Jägerhäuschen, jede verlassene Sennhütte erschien mir als Palast eines schöneren Lebens – schöner, weil es fügsamer dem Willen der Natur gehorchte. Der Arbeitsschmutz an den Händen und Hemden dieser ‚Mannsbilder’ war mir kein Wesentliches; die Sache, auf die es ankam, war der Glanz in ihren Augen, das Lachen in ihren Herzen, der frohe Lebensklang in ihren Liedern und Jauchzern. Es ging mir wieder wie damals an jenem gräulichen Oktoberfestmorgen im Wartesaal des Münchener Bahnhofes: Alles Hässliche und aller Ekel wurde für mich überwogen und beiseite geschoben von der schmucken fesselnden Schönheit, die ich finden und schauen durfte. Wer kann uns zwingen, die Stunden der Helle im Winter zu zählen? Ich zähle sie an Sommertagen: Sechs Stunden Nacht und achtzehn Stunden Sonne. Auch bei der Rechnung der pedantisch Gewissenhaften, wenn sie den Wert eines ganzen Jahres mit Ziffern messen, kommt für die Sonne noch immer die bessere Quote heraus.

Glückselig, vom Reichtum der Eindrücke berauscht und mit Lebensfreude voll gesogen bis in die kehle herauf, so kam ich nach München zurück. Und da fielen nun gleich zwei bedrückende Schatten über mein Lachen her. Den einen, der mich schwer verstörte, will ich späterhin bei gebotenem Zusammenhang erörtern. Den anderen bereitete mir die höfliche Neugier des Herrn Lammberger nach meiner Zahlungsfähigkeit. Sein Brief, der ein bisschen unklar adressiert war, geriet unter die amtliche Post meines Vaters. Nach einem Mittagessen – bei dem die Mutter den Vater immer wieder in Sorge fragte: „Gustl? Was hast du denn? Ist dir nicht wohl?“ – legte Papa einen Zettel in mein Zimmer: „Komm sofort auf mein Bureau!“ Ich kam. Papa machte nicht viel Worte. Doch als ich seine müden, traurigen Augen sah, hätt’ ich dem leichtsinnigen Huhn, das ich war, mit eigenen Fäusten den Hals umdrehen können. Der Vater gab mir einen Bogen Papier mit zwei Rechenexempeln – das eine war sehr kurz, das andere sehr lang. „Hier hab’ ich dir aufgeschrieben, wie viel mein Gehalt beträgt, und was ich für das Leben unserer Familie und für eure Erziehung zu leisten habe.“ Diese Rechnung hatte ein Defizit von etwa zweitausend Mark. „Den Fehlbetrag muss ich durch Privatarbeit in langen Nächten verdienen. Schulden mache ich nicht, auch nicht um deinetwillen. Du siehst also, dass ich deinen Wechsel nicht bezahlen kann, auch wenn ich wollte. Ich will aber auch gar nicht. Fängt man das einmal an, so nimmt es kein Ende mehr. Erinnere dich, was ich dir in Würzburg sagte.“ Vor meinen Augen schrieb Papa an Herrn Lammberger einen Brief des kurzen Inhalts: „Mein Sohn wird seine Schuld (mit den gesetzlichen Zinsen vom heutigen Tag an) begleichen, sobald er zu ausreichendem Verdienst kommt. Dafür bürge ich als sein Vater.“ Dann sprach er zu mir beinah die gleichen Worte, die Mama mir damals in Würzburg gesagt hatte, als ich das graue ‚Sorgeplätzle’ in ihrem Blondhaar gewahren musste. „Ich will, dass deiner guten Mutter die Kenntnis von diesen abscheulichen Dingen erspart bleibt. Der Kummer würde ihr das Herz abdrücken!“ Er fügte bei: „Dass du mir wehgetan und mir die Freude an dir und deiner Begabung getrübt hast, das mache ich dir nicht zum Vorwurf. Es scheint, wenn man Vater ist, muss man manches schlucken lernen. Zum Vorwurf mache ich dir nur dieses eine, dass du dein eigenes Leben mit einem unsauberen Stein beschwert hast. Ein Versprechen für die Zukunft verlange ich nicht. Wenn du es brechen würdest, müsse ich schlecht von dir denken. Sieh zu, wie du durchkommst! Und … plag dich ein bisschen, um mir wieder Freude zu machen.“

Ich plagte mich ehrlich. Damit der Vater wieder versöhnlich würde und wieder heitere Augen bekäme. Begann ich auf dem Polytechnikum mit zähem Fleiß zu ziehen. Ich hörte alle mathematischen Fächer, Maschinenkunde, Reibungslehre, Mikroskopie, Maschinen- und Freihandzeichnen, Aquarellieren, Chemie und chemisches Praktikum, Physik und physikalische Übungen. Daneben nahm ich französische, englische und italienische Sprachstunden. Meine Tage waren, mit einer Mittagspause, von 8 Uhr morgens bis abends um 7 Uhr belegt.

Chemie und Physik, die mir Schritt um Schritt einen tieferen Einblick in den Organismus der Natur gewährten, weckten in mir ein heißes und dauerndes Interesse. Und in beiden Fächern hatte ich Lehrer, die mein Herz gewannen: Erlenmeyer, der Chemiker, und noch mehr der Physiker Beetz. Der wurde für mich das Ideal eines Lehrers, in seiner klaren Ruhe, mit dem prachtvollen, fesselnden und zum Denken anregenden Vortrag, mit seinem hilfsbereiten Interesse für jeden strebsamen und fähigen Schüler – eine wissenschaftliche Erlösergestalt.

In allen übrigen Fächern merkte ich schon nach wenigen Kollegienwochen mit Bangen, dass in mir die Liebe zum technischen Beruf bedenklich verkühlt war. Meine Seele und meine Gedanken hingen an anderen Dingen. Doch, wenn ich in den Nächten oft bis zum Morgen bei der Lampe saß und kritzelte und reimte, begriff ich noch immer nicht, dass sich hier eine Stufe meines Lebens formte. Meine Vorleibe für die Physik brachte das mit sich, dass ich vorerst nur dachte: Du bist zum Naturwissenschaftler geboren, musst Physiker werden oder Astronom. Mit dem Vater wagte ich über diesen Zweifel an meiner Berufswahl nicht zu reden. Um seinetwillen zog ich energisch weiter an dem Strang, an den ich mich gebunden fühlte. Manches, wie das Zeichnen und Malen, machte mir auch Freude. In der Aquarellierstunde schwang ich mich zu dem Versuch auf, ein Porträt meines Luischens zu malen – eine Photographie und das leuchtende Bild in meinem Herzen waren meine Vorlagen. Als Professor Sporrer zur Korrektur kam, sagte er verblüfft: „Wie kommen Sie denn auf den Einfall, das zu malen? Das ist ja die Lola Montez.“

„Nein, Herr Professor, das ist meine Braut.“

„Ooooh, da kann man gratulieren.“

Ich freute mich rasend über diesen ersten Glückwunsch, den ich zu meiner Herzenswahl empfing.

Zum Schluss des Studienjahres konnt’ ich meinem Vater ein Zeugnis mit vier Einsern vorlegen. Und da war Papa wieder ganz der Alte, heiter und herzlich. Was doch ein paar so schlanke römische Ziffern zuwege bringen! Und für die geistige Entwicklung eines jungen Menschen sind sie völlig belanglos. Papa wähnte mich um dieser Einser willen gut im Zug, und ich stand schon heimlich mit Herz und Füßen auf einem anderen Boden.

Aus meines Vaters Berufsleben in diesem Winter blieb mir ein Wort in Erinnerung, das registriert zu werden verdient. Papa brauchte fast alle Sonntagvormittage dazu, um seine offiziellen Besuche zu erledigen. Von einem dieser Besuche bei einem hohen Beamten kam er lachend heim und erzählte, der Herr Staatsrat hätte zu ihm gesagt: „Herr Forstrat, Sie sind neu im höheren Dienst, und da will ich Ihnen einen guten, bewährten Rat geben. Wenn Sie einen schwierigen Akt bekommen, und Sie wissen nicht, wie Sie ihn erledigen sollen, dann lassen S’ ihn ein halbes Jahr lang liegen. Bis Sie ihn dann wieder ansehen, hat er sich von selbst erledigt.“ Ich besorge nur, dass Papa diesen klugen Rat nicht befolgte; er war einer von jenen Beamten, die sich – wie meine Mutter immer halb mit Lachen und halb mit Ärger zu sagen pflegte – ‚für den Staat zerreißen lassen’. An solche Meinung pflegte Mama die Frage zu knüpfen: „Und was hat der Beamte davon? Den Notnickel im Hosensack und, wenn er’s erlebt, die Hausnummer im Knopflöchle.“

Derartige Scherze hörte Papa nicht gerne. „O nein, Lotte! Er hat auch etwas anderes noch!“

„So? Was denn?“

„Das ruhige Bewusstsein redlicher Pflichterfüllung.“

„Dees Bewusstsein hab ich auch. Aber wenn ich mich abends niederleg und an Schuster und Schneider denk, so kann ich halt nimmer schlafen. Ja ja, Beamter! Weißt, was der Krenkl1 gesagt hat? Mistbeeter gibt’s viel, aber es kommt net aus jedem e Butterspargel raus!“

Mama begann sich den Münchener Dialekt schon ein bisschen anzugewöhnen. In allen wachsenden Sorgen des Haushaltes bewahrte die Mutter ihren unverwüstlichen Humor. Und wenn kein ‚Späßle’ mehr helfen wollte, um die ernsten Falten von Papas Stirne zu verscheuchen, griff sie zu diesem unfehlbaren Mittel: Sie klappte den langen Chignon, der damals noch Mode war, mit einem flinken Kopfruck noch vorne. Das nannte sie ‚den Raupenhelm aufsetzen’, um für Gott, König und Vaterland zu streiten. Und Papa musste lachen, ob er wollte oder nicht.

Der ‚Sprung nach aufwärts’, den die Eltern in Papas Beförderung gesehen hatten, war vorerst nur ein scheinbarer gewesen. Der Umzug hatte viel verschlungen. Und das Leben in München, damals noch billig, war doch teuer für einen Beamten mit zwei großen und zwei heranwachsenden Kindern. Der Gehalt des Vaters war gegen die Oberförsterzeit um die Hälfte gestiegen, das Leben unserer Familie um mehr als die Hälfte knapper und ärmer geworden. Das Wenige fest zusammenzuhalten, dazu brauchte die Mutter ‚eiserne Strickle’; und neben dem einzigen Dienstboten musste sie die halbe Arbeit im Haus selber tun, auch die grobe. Die Saiten ihrer Zither verrosteten, das Lesen in den geliebten Büchern hatte ein Ende. Nur dieses eine Unentbehrliche behielt sie noch immer bei: In der Dämmerung am Fenster zu spinnen, das auf die kleinen, fremden Gärten hinaussah. Und da bleib es ihr ewiger Seufzer: „Ach, mein Welden, mein Haus, mein Wald, mein Gärtle, ach, und meine Blumen!“ Bei allen Seufzern war das ihre frohe Traumstunde, ihr nachgenießendes Glück.

Um Papa ein bisschen zu entlasten und mir mein Taschengeld selber zu verdienen, nahm ich im August am Starnbergersee eine Instruktorstelle bei einem Standesherrn an; ich sollte seinem Jüngsten in der Mathematik zu aufrückenden Beinen verhelfen. Das brachte mir einen schönen Sommer zwischen rauschendem Grün und rauschendem Blau, mit dem duftigen Märchen der Berge in einer Ferne, die mir Nähe schien. Jeden Nachmittag um vier Uhr war ich Freiherr, rannte durch den prachtvollen Park, lag im Gras und machte Verse, fuhr in dem kleinen zu meiner Verfügung stehenden Kahn zum Fischen auf den See hinaus oder zur Künstlerkneipe hinüber nach Ammerland.

Innerhalb dreier Tage ging es mir da dreimal an den Kragen. Eines Abends, als ich vom Ammerland heimfuhr über den See, kam ein Gewitter mit schwerem Sturm. Meine leichte Zille gaukelte wie ein welkes Blättchen. Zuerst brach mir das rechte Ruder, dann das linke. Ich musste das Sitzbrett aus dem Kahn reißen, um steuern und paddeln zu können. Wenn ich mit dem Hut das Wasser aus dem Boot schöpfte, trieb mich der pfeifende Wind immer wieder um die Hälfte des erkämpften Weges zurück. Ich brauchte sieben Stunden, fast bis zum hellen Frühlicht, um das Ufer zu gewinnen – und wäre wohl überhaupt nicht mehr herausgekommen, wenn sich nicht der Sturm vor dem grauenden Tag gelegt hätte.

Der Morgen brachte wieder heiteres Wetter. Weil ich am Abend kein Boot hatte und nicht rudern konnte, drum schwamm ich. Erst nur weit in den See hinaus. Dann dachte ich: Vielleicht kommst du ganz hinüber? Es gelang. Ich fühlte mich nicht sonderlich müde, rastete ein halbes Stündchen in der warmen Abendsonne und trat den Rückweg an, von dem ich bald zu wünschen begann, dass er Balken hätte. Herrgott, die Sache wurde mir sauer! Es kamen Momente, in denen ich viel an Regensburg denken musste, nicht nur ans Luischen, noch mehr an die Donau und an den Feldwebel der Militärschwimmschule. Endlich konnte ich waten; aber das ging noch langsamer, als zuletzt das Schwimmen gegangen. Dritthalb Stunden war ich im Wasser gewesen, hin und her. Am Ufer fiel ich wie ein Klotz ins Gras. Und bis in die späte Nacht hinein musste ich nackt zwischen den Stauden liegen, bevor ich mich wieder rühren, mich ankleiden und meine Stube suchen konnte, die sich im Ökonomiegebäude befand. Als Instruktor des jungen Herrn Baron, den eine Gleichung mit zwei Unbekannten sprachlos machte, wohnte ich nicht im Schloss, sondern unter dem friedlichen Dach, unter dem die Bräuknechte und Stallmägde schliefen. Ich habe mich zwischen diesen braven Leuten sehr wohl gefühlt.

Das schlimmste der drei Abenteuer begann mit dem nächsten Morgen, der einen fürchterlichen Sonntag einleitete. Trotz aller Müdigkeit war es für den Rest der Nacht nichts Rechtes mit meinem Schlaf geworden. Ich hatte mich schwer erkältet, nicht in der oberen Hälfte meines Lebens, nur in der unteren. Das gab Veranlassung zu häufigen Ruhestörungen. Am Vormittag ließ ich mir Opiumtropfen aus der Apotheke holen – denn ich war für Mittag, wie an jedem Tag des Herrn, zum Diner in das Schloss geladen – an den Wochentagen aß ich aus der Küche des Verwalters. Die Tropfen halfen. Ich nahm aber auch eine Portion, von der ich sicher war, dass sie gründlich und nachhaltig diese Revolte auf der Schattenseite meiner Natur beschwichtigten würde. Sorglos ging ich zum Diner. Doch was man servierte, wollte mir nicht schmecken. Am Nachmittag kroch ich ein bisschen duselig im Park umher, legte mich bald in die Federn, und als es Nacht geworden, krümmte ich mich vor Schmerzen. Eine schwere Opiumvergiftung. Meine Stube hatte keine Glocke. Ich taumelte aus dem Bett, wollte zur Tür hinaus und plumpste im Korridor auf den Boden hin. Eine kleine, nette, dicke Magd, die in einer nahen Kammer schlief, wurde wach, kam mit dem Kerzenlicht gelaufen und erschrak, wie gute Herzen vor dem Leiden eines anderen Menschen erschrecken. Sie schleppte mich ins Bett, und weil sie der Meinung war, dass ‚guate Milli’ ein Universalmittel wider alles Giftige wäre, kochte sie mir einen festen Hafen voll heißer Milch. Ich verbrannte mir den Schnabel. Aber ich musste schlucken, schlucken, schlucken – so lange schlucken, bis der heilige Ulrich sich erweichen ließ und meinen Magen umdrehte wie einen Handschuh, der gewaschen wurde. Am Morgen war ich wieder ganz leidlich in Ordnung. Als der Doktor kam, das leere Opiumfläschchen sah und die Zahl der Tropfen berechnete, die ich genommen hatte, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen: „Das ist einfach unglaublich, dass Sie noch leben! Sie müssen eine Natur haben wie ein Ross!“ Zum Dank für meine Lebensrettung verehrte ich der guten Magd ein seidenes Halstuch mit Fransen. Das brave Mädel freute sich lachend über die blaue Seide, war aber ein bisschen verlegen und hielt es für notwendig, sich zu entschuldigen: „Im ersten Schrockn, heut Nacht, da hab i ganz vergessen, dass i übers Hemmed no ebbes anzogen hätt!“ Ich in meinen Schmerzen hatte diesen Kleidungsmangel gar nicht bemerkt. Die Begriffe über Sittlichkeit sind unkontrollierbare Subjektivitäten. Und ich tröstete das verlegene Frauenzimmer mit den Worten: „Geh, das macht nichts! Die guten Schutzengel auf den Heiligenbildln haben nie was anders an als ein Hemd.“ – In den Büchern, die ich späterhin geschrieben habe, gab ich manchem Mädel aus dem Volk den Blick und das Lachen dieser Magd.

Während der folgenden Wochen musste ich meine sportlichen Verrücktheiten auf ein vorsichtiges Maß beschränken, um mich völlig wieder zu erholen. Dabei fand ich Zeit für viele Bücher, fraß mich wieder in die alte Lesewut hinein, und immer heißer setzte sich dieser Gedanke in mir fest: Literaturgeschichte zu studieren und die akademische Laufbahn einzuschlagen. Bei einer Stelle von Goethes Wahlverwandtschaften – welche es war, das weiß ich nimmer – fasste ich den Entschluss, aufrichtig mit meinem Vater zu sprechen. Das tat ich, als ich heimkam nach München. Papa erschrak und blieb lange schweigend am Fenster stehen. Dann sagte er: „Zwei verlorene Jahre! Das ist viel! Aber dein Verhalten im letzten Semester lässt mich hoffen, dass dieser Entschluss nicht aus Leichtsinn entspringt, sondern etwas Zwingendes ist. Wenn du also glaubst, auf diesem anderen Wege glücklicher zu werden …“

Ich umarmte den Vater, bevor er noch ausgesprochen hatte.

„Ja, ja! Literaturgeschichte! Das ist etwas recht Schönes! Aber hast du dir denn auch gesagt, dass du da sehr schweren Jahren entgegengehst? Ohne Vermögen, als notiger Privatdozent … und zehn, zwölf Jahre oder länger kann’s dauern, bis du Professor wirst?“

Nein! Das hatt’ ich mir nicht gesagt. Und beim Gedanken an mein Luischen schoss mir alles Blut zum Herzen.

„Gelt? Jetzt erschrickst du selber!“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Papa, ich fürcht mich nicht. Wirst sehen, ich komm vorwärts. Ich kann doch auch als Privatdozent was verdienen, kann schriftstellerisch arbeiten …“

Da war es nun zum ersten Mal ausgesprochen: Schriftstellerei!

Und Papa lächelte ein bisschen. „Wenn du den Mut hast? Und das Talent dazu? Ich weiß nicht … aber in Gottes Namen!“

Selig stürmte ich zur Mutter und warf mich an ihren Hals. Sie stammelte in Sorge: „Jesus, Bub, was machst du denn für Sachen? Ich hab mir’s aber allweil gedacht, dass es mit deiner Kritzlerei in der Nacht no emal en Unglück gibt!“ Dann kam ihre heitere Laune wieder obenauf. „Na also, wenn du ein Dichter sein willst, so mach mir emal en Reim auf Apfelkuchen!“

„Den möchte ich gleich versuchen!“ Das war kein Blitz meines Geistes, sondern die Pointe einer Anekdote, die uns Mama in der Kinderzeit oft erzählt hatte.

Nach den Scherzen der ersten Stunde wurde freilich noch an manchem Tage sehr ernst über diese Sache hin und her geredet. Und ein paar schlaflose Nächte gab’s, bis ich Antwort vom Luischen hatte. Es kam ein zärtlicher Brief voll gläubigen Vertrauens. Das machte meine Freude ganz und fertig. Mein Mut bekam doppelte Sohlen. Ich dachte: „In zwei, drei Jahren hast du deinen ersten großen Erfolg! Und das Glück ist da!“ – Die erste Hälfte dieses Gedankens erfüllte sich. Das Glück blieb aus, versank, war nirgends – und überall!

Mit Eifer legte ich mich ins Geschirr meiner neuen Freude. Physik trieb ich weiter, aus Liebe zur Natur. Dazu hörte ich – über vier Semester verteilt – auf dem Polytechnikum: Deutsche Literaturgeschichte bei Wilhelm Hertz, Lyrik und Drama bei Meggenthaler; Italienische Sprache bei Meloir; Deutsche Stilistik, Volks- und Kunstepos, Rhetorisches Praktikum, Englische Literaturgeschichte, Altenglisch, Shakespeare und sein Werk, Französische Literatur, Voltaire und seine Zeit, Dantes Divina Commedia und Seminar für moderne Sprachen bei Rheinhardstöttner; - auf der Universität: Deutsche Literatur bei Bernays; Ästhetik und Goethe bei Carriere; Logik und Geschichte der Philosophie bei Prantl.

Unter diesen Lehrern fand ich nur zu Rheinhardstöttner ein starkes, persönliches Verhältnis; ihm hab’ ich viel zu danken; er wurde mir ein väterlicher Freund, der mir über manche Klippe und Tiefe meiner Jugend, als sie bös zu gären anfing, mit Rat und Mahnung hinüberhalf.

Zu Wilhelm Hertz hatte mich meine Bewunderung für den fein webenden, nur erst von wenigen gekannten Dichter hingezogen. Doch es war genussreicher, ihn zu lesen als zu hören. Auf dem Katheder war immer ein bisschen Müdigkeit in ihm, die sich auch seinen Hörern mitteilte. Es scheint, ein Dichter kann kein Professor sein, ein Professor kein Dichter.

Bernays konnte mich durch den Glanz seines Vortrages berauschen und daneben durch seinen delphischen Blick und seine legendäre Eitelkeit erheitern. Als ihm ein berühmter Chirurg den Vorschlag machte, durch einen leichten Schnitt die schiefen Augenachsen parallel zu stellen, erwiderte Bernays: „Nein, Kollega, ich will den vielen Tausenden, die mich lieben, das ihnen teuer gewordene Bild nicht zerstören.“ Bei allem Lächerlichen, das ihm anhaftete, war er ein starker, bedeutender Mensch, von dem eine Fülle geistiger Anregung ausströmte.

Carriere, der zu altern begann, war damals bereits der Ulkprofessor mit der unwillkürlichen Komik. Er pflegte im Kolleg über Goethes Faust als tiefgründiges Mysterium zu verkünden: Dass auf den Ostersonntag der Ostermontag folgt. Und seine Ästhetik war Sirup mit Schlagrahm.

Prantl, der Philosoph, dozierte mit geistvoller Trockenheit. Das übertrug sich auf das Bild der Weisen und ihrer Systeme, von denen er sprach. Es war mir seine Geschichte der Philosophie nur ein funkelndes Gleichnis für die ruhelose, doch immer ungestillte Sehnsucht des Menschengeistes. Ein unbehagliches Misstrauen gegen alle spekulative Philosophie hatte ich schon zur Hochschule mitgebracht. Und da konnte mich keiner fest umschlingen, weder Kant, noch Hegel, am allerwenigsten Schelling, von dem heute nur ein Münchener Monument noch behauptet, dass er ein ‚großer Philosoph’ gewesen wäre. Bei Kant und Hegel fand ich neben allem blitzenden Geist zu wenig Leben, zu wenig Blut. Am wärmsten konnte ich für Spinoza fühlen, doch auch für ihn nur in der lebendigen Umformung, die er bei Goethe gefunden.

Mit Schopenhauer, der mich fesselte, ohne dass ich ihm glauben konnte; mit Hartmann, der parodistisch auf mich wirkte; mit Darwin, den ich heiß verschlang, und mit Häckel, der mich Darwin begreifen lehrte – mit diesen vieren und anderen Neuen musste man sich außerhalb der Universität privatim beschäftigen; sie waren damals für die Alma Mater noch seitwärts liegende Größen.

Eine Reihe von Kollegien, die mich interessierten, musste ich ‚schinden’, weil ich sie nimmer bezahlen konnte: Schwedische Grammatik und Frithojofsage; Sanskrit; Deutsche Geschichte; Nationalökonomie bei Haushofer; Mineralogie; Kulturgeschichte bei Riehl. Auch Dänisch trieb ich und übersetzte Hoftrupps amüsantes Singspiel ‚Eventyr paa Fodreijsen’. Als ich bei dem Dichter anfragte, ob er mir die Verwertung dieser Übersetzung für die deutsche Bühne gestatten wolle, schrieb er mir einen saugroben, von Deutschenhass erfüllten Brief.

Dieses Viele, dieses Vielfache durcheinander, machte mir zuweilen das Gehirn ein wenig rapplig, so dass ich ausspannen musste. Manchmal half mir eine feste Tour ins Gebirge. Nicht immer. Und dann konnte ich wie ein wildes Füllen werden, das in Übermut nach allen Seiten ausschlug. ‚Sich ausleben’ – dieser Terminus war damals noch nicht im Schwang. Aber die Sache war die gleiche wie späterhin, nur war sie damals noch derber und gesünder als in den nachgeborenen Zeiten des Künstlercafés. Man wippte nicht als Übermensch die Asche von der Zigarette, sondern schlug mit der Faust auf jeden Tisch. Und Blut und Psyche gingen auch im Zustand hochgradiger Verrücktheit noch immer ihre geraden, natürlichen Wege.

Ich verdiente damals viel Geld – viel im Verhältnis zu dem bescheidenen Taschengeld, an das ich gewohnt war. Der wohlwollende Zufall hatte mir einen jungen, reichen Amerikaner beschert, den ich zum Eintritt ins Polytechnikum vorbereiten sollte. Das trug mir über ein Jahr lang jeden Monat 100 Mark.

Um die gleiche Zeit war die kleine Wohnung der Eltern für uns alle zu eng geworden. Mein heranwachsender Bruder brauchte sein eigenes Stübchen; wir beide konnten bei der Fahrigkeit unserer Ellenbogen zwischen vier schmalen Wänden nebeneinander nicht arbeiten; so erbte der Bruder mein Hofzimmerchen, und ich, fern dem väterlichen Bereich, dem bändigenden Blick der Mutter entrückt, bekam meine Studentenbude draußen in der Stadt. Wenn ich bei solcher Ungebundenheit auch der Pflicht meiner Tage gehorchte, so war ich doch unumschränkter Herr meiner Nächte. Das tat mir nicht gut. Aber grob geschadet hat es mir schließlich auch nicht.

Mit harmlosen Studentennarreteien fing es an. Sie wären schockweise zu erzählen. Ein paar Pröbchen nur.

Der Monumentalbrunnen vor der Universität war in sommerlichen Nächten meine Badewanne. Wenn ich spät vom Hofbräuhauskeller heimkehrte oder mit den Eltern im ‚Grünen Baum’ an der Isar gewesen war und noch das Verlangen nach Erfrischung fühlte, zog ich mich in der Schattendeckung der Universitätsfontäne aus und plumpste ins Bassin, pritschelte und plätscherte, gurgelte und spritzte, spielte ‚Wassermann’, machte die späten Wanderer lachen und jagte einsam heimzappelnden Frauenzimmerchen einen panischen Schrecken ein.

Auf dem öden Platz war in der Dunkelheit nie ein Gendarm zu sehen. Einmal als ich badete, kam aber doch einer. Er war sehr empört über die ‚Unfläterei’, wie er mein Bedürfnis nach Reinlichkeit und Erquickung nannte. Im Nu hatte er meine Kleider unter dem rechten Arm, meine Stiefel in der linken Hand, retirierte aus dem Spritzbereich der Brandung, die ich im Bassin verursachte, fühlte sich als der Stärkere und sprach: „Sö! Genga S’ aussi da!“

„Ich mag nicht.“

„Guat! Da nimm i halt ‚s Gwand mit auf d’ Wach!“

„Sie werden öffentliches Ärgernis erregen, wenn Sie mich zwingen, nackt durch die Stadt zu laufen.“

„Herrgottsakra!“ Ratlos stand er ein Weilchen im Dunkel der Nacht.

Weil mir meine Situation ein bisschen bedrohlich erschien, verlegte ich mich aufs Parlamentieren. „Wenn Sie meine Kleider wieder hinlegen und auf die Seite gehen, steig ich heraus und ziehe mich ruhig an.“

„Also! Meinetwegen!“ Er legte die Kleider auf die Steinstufen des Brunnens hin und trat ein paar Schritte zurück.

„Ja, so geht das nicht! Ich kann doch nicht putzelnacket vor einem wildfremden Menschen aus dem Wasser steigen.“

„Was? Schamgefühl wollen S’ aa no haben? Sö narreter Saubartl! Hätten S’ Eahna net auszogen!“

„Ich werde jetzt nicht über die Qualität meines Schamgefühls mit Ihnen streiten. Aber wenn Sie nicht auf die andere Seite des Brunnens hinübergehen, bleib ich im Wasser … meinetwegen, bis es Tag wird.“ Weil er sich weder vom Fleck rührte, noch Antwort gab, fügte ich bei: „Sie brauchen nur so lange da drüben zu bleiben, bis ich das Hemd anhabe. Dann schenier ich mich nimmer.“

Dieser Vorschlag schien ihm akzeptabel. Er dachte wohl: Bis ich in Hosen und Stiefel käme, hätte er mich schon. Marschierte also im Bogen um den Brunnen herum – und als er drüben war, sprang ich aus dem Wasser, haschte das Bündel meiner Kleider unter den linken Arm, packte mit der rechten Hand meinen Hut und meine Stiefel und rannte mit den Sprüngen eines Marathonläufers gegen das Siegestor. Der Gendarm unter Flüchen und Keuchen hinter mir her. Im Schatten des monumentalen Tores schlug ich einen Hacken in die nahen Stauden und war gerettet. Denn der Platz, auf dem heute die Akademie der Künste steht, war damals noch wüste Heide mit allerlei Gebüsch.

Das Baden im Universitätsbrunnen unterließ ich für längere Zeit. So beschneidet uns die Zivilisation alle kleinen, harmlosen Freuden des Lebens.

In einer sommerlichen Vollmondnacht, als ich mit meinem Kameraden von Schwabing durch die Ludwigstraße heimkehrte, gerieten wir in eine Debatte über die Architektur der Staatsbibliothek. Dieses Gebäude, das nach den vier Statuen der hellenischen Weisen vor seinem Portal als ‚Palast der vier heiligen drei Könige’ bezeichnet wurde, hat eine aus großen Quadern gebaute Fassade. Zwischen den Quadern des Sockels und der Mauerkanten befinden sich tiefe Fugen. Beim Anblick dieser im Mondlicht schwarz erscheinenden Leiterzeichnung kam ich auf den prachtvollen Gedanken, dass man an der Ecke der Fassade bis zum Dach hinaufklettern könnte, wenn man diese Quaderfugen als Griffe für die Hände und als Sprossen für die Füße benützt und dabei über die Kante des Gebäudes hinaufreitet. Man musste nur zuerst auf die hohe, an die Fassade stoßende Mauer des Bibliothekgartens steigen; dann konnte die feine Kletterei beginnen.

Mein Kamerad begeisterte sich gleich für diesen Einfall, und wir wetteten: Wer höher hinaufkäme. Beim ‚Zipfeln’ entschied das Los, dass ich den Anfang zu machen hätte. Ich klomm auf die Gartenmauer. Dann fing dieses Leitersteigen an. Die Sache machte mich schwitzen. Man musste sich in den Quaderfugen mit Händen und Füßen tüchtig ‚einkrallen’. Und in der Höhe des ersten Stockes war ein Mauergesimse, um das man schwer herumkam. Doch über die Benediktenwand, die ich an Pfingsten besteigen hatte, war’s noch härter hinaufgegangen. Ich stieg und stieg, kam bis an die Kante des Daches und brachte mich auch glücklich wieder herunter. Jetzt begann der andere die Kletterei. Als er zehn oder zwölf Meter hoch droben war, klang es auf dem Trottoir der Ludwigstraße: trabbi, trabbi, trabbi. Zwei Polizisten Kamen gelaufen. Mein Kamerad, der droben im schönsten Mondlicht an der Mauer hing, hatte sie schon gesehen und rührte sich nimmer. Sein Filzhütl lag auf dem Pflaster; ich schob es flink in die Hosentasche. Jetzt waren die Polizisten da. Und fragten misstrauisch: „Was is denn? Was gschieht denn da?“

Ich fuhr mit den Händen nach ihren Mäulern und flüsterte: „Um Gottes willen! Nur keinen Laut! Das ist ein Mondsüchtiger. Der ist wie ein Eichkatzl an der Wand hinaufgestiegen, ist droben auf dem Dach spazieren gegangen … ich hab’ alles ganz genau gesehen … und jetzt will er wieder herunter.“

Der eine von den beiden glaubte gleich, der andere blieb misstrauisch und wollte reden.

„Um Christe Barmherzigkeit! Nur keinen Laut! Der Mondsüchtige scheint ohnehin schon etwas gehört zu haben, weil er sich nimmer rührt. Wenn Sie jetzt noch ein einziges lautes Wort reden, wacht er völlig auf, fällt herunter wie eine Dampfnudel und ist mausetot. Dann haben Sie die Verantwortung. Ich bin Mediziner. Jetzt hab’ ich Ihnen alles gesagt. Jetzt machen Sie, was Sie für richtig halten!“

Der eine guckte stumm zu dem Mondsüchtigen hinauf, der andere lispelte: „Herrgott, was tuat ma denn da?“

„Ich meine, Sie sollten sich ganz ruhig verhalten. Wenn der Mondsüchtige nichts mehr hört, wird er bestimmt herunterkraxeln und heim wollen in sein Bett. Wenn Sie damit einverstanden sind, werde ich auf die Mauer hinaufstiegen. Dann werde ich, wenn der Mondsüchtige herunterkommt, gleich seinen Puls fühlen, werde ihn aufwecken und so mit ihm sprechen, wie man als Arzt mit einem Mondsüchtigen reden muss.“

Der Misstrauische flüsterte: „Der is ja ganz anzogen! Wie a Gsunder! Ich hab mer sagen lassen, dass d’ Nachtwandler allweil im Hemmed san?“

„Nicht immer!“, versicherte ich mit wissenschaftlichem Ernst und stieg, von dem Gläubigen unterstützt, auf die Mauer.

Der Mondsüchtige kletterte achtsam über die Quaderleiter hinab. Als er an meiner Seite war, fasste ich seine Hand und sprang mit ihm in den Grasgarten der Bibliothek hinunter. „Adieu, meine Herren! Einen schönen Gruß von den Nürnbergern!“ Wir rannten davon. Hinter uns hörten wir noch die Stimme des Misstrauischen: „Gelt, ja, i hab mer aber glei so ebbes denkt!“ Eine Mauer und ein paar Gartenzäune mussten überkraxelt werden; dann waren wir in der Kaulbachstraße, die damals noch Gartenstraße hieß, und konnten ungefährdet einen lachenden Bummel im Mondenglanz des Englischen Gartens unternehmen.

Ein anderer Streich ist vorbildlich geworden und hat seit dreißig Jahren viele Nachahmer gefunden. Im Hof des Hauses, wo ich wohnte, wurde eine neue Senkgrube ausgemauert. Und in einer vergnügten Mitternacht hatte mein Kamerad mich heimbegleitet. Als ich das Tor aufsperrte, sahen wir im Hausflur die großen schweren Balken liegen, mit denen die Senkgrube gedeckt werden sollte. „Du! Komm! Jetzt nehmen wir so einen Balken und tragen ihn spazieren! Das wird fidel!“ Wir hoben den klobigsten dieser Blöcke auf die Schultern und steuerten im Leichenträgerschritt der Ludwigstraße zu. Beim Königsdenkmal wurden wir arretiert. Obwohl wir alle Heiligen als Zeugen dafür beriefen, dass der Balken quasi unser Eigentum wäre, mussten wir ihn auf die Polizei tragen. Der Kommissär nahm unsere Personalien auf, ließ sich von der Wahrheit überzeugen, hielt den ‚Versuch einer Kraftprobe’ für keine gesetzwidrige Sache – und da wir nach Aussage unseres Häschers keinerlei Ruhestörung verursacht hatten, konnten wir nach Hause gehen, mitsamt unserem Balken. Natürlich machten wir einen Umweg. In der Maximiliansstraße wurden wir arretiert. Als wir wieder auf der Polizei erschienen, tauchte der verständige Herr Kommissär die Feder nicht mehr ein, sondern sagte zu unserem Ergreifer: „Lassen S’ die Herren in Ruh! Die tragen bloß ihren eigenen Sparren spazieren.“ In Freiheit schleppten wir unseren Balken weiter, natürlich auf einem anderen Weg. Zwischen Maffeistraße und Promenadeplatz wurden wir abermals hopp genommen, abermals auf die Polizei geführt. Jetzt lachte der Kommissär. Und sprach: „Meine Herren! Wissen S’ was! I gib Ihnen an Gendarm als Begleitung mit. Da können S’ Ihren Tremel ungeniert umanand kutschieren, so lang wie S’ mögen.“ Wir gingen und gingen, der Gendarm gemütlich hinter uns drein – doch auf die Dauer war dieser ‚sichere Spaziergang’ keine lustige Sache mehr, und so trugen wir schließlich den Balken nach Hause.

Das heiterste von meinen Turnieren mit der heiligen Hermandad begann unter den Arkaden, angesichts der Rottmannschen Fresken. Da wanderte ich in einer schönen Mitternacht vom Café Maximilian meiner Bude zu und ging, den Weg kürzend, durch die Arkaden des Hofgartens. Bei gedankenlosem Schlendern kommt man zuweilen auf hirnverbrannte Einfälle. Statt meinen geraden Weg zu gehen, konstruierte ich um die Säulen des Arkadengangs herum eine Schlangenlinie. Ein Gendarm, der aus irgendwelchen, mir unbekannten Gründen schlechter Laune zu sein schien, trat plötzlich auf mich zu und sagte: „Sie! Machen Sie da koan Unfug! Gehen S’ ruhig nach Haus!“ Ich sah ihn schweigend an, gaukelte auf meiner Schlangenlinie weiter, machte am Ende des Arkadenganges kehrt – und statt nach Hause zu gehen, was ich ohne die verwunderliche Intervention des öffentlichen Ordnungswächters wohl getan hätte, beschrieb ich meine Schlangenlinie wieder nach rückwärts, gegen die Residenz hin. Als ich an dem Gendarm vorüber kam, fuhr er wütend auf mich los: „Sie! Wann S’ Ihren Unfug nicht augenblicklich abstellen, passiert Eahna was!“

Ich sagte ruhig: „So? Was denn?“ – turnte im Schwung meines gewundenen Weges weiter, machte bei der Residenzmauer kehrt und wanderte in gemütlichen Serpentinen wieder den Arkadengang hinauf. Der Schlechtgelaunte vertrat mir den Weg: „Sie sind arretiert!“

„Soooo? Das ist aber merkwürdig! Na also, ich gehe ohne jeden Widerstand mit Ihnen.“

Schweigend marschierten wir Seite an Seite nach der Polizeiwache, ich zur Linken, er zur Rechten.

Bei der Feldherrnhalle sagte der Gendarm: „Also, meinetwegen, ich will die Sach auf sich beruhen lassen, unter der Bedingung, dass Sie jetzt ruhig hoamgengan.“

„O nein! Sie haben mich arretiert. Jetzt kommen Sie nur mit mir auf die Polizei! Was dort geschieht, das werden Sie ja sehen!“

„Ah, freili, ja glauben S’ vielleicht, ich fürcht mi vor Eahna?“

„Das glaub ich nicht! Aber kommen Sie jetzt nur schön mit mir!“

„Ja, ja, i geh scho!“

Wir schwiegen wieder und marschierten. Als wir in der Theatinerstraße waren, sagte ich: „Sie, Herr Gendarm, die Sache wird sehr über für Sie ausfallen. Ich habe nicht das Geringste getan, was Ihnen ein Recht gegeben hätte, mich zu arretieren. Sie haben einen Missbrauch Ihrer Amtsgewalt begangen und haben mich widerrechtlich meiner persönlichen Freiheit beraubt.“

„So? No ja … dös will i jetzt grad amal sehgn … wie’s ausfallt.“

Wir wanderten und schwiegen. Als wir, schon nahe dem Polizeigebäude, zur Schäfflergasse kamen, packte plötzlich der Herr Gendarm mit der Linken seinen Säbel, mit der Rechten seinen Helm und rannte wie ein Dieb in das dunkle Gässelchen hinein.

Nach der ersten Verblüffung sprang ich hinter ihm drein und brüllte: „Halts ihn auf! Halts ihn auf!“ Von allen Seiten kamen Leute gelaufen und wollten wissen, was denn los wäre. Ich gab keine Antwort, rannte nur und schrie immerzu: „Halts ihn auf! Halts ihn auf!“ Da begannen auch die Neugierigen zu springen und zu zetern:

„Halts ’n auf! Halts ’n auf!“

Der Gendarm war nicht mehr einzuholen. Ich musste zum ersten Mal die Wahrnehmung machen, dass einer von der Polizei noch wesentlich flinker rennen konnte, als ich.

Vom Kapitel der Studentenstreiche kann ich mich nicht verabschieden, ohne vor der süddeutschen Polizei, um ihrer rein menschlichen Qualitäten willen, eine respektvolle Verbeugung zu machen. Für die Münchener Polizisten von 1875 – 81 war ich eine quälende Wanze. Doch ich weiß: Wenn wir schnurrköpfigen Wildlinge von damals diese vielen Streiche nicht der heimatlichen Polizei, sondern der Berliner Schutzmannschaft gespielt hätten, da wären wir viel weniger glimpflich weggekommen. Bei uns zu Hause atmete unter der Polizeilarve doch immer wieder eine fühlende Brust. Das hab’ ich erst neuerdings vor kurzer Zeit erfahren. An einem Faschingsdienstag, beim Kappenbummel auf der Maximiliansstraße, warf ich mit Knallerbsen. Ein Schutzmann trat auf mich zu und erklärte ernst: „Sö, Herr, dös is fei(n) verboten!“ Ich sagte: „Sooo?“ Und warf ihm eine Knallerbse auf den Helm. Da lachte der Schutzmann und drohte mit dem Finger: „Sö san aber oaner! Und von Glück können S’ sagen, dass heut Fasnachtsdienstag is!“ Einen Lorbeer um die Pickelhaube dieses wackeren Mannes mit der großzügigen Humoristenseele!

Nach diesen lustigen Studentenstreichen darf man aber die Lebensfarbe meiner Universitätsjahre nicht beurteilen. Die Zeiten waren da nicht immer heiter. Graue Verzweiflungsstimmungen lösten die scharlachfarbenen Jubelstunden ab. Es war ein ruheloses Auf und Nieder zwischen Freude und Qual, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Das kam aus einem Widerspruch, dem meine Natur verfiel. Ich wollte in reiner Liebe meinem Luischen heilige Treue halten – und brachte dieses schöne Lebenskunststück mit dem redlichsten Willen nicht mehr fertig. Das Naturgesetz von den erschlossenen Brunnen war stärker als aller Wohlverstand meines Herzens. Immer wieder musste ich an den klugen Pfarrer von Hegnenbach denken, doch auch immer wieder einem ‚Schwächlingswörtle’ des jungen Blutes gehorchen. Aber ich blieb in den schlingen dieser dunklen Gewalt nie wehrlos hängen. Ich hatte, um ein Goethesches Wort zu variieren, wohl selten die Kraft, einer liebenswürdigen Versuchung zu widerstehen, doch immer die Stärke, das Übel wieder von mir abzulösen, sobald die Reue mein Herz in ihren strafenden Gluten schmorte. Aber hatte ich das Gefühl: Jetzt bist du erlöst – dann fasste mich gleich wieder eine neue Gefahr beim blonden Haarschopf. Das ist nicht nur bildlich gemeint, auch ganz buchstäblich. Für diese kleinen, zärtlich schenkenden Händchen hatte mein gesegneter Haarwuchs eine rätselhafte Anziehungskraft. Zwischen der Legende vom Simson und den jugendlichen Abenteuern, die in ruhelosem Wechsel neben meiner jungen Liebe einher gaukelten, ist ein mysteriöser Zusammenhang zu konstatieren. Wollte ich ruhigere Zeiten haben, dann musste ich mir die Haare kurz abschneiden lassen. Aber man mag doch nicht immer wie ein geschorener Verbrecher herumlaufen.

Was ich heute lachend erzählen kann, das war vor dreißig Jahren eine Pein, über die ich zuweilen vor Wut hätte heulen mögen. Und manch ein grauer Morgen der Reue sah mich auch so: Mit den Händen vor dem Gesicht, die Augen brennend von ehrlichen Tränen. Ein ganz abscheulicher Zustand war’s: Mein Herz geschieden von meinem Blut, und jeder Teil führte sein gesondertes Leben. Ich litt unter diesem Zwiespalt so grauenhaft, dass seine psychischen Revolten für meine Lebensruhe und meine physische Gesundheit gefährlicher wurden, als es die Ursachen waren, aus denen diese seelischen Störungen resultierten. Solang ich vergnügt und sorgenferne drauflos jubelte, sah ich immer aus wie das blühende Leben. Doch wenn mich der moralische Katzenjammer zwischen heißen Zangen hatte, wenn ich meine guten Vorsätze zur Tat machte und ein paar Monate lang der anständigste und treueste Kerl von der Welt war, dann sah ich gewöhnlich so elend und miserabel aus, dass die Mutter in Sorge fragte: „Jesus, Bub, was ist denn mit dir?“ Bei solcher Frage, als ich stumm den Kopf schüttelte, sagte Papa einmal mit zorniger Härte: „Ich kann mir’s ungefähr denken!“ Und dabei kam mir der Hund des Schäfers von Villenbach in Erinnerung, bei dem die Treue so ausgesehen hatte wie eine krankhafte und lebensgefährliche Sache.

Der Zwiespalt, unter dem mein Herz und Blut ohne Ruhe zitterte, färbte auch auf alles ab, was ich neben meinen fleißig und gewissenhaft betriebenen Studien literarisch zu arbeiten versuchte. Alles Größere blieb im Anfang oder in der Mitte stecken, nichts brachte ich fertig zu Ende. Nur die kleinen Lieder, die der Stunde entsprangen, hatten immer ihre letzte Strophe. Und da konnten mir Abend und Morgen des gleichen Tages zwei Lieder geben, von denen jedes wie von einem anderen Menschen ersonnen schien: Das eine ein frivoler Leichtsinnsklang, dessen Form unter dem Einfluss von Grisebachs Neuem Tannhäuser stand, das andere eine reine, zärtliche Sehnsuchtsklage, für die ich mir das Vorbild bei Goethe, Rückert oder Lenau holte.

Während ich Mussets kapriziöse Dichtung ‚Namouna’ zu übersetzen anfing, fraß ich mich mit heißer Gier in die orientalische Literatur hinein und konzipierte einen Liebesroman ‚Medschnun und Leila’, der ein hohes Lied der reinen, allen Lebensstürmen trotzenden Treue werden sollte. Nach dem dritten Kapitel warf ich diese unmögliche Sache wieder fort und begann, mit Freude und Selbstmarter, ein phantastisch-gruseliges Epos in Oktaven: ‚Der Ring des Silvio’. Der alte Stoff ist bekannt. Ich änderte ihn, wie meine Stimmung es verlangte, spickte ihn mit hundert Subjektivitäten meines eigenen Doppellebens und gab ihm eine schauerliche ‚Gerechtigkeit’, mit deren Bildern ich mich selbst bestrafte.

Silvio, ein junger italienischer Edelmann, zu Gutem begabt, leichtsinnig, übermütig und vom Glück verhätschelt, verleibt sich als siebzehnjähriger Knabe in seine fünfzehnjährige Base Miranda, in das reine, zarte, süße Kind. Silvio, dessen Liebe tief und wahr ist, gewinnt Mirandas Herz. Sie tauschen in blühendem Frühling heimlich den Schwur der Treue. Mirandas Vater, der nur die Rechte des Alters gelten lässt, jedes Recht der Jugend als Wahn erklärt und aus egoistischer Zärtlichkeit die geliebte Tochter nicht verlieren will, weist Silvios Werbung ab. Um die klagende Sehnsucht in den Augen seines blassen Kindes zu trösten, willigt er in eine siebenjährige Prüfungszeit. Den Liebenden erscheint das schon als Besitz des Glückes. Miranda erblüht, ihr Harren ist träumende Freude. Silvios Geduld wird Kampf und Qual, sein Herz gehört in Liebe der erwählten Braut, sein Blut wird müde, wird schwach. Und da trinkt er in brennendem Durste von allen Bechern des Lebens. Er ist ein Zwiespältiger geworden: Einer, der in Sehnsucht betet, und einer, der in unersättlichem Genuss lästert und flucht. In einer mondschönen Sommernacht, mit den Freunden von einem tollen Gelage heimkehrend, nicht betrunken, doch berauscht, findet Silvio in einer Säulenhalle am Meeresufer ein Marmorbild der Aphrodite. Im Taumel seiner Sinne, in der Ekstase eines Verzückten, spricht er die schöne, steinerne Göttin an, singt das Lob ihrer ewigen Allmacht und reicht ihr als Dank und Opfer einen Goldring mit blitzendem Rubin.

„Du gabst mir viel! Gib alles! Gib das Höchste!
Dich selbst! Du meines Blutes süße Braut!
Du gabst dich Tausenden! Ich bin der Nächste!
Nimm diesen Ring – du bist mir angetraut!“

Silvio steckt den Ring an einen Finger der Marmorhand, die den Schoß des steinernen Bildes verhüllt. Einer der Freunde stammelt in Schreck: „Weh’ dir, Verlorener!“ Die andern lachen, bekränzen den Bräutigam der süßesten Göttin mit Orangenzweigen und führen ihn heim zu seinem Lager. Silvio erwacht am Morgen, geweckt durch die jubelnde Stimme seines Dieners: „Herr, dein Glück ist kommen!“ Mirandas Vater, der die stillen Tränen seines Kindes nimmer zu sehen vermochte, hat eingewilligt in die Vermählung. Mit einem Freudenschrei springt Silvio vom Lager auf – wird bleich und zittert. Die Besinnung dessen, was in der Nacht geschah, ist wach in ihm geworden. Und die Reue zerfleischt sein Herz. Er stürzt wie ein Irrsinniger zum Meeresufer und will den Ring von der Marmorhand der Göttin reißen. Das Gold sitzt fest, ist wie mit Feuer eingeschmolzen in den weißen Stein. Und die Göttin lächelt stumm und ruhig herab auf den zerstörten Menschen.

So weit war ich in sieben Gesängen gekommen. Achte sollten es werden. Der letzte blieb ungeschrieben. Es kam ein Riss in die Arbeit, weil mir die ‚Gerechtigkeit’ nicht mehr gefiel, mit der ich den Silvio und mich selbst bestrafen wollte.

Nach dem Plan, den ich gesponnen hatte, scheucht Silvio im Glauben an sein heilig erneutes Glück alle Furcht und Qual aus seinem Herzen. Stein ist Stein, nach allem Taumel kommt das Recht eines hellen Erwachens, das Gewesene ist vergangen, und kein Gott verzeiht die Sünden der Menschen so gerne wie der Gott des blühenden Glückes. Mirandas leuchtende Augen richten den Gebeugten auf, in dem aller Zwiespalt erloschen, Herz und Blut nun verbunden sind zu natürlicher Einheit. Die Vermählung wird gefeiert, die Geigen klingen, es duften die Blumen, Freude jubelt und Freude zittert, purpurne Dämmerung leuchtet, und über Rosenblätter geht der Weg des vermählten Paares zum Brautgemach.

„Nur du und ich.“ Nun jäh ein gelles Schreien:
„Herr Jesu Christ! Wer kam? – Wir sind zu dreien!“

Und dann sollten sich zwei steinerne Arme um Silvios Kehle klammern und sein Leben unter kalten Küssen erwürgen. Und das arme, schuldlose Mirandelchen sollte sein zwecklos gewordenes Dasein als trauernde Nonne beschließen.

Nein! Das ging mir, als ich bei meinem Epos zum achten Gesang kam, energisch gegen den subjektiven Strich. Ich selber wollte leben, wollte nicht erwürgt werden. Da durfte ich auch an meinem Helden kein allzu grausames Exempel statuieren. War er denn wirklich gar so schrecklich schuldig? Ich begann, unter dem Gedanken an mich selbst, den Kopf zu schütteln. Hätte Mirandas Vater, in dem ich den Widersinn der naturfernen Zivilisation zu personifizieren gedachte, etwas vernunftgemäßer und natürlicher gehandelt, dann wäre Silvio höchstwahrscheinlich ein ganz anständiger und reinlicher Menschensohn geblieben. Junge Sünde, die junges Leben ermorden muss? Solch eine steinerne Gerechtigkeit ist doch nicht notwendig. Wenn das Leben nicht pardonieren kann, dann soll die künstliche Verzwicktheit des Lebens die Menschen auch nicht versuchen über ihre Kraft. Es kann nicht jeder ein St. Antonius sein, ganz abgesehen davon, dass man die eisenfeste Tugend des heiligen Antonius gar nicht zu glauben braucht. Die Legende der Heiligen ist pädagogisches Märchen zu neun Zehnteln. Oder diese Heiligen müssten nicht Menschen gewesen sein. Und jedenfalls ist es ein sehr kluges Gesetz der Kirche, keinen Menschen heilig zu sprechen, bevor er nicht mindestens hundert Jahre lang tot ist. Nach hundert Jahren sehen sich die Dinge wesentlich anders an, als zwischen gestern und heute. Alle Ferne verklärt. Das weiß ich, der ich die Berge kenne. Man muss nur den nötigen Luftraum zwischen sich und dem Harten haben; dann mildern sich alle Schatten, während die Lichter sich erhöhen.

Also, ich warf – durch die von mir selbst konstruierte ‚Gerechtigkeit’ verärgert – den Ring des Silvio unvollendet in eine Schublade. Und nun wollte ich was Ernstes und Reales arbeiten. Ein Traum meiner Neuburger Seminarzeit erwachte wieder: Heinrich der Vierte, eine Trilogie! Mit Fleiß begann ich historische Studien zu machen. Die Teilung des Planes ergab sich aus der Geschichte. Erster Teil: Das Drama von Heinrichs Ehe, die Höflingswirtschaft, sein Kampf gegen den sächsischen Adel, Gewinn des Volkes, Aufdämmern der großdeutschen Idee. Zweiter Teil: Vereinsamung des Mannes, der ein Großes will; Scheitern seines Planes am Partikularismus der egoistisch und klein denkenden Fürsten, Kampf wider Rom, Gang nach Canossa. Dritter Teil: Der Vater im Zwiespalt mit seinen Söhnen, Heinrichs Untergang.

Während der Studien und Vorarbeiten zu diesem Plan spukte mir immer wieder die nur halb erledigte ‚Gerechtigkeit’ aus dem Ring des Silvio durch Hirn und Herz. Bei der Qual, die mir der unlösbare Zwiespalt meines Lebens immer neu bereitete, wollte ich die Möglichkeit eines solchen Zwiespaltes erforschen und begreifen. Ich fühlte: Die Liebe meines Herzens ist ehrlich, tief und wahr. Wie konnte mein Blut dann andere Wege gehen? Was ist Liebe? Nur eine Sehnsucht aus dem Brunnen des Blutes? Ist Liebe auch bei den Menschen nichts anderes wie der von der Natur erzwungene Zeugungswille der Tiere? Dann wäre jede reine und heilige Zärtlichkeit des menschlichen Herzens ein Widersinn und ein Stück Unnatur? Nein, nein und nein! Meine Liebe war das Beste und Köstlichste meines Lebens. Liebe bei Menschen muss etwas anderes sein als jenes dunkle, wahllose Verlangen der Tiere, etwas Schöneres und Höheres! Und jene Liebe beim ersten Blick, wie sie dem Luischen und mir ins Herz gefallen? War das nicht wie ein Sichfinden nach einer Sehnsucht seit Ewigkeiten?

Eine Stelle aus Platons Gastmahl setzte sich in meinen grübelnden Gedanken fest. Wie diese Stelle für Platon eine Perversität erklärte, so erklärte sie mir das Kostbarste des Menschenlebens: Die Liebe als eine Erfüllung der ewigen Sehnsucht zweier Seelenhälften, die zueinander gehören, füreinander geschaffen sind, sich suchen und sich finden müssen, um göttliche Einheit zu werden. Ist das die Liebe, so muss sie unabhängig sein von allen Wirbeln des Blutes, unabhängig von allen äußeren Dingen, unabhängig sogar von der Schönheit oder Hässlichkeit der menschlichen Gestalt.

Aus solchem Gegrübel wuchs mir der Plan zu einem schwül verklausulierten Trauerspiel heraus, das den Titel ‚Die Witwe von Alikante’ haben sollte. Den Namen Alikante hatte ich auf der Landkarte von Spanien gefunden – weil ich eine Hafenstadt brauchte, die den maurischen Königreichen von Afrika gegenüberlag.

Zu Alikante lebt ein reicher Grande von altspanischer Denkungsart, stolz, mit einem Ehrbegriff, der geschliffen ist wie ein Rasiermesser. Seine Tochter Dolores ist ein Juwel an Schönheit, Tugend und Liebreiz. Und in dieser Stadt Alikante lebt auch Don José, ein junger Edelmann, der bei tollem Leben und in zügellosem Genuss sein Gut und seine Jugend vergeudet, ein Geistesbruder des Rolla, ein Don Juan redivivus. José und Dolores sehen sich zum ersten Mal bei einem heiteren Feste, und der beiden Herz ist Liebe beim ersten Blick – Liebe fürs Leben, jene ewige Liebe, die göttliche Einheit werden will. José, der sich der Farben seines bisherigen Lebens nicht zu entkleiden vermag, verführt, die Geliebte; er handelt an ihr, wie er schon an hundert anderen getan. Das heimliche Bündnis wird entdeckt. Der alte Grande, in seiner Ehre tödlich verwundet, will vor Sonne, Gott und Menschen ausgleichen, was unter dem Schleier der Nacht verbrochen wurde. Er vermählt seine Tochter dem jungen Wüstling. Doch nach vollzogener Trauung lässt er den Bräutigam vor der Schwelle es Brautgemaches ergreifen und auf eine Galeere schleppen, die in See sticht, um gegen die Mauren zu kämpfen. Bei einem Seegefecht wird Don José durch den Hieb eines Krummsäbels schwer verwundet, stürzt über Bord ins Meer und gilt für die Seinen als ein Verlorener, als ein Toter. Doch er wird gerettet. Maurische Fischer lösen ihn von einem treibenden Balken und bringen ihn als Gefangenen dem Bey von Tunis. In niedriger Sklavenarbeit rinnen ihm die Jahre dumpf und schwer dahin. Sein Äußeres altert und verändert sich zur Unkenntlichkeit. In seinem Innern bleibt eines jung und lebendig: Die brennende, dürstende Liebe zu Dolores. Aber diese Liebe, die sich läutert im Elend, wird von rasender Eifersucht gemartert, da José das Bild des geliebten Weibes nach dem Bild seines eigenen Lebens wertet. Wie könnte er, der niemals Treue hielt, an Treue glauben? An Treue über den Tod hinaus? Er muss doch für seine Gattin ein Versunkener sein! Und sie wird sich getröstet, wird ihre Hand, ihr Herz und ihren Leib einem neuen Gatten geboten haben. Josés Marter und Sehnsucht beginnst schon an halben Wahnsinn zu grenzen, als ihm ein neu gefangener Spanier von der über den Tod hinaus getreuen ‚Witwe von Alikante’ erzählt, von ihrem Leid, von ihres Vaters Gram und Sterben, von dem Schleier, der nie ihr Gesicht enthüllt, von ihrem Kirchgang an jedem Mittwoch, den sie für den Todestag ihres Gatten hält, und von dem Schwarm der Freier, die sich um die schöne Witwe sammelten, wie einst die Werber um das Weib des Ulysses. José zerbricht seine Ketten, nach zehnjähriger Gefangenschaft gelingt ihm die Flucht, und er kehrt nach Alikante heim, als Matrose, als Bettler.

Hier sollte mein Trauerspiel beginnen, das Schritt um Schritt neben allem Kommenden das Vergangene aufzurollen hatte.

An einem Mittwoch, zu Beginn der Messe, sitzt José, ein Bettler, vor dem Domtor von Alikante, durch die Leiden der Gefangenschaft und die Qualen seines Herzens so entstellt, dass ihn die eigene Schwester, die dem Bettler ein Almosen reicht, nicht mehr erkennt. Es kommend ie Freunde seiner wüsten Nächte von einst, sie gehen an ihm vorüber, José ist ihnen ein Fremder. Nun kommt Dolores, um die Trauermesse zu hören, die für ihren versunkenen Gatten gelesen wird. José streckt die Hand und bettelt: „Gib, schöne Herrin, eine Gabe! Du bist reich. Mich hungert.“

Dolores steht beim Klang dieser Stimme betroffen, sie schlägt den Schleier zurück, um besser zu sehen.

„Herrin? Was sucht dein Blick in meinen Augen?“

Dolores schweigt, verhüllt das Gesicht und reicht dem Bettler eine Gabe. „Seit Jesus starb sind alle Wunder tot.“ Sie tritt in die Kirche, wendet unter dem Tor das Gesicht und schickt eine Dienerin zurück.

„Die Herrin möchte wissen, wie du heißt?“

„José.“

Diesen Namen trägt die Dienerin in die Kirche.

Es kommt der Schwarm der Freier. Ihre Reden fallen wie Feuer und Nesseln auf das Herz des Lauschenden. Während der Messe findet sich ein schwatzlustiger Invalide zu ihm, der an jenem Seegefecht auf der Galeere teilgenommen. In dieser Szene enthüllt sich für den Zuschauer ein Teil der Vorgeschichte. Auch der Invalide, der mit eigenen Augen den Don José im Meer versinken sah und die schwarze Botschaft heimbringen half nach Alikante, erkennt seinen Herren von einst nicht mehr.

„Bist du ein Blinder?“, fragt José.

„Ich? Blind? Ich sehe wie ein Falk! Was lachst du?“

„Zwei Augen, die vom Weinen trüb geworden, die sahen besser noch als Falken sehn!“

Dolores, in Hast und schwer verstört, tritt aus der Kirche, noch ehe die Messe zu Ende ging.

„Der du den reichsten aller Namen trägst,
Du Wandersmann des Elends, sprich, wer bist du?“

José antwortet mit einem Märchen, das Wahrheit ist: Ein spanischer Soldat, der gegen die Mauren kämpfte, verwundet und gefangen wurde, zehn Jahre Sklave war und nun entfloh.

„Und was begehrst du jetzt von deiner Heimat?“

„Mein Glück.“

„Bist du ein Mensch, der einsam ist?“

„Du stehst bei mir. Die andern kann ich missen.“

„Dann suche, was du Glück und Leben nennst,
In meinem Haus! Komm heute noch. Ich warte.“

Dolores eilt davon wie eine Fliehende, während die Domglocken zum Segen der Messe läuten und die Menschen aus der Kirche strömen. Und der Bettler jubelt:

„Ihr Wort war Güte nur. Ihr Blick war Liebe.“

Dieser erste Akt war in drei Nächten geschrieben. Dann kam ein qualvoller Kampf mit dem Feuer speienden Drachen des noch wirren Stoffes. Ich merkte bald, dass dieses Gegeneinanderlaufen des Kommenden und des Vergangenen weit über meine Neulingskräfte ging. Tagsüber, während ich meine Kollegien besuchte, dachte ich immer nur an dieses Brennende. In den Nächten zerkaute ich den Federstiel und brachte nichts Rechtes mehr fertig. Hint’ und vorne klappte mir die Sache nicht. Und manchmal gruselte mir vor dem Ungeheuerlichen, das da geschehen sollte: Liebe, die sich selbst auf die Folter spannt – Liebe, die ihr eigenes Leben erwürgt – und dazu Romantik, die (an Hernani und Ruy Blas geschult) sich auf den Kopf stellt und Hals brechende Purzelbäume schlägt.

José, bescheiden als Bürger gekleidet, wird von Dolores in ihrem Schlafgemach empfangen, an dessen Wand, über den Stufen einer kleinen Treppe, das lebensgroße Bild des Don José im Bräutigamsgewande hängt. Dieses Bild verhüllt die Türe des geheimen Ganges, durch den der Verführer von einst zu seiner heimlichen Freude schlich. Neben diesem Bilde der versunkenen Jugend steht José der Lebende, gealtert, doch mit erneuter Jugend in der flammenden Seele. Züge der Ähnlichkeit und hundert verräterische Worte führen Dolores dicht vor die Wahrheit hin, und dennoch erkennt sie das Wirkliche nicht. Sie liebt. Ihre Liebe ist hellsehend und blind zugleich. Dem gleichen Mann gehört ihr Herz mit der gleichen Liebe von einst. Zwischen der Vergangenheit, an deren Tod sie glaubt, und zwischen dem Leben der Gegenwart beginnt eine trennende Mauer zu wachsen. José empfindet die Gefahr und will seinem Weib die Wahrheit bekennen; doch immer wieder fällt ein Wort, das seinen Zweifel weckt, immer wieder geschieht, was seine Eifersucht in neues Glühen bringt, immer wieder findet er Ursache, die Liebe seines Weibes zu prüfen. Das Gegrübel und die Gedankenketten seiner Sklavenjahre werfen ihm Schlingen um Hirn und Herz. Zu Ende des zweiten Aktes, als Haushofmeister seiner Gattin, als halber Herr im reichen Besitztum seines Weibes, ist dieses arme Huhn der Selbstqual bei der Szylla und Charybdis angelangt: „Sie liebt mich wieder, und as ist ewige Treue, denn ich bin der gleiche, der ich war – aber nein, sie hält mich für einen anderen, und so ist ihre Liebe zur Untreue geworden!“

Ach Gott, wie viele Flüche knirschte ich in die Qual dieser Arbeitsnächte hinein. Und ich begann es schon an mir selbst zu fühlen: Dass Liebe und Reue, die unmäßig im Gegrübel sind, sich von der gesunden Natur entfernen und im Dickicht einen tragischen Wechselbalg gebären. Ich hatte die Empfindung: Wirf das schreckliche Zeug in den Winkel, mehr ist es nicht wert! Aber ich verbiss mich zäh in die Sache, nur weil sie schwierig wurde.

Einer nach dem anderen in der Umgebung dieser beiden gequälten Maikäfer der Liebe und Schuld erkennt die Wahrheit: Ein Neffe, ein Freund, die Schwester, ein Freier. Dieser letztere, weil er schwatzen will, muss stumm gemacht werden – (mir schwebte so was Ähnliches vor, wie der geistvolle Tod des Merkutio) – und muss über die Parkmauer ins Meer plumpsen, um sich im Fraß für die Fische zu verwandeln. Aus der Mörderstimmung, die dem Haushofmeister José in allen Fibern knistert, wächst ihm die ‚große Szene’ mit Dolores heraus, die Szene der letzten Prüfung. Um in Herz und Seele seines Weibes bis auf den tiefsten Grund zu schauen, weckt José in Dolores den Glauben: Dass Don José noch am Leben wäre, als Gefangener des Bey von Tunis. Dem Irrsinn nahe, wirft sich Dolores an die Brust des Mannes, den sie leibt. Was kümmert sie der andere von einst, der in den Gärten von Tunis die Spargelbeete düngt! José erschrickt und beginnt zu merken, dass er das Kind mit dem Bade verschüttete. Er selbst hat nun zur Untreue gemacht, was reine und ewige Liebe war. Jetzt will er retten, was noch zu retten ist, will das Gewesene zu Hilfe nehmen, will seine Gegenwart als Vergangenheit maskieren. Er kleidet sich zum letzten Akt in ein Gewand, wie es der Bräutigam von einst getragen, und will als Gatte zu seinem Weib kommen, wie er einstens als Verführer zu Dolores kam – durch den heimlichen Gang, den das Bild verschließt. Die Rechnung dieses Denkers aus Liebe ist falsch und wird gefährlich. Dolores, gemartert vom Anblick des Bildes, das sich aus trauerndem Erinnern in eine Qual verwandelte, will diese Freuden störende Leinwand aus dem Rahmen reißen – die Leinwand fällt – aber das Bild des Bräutigams steht wieder da, lebendig und greifbar. Und Dolores stößt dem geliebten Mann den Dolch in die Kehle.

– Nein! – Mir graute vor den Bildern meiner eigenen Phantasie. Und was ich da machen wollte, drohte sich zu etwas völlig anderem auszuwachsen, als es werden sollte. Ich hoffte ein Lied der ewigen Liebe zu singen. Und hatte einen Kantus der menschlichen Hirnverdrehtheit angeschlagen. Ich wollte auf meine Pein ein poetisches Pflaster legen. Und hatte Salz auf meine Wunden gestreut.

Eines frühen Morgens, als die Sommersonne schön zu meinem Fenster hereinblinzelte, wurde mir die ungesunde Geschichte zu dumm, und ich warf die verröchelnde Witwe von Alikante in die Schublade der abgelegten Kleidungsstücke meiner Seele.

Damals reiste mein junger, reicher Amerikaner, der mir monatlich hundert Mark getragen hatte, nach Amerika zurück – ich glaube: Um die Hutfabrik seines Vaters zu übernehmen. Das Vorstudium für die polytechnische Schule war ihm so widerborstig geworden, wie mir die Witwe von Alikante. Und weil ich die hundert Mark pro Monat schmerzlich zu vermissen begann, musste meine junge Kunst nach Brot gehen. Ich schickte Gedichte, Epigramme, politische Artikel, literarhistorisch Essays und Kunstplaudereien an die Zeitungen. Die eine Hälfte kam zurück, die andere Hälfte blieb antwortlos verschollen.

Die Mutter sah mir meinen Kummer an den Augen an. Und Papa, der die Ursache meiner Trauer erforschte, sagte eines Tages: „Sind deine Sachen denn wirklich gar so schlecht, dass man dir alles zurückschicken muss? Lass mich doch einmal was anschauen!“ Ich brachte ihm einen Schüppel Manuskripte. Und am anderen Morgen sagte Papa: „Das glaub ich schon, dass man dir alles zurückschickt! Dieses Buchstabengefuzel kann ja keine Katz nicht lesen!“

Auf den Rat meines Vaters ging ich noch am gleichen Tag zu einem Kalligraphielehrer. Dann saß ich vier Wochen lang täglich zwei Stunden auf der Schulbank, lernte noch einmal schreiben wie ein Kind und bekam eine feste, deutliche Schrift, die noch heute das Wohlgefallen meiner Setzer ist.

Was mir die Zeitungen früher zurückgeschickt hatten, das wurde jetzt von den gleichen Zeitungen angenommen und niedlich honoriert. Als erstes größeres Schriftstellerhonorar bekam ich vom Bayerischen Landesboten für fünf ‚Wanderbriefe aus Niederbayern’ fünfzig Mark. Dafür kaufte ich mir eine silberne Zylinderuhr, die ich heute noch besitze, obwohl sie während des Restes meiner Studentenzeit ein paar längere Besuche im Pfandhaus machte.

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1 Der Pferdehändler Krenkl, ein durch seine Derbheiten berühmtes Münchener Original aus der Zeit König Ludwigs I. ^

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