Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 9

Nun kam eine tolle, verrückte Zeit. Die Zerknirschung darüber, dass ich ein verlorener Mensch wäre, beschwichtigte sich schon nach wenigen Tagen. Doch es blieb in mir die mit Zorn gemischte Trauer, dass für mich ein Widerliches geworden war, was ein Schönes hätte sein können. Eine ganze Woche brauchte ich, bis ich den Mut fand, der Mutter vor die Augen zu treten. Sie sah mir meine Verstörtheit an, befürchtete aber nur, dass ich wieder in Schulden geraten wäre. Von dieser Sorge konnt’ ich sie durch die Versicherung erlösen, dass ich mit keinem Groschen in der Kreide stünde. Da wurde die Mutter wieder ruhig und heiter. Doch gerade dieser herzliche Blick und dieses frohe Lachen machten mich zittern bis ins innerste Leben und trieben mich aus dem Haus. Es litt mich nimmer daheim. Soldatendienst und Fasching kamen mir zu Hilfe. Kaserne und Fechtboden heilten mich am Tag fest, und Abend für Abend rannte ich zu einem Ball, zur Korpskneipe, zu einem Tanzkränzchen, zu einer Maskerade oder zu einem ‚Kuhschwoof’ in der Vorstadt. Nun war es aus und gar mit meiner Schüchternheit. Was sich an Genuss erhaschen ließ, das nahm ich. Liebe war nie in meinem Herzen, nur immer das Verlangen in meinem Blut, und wenn sich der kurze blinde Rausch der Sinne im Grau des Morgens ernüchterte, war auch immer wieder der Widerwille da, den ich meiner Natur nicht abgewöhnen konnte. In jedem Apfel, den ich pflückte, tat ich immer nur einen Biss; dann schob ich ihn wieder fort. Ich konnte nicht finden, was ich mir als „das Schöne“ vorstellte. Und die guten gefälligen Dingerchen nahmen mir die flinken Erledigungen niemals übel, begriffen, dass ich so war und dass ich nicht anders sein konnte, weinten ein bisschen, seufzten schwer und blieben mir nach dem raschen Ende noch wunderlich gewogen.

Damals dauerte der Fasching, wenn ich mich recht erinnere, nur siebenundzwanzig Tage. Und die ersten acht Tage abgerechnet, hab’ ich während dieser drei Wochen keine Nacht in meiner eigenen Stube verbracht. Geschlafen hab’ ich – ich weiß nicht, wann und wo. Zwischen vier und fünf Uhr morgens kam ich für ein paar Minuten heim, zog mich für die Festung um und rannte wieder davon, ehe der Tag zu erwachen begann. Vom Faschingssonntag bis zum Aschermittwoch gewöhnte ich mir das Schlafen völlig ab. Und dennoch sah ich immer aus, wie das blühende Leben, war immer anzuschauen, als wär’ ich gerade mit brennenden Wangen und hellen Augen von einem festen, erquickenden Schlummer aufgestanden.

Meine Gesundheit hatte nicht gelitten; sie war wie ein Brunnen, der sich nicht ausschöpfen ließ. Doch meine Finanzen waren nach diesen drei tollen Wochen in einer grauenvollen Verfassung. Bei Kameraden, Wirten und Geschäftsleuten stand ich so schwer im Schuldbuch, dass ein weiteres Borgen zur absoluten Unmöglichkeit wurde. An einem fürchterlichen Morgen addierte ich: zweiundsiebzig Gulden! Für mich eine unerschwingliche Summe. Aber bezahlt musste sie werden! Mich ein zweites Mal der Mutter anzuvertrauen? Lieber die Zunge entzwei beißen! Und so trat ich mein junges Dasein die für mich höchst originelle Gestalt des Wucherers herein. Ein erfahrener Korpsbruder gab mir die Adresse, besorgte mir ein Wechselformular und erklärte mir, wie es auszufüllen wäre. Der mir empfohlene Manischäer hatte den ominösen Namen: Lammberger. Ja, er verstand sich drauf, die zwanzigjährigen Lämmer so fest zu bergen, dass sie viele, viele Jahre aus dem Pferch drückender Verpflichtungen nicht mehr herauskamen.

Eines Abends bei Schneegestöber fuhr ich im Schlitten nach Heidingsfeld hinaus, wo Herr Lammberger wohnte. Sein altes haus stand finster und lautlos in enger Gasse und unter dem niedergaukelnden Schnee. Ich musste dreimal läuten. Die Glocke drang in der Tiefe des Hauses und hatte einen sammetschönen Hall. Es war überhaupt in dem ganzen Vorgang sehr viel malerische Stimmung. Im Haus ein lindes Schlurfen. Schwere Riegel klirrten, und sehr vorsichtig wurde die Tür geöffnet. Eine Kerze, deren Flamme von einer vorgehaltenen Hand verdeckt war, beleuchtete den reichlich gelockelten Christuskopf eines nicht mehr jungen und noch nicht alten Mannes, schlank, ein bisschen wunderlich gebogen, mit schwarzseidenem Käppchen und dunkelbraunem Rock, von dessen Kragen ein breiter Fetzen lang über die Brust heruntergerissen war und in der Zugluft baumelte. Etwas Sanftes war in den dunklen Augen, die mich aufmerksam betrachteten und entzündete Lider hatten – wie Augen, die nach vielem Weinen noch nicht trocken wurden. Und mit der schmerzlichen Milde, die in diesen Augen war, fragte der Mann: „Se wünschen?“

Den einen Fuß über der Schwelle, den andern noch im Schnee der Gasse, sprach ich von meinem Anliegen.

Der Mann betrachtete mich klagend. „Se haben getroffen e schlechten Tag, mein Herr! Was e Geschäft ist, darf ich heut nicht machen. In der Nacht von gestern ist mer de liewe gute Mutter gestorben … Se sehen …“ Dabei deutete er kummervoll auf den baumelnden Lappen seines Rockkragens. „Aber Gott ist gerecht und erwägt e jeden Umstand. Kommen SE herauf! Se haben e kostspielige Fahrt durch Nacht und Schnee gemacht.“ Ein schwermütig bitteres Lächeln. „Und wer weiß, ob es e Geschäft is!“

Nach dieser dunklen psychologischen Pointe kam wieder etwas Malerisches. Herr Lammberger schien ein bisschen asthmatisch zu sein; drum blieb er bei dem Weg über die steile Treppe hinauf alle paar Stufen seufzend stehen, machte prachtvolle Silhouetten hinter dem flackernden Kerzenlicht, hatte feine Goldlinien um Rock und Löckelchen, und füllte mit seinem zitternden Riesenschatten die tiefen Räume. Nun ein großes, niederes Gemach, altertümliche Geräte, wunderlich geformtes Silber, und ein Duft, den ich im Leben noch nie geschnuppert hatte: Halb wie Weihrauch und halb so wohlriechend wie gute Wurst.

Ein langer, prüfender Blick. Und Herr Lammberger sagte: „Ich hab Se schon oft gesehen beim Frühschoppen von de Herrn Franken. Aber Se sind nicht nur e Korpsstudent, mein Herr, Se sind aach en Offesier! Und auf en Offesier kann man e jedes Vertrauen haben.“

Ich musste aus der Rocktasche des Herrn Lammberger ein Schlüsselchen herausgreifen, an einem alten Sekretär eine Lade aufsperren, von einem Häuflein Silbermünzen hundert Gulden herauszählen – dann auf drei Monate einen Wechsel über hundert Taler schreiben – das ‚Popierche’ in die Lade legen, absperren und das Schlüsselchen wieder in die Rocktasche des Herrn Lammberger gleiten lassen. Er hatte bei dem ganzen Geschäft keinen Finger gerührt.

Auf der klingelnden Heimfahrt durch das Schneegestöber war mir so ähnlich zumute wie damals, als hinter dem Schimmelche der brausende Eisenbahnzug über meine Mütze fuhr. Bis zum folgenden Abend waren alle Schulden bezahlt, das gleich e Leben in Jubel und Qual ging wieder los, und bereits vierzehn Tage später musste ich dem pittoresken Herrn Lammberger neuerdings einen Besuch machen. Diesmal bekam ich nur achtzig Gulden für hundert Taler auf zweieinhalb Monate.

Nun fragt ihr verständigen Menschen wohl: Wovon, womit oder wieso dich diese zweihundert Taler im wunderschönen Monat Mai zu bezahlen gedachte? Ich muss bekennen, dass diese Frage erst vier Wochen vor Ablauf der Wechselfrist in meinem Gehirn erwachte. Doch als sie da war, wirkte sie verheerend. Das hätte beinah eine Katastrophe abgesetzt. Zur bedrohlichen Verschärfung meiner Lage las ich damals gerade Alfred de Mussets ‚Rolla’, dieses hinreißende Lied von einem zwanzigjährigen Wüstling, der sich nach einer letzten Freudennacht das Leben nimmt. Der Keim zum Selbstmord war in mir vorhanden, sooft ich in meiner fiebernden Pein an Mutter und Vater dachte. Es fehlte wahrhaftig nicht viel, und ich hätte dem Pariser Bruder Leichtsinn nachgemacht, was viele deutsche Jünglinge dem jungen Werther nachmachen mussten. Ich glaube, dass die Sache nur durch meine mangelhafte Kenntnis des Französischen verhindert wurde. Hat man ein Lexikon in der Hand, so fällt es schwer, nach der Pistole zu greifen.

Neben diesem Franzosen, den ich umso abgöttischer leibte, je schwieriger mir seine Lektüre wurde, arbeiteten auch zwei Deutsche am Ruin meiner letzten Gemütsruhe: Grabbe und Heine. Sie diktierten mir den Ausdruck und die Stimmung der Verzweiflungslieder, die ich in Menge zu dichten begann. Diese Gesänge entsprachen ganz und wahrhaft meiner innerlichen ‚Zerrissenheit’. Und dennoch passten sie zu meinem wirklichen Leben wie die Faust aufs Auge. Aber ich konstruierte mir auch allerlei in Prosa, verfasste ‚Gedankensplitter’, meißelte ‚Marksteine einer neuen Philosophie’ und redigierte ‚Fastenpredigten’ im biblischen Stil der allerungemütlichsten Propheten.

In dieser schwülen Zeit der literarischen Absurditäten – eine Zeit, in der ich reimen und schreiben musste, weil ich meines Erachtens nimmer lange zu leben hatte, nur noch vierzehn Tage – in dieser Zeit ereignete sich mit mir ein psychischer Vorgang, seltsam und folgenreich.

Ich lief in einer Frühlingsnacht vor einer widerlichen Weibergeschichte davon. Und als ich durch den Würzburger Schlossgarten kam, stand plötzlich in der Finsternis das leibe, schöne, süße Bild meines Luischens vor mir da, so zum Greifen wahr, als währen diese schwimmenden Farben etwas Körperliches und Lebendiges.

Das Leuchtende erlosch nach wenigen Sekunden. Und mehrere Tage war ich unter dem Anschein glücklichster Gesundheit ein schwerkranker Mensch, von der fixen Idee behaftet: Es wären zwei Jahre gar nicht gewesen, und ich stünde noch im reinen Mai meiner ersten Liebe. Und plötzlich, über Nacht, machte alles in meinem Blut und Gehirn einen Purzelbaum. Das Luischen wurde mein ‚treulos Lieb’ und riss mir in jeder Mitternacht mit eiskalten Fingerchen das heiße, zuckende Herz aus den Rippen heraus. Und eine ähnliche, der Wahrheit widerstreitende Metamorphose machte meine schöne, safrangelbe Dame durch, die vor kurzer Zeit aus unerforschlichen Gründen Würzburg verlassen hatte. Die geschiedene Frau verwandelte sich in eine unberührte Witwe, ich war ihr Hausfreund, sie liebte mich, doch ich konnte ihr mit bestem Willen den gewünschten Gefallen nicht erweisen, weil – nun, weil ich eben kein Herz mehr hatte.

Statt eines Testamentes vor meinem nahen Tode schrieb ich eine Novelle: ‚Der Mann ohne Herz’. In Stil und Ausdruck überheinrichte sie den Heine. Und im übrigen war’s eine so wahnsinnige, total verrückte Sache, dass kein Lebendiger sie als die Arbeit eines mit Vernunft begabten Menschen genommen hätte. – Als ich 1882 einen Stoß von Manuskripten aus meiner Studentenzeit verbrannte, hab’ ich’s nicht fertig gebracht, auch den ‚Mann ohne Herz’ ins Feuer zu werfen. In dieser verdrehten Geschichte hing für mich zu viel Erlittenes, zu viel verrückte Süßigkeit und selige Pein, als dass ich sie hätte vernichten können. Ich publizierte die Novelle mit einem Dutzend Leider aus jener Zeit und gab ihr als Rahmen die von mir erfundene Liebesgeschichte eines jungen, poetisch veranlagten Menschen, der aus unglücklicher Liebe wahnsinnig wird, ins Irrenhaus kommt, sich einbildet, dass er als Heinrich Heine in der berühmten Matratzengruft liegt, als Heinrich Heine einen neuen Romanzero dichtet und die Novelle ‚Der Mann ohne Herz’ verfasst. – Die von mir aus dem Nichts gesogene Einkleidung meiner Würzburger Novelle erscheint als etwas Lebensmögliches; das wahre Menschheitsdokument meiner leidenden Jugend wirkt als das Unwahrscheinliche, als das Unmögliche und Widersinnige. Bei dieser Konstatierung konnte man wieder einmal fragen: „Was ist Wahrheit in der Kunst?“ – Ich selber vermochte das Manuskript dieser Würzburger Verzweiflungsnächte sechs Jahre später kaum noch zu entziffern. Bei diesem hastigen Gekritzel zwischen Exerzierplatz, Fechtboden, Stall, Studentenkneipe und wechselnden Betten, bei diesem fieberhaften Geschreibe vor flackernden Kerzenstümpchen oder im Zwielicht, veränderte sich meine Handschrift so schrecklich, dass jeder Buchstabe zu einer Beleidigung menschlicher Augen wurde.

Eine kleine Stilprobe aus diesem Testament meiner Jugend:

„Liebe? Welch ein Unseliger hat dieses böse, böse Wort erfunden? Kennt ihr die Mär von den gefallenen Engeln? Wer uns erzählte, dass der Hochmut sie zu Fall gebracht, der hat uns belogen. Sie fielen, da der böse Geist der Schöpfung in ihre lauschenden Ohren das Wort geflüstert: Liebe! Und da sie die Liebe im Himmel nicht fanden, zogen sie aus, die Liebe zu suchen, durchforschten die Sphären und die Sterne, und als sie die Liebe gefunden, da merkten sie viel zu spät, wie tief sie in die Hölle geraten waren. Die armen, armen Engel! – Auch ich sollte die Liebe finden, und da ich sie gefunden, träumte ich einen schönen, süßen Traum. Die Erde war das Paradies, darin sich die Blut entwöhnten Tiger von Rosenknospen nährten – und ich – ich war der Herr und Gott über allen! O dieser Traum! Doch der Tag des Erwachens kam – wie für die Blumen der starrende Frost des Winters, wie für die Sonne des Grausen der Nacht, wie für die Erde das Ende kommen wird mit heulenden Posaunen, mit Flammen, mit stürzenden Bergen und fallenden Sternen.“

Es wird wohl ‚Der Mann ohne Herz’ seit dreißig Jahren nicht allzu vielen Lesern in die Hände geraten sein. Doch wer diese Hirn verdrehte, in ihrer gereizten Lebensunerfahrenheit komisch wirkende und dennoch tragisch berührende Geschichte gelesen hat, wird auch raschhin glauben können: Dass ich in jenen Würzburger ‚Testamentswochen’ nur noch um eines Zolles Breite entfernt war vom Selbstmord oder Wahnsinn. Und warum? Weil ich zweihundert Taler bezahlen sollte, die ich nicht besaß – und weil ich in einer halb betrunkenen Nacht etwas getan hatte, was ich immer wieder aufs neue als einen ‚Gräuel an meinem besudelten Leichnam’ nachempfand und doch nimmer lassen konnte. Erbohrte Brunnen müssen springen. Vielen Pädagogen scheint das nicht bekannt zu sein.

Aber schließlich wurde ich weder wahnsinnig noch schoss ich mir eine Kugel durch den Kopf. Denn wie ich über Nacht ein Toller geworden, so wurde ich über ein paar Tage auch wieder ein in Gesundheit Lachender.

Zu meiner Hilfe geschahen damals drei Ereignisse, die ich als wahrhaftige Goldamseln in mein neu erquicktes Leben herein fliegen sah. Den Anfang mit den tröstenden Gesängen machte der pittoreske Herr Lamberger. Er hatte vom Staatsanwalt einen mahnenden Fußtritt auf die dreihundertprozentigen Hühneraugen bekommen, kassierte seine ‚Popiercher’ nur mit größter Vorsicht ein, meldete sich gar nicht bei mir, ließ meine beiden Wechseln in der Sekretärschublade liegen, in die ich den ersten selber gelegt hatte, und machte, von einer kleinen höflichen Neugier im folgenden Winter abgesehen, sich erst nach Jahren wieder bemerkbar, als ich schon so viel verdiente, um dieses Strumpfloch meiner Jugend stoppen zu können.

Die zweite Goldamsel: Mein Vater, nachdem er nur anderthalb Jahre Kreisforstmeister gewesen, wurde als Forstrat nach München ins Ministerium einberufen. Als er daran die Bedingung knüpfte, dass man, um seinen Umzug und Aufwand nicht materiell zu belasten, auch mich nach München versetzen müsse, wurde dem Vater auch dieser Wunsch erfüllt. So bin ich in der deutschen Heereseinrichtung ein Kuriosum geworden: Ein Einjähriger, der in zwei Städten und unter verschiedenem Kommando diente. – Für unsere Familie erschien Papas beschleunigte Beförderung als eine große Sache, als ein Lebensruck nach aufwärts, der sorglosen Behaglichkeit entgegen. Die Mutter lachte und zwitscherte wieder den ganzen Tag. Und der Vater sagte zu mir in seiner Freude: „Bub, jetzt kann ich dich auch ein bisserl aufbessern!“ Der Vater musste doch selber fühlen, dass er mir da was namenlos Fröhliches sagte; und dennoch guckte er verwundert drein, als ich wie ein Verrückter an seinem Halse hing und immer lachte, lachte und lachte.

Vater! In jener Minute lachte ich mich über eine böse, finstere Tiefe hinüber! Und während dieses Lachens flatterte in meiner Seele schon der dritte Vogel mit goldenem Gefieder! Von allen dreien der schönste und süßeste! Wie dem Saulus die Erleuchtung, so war mir dieser Gedanke gekommen: „Jetzt machst du, wenn du nach München fährst, den Umweg über Regensburg, stellst dich vor dem grünen Hause unter das Fenster hin und guckst so lange hinauf, bis das Luischen herunterschaut, und dann ist dein junges Leben wieder Reinheit, Glück und lachende Liebe!“

Ach, der selige Rausch dieser harrenden Tage, dieser letzten, reisenden Stunden! Das wurde mir eine Art von Religion! War Anbetung eines heiligen Feuers, das mich entsündigen sollte!

Wie schlug mir das Herz, als ich im Sonnenschein vor dem grünen Haus stand! Wie suchten und tranken meine Augen!

Und guck, da steht sie! Da droben am hohen Fenster! Und begießt ihre Blumen! Ein feines, stilles, weißes Gesichtchen zwischen dunklem Gelock. Noch immer trägt sie den ‚Tituskopf’ des Kindes von einst! Aber größer ist sie geworden! Oder sind die Blumenstöcke kleiner?

Jetzt hebt sie die Stirne. Sie hat mich gesehen. Und da scheint sie noch größer zu werden. Ganz deutlich kann ich gewahren, wie sie bei schärferem Schauen die dunklen Brauen zusammenzieht. Und jetzt – ihr liebes Gesichtchen ist immer weiß – und ich, auf der Straße, mit Pallasch und Tschako, ich salutiere mit dem Stolz des Gefreiten, der ich an Ostern geworden. Dann fort im Sturm! Und immer auf dem Domplatz hin und her. Mein Luischen wird ja kommen! Muss doch kommen! Oder ich sterbe, ich springe vom Dom herunter, ich stürze mich in die Donau!

Ein leichter und flinker Schritt – ich wage mich nicht umzudrehen, das Blut gerinnt mir in allen Adern und rennt doch wie rasend durch meinen Leib – beinah zwei Jahre hab’ ich diesen Schritt nicht mehr gehört, und dennoch erkenn’ ich ihn wieder beim ersten leisen Klang!

Ich kann nicht grüßen, kann nicht sprechen. Und das Luischen, obwohl es im Schritt ein wenig zögert, will an mir vorübergehen. Ich strecke die Faust und hasche mein Mädchen beim Handgelenk. Ein Blick, ein Lächeln, ein tiefes Atmen in gestillter Sehnsucht. Und alles ist gut! Alles, alles, alles! Was brauchen wir viel Worte? Die Freude, die eines am andern kostet, leuchtet in unseren Augen. Und einundzwanzig Monate sind für uns, als wären es einundzwanzig Stunden gewesen. Gestern gingen wir lachend auseinander, und heute wandern wir lachend weiter, Hand in Hand. Die Trennung? War es denn eine? Und die Briefe, die nicht Antwort fanden? Wie war es denn nur? So dumm und komisch! Doch was kümmert und das Vergangene? Alles Gewesene ist ein Selbstverständliches geworden, da die Gegenwart ein Festes und Klares wurde. So schreiten wir beide durch die frühlingshellen Gassen hin und schwatzen und lachen, schweigen und träumen, zwei selige Menschen, die sich wieder fanden und nimmer voneinander lassen wollen – zwei Menschen, die sich lieben und füreinander geboren sind, zwei Menschenkinder im Glück, in Frohsinn und reiner Freude!

Hab’ ich es recht erzählt, so müssen euch Tränen in die Augen kommen. Weil die Freude dieses glücklichen wieder Findens etwas Trauriges war!

Hinter allem Glauben, Traum und Lachen dieses Tages, am Abend, als ich im Eisenbahnwagen saß und nach München fuhr, da hab’ ich dieses Traurige empfunden, das unsichtbar, doch Hand in Hand mit meiner Freude ging. Elf oder dreizehn Menschen saßen mit mir zusammengepfercht in einem Wagen dritter Klasse – ich in der Ecke beim Fenster. Immer guckte ich hinaus in das Dämmrige, Graue, das da draußen vorüber flog. Und dann kam es so, dass ich das Gesicht in die Hände stecken musste, um meine Tränen zu verbergen. Ein altes Weiblein an meiner Seite fragte: „Herr junger Soldat, is Eahna wer gsturbn?“ Ich schüttelte den Kopf. Das Weiblein fragte nicht weiter – die anderen im Wagen schwatzten lustig von Dingen, die mir ein Fremdes waren – und während ich die Stirn an das kühle Fenster presste, begann in meinem Herzen ein wehes und wildes Schreien. Was geschehen war an diesem Tage, das nannt’ ich einen Betrug, ein Verbrechen. Wer war der Schuldige? Ich? Nein! Nein und tausendmal nein! Selber ist man nie der Schuldige – das ist eine von den großen Tröstungen, eine von den liebenswürdigen Gutmütigkeiten des Lebens. Die Schuldigen an dem heimlichen Schmerze dieses seligen Tages waren diese verkrüppelte und verlogene Kultur, diese heuchlerische Moral, diese ungerechte Verteilung von Reichtum und Dalles, dieses widersinnige Monstrum Staat, all diese mörderischen Daseinsgewalten, die eine Erneuerung des Lebens aus dem frischen Brunnen der Jugend verhindern und dieses Schöne unmöglich machen: Dass junge Menschen in Reinheit leben können, bis sie aus Liebe sich finden, um Väter und Mütter zu werden in Freude, in Gesundheit und unbesudelter Kraft!

Während der Marter dieser Reise musste ich immer an den jungen Eisendreher von Augsburg denken, an jenen Redner mit dem zuckenden Hasenschnäuzchen – und ich wurde so eine Art von Sozialdemokrat des Herzens und der Liebe. Dabei schied ich aber doch alles, was Sozialismus bedeutet, energisch aus. Freie Liebe? Nein, pfui Teufel! Das würde den Menschen unter das Tier herunterdrücken, das nur Liebe kennt, die schöpferisch ist. Die Gesetze einer neuen Menschheitsordnung dürfen die Liebe nicht entwerten, sie nicht zu einem Alltagsbraten der gefräßigen Sinne degradieren – sie müssen die Liebe schützen, erziehen und begrenzen, müssen sie aus Niedrigkeiten erheben und zum Heiligen, zum Göttlichen steigern. Reinste Natur, das ist der höchste Gott. – So ähnlich formulierte ich im Gegrübel meiner Qual das ‚Grunddogma aller gesunden Erneuerung des Lebens’, deren Notwendigkeit mir überaus dringend erschien.

Nachdem mein bedrücktes Herz während der Marterstunden dieser Nachtreise sich in zornigen Bitterkeiten und wunderlichen Weltverbesserungsplänen ausgetobt hatte, schlug es wieder einen befreienden Purzelbaum zum sorglosen Lichte hinauf und freute sich des neu gewonnenen Glückes. Auch brachten die ersten Münchener Tage so viel Schönes, dass mir die innerliche Erlösung in diesem tragenden Gewoge der großen Stadt kein allzu schwieriges Stücklein wurde. Ich leibte München vom ersten Morgen an, rannte gleich in alle Galerien, machte Bekanntschaft mit jungen Malern und schwitzte fast Abend für Abend im Stehparkett des Hoftheaters, das damals in der Hochblüte seiner künstlerischen Entwicklung stand. Auch im militärischen Dienst gab’s eine amüsante Sache; zu München waren sie in der Jahresarbeit schon weiter voran als in Würzburg; es wurden mir als Gefreitem Dienstleistungen zugewiesen, die ich noch nicht kannte, ich musste kleine Abteilungen kommandieren – und weil ich mich schämte, zu sagen, dass ich das nicht verstünde, musste ich heimlich an jedem Morgen, bevor wir ausrückten, mein Pensum aus dem gedruckten Reglement herauskitzeln. Immer traf ich das Richtige.

Dann kam der Umzug der Eltern und Geschwister, das frohe Wiedersehen, und mit einem heiteren Familienfest wurde die gemütliche Wohnung in der Schönfeldstraße eingeweiht. Sie lag dem Kriegsministerium gegenüber, bei dessen Bau mein Großvater Louis mitgewirkt hatte. Und aus dem Fenster meines stillen Hofzimmerchens konnte ich, über noch unverbaute Gärten hinüber, die Turmkuppeln der Frauenkirche sehen, deren Bauherr eine Ahne meines Namens war.

Welch eine feine, schöne, selige Sache: In Stern- oder Mondscheinnächten am offenen Fenster dieses Stübchens zu sitzen, das leise Rauschen der schwarzen Bäume zu hören und lange Briefe und zärtliche Liederchen an mein Luischen zu schreiben!

Das Dichten war mir bereits zu einer Sache geworden, die ich mir nicht mehr abgewöhnen konnte. Auch begann ich mich heißhungrig in die Literaturen aller Zeiten und Völker hineinzulesen. Doch der Gedanke, aus der Schriftstellerei meinen Lebensberuf zu machen, lag mir noch immer ferne. Bevor er in mir lebendig werden konnte, musste ich noch manchen Umweg machen – zuerst einen Weg am Tod vorbei.

Eines Abends, zu Anfang Juni, war ich mit einem Freunde im Kolosseumsgarten, war vergnügt und guter Dinge, schwatzte, debattierte und lachte – und hatte keine Ahnung, dass mich in der feuchten Kühle dieses Abends der damalige genius loci von München auf die Stirne küsste. Mir wurde plötzlich schwarz und blau vor den Augen und halb bewusstlos fiel ich über den Sessel hinunter. Nach wenigen Minuten hatte ich mich wieder völlig erholt und wanderte in dieser Nacht noch stundenlang mit meinem Freunde unter temperamentvollen Kunstgesprächen durch die Gassen der Stadt. Der Doktor machte ein ernstes Gesicht, und in meinem Leib begann es heiß zu brennen. Es wurde kein richtiger Typhus, nur ein typhöses Fieber. Nach acht Tagen war ich wieder auf dem Weg der Besserung und durfte aufstehen. Bei der strengen Diät, die ich befolgen musste, war ich immer hungrig wie eine Hyäne. Obwohl die Speisekammer und alle Küchenschränke vor mir versperrt wurden, eroberte ich doch eines Abends auf dem Kriegspfad meines knurrenden Magens eine altgebackene Semmel und verschlang sie. Am anderen Morgen lag ich wieder in schwerem Fieber. Und jetzt war’s ein richtiger Typhus. Ich erinnere mich an ein wütendes Bonmot meines Doktors: „Dieser junge Mann scheint kein Freund von Halbheiten zu sein, scheint alles gründlich erledigen zu wollen!“ Um Haaresbreite ging es am Abschnappen vorüber. Und diesmal dauerte die Sache fünf Wochen.

Nach meiner Genesung, in den letzten Julitagen, bekam ich Rekonvaleszentenurlaub. Und eine Erholungsreise in die schwäbische Heimat führte mich einem silbrig schimmernden Sommerfrieden entgegen – und einer Liebestragikomödie der seltsamsten Art.

Das kleine gute Pfarrherrle zu Hegnenbach hatte von meiner Erkrankung gehört und hatte mir als Genesungsheim sein ‚friedsames Pfarrhöfle’ angeboten.

Starker Hilfen bedurfte meine Genesung nicht. Es tat da schon meine Natur das ihrige. Acht Tage, nachdem ich von dem Krankenbett aufgestanden, das beinahe ein Totenbett geworden wäre, hatt’ ich schon wieder solch einen festen Brocken Gesundheit in mir, dass die Reise zum schwäbischen Holzwinkel für mich eine herrliche Sache ohne Ermüdung wurde. Etwas seltsam Stilles und Frohes war in mir, bei diesem köstlichen Wohlgefühl des erneuten Lebens. Auf sehnsüchtigen Gedankenwegen, die alle zum Luischen wanderten, brachte ich die etwas unmedizinische Schlussfolgerung zustande, dass Krankheit und Fieber alles Böse und Hässliche in mir verbrannt und ausgeschieden hätten, und dass ich ein ehrliches Recht besäße, mich als geläutertes, als ein von allen guten Mächten des Lebens pardoniertes und entsühntes Menschenkind zu betrachten. Ich hielt mich wieder fähig des reinsten Glücks, fühlte die Kraft und den Willen in mir, mich meines Glückes würdig zu machen. Und mit heiterer Süßigkeit träumte ich von dem grünen Sommerfrieden, der mich erwartete.

Bei der Omnibusfahrt von Augsburg nach Welden saß ich neben meinem Freund aus der Dorfschulzeit, neben Nagelschmieds Domini auf dem Bock – ich in der Soldatenmontur, der Domini im blauen Postillionsfrack, mit weißen Hosen und hohen Stiefeln. Ein munteres Schwatzen von vergangenen Zeiten. Und im Adelsrieder Forst, als die von der Sonnenhitze ermatteten Pferde im Schritt gingen, nahm der Domini sein silbernes Posthorn und blies in den stillen Wald hinein:

„Mädle, ruck ruck ruck an meine grüne Seite,
I ha(n) di gar so gern, i ka(n) die leide …“

Es ging auf den Abend zu, als wir das Wiesental der Laugna erreichten. Mich befiel ein zitterndes Erwarten. Ob ich jenen Duft wieder spüren würde? Den Duft von meiner Mutter Blumen?

Was ich erwartete, blieb aus. Freilich, die Mutter war nimmer in Welden. Aber pflanzen andere Mütter keine Blumen?

Als der Domini am Forsthaus vorüberkutschierte, musste ich sehen, dass Haus und Garten meiner Eltern sich während zweier Jahre in eine wüste, verwahrloste Sache verwandelt hatten. Das tat mir weh. – Sind die Dinge des Lebens an sich ein Schönes? Oder werden sie es erst durch Hand und Wille des Menschen? Guter Boden für duftende Blumen ist immer da. Wenn sie nicht blühen, hat’s nur der Mensch verschuldet.

Am Abend gab’s wieder Heiterkeit, die an liebe, schöne Zeiten erinnerte. Nagelschmieds Leopold, jetzt der Herr Postexpeditor, hatte das Fässlerwirtshaus erworben und in ein ‚Gasthaus zur Post’ verwandelt. Und als es im Dorf bekannt wurde, ‚Oberferschtners Ludwigle’ wäre als Soldat gekommen, gab’s in der Post ein lustiges Gewimmel. Meine drei Getreuen aus der Schulzeit waren da, der Domini, der Maleralfons und der Lehrermuckl; zur Gitarre sang der Leopold seine fidelen Liedchen, und die große Stube war voll gepfropft mit freundlichen Leuten. Jeder wusste ein Stücklein aus meiner Kinderzeit zu erzählen, immer guckten sie alle zu mir herübe rund lachten zu jedem Worte, das ich redete; aus allen Krügen musste ich trinken, und jeder nippte von meinem Glas; und die ergraute Nagelschmiedsmammi stand vor mir da, heilt die Hände auf dem Bäuchlein übereinander gelegt, schaute mich immer an und sagte mit Lachen: „’s sich no älleweil ’s Ludwigle!“

In schöner Sommerfrühe fuhr ich nach Hegnenbach hinaus – und das war nicht eine Fahrt durch einen Wald, es war eine Reise durch tausend rauschende Erinnerungen. Nun öffnete sich ein kleines Tal mit hügeligen Wiesen und goldfarbenen Getreidefeldern. Ich sah den sonnblitzenden Lauf der Zusam hinter einem freundlichen Dörflein. Neben braunen Ziegeldächern und grünlichen Strohfirsten streckte die kleine, baufällige Kirche, vom winzigen Friedhof umgeben, ihren zahnlückigen Turm zum blauen Himmel hinauf. Und nicht weit davon, ähnlich einem bescheidenen, zweihundertjährigen Herrensitz, erhob sich der mit Geißblattspalieren überwachsene Pfarrhof hinter einem hübsch gepflegten Blumen- und Gemüsegärtchen und zwischen vielen Obstbäumen,d eren Stämme zum Schutze wider das Ungeziefer mit weißem Kalk bestrichen waren, und in deren Laub die reifenden Äpfel, Zwetschgen und Birnen hingen. Vor dem Zauntürchen erwarteten mich meine gutherzigen Gastfreude: Die kleine, früh gealterte Schwester des Pfarrers in dunklem Kleid und mit weißem, nonnenhaftem Häubchen – und dieser prächtige, schlanke, kleine, feine, nette und allerliebste Pfarrer, der schon ein Vierziger war und doch in allem Jünglingshaften seines Wesens und bei seiner flinken, zierlichen Gestalt noch immer aussah wie ein froh verlegener Alumnus. Er schloss mich an seine Brust, als wär’ ich ihm der jüngere Bruder, und fand in seiner ersten Wiedersehensfreude nur dieses eine Wort: „Ja Ludwigle! Ja Ludwigle! Ja Ludwigle!“

Und dann dieses stille, friedliche, weiße Pfarrhaus in seiner spiegelnden Reinlichkeit, mit den träumerischen Altväterstuben, mit seinen Heiligenbildern, Weihwasserkesselchen und Kruzifixen, mit den blumenbestellten Fenstergesimsen und dem blank gescheuerten Holzgerät, mit diesem feinen Sandgeruch an allen festen Dingen und mit dem schneeweiß gedeckten Tisch, auf dem die winzigen, weiß glasierten Steingutschüsselchen nicht für hungrige Menschen, sondern für mäßig pickende Kanarienvögel berechnet schienen. Gleich bei der ersten Mahlzeit setzte mir der Pfarrer unter seinem Erröten auseinander, dass es bei ihm ‚sehr einfach’ zuginge. Mir sollte natürlich nichts fehlen, ich sollte essen, trinken und verlangen nach Herzenslust. Doch er müsse genügsam und ‚unbegehrlich’ sein, um jedes Jahr ein tüchtiges Stücklein Geld für das neue, schöne Gotteshaus ersparen zu können, das er seiner Gemeinde statt des alten, baufälligen Kirchleins ‚einmal’ erbauen möchte. Er führte mich auch gleich am Nachmittag hinüber zu dem Wiesenhügel, auf dem sich in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren die neue Kirche erheben sollte. Vor der leeren Wiese leuchteten seine Augen so glückselig, als stünde die neue Kirche schon da mit funkelnden Fenstern und läutenden Glocken.

Wer ihn so sah, diesen kleinen Pfarrer mit den frommen, gläubigen Traumaugen, der musste ihn lieben. Im Dorf nannten sie ihn: „Ünser guets Männdle“. Und der Pfarrer konnte von seinen Bauern sagen: „I han koin schlechte Kerl im Dörfle.“ Für alles, was echte Religion und redliches Leben heißt, war er ein wirksamer Prediger, auch wenn er schwieg. Ein guter und reiner Mensch ist der erfolgreichste Priester. Und das Pfarrle von Hegnenbach war von den Goldklaren und Seltenen des Lebens einer! Ich kann euch nicht sagen, wie wohlig, friedlich und froh mir an der Seite dieses lieben Menschen zumute wurde, gleich in den ersten Stunden! Bis zum Abend blieben wir plaudernd beisammen. Dann musste er noch einen Kranken besuchen. Ich setzte mich in der schönen Dämmerung neben der Haustür des Pfarrhofes auf die hölzerne Bank. Und die träumende Stunde gab mir dieses Lied:

„Es ist ob Flur und Wald schon lange
Der Abendglocke Lied verklungen
Und hat mit seinem sanften Klange
Das müde Dorf zur Ruh gesungen.

Da steigt mit schwerem Flügelzuge
Ein Storch empor vom Wiesenbächlein
Und rastet vor dem Weiterflug
Noch einmal auf des Kirchturms Dächlein.

Nun eilt er westwärts und verschwindet
Im dunklen Traum des Fichtenhages –
Und mählich, mählich nun erblindet
Das letzte matte Licht des Tages.

Nach heißer Sonne schwülem Brande
Kühlt nun die Nacht mit feuchten Händen
Des Pfarrhofs steinerne Verande
Und tränkt das Laubwerk an den Wänden.

Der Abendwind durchhaucht den Flieder
Und macht die Blätter wohlig beben;
Nachtfalter streifen hin und wieder
Die taubenäßten wilden Reben.

Nur aus der Nacht des Wiesengrundes
Das leise Zirpen einer Grille
Und fern das Bellen eines Hundes
Stört diese weihevolle Stille.

So stört den Frieden mir im Herzen,
Den ich in diesem Heim gefunden,
Nur leise noch ein letztes Schmerzen
Der fast vernarbten Lebenswunden.“

Das war ein menschliches Aufatmen, ein natürlicher Klang. Und nun erinnert euch an die trommelnde Unnatur meines Stiles in der Würzburger Testamentsnovelle ‚Der Mann ohne Herz’! Nur vier Monate lagen dazwischen. Darunter sechs Wochen lebensgefährlicher Krankheit. Alle Zeit des Leidens ist eine Zeit des Reifens für menschliche Seelen. Und ich hatte wieder ein reines Glück gefunden, fühlte die Nähe eines guten Menschen – und empfand: Nun bin ich selber wieder Mensch geworden. Im Pfarrhaus zu Hegnenbach bekam ich einen Wegweis nach der Straße hin, die ich später in allem gegangen bin, was mir Leben und Arbeit hieß. Bevor mir diese Straße klar und eben wurde, gab’s freilich noch Umwege und düstere Buckeln in Menge – sogar in diesem Pfarrhof selber.

Ein lustiger Abend unter der kleinen, grün geschleierten Hänglampe. Der Pfarrer sang mit seiner frischen Jünglingsstimme ein paar allerliebste alte Liederchen zur Gitarre. Ich hatte meine Flöte mitgebracht und pfiff die zweite Stimme. Um das Trio voll zu machen, kam noch der Lehrer zu Besuch aus dem Schulhaus herüber. Er war ein begabter Musiker, spielte alle Instrumente, am besten Geige und Klavier. Doch genießbar war er nur, wenn er musizierte; im übrigen war er eine ‚schwankende Gestalt’; unordentlich gekleidet, ein Freund von Gesprächen, die mein Pfarrle nicht leiden konnte. Im Pfarrhof war’s natürlich mit dem Bekneipen nichts; da bekam der Lehrer nur sein einziges Krügelchen, punktum. Aber der steife, noch nicht völlig ausgegorene Wahnsinn des Säufers tränte ihm schon aus den vorgequollenen Augen heraus. Dass er soff, das konnte man ihm nimmer verdenken, sobald man nur ein einziges Mal seien Frau gesehen hatte. Die war ein fürchterliches Dromedar, behandelte ihn niederträchtig und quälte ihn mit Eifersucht. Als junger, hungernder Hilfslehrer hatte er irgendwo diese um zwanzig Jahre ältere Vogelscheuche wegen ihres kleinen, hilfreichen Vermögens geheiratet; doch es wurde ihm jeder Bissen Brot in dieser kinderlosen Ehe mit Ekel und Galle gesäuert. Der Pfarrer, der sonst im Dorf keinen Trinker duldete, verzieh diesem gemarterten Menschen auch den chronischen Suff; er half nur nicht dazu; wenn das einzige Krügelchen, das im Pfarrhof aufgetischt wurde, geleert war, dann musste der Schulmeister Zitronenwasser mit Brausepulver trinken. Und die aufgeregten, immer gereizten Gespräche des Lehrers wusste das kleine Pfarrle mit ernsten Blicken zu dämpfen. Wenn die Blicke nicht mehr halfen, griff der Hochwürdige zur Gitarre und sagte: „Spiele mer wieder oins! Isch gscheiter, als dass mer keele Sachen anhöre müesse!“ Und kaum hatte der Lehrer die Geige am Kinn, dann war er wieder ein anderer – einer, der mir gefiel. Er hatte Töne, die mich verwundert lauschen machten. Und wenn er geigte, kollerte manchmal das Glitzerwasser seiner steifen Augen über den Bauch der Violine.

Bei den sprudelig heißen, meist in halben Sätzen explodierenden Gesprächen des Lehrers fiel es mir auf, dass er immer wieder von einer ‚Frau Kommandantin’ reden wollte. Der Pfarrer zog dann die Stirn in unbehagliche Falten und griff sehr hurtig nach der rettenden Gitarre: „Singe mer oins!“ Ich hatte unklar die Empfindung, als ob da etwas Dunkles und Drohendes unter der halb gebändigten Oberfläche brodle. Und dennoch war’s für mich ein lustiger, von heiterem Klang erfüllter Abend.

Mit diesem Lehrer hatt’ ich in den nächsten Tagen ein paar heimliche Zusammenkünfte. Um meinem Pfarrle eine Freude zu machen, wollte ich mit dem Lehrer ein paar Stücke guter Musik für die Kirche einstudieren: Orgel und Flöte. Wir mussten mit dem Klavier studieren; die Orgel hätte der Pfarrer gehört, wenn er, sein Brevier betend, durch Felder und Wiesen wanderte.

Es war Ferienzeit, die Schulstube gähnte. An jedem Nachmittag war der Lehrer verschwunden. Da saß er drüben in dem drei Viertelstunden entfernten Dorf Villenbach und soff – wie ich später erfuhr: Ans unglücklicher Liebe zu dieser ‚Frau Kommandantin’. Den ganzen Nachmittag fuhr die Lehrerin, dieses unstete Weibsbild, wie eine Furie herum und lauerte. Ums Gebetläuten kam der Lehrer heim, meistens schwer betrunken. Dann gab es im Schulhaus fürchterliche Szenen. Je nach der Qualität des Rausches, wenn es ein stiller oder lauter war, prügelte entweder der Lehrer die Lehrerin, oder die Lehrerin den Lehrer. Am Morgen waren sie alle beide wieder ganz ruhig und trätabel. Und der Lehrer konnte prachtvoll musizieren.

Die Wohnstube des Schulhauses war grauenhaft verwahrlost. Doch es stand ein leidlich guter Flügel in diesem Dreck, ein altmodisches Instrument, dessen Klang an ein Spinett erinnerte. Wir studierten Gounods Ave Maria, das der Lehrer für die Orgel und Flöte eingerichtet hatte, und ein Andante von Mozart. Am Sonntag, der einen goldschönen Sommermorgen brachte, kam in der Kirche die Überraschung für das Pfarrle. Die Hegnenbacher Bauern spitzten die Ohren. Und als der Pfarrer nach dem Hochamt aus der Sakristei heraustrat in den von Sonne überschimmerten Friedhof, streckte er mir die Hände entgegen und hatte freudig strahlende Augen: „Ludwigle! Heut hascht mer awer e schöne Freud gemacht. So süeß sich mer ’s Messlese schon lang nimmer gwese!“ Welch ein wundersames Ding des Lebens ist Dank in Freude! Und welch ein reicher Lohn für bescheidene Mühe!

Den ganzen Tag war der Pfarrer in festlich gehobener Stimmung. Dabei zog mich dieser kleine Mann mit dem großen Herzen zu sich hinauf, und ich vermochte ihm vieles nachzufühlen, was rein in seinem priesterlichen Wesen glänzte. Dass ich fromm sein konnte, das war, meinen zwanzig grünen Jahren zum Trotze, schon lange, lange her. Doch an diesem schönen, frohen Tag war wieder etwas dankbar Gläubiges in meiner tastenden Seele. Der klare Friede, der diesen makellosen Priester erfüllte, floss auf mich über und weckte in mir eine leise, wunderliche Sehnsucht, ein Heimweh nach den Himmelsgärten meiner Kinderzeit. Und am Abend, in der stillen weißen Pfarrstube, kam es zu einem merkwürdigen Gespräch. Ich erinnere mich, dass der Pfarrer nach seiner ‚unbegehrlichen’ Mahlzeit – ich allein aß alles auf – sich wohlig in die Ecke des harten Kanapees zurücklehnte, mich ansah und lächelnd sagte: „Den Mozart hör’ ich noch älleweil! So was Schönes sich das gewese! Ludwigle, heut hascht mer viel guete Herze naufziehe helfe zum liewe Gott. Weischt, fliege ka(n) koiner, der e Mensch ischt. E jeder braucht e kloins Leiterle, dees ihm aufwärts hilft. Und es gibt koi(n) anders Himmelsleiterle, dees so tragfeschte Sprößle hat, wie e guete Musik.“

So fing es an. Und ehe wir es selber merkten, waren wir mitten in einer Debatte über religiöse Dinge. Ich war wohl damals kein allzu grimmiger Leugner, nur eben ein junger Mensch, der zu denken begonnen hatte. Aber zwischen mir und diesem restlos gläubigen Priester, für den die Sonne von Jericho buchstäblich stillgestanden, und der mit Gottes Wort alle Forschungsresultate des menschlichen Geistes ruhig beiseite schob, in jeder Silbe der Schrift einen ewigen Berg und in jedem Glaubenssatz seiner Kirche eine unverrückbare Säule des Weltgefüges erblickte, den Himmel als eine Wahrheit des Lebens und die Hölle als Gleichnis einer in Reue brennenden Gewissens nahm – zwischen uns beiden war doch wohl eine so unüberbrückbare Kluft des Denkens, dass der gute Pfarrer mich erschrocken ansah und Tränen in den Augen hatte, als er stammelte: „Jesus, Ludwigle, ja tuescht denn du gar nix nimmer glaube?“

So schlimm war’s nun aber doch wohl nicht. Und unter dem Eindruck des schönen Tages suchte ich nach einer Antwort, die den Pfarrer beruhigen könnte, von der ich aber doch wohl forderte, dass sie ehrlich sein müsste. Bei den Seelenkämpfen meines letzten Neuburger Seminarjahres waren mir alle Bilder meines Schulglaubens zu wesenlosen Verschwommenheiten auseinandergeflattert; und dann hatte der Streit um die Infallibilität, der Anblick und die Wirkung der Weldener Pfarrhoftragödie, die Spötterzunge Heinrich Heines, die Lektüre kunterbunter Aufklärungsschriften und schließlich das eigene Denken diese Zerstörungsarbeit gründlich vollendet. Was kirchliches Bildwerk und religiöse Formel hieß, das war für mich erledigt. Dennoch war es nicht leer in mir. Mit festen Wurzeln saß mir das Goethesche Wort im Herzen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Ich fasste das unfassbare Bild des Ewigen nach dem göttlichen Doppelgesicht in Werthers Leiden und betete die Hymne nach: Wer darf ihn nennen, Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch. Und mein eigenes Denken sagte: Alles Bestehende muss einen Urgrund haben, alles Leben einen Schöpfer, jeder Raum eine Mitte, alle Zeit einen Keim des Werdens und eine Heimat der Ruhe. Und so wurde mir die Silbe Gott, ohne dass sie mir irdische Bilder gab, zum Anfang und Ende aller Dinge, zum Kern und zur Schale alles Lebens, zum Rätselstrom des Unverständlichen, zum Quell aller Freude, zur Seele aller Schönheit, zum Brunnen aller Güte.

Wie ich das vor dem lauschenden Pfarrer in Worte brachte, das weiß ich nimmer. Aber der Blick der beiden Augen, die angstvoll und zärtlich an mir hingen, und die Stimmung des schönen Tages gab wohl den Glaubenssätzen, die ich da formulierte, ein wirksames Leben. Mit beiden Händen griff der kleine Pfarrer über den Tisch herüber, fasste meine Hand und sagte in Freude: „Aber schau nur, in dir ischt ja doch das Rechte! Nur falsche Wörtle hascht du! Und Umweg’ tueschst du mache! Bloß ein bissele wenn du möge tätscht, so tät dich der liewe Gott zu sich hinauf ziehe! Und aus em Saulus könntest du ein Paulus werde!“ Und gar kein Leugner wäre ich, sondern ein ehrlich suchender Bekenner. Und in meinem Herzen hätte ich die frohe Liebe und das freudige Erbarmen, den Glauben ans Leben, das Mitgefühl für die Menschheit und den Willen zur Schönheit der Seele. Ich wäre nicht nur ein guter Christ, ich hätte gewiss und wahrhaftig das Zeug in mir, aus dem man die guten Priester macht. „Wenn du möge tätscht! Kein Knöpfle müeßt dein Vater nimmer zahle für dich! Für alles käm ich auf, tät dich studiere lasse, tät dich nach Rom schicke, dass du die Glaubensbäch am heiligste Brunne sehe kannst. Ludwigle, Ludwigle, was tätscht du für ein Prediger werde! Oiner, der vieltausend Mensche die Herze warm und das Leawe leichter macht! So red doch! Magst du? Magst du?“

Erst war ich bis zur Sprachlosigkeit verblüfft. Dann musste ich lachen, als wäre das eine wahnsinnig komische Sache. Aber den kleinen guten Pfarrer schüchterte meine Heiterkeit nicht ein. Er hielt meine Hand umklammert, redete immer wärmer, immer eindringlicher. Er war kein Werber von jener billigen Art, die in den Pfarrhöfen der Dörfer zu wohnen pflegt und auf den Ehrgeiz der zweitgeborenen Bauernsöhne zu wirken weiß. In schöner Freude, die aus seinen ehrlichen Augen strahlte, kämpfte er um eine Hoffnung seines vertrauenden Herzens, kämpfte für seine, ihm heilige Kirche um einen Seelengewinn, an dessen Wert er glaubte. Sich selber nannte er ‚ein armseliges Taglöhnerle im blühenden Garten Christi’; in mir vermutete er die Kraft zu höherem Werke, vermutete, ich würde ‚von den ganz Großen oiner’ werden, ein Säender und Erntender auf Gottes weitem und herrlichem Acker. Mit gewinnenden Worten, die ich ihm nicht mehr nachzuerzählen weiß, begann er mir das weiße Glück und den stillen Frieden seines gläubigen, in Gott beschlossenen Lebens zu schildern; alle Wege und Stege auf Erden waren ihm klare Straßen und feste Brücken; für seine Seele gab es keine Gefahr und keine Not; für alles Wehe hatte er einen Trost, für alles Schmerzende einen Helfer; seiner friedsamen Tage beste Freude war es, einem Leidenden die stützende Hand zu reichen, wieder hoffenden Glanz in müden Augen zu sehen, wenn er einem geplagten und zweifelnden Menschenkind neues Gottvertrauen ins Herz hatte reden können. Und wie von einem wundersamen Mysterium, so sprach er mit leiser bebender Stimme von jenem unsagbar Schönen, das ihm Herz, Gedanken und Blut durchzitterte, sooft er im Erwachen des Morgens die Messe las, vom Brot des Herrn speiste und den Wein des ewigen Lebens trank. Da sah er den Himmel offen, von dessen kommenden Seligkeiten er Tag um Tag einen erquickenden Strahl voraus genoss.

Ich konnte nimmer lachen. Ich musste lauschen und sinnen, musste diesen kleinen, leise redenden Mann verehren und lieben. Bezwingend wob sich der Klang seiner Stimme um mein Herz, eine dürstende Sehnsucht wurde lebendig in mir, und ein weiß geflügelter Priestertraum begann sich vor den Augen meiner Seele zu formen. Wäre nicht in meinem Herzen die neugeborene Liebe zu meinem Luischen gewesen – wer weiß, wozu ich mich in dieser Stunde entschlossen hätte?

„… Ludwigle?“

Ich schüttelte stumm den Kopf.

Er sah mich bekümmert an. „Aber geh, so red doch e Wörtle!“

„Nein! Ich glaub, Herr Pfarr, Sie überschätzen mich. Ich bin für so was nicht der richtige Mensch, bin keiner von den Genügsamen und Opferwilligen. Ich hab Freud an der Welt, in mir ist lebendiges Blut. Und ich weiß schon mehr, als vielleicht gut ist für mich.“ Bei dieser Aufrichtigkeit brannte mir das Gesicht. „Da tät’s Purzelbäum geben. Und wenn ich an den Pfarrer Andra von Welden denk …“

„Jesus Maria!“ Das gute kleine Pfarrle verfärbte sich. „Noi(n), noi(n), noi(n)! Um Gottes wille! Da tue lieber werde, was du magscht! Nur bloß koi(n) Geischtlicher nit! Schlehcte hawe mer eh scho gnueg!“

Eine geraume saßen wir einander schweigend gegenüber. Dann musste ich leise fragen: „Hochwürden? Kann es ein Mann denn halten … das?“

Über sein ernstes Gesicht glitt eine zarte, jünglingshafte Röte. „Büeble, da mag i nit rede drüber.“ Ruhig sah er mich an. „Aber oins kannscht mer glaube, Ludwigle! Die Menscheleut denken von vielen Sachen, sie müeßten sein. Und es sich nit wahr. Nix im irdische Lewa sich so wichtig, dass man’s nit vermisse könnt. Mit Gottes Hilf geht alles. Es muss der Mensch nur richtig wolle! Aber da fehlt’s halt bei die meischte!“ Schwer seufzend erhob er sich, und mit den Händen hinter dem schwarzen Talar, ging er ein paar Mal durch die Stube hin und her. Nun blieb er beim Fenster zwischen den weißen Vorhängelchen stehen, nahm die Gitarre von der Wand und spielte ganz leise jene harfenden Akkorde aus dem Bachschen Präludium, das Gounod für sein Ave Maria entlehnte. „So, jetzt gehe mer schlafe!“ Die Gitarre klirrte an der Wand. Er kam und legte mir die beidne Hände auf die Schulter. „I wünsch dir e friedsams Nächtle! Werd ebbes Rechts im Leawa, und alles sich guet! Und am beschte wird’s sein, du vergischt alles, was mer heut gschwätzt hawe mitenand. Es sich mer halt wieder emal ’s Herz mit’m Verstand davongloffe. Unser güetiger Herrgott wird lache drüber.“ Auch der Pfarrer lachte. Er strich mir mit der Hand übers Haar, zupfte mich ein bisschen am Ohr – und ging aus der Stube.

Ich schlief, wie gesunde Jugend schläft. Dann kam ein schöner, taublitzender Morgen. Und von diesem Morgen an sagte ich Du zum kleinen Pfarrer von Hegnenbach, ohne dass wir Brüderschaft miteinander getrunken hatten.

Still, friedlich und heiter flossen die Tage hin. Von der überstandenen Krankheit war nichts mehr an mir zu merken. Ich konnte wieder rennen wie ein Windhund und Sprünge machen wie ein jagender Wolf. Auf jeden lockenden Baum musste ich hinauf, über jedes Brückengeländer hinüber, und wo in der Zusam ein schöner Gumpen glänzte, musste ich kopfüber hinein. Dann plötzlich, inmitten des schönen Sommerfriedens, kam dieser tragikomische Sturm. Ich bin nie abergläubisch gewesen. Aber damals kam es mir doch so vor, als hätt’ ich mit meinem unvorsichtigen Wort von den Purzelbäumen des Blutes den Teufel an die weiße Wand des Pfarrhofes gemalt. Und Mozart baute die Brücke aus dem Idyll zur halben Tragödie.

Am zweiten Sonntag blies ich das Andante wieder mit Orgelbegleitung in der Kirche. Und der Pfarrer wollte die Freude, die er dran hatte, auch anderen vergönnen, wollte mit meinem Flötenspiel ein bisschen Staat machen. Im nahen Villenbach war während der folgenden Woche ein großes Patrozinialfest mit Wallfahrt und Ablass. Dieses Kirchenfest sollte ich nach des Pfarrers Wunsch durch das Andante von Mozart verherrlichen helfen. Zeitig am Morgen, nachdem das Pfarrle daheim in Hegnenbach die Frühmesse gelesen hatte, wanderten wir über die von Grumt duftenden Wiesen des Zusamtales hinüber nach dem auf freiem Hügel gelegenen Villenbach, der Pfarrer im schwarzen Festrock, ich in der Uniform und mit dem Flötenfutteral unter dem Arm, der Lehrer in einem vorsündflutlichen Frack und unter so wunderlichen und gereizten Redensarten, dass mich der Verdacht beschlich, er wäre zur Abwechslung einmal schon früh am Tag besoffen. Doch er hatte noch keinen Tropfen hinter die weiße Krawatte gegossen. Seine Gereiztheit, die nur in halben Sätzen redete, musste seelische Ursachen haben.

Auf diesem Weg begegneten wir einem Menschen, den der Lehrer zu hassen schien. Inmitten der abgemähten Wiesen war ein Schafpferch aufgeschlagen. Und weil die Schafe auch an so hohem Feiertage fressen wollten, konnte der junge Schäfer das Patrozinialfest nicht mitmachen, sondern musste bei seiner Herde bleiben. Mit seinem Schäferhemd stand er wie eine blaue Säule im sonnigen Grün; eine prachtvolle, herkulische Gestalt; das derbe Gesicht nicht hässlich, nur ein bisschen stumpfsinnig. Und in diesem übermenschlich ausgereckten Körper war eine Art von natürlicher Grazie. Wenn der Schäfer mit der blitzenden Schippe eine Rasenscholle nach den ausgrasenden Schafen warf, das war immer eine wundervolle Bewegung. Und wie Hammerschläge klangen die kurzen Worte, die er dem schwarzen, ruhelos revierenden Hund zurief.

Als der junge Schäfer uns drei gewahrte, wandte er sich ab und drehte uns den Rücken zu. Der Lehrer bekam ein krebsrotes Gesicht, während er in seiner elliptischen Redeweise kurrte: „So e Lackl, der ischt … So e Gaukerle, so e vermale … Hö! Oha! Vor die Säu? Nit bloß vor die Säu! Se wisse scho(n) von de Perle, gell? De müessen au vor de Schaf un Hammel …“

Der Pfarrer tat, als spräche der Lehrer Chinesisch. Und mir war’s auch nicht drum zu tun, auf dieses unverständliche Geknurre aufzupassen. Ich musste schauen und schauen. Ein strahlender Sommermorgen in lieblicher Landschaft; alle Dinge haben goldene Konturen vom Sonnenglanz; die Schatten sind so blau wie der Himmel ist; alle Nähe brennt in kraftvollen Farben, und alle Ferne hat ein zartes, fein verschleiertes Lächeln; überall zwischen kleinen Wäldern und zwischen den Ährenhügeln gucken versteckte Dörfchen heraus; auf allen Straßen, nahe und ferne, kommen lange Wallfahrerzüge, schwarz und mit leuchtender Buntheit; ihr Stimmengewirre tönt wie ruheloser Grillengesang; rote Fahnen flattern gleich feuerfarbenen Schmetterlingen vor diesen Zügen her, und sie alle streben nach einem unsichtbaren Mittelpunkt und sind ein wunderliches Gleichnis für die sehnsüchtige Menschheit, die eine Heimat des verlässlichen Glückes finden möchte. Drei große Glocken fangen schön zu läuten an, alle Luft ist Hall und Summen, das Stimmengewirr dieser schleichenden Menschenzüge erlischt, alle redende Natur ist schweigsam geworden, die Bäche fließen stumm, die Bäume und Stauden bewegen sich lautlos im linden Sonnenwind – nur diese Glocken tönen und singen.

Böller krachen; von dem Wiesenhügel, auf dem geschossen wird, fahren silberweiße Rauchringe, die immer größer werden, gegen die Sonne hinauf; und ein Schwarm von Buben hebt sich mit feinen, flink veränderlichen Silhouetten vom leuchtenden Himmel ab. Die Gasse des Dorfes wimmelt von Menschen; die geputzten Weibsleute schieben sich vor den Buden umher, in denen Heiligenbildchen, Rosenkränze und Wachskerzen verkauft werden. Rings um die Friedhofmauer sind all die roten Fahnen aufgestellt. Dann das Gedränge in der Kirche, die brausenden Orgelklänge, die wallenden Weihrauchwolken.

Es kostete Mühe, durch diese gestauten Menschenmassen zum Chor der Musiker hinaufzukommen. An der Brüstung bekam ich meinen Platz. Und die tausend gebeugten Köpfe da drunten, das war ein seltsames Bild. Die Predigt dauerte schrecklich lange. Als die Instrumentalmesse begann, wurde ich eingeladen, die Flötenstimme mitzublasen. Ich tat’s. Und nach der Wandlung kam als Einlage das Mozartsche Andante. Um mit dem Orgelspieler Fühlung zu haben, drehte ich dem Kirchenraum den Rücken. Der erste Teil kam gar nicht übel heraus; im zweiten gab’s eine Unsicherheit um die andere. Was hatte denn nur der Lehrer von Hegnenbach? Er rutschte wie ein Verrückter auf dem Orgelsitz hin und her, und wenn er einen flinken Blick auf das Notenblatt geworfen hatte, drehte er immer wieder das verzerrte Gesicht nach rechts hinüber. In einer Pause, die ich hatte, guckte ich über das Notenpult. Und da sah ich – rechts da drüben in einem der drei Betstühle, die den Honoratioren von Villenbach zu gehören schienen – ein junges bildschönes Frauenzimmer knien. Und gerade, wie ich hinüberguckte, sah die schöne Person zu mir herüber, mit frommen Veilchenaugen. Das richtige Madonnengesichtchen à la Rokoko, weiß und rosig, mit Grübchen, wie von Watteau gemalt und durch ein Wunder zu holdem Leben erweckt. Eine zierliche Gestalt, schlank und dennoch lind gerundet, in einem weißen, zart geblümelten Kleidchen. Und über den schweren blonden Flechten saß ein Florentiner Strohhut, von dem sich zwei himmelblaue Bänder über den Rücken hinunterringelten. Sie gefiel mir sehr! Aber ich dachte weiter nichts dabei als nur das eine: Wie kommt solche in feines Paradiesvögelein unter die Hennen von Villenbach?

Das Andante ging zu Ende. Sehr schön muss die Sache nicht gewesen sein. Nach dem Hochamt sagte mein Pfarrle mit milder Kritik: „Bei mir drübe hascht es no viel besser blase.“ Der Lehrer von Hegnenbach war wie ein Verstörter, absentierte sich vom Festmahl der geistlichen Herren, das im Pfarrhof gehalten wurde, und sauste zum Bräuhaus hinüber. Auch ich war Festgast bei der geistlichen Tafel. Es war sehr feierlich. Man aß fünf Stunden, von elf bis vier Uhr. Der Nachmittagsgottesdienst unterbrach die Mahlzeit nicht. Es verschwanden nur zwei Kapläne. Zwischen den zwanzig runden Herren merkte man die zwei mageren Lücken nicht. Ich wäre gern ausgerissen, aber mein Pfarrle flüsterte: „Da mueß ma bleiba, dees tät die Herre beleidige.“ Den anderen erschien es ohnehin ‚zu früh’, als wir beide uns um vier Uhr nach dem Kaffee verabschiedeten. Wir wollten heim, und der Pfarrer wollte den Lehrer mitlotsen.

Die Menschenfülle auf der Gasse hatte sich schon sehr gelichtet. Aber das Bräuhaus war überfüllt. Im Flur stand dieser Mordsmensch, dieser junge Schäfer mit seinem blauen Hemd, in der Hand einen Maßkrug, und seine stumpfen Augen stierten immer nach der Treppe hin.

Über diese Treppe mussten wir hinauf, um den Lehrer von Hegnenbach zu finden. Er saß im Honoratiorensaal; eine große Gesellschaft war bei ihm, an die dreißig Leute, Schulmeister und kleine Beamte mit ihren Frauen und Töchtern, zwei Kapläne, drei Gendarmen, unter ihnen der ‚Herr Kommandant’, ein Mannsbild wie ein Stier, mit dicken Kopf und apoplektischem Gesicht, den Mund mit einem wulstigen Schnauzer bedeckt, in den Augen einen unruhigen, misstrauischen Zornblick; dieser Zorn schien dem Lehrer von Hegnenbach zu gelten, der schon tüchtig angesäuselt war und unter Geschrei und Gelächter sehr heikle Witze machte. Und neben dem Kommandanten saß jene schöne blonde Person in dem weißen, zart geblümelten Kleidchen, das dem zierlichen Körper wie angegossen war – die ‚Frau Kommandantin’! Jetzt, ohne Strohhut, war sie noch viel hübscher, Und sah mich immer an, mit dem Blick eines Kindes, das sich wundert.

Der Lehrer von Hegnenbach war von seinem Sessel nicht wegzubringen. Mein Pfarrle, von der ganzen Gesellschaft bestürmt, musste noch bleiben. Ich merkte, dass er’s nicht gerne tat. Und dann saßen wir beide der Frau Kommandantin gegenüber. Sie sprach sehr höflich ein paar Worte zu uns. Doch in dem fidelen Lärm war das zirpende Stimmchen kaum zu verstehen. Auf ihrem Sessel sich zurücklehnend, blieb sie schweigsam und sah mich immer an, mit dem Leibreiz eines lächelnden Engels. Ich weiß nicht, wie es kam – aber ich musste mich ein bisschen ärgern, über diese Frau, und mehr noch über mich selbst. Und der Lehrer von Hegnenbach führte komische Reden, immer zu mir her und über den Tisch hinüber zu dieser bildschönen Person. Und plötzlich kam er auf den Einfall, Pfänderspiele zu veranstalten. Die Gesellschaft lachte dazu, und die jungen Leute klatschten Beifall. Er ließ sich von der Kellnerin eine Schürze geben und band sie vor seinen Schoß, um als Pfandmeister darin die Pfänder zu sammeln. Zuerst spielte man: „Es fliegt, es fliegt – der Ochs!“ Bei diesem Spiel verloren zumeist die Herren. Ich musste mein Zigarrenetui als Pfand geben, weil ich einen Floh hatte fliegen lassen. Dann spielte man ‚eiskalte Totenhand’. Der hirschlederne Handschuh des Herrn Kommandanten wurde in kaltes Wasser getaucht, mit irgendeiner schwabbligen Sache gefüllt, zugebunden und unter dem Tisch herumgereicht. Wer ihn aus Schreck oder Ekel fallen ließ, musste ein Pfand geben. Bei diesem Spiel verloren die Damen. Wenn sie unter dem Tisch die kühle, schlottrige Sache in die Hand bekamen, schrieen sie wie am Spieß. Es regnete Pfänder und die Frau Kommandantin gab das goldene ‚Bröschle’ von ihrem schlanken Hals.

Die Auslösung der Pfänder wurde durch den Kanon eingeleitet:

„Ach, wie schön ist’s doch am A-a-bend,
Wenn zur Ruh die Glocken kli-i-ngen…“

Das gab eine Harmonie, um alle Katzen auf die Dächer zu jagen. Und jetzt die Pfänderverteilung unter Gelächter und Gequicke; man musste Gedichte rezitieren, Lieder singen, Grobheiten sagen, Purzelbäume machen, auf dem Kopf stehen, über den Tisch laufen, Rücken an Rücken tanzen.

Nun brüllte der Lehrer mit dem Gesicht eines vergnügten Fauns: „Das leschte Pärle, was soll das leschte Pärle?“ Und ohne die Vorschläge der anderen abzuwarten, schrie er: „’s leschte Pärle mueß Küßle geawa!“ Der Kommandant wurde wütend, die anderen klatschten unter Gelächter.

Mein Zigarrenetui – und das Bröschle der Frau Kommandantin!

Ein vergnügtes Geschrei ging los, und der Lehrer von Hegnenbach machte Tanzbewegungen wie ein Indianer vor dem Marterpfahl seines Opfers. Die schöne Frau da drüben war aufgesprungen und lachte mit blinkenden Zähnchen. Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte, hatte so etwas wie Freude und ärgerte mich zugleich, war noch immer unschlüssig – ein lärmender Protest erhob sich gegen mein Verhalten – und da sprang ich über den Tisch hinüber. Doch bevor ich noch die Hände streckte, hatte mich das zierliche Weibchen schon um den Hals und küsste mich – wie Julia sagt: Recht nach der Kunst! Ganz heiß überlief es mich. Wahrhaftig, ich hatte zu Hegnenbach den Teufel an die Wand gemalt! Wollte ihn mein kleiner, guter Pfarrer beschwören? So mürrisch, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, sagte er: „Jetz sich es aber gnueg! Jetzt gehe mer hoim.“

Der tanzende Indianer blieb.

Wir beide wanderten in der schwülen Abendglut über die Wiesen. Dabei plauderte mein Pfarrle so ruhig und heiter, als wäre nichts geschehen. Ich dachte nach Regensburg und hatte schwere Gewissensbisse. Doch schließlich beschwichtigte ich sie durch den Zwang der Situation und durch das bequeme Sprichwort: Ein Kuss in Ehren usw.

Am andern Morgen war’s wieder völlig ruhig in mir. In der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben, und es regnete drei Tage. Am ersten schönen Nachmittag wollte ich zur Zusam hinunter und mit der Wurfangel ein paar Hechte fangen. Ich trug meinen weißen Turneranzug und war ohne Hut. Als ich am Schulhaus vorüber kam, hörte ich prachtvolles Klavierspiel: Eine Beethovensche Sonate. Diese Klänge zogen mich ins Haus. Im Flur sauste die Lehrerin, dieses alte Dromedar, mit furiosem Gesicht an mir vorüber. Und als ich in die Stube trat, saß der Indianer wie ein still Verzückter am Klavier, und neben seinem Sessel stand die Frau Kommandantin, mit dem Florentinerhut, ein rotes Sonneschirmchen quer über den Rücken, in einem dünnen, blass blauen Leinenkleidchen, das sich so knapp an ihren zierlichen Körper schmiegte, als wäre sie von den Hüften bis zum Hals hinauf nur blau bemalt.

Der Lehrer unterbrach das Spiel, sah zuerst mich, dann die Kommandantin an – und lachte wie ein Teufel im Volkstheater. Mir brannte das Gesicht. Aber das feine, blaue Weibchen kam nicht in Verlegenheit. Munter fing die Kommandantin zu plaudern an und erzählte, dass sie heut noch einen weiten Weg zu machen hätte. Sie müsse nach Welden hinaus. „Aber …“ mit den sinnenden Engelsaugen sah sie mich an, und das kirschrote Mäulchen schmunzelte, „durch den finschtere Wald durch tue i mi so viel fürchte. Ganz alloinig! Es tät mer arg lieb sein, wenn i Begleitung hätt?“

Gleich sprang der Indianer auf und brüllte: „I geh mit, i geh mit.“

„Noi(n), noi(n), noi(n)!“ Das zierliche Weibchen lachte heiter. Da tät mer Uier Fraule d’Augen auskratze!“ Wieder sah sie mich an. Und seufzte ein bisschen. „Muss i mi halt doch alloinig auf’n Weg mache?“

Ich verbeugte mich. „Wenn der Frau Kommandantin mit mir gedient ist …“

Sei nickte. „Nacher gehe mer aber glei!“ Und da war sie schon bei der Türe. Der Lehrer stand ein Weilchen wie versteinert. Als ich aus der Stube ging, warf er sich unter verrücktem Gelächter vor dem Klavier auf den Sessel hin und trommelte fortissimo das Liedchen herunter:

„So leben wir, so leben wir,
So leben wir alle Tage …“

Auf der sonnigen Straße guckte mich die Kommandantin lächelnd an, ohne was zu sagen. Ich stotterte: „Nur meinen Hut muss ich holen. Und andere Schuh muss ich anziehen!“

„Aber gell, e bissele flink!“

Mit langen Sprüngen sauste ich zum Pfarrhof und hinauf in meine Stube. Wahrhaftig, es war kein Gedanke in mir, nur die physische Hörigkeit dieser abenteuerlichen Stunde. Aber meinem Pfarrle wollte ich nicht begegnen. Halblaut rief ich in die Küche hinein, dass ich über Mittag nicht nach Haus käme, vielleicht auch nicht über Nacht. Doch eh ich bei der Hausschwelle war, ging die Stubentür auf, und der Pfarrer stand vor mir. Seinen erschrockenen Augen war es anzumerken, dass er da draußen auf der Straße schon was Blaues gesehen hatte und den dunklen Zusammenhang erriet.

„Ich muss nach Welden … aber ich komm schon wieder … noch heut …“

Er hatte in der einen Hand die Schildpattdose, in der anderen das farbige Taschentuch. So streckte er die Arme nach mir. „geh, bleib dahoim!“

Ich sagte wie ein Schuldbewusster: „Jetzt kann ich nimmer!“

Der Pfarrer bettelte: „Ludwig! Bleib dahoim bei mir! Es sich besser!“

„Aber sie fürchtet sich halt durch den Wald hinaus, und ich will sie doch nur begleiten, dann komm ich gleich wieder heim. So eine kleine Gefälligkeit …“

„Tuesch tmir net au en Gfalle? Komm, sei gscheit! Und bleib dahoim! Sonst hab ich koi(n) Rueh nimmer! … Gell, du bleibst?“

„Jetzt kann ich nimmer anders. Ich hab ihr versprochen, dass ich sie nach Welden begleite. Da kann ich mein Wort nicht zurücknehmen. Ich kann mich vor einer Dame nicht als Kind und Lügner …“

„Dame? Ah so? Ah so? Und der Eahrestandpunkt wird rausdreht?“ Der Pfarrer hatte glitzernde Augen. „I bin nur neugierig, wann die gscheite Welt emal draufkommt, was Eahr bei em Mannsbild sich?“

Ohne auf die philosophisch angehauchte Frage zu antworten, sauste ich zur Türe hinaus.

Nun werden die sittlich Verlässlichen unter dem männlichen Teil meines Leserkreises in Missfallen über mich die Stirne runzeln. Und über mich sagen: „Er war eben ein haltloser Bursche, ohne Festigkeit, ohne Treue!“ Die Entschuldigung des wirbligen Blutes lassen sie nicht gelten, und das tyrannische Spiel erschlossener Brunnen erklären sie als Fabel. Doch wenn sie mit eigenen Augen gesehen hätten, wie zum Fressen nett dieses zierliche Weibchen war – ich glaube, dann wär’s es auch diesen treu Verlässlichen genau so ergangen wie mir! Auch sie hätten, nach des Pfarrers philosophischem Wort, den Ehrenstandpunkt herausgedreht.

Ohne mich fromm machen zu wollen, darf ich bekennen, dass es mir gar nicht wohl ums Herz war. Aber mitgehen musste ich. Mir wurde auch nicht freier und froher zumut, als wir beide so gemütlich durch den goldenen Mittag bummelten. Und vor dem Wald begann sogar ich mich zu fürchten, obwohl dieser Wald alles andere war, nur nicht finster. Er war sehr lustig, schön und sonnengrün. Der Fußweg zog fast immer durch Buchenjungholz, in dem die Vögel fleißiger sangen, als wir beide schwatzten. Und wenn der Pfad sehr eng wurde, ging das niedliche Weibchen bei unseren tröpfelnden Gesprächen langsam vor mir her, immer langsamer, ganz lind und wiegsam. Und immer wieder guckten diese lachenden Veilchenaugen über die blaue Schulter. Mit schimmernden Wörtchen begann das feine Frauenzimmer nach meiner schwül atmenden Jugend zu angeln. Doch mir klang noch immer die Stimme des Pfarrers von Hegnenbach im Ohr. Und als wär’ ich ein alter, gewitzter Hecht, so schlenkerte ich die Angel immer wieder von mir ab, wenn sie sich einbohren wollte.

Als wir dann schließlich doch noch in dusteren Hochwald kamen, übernahm ich die Vorhut und machte so flinke Schritte, dass der Frau Kommandantin ganz heiß wurde. Und ein bisschen ärgerlich sagte sie: „Jesses, Jesses, warum denn gar so huidle?“

Der Tag glänzte zwischen den hohen Stämmen herein. Und da machte ich eine merkwürdige Erfahrung an mir. Obwohl ich den Wald wie mein Leben liebte, begrüßte ich die freien Felder, als wären sie etwas Schöneres. Überall waren Leute beim Kornschneiden auf den Äckern; und auf einem nahen Weizenhügel glaubte ich die Nagelschmiedsleute zu erkennen.

Ich blieb außerhalb des Waldsaumes lachend stehen, nahm den Hut ab und trocknete die Stirne. Die Frau Kommandantin mit ihrem brennheißen Madonnengesichtchen sah mich schmollend an. Doch sie wurde gleich wieder heiter und sagte: „Geschtern hab i halt doch e Küssle kriegt!“

Nun war ich mutig. „Schade, dass wir nicht mehr im Wald sind! Sonst bekämen Sie jetzt gleich noch eines!“

Sie guckte mir sinnend ins Gesicht. Und ich kann nicht schildern, wie fromm und keusch ihre blauen Himmelsaugen erscheinen, als sie sagte: „Mer könnte ja wieder umkeahre?“

„Da drüben sind Nagelschmieds Leute, die haben uns schon gesehen.“ Um zu beweisen, dass ich mich nicht getäuscht hätte, schrie ich einen Jauchzer zu dem nahen Weizenhügel hinüber. Drei Stimmen antworteten. Und Nagelschmieds Karlin kam vom Acker und ging mit uns beiden heim ins Dorf.

In der Poststube gab’s eine gemütliche Mahlzeit, bei der wir immer Gesellschaft hatten. Nach dem Kaffee empfand die Frau Kommandantin die Notwendigkeit, sich ein wenig auszuruhen. Sie sagte: „I mecht mer’s e bissele bequem mache.“ Die Kellnerin musste ihr ein Zimmer richten. Und die Frau Kommandantin sagte sehr laut: „So so? Nummer oins hab i!“ Dann reichte sie mir zum Abschied das mollige Händchen. „Adjes … derweil!“ Sie hatte wieder die frommen, sanften Engelsaugen. Und merkwürdig, wie fest dieses feine Händchen meine grobe Pfote drücken konnte!

Was sollt’ ich nun mit dem Nachmittag anfangen? Für ein Weilchen streckte ich mich in der Poststube auf das Ledersofa. Aber da quälten mich die Mucken. Dann stieg ich durch den Postgarten hinauf, der sich an den Theklaberg anlehnte und wie ein kleines Wäldchen war. Ich fand ein schönes Schattenplätzchen und legte mich nieder. Und kalkulierte ein bisschen, war mit meiner Konduite sehr zufrieden und hatte den Wunsch: Wenn nur mein Pfarrle schon wüsste, wie überflüssig seine Sorge gewesen!

Aber was denn nur die Frau Kommandantin in Welden zu tun hatte? Jetzt verschlief sie den Nachmittag. Und am Abend konnte sie doch keine Besorgungen mehr machen?

Auch bei mir äußerte sich die Nachwirkung der Waldschwüle. In dem linden Gras und unter dem kühlen Schatten schlief ich ein. Als ich erwachte, ging es schon auf den Abend zu. „Herrgottsaxe!“ Ich rannte durch den Garten hinunter. Auf halben Weg begegnete mir die Frau Kommandantin. Sie sagte lachend: „Guck, da isch’r ja!“ Unter schönen Bäumen setzten wir uns auf eine Bank. Das zierliche, blaue Weibchen sah mich schmunzelnd an und konstatierte ohne weitere Einleitung: „No, jetzt wäre mer ja wieder in em Wäldle?“ Ich kapierte nicht gleich, und da machte es die Frau Kommandantin wieder wie beim Pfänderspiel, legte den Arm um meinen Hals und küsste – recht nach der Kunst. Im Wirbel meines Blutes vergaß ich allen Stolz auf meine bisherige Konduite.

Doch plötzlich, inmitten dieser beginnenden Zärtlichkeit, hörten wir den von Augsburg heimkehrenden Postillion durch die Dorfgasse herunterblasen:

„Mädle, ruck, ruck, ruck …“

Die Frau Kommandantin erschrak ein wenig. „Jesses, der Omnibus!“

„Ach was, Omnibus …“

„Geh, sei gscheit, mit’m Omnibus kommt ja mei(n) Ma(nn)! Der sich in Augsburg gwese! Und da hab i mer denkt, i könnt’s e so mache, als ob ich ihn abhole tät.“

Mir verschlug’s die Rede.

„Du Öxle, du! Wärscht naufkomme ins Nummer oins! Jetzt lass mi aus … ’s sich besser, du bleibst heroben im Garte. Der Meinig sich e bissele gächzornig und denkt sie älleweil glei ebbes Schlechts. Aber morge, nammittag um drui, da komm i ins Buechewäldle hinter der Hegnenbacher Kirch. Da tuescht warte, gell?“ Ein Kuss. Und flink wie eine Rehgeiß huschte sie davon. Ich fand nicht gleich meine Gedanken zusammen. Mir war’s, als hätt’ ich einen Nagel durch die Stirne. Und etwas wie ein Gefühl des Grauens überrieselte mich. Eine verheiratete Frau! Nein, nein, nein!

Mir quoll ein Erleichterungsseufzer aus dem Herzen, als ich das Paar nach einem Viertelstündchen in einem Einspänner davonfahren sah. Und ganz wohl war mir, als ich in der Abenddämmerung heim sauste zum Hegnenbacher Pfarrhof. Es wurde dunkel. Die kleinen Fenster leuchteten. Und mein Pfarrle stand wartend unter der Haustür. Noch eh’ ich den Gartenzaun erreichte, klang schon seine beklommene Stimme: „Ludwigle? Kommst?“

„Bin schon da!“

Aus dem Ton dieser Worte schien er zu erraten, dass … nun, dass seine Sorge unbegründet gewesen. Er lachte, als er mir die Hand gab. „No, Gott sei Dank!“ So heiter und aufgeräumt, wie an diesem Abend, hatte ich den Pfarrer von Hegnenbach noch nie gesehen. Er sprach mit keiner Silbe von dem finsteren Wald, in dem man sich fürchten muss. Ich selber fing lustig zu erzählen an und berichtete aufrichtig, wie alles zugegangen war; nur die paar Küssle, die doch gar nicht ernst zu nehmen waren, übersprang ich. Die komische Rolle in dieser Fabel teilte ich mir zu. Es war in meiner Geschichte so etwas wie einsichtsvolle Selbstironie.

Als wir schlafen gingen, nahm das Pfarrle unter der Stubentüre meine Hand, besprengte mein Gesicht mit Weihwasser und sagte ernst: „Ludwigle! Heut hascht en guete Schutzengel ghabt!“

Ich schlief wie eine Ratte im Sonnenschein. Am anderen Morgen war ich kreuzfidel und dachte: „Ja, du Feine, renn du nur hinauf ins Buechewäldle!“ Ganz unschuldig guckte dieser grüne Hain von seinem Hügel herunter über das Kirchendach. Und nach der Mahlzeit, um nur ja diesem verdächtigen Grün recht weit aus den Armen zu kommen, rannte ich zur Zusam hinunter und wollte fischen. Aber da kam nun wieder solch eine dunkle Sache des Lebens. Als die Turmuhr von Hegnenbach drei Viertel drei schlug, fischte ich noch immer. Doch meine Angelrute zitterte, ohne dass ein Fisch gebissen hatte. Und als ein paar Sekunden später auch die Villenbacher Glocke diesen gleichen Schlag verkündete, musste ich die Gerte ins Gras werfen und wie ein Wahnsinniger gegen den steilen Hügel hinaufrasen, der das Buchenwäldchen trug.

Drei Uhr schlug’s. Ich saß schon lange zwischen den Stauden versteckt und lauerte, auf welchem Weg sie kommen würde. Natürlich auf dem nächsten Weg, über die Wiesen her. Doch Viertelstunde um Viertelstunde verging, und sie kam nicht. Ich guckte mir fast die Augen aus dem Kopf. Und sah nur den jungen herkulischen Schäfer, der weit da draußen auf den abgemähten Wiesen langsam hinter seinen weidenden Tieren herschritt. Sein schwarzer Hund, gliche dem mephistophelischen Pudel, streifte in weiten Schneckenkreisen durch Saat und Stoppel. Es hatte schon vier geschlagen. Noch immer kam sie nicht. Und plötzlich sah ich da drunten bei der Zusam, wo meine Gießkanne war und meine Angelgerte lag, den Pfarrer und den Lehrer beisammen stehen. Der Indianer fuchtelte aufgeregt mit beiden Armen. Der Pfarrer drehte sich nach allen Seiten, und ich glaubte zu hören, dass er meinen Namen rief. Ich musste aufspringen und wie eine geschleuderte Kugel über den stielen Feldhügel hinunterrasen – und schreien, dass die beiden mich hörten. Sie guckten auch gleich, Der Pfarrer winkte. Und mitten in meinem sinnlosen Gerenne, wo der Hügel am steilsten wurde, sah ich plötzlich weit da drüben auf einer Straße, die gegen den Buchenwald einen großen Umweg machte, ein feuerfarbenes Käferchen kriechen. Das war der rote Sonnenschirm der Kommandantin. Sie kam! Ich wollte stehen bleiben; aber mein Körper war im Schuss, ich überschlug mich, machte vier, fünf Purzelbäume und kugelte und rollte, bis ich drunten lag in der linden Wiese. Erschrocken kam der Pfarrer auf mich zugelaufen: „Ludwigle, Jesus, hascht dir en Schade toa(n)?“ Ich konnte lachen, als ich aufstand. Nur mein weißer Turneranzug sah ein bisschen maulwürfig aus. Sonst war mir nichts geschehen. Und während ich die Glieder streckte, konnte ich sehen, dass das rote Käferchen da drüben kehrtgemacht hatte und gegen Villenbach hin verschwand.

Der gute kleine Pfarrer staubte mich mit dem farbigen Taschentuch ab. Und der Indianer, dessen steife Augen funkelten, führte aufgeregte Reden, bis der Pfarrer ganz erbittert zu ihm sagte: „Herr Lehr, jetzt tuen S’ emal schweige! Sie sehe doch, der Bueb sich da!“ ER wandte sich zu mir und fragte ruhig: „Ludwigle? Wo bischt denn gwese?“

„Da droben im Buchenholz …“

Der Lehrer brüllte: „Warte wölle? Jo? Warte wölle? Bis der Schatte kommt? Und bis d’ Fisch besser beiße? Hurrjuh!“ Er kreischte die Melodie: So leben wir, so leben wir …

Mein Pfarrle kümmerte sich nimmer um den Indianer. „Komm, Ludwig! Jetzt bin i am Weg, und umkehre mag i nit, jetzt gehe mer nach Villenbach nei(n) und trinke e Krügle Bier. Bloß en oinzigs. Nacher gehe mer hoim. Dei(n) Fischzuig kannscht in der Mühl da drüben ei(n)stelle.“

Während des Weges über die Wiesen blieb der Lehrer schweigsam. Doch immer wieder schüttelte er sich wie ein Krebs, der sich häuten will, und lachte gallig ins Blaue hinaus. Als wir nach an der Schafherde vorüber kamen, sahen wir nur die weidenden Tiere und den wachsam revierenden Hund. Den blauen, herkulischen Schäfer schien die Erde verschluckt zu haben.

Nun saßen wir in der großen, kühlen Stube des Villenbacher Bräuhauses. Die junge Wirtin leistete uns Gesellschaft. Und im Hui hatte der Indianer seine sieben Krügl drunten. Er schied ein jedes sorgfältig durch ein Schnäpsle vom anderen. Auch redselig wurde er, sprach aber nur in delphischen Orakeln.

Etwas Weißes blitzte an der offenen Stubentüre vorbei und kam zurück: Die Frau Kommandantin in lichtem Kleidchen, mit einer Frivolitäten-Arbeit zwischen den Händen. Ihr Madonnengesichtchen lächelte sanft. „Oh, da sich ja Gesellschaft?“ Sie trat über die Schwelle. Mir schoss das Blut ins Gesicht. Und der Indianer war aufgesprungen, holte die Gitarre hinter dem Ofen hervor, tänzelte um das zierliche Weibchen herum, wie ein Hofnarr um seine Königin, und trommelte auf den Saiten einen Marsch, den man bei schwäbischen Bauernhochzeiten zu spielen pflegte. Heiter lachend setzte sich die Frau Kommandantin zu uns an den Tisch. Und während sich der Pfarrer stumm mit seinem Schweizerkäs beschäftigte, begann der Lehrer aus dem Stegreif so bedenkliche ‚Gstänzle’ zu singen, dass die kichernde junge Wirtin immer die Hand vor die Augen hielt. Die Frau Kommandantin schien nicht zu hören und schwang mit flinker Geschicklichkeit das Fadenschiffchen.

Jetzt vermehrte sich die Gesellschaft. Es kam ein junger hübscher Gendarm, grüßte freundlich, legte seine fiskalischen Waffen ab, setzte sich neben die Frau Kommandantin und lachte immer. Dem Lehrer gingen die Liedertexte aus; und während er in jagendem Tempo immer den gleichen Akkordlauf klimperte, begann er mit seiner schrillen, gereizten Stimme in abgerissenen Sätzen zu reden, mit versteckten Bissigkeiten, bald gegen den jungen Gendarm, bald wieder gegen mich. Mir wurde die Sache zu dumm. In Zorn sprang ich auf. „Herr Lehr! Wenn Sie nicht augenblicklich das Maul halten, kriegen Sie von mir eine fürchterliche Schelle!“ Mein Pfarrle verfärbte sich, die junge Wirtin verließ den Tisch, und im gleichen Moment erschien der Herr Kommandant auf der Türschwelle. Seine Augen glusterten, sein Gesicht war zum Platzen rot wie das eines Erstickenden, und so brüllte er gegen den jungen Gendarm herüber: „Warum machen Sie nicht Dienst? Sie Kerl!“ Der junge Mensch wurde mauerbleich, nahm Säbel und Gewehr, ging wortlos aus der Stube, und als er verschwand, hörten wir die heisere Stimme des Kommandanten hinter ihm herschimpfen. Sanft und ruhig sagte das zierliche Weibchen: „Die Herre müesse verzeihe! Er hat ebe gar koi(n) Bildung nit!“

Der Lehrer kreischte: „Aber Fäuscht! Jo! Fäuscht hat’r!“ Er grinste mich an. „E Säbelstichle in Mage nei(n)! Oder e Kügele in Bauch! Dees könne Se kriege! Aber koine Küssle nimmer!“

„Bezahlen möchte ich!“ Mein Pfarrle sprang auf und sprach hochdeutsch. „Ludwig! Jetzt gehen wir augenblicklich nach Hause!“ Ich weiß nimmer recht, wie ich hinauskam unter den blauen Himmel. Als wir die Wiesen erreichten, sagte das Pfarrle: „Solche Sachen darfst du mir nicht mehr machen. Oder ich mag dich nimmer! Koi(n) bissele nimmer.“

Ich nickte.

„Gell? Siehscht es ei(n)?“

Ein Gefühl des Grauens war in mir, doch auch ein Gefühl der Erleichterung. Jetzt war alles erledigt – für mich.

Noch ehe wir zur Mühle an der Zusam kamen, holte uns der tolle, schwankende Indianer ein. Er schleppte einen bauchigen, fünf oder sechs Maß haltenden Krug Bier mit heim nach Hegnenbach, um zu Hause des Seelentrostes nicht zu entbehren. Doch er brachte das Bier nicht über die Mühlenbrücke. Auf dieser Brücke riss ihm der Pfarrer den Krug aus der Hand, schüttelte das Bier ins Mühlenwehr hinunter und stellte die entleerte Urne auf den Boden. „So, Herr Lehr! Jetzt hat’s emal en End! Und wenn Sie von morgen an die abscheuliche Sauferei nit aufgeben, sukzessive, so behalt ich Sie koine vier Woche nimmer in meiner Pfarrei!“

Der Indianer rannte als ein schwer Beleidigter einsam voraus und schrie mit halben Sätzen allerlei dunkle Monologe in die sich purpurn färbende Dämmerung.

Ein stiller, schwüler Abend im weißen Pfarrhof.

Während ich Goethe las, ging der Pfarrer ruhelos durch die Stube auf und nieder. Einmal blieb er neben meinem Sessel stehen und streckte die Hände ins Leere. „Sag mer nur, Ludwig, sag mer nur um Gottes Wille, was sich denn eigentlich an so em Weibsbild? Dass sich die beschten Bäumlen vor ihm nunterbiege müesse bis in Dreck? Was sich denn an so einer Schlamp?“

„Ich weiß nicht. Es kommt halt so, dass man muss!“ Und weil ich mich bereits für sehr erfahren hielt – jedenfalls für viel erfahrener, als es der Pfarrer von Hegnenbach war – drum erklärte ich: „Alle Frauenzimmer haben das nicht. Aber manche.“

„Dass man muss?“ Mein Pfarrle hatte große runde Augen. „Noi(n), noi(n), noi(n)!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Muss? Das sich bloß so e Schwächlingswörtle. Und gar koi(n) guets nit!“ –

Am andern Morgen, als ich nach der Messe mit dem Pfarrer beim Frühstück saß, hörten wir draußen im Hausflur eine kreischende Weiberstimme und wieherndes Gelächter. Noch ehe wir aufspringen konnten, kam dieses Dromedar zur Türe hereingefahren, die Frau des Lehrers. In ihrem hässlichen Gesichte grinste eine derart bestialische Freude, wie ich sie in einem menschlichen Antlitz noch nie gesehen hatte.

„Jesus!“, rief das Pfarrle. „Was isch denn?“

Das Weib fiel auf einen Sessel hin, schlug sich mit beiden Händen immer auf die Knie und wieherte wie von Sinnen. Man wusste nimmer, ob das Freude war, oder die verdrehte Äußerung eines wahnwitzigen Schmerzes.

„So tuen S’ doch rede, Frau Lehr! Sich dem Herrn Lehr ebbes gschehe?“

Unter schütterndem Gelächter brachte sie stoßweise die Worte heraus: „Recht sich ihm gschehe! Recht! Und heule tuet’r, älleweil heule, vorm Klavier tuet’r hocke und heulet wie e Kindle.“

„Heulen? Warum denn?“

„Zwege seiner Kommedantin. Geschtern am Abend hat der Kommedant den junge Schandarm verwischt und hat ihn halbert toatgschlage. Und heut in der Nacht sich d’ Frau Kommedantin mit’m Schäfer durchgange. Mit’m Schäfer! Koi(n) Mensch weiß, wohin! Und jetzt jeulet der Meinig, älleweil heule tuet’r. Wie e traurigs Kindle!“ Und unter wieherndem Gelächter trommelte das Weib mit beiden Händen wieder auf ihre massiven Schenkel los.

Der Pfarrer schwieg. Auch ich blieb stumm und empfand ein wunderliches Gefühl von Übelkeit – als hätte mich auf dem unsicheren Boden des Lebens eine Art von Seekrankheit befallen.

Nun waren wir wieder allein. Das Pfarrle nahm eine Prise aus der Schildpattdose. „Ja, ja, ja, der Schäfer wird halt au müesse habe! E netts Wörtle! E netts Wörtle, dees!“

Ich rannte aus der Stube, kam zu Mittag nicht heim und lag den ganzen Tag im Walde draußen – aber nicht im ‚Buechewäldle’.

Der Stolz auf meine gute Konduite, der mich im Weldener Postgarten noch ruhig hatte schlafen lassen, war mir gründlich vergangen. Während ich beim leisen Rauschen der Hochwaldsfichten an das Luischen dachte, umklammerte etwas Quälendes mein Herz. Es war doch wirklich nicht mein Verdienst gewesen, dass auch diesmal wieder der Eisenbahnzug des Lebens nur über meine Kappe gegangen war. Und immer, immer, immer musste ich an des Pfarrers Lehre von den ‚Schwächlingswörtlen’ denken. Diese Lehre war einer von den hilfreichen Wegweisern, die ich aus dem Pfarrhof zu Hegnenbach mit hinausnahm ins Leben. Man versteht nur die richtigen Wegweiser nicht gleich und muss immer wieder in die Irre laufen, bevor man ihnen glaubt.

Im Zusamtal gab es ein schreckliches Gerede um die durchgegangene Kommandantin. Wenige Tage später wurde ihr Mann disziplinariter versetzt. Und nach einer Woche beschwichtigte sich das Leutegeschwatz. Nur zwei Geschöpfe kamen nicht zur Ruhe. Das eine war der Lehrer von Hegnenbach, der sich das Saufen abgewöhnen wollte und immer heulen musste. Und das andere war der schwarze Hund des spurlos verschwundenen Schäfers. Keuchend revierte das Tier durch alle Dörfer, auf allen Straßen, Wiesen und Äckern. Immer wieder kam der Hund zur Herde zurück, die einen neuen Schäfer bekommen hatte – und rannte wieder davon. Immer hing ihm die rote Zunge geifernd aus dem jappenden Rachen. Jedem Fuhrmann, der einen blauen Kittel trug, geriet er mit der Schnauze an die Waden, jedem Weibsbild an die Röcke, wenn es eine blaue Schürze hatte. In der Abenddämmerung glühten die Augen des ruhelos umherjagenden Tieres wie grün brennende Kohlen. Und weil man glaubte, der Hund wäre toll geworden, erschoss man ihn. – Wie seltsam, dass die Treue eines Geschöpfes so aussehen kann, als wäre sie eine schwere, für die Menschen gefährliche Krankheit!

Noch ein paar schöne, friedliche Sommertage in dem lieben weißen Hause. Dann der schmerzende Abschied von meinem guten kleinen Pfarrer, der ein großer Mensch war – und den ich niemals wieder sehen sollte.

Ich war ein völlig Genesener. Aber bei allem Frieden, den ich gesunden, bei aller gläubigen Hoffnung, die mich wieder erfüllte, zitterte doch manchmal in mir ein leises Bangen vor den dunklen Dingen des Lebens, vor den Dingen in mir selbst. Am schärfsten empfand ich das in der Stunde des Scheidens. Als ich im träumenden Hochwald bei einer Wegsteigung versonnen neben dem wackelnden Einspänner herging, sang mein bedrücktes Herz dem weißen Pfarrhaus von Hegnenbach ein schwermütiges Abschiedslied. Die erste und die letzte Strophe dieses nachdenklichen Liedes lautete:

„Leb wohl, du Haus des stillen Friedens,
Leb wohl, du trautes Heim der Ruh!
Mich treibt das starre Muss des Lebens
Der Welt und neuen Leiden zu.“

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