Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 8

In mir schien alles, alles gestorben zu sein, was Denken heißt. Nichts war mir eine Erquickung, nichts ein Ärger, alles ein Gleichgültiges. Immer hing mir eine dumpfe Schläfrigkeit um das Gehirn herum. Zu jeder Stunde, ob es Tag oder Nacht war, konnt’ ich mich hinlegen und binnen einer Minute in steinernen Schlummer fallen. Der Bäckerjunge, der mich früh um fünf Uhr zu wecken hatte, vermochte mich oft kaum aus dem bleischweren Dusel herauszurütteln – häufig hatte ich bei diesem langsamen Erwachen eine unklare Erinnerung an wüste, ganz unmögliche Träume – und manchmal, wenn der Lehrling glaubte, ich wäre munter geworden, schlief ich schon wieder, schreckte nach einer Weile unter dem Zug der täglichen Gewohnheit au fund kam zu spät in die Fabrik. Tagsüber war ich wie ein geduldig ziehendes Tier bei der Arbeit. Aber nichts hatte mehr Interesse für mich. Ob ich es im Leben zu etwas bringen sollte, ob aus mir etwas werden würde oder nicht, das war für mich eine Frage geworden, bei mir keiner Antwort wert erschien.

Aus diesem ruhigen Trott der Lebenswurstigkeit erwachte ich nur zuweilen an einem Abend, wenn ich heimkam in meine kalte Dachbude und auf dem Tisch wieder eines von den rosafarbenen oder himmelblauen Briefchen fand, die den Poststempel jener Stadt an der Donau trugen und, weil sie ohne Antwort blieben, immer seltener kamen.

Da fuhr mir immer das Blut wie Feuer ins Gesicht. Und meine Hände zitterten, wenn ich das uneröffnete Briefchen an den Zirkel oder an eine spitze Feile spießte, um es über der Kerzenflamme verkohlen zu lassen.

Nach solcher Brandstiftung lag ich oft die halbe Nacht ohne Schlaf und in Schweiß gebadet unter meiner Bettdecke. Oder ich surrte wieder aus meiner Bude davon und rannte planlos durch die dunklen Straßen. Die tobenden Gedankenrevolten solcher Nachtstunden wurden zumeist auf der Brücke eines dumpfen Schlafes bis zum Morgen wieder still und müde. Nicht immer. Manchmal wanderte das in der kalten Frühe mit mir hinaus in die Fabrik. Dann erfand ich vor meinem Schraubstock und beim Gerassel der laufenden Räder ein kleines, schwermütiges Liedchen oder entlud meine gepeinigte Phantasie in klingendem Schwulst – wie etwa: „Ich hasse dich, weil ich dich lieben muss!“

Und schließlich wird man stumpf und gleichgültig, ist für jede Ablenkung dankbar und begrüßt jede billige Zerstreuung wie ein Meteor der Lebensfreude.

Ich will erzählen, was damals meine ‚Erquickung’ war – ein Vergnügen, das mich wöchentlich zweimal für eine Nachtstunde glückselig machen konnte!

Ein paar Schulkameraden von ehemals hatten mich zu einem ‚Tanzkränzchen’ eingefangen. Das wurde eine sehr langweilige Sache, obwohl unter den zwölf Tanzjungfrauen jede einzelne ein überaus gutes Mädchen war. Und weil’s bei mir mit der Liebe nichts Rechtes werden konnte, kam das Mitleid obenauf. Ich wurde der barmherzige Bruder aller Mauerblümchen. Wenn eine sitzen blieb, konnte sie mit untrüglicher Sicherheit auf mich rechnen. Sie tanzten fürchterlich, diese guten Mädchen. Aber dankbar waren sie; beim Kotillon steckten sie mir die ganze Brust mit Schleifen voll; und ich wurde der Liebling aller Mütter und Tanten des Tanzkränzchens.

Unter den beschwingten Jünglingen war einer, der ganz wundervolle Hände hatte, schönere Hände, als ich sie je bei einer Dame gesehen. Er war Kerzenzieher. Dieser junge Mann erklärte mir, dass er seine feinen Pfoten von der jahrelangen Beschäftigung mit Paraffin bekommen hätte. Da unterzog ich nun meine schwielig gewordenen Hände vor jeder Tanzstunde einer energischen Paraffinbehandlung; bei mir half es nichts; meine Hände blieben grob und sehnig; der einzige Erfolg, den ich erzielte, bestand darin, dass die weißen, wasserblauen oder meergrünen Kleider der Mauerblümchen auf ihrem Rücken immer den Abdruck meiner ganzen Hand erschauen ließen; denn das Paraffin löste die Schlosserschwärze in den Schrunden meiner Epidermis. Die Mütter nahmen mir diese chemische Erscheinung nicht übel; sie verehrten mir weiße und perlgraue Glacéhandschuhe; aber ich zog sie nicht an; Handschuhe waren mir immer ein Gräuel.

Das tröstende Vergnügen, von dem ich früher sprach, kam immer erst nach der Tanzstunde. Da zogen wir unser sechse oder achte, die zusammenhielten, nach einer Kneipe, um hier die Stunde unseres Wohlgefallens heranzuwarten. Sie schlug um drei Uhr morgens. Der Brave, dem wir sie verdankten, war einer von den Tanzjünglingen, ein gutmütiges fideles Kerlchen, der einzige Sohn einer vermögenden Witwe, die eine große Feinbäckerei besaß. Fünf Minuten nach drei Uhr rückten wir unter seiner Führung vor dem Haustor seiner Mutter an, schlichen über die Steintreppe ins Kellergeschoss hinunter, und dann begann durch einen langen finsteren gang ein Wettrennen nach der großen Backstube, aus der uns die wundervollsten Düfte entgegen quollen. Hier roch es noch viel, viel köstlicher als daheim bei meinem Grobbäcker, der nur schwarze Laibe und feste Semmeln aus dem Backofen herauszog und mich alles bezahlen ließ, was ich am Morgen in meinen Kaffee tunke. Aber hier, beim einzigen Sohn der Feinbäckerin, war Gratismahl ohne Zensur und Beschränkung. Wie Tiger, wenn sie Zwergantilopen verschlucken so schlangen wir körbchenweise die delikaten Kringeln, Schnecken, Törtchen, Datschis und Pasteten hinunter, warm und dampfend, wie sie aus dem Ofen kamen. Dabei trieben wir, schmerzfern und weltvergessen, allerlei heiteren Unsinn, spöttelten und hechelten mit den lustigen Bäckergesellen und atmeten unter restlosen Glücksgefühlen die heiße, duftende Luft. Mit den Bäckerburschen, die nackt in weißen, weiten Beinkleidern staken, trieben wir’s in solch einer schreivergnügten Nachtstunde so toll und übermütig, dass die Gesellens ich zu wehren begannen, alle leeren Mehlsäcke über unseren schwarzen Tanzkränzchen-Monturen ausbeutelten und den Längsten unter uns, der einen Frack und Lackschuhe trug, vom Sessel in die Luft hoben und in einen riesigen, bis oben mit Teig gefüllten Backtrog hineinplumpsen ließen. Er ging unter, wie eine große Fliege in der Milch, und wäre beinahe in diesem zähen Kleister erstickt. Und wie er sich mühsam aus dem Teig herauskrabbelte, ganz weiß und von dicken Klunkern triefend – und wie er auf seiner Fährte allerlei ungebackene Striezeln, Brezeln und Kringeln zurückließ – das wäre ein Motiv für Wilhelm Busch gewesen. Wir andern brüllten wie selige Narren. Und ein Nachspiel dieser Heiterkeit kam noch draußen auf der Straße, als wir im Laternenschein um den mit Teig Getauften herumhockten und mit Fingernägeln und Taschenmessern diese klebrige weiße Sache von seinem Frack und seinen schwarzen Hosen herunterzukratzen suchten.

Ach Gott, wie wenig Humor ist im Leben nötig, um ein gequältes junges Herz zu betäuben und das Brennen einer Wunde für Stunden und Tage vergessen zu machen!

Allmählich kamen bessere, fast friedliche Zeiten. Was mir Liebe und Schmerz gewesen, schien völlig entschlafen – nun behagte mir das wunschlose Einsambleiben – und die Arbeit, die mich zu fesseln begann, ließ mich wieder gesund und heiter aufleben. In der Fabrik vertrauten sie mir ernstere Beschäftigung an, ich empfing mit Stolz an jedem Samstag den wöchentlichen Gesellenlohn von neun Gulden, konnte mich ausreichend füttern, konnte dabei sogar noch was ersparen, und bekam die wohlige Müdigkeit meiner stillen Abende lieb, an denen ich ein Lehrbuch der Mechanik oder sonst eine dicke Fachschwarte mit ins Bett nahm, um zu lesen, bis mir die Augen zufielen, oder bis die Kerze heruntergebrannt war.

Ich schrieb in dieser Zeit auch viel nach Hause – und von der Mutter, die zum Einstand in Würzburg mancherlei Hartes hatte durchmachen müssen, kamen wieder heitere Briefe als Echo meines seitenlangen Geplauders.

Damit ich beweisen könnte, was ich durch neun Monate in der Fabrik gelernt hatte, wurde mir zu Beginn des Sommers eine selbständige Arbeit übertragen. Unter Beihilfe zweier Handlanger musste ich als Jungmonteur die Dampfmaschine der Wahlschen Brauerei umbauen und neue Transmissionen montieren. Der Werkmeister sagte: „Ich fürchte, dass Sie dieser Sache noch nicht gewachsen sind. Nehmen Sie sich zusammen! Wenn Sie Schaden anrichten, muss die Fabrik ihn tragen.“ Kreuz Teufel, da spuckte ich fest in die Hände! Und drei schöne Monate waren das! Immer sang und pfiff ich bei der Arbeit. Und Schaden hab’ ich nicht angerichtet. Als der Werkmeister die fertige Arbeit übernahm, nickte er zufrieden. Das erzähl’ ich nicht, um was Gutes über mich anzumerken. Ich erzähl’ es einem Zusammenhang zuleibe, der mir wichtig erscheint. Damals in jenem fleißigen Sommer war ich neunzehn Jahre alt. Und ich will mit dieser Ziffer nicht von mir, sondern von der Jugend etwas sagen. Ina aller frischen Jugend steckt verlässliche Kraft. Diese gesunde Kraft wird sich immer bewähren, sobald man ihr Ernstes und Wichtiges zutraut, eine Verantwortung auf ihre Schultern legt. Dann streckt und strammt sie lachend ihre schlanken Glieder und versteht zu tragen. In den Dörfern, in den Stuben des Handwerks und im freien Kaufmannsstand weiß man das. Aber auf allen Wegen, die durch hohe Schulen trödeln, begeht das Leben von heute die verbrecherische Torheit: Die Jugend von aller Verantwortung fernzuhalten, sie von allen Lebensrechten fortzudrängen, sie zur Wagendeichsel und zum Hafersack erst zuzulassen, wenn sie durch erzwungene Trägheit entkräftet ist, durch Zeitvergeudung verdrossen und freudlos, durch Hunger und Warten mürb und müde wurde!

Während der glückseligen Wochen, in denen ich pfeifend und singend auf den Malzböden und im Maschinentrakt des Wahlschen Bräuhauses freiherrlich schanzen durfte – in dieser Zeit geschah es, dass ich zum ersten Mal eine sozialdemokratische Versammlung besuchte.

Von meinen beiden Handlangern war der eine ein ruhiger Mensch um die Dreißig, der gleichmäßig und verlässlich seine Arbeit tat. Ich hörte ihn niemals klagen, nie über eine Ungerechtigkeit des Lebens brummen. Wenn ich ihm eine von meinen Brotzeit-Knackwürsten abließ, sagte er sein ‚Dank schön’, aß sein schwarzes Kipfl zur Gratismaß, wickelte die Wurst in Papier und trug sie am Abend seinem kleinen Buben heim. Der zweite Handlanger war ein vierundzwanzigjähriger, flinker und viver Bursch, noch ledig. Der musste immer schwatzen, immer auftrumpfen und schwadronieren. Alle paar Tage erzählte er von einem anderen Mädel. Und jeden Donnerstag oder Freitag pumpte er mich an und vergaß am Samstag das Heimzahlen. Schlucken konnte er wie ein Gussloch. Mit seiner Gratismaß war er bei der Brotzeit im Hui fertig, und dann soff er auch noch mein Freibier. Aber betrunken hab ich ihn nie gesehen – nur berauscht von seinem Weltverbesserungsplänen. Er hatte ein Maulwerk wie eine Sense, konnte sich den Verstand mit der eigenen Suada wirblig machen und biss bei jeder Brotzeit allen regierenden Monarchen die Köpfe herunter, besonders dann, wenn er mit seinem Presssack fertig war. Er konnte theoretisch gegen die Mächtigen der Erde so grausam werden, dass ich ihm den Spitznamen ‚Blutwürstl’ gab. Noch viel gereizter, als gegen die gekrönten Häupter, war Blutwürstl gegen den Reichskanzler Bismarck und gegen die preußische Polizei, die sich gerade in jenem Sommer zum ersten Mal ein bisschen bärbeißig gegen die Sozialdemokratie zu benehmen begann.

Doch von diesen Dingen wusste und verstand ich damals so wenig, dass Blutwürstls grimmige Reden gegen die Tyrannen und seine häufig sich widersprechenden Zitate aus Marx und Lassalle nur komisch auf mich wirkten. So geschah es schließlich nur aus fideler Neugier, wenn ich mich eines Abends von Blutwürstl ‚in unsere Versammlung’ schleppen ließ.

Meine Empfänglichkeit für die Eindrücke dieses Abends befand sich in der denkbar ungünstigsten Verfassung. Von den Dingen, um die da geredet wurde, hatte mir mein bisheriges Dasein noch nichts gezeigt. Ich hatte nie den Stachel einer Not empfunden, unter dem Dach meiner Eltern war immer Sonne daheim, und an meinem eigenen Leben hatt’ ich fast immer Freude gehabt, auch dann noch, wenn es mir Schmerzen brachte. Und im dorf hatt’ ich nur jene Armut kennen gelernt, mit der sich die Zufriedenheit und ein frohes Lachen gut vertrugen. Einmal war nach Welden ein Schneidergesell gekommen, von dem sich das Gerücht verbreitete, dass er ein ‚Sozi’ wäre. Er musste wieder fort, das ganze Dorf stand gegen ihn auf. Da draußen im Holzwinkel hielt man eine Verbesserung der Welt nicht für notwendig. Die Handwerker und Taglöhner verdienten da so viel und brauchten so wenig, dass sie jeder Not entrückt waren. Sie hatten sonngebräunte, lustige Gesichter. Und solche Stirnen, die heiter und zufriedne schienen, sah ich auch zu Hunderten in der großen Fabrik. Daneben gab es wohl auch blasse Gesichter, vergrämte, kranke, mit traurigen Augen, mit erbittertem Blick. Mein Mitleid sprang immer gleich zu ihnen hin. Doch immer sah ich da nur einen einzelnen Fall, ein menschliches Unglück, nie eine leidende Masse, ein enterbtes Volk. An solcher Auffassung hinderten mich die Gegensätze, die es reichlich gab. In jener Zeit des industriellen Aufschwungs waren tüchtige Leute gut bezahlt. Es gab Akkordmonteure, die mit Überstunden täglich fünf, sechs Gulden und mehr verdienten. An Feiertagen machten sie Lustfahrten im Zweispänner und tranken Champagner, den ich noch nie gekostet hatte. Und jener theoretische Tyrannenwürger, der in mir das Verständnis für die sozialdemokratischen Ideen zu wecken versuchte – mein Blutwürstl – war aller Not des Lebens am fernsten. Er liebte, fraß und soff und pumpte, war bei aller politischen Erbitterung immer kreuzfidel und wirkte in seiner agitatorischen Tätigkeit eher abschreckend als gewinnend, nicht ernst, nur heiter.

Sein Charakterbild färbte wohl auf das Bild des Abends ab, zu dem er mich schleppte. Es blieb mir nur die Erinnerung an ein schwüles Gedränge. Auch weiß ich noch, das sind den langen Reden dieses Abends sehr häufig der Name der Stadt Eisenach genannt wurde, und dass ich dabei immer an die Wartburg, an den Zauberer Klingsor und an Wagners Tannhäuser denken musste. Erst ganz zu ende der Versammlung sprang mir das Bild eines Menschen ins Herz und ins Verständnis. Bei der Diskussion erhob sich an einem Tisch ein schlanker, etwas fünfundzwanzigjähriger Mensch. Was er sagte, machte mich lauschen und zittern. Wovon er sprach, das weiß ich nimmer. Ich erinnere mich nur, dass manches in seinen Worten mit den innerlichen Kämpfen und Bitterkeiten meiner eigenen Entwicklung zusammenklang, mit meinen Forderungen nach einem reinen und gesunden Lebensrecht der Jugend. Bei irgendeinem Wort – während die andern ganz still waren – schrie ich wie von Sinnen: „Bravo, bravo, bravo!“ Da guckten sie alle lustig zu mir her und brüllten. Nur der junge Mensch, welcher redete, sah ernst zu mir herüber und wurde brennend rot. Er sprach sehr gut, sprach reines Hochdeutsch, sein Blick war eine heiße Flamme, und während er redete, zuckten seine schmalen, blassen Lippen immer wie ein Hasenschnäuzchen. Nicht nur als Mensch gefiel er mir, ich bekam auch Respekt vor ihm. Man sagte mir, dass er ein Eisendreher wäre. Da hatte er doch nur die Volksschule besucht! Doch dieser junge Mensch im Arbeiterkittel besaß Bildung im besten Sinn des Wortes. Und jedenfalls wusste und verstand er von den ernsten und wichtigen Dingen des Lebens sehr viel mehr, als ich nach achtjähriger Gymnasialzeit.

Diesen jungen Eisendreher hätt’ ich gerne kennen gelernt. Und Blutwürstl – der mir auf dem Heimweg durch die schöne Sommernacht die gründliche Abmurksung der Bourgeoisie binnen drei Jahren in Aussicht stellte – versprach mir, diese Bekanntschaft zu vermitteln. Doch es kam zu keiner Begegnung, ich weiß nicht warum. Und als meine Arbeit in der Wahlschen Brauerei vollendet war, musste ich von Augsburg Abschied nehmen, um zu Würzburg in den bunten Rock des Königs zu schlüpfen.

Ich freute mich heim zu den Meinen. Freude hat heilende Kraft. Und wieder kam etwas Helles und Frohes in mein Leben, als ich am leuchtenden Main dieses schmucke Städtchen sah, umschlungen von Rebhügeln, die sich schon in herbstlicher Schönheit zu färben begannen, und gekrönt von der an eine Märchenburg erinnernden Festung.

Da droben, hinter diesen luftblauen Mauern, will ich jetzt Soldat werden! Auf diesen Weinbergen will ich Trauben schmausen, und auf diesem leuchtenden Strom, der an der Heimat meiner Mutter vorüberblitzt, will ich alles treiben, was heiter und vergnüglich ist!

So nahm ich mir’s in der ersten Stunde vor, noch eh’ ich zu Würzburg aus dem Eisenbahnwagen heraussprang, um Vater, Mutter und Geschwister nach langer Trennung wieder glückselig zu umhalsen. Späterhin kam dann alles ein bisschen anders, als ich mirs vorgenommen hatte. Nur das erste erfüllte sich glatt: Ich wurde Soldat und freute mich an Pallasch, Pferd und Sattel. Die Kunst des Reitens schmeichelte sich mir flink in Faust und Beine. Freilich war die Keckheit immer größer als mein Können. Weil wir die königlichen Rösser außerhalb der Dienstzeit nicht belästigen durften, pflegte ich mir an freien Nachmittagen beim Universitätsstallmeister eine arabische Schimmelstute zu mieten, die aus dem aufgelösten Marstall der Königin Amalie von Griechenland stammte. Ein entzückendes Rösselchen war’s! Flink war eine Schwalbe, leicht wie eine Sünde der Jugend! Nur ein bisschen kitzlig. Mit den Sporen musste man vorsichtig sein. Oder man machte unfreiwillige Purzelbäume.

Eines Abends verursachte mir das Schimmelche in solch einer kitzligen Stimmung ein paar von jenen Sekunden, die man als Ewigkeiten zu empfinden pflegt. Da hatt’ ich einen Ritt nach Randersacker gemacht und hatte Most in jener Stufe des Weinwerdens gekneipt, die man als ‚Federweiß’ zu bezeichnen pflegt. Ich habe diesen Most nach Güte und Wirkung des öfteren besungen. Aus einem dieser Liedchen erinnere ich mich nach der Verse:

„Der junge Federweiß
Macht dir, wie jeder weiß,
Hirn, Blut und Leder heiß!“

Das schien mein Schimmelche damals beim Heimritt im abendlichen Dunkel mit Missbehagen zu verspüren. Der flotte Trab verwandelte sich plötzlich in schnaubendes Rasen. Rote Lichter in der Finsternis, die schreiende Stimme eines Bahnwächters, und nun jäh vor der Brust meines Gaules eine Balkenschranke. Das Schimmelche – ein Parieren war nimmer möglich – machte einen wilden Satz über die Schranke hinüber und blieb wie versteinert mitten zwischen den Schienen stehen, während der Zug schon auf zwanzig Schritte mit großen Glutaugen durch den Abend heranbrauste. Drei Sekunden wurden mir zu einer grauenvollen Ewigkeit. Mit beiden Fersen schlug ich dem Schimmelche die Sporen in den Bauch, keuchend flog es über die andere Schranke hinüber, und als ich das Pferd nach einer Weile auf den Wiesen parieren konnte, war der Eisenbahnzug schon wieder verschwunden. Und meine Mütze fehlte. Auf dem Bahndamm fand ich von ihr nur noch ein paar zerquetschte Tuchfetzen. Ich war völlig nüchtern geworden. Und während des weiteren Heimrittes, auf dem sich das Schimmelche wieder ganz manierlich verhielt, beschäftigte ich mich unter rieselnden Gänsehäuten mit der Frage: Wie jetzt mein Köpfl aussehen würde, wenn es ihm ergangen wäre wie meiner Mütze. Dann musste ich immer laut und schreivergnügt hinauslachen in die Nacht. Man gewinnt das schöne leben nie so lieb, als in einer dunklen Stunde, in der man es fast verloren hätte. Und für das Schimmelche begann ich von diesem Tag an eine Zärtlichkeit zu empfinden, die mit meinem mager gespickten Portemonnaie in Kollision geriet.

Papa gab mir, was er bei seinem bescheidenen Beamtengehalt zu geben vermochte. Mit kluger Sparsamkeit hätt’ ich mich wohl ohne Schulden durchschlängeln können; aber ich verstand mich nicht aufs Winden und Schlängeln, viel eher auf Vorwärtstollen mit breiter Brust. Und da gesellte sich zu dem teueren Schimmelche noch eine zweite Geld fressende Gewalt: Das Studentenleben. Einer von den Freiwilligen, die mit mir unter dem gleichen Rittmeister dienten, war Frankenbursch. Ich ließ mich ‚keilen’ und belegte auf der Universität das billigste Kolleg, ein medizinisches – Osteologie, die Lehre von den Knochen – um als Fuchs bei den Franken einspringen zu können. Bei dieser Inskription hab’ ich das Innere der Universität zum ersten und letzten Mal gesehen.

Der Vater schaute ein bisschen ungemütlich drein, als er mich eines Abends in Zivil und mit der apfelgrünen Kappe sah. Soldat und Korpsstudent – „Du, Bub, das ist für meinen Sack zuviel!“ Aber Mama redete zu meinen Gunsten. „Geh, lass ihm doch die junge, scheckete Freud! Er wird sich die paar Knöpf, die er hat, schon richtig einteilen!“ Ich versprach natürlich das Blaue vom Himmel herunter.

Als ich an diesem Abend zur Frankenkneipe wanderte, begleitete Papa mich in die Stadt – wir wohnten draußen vor dem Glacis, gegen die Weinberg hin – und während wir beide durch die dusteren Anlagen spazierten, setze mir Papa sehr ernst auseinander, dass die verwerflichste Eigenschaft eines jungen Menschen das Schuldenmachen wäre. „Was ich dir geben kann, bekommst du. Mehr darfst du um deiner Geschwister willen nicht verlangen von mir. Machst du Schulden, so musst du sie späterhin selber bezahlen, wenn du zu Verdienst kommst. Frage dich also, ob ein paar versuitisierte Nächte das wert sind, dass du dein kommendes Leben mit drückenden Verpflichtungen belastest!“ Mir wurde schwül unter dem dicken Haarschopf. Doch von meiner Augsburger Monteurzeit war mir ein nettes Sümmchen verblieben. So war ich fürs erste gedeckt. Und Vaters Predigt nahm ich nicht allzu schwer. Im Haus der Eltern hatt’ ich wohl manchmal den unklaren Blick einer verschleierten Sorge gesehen, doch nie die Nähe der Not gefühlt. Dass es die große Lebenskunst der Mutter war, das Knappe zu strecken und aus einem dünnen Lappen einen warmen Mantel zu machen – dafür hatte ich bisher noch nicht die sehenden Augen gehabt.

Und da ging nun ein lustiges Leben los, bei dem mir der Himmel in Helle und Nacht voll klingender Geigen hing. Am Tag auf der Festung droben die vergnügte Soldaterei mit rasselndem Säbel und wiegendem Sattel. In der Mittagspause der Fechtboden drunten in der Stadt; über die paar hundert Felsstufen des Festungsweges raffelte ich beim Mittagsläuten immer herunter wie ein Flüchtling, und um zwei Uhr ging’s mit Heuschrecksprüngen wieder in die Höhe. Am Abend die Korpskneipe, oder eine Mostsuite nach Randersacker, eine Wagenfahrt nach dem lustigen Heidingsfeld. Nach Mitternacht ein flinker Schlaf von drei, vier Stunden. Um fünf Uhr morgens wieder in Uniform der Dauerlauf zur Festung hinauf. Niemals ein Gefühl der Müdigkeit; immer war ich gesund wie ein Fisch im Wasser, alles vertrug ich, alles schlug mir an – und was manchem meiner Kameraden das Gesicht blass machte und die Augen tiefer grub, das malte mir den heißen, fröhlichen Jugendbrand in den Blick und auf die Wangen. Mir zum Glück hatte meine junge, kräftig erzogene Natur in sich ein paar feste Schranken, über die sie mich nicht hinüberließ. Nach einer schweren Magenrevolte, die mir eine Virginiazigarre mit dem Gymnasium verursacht hatte, blieb ich durch meine ganze Studentenzeit ein mäßiger Raucher. Der Widerwille in meiner Physis sagte Nein, und ich musste gehorchen. Diese gleiche Hartköpfigkeit meiner Natur erzwang mir auch das Gute, dass ich mich als Korpsstudent nicht zum Trinker entwickelte. Bevor mir die Sinne vom Alkohol richtig zu wirbeln begannen, kam jedes Mal der Augenblick, in dem ich um alle Welt keinen Tropfen mehr hinunterbrachte und den Bierkrug oder das Weinglas wie etwas Ekelhaftes von mir fort schieben musste. Es ist in meinem ganzen Leben nur drei Mal geschehen, dass ich über diese hemmende Schranke hinübertaumelte und ein schwer Betrunkener wurde. Zwei Buchstaben machen da einen wesentlichen Unterschied! Denn ein Trunkener war ich immer, auf allen Wegen meines Lebens, bei Tag und Nacht, im Wachen und in meinen Träumen, in aller Freude und in jedem Schmerz.

Das Studentenleben ist schon so oft geschildert worden, dass ich dieses Kapitel überspringen darf. Das kam für mich auch nicht origineller, als es für hunderttausend andere schon gekommen. Nur dass ich bei diesem farbigen Mahl die Bissen noch flinker verschluckte, als die Jugend gemeinhin zu speisen pflegt. Alles Kleine wurde mir zum großen Ereignis, aller bunte Werkeltag zu einem malerischen Fest. Die Stunde auf dem Fechtboden war für mich immer ein Sturm von Hochgefühl und Seligkeit, das Liedersingen wurde mir Gottesdienst und Mysterium. Was Freundschaft hieß, das nahm ich in jedem Einzelfall, wie Pylades die Zärtlichkeit für den Orest. Und viele von jenen, die einst in Trunkenheit und Freude mit mir sagen: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt“ … viele von jenen haben mir herzliche Bruderschaft gehalten bis zum heutigen Tag. Mein Leben ist reich gewesen an treuen, wertvollen und verlässlichen Freunden. Ein paar kleine Irrtümer, die sich gelegentlich ergaben, dürfen da nicht als Gegengewicht zählen.

Im fidelen Lärm der Kneipe war ich immer ein heißer Debatter. Bei allem Meinungsaustausch legte ich mit meiner kräftigen Kehle immer los wie ein schneidiger Rhetor. Nur beim Kapitel vom Weibchen konnte ich nicht mitreden. Noch immer, nun fast ein Zwanzigjähriger, war ich ein ungerupftes Hähnchen. Ich selbst begann das als eine unverzeihliche Sache zu betrachten und hatte weder Gefühl noch Verständnis dafür, dass die lang bewahrte Verschlossenheit meines Blutes ein kostbarer Besitz meiner Jugend war, ein Brunnen meiner derben, unerschütterlichen Gesundheit, eine Verheißung für reiche Freuden meines kommenden Lebens. Ich selbst beschimpfte mich als ‚schüchternes Rindvieh’ und hätte diesen unwissend behüteten Schatz meiner Jugend gerne um ein Linsengericht verschachert in jeder nächsten Nacht. In meinem Herzen war keine Sehnsucht, kein Wunsch und keine Wahl. In meinem Herzen war nichts. Nur in meinem bedrückten Gehirne war der Wille zu dieser ‚Tat’ immer drängender und heißer, je mehr ich mich meiner Abenteuerlosigkeit vor den klügeren Kameraden zu schämen begann. Doch so oft ich zur Donjuanerie einen kecken Anlauf nahm, war im entscheidenden Augenblick immer wieder dieses unüberwindliche Widerstreben da. Oder es erwachte in mir die Erinnerung an das dunkle Gartenhäuschen in Welden, der zitternde Gedanke an die Mutter. Die würde mir das doch gleich in den ersten Stunden an den Augen ansehen! „Herrgott und pfui Teufel! Nein!“ Und immer auch dieses ganz animalische Grausen! War’s aber nicht auch ein Wahnsinn und Irrtum der Natur. Mann und Weib gerade so zu erschaffen? Oder – war vielleicht gerade dieses Unbegreifliche eine von den höchsten Weisheiten des Weltenlenkers? Wollte er die Männchen und die Weibchen reinlich erhalten, bis er sie zwingen konnte, in Gesundheit und Freude Väter und Mütter zu werden? Wollte er sagen: Mensch, du darfst mit deinem Leibe nur dann genießen, wenn du in deinem Herzen liebst – mit jener Liebe liebst, die aus Tieren Engel macht, alles Niedrige in ein Schönes verwandelt und jeden abstoßenden Schlupf des Lebens verzaubert in ein von ewigen Rosen bekränztes Himmelstor?

Meine schlaflosen Nachtstunden wurden sehr ergiebig an philosophischen Gedanken. Hunger und Liebe! Sie sind die Kleinkinderbrunnen der Weltweisheit. Hätten alle Menschen zu essen und gäb’s keine ungestillten Wünsche des Blutes, dann wäre die Philosophie eine überflüssige Sache. Vielleicht auch die Religion. Und auch die Kunst. Aus den Leiden der Menschheit wachsen ihre schönsten Blumen. Man soll über Schmerzen nicht schelten.

Spät im Herbste lernte ich ein niedliches, schelmisch vergnügtes Mädchen kennen, die Tochter eines gut situierten Kaufmanns, der nicht weit von der Mainlände wohnte. Weil die Existenz dieser jungen Dame auf eine italienische Hochzeitsreise ihrer Eltern zurückzuleiten war, hatte sie den schön klingenden Namen Nannina bekommen. Ein keckes, munteres Ding! Und unternehmungslustig, gern aufgelegt zu jedem Streich, der nur halbwegs im Bereich des Möglichen lag. Spät in der Nacht, wenn ihre ahnungslosen Eltern schon in den Federn lagen, stahl sie sich aus dem Haus und huschte zu mir in eine finstere Straßenecke. Es war schon kühle Zeit, schon die erste Dezemberwoche. Und jetzt, im sterbenden Herbst, lagen an der Mainlände allnächtlich viele von den großen Obstschiffen vertaut, die den Main und Rhein hinunterfuhren bis nach Holland. Alle größeren dieser Schiffe hatten kleine niedere Kabinen. Die Schiffer soffen immer die ganze Nacht in den nahen Kneipen. Und die stillen, dunkeln Schiffskabinen standen leer. Diese Entdeckung machte ich an einem mondhellen Abend, während ich, in Uniform, auf Nannina wartete. Und auf einem dieser Obstschiffe, das köstlich nach reifen Äpfeln duftete, fand ich ein feines Hüttchen mit einer Pritsche, auf welcher linde Decken lagen. Ich empfand ein Hochgefühl, das mich an Kolumbus denken ließ – er kann nach langer Irrfahrt die Küste Amerikas nicht freudiger begrüßt haben! Und als ein Viertelstündchen später Nannina zu mir in den Häuserschatten gesprungen kam, hob ich flink das zappelnde, kichernde Ding auf meine Arme. Im Saus mit meiner zarten Last hinüber durch das Mondlicht! Und hinein in das stille Hüttchen! Auf dem feuchten schrägen Verdeck wär’ ich beinah der Länge nach hingeschlagen, weil ich über meinen Säbel stolperte. Das gab etwas Erkleckliches zu lachen, ehe wir – zwei kleine Sklaven der experimentierenden Natur – dieses blinde, hungrige und dennoch ungeschickte Küssen begannen. Schon drohte die verhängnisvolle Stunde schwach zu werden. Da fuhr ein krachender Stoß durch das Apfelschiff, das plötzlich verdächtig zu schaukeln begann. Wir zwei Verzückten zuckten erschrocken auseinander, und als ich den Kopf zur Kabinentür hinausstreckte, drehte sich das lange Schiff gerade vom Ufer weg in den Strom hinein. Mir zitterte das gewohnte schwäbische Wörtchen aus der wirbligen Seele: „Herrgottsaxe!“

Waren die Taue zufällig losgegangen? Oder hatte so ein verwünschtes Aas, das mich mit dem Mädel in die Kabine huschen sah, die Stricke aus Schabernack gelöst?

Ich merkte gleich, dass die Sache nicht unbedenklich war. Die steinerne Mainbrücke stand in der Nähe, und das Apfelschiff trieb querseits auf einen Pfeiler zu. Hinter meinem Rücken klang ein erstickter Laut Nanninas, während ich zum Steuer hinsprang und aus Leibeskräften zu schanzen begann, um das Schiff in gerade Fahrt und gegen die Mitte des Brückenbogens zu bringen. Nach wenigen Sekunden rann mir vor Anstrengung der Schweiß über das Gesicht herunter. Mit knapper Not gelang mir der Kampf wider den hölzernen Drachen. Das Hinterteil des Schiffes stieß noch gegen den Brückenpfeiler, so tüchtig, dass ich fast einen Purzelbaum über den Steuerschaft hinunter ins Wasser gemacht hätte. Doch als wir die Brücke hinter uns hatten, war das Apfelschiff flussabwärts in schöner Fahrt.

Das Ruder wagte ich nicht auszulassen. Und vor der Kabinentüre stand Nannina im milchigen Mondschein, wortlos, und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich rief ihr zu: „Da brauchst du keine Angst zu haben! Ich bring dich schon hinaus!“

Wäre die Situation nicht so verwünscht gewesen, sie hätte romantisch wirken können. So eine feine, billige Mainfahrt im Mondschein! Die sanft vorüber gleitenden Ufer mit silbernen Lichtern und tintenschwarzen Schatten! Und guck, da verschwanden schon die letzten Häuser von Würzburg? Und Nannina sang ein jammervolles Klagelied um ihren guten Ruf.

Ich arbeitete am Steuerruder wie ein hoch bezahlter Flößer. Ein Viertelstündchen außerhalb der Stadt gelang es mir, das Apfelschiff aus dem glatten Strom gegen flachsandiges Ufer hinzudrängen. Pumps! Jetzt saßen wir fest. Je wütender ich mit dem Ruder kochlöffelte, um so zäher wühlte sich der Kiel in den Grund. Langsam drehte sich der Apfeldrache um seinen Schnabel herum. Und dann rührte er sich nimmer. Zwischen uns und dem Land lag noch stubenbreit das im Mondschein blinkende Wasser. Draußen am Ufer die schönste Straße, silbrig schimmernd zwischen schwarzen Stauden und Bäumen! Ich machte die Erfahrung, dass es Augenblicke gibt, in denen man sich nach einer festen Straße heißer sehnen kann als nach dem süßesten Himmelreich des Lebens. Während ich mit einer Stange den Grund des Wassers zu prüfen begann, verwandelte sich Nanninas Klage in bitteres Weinen, bei dem sie nur noch dieses einzige Wörtlein fand: „Ach Gottche, ach Gottche, ach Gottche …“

Ratloses Zuwarten machte die Sache nicht besser. Da musste was geschehen! Ich sprang ins Wasser, das mir schwer in die Reitstiefel hineingluckste. Dieses Nasse und Kalte ging mir herauf bis zu den Hüften. „Komm, Schatz!“ Vorsichtig watend trug ich das Mädel zum Ufer hinüber. Kein Zipfelchen ihres Rocksaumes wurde feucht. Ich hoffte für meinen Ritterdienst einen zärtlichen Dank zu ernten. Kaum aber fühlte Nannina festen Boden unter den Füßen, da brach sie in jähzorniges Schelten aus und beschimpfte mich fürchterlich. Sie schien zu glauben, dass ich die Stricke des Apfelschiffes losgebunden hätte. Diesem schnöden Wandel einer guten Seele gegenüber war ich so perplex, dass ich eine weile gar kein Wort herausbrachte. Und als ich endlich reden konnte, jagte das wütende Mädel schon auf der silberschönen Straße davon, der Stadt entgegen.

Nachdenklich, über die Rätselnatur des Weibes grübelnd, setzte ich mich in den Straßengraben, zog die Sporenstiefel herunter und goss das Wasser heraus. Meine hirschlederne Reithose war wie ein schlappender Schwamm. Und Herrgott, wo war denn meine Mütze, mein Säbel? Die lagen noch drüben auf dem Apfelschiff! Also noch mal durchs Wasser hin und her – diesmal barfüßig, um die teuren Stiefel zu schonen. Dann ein strammer Marsch, um trocken und warm zu werden. In einer Kneipe bei der Mainbrücke, im ‚Wilden Mann’, goss ich mir einen Schoppen Glühwein in die enttäuschte Jünglingsseele. Es ging auf die sechste Morgenstunde zu, als ich hinaufkam zum Festungstor. Und beim Mittagsläuten, während ich über die steile Felsentreppe heruntersauste, konnte ich weit draußen auf dem schimmernden Main einen kleinen schwarzen Kotz gewahren. Unser Apfelschiff! Und fünf weiße Käferchen wimmelten auf ihm herum: Die Schifferknechte in Hemdärmeln.

Eine sehr verdrießliche Stimmung war in mir. Der hölzerne Drache, mit dem ich kämpfen musste, hatte wohl an die hunderttausend reifer, duftender Äpfel in seinem Leib getragen! Und auch nicht einen einzigen hatt’ ich angebissen!

Nannina, als ich ihr beim Sonntagsbummel in der Domstraße begegnete, schmunzelte lustig und sah mich freundlich an. Ihr rätselhafter Zorn war also verraucht, und vermutlich hatte ihr guter Ruf keinen fühlbaren Schaden erlitten. Doch gewitzigt war sie. Denn niemals wieder kam sie in nachtschlafender Zeit herunter zu den gefährlichen Obstschiffen.

Ich geriet um diese Zeit in chronische Finanzkalamitäten. Mein Augsburger Spargroschen war verbraucht, ich hatte Rückstände bei der Korpskasse und kleine Schulden bei Kameraden. Das wurde wie ein Stein, der mir die Rippen scheuerte. Und eines Abends, in huscheliger Dämmerstunde, vertraute ich mich der Mutter an. Trotz der Dunkelheit in der Stube sah ich, dass Mama erblasste. „Bub! So tust du mich enttäusche!“ Weiter machte sie mir keinen Vorwurf. Doch ihre Hände zitterten, als sie die Tischlampe anbrannte. Aus ihrem braun polierten Spiegelkästchen holte sie sechs oder sieben Schächtelchen heraus, ließ das Geld, das sie enthielten, durch die Fingerspitzen gleiten, zählte und rechnete – und schob mir schließlich hin, was ich brauchte, um meine Schulden decken zu können. Sie sagte: „Papa darf nix wisse davon. Der Kummer tät ihm die Seel abdrücke.“ Wortlos küsste ich die Mutter. Und ich glaube: Dieser stumme Kuss war der heiligste Schwur, den ich je im Leben geschworen habe.

Ich nahm das Geld, rannte in die Stadt und bezahlte meine Schulden. Mir war zumute wie nach einem Bad. Gegen zehn Uhr kam ich wieder heim. Papa war ausgegangen. Die zwei jüngsten Geschwister lagen schon im Bett; meine Schwester Berta, die ein schlankes und hübsches Mädel geworden, nähte an einem Stücklein für ihre zukünftige Aussteuer; und die Mutter saß bei ihrem Haushaltungsbuch und rechnete, rechnete, rechnete. Und da sah ich etwas. Während die Mutter rechnete, rieb sie mit zwei Fingern der linken Hand immer wieder und wieder eine Stelle ihres Haares über der linken Schläfe – und an dieser Stelle sah ich in ihren dunkelblonden Strähnen einen talergroßen Fleck, der zu ergrauen begann, obwohl die Mutter erst Mitte der Vierzig war.

– Viele Jahre später, als dieser Fleck in ihrem Blondhaar schon völlig weiß geworden, konnte die Mutter lachen drüber und heiter sagen: „Das ist mein Sorgeplätzle! Da hab ich viel hinein geriebe, aber wenig herausgekratzt.“

Damals an jenem Würzburger Rechnungsabend, als ich dieses verfrühte Sorgengrau in meiner Mutter Haar zum ersten Mal gewahrte, fuhr mir ein weher, quälender Schreck ins Herz. Ach, wie viel gute Vorsätze machte ich in dieser schlaflosen Nacht!

Neben den Sorgen, die das teure Leben in der Stadt gesteigert hatte, war Mutters einst so unverwüstliche Heiterkeit von einem nagenden Heimweh nach Welden schwer bedrückt. Sie fühlte sich in dieser Enge des städtischen Lebens nicht wohl, konnte das Schöne und Frohe von da draußen nicht vergessen. Ihr großes und sonniges Forsthaus, ihren Garten mit den tausend Blumen, ihren rauschenden Wald. Wenn aber trübe Laune zu uns in die Stadtstube kam, dann war’s doch immer die Mutter wieder, die als erste einen lustigen Sprung hinauf ins Helle machte und mit ihren drolligen Heiterkeiten uns alle wieder fröhlich stimmte.

Ganz selig war sie darüber, dass ich es während der folgenden Wochen mit meinen guten Vorsätzen sehr gewissenhaft nahm. Ich wurde schrecklich solide, märchenhaft sparsam, besuchte nur zweimal in der Woche die Korpskneipe und verbrachte fast jede dienstfreie Stunde daheim. Und da gab es zwischen den dunklen, grässlichen Tapeten der Stadtwohnung manchmal so gemütliche Abende, wie einst in der lieben weißen Stube zu Welden. Alle fidelen Geschichten, die wir da draußen im schwäbischen Waldwinkel erlebt hatten, wurden wieder und wieder erzählt, und wir lachten drüber, dass die Mutter schließlich unter vergnügten Tränen klagen musste: „O Gott, o Gott, jetzt kann ich aber nimmer!“ Nur schade, dass der Vater selten dabei sein konnte, wenn wir so lustig waren. Er arbeitete häufig bis Mitternacht und länger in seinem Bureau.

Zwischen Weihnachten und Silvester gab es schöne, sonnige Schneetage mit grimmig kalten Nächten. Dass mir das scheinbar Belanglose dieser milden Mittagsstunden und dieser knirschenden Nachtfröste im Gedächtnis blieb, das hat einen bestimmten Grund.

In jenen schönen Schneetragen, sooft ich von der Festung zum Mittagstisch herunter gelaufen kam, begegnete mir auf den Glaciswegen zwischen den verschneiten Bäumen regelmäßig eine nette, freundliche Gouvernante, die einen bildhübschen, dreijährigen Knaben spazieren führte. Bei der dritten Begegnung lächelten wir beide, bei der vierten grüßte ich, und nach der fünften saßen wir plaudernd auf einer Bank in der goldenen Sonne, während das herzige Bübchen einen blauen Spielzeugschlitten auf dem Schneeweg hin und her zog. Diese zutrauliche Gouvernante – ihren Namen weiß ich nimmer – stand im Dienste einer ausländischen Dame, die getrennt von ihrem Mann lebte und erst vor kurzer Zeit von irgendwoher nach Würzburg übersiedelt war.

Bei der sechsten Begegnung, am Neujahrstag, bewilligte mir die liebenswürdige Gouvernante für den Abend ein Rendezvous vor der Haustüre. Um neun Uhr war ich bestellt. Aber die Gouvernante kam erst um halb zwölf herunter, als mir von der schauderhaften Kälte schon die Zähne klapperten und die Füße in den Reitstiefeln pelzig waren.

Es gibt einen Tafelscherz: Gefrorenes, in dessen hohler Mitte ein kleines Feuerchen brennt. Dieser Speise war ich zu vergleichen. Und Abend für Abend ging das so: Ein paar Stunden musste ich schnattern und frieren, ehe das Feuerchen meines wirblig werdenden Blutes mich zwecklos marterte. Doch schließlich wirkte der Anblick meines geduldigen Leidens. In der Nacht des heiligen Dreikönigstages – (dem hohen Fest zu Ehren war ich in guter Uniform und trug den Tschako) – schmolz das Herz der Gouvernante in Mitleid hin. Sie fasste mich, der ich zwischen Frost und Gluten zitterte, plötzlich beim Handgelenk, zog mich in den finsteren Flur, drückte lautlos die Haustür zu und flüsterte: „Den Säbel musst du festbinden, dass er nicht rasselt. Und die Sporen musst du herunterschnallen und in die Tasche stecken!“

Ich schob den Säbel unter die Koppel, dass er sich nimmer rührte. Doch an den Sporen brachte ich die Schnallen nicht auf; so beinsteif waren mir die Finger in den hirschledernen Handschuhen gefroren. Nach ein paar nutzlosen Versuchen log ich in der Dunkelheit: „Jetzt hab’ ich sie im Sack!“ Diese Lüge wurde mein Verhängnis! Ja, ja, es stimmt schon: Man soll nicht lügen!

Im Schleichtempo ging’s über zwei Treppen hinauf. Die brave Gouvernante führte mich, wie ein Schutzengel das ihm anvertrautet Kind. Ganz leise, leise! Nur der Schnee, der an meinen Sohlen klebte, knirschte ein bisschen. Die Flurtür war augenscheinlich gut geölt. Nun standen wir in stockschwarzer Finsternis. Auf der Treppe hatte man doch noch die Hand vor den Augen gesehen. Hier sah man nichts mehr. Vorwärts, Schritt um Schritt, auf den Zehenspitzen! Jetzt eine leise Stimme: „Obacht! Da sind zwei Stufen!“ Doch die Warnung kam schon zu spät. Beim jähen Niedertappen blieb ich mit dem Sporn im Läufer hängen. Ich stolperte und fuhr ins Leere hinein, der Säbel wurde locker und rasselte, mein Helm flog davon, machte polternde Sprünge auf dem Boden – blumm, blumm, blumm – und klirrte energisch gegen eine Türe.

Ich wünschte, dass die Häuser ohne Dächer wären und dass ich Flügel hätte. Hinter mir ein erstickter Schrei, leises Kleiderrauschen und flüchtig enteilende Schritte. Ein paar Sekunden stand ich atemlos und wie versteinert. Mein Helm, der irgendwo im Schwarzen lag, wackelte noch immer wie ein Waschgeschirr auf einer Marmorplatte. Ich arretierte den Säbel, griff mit beiden Händen in die Finsternis und suchte den entflogenen Helm zu ertappen. Ich fand ihn nicht – weil das Luder gerade jetzt zu wackeln aufhörte. Wütend zischte ich den Namen der Gouvernante, den ich heute nimmer weiß. Kein Laut gab Antwort. Ich stand allein auf schwarzer Flur! – Gouvernante, dein Name war Feigheit!

Da! Ein Lichtschein! Nah vor mir ging eine Tür auf. Und das flackernde Kerzenlicht in erhobener Hand, erschien eine junge, schöne Dame mit Papilloten im schwarzen Haar, bekleidet mit einem Schlafrock aus safrangelber Seide und duftend wie der Lenz im Mai.

Nur Augen und Nase hatt’ ich, keine Stimme. Der Schreck schnürte mir die Kehle zu und ließ meinen Herzschlag aussetzen.

Im ersten Moment schrie die schöne, junge Dame ein bisschen. Doch gleich verlor sie alle Furcht, machte nur große, verwunderte Augen und sagte etwas mit heftiger und dennoch wohlklingender Stimme. Ich merkte sofort, dass sie französisch redete. Doch weil ich das Französische auf dem Gymnasium nach philologischer Methode studiert hatte, verstand ich kein Wort.

Nun redete mich die Dame in meiner Muttersprache an – sie sprach das Deutsche richtig, nur ein wenig langsam und mit fremdländischen Akzent.

„Was machen Sie hier?“

Statt ‚hier’ sagte sie ‚hirrr’.

Die Stiefelhacken aneinanderklappernd, dass die Sporen klirrten, antwortete ich in verzweifelter Ratlosigkeit: „Ich suche meinen Helm …“ Und weil ich aus Heinrich Heine wusste, wie man vornehme Damen tituliert, drum fügte ich noch dieses weltmännische Wort hinzu: „Madame!“ Im gleichen Augenblick gewahrte ich meinen Helm, der neben dem Saum des safrangelben Schlafrockes funkelte. „Pardon, Madam!“ Ich fasste den Flüchtling, wie ein Habicht das fette Rebhuhn ergreift. Dabei gewahrte ich, dass zwei winzige Füßchen nackt in grünen Pantöffelchen staken.

Die Dame betrachtete mich prüfend. „Wie haben Sie Irrren Helllem in meiner Wonnnung hirrr verilorrren?“

„Ich stolperte, Madame, und da fiel mir der Helm vom Kopf herunter.“ Nun stand ich streng nach militärischer Vorschrift: In der linken Hand den Säbel, auf dem rechten Arm den Tschako. Doch es war mir schrecklich zumut. Und in meiner verstörten Seele brodelte nur immer der eine Gedanke: Wenn ich nur schon draußen wäre! Und dieser andere: Vielleicht ruft sie einen Polizeidiener und lässt mich auf die Wache führen?

Unbarmherzig fragte sie: „Wie sind Sie in meine Wonnnung hirrrein gekommen?“

„Ich glaube, durch die Türe, Madame?“

„Werrr hat Innnen die Tirrre aufgespirrt?“

Die Wahrheit wollt’ ich nicht sagen, eine vernünftige Lüge fiel mir nicht ein. Drum blieb ich stumm, sehr lange, sah die Dame immer an, und es mag wohl ein heiß um Erbarmen flehender Blick in meinen Augen gewesen sein, denn nach einer Weile sagte die schöne junge Dame sehr entschieden, aber doch nicht unfreundlich: „Spirechen Sie! Ich will das wissen. Aber kommen Sie hirrrein zu mirrr! Hirrr außen ist es kalt.“ Ruhig trat sie in das Zimmer, unter dessen Tür sie gestanden.

Ich konnte mich nicht vom Platz rühren. Und heiße Tropfen rieselten mir über die Schläfen herunter.

Da klang es aus der Türe: „Nunnn?“

Die Augen schließend, tat ich einen tiefen Atemzug, riss die Lider wieder auf – und gehorchte. Von diesem Zimmer hab’ ich nicht viel gesehen. Verzweifelt sah ich nur immer die Dame an. Und von der Seite fiel mir etwas rötlich Schimmerndes in die Augen, als wäre da nebenan eine Stube, durch deren halboffene Tür eine rosafarbenes Licht herausglänzte. Und dieser starke Duft! Ich musste an den Garten meiner Mutter mit den tausend Blumen denken. Und das feine Sesselchen, auf dem die Dame als nächtliche Femrichterin thronte, hatte eine vergoldete Lehne. Auf ovalem Tischchen flackerte die schief brennende Kerze.

Die Dame deutete auf einen Stuhl – und ich verstand, dass ich mich setzen müsste.

„Nunnn erizälllen Sie mirrr alles? Aufrichtig und warrr! Aber wollen Sie nicht Irrren schiwerrren Mantel hirrrunternemmmen? Hirrr ist es serrr warrem?“

Nur warm? Wie in einem Backofen war es. Nach wenigen Sekunden meinte ich in einem heißen Bad zu sitzen. Doch ich schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht lange bleiben, Madame, ich muss jetzt gleich in die Festung hinauf.“

„Hätten Sie auch so flink in die Festung müssen, wenn Sie Irrren Helllem nicht verilorrren hätten?“ Sie lächelte – natürlich aus Hohn. Und ich spürte, dass mir eine Blutwelle wie Feuer in die Wangen schoss. „Erizälllen Sie jetzt! Werrr sind Sie?“

Ich nannte ehrlich meinen Namen und sagte, dass ich die Universität besuche – (das war eine entschuldbare Übertreibung) – und dass ich gleichzeitig als Einjähriger diene.

Diese Aufrichtigkeit bei meinen Personalien schien das Misstrauen der Dame zu verscheuchen. Augenscheinlich merkte sie, dass ich für mich selbst keine Schonung begehrte und alle Sühne für die Untaten des Helmes ritterlich auf meine Schultern nehmen wollte. Das schien ihr zu gefallen. Und beinahe wohlwollend sagte sie: „Guttt! Erizälllen Sie!“

Jetzt hilf mir, heilige Phantasie! Bei diesem Stoßseufzer meiner bedrängten Seele kam mir auch der Gedanke, dass die Gouvernante doch wohl so schlau sein würde, draußen vor der Türe mein Gespräch mit der Dame zu belauschen, um dann ihre Aussage mit der meinen in Einklang bringen zu können. Drum begann ich mit sehr lauter Stimme: „Die Sache war so, Madame. Ich begegnete in den Anlagen mehrmals einem jungen Fräulein …“

„Mit einem Knabbben?“

„Nein, Madame. Das Fräulein war immer allein. Und dieses Fräulein, wie ich ehrlich gestehen muss, gefiel mir. Das ist doch kein Verbrechen, nicht wahr, Madame?“

„Nnnein. Aber sagen Sie nicht immer Madame zu mirrr. Ich bin keine Hebbbamme. Sagen Sie Barrronnnin!“ Während sie mir diese Lehre erteilte, begann sie mit zierlichen Fingern die weißen Papilloten aus ihrem schwarzen Haar herauszudrehen und auf das Tischchen zu legen. Dabei fielen ihr die weiten safrangelben Seidenärmel bis zu den Schultern zurück. Die Dame hatte sehr schöne Arme. Und manchmal, wenn sie mit ihren ruhigen Kohlenaugen meinem verstörten Blick begegnete, schmunzelte sie ein bisschen. Vermutlich durchschaute sie meine plumpen Lügen und machte sich innerlich über mich lustig – und dachte: „Warte nur, du!“ Dieser bange Gedanke ließ mich bei meiner Erzählung nicht in rechten Fluss geraten. Meine Sätze wurden, je lauter ich sie schrie, immer stottriger. Schließlich brachte ich aber doch eine Art von Zusammenhang in meine Fabel: Ich hätte dem hübschen Fräulein nachgespürt, hätte herausgebracht, dass es in diesem Hause wohne – wobei ich mich allerdings auch getäuscht haben könnte – und hätte nun heute den Entschluss gefasst, mich dem Fräulein in etwas auffälliger Weise bemerkbar zu machen. Und da hätte ich nun in der Nacht vor der Haustüre gewartet, bis ein Dienstmädchen herausgekommen wäre, um Bier zu holen. Mit diesem Mädchen hätte ich mich in ein Gespräch eingelassen und hätte nach dem Fräulein gefragt. Aber das Mädchen hätte mich entweder ganz falsch verstanden, oder – kurz und gut, ich wäre augenscheinlich an die falsche Türe geraten.

Als ich so weit gekommen war, unterbrach mich die Dame: „Warum schireien Sie so? Ich hörrre serrr guttt.“

„Verzeihung, Frau Baronin, ich bin das vom Exerzierplatz so gewöhnt.“

Die Dame lachte. Das machte mir neuen Mut. Und ich erzählte weiter: Während das Dienstmädchen Bier holte, hätt’ ich mich ins Haus hereingeschlichen, hätte mich bei der Kellerstiege verborgen, hätte gewartet, bis es im Hause still und dunkel wurde – und dann wär’ ich über die Treppe heraufgeschlichen und hätte an die Türe gepocht – zu meinem größten Bedauern an die falsche.

„Und wenn es nunnn die richtige Tirrre gewesen wärrre?“, fragte die Dame. „Warrren sei da vielleicht der Meinung, es wirrrde pa grrâce de Dieu gerade Irrr Firäulein kommen, kein anderer Mensch, und Innnen die Tirrre aufspirrren? Und haben Sie vielleicht eriwartet, dissses Firäulein, mit dem Sie noch nie ein Wort gespirochen haben, wirrrde Sie gleich von der Tirrre weg mitnemmmen in irrr Bett?“

Ich brauchte über dieses verwunderliche Wort keinen Schreck zu heucheln. Ganz ehrlich empfand ich ihn. Und stotterte: „Aber nein! Um Gottes willen! Nein, Frau Baronin! Einen solchen Gedanken hab’ ich wahrhaftig nicht gehabt. Ich glaubte nur … ich dachte …“ Noch mehr als die unerwartete Frage brachte mich das sonstige Verhalten der Dame aus dem Konzept. Sie hatte die letzte Papillote fortgenommen, schüttelte das stolze Haupt, und da war nun plötzlich eine dichte Lockenfülle wie ein schwarzer Heiligenschein um ihr schönes lachendes Gesicht herum. Immer lachte sie und war so schön, dass ich sie gar nimmer anzusehen wagte. Ich guckte nach allen Winkeln des Zimmers, ohne doch das Geringste in diesem Raum zu sehen; und in meinem Soldatenmantel begann mir so schauderhaft heiß zu werden, dass mir der Atem fast verging.

Die Dame schlug mich mit einer Papillote auf die Hand und sagte lachend: „Sehen Sie mirrr in die Augen, junger Mann, und spirechen sie die Warrrheit!“

Ich gehorchte und schaute der Dame in die schönen, funkelnden Augen. Aber wie sah die Wahrheit aus, die ich redete! Was ich da in meiner schwülen Beklommenheit zusammenstotterte, das wurde eine furchtbare Konfusion, der bare Blödsinn. Ich erklärte unter schweren Atemzügen: Allerdings, von einem glücklichen Zufall hätte ich mir das erhofft, dass gerade das von mir gesuchte Fräulein zur Türe kommen würde, um zu sehen, wer da so spät noch klopfe; doch jede unlautere Absicht wäre mir fern gewesen, ich hätte nur den Plan gehabt, eine höfliche Ausrede zu gebrauchen, etwa: Dass ich an die falsche Türe geraten wäre, und würde mich damit begnügt haben, dem Fräulein auf solch romantische Weise gezeigt zu haben, dass ich ihm zu Gefallen ginge.

In der Wendung, die ich da gebrauchte, muss eine mir unbewusste, komische Wirkung gelegen haben. Denn die Dame lachte, wie man bei einer wirksamen Anekdote zu lachen pflegt. Vielleicht hab’ ich auch – obwohl ich mich bemühte, reines Hochdeutsch zu sprechen – in der Aufregung ein bisschen geschwäbelt. Dadurch mag meine verzweifelte Hypothese noch drolliger geworden sein. In der Hilflosigkeit, die ich dem heiteren Lachen der Dame gegenüber empfand, brachte ich mein Märchen nur mühsam zu Ende: Dass mir die Tür geöffnet wurde; dass im Dunkel irgend jemand vor mir stand – dass ich einen leisen Schrei vernommen hätte – dass dieser Jemand erschrocken davongelaufen wäre – dass ich über die Schwelle getreten, um eine Entschuldigung vorzubringen, und dass ich plötzlich meinen Helm verloren hätte, weil ich in der Finsternis gestolpert wäre. Ich atmete auf, als dieses Letzte gesagt war.

Die Dame lachte nicht mehr. Sie beugte sich in der safrangelben Seide und mit dem zitternden Lockendunkel langsam gegen mich her. Und sah mich schweigend an. Und lächelte schön. Und dann sagte sie freundlich zu mir, fast gütig: „Sie scheinen ein serrr braver junger Mann zu sein? Aber noch serrr unerfarrren? Wie?“ Nun legte sie ihre Hand auf meinen Arm. „Ich sehe, Innnen ist serrr heiß. Wollen Sie nicht doch den Mantel hirrrunter nemmmen?“

Erschrocken sprang ich auf – (Warum erschrak ich denn nur so fürchterlich?) – und stammelte: „Nein! Ich danke! Nein! Jetzt kann ich nicht mehr bleiben. Jetzt muss ich fort. Ich muss auf die Festung hinauf. Wenn ich mich verspäte, bekomme ich morgen Kasernarrest.“

Sie erhob sich. „Nunnn … das will ich nicht verischulden, dass Sie Steraffe bekommen.“ Mit zusammengezogenen Brauen dachte sie über irgend etwas nach. Dann schmunzelte sie und sagte leise, doch sehr gütig: „Werrr aber soll Sie jetzt aus dem Haus biringen? Ihrrr Firäulein ist nicht da, Sie sehen. Und ich kann Sie doch nicht hinunterfirrren … so!“ Dabei machte sie mit der safrangelben Seide eine ganz sonderbare Bewegung. „Kommen Sie! Ich werrde Innnen den Schilüssel geben. Und morgen biringen Sie mirrr den Schilüssel wieder zurück. Sie selbst! Am Abbbend, um sieben Urrr! Dann tirinken wirrr eine Tasse Tee zusammen. Werrden Sie kommen? Jja?“

Ich verbeugte mich unter einem Wohlgefühl der Erlösung.

Die Dame mit der flackernden Kerze ging mir voran in den Flur hinaus, gab mir den Hausschlüssel und öffnete mir die Gangtüre.

Ich schlug die Sporen aneinander und verbeugte mich wieder. Und sagte flüsternd: Gute Nacht, Frau Baronin! Ich danke sehr … für alle gütige Nachsicht …“

Während ich mich zur Türe hinausschob, nickte mir die Dame lächelnd zu und strich mir in einer Art von mütterlicher Zärtlichkeit mit der Hand übers Haar. –

Herrgott, wie war mir wohl, als ich draußen stand im Schnee! Ich sauste durch die kalte Nacht davon, noch immer schwitzend in meinem Mantel. Doch als ich heimkam in mein eisiges Stübchen, war ein wunderlich verdrossenes Gefühl in mir. Warum denn nur? Mit dieser feigen Gouvernante war ich innerlich doch fertig! Ganz und gar!

Als ich im Bett lag, konnte ich nicht schlafen. Mir war so schwül, als hätt’ ich noch immer meinen Mantel an. Und immer sah ich in der Finsternis die safrangelbe Seide und diesen schwarzen Heiligenschein um das schöne Gesicht herum. Aber durch scharfes Nachdenken brachte ich bald heraus, was ich von diesem Weib zu halten hatte! Herrgott, war das eine Schlaue! So einsam in der Nacht, hatte sie einfach Angst vor mir und meinem ungeschliffenen Säbel bekommen. Und drum wollte sie mir den Mantel herunterschwatzen, um mich festzulegen für den Polizeidiener. Und weil ihr das nicht gelang, und weil sie nicht den Mut hatte, Lärm zu schlagen, gab sie mir den Hausschlüssel und nahm mir das Versprechen ab, dass ich ihn selber wieder bringen müsste. Und wenn ich den Schlüssel morgen hinauftrage, kommt die Konfrontation mit der Gouvernante. Und die Polizei ist da. Und man nimmt mich hopp wegen Hausfriedensbruch mit sonstigen Reaten. Eine schöne Tasse Tee! Serrr guttt! Mit diesen slowakischen Aristokratinnen muss man vorsichtig sein! Serrr vorisichtig!

Nachdem ich diesen Sieg als denkender Mensch erfochtne hatte, konnte ich fest und ruhig schlafen, bis mich der Wecker für die Festung aus dem Schlummer rasselte. Und mittags, als ich aus dem Dienst kam, sandte ich der schlauen Dame den Hausschlüssel unter Kuvert durch einen Dienstmann zurück.

– Ach, ich war ein großer Esel! Wär’ ich doch nur ein bisschen klüger gewesen! Damals! Ich glaube, mir wäre dann viel Hässliches erspart geblieben. Und sicher wäre mir der taumelnde Sprung aus dem Jünglingsalter in die Mannbarkeit, dieses Weheste und Süßeste des Lebens, viel schöner und ungefährlicher gekommen, als ihn mir die Wirklichkeit nur wenige Tage später bringen sollte. –

Noch in der Woche der heiligen drei Könige, eines Mittags, begegnete ich in den verschneiten Glacisanlagen dem allerliebsten Knaben wieder. Er hatte eine neue Gouvernante.

In mir erwachte das Erbarmen mit der anderen, die verschwinden hatte müssen, durch meine Schuld. Eine Art von pathologischer Revolte begann in meinem Gehirn. Ich glaubte immer an die verschwundene Gouvernante zu denken – und dachte doch immer nur an die Dame in der safrangelben Seide. Es vollzog sich an ihr ein Läuterungsprozess, wie ihn die Weltgeschichte bei der Weißwaschung des Tiberius erlebte. War meine safrangelbe Dame denn wirklich so ‚schlau’ gewesen, wie sie mir in meiner klugen Logik erschien? Die Worte die sie zu mir gesprochen, klangen in meiner Erinnerung immer gütiger und sanfter, immer wohlwollender und mütterlicher. – Mütterlich? – Ach, Unsinn! Die schöne Dame war doch sicher noch keine dreißig Jahr alt! Und überaus ehrbar musste sie sein. Sonst hätte sie der Gouvernante nicht so flink und streng den Abschied gegeben! Mich aber hatte sie geschont! Mit meinem Leichtsinn und meiner ‚unerfarrrenen’ Jugend hatte sie Nachsicht empfunden! Bei solchen Gedanken, die mich durch Tag und Nacht begleiteten, bekam die Dame für mich allmählich einen Heiligenschein, keinen schwarzen, einen Gold strahlenden! Und in meinem Herzen erblühte das große, schöne, reine Mitleid. Eine Dame, die, so jung und schön, im Leben einsam geworden, musste Schweres erlebt haben! Von ihrem Mann getrennt? Natürlich durch die Schuld des Mannes! Bei dieser Vorstellung sah ich einen Asiaten, unter dessen Bild man den Namen Tamerlan hätte schreiben können. Und man weiß doch, wie diese ungebildeten und brutalen Rohlinge das Weib misshandeln, beschimpfen und knechten! Und geduldig hatte die Dame das grauenvolle Zusammenleben ertragen, bis diese Hölle auf Erden über ihre Kräfte ging. Und da nahm sie ihr geliebtes Kind und floh. Wie viel Schreckliches muss eine Dame erfahren haben, die sich von Petersburg oder Moskau, von Czernowitz oder Lemberg bis nach Würzburg hin verzieht! Und hier lebte sie nun einsam und verlassen! Und war gütig und herzlich zu mir, obwohl ich den Frieden ihres Zufluchtsortes in abscheulichster Weise gestört hatte. Und statt ihr als getreuer und verlässlicher Freund meine Dienste anzubieten, hatt’ ich ihr den Hausschlüssel durch einen Dienstmann zurückgesandt. Die Reue über diese Niedertracht bedrückte mich, dass ich ruhelose Nächte davon hatte.

Mein Mitleid war verzückte Liebe geworden, bevor ich es merkte. Und war kein reines Mitleid mehr! Ach, meine schöne, schöne Dame! Und diese süßen nackten Füßchen in den grünen Pantöffelchen! Und unter der safrangelben Seide hatte sie nur was Feines und Weißes getragen – sonst nichts – sie war doch, als mein Helm gepumpert hatte, in dem rot beleuchteten Zimmer aus dem Bett gesprungen, wie sie lag und schlief, und war nur schnell in diesen gelben Safran hineingeschlüpft. Und so stand sie vor mir! Immer wieder sah ich die seltsame Bewegung, die sie mit der zarten Seide bei den Worten machte: „Ich kann Sie doch nicht hinunterfirrren … so!“ Und dieser Duft, der von ihr ausgegangen! Nach acht Tagen war dieser Duft noch immer an meinem Soldatenmantel zu spüren, ganz fein und leise, süß und zart!

Rote Nebel woben sich mir um Gehirn und Blut. Bei allem Glauben an die unzweifelbare Tugend meiner schönen Dame wurden in schwülen Nächten die Flüge meiner Phantasie verwegen und unbescheiden. Trüb verschwommene, gaukelnde Seligkeiten genoss ich und litt dabei doch schauerliche Qualen. Und das lang behütete Gut meiner gesunden Jugend wurde eine reife Frucht – zum Fallen reif. Und fiel auf keine schöne Wiese.

Während der zweiten Faschingswoche besuchte ich mit meinen Eltern einen Ball, bei dem sich alle vornehme Welt von Würzburg versammelte: Universitätsprofessoren und Korpsstudenten, Offiziere, Staatsbeamte und reiche Kaufleute. Auch meine schöne Dame war gekommen, anzuschauen wie eine Göttin. Sie verursachte großes Aufsehen. Viele Frauen wurden grün und gelb vor Neid. Und ich konnte hören, wie sie klatschten: Diese ‚Person’ gehöre nicht hierher; es wäre eine Impertinenz, sie eingeführt zu haben; und sie hätte sich schamlos dekolletiert; und ihr Schmuck wäre falsch. Ich hätte die Weiber, die so redeten, erwürgen können. Ein verzehrendes Feuer brannte in mir. Und immer wollt’ ich mich meiner schönen Dame bemerkbar machen. Sie sah mich auch, sie muss mich gesehen haben! Doch sie erkannte mich nimmer, oder wollte mich nimmer kennen, sah über mich weg, als wär’ ich Luft. Eine rasende Verzweiflung befiel mich – aber auch die Erkenntnis, dass ich dieses Fürchterliche selbst verschuldet hatte. Einer solchen Frau den Hausschlüssel durch einen Dienstmann zurückzuschicken, das war doch eine unerhörte Gemeinheit! Ach, wie gerne hätt’ ich um Verzeihung gebeten. Doch es war nicht in ihre Nähe zu kommen. Ein Schwarm von jungen Herren und Offizieren war immer um sie her, wie Wespen um diene duftende Aprikose. Und einer dieser Offiziere sah mich an und sagte: „Einjähriger! Benehmen Sie sich etwas unauffälliger!“ Na also, jetzt kam meiner seelischen Verzweiflung auch noch die militärische Disziplin in die Quere! Ich wollte mich beruhigen, mich weltmännisch betäuben – und trank in meinem Leben die erste Flasche Champagner. Nein, ich war nicht betrunken, ganz gewiss nicht; aber der Schaumwein wirbelte mir doch wie ein Schwarm gefangener Käfer im Gehirn. Meine Mutter gab mir unauffällige Winke und sah mich in wachsender Sorge an. Und schließlich fasste mich Papa am Handgelenk und sagte streng: „Jetzt gehst du augenblicklich nach Hause! Ich will das nicht erleben, dass mein Sohn sich bei einem öffentlichen Fest ungebührlich benimmt!“

Ohne Widerspruch gehorchte ich – und ging – im Herzen die Verzweiflung, in meinem Blut das gepeitschte Verlangen und den halben Rausch.

Es war gewiss das Richtige, was der Vater tat. Und dennoch wär’ es besser für mich gewesen, wenn er mich vom Ball nicht fortgeschickt hätte. Denn ich lief in dieser Nacht einer üblen Stunde in die Arme.

Reinheit! Du schöne, weiße, heilige Blume des jungen Lebens! Du Köstlichkeit ohnegleichen! Kein Tier verwüstet und vergeudet dich so blind und sinnlos wie der Mensch, von dem sie behaupten, dass er Geist und eine unsterbliche Seele hätte!

Als mich vor dem Morgengrau der Wecker für die Festung aufrüttelte aus bleiernem Schlaf, kam mir die Besinnung. Ein namenloser Schreck befiel mich, eine brennende Reue, die Angst vor dem Blick der Mutter und die Scham vor meinen eigenen Augen.

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