Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 7

In Regensburg erwartete mich ein neues Quartier. Herr Sonntag, mein ‚Haus-Alter’, war Zeichenlehrer in der Gewerbeschule und im Englischen Institut; seine Frau war eine junge, heitere Dame. Ich fühlte mich gleich in der ersten Stunde wohl. Mein Stübchen war zum Fressen nett; Sofa und Tisch an der Wand, und das Bett in einer alkovenartigen Vertiefung mit schiefem Plafond; die geblümelte Mauer bedeckt mit Skizzen und Studien meines Hausherrn, der einmal ein Künstler hatte werden wollen. Unglaublich huschelig und heimlich war diese Stube – nur ein bisschen duster. Das einzige Fenster, das sie hatte, lag tief in einem Mauerschacht. Doch wer durch dieses weiße Gängelchen zum Fenster hintrat, sagte immer: „Aaaah!“ Vor dem Fensterbrett, auf dem man sitzen konnte, lag das schiefe Dach. Und Dächer, Dächer und Dächer rings umher, stiele und flache, spitz gegiebelte und gebuckelte; und überall sah man in tiefe Gassen hinunter, auf deren Pflaster die fingerlangen Menschen zappelten; und über die Dächer herüber grüßte der Dom mit den gewaltigen Silbertürmen, eine schöne Ferne mit sanft geschwungenen Wäldern und ein weiter, leuchtender Himmel.

Gleich in der ersten Nacht noch saß ich stundenlang da draußen auf dem Dach, guckte zu den hundert Laternenlichtern hinunter und hinauf zu den blitzenden Sternen. Hier so zu liegen auf meinem schrägen Ziegelsofa, die gespreizten Füße gegen ein paar verlässliche Kanten gestemmt, die Hände unter dem Nacken verschlungen – das nannte ich: Astronomische Studien treiben. Hatte man Schuhe an den Füßen, so war die Passage ein bisschen glitschig; aber in den Strümpfen, wenn sie mit Wachs bestrichen wurden, konnte man völlig sicher über den schiefen Ziegelboden auf und nieder krabbeln.

Schon in der ersten Woche begann der übliche Studentenrummel: Forsch ist der Borsch! Wir bekamen vom Rektorat die Erlaubnis zu einer Kneipe in jeder Woche und gründeten die Absolvia, für die wir in der Deschermeierschen Brauerei eine gemütliche Bude fanden. Ich half die Kneipzeitung redigieren. Ach, was mag ich da wohl alles verbrochen haben? Ich erinnere mich an Verse, die der Jobsiade nachgebildet waren oder sich an ‚Saumüllers’ Derbheiten anlehnten. Ein zu sittlicher Entrüstung Geneigter hätte, wenn ihm diese sekrete Kneipzeitung in die Hände geraten wäre, die Kommilitonen der Regensburger Absolvia von 1873 für schreckliche Wüstlinge halten können. Aber schließlich war das alles nur Renommage und jugendliche Kraftmeierei; im Kern unseres Wesens waren wir ganz anständige und gesunde Jungen. Wir schwärmten für Schiller, redeten die Sprache der Räuber und hielten jedes saftige Wort für einen Genieblitz. Alle Jugend, auch wenn sie lästert und über die Stränge schlägt, ist reinlicher, als sie dem vergesslichen und misstrauischen Alter zuweilen erscheinen mag. Freilich, die Regel hat auch Ausnahmen. Aber die Ausnahmen sind nicht maßgebend für die Beurteilung der Lebenswerte. Im Wald stehen viele Bäume, die krank und verkrüppelt sind. Und dennoch ist der Wald gesund und schön und ewig frisch in seiner aufrechten Kraft.

Die Schule? Trüb verschleierte Dinge steigen aus meiner Erinnerung herauf. Fremde Worte gaukeln mir noch wie große, unheimliche Spinnen durchs Gedächtnis: Stereometrie und Stöchiometrie, niedere Analysis und sphärische Trigonometrie. Im Lateinischen lasen wir den Catilina des Sallust, der mich aufregte, und die Germania des Tacitus, die mich einschläferte. Ein Entzücken wurde mir im Französischen die Lektüre von Molières Les fremmes savantes. In der deutschen Stunde kam eine mir schon vertraute Sache: Goethes Iphigenie – und der Professor wunderte sich sehr darüber, dass ich plötzlich kichern musste, als die Stelle kam: „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus!“ Er warf mir Respektlosigkeit gegen den Olympier Goethe vor.

Dieser Professor, Karl Zettel, war nämlich selbst ein ‚Auserkorener’, hatte langes Haar und machte schöne Gedichte. Ich habe diesen tüchtigen Mann sehr verehrt, nicht weil er dichtete, sondern weil er ein guter, liebenswürdiger Mensch war. Und geradezu zärtlich liebte ich den Rektor Matthäus Dietrich, den zierlichen Mathematiker mit dem gläubigen Jünglingsherzen und dem rötlichen Logebart. Wegen der geringsten Sache stellte er eine halsnotpeinliche Untersuchung an, die immer mit Versöhnung endete. Er pflegte zu sagen: „Sie sind ein ungemein begabter Schüler, da hab’ ich die Verpflichtung, doppelt streng zu sein, aber auch doppelt nachsichtig.“

Wir waren in den drei Bänken der Oberklasse nur unser neun oder zehn. Aber zu unserem forschen Kreis gesellten sich noch ein paar ‚Konkneipanten’ der dritten Klasse und Zuzügler des humanistischen Gymnasiums. Da saßen wir in unserer Absolviabude immer im Doppeldutzend warm und eng beisammen. Die Frohen, Getreuen und Übermütigen von damals? Wo sind sie nun alle? Ich könnte ein ganzes Buch erzählen von den lustigen Streichen jener Zeit. Die Stadt Regensburg muss damals große Ersparnisse gemacht haben – so viele Laternen drehten wir ab in jeder Nacht. Ein wunderlicher Kontrast: Jugend, die für alles Strahlende und Licht schwärmt und dennoch immer dafür sorgen muss, dass es finster wird!

Über dem Tor des Institutes der Englischen Fräulein nahmen wir bei solcher Finsternis die große Tafel herunter und hängten an ihre Stelle das Firmenschild einer approbierten Hebamme. Vor einem Palais, in dem ein General wohnte, trugen wir das Schilderhaus davon. Ein Polizist begegnete uns. „Obacht“, zeterten wir, „da kommt ein Cholerakranker!“ Und der Mann der öffentlichen Sicherheit nahm Reißaus.

In der sommerlichen Badezeit war’s unser seligstes Vergnügen: Von der Militärschwimmschule den langen Damm hinaufzulaufen, über die Fischerleiter empor zu klettern zum Mittelbogen der alten, steinernen Brücke und von der Brüstung den ‚Leandersprung’ hinunter zu machen in die schießende Donau. Das wurde uns verboten, als ein klerikales Blättchen in sittlicher Entrüstung kreischte: „Leben wir denn im Land der Hottentotten?“

Und auf dem Weg, der vom Domplatz hinunterführte zur Absolviabude, stand ein großes grünes Haus, in dem eine Apotheke war. Nacht um Nacht, sooft wir Kneipe hatten, musste der gute Apotheker aus dem warmen Bett heraus, um für fünf Kreuzer Brausepulver zu verkaufen. In solch einer Nacht, in der wir besonders heiter waren, schleppten wir, während einer von uns in der Apotheke drin das Brausepulver zu sich nahm, die zwei großen, schweren, eichenen Torflügel davon und trugen sie im Laufschritt bis zur Donau hinunter. Der Apotheker musste den Hausflur mit Kisten und Fässern verbarrikadieren.

Ach, dieses grüne Haus! Mit welcher Sehnsucht lernte ich nach seinen blinkenden Fenstern spähen!

Was da kommen sollte, war vorbereitet in mir durch ein zielloses Dürsten, das mich ruhelos in Blut und Seele erfüllte. Da war oft plötzlich meine ganze sorglose Heiterkeit zum Teufel, und in den Nächten konnt’ ich nimmer schlafen. Hatte ich freien Nachmittag, so überkam es mich oft, dass ich zwischen Mauern nicht mehr bleiben konnte. Ich musste aus der Stadt hinaus, musste ziellos über die Brachfelder oder durch den gelben Herbstwald rennen, oder sonst etwas ganz Verrücktes treiben. Kam ich dann am Abend in die Kneipe, dann war ich so verloren, dass die Kameraden sagten: „Die Schraube ist wieder los!“ Und plötzlich war dieses Quälende wieder weg, und ich konnte lachen und singen, schreien, randalieren und übermütig sein wie die anderen.

Und eines Tages trat es schön, geheimnisvoll und zärtlich in mein junges Leben herein, dieses wissend und unwissend Erwartete – und wurde tiefer, ruhiger Schlummer für mein Blut und reines klingendes Leben für mein Herz und meine Seele.

Im November, eines Nachmittags, an dem jenes Quälende wieder in mir rumorte, wollt’ ich aus der Stadt hinaus und zur Donau hinunter. Ich komme an dem grünen Haus vorüber, an dem ich bisher nichts anderes gesehen hatte als den Apotheker, der sich geduldig ein bisschen hänseln ließ. An diesem grünen Haus komm’ ich vorbei – und denke und ahne nichts – und da hör’ ich plötzlich ein zartes, rufendes Stimmchen – –

Was ist Stimme? Alle Menschen glauben das zu wissen, die Klugen wie die Törichten. Man hat einen Kehlkopf, und da presst man Luft hindurch, zwei fein gemuskelte Bänderchen schwingen, diese Schwingungen erzeugen Töne, und was man da zu hören bekommt heißt Stimme? – Nein! Das ist nicht Stimme. Das ist Geräusch. Denn Stimme, das ist ein anderes. Du bist ein einsamer Mensch, heiter und dennoch unfroh, fröhlich und dennoch glücklos. So gehst du deines Weges. Und plötzlich, ohne dass du es fühlst, berührt dich der Atemzug eines neuen Werdens. Ohne dass du es weißt, ist alles in dir ein anderes geworden, ein Harrendes, ein Empfängliches. Und da hörst du einen rufenden Klang, den du noch nie vernommen, niemals noch in deinem Leben! Der ist dir fremd. Und ist dir dennoch vertrauter als die Stimme deiner Mutter, als ein Ruf deines Vaters. Und dieser Klang, den du vernommen, redet zu einem anderen – und sagt Adieu, oder guten Abend, oder sonst ein werkeltägliches Wort – und dennoch redet er zu dir, zu keinem anderen Menschen sonst, zu dir allein und sagt dir … ich weiß nicht, was … ein unenträtselbares, ewiges Geheimnis. Da zittert dein junges Herz, deine Augen weiten sich, ein Staunen und Lauschen ist in dir, ein leises Tönen und Rauschen, mit dem deine Seele Antwort gibt. Du bist ein Glücklicher geworden. Und das ahnst du nicht; das wirst du erst erkennen müssen in den wunderlichen Sehnsuchtsträumen schlummerloser Nächte, in Freuden, die du fühlst, als wären sie Schmerzen! – Das ist Stimme!

Und solche Stimme vernahm ich.

Hätte ein anderer mit angesehen, was ich erlebte, er würde vielleicht erzählen: „Es war ein kühler, nebliger Novembertag. Ein langer, blonder Jüngling kam die Straße her und ging an einem grünen Haus vorüber. Im gleichen Augenblick traten aus dem Haustor zwei junge Mädchen heraus, eines, das sich verabschiedete, und eine zarte, kaum sechzehnjährige Kleine in schottisch gewürfeltem Kleidchen, die der Freundin ein paar heitere Worte nachrief. Der junge blonde Mensch bleib wie versteinert stehen und machte eine Bewegung, als müsste er grüßen und wüsste nicht, wen. Die zarte Kleine bemerkte das und guckte seltsam verwundert drein. Leichte Röte flog ihr über die Wangen; dann huschte sie flink ins Haus hinein. Der lange Blonde stand noch ein Weilchen wie angewurzelt und ging dann wie ein Nachtwandler davon.“

Zu diesem anderen, der so erzählen wollte, würd’ ich sagen: „Du Blinder! Hast du denn nicht gesehen, dass hier ein Wunder geschah? Eins von den Wundern des ewigen Lebens? Und willst du begreifen, wie solch ein Wunder sich ereignet: Dass zwei fremde Menschenkinder, die sich nie gesehen, eins werden beim ersten Blick, beim ersten Laut – dann frage die Natur! Die hat sich das vor hundert Millionen Jahren so ausgedacht.“

Was an jenem Nachmittag noch mit mir geschah? Ich weiß es nimmer. Doch in der Nacht, als ich schlaflos und seltsam unruhig war, da kam mir plötzlich jene Gabe meiner Kindheit wieder: Dieses farbige Bildersehen in der Finsternis. Erst war’s wie eine trübe, violette Sonne, sie verwandelte sich in farbige Ringe, die gegeneinander liefen; und innerhalb dieser kreisenden Ringe erschien mir ein knospenhaftes, von braunen Löckchen umringeltes Gesichtchen, aus dem mich unter dunklen Wimpern zwei große blaue Augen verwundert betrachteten. Ein paar Sekunden schwebte dieses liebe Gesichtchen wie ein Wirkliches in der Luft; dann begann es sich zu verändern, wurde von den kreisenden Farbenringen verzehrt und war verschwunden.

So kam es wieder in jeder, jeder und jeder Nacht.

Acht Tage später sagten meine Kameraden, ich wäre ‚verliebt bis über die Ohren’. Verliebt! Ich brüllte grade hinaus vor Hohn. Die Narren! Und immer schwatzten sie von ihr. Dem einen gefiel sie, dem anderen nicht. Und jene Tempelschänder hätt’ ich erdrosseln können, der zu mir sagte: Sie wäre mager und hätte eine viel zu große Nase! Doch einem wär’ ich gern um den Hals gefallen, weil er wusste, dass sie Luise hieß.

Durch viele Wochen arbeitete ich nimmer an der Kneipzeitung mit. Jetzt hatt’ ich für mein Herz zu reimen. Ich musste zärtliche Liederchen machen, eines an jedem Morgen und eines in jeder Nacht. Zwei, drei Tage lang gefielen sie mir. Dann fand ich sie unreif, holprig, unmöglich. Und solche Selbstkritik empfand ich immer, als würde mir ein Messer in der Magengrube umgedreht.

Ich wühlte mich in die Goethe’sche Lyrik hinein, verschlang von Heine, Platen, Lenau, Hölderlin, Rückert und Geibel ein Bändchen ums andere, machte Gaselen wie Mirza Schaffy und rückte mit dem französischen Lexikon dem Zauber Alfred de Mussets zu Leibe. Und damals schrieb mein Haus-Alter an meinen Vater: Ich wäre so fleißig, dass an jedem Morgen meine Lampe frisch gefüllt werden müsste.

Die schulfreien Nachmittage gehörten der Fensterpromenade großen Stils. Man wandert fünf Stunden lang um ein Häusergeviert herum – das heißt, auf drei Seiten dieses Quadrates musst du rennen, dass du außer Atem kommst, doch auf der vierten Seite, die am grünen Haus vorüberzeiht, da schreitest du langsam und bedächtig hin, die Nase immer grade voraus im glühenden Gesicht, nur mit den Augen darfst du schielen und suchen, und wenn du an einem Fenster das liebe Bild erblickst, dann darfst du trunken zittern an Leib und Seele.

Dem grünen Haus gegenüber war eine Kirchenmauer, mit einer Laterne dran; die warf, sobald sie angezündet wurde, über die Mauer einen breiten Schatten herunter. In diesem Schatten stand ich Abend um Abend. Und wenn da droben am rötlichen Fenster eine zarte Silhouette erschien, dann trat ich zwei Schritte aus dem Schatten heraus; und wenn die Silhouette verschwand, dann tauchte ich wieder schwarz hinein in meinen Laternenschatten.

Das alles war so schön und froh, so süß und weh, so rein und heilig, wie der blühende Frühling ist. Es war ein Licht ohne Dunkel, ein Rausch des Herzens, den kein nüchterner Gedanke störte. Ich liebte, und ich wurde geliebt. Du selige Zeit! Dieses schüchterne, hoffende Sichsuchen, dies errötende Sichfinden, das scheu gewagte erste Wort, das bange Stammeln und Verstummen, das atemlose Lauschen und das zärtliche Spiel der mutigeren Augen! – Leben? Hast du an die Menschen viel zu verschenken, was schöner und köstlicher ist? Schöner, als dieses leise Weben der Natur an ihrem ewigen Werk?

Und eines Abends – in Dämmerung und Schneegestöber gingen wir Schulter an Schulter durch die Gassen, unter dem Schirm, mit dem ich mein liebes Mädchen vor Wind und Flocken zu behüten suchte – an diesem Abend küssten wir uns zum ersten Mal. Und die Tage, die dann kamen? Sie waren keusche Seligkeit und wunschloses Glück! Der lange Winter wurde uns zu einem einzigen Sonnentag der Freude.

Aber die Noten, die ich an Ostern aus der Schule heimbrachte nach Welden, waren schrecklich anzusehen. Papa sagte: „Du! Um Forstmann zu werden, braucht man einen Zweier im Absolutorium. Forstmann willst du ja nicht werden, sondern Techniker. Aber jedem Berufskollegen kann ich das nicht unter die Nase schreien. Und wenn du im Sommer einen Dreier heimbringst, werden sie alle sagen, dass mein Kamel von Sohn nicht Forstmann werden konnte, weil er keinen Zweier bekam. Wenn du mir das antust, dann – –“

Papa sprach nicht weiter.

Ich saß an diesem ersten Abend zu Welden sehr zerknirscht in meiner Mansardenstube, holte die Germania des Tacitus aus dem Koffer – und dichtete bis zum Morgen drei ellenlange Lieder meiner Sehnsucht. Durch vierzehn Tage wurde mir das liebe Welden eine fürchterliche Gegend.

Wie pochte mir das Herz, als ich endlich, endlich wieder die zwei Silbertürme des Regensburger Domes herauftauchen sah über die grünen Donauhügel! Und das Wiedersehen! Zuweilen sind Glück und Wahnsinn zwei Dinge, die man schwer voneinander unterscheiden kann.

Der Sommer wurde uns beiden ein lieber Freund, ein hilfreicher Elefant. War mein Mädchen zu einer Landpartie geladen, so erfuhr ich immer das Ziel dieser Fahrten. Und draußen im blumigen Gras, zwischen den wogenden Ährenfeldern oder im Rauschen des sommerlichen Waldes – wir beide ganz allein – wie schön ist das gewesen! Da gingen wir Arm in Arm und plauderten. Oder ich brachte ein Buch und las. Oder stammelte mit zerdrückter Stimme eines meiner eigenen Liedchen.

In solch einer grünen Stunde sprach ich einmal aufgeregt und lange von den kunterbunten Dingen, die ich aus den hundert in heißer Gier verschlungenen Büchern heraus gebissen hatte – sprach von Goethe und Shakespeare, von Dante und Fraas, von Spinoza und Feuerbach – und da rühmte mein Mädchen mit glücklichem Staunen mein ‚reiches Wissen’ und meinte, dass wohl keiner meiner Kameraden so ‚klug und fleißig’ wäre wie ihr ‚gelehrter Herr und Trauter’.

Mir ging dieses gläubig vertrauende Wort wie ein Stich ins Herz. Noch am gleichen Abend nahm ich mit heißem Eifer die vernachlässigte Arbeit für die Schule wieder auf. Mit einer Anstrengung, die meine Gesundheit fast zerrieb, suchte ich in sechs Wochen nachzuholen, was ich in sechs Monaten versäumt hatte. Weil’s in meiner Dachstube nach heißen Tagen so fürchterlich schwül war, konstruierte ich mir auf dem schiefen Dach draußen eine Art von ‚hängendem Gärtchen der Semiramis’, mit kleiner Bank und winzigem Tisch, und hier saß ich nun die halben Nächte neben der flackernden Lampe, umschwirrt von Nachtschmetterlingen und memorierte physikalische Gesetze, chemische Formeln, Botanik und Zoologie, goniometrische Reihen, rationale Bruchfunktionen, verlogene Religionsgeschichte und das langweilige Latein des Tacitus. Manchmal, zu meiner Erholung, blies ich auf der Flöte ein sehnsüchtiges Adagio in die Nacht hinaus.

Während dieser Wochen sah ich mein Mädchen selten. Doch für alle Entbehrung, die ich mir gewaltsam auferlegte, fühlte ich mich reich belohnt, wenn Luischen zärtlich meine überwachten Augen küsste. An einem Sonntag, als das Semester schon bald zu Ende ging, machte Luise mit der Familie einer Freundin eine Waldpartie. Ich fuhr eine Stunde später zum gleichen Ziel. Am Waldsaum trafen wir uns. Und während wir in unserem Sonnenglück lachten und plauderten, pflückte mein Mädchen die lang gestengelten Blumen des Waldsaumes. Sie trug ein helles, duftiges Kleidchen, das sich zart wie ein Schleier um ihre feinen schlanken Formen schmiegte und unter dünnem Flor das warme Weiß der Schultern schimmern ließ. In dem von Glanz und Schatten durchwobenen Wald breitete ich meinen schottischen Schal über das Moos, und nun lagen wir da, von Sonnenlichtern überzittert, ums Haar die feinen Blumenkränze gewunden, die mein Mädchen geflochten hatte. Drei Stunden im Paradies! Irdisches Leben, das ein leuchtender Himmel geworden! Jubelnde Herzen und schlummerndes Blut; träumende, zärtliche Freude, die rein wie eine Quelle am Morgen war; lachendes Glück, das keinen Wunsch besaß und Dankbarkeit für den Reichtum der Stunde fühlte.

Die Sonne ging hinunter. Wir mussten scheiden. Und da wurde ich plötzlich schweigsam und wunderlich traurig. War unbewusst die Sorge in mir, dass die süße Trunkenheit meiner Jugend nicht das Glück meines Lebens werden könnte? War unverstanden in mir das Vorgefühl: Dass ich niemals wieder im Leben solch eine Stunde des reinsten Glückes und der lautersten Freude finden würde?

Nun kamen die Tage des Examens. Ich sprang mit zähem Ehrgeiz in den dunklen Strudel des Schriftlichen hinein. Es riss mich nach oben.

Am Abend vor dem Beginn des Mündlichen war der Absolviakommers der Humanistischen. Meine Klasse delegierte mich zu dieser, für das mündliche Examen höchst gefährlichen Feierlichkeit. Bis um fünf Uhr morgens wurde kommersiert. Ich war nicht bekneipt; aber die Dinge des Lebens drehten sich doch ein bisschen verdächtig vor meinen Augen. Jetzt musste eine von meinen Rosskuren helfen. Ich ging zur Donau, riss unbekümmert um Häuser und Leute die Kleider herunter und machte so lange einen Kopfsprung um den anderen in das kühle, tiefe Wasser, bis meine Augen die Bäume wieder fest im Boden und die Häuser wieder lotrecht sahen. Ein Polizist erschien und brüllte: „Sie, haben Sie den Verstand verloren?“

„Nein! Ich brauch’ ihn sogar sehr nötig! Heut muss ich Absolutorium machen.“

Um sieben Uhr morgens stieg ich, noch mit nassen Haaren, ins mündliche Examen. Alles ging glatt. Nur dem Religionslehrer, der etwas vom heiligen Augustin wissen wollte, erzählte ich hartnäckig eine lange Geschichte vom heiligen Nepomuk.

Trotz meiner schlechten Semesternote, die hart an den Vierer streifte, erkämpfte ich mir den Zweier, der meinen Vater glücklich machte.

Beim Absolviakommers auf der Insel Wörth musst’ ich eine Rede halten. Ich hatte sie aufgesetzt und gründlich memoriert. Eine richtige Schulrede war’s. Doch während ich sprach, fiel mir etwas anders ins Herz – der Gedanke: Wir gehörten zueinander und liebten uns; nun spült uns die Woge des Lebens nach allen Richtungen in die Welt hinaus, den einen zu dunklen Wegen, den anderen zu hellen Straßen. Wie ich aus dem Stegreif diesen Gedanken formte, das weiß ich nimmer. Ich weiß nur noch, dass die Erregung mir die Stimme halb erwürgte, und dass im Saal eine lautlose Stille war. Dann ein Jubel, der mich Erwachenden fast erschreckte. Als das Silber beschlagene Horn die Runde machte, sagte der Physikprofessor: „Aus einem Horn zu trinken ist sehr schwer. Man muss da physikalische Gesetze beobachten und dem gewundenen Horn die richtige Torsion zu geben wissen.“ Sprach’s, und trank – und begoss sich von oben bis unten.

Mein Luischen war über mein gutes Absolutorium nicht ein bisschen verwundert; sie hatte das für selbstverständlich gehalten, dass es so kommen würde. Und unser ferneres Leben lag nun sonnig, eben und klar vor uns. Erst wollte ich mein praktisches Jahr in einer Maschinenfabrik erledigen, als Einjähriger dienen, vier Jahre Polytechnikum absolvieren und gleich eine Eisenbahnbrücke bauen, die das Staunen der Welt werden sollte! Und in zehn Jahren konnten wir sicher schon heiraten! – Zehn Jahre! Zehn Jahre! – Die Augen wurden feucht. Und dann lachten wir wieder. Was sind zehn Jährchen, oder neun, oder acht, für ein Menschenpaar, das sich lieb hat und fürs Leben zusammengehört? Ein Hauch! Ein Nichts!

Unser Glück erschien uns als ein fester Bau; so nahmen wir die Trennung nicht allzu schwer und konnten in der Scheidestunde ganz unserer Liebe und der süßesten Zärtlichkeit gehören.

Ein Gartenfest mit tausend Menschen. Mein Luischen da drüben am Tisch – und ich da herüben an der langen Tafel, zwischen den Rotkappen der Absolvia. Doch der liebe Herr Petrus hatte ein Einsehen. Mit einem festen Gewitterregen löschte er die bunten Lampions und trieb die tausendköpfige Gesellschaft in die trockenen Säle. Als das Unwetter sich vertobt hatte, fanden wir beide uns im leeren, finsteren und verwüsteten Garten für eine verstohlene Minute zusammen. Unter dem Laubdach einer Kastanie hielt ich mein zitterndes Glück umschlungen.

Schwere Tropfen klatschten von den Ästen herunter, der nasse Kiesgrund und die menschenleeren Tische schimmerten im Widerschein der hellen Saalfenster, Glühwürmchen gaukelten um die Büsche, und manchmal zuckte durch die duftenden Lüfte ein mattes Wetterleuchten, dem in weiter Ferne ein schwacher Donner folgte.

In der Nacht, als die Wolken sich verzogen hatten und die Sterne wieder glänzten, saß ich noch ein letztes Mal ‚auf meines Daches Zinnen’ in meinem ‚hängenden Gärtchen der Semiramis’.

Am Morgen die Reise.

Und daheim in Welden, als ich mit meinem papierenen ‚Zweier’ herausrückte, sagte der Vater lachend zur Mutter: „Lotte, heute darfst du ein Kalb schlachten!“ Das war nur bildlich und biblisch gemeint. Denn wir hatten gar kein Kalb, aber ein paar kleine, dicke Schweinchen. Eins von ihnen musste dran glauben!

Zur Belohnung meines Fleißes durfte ich mich in den nächsten Wochen weidmännisch in den Wäldern des Holzwinkels austoben. Ich brachte bei dieser seligen Waldrennerei sehr selten einen Rehbock, sehr häufig ein lyrisches Gedicht zur Strecke. In meiner glücklichen Traumverlorenheit passierte mir in einer Vollmondnacht eine merkwürdige Sache. Ich sah auf mondheller Lichtung plötzlich einen Wilddieb stehen, mit dem Gewehr im Anschlag gegen mich. Mein erster Gedanke: „So jetzt bist du hin!“ Und mein zweiter: „Wehr dich!“ Und da kracht auch meine Büchse schon. Ich glaube zu sehen, wie es den Wilddieb im Rauch über den Haufen wirft – springe in einen Graben hinunter und rase heim. Den Schreck, den mein Vater hatte, könnt ich euch denken! Doch als wir in den Wald hinauskamen, um den Schwerverwundeten Heim zu schaffen, stand der Wilddieb ganz gesund auf der Lichtung und zielte wieder: Ein alter, mannshoher Baumstrunk mit ausgestrecktem Ast. Nun gab’s ein Gelächter. Und Papa sagte: „Na, wenigstens hast du nicht schlecht geschossen!“ Meine Kugel war mitten durch das faule Holz gegangen.

Dann kamen bange Tage in unser Haus. Papa, obwohl er sich äußerlich ruhig zeigte, war immer schwer erregt, und Mama, wenn sie sich unbeachtet glaubte, hatte mühsamen Atem und nasse Augen, weil – ja, weil über meinen Vater eine Disziplinaruntersuchung verhängt war, und weil er seine Entlassung aus dem Forstdienst besorgen musste. Er hatte etwas sehr Unverzeihliches getan: Hatte öffentlich eine notwendige Wahrheit ausgesprochen, hatte Kritik an mancherlei Übelständen seines Berufes geübt und Vorschläge zu einer neuen Organisation des bayerischen Forstwesens gemacht. Die Broschüre, die er unter dem Pseudonym ‚Silvius’ in Augsburg erscheinen ließ, verursachte hellen Aufruhr in allen Kreisen der Forstleute. Das Pseudonym blieb nicht lange gewahrt. Und da sagte man bei der Kreisforstbehörde: Mein Vater hätte dienstwidrig gehandelt, er hätte nicht öffentliches Aufsehen erregen, sondern mit seinen Vorschlägen den üblichen Amtsweg betreten sollen. Aber Papa meinte: „Da hätte man meine Vorschläge ad acta gelegt. Jetzt werden sie diskutiert. Und wenn ich jetzt den Dienst quittieren muss, so kann ich mit dem Bewusstsein gehen, dass ich einer guten und nützlichen Sache freien Weg gemacht habe.“

Während dieser aufregungsvollen Tage im Elternhaus fiel etwas Drückendes auch auf mein heimliches Liebesglück. Seit einer Woche hatte ich keinen Brief mehr aus Regensburg erhalten. Und eines Abends saß ich im grünen Gartenhaus, dessen Weinlaub schon zu welken begann, und suchte ein paar tröstende Reime für meines Herzens Ungeduld. Da setzte sich die Mutter zu mir, schob mir zwei von ihr geöffnete Briefe hin und sah mich schweigend an. Ich wurde rot, dass mir die Ohren brannten. Und nach einer Weile sagte Mama: „No? Ist dir denn ’s Zäpfle nuntergfalle? Red’! Was machst du denn mit dem geduldige, gutgläubige Mädle da?“

„Wir haben uns lieb.“

„Sooo? Und du meinst wohl, mit dem Liebhaben ischt alles schon fertig? Denkst nit auch ein bissele weiter? Haben tust nix, als Papas ehrlichen Namen. Und heirate wirst einmal könne, wenn der heilige Joseph wieder en braune Bart kriegt!“

Ich sagte trotzig: „Du warst doch auch sieben Jahr lang verlobt!“

„Freilich, ja! Aber ich und dein Vater, weißt, wir zwei sind aus einem dauerhafteren Jahrgang gewese. Dich kenn ich! Du? Und acht oder zehn Jahr lang aufs Äpfelkörble warte? Ach, du lieber Himmel! Und derweil soll das arme Mädle ihr ganze Jugendzeit versitze? Und gallig und runzlig werde?“

In Zorn und Kummer wollt’ ich aufbrausen. Aber Mama legte den Arm um meine Schultern und sprach zu mir, in herzlicher Ruhe – und sprach immerzu, so lange, bis es im Gartenhäuschen stockfinster wurde. In ihrer warmen, natürlichen Art erörterte sie sehr ernste Dinge des Lebens und erzählte mir viel von schweren und quälenden Bitterkeiten ihrer eigenen, langen Verlobungszeit – von Dingen, die mit dem Herzen nicht viel zu schaffen haben und doch vom Leben untrennbar sind. Dann nahm sie mich fest und zärtlich beim blonden Schüppel, rüttelte mich ein bisschen hin und her – sagte: „So!“ – und ließ mich in der Finsternis allein.

Ich war der Mutter ein paar Tage gram. Erst später begann ich ein bisschen zu verstehen, dass sie es nicht nur gut mit mir meinte, noch besser mit dem Luischen, und dass sie mir in jener sinkenden Nachtstunde etwas Helles fürs Leben ins Herz geredet hatte. Dieses Reine und Natürliche, wie es die Mutter sah und fürs Leben notwendig hielt, begriff ich in meiner ersten Bestürzung nicht. Aber jene Stunde hat doch in meinem Leben nachgewirkt. Die Mutter sagte mir damals: Herz und Blut, die eine allzu lange und widernatürliche Trennung nicht vertragen, müssen immer friedlich beisammen bleiben, wenn Liebe eine rechte und gesunde Sache werden soll; das Herz für sich allein macht Torheiten, die schön beginnen und mit quälenden Bitterkeiten enden; das Blut, ohne Führung und Zügel des Herzens, treibt Dinge, die abscheulich sind; Liebe, die das Wertvollste und der Kern des Lebens ist, kann auch das Dümmste und Hässlichste aller Dinge werden; bei der Liebe muss Treue sein; aber was richtig blühen soll, will nicht nur reine Sonne haben, auch Erde und Tau; das Blut ist ein menschliches Ding, wird hungrig, will sich sättigen und muss dem Zwang der Natur gehorchen; drum sind die Brautschaften, die viele Jahre dauern, etwas Mörderisches, unter dem gerade die gute, gesunde und glücklich geartete Jugend am schwersten zu leiden hat; nur selten starke Herzen kommen darüber hinweg, und auch sie nur dann, wenn sie die Hilfe der Trennung haben und eine Lebensarbeit besitzen, die sie ganz erfüllt; die meisten erliegen unter dem Wort, das sie einander gegeben, und wenn sie nach acht, neun Jahren zusammenkommen, sind sie entweder ‚unsaubere Leut’ geworden, oder sie sind verblüht, vertrocknet, verbittert und freudlos, und werden Väter und Mütter von Kindern, die keinen hellen Glanz mehr in den Augen, keinen munteren Tropfen Blut in den Adern haben.

Heute kann ich das alles nur dem Sinn nach wiederholen. Hätt’ ich doch die Worte meiner Mutter noch! Diese ruhigen, klaren, reinlichen Worte, die alles schwer zu Erörternde verschwiegen und dennoch alles Notwendige sagten, von allen Dunkelheiten des Lebens sprachen und dennoch hell und heiter blieben! Diese Worte, so, wie meine Mutter sie damals gefunden, wären eine goldene Lebensbibel – nicht nur für die Jungen, mehr noch für die Alten.

Als ich grüner, heiß verliebter Bursch nach der ersten Erschütterung wieder ruhiger wurde, klaubte ich mir aus Mutter Worten vorerst heraus, was in den blühenden Kram meiner Liebe passte. Wenn Papa und Mama die starken Herzen gewesen waren, um ‚über alles hinüber zu kommen’, warum sollte denn mein Herz nicht ebenso stark sein können? Herrgottdonnerwetter, wenn man eins so lieb hat, geht’s doch leicht! Und das andere? Nein! Das existierte doch einfach gar nicht für mich! Was außer meinem lieben Mädel noch Frauenzimmer hieß – pfui Teufel! Und getrennt waren wir doch auch voneinander! Und eine richtige ‚Lebensaufgabe’ wollt’ ich mir schon flink aus dem Dasein herauskitzeln! Es kann doch ein Mensch auch Glück haben! Und aus den acht Jährchen wurden sieben, oder sechse, oder gar fünfe? Ich konnte doch als junger Maschinentechniker irgendeine kolossale Erfindung machen? Und Geld verdienen wie Heu! Und unverblüht und unverbittert als ein Dreiundzwanzigjähriger hineinspringen in meine Seligkeit! Und Kinder kriegen mit glänzenden Augen und munterem Blut! – Und drei Kirchenbaulose hatt’ ich doch auch! Die hatt’ ich als erste Kapitalanlage bei der Heimreise zu München auf dem Bahnhof gekauft. Da kann man doch den Haupttreffer machen! So was gab es ja doch im Leben! Warum sollte das nicht ebenso zu mir kommen können – wie damals die Goldamsel?

In solchen Träumen wurde ich bestärkt, als wenige Tage später eine Goldamsel in die Kanzlei meines Vaters geflogen kam. Kein goldgelber Vogel war’s, nur ein grauer Brief. Aber ich kann euch die Freude nicht schildern, die dieser Brief in unser Haus brachte! Die Disziplinaruntersuchung gegen meinen Vater war beiseite geschoben. Und der Chef des Ministerial-Forstbüros in München, der Ministerialrat Schultze, hatte gesagt: „Den? Entlassen? Nein! Den nehm’ ich ins Ministerium. Dann soll er ausführen, was er vorgeschlagen hat!“

Um nach dem Beförderungsschimmel für diesen Weg meines Vaters eine Staffel zu bauen, wurde Papa zum Kreisforstmeister in Würzburg ernannt.

Ach, die frohen Tage, die nun kamen! Der Vater arbeitete vom Morgen bis nach Mitternacht in seiner Kanzlei wie ein Verrückter. Wenn er für fünf Minuten zum Essen kam, hatte er immer die Feder zwischen den Zähnen und dachte an was anderes als an Knödel und Leberspätzle. Und die Mutter sang den ganzen Tag im Garten.

Als ich Ende September nach Augsburg übersiedelte, um als Volontär in die Riedingersche Maschinenfabrik einzutreten, wurde mir der Abschied von dem lieben, wieder friedlich gewordenen Welden und das Scheiden von dem schönen, grünen Tal meiner Kindheit fast ein leichtes. Jetzt begann doch, wie ich glaubte, mein fester und gesunder Dauerlauf zum reinen Glück meiner Liebe und meines Lebens!

Ich band die blaue Leinenschürze des Maschinenschlossers um meine Hüften und hängte das Absolviaband und die rote Kappe an den Nagel.

Und nun wollen wir uns doch ein bisschen betrachten, was ich in achtjähriger Studienzeit fürs Leben gewonnen hatte. Im Deutschen kannte ich die ‚Form der Chrie’ und verstand mich auf die ‚Disposition’ eines Aufsatzes, schrieb einen gespreizten Stil, machte nur noch hie und da einen Schreibfehler und konnte Verse drechseln, die zur Not vor meinem eigenen Urteil bestanden. Im Französischen hatt’ ich schon eine comédie von Molière, im Englischen schon ein Kapitel aus dem Paradise lost gelesen, hätte mir aber in England oder Frankreich kein Mittagessen bestellen und keine Zahnbürste kaufen können. Das bisschen Griechisch aus der Lateinschule war fast völlig verschwitzt. Und wie viele Tränen hat mich das in Neuburg gekostet! Im Lateinischen konnt’ ich eine Abhandlung für die Kneipzeitung verfassen, verstand oder missverstand die Schulklassiker, brauchte aber schon ein Lexikon für Katull und Properz, die ich außerhalb der Klasse las. In der Geographie wusste ich ungefähr, wo Wassertrüdingen und Buxtehude liegen, wie viel Einwohner Lissabon nach dem großen Erdbeben noch hatte, und welchen Weg die dreieckigen Marken vom Kap der Guten Hoffnung machen müssen, bis sie nach Bayern kommen. In der Geschichte hatte ich mit Sicherheit die Jahreszahl 800, Krönung Karls des Großen, im Kopf behalten; was man sonst in der Schule unter Geschichte verstand, das musste ich mir im Leben wieder abgewöhnen, um Geschichte verstehen zu lernen. Von Zoologie und Botanik will ich gar nicht reden; das ging dem Vogel nicht unter die Federn, dem Säugetier nicht unter die Haut, der Blume nicht in den Kelch. In Physik, Chemie und Mathematik bekamen wir nach den nötigen Anfangsgründen noch ein bisschen Hochschulpfeffer in die Nase geblasen, so dass wir später auf dem Polytechnikum glaubten, wir wüssten schon was und könnten uns die Sache leicht machen – um nach einem halben Jahr mit Verblüffung zu bemerken, dass wir den Anschluss versäumt hatten.

Nun ja, was ich da sage, ist ein wenig übertrieben und karikiert. Aber im Kern ist’s erschreckende Wahrheit. Acht Jahre lateinisches Gymnasium! Acht Jahre der wertvollsten, empfänglichsten Jugendzeit! Und fürs Leben hatten wir nichts gelernt! Nichts, nichts, nichts! Als nur das Wenige, das wir außerhalb der Schule aufschnappen konnten, wenn man Augen und Ohren offen hielt und ein bisschen neugierig war. Im Tempel des Wissens hat man uns kein Wort vom Handwerk gesagt, kein Wort von Handle und Industrie, von Erwerb und Besitz, kein Wort von den primitivsten Begriffen des politischen und sozialen Lebens, kein Wort von den wichtigsten und notwendigsten Dingen des menschlichen Daseins! Hätte mich nicht meine glückliche Kindheit im Dorf durch die Stuben der Handwerker geführt, ich hätte als Absolvent des Gymnasiums nicht gewusst, wie ein Türschloss oder ein Tisch entsteht, wie ein Stiefel genäht oder eine Hose geschnitten wird. Man kann mir entgegenhalten: Die Erlangung solcher Weisheit wäre nicht der Zweck des Gymnasiums. Aber der Zweck des Menschen ist es, so gut wie möglich mit seinem Leben fertig zu werden. Dabei unterstütz ihn diese lateinische Schule nicht, im Gegenteil, sie behindert ihn und drängt sein Leben rückwärts, statt es voranzubringen. Sagt mir nur: Wie hätte solche in achtzehn- oder zwanzigjähriger Absolvent des Gymnasiums, plötzlich vor die Not des Lebens gestellt, nach achtjährigem Studium einen anständigen Groschen verdienen können außer dadurch, dass er wieder Unterricht in zwecklosen und halben Dingen gab! Oder er hätte sein Absolutorialzeugnis in die Ecke schmeißen müssen, um Schreiber, Taglöhner oder Schneeschaufler zu werden.

Ihr sagt mir: Das ist vielleicht vor vierzig Jahren so gewesen? Aber ist es denn heutzutage um den Schulgewinn wesentlich besser bestellt? Heute, wo unsere Jungen neun Jahre ins Gymnasium rennen und zwischen Abc und Doktorexamen achtzehn Jahre auf der Schulbank verwetzen? Manches, nein, sogar vieles hat sich da schon zum wesentlichen Vorteil gewandelt. Aber das widersinnige Prinzip ist noch immer das gleiche, und noch immer sind die Erziehungszöpfe festgenagelt am Haken einer altmodischen, greis und grau gewordenen Scholastik, die für die Lebensfreiheit das nämliche ist, wie der Aberglaube für die Religion. Nutzlose Zeitvergeudung bis zu einem Drittel der besten Lebensdauer, zwecklose Überbürdung bis zum Niederbruch aller schwächlichen Körper, geistiges Ermüden bei den Begabten, und beim Durchschnitt die Gleichgültigkeit und der Stumpfsinn! Auch heute noch ist das so, dass ein junger Mensch, der vom Gymnasium kommt, mit seinem zwanzigjährigen Leben nichts Ersprießliches anzufangen weiß, erst rasten, Luft schöpfen und sich schüchtern nach allen Seiten umsehen muss, bevor er das Leben von vorne beginnen kann – in einem Alter, in dem er ein naturgemäßes Recht hätte, schon mitten drin zu stehen in allem tätigen Trieb und fröhlichen Drang des Lebens.

Dass es so ist, das liegt nicht an den Lehrern, nur an schwer zu überwindenden Trägheitsmoment einer veralteten Methode, die belastet ist mit dem Druck vergangener Jahrhunderte.

Unter dieser erblichen Belastung ist die Schule, statt ein Weg zum Leben zu sein, eine Würgerin der besten Jugendkräfte geworden, ein Hemmnis für den Beginn des Lebens. Viele erkennen das. Auch die Lehrer selbst. Und Hunderte von Stimmen diskutieren bereits die Frage, wie die schule gestaltet werden müsste, damit ein frei gewordener Schüler froh, sicher und aufrecht hinaus schreiten könnte ins Leben, um mit ungeschädigter und gesunder Kraft zu früher Tätigkeit und zu dem zu kommen, was wir Menschen als Glück zu bezeichnen pflegen.

Freilich, die Schule für sich allein, auch nach vernünftiger Wandlung kann das nicht geben. Dazu wird auch ein gründlicher Wandel in mancherlei Dingen nötig sein, die wir heute unter die Begriffe Staat, Gesellschaft, Sitte, Moral, Kultur und Ehre rubrizieren. Dieser Wandel wird kommen, weil er kommen muss. Das hängt nicht von den Hoffnungen und Widerständen einzelner Menschen und Klassen ab. Das ist eine Entwicklungsnotwendigkeit des Lebens, die – weil viele Menschen sie empfinden – bereits an der Arbeit ist, sich durchzusetzen. Die Beobachtungen und Gedanken der Menschen fliegen dem Leben nicht voraus, sondern schreiten hinter dem vorwärts drängenden Leben her. Das Leben ist eine wachsende Sache für sich selbst und gleicht einem jungen, kraftvollen Baum, der gerade dann mit erneuten und intensiven Kräften für die Blüte eines kommenden Frühlings zu arbeiten beginnt, wenn die Blätter eines alt gewordenen Sommers zu sterben scheinen.

Der eigenartige, glücklich zu nennende Gang meiner Kindheit und Jugend hatte mir an ernsten, frohen und nützlichen Dingen des Lebens mehr gezeigt als den meisten meiner Gymnasialkameraden. Ich war reifer als mancher andere meines Alters. Und dennoch stand auch ich nun durch viele Wochen wie ein Hilfloser inmitten des rauschenden Arbeitsgetriebes, das mich in der großen Fabrik umgab. Auch ein Einsamer war ich, zwischen tausend Menschen. Alle standen mir fern, keiner kam mir einen Schritt entgegen, obwohl ich zutraulich war und herzlich zu sein versuchte – ich liebte ja doch von jeher alles, was Handwerker hieß. Die Werkmeister waren höflich gegen mich, weil sie wussten, dass der alte Fabrikherr mit meinem Vater befreundet war. Doch aus ihrer Höflichkeit fühlte ich das Misstrauen heraus. Und den Arbeitern des Schlossersaales, in dem ich meinen Platz und Schraubstock bekommen hatte, war ich unbequem; sie glaubten in meiner Nähe nicht mehr ungeniert miteinander reden zu können; mit meinen hundert Fragen nahm ich den Akkordmonteuren die Zeit weg, mein Mangel an nützlichem Können bei meinen achtzehn Jahren machte mich vor ihnen despektierlich, und ich war für sie der lateinische Tagdieb und der Brillenaffe, über den sie schlechte Witze rissen.

Da hätt’ ich manchmal heulen mögen vor Wut. Und wenn ich früh um 5 Uhr aus dem Bett heraussprang, war’s immer mein erster Gedanke: „Herrgott, wie viele werden mich heut wieder auslachen!“ Doch ehe der Ärger und das Zähnebeißen in der Fabrik begann, brachte mir der erwachende Tag immer ein gemütliches Viertelstündchen.

Ich hatte fünf Treppen hoch bei einem Bäckermeister am Schmiedberg en Dachzimmerchen gemietet. Den Morgenkaffee bekam ich unten im Kellergeschoss, in der mehligen Backstube. Da war’s huschelig warm, die frisch gebackenen Wecken dufteten prachtvoll, und die jungen Bäckergesellen waren vergnügte Burschen, denen ich auch die Teigbatzen nicht übel nahm, die sie mir bei lustigen Gefechten ins Haar oder in die Ohren schmissen. Manchmal versäumte ich da am grauen Morgen so viel lachende Zeit, dass ich unter Schweiß und Atemschnappen rennen musste, um noch vor dem Glockenläuten die Fabrik zu erreichen. Zwischen einen Strom von Arbeitern, von denen die einen missmutig und die anderen heiter drein guckten, drängte ich mich zum Fabriktor hinein und nahm beim Portier meine Präferenzmarke in Empfang. An der Gießerei vorbei, und an den Schmiedstätten und Drehersälen vorüber, ging’s zum Monteurhaus und über eine schwarz gewordene Treppe in den Schlossersaal hinauf. Dieser Saal war eigentlich nur eine große viereckige Galerie, in der Mitte durchbrochen für die Kranenzüge und den Lauf der Transmissionsriemen. Mit dem Glockenschlag begann ein tosender Lärm, ein Pusten und Pfeifen der Dampfmaschinen, ein Geklapper und Gebrause der vielen, wirr durcheinander laufenden Transmissionen.

In meinem neuen Leben war das die erste Schulaufgabe: Ein formloses Stück Eisen mit einem Meißel zu bearbeiten und einen mathematisch genauen Würfel herauszufeilen. Alle Handfertigkeiten, die ich mir in den Werkstätten des Holzwinkels angeeignet hatte, kamen mir hilfreich zustatten. Aber wenn fünf Flächen meines Würfels stimmten, war immer wieder die sechste schief. Und hatt’ ich sie richtig zugefeilt, so stimmten die andern fünf Quadrate nimmer dazu. Es war um aus der Haut zu fahren. Und in der erlösenden Brotzeit rochen Wurst und Bierkrügel immer nach Schmieröl. Von Tag zu Tag wurde mein Eisenwürfel immer kleiner, aber nicht richtiger. Ich bekam abscheuliche Schmerzen in den Knien, in den Schultern, in allen Muskeln – an der linken Hand hingen mir von den fehlgegangenen Meißelschlägen immer die blutigen Hautfetzen herunter – und während ich meißelte und feilte, musst’ ich immer an mein Luischen denken und machte strophenreiche Sehnsuchtsgedichte. Eines Tages, als ich gerade einen sehr schwierigen Reim suchte, sagte der Werkmeister zu mir: „Wenn Sie immer zum Fenster hinausgucken, werden Sie’s nicht weit bringen!“

Endlich, endlich war der Würfel fertig! Er war sehr klein geworden, bis er an allen Flächen richtig stimmte. Der faustgroße Eisenklotz war zu einem fein blinkenden Kristall zusammen geschwunden, den man ohne Beschwer an die Uhrkette hätte hängen können. Und wenn ich heute nach sechsunddreißig Jahren die Geschichte dieses unter Schweiß und Mühsal entstandenen Eisenwürfels überdenke, kommt es mir so vor, als wäre sie ein zutreffendes Gleichnis für das, was ich im Leben unter Optimismus verstehe. Optimist sein, heißt nicht: Alle Dinge des Lebens schön und erquicklich finden, den Schatten negieren und nur die Sonne gelten lassen, das Dunkel rosig malen und das Grelle mild verschleiern, ein Unwahres konstruieren und diese unbegreifliche, von Widersprüchen durchrissene Welt als den besten aller Sterne erklären. O nein! Wer Optimist sein will, muss sich mühen, alle Dinge des Lebens mit klaren und ruhigen Augen so zu sehen wie sie sind; muss zu begreifen suchen, warum sie gerade so sein müssen und nicht anders sein können; muss verstehen lernen, dass die Dinge der Welt nicht um seinetwillen da sind, und dass sein kleiner Weg nur ein zufälliges Begegnen mit ein paar harten und sanften Ecken des Bestehenden ist; muss in sich die Gabe erziehen: Die Schmerzen nach dem gleichen Maße werten zu können wie die Freude, den Verlust nicht gröber einzuschätzen als den gewinn; muss vor allem erkennen, dass er irgendwelche Lebensrechte nicht für sich allein empfing, sondern dass ein gleiches Recht ans Leben auch jeder andere besitzt; drum muss er, gerecht gegen die andern und nicht ungerecht gegen sich selbst, seine Daseinsforderungen umgrenzen und beschränken; und muss alles Wogende und Wirre seines Lebens zu einem Festen und Verlässlichen, zu einem Schönen und harmonisch in sich Geschlossenen formen können, genauso, wie sich aus einem formlosen und billig wertenden Eisenklotz mit Geduld und Mühsal eine feine, funkelschöne Kristallgestalt herausfeilen lässt, auch dann noch, wenn die Hände sich aufs Meißeln und Feilen nicht sonderlich gut verstehen.

Ich hatte an meinem glatten, blinkenden Eisenwürfel so viel Freude, dass ich ihn im Feuer vergoldete und meiner Mutter zum Namenstag nach Würzburg sandte. Aber meine Mutter bekam ihn nicht. Das Paketchen wurde ihr richtig zugestellt, doch der vergoldete Würfel hatte sich auf der Reise durch das mürbe Packpapier herausgebohrt. Und nun denk ich mir gerne: Dass mein kleiner goldener Würfel noch irgendwo in der Welt existiert; und dass er mich überleben wird; und dass er durch glücklichen Zufall in die Hände eines Menschen kam, dem er gefiel; und dass ihn dieser Genügsame in einen Glasschrank stellte, zu den Kaffeetassen seiner Großmutter und zu den Meerschaumpfeifen seines Großvaters; und dass ihm das kleine vergoldete Stücklein Eisen jedes Mal eine stille Freude schenkt, sooft er es betrachtet; und dass es für ihn so etwas Ähnliches bedeutet wie ein rätselhaftes und geheimnisvolles Symbol des irdischen Lebensglückes.

Meine zweite Aufgabe war’s: Ein Zahnrad auszufeilen. Ein großes gusseisernes Rad ist auf zwei Seiten glatt abgedreht, und den im Guss ungleich geratenen Zähnen ist die Norm aufgerissen; nun müssen die Zähne so ausgemeißelt und zugefeilt werden, dass sie alle in die gleiche Schablone passen. Zwei Räder verdarb ich, sie mussten wieder umgegossen werden. Das dritte gelang mir. Zur Aufmunterung nach dieser Plage bekam ich Lehrlingslohn: Drei Gulden in der Woche. Mein erstes selbstverdientes Geld! Ich war sehr stolz an diesem silbernen Samstag. Und diese dreizehn Gulden im Monat waren etwas für mich! Denn die fünfundzwanzig Gulden, die ich monatlich von daheim bekam, ließen sich ein bisschen hart einteilen.

Um diese gleiche Zeit kam mir noch ein anderer Glücksfall: Ich fand zu den Arbeitern des Schlossersaales ein kameradschaftliches Verhältnis. Sie zeigten einmal in einer Brotzeit ihre Athletenkünste und stemmten eiserne Räder und Transmissionswellen. Auf dem Boden lag solche eine abgedrehte Eisenwalze von mehr als einem Zentner Gewicht. Wer sie nicht in die Höhe brachte, wurde ausgelacht. Ich würgte meine nach Schmieröl duftende Knackwurst hinunter, ging hin und fragte: „Därf ich’s probiere?“ Gleich brüllen sie alle vor Vergnügen. Ich spuckte in die Hände. Und wenn mir die Adern am Hals zersprungen wären! Ich musste die Welle über den Kopf hinaufbringen. Ganz rot wurde mir vor den Augen. Aber glücklich brachte ich den eisernen Baum vor der Brust um die Kippe und stemmte ihn bis zur Armstrecke über die Haare hinauf. Von diesem Tag an betrachteten mich die Arbeiter wie eines ihresgleichen. Und einer von ihnen begann mich zu lieben. Es war ein vierzigjähriger, dickbärtiger Mann, der die große Bohrmaschine bediente. Nun schwatzten wir beide in den Brotzeiten immer miteinander; er erzählte gerne von seinem kleinen Vorstadthäuschen, von seiner Frau und seinen vier Kindern; wenn ich am Morgen kam, lachte er mir freundlich zu; und wenn ich bei einer neuen Arbeit ratlos wurde, war er immer gleich bei der Hand und riet und half. Seinen Namen weiß ich nimmer. Aber dankbar bin ich ihm noch heute.

Schritt um Schritt kam ich vorwärts, obwohl ich manchen Tag versäumen musste. Es begann mich damals im Herbst ein ebenso wunderliches, wie höllisches Zahnweh zu plagen. Und ich hatte doch kerngesunde Zähne! So gesund, dass ich Messingdrähte abbeißen konnte. Der Zahnarzt untersuchte mich immer und schüttelte den Kopf und sagte: Die Sache könnte nur kongestiv sein und käme von meiner Vollblütigkeit. Das mochte wohl stimmen. Wenn ich mir beim Meißeln einen Hautfetzen von der linken Hand schlug, bekleckerte ich immer den ganzen Schraubstockplatz mit meinem roten Leben. Und häufig bekam ich so heftiges Nasenbluten, dass dieses dicke Getröpfel stundenlang in den Brunnen ging. Die Schmiede sagten mir immer, ich sollte ins Kühlwasser hineinbluten; das wäre gut für den Stahl.

Nach ein paar schlechten Tagen war immer alles wieder in Ordnung. Aber der Werkmeister glaubte nie recht an die komischen Leiden meiner Gesundheit und hielt sie für Arbeitsschwänzerei.

Ich kam zu den Eisendrehern in die Schmiede. Hier war’s am schönsten. Beim roten Schein der Essenfeuer und zwischen den schwarzen Kerlen! Und an den Händen bekam ich Schwielen wie Bretter. Schließlich konnt’ ich ein glühendes Stückchen Eisen gleich einem Ball in der Hand schupfen, ohne dass die Glut mich brannte. Nur ein bisschen flink musste man das machen; sonst ging es durch.

Abend für Abend, wenn ich irgendwo in einem kleinen Wirtshäusl meine Milzwurst oder den billigen Kalbskopf verschlungen hatte, fiel ich wie ein schwerer Sack ins Bett. Manchmal an solch einem knochenmüden Abend schrieb ich noch an mein Luischen. Da mag wohl ein Briefchen zuweilen recht kurz und müde ausgefallen sein. Alles Leuchtende meines jungen Glückes bekam einen trüben Schleier. Die Worte meiner Mutter wirkten nach. Und meine Kirchenbaulose spielten mir einen hämischen Streich. Sie wurden alle drei gezogen, eines mit zehn Gulden, das andere mit drei, das dritte mit zwei. So, Mensch, jetzt heirate bald, mit fünfzehn Gulden!

Da blieb mir nur noch der Rettungsengel einer genialen Erfindung. Ich stellte in meiner Dachstube einen Schraubstock auf, kaufte mir allen nötigen Werkzeuge, und Sonntag für Sonntag saß ich da und konstruierte und grübelte und baute Modelle. Doch wenn ich einen Einfall hatte, ging mir’s immer, wie seinerzeit mit der ‚Philippine Welser’: Es war mir schon ein anderer zuvorgekommen.

Ich glaube, dass ich trotz allem nicht zaghaft und mutlos geworden wäre. Aber es kam noch etwas dazu. Ein Doppeltes.

Zu Mittag aß ich in einem Vorstadtwirtshaus zusammen mit acht oder neun jungen Technikern. Jung? Sie waren alle schon um die Dreißig herum. Und alle waren sie ‚verlobt’, ein paar schon zum zweiten und dritten Mal. Und keiner konnte heiraten, keiner seinen eigenen Hausstand gründen. (Ich will es auch gleich sagen, dass ich in späteren Jahren zwei von den Ehen dieser Verblühten noch gesehen habe; in der eine Ehe starb die gealterte ‚junge’ Frau im ersten Wochenbett; und die andere Ehe war ‚gesegnet’ mit schwer belasteten Kindern, unter denen eines zum Verbrecher wurde.) Und wenn diese neun beim Mittagessen von ihren ‚Aussichten’ sprachen – und sie sprachen fast immer davon – dann hatten sie bittere Worte und verdrossene Augen .Nur, wenn einer zur Abwechslung eine gute Anekdote erzählte, wurden sie heiter.

Herr, du im Himmel! Wenn die Aussichten für mein Luischen und mich nicht besser waren als für diese neun Verlobten und ihre zum Trocknen aufgehängten Bräute – dann sah es trostlos aus um unser junges, zärtlich ersehntes Lebensglück!

Und dann noch dieses andere! All diese neun waren, nach ihren Reden zu schließen, von tadelloser ‚Anständigkeit’ gegen ihre Bräute. Aber fast jeder hatte daneben ganz ungeniert so eine Sache mit einer Kellnerin oder einer hübschen Fabriksföhl! Und das schienen sie für etwas Selbstverständliches zu halten, sogar für etwas Notwendiges. Und meine Mutter forderte: Dass Reinheit und Treue bei der Liebe sein müssten, oder es würde aus der schönen Liebe das Hässlichste des Lebens! Herr Jesus, Jesus, wie soll man’s denn machen? Was man liebt, das will und muss man heilig halten; und zehn, zwölf Jahre soll man warten; und das junge Blut will schon ungebärdig werden und plagt dich mit Nasenbluten, mit kongestivem Zahnweh und fürchterlichen Nächten! Wie Odysseus zwischen den beiden verschlingenden Strudeln baumelte, so hängst du, junges Menschenkind, zwischen der Verzweiflung deines ehrlichen Herzens und einer ruhelosen Pein deines eigenwilligen Blutes, zwischen der unvermeidlichen Lebensvernichtung und einer unausbleiblichen Scheußlichkeit! Muss das so sein? Warum denn? Merken denn die Menschen noch immer nicht, dass ihre hochberühmte Kultur und Moral eine ungesunde, verkrüppelte Sache ist, eine ekelhafte Heuchelei und Verlogenheit, etwas Unmögliches und Widernatürliches, eine Grausamkeit und Niedertracht? Und will denn der Staat, dieses Ungeheuer, nicht einsehen, dass er, wenn er solche Falschheit und Unnatur beschützt und züchtet, sich selbst am schwersten schädigt und sein bestes Leben erdrosselt? Dass er seine Wehrkraft entnervt, alles junge Wachstum lähmt, die Geburten erwürgt, alles Gesunde fesselt und vertiert, alle Erneuerung des Lebens mit Schmutz und Krankheit belastet?

Solche Gedanken wirbelten mir bei Tag und Nacht durch Hirn und Sinne. Und an mein Luischen schrieb ich müde, leere, verlogene Briefe, unter dem Druck der Vorwürfe, die ich mir um meiner Gedanken willen zu machen begann. Ich schalt mich ein treuloses, abscheuliches Luder – und hatte nur erst in abstrakten Bildern, nur in Träumen ‚gesündigt’.

In aller gesunden Jugend lebt der Wille zum Reinen, der Wille zum Rechten. Aber die Staatsordnung verwehrt es, die Kirche verdammt es, die Gesittung verbietet es! Und diesen drei wahnsinnigen Lebensmördern arbeitet die kupplerische Gelegenheit in die Hände. An jeder Straßenecke steht sie und lächelt und winkt. Aber nein! Nein! So billig wirst man sich nicht weg! Das tut man nicht! Nein, nein, nein, nein!

Aber essen muss man doch! Jeden Tag muss man essen – in diesem Wirtshaus, in dem die lustige, runde Zenz bedient. Und sie lächelt gerade dich am freundlichsten an. Und wenn sie bedient, dann tut sie es am liebsten neben deinem Sessel und reicht die Biergläser, die Bratenteller und die Salatschüsselchen immer über deinen Kopf hinüber und ist mit ihren runden Unerträglichkeiten immer an deinem Ellenbogen, an deiner Schulter, an deiner Wange.

Natürlich, da bleibst du eines Tages von diesem unbehaglichen Tisch fort, eine ganze Woche lang, und verschlingst deine billige Suppe an einem anderen Tisch, bei dem das Mariele bedient, das ganz gewiss mit der Zenz nicht verwandt und dennoch ihre Schwester ist!

Und eines Sonntags während der Kirchenstunde steht plötzlich die Zenz, fein aufgeputzt und mit einem Henkelkörbchen am Arm, in deiner Dachstube und vor deinem Bett. Und möchte gutherzig wissen, warum man dich nimmer sieht, und ob du denn krank wärst? Und wenn’s nichts anderes wäre als Nasenbluten und Zahnweh – Gott, da könnte man doch helfen! Ganz leicht!

Helfen? Warum nicht? Schließlich muss es ja doch einmal geschehen, heut oder morgen! Aber in aller Glut, die dich zittern macht, befällt dich plötzlich ein letztes Grauen, ein maßloser Zorn, eine so lausbubenmäßige Rohheit, dass die gute, hilfsbereite Zenz als ein schwer beleidigtes Frauenzimmer davonrennt. – Doch wenn die Zenz auf der Straße stehen bliebe? Und noch mal käme?

Ich schildere da nicht nur die Qualen und Kämpfe meiner Jugend. Ich schildere die Pein und das aussichtslose Ringen von Millionen junger Menschen. Wenn die drei Gewaltigen des Lebens – Gesellschaft, Statt und Kirche – ihnen nur ein bisschen helfen möchten, würden diese Ringenden auch Sieger sein, reinliche Menschen bleiben, in Treue und schönen Gluten nur umschlingen, was sie lieben, frohes Leben empfangen und gesundes, helles Leben erschaffen, Glück ersehnen und Glück verdienen. Aber sie müssen zerbrechen und ermüden, vertrocknen und verblühen, oder ‚unsaubere Leut’ werden, treulos und heuchlerisch die Nächte vom Tage trennen, aus Leibe und Genuss zwei ganz verschiedene Dinge machen, in der Liebe und Genuss zwei ganz verschiedene Dinge machen, in der Liebe nach steinernem Ehrenkodex die mit Benzin gewaschenen Handschuhe tragen, im Genuss die gesunde und beste Kraft ihrer Jugend verschütten in widerliche Fässer. So verlangt es die Kultur!

In jener Weihnachtszeit, in der die gutmütige Zenz mein periodisches Zahnleiden kurieren wollte, betrieb ich mit Fleiß und Geduld eine Arbeit, die mir Freude war und mich dennoch quälte. Ich wollte meinem Luischen zeigen, was ich in der Fabrik schon gelernt hatte –und fabrizierte als Weihnachtsgeschenk ein zierliches Charivari aus allen Werkzeugen des Mechanikers: Hammer, Meißel, Feile, Zirkel, Zange, Winkelmaß und Schraubstock. Abend für Abend saß ich in meiner Dachstube bis spät in die Nacht hinein und feilte aus englischem Stahl die winzigen, drei Zentimeter langen Dingerchen heraus. Zirkel, Zange und Schraubstock waren genauso beweglich wie die großen richtigen Werkzeuge. Und als ich diese mühsame Arbeit endlich fertig hatte, war ich mutlos in meiner Liebe geworden, war müde meiner aussichtlosen Hoffnung auf ein Glück nach einen Dutzend hungriger Jahre.

Das kleine, stählerne Klunkerzeug vergoldete ich noch – doch nimmer im Feuer, wie einst meinen Würfel seligen Angedenkens – nur auf kühlem, galvanischem Weg. Diese matt funkelnde Sache schickte ich dem Luischen zu Weihnachten.

Dann schrieb ich nimmer.

Wenn stolze Schiffe untergehen, geschieht es zuweilen, dass sie nicht ganz versinken. Aus der Brandung ragt noch die Mastspitze hervor. Und da kann ein erschöpfter Schwimmer sich halten, sich retten. Er ist der Gefahr entrissen, völlig unterzutauchen. Welle um Welle geht über ihn hin, doch immer kommt er wieder empor – und kann wieder atmen, rasten, neue Kräfte sammeln.

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