Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 6

Ein trüber, regnerischer Morgen guckte in mein Stübchen herein. Morgen? Nein, es ging schon bald auf die Mittagsstunde zu. Erschrocken sprang ich aus dem Bett, weil ich das Begräbnis des armen Bertele verschlafen zu haben fürchtete. Doch ich hörte kein Glockenläuten. Und dann erfuhr ich, dass man das Begräbnis um einen Tag hatte verschieben müssen. Jeder benachbarte Pfarrer, den Herr Andra gebeten, die Tote in die Erde hinunterzusegnen, hatte sich geweigert, diese Bedingung zu erfüllen: Dass das Bertele mit jungfräulichen Ehren bestattet würde. Nun hatte Herr Andra an einen ihm von der Seminarzeit her befreundeten Pfarrer telegrafiert, der mit Bahn und Post erst kommen musste. Und noch ein anderes Hindernis gab’s. Die Jungfrauen des Rosenbundes, die nach dem Herkommen die entschlafene Schwester zum Gottesacker tragen sollten, weigerten sich, dem Bertele diesen jungfräulichen Liebesdienst zu leisten und wollten die weißen Kränzlein nicht aus der Schachtel, die weißen Kleider nicht aus dem Kasten nehmen.

Der trübe Tag verfloss mir – recht weiß ich nimmer, wie. Gleich einem, der im Schlaf wandelt, so ging ich umher. Ein paar Mal las ich, was ich in der Nacht geschrieben hatte, und machte einen Entwurf für das Folgende. Was mir aus den finsteren Morgenstunden an Versen und Bildern noch in Erinnerung war, das konnte ich nicht brauchen. Diese Orgie, die ich zwischen den Tänzerinnen und den betrunkenen Schwelgern hatte spielen sehen, war so toll und grässlich, dass ich sie bei dem Gedanken, meine Mutter sollte das einst lesen, nicht mehr niederzuschreiben vermochte. Es kamen mir auch diese Nachtbilder ein bisschen unwirklich vor. Und mir schien, dass ich mich da noch erst bei den Forstgehilfen über Verschiedenes näher erkundigen müsste. Bezüglich der ‚sieben Lüste’ war ich sehr im Dunkeln. Und von den sieben Todsünden, die ich schildern wollte, hatt’ ich – ausgenommen den Jähzorn und den unmäßigen Fraß – noch keine an mir selbst erlebt. Und diese beiden glaubte ich aus der Zahl der unverzeihlichen Sünden ausscheiden zu dürfen. Es kann doch keine gar so schreckliche Sache sein, wenn man zuweilen aus zureichenden Ursachen ungebührlich wütend wird, und wenn man sich manchmal aus übergroßem Hunger ein bisschen überfrisst. So ließ ich als schreiende Sünden diese sieben bestehen: 1. Hochmut, 2. Geiz und Neid, 3. schnöde Wollust – auf meinem Brouillon vom 14. August war hier in Klammern und mit einem Fragezeichen das mir aus der Religionsstunde bekannte Fremdwort beigefügt: [Sodomiterei?] – 4. scheußlicher Mord, 5. Vergewaltigung der Unschuld, 6. Beraubung der Armen, 7. moralische Verworfenheit eines Priesters. Also musste mein Epos 9 Gesänge erhalten. Erster Gesang: Zorn Gottes, Aussendung der Engel, allgemeine Schilderung der verruchten Stadt, Begegnung der Engel mit Lot, Handel um die zehn, nein, um den einen Gerechten, dem zuliebe die Stadt gerettet werden sollte; – Gesang 2 – 8: Die Engel suchen diesen einen Gerechten durch sieben Tage und Nächte; sie finden an jedem Tag und in jeder Nacht von den sieben Lüsten und den sieben schreienden Sünden eine; Hauptfiguren: Radan, der verworfene Priester, und Atreb, die holde, schlanke, blasse, süße, das Kind-Weib, die schändete Unschuld, die zum Mord der eigenen Kinder gezwungen und zur Hure gemacht wird; – Schlussgesang: Rückkehr der Engel zum reinen Haus des Lot; Stimme Gottes, die das Strafgericht verkündet; Auszug des Lot mit Weib, Töchtern und Gesinde; Versteinerung einer Magd1, die sich neugierig umschaut, um das Grässliche zu sehen; Untergang von Sodom; Wanderung des Lot und der Seinen durch dürre Wüste zu friedlichen Sommergefilden; Erneuerung alles Guten in den Menschen, die diesen Tag des Grauens überleben; Bündnis mit einem unsichtbar aus den Wolken sprechenden Gott, der den Menschen verbietet: Tempel zu errichten, Altäre zu bauen, Opfer zu schlachten, Priester zu weihen, Gott mit Namen zu nennen und Bilder seines Gesichtes und seiner Gestalt zu ersinnen; und dies soll gelten als einziges Gesetz des Neuen Bundes: Jeder sei gerecht und redlich, jeder sei der Priester seines eigenen Herzens, jeder rede in seiner eigenen Sprache zu Gott, der die Glut der Sterne ist, der Hauch alles Lebens, die Seele aller Dinge. – Finis.

Als ich dieses stolze lateinische Wörtchen unter meinen Entwurf geschrieben hatte, musste ich aus meinem Mansardenstübchen hinunterlaufen in den Garten. Es war Abend, und eine rote Sonne glänzte aus halbgeklärtem Himmel über das erfrischte Grün. Beim Brunnen stand unsere Stallmagd mit einem Forstgehilfen beisammen. Die Magd erzählte dem Gehilfen, dass das Fräule Kreszenz ‚mit Ach und Krach’ sechs ‚Jungfrauen’ im Dorf ausfindig gemacht hätte, die morgen das Bertele tragen würden – von fünfen unter diesen sechsen wäre allerlei Rosenbundwidriges zu berichten, und von der sechsten wüsste man mit Sicherheit, dass sie schon bald im siebenten Monat wäre.

Am anderen Morgen, unter reiner Sonne läuteten die Glocken. Man trug das Bertele hinaus zum Gottesacker, der eine halbe Wegstunde außerhalb des Dorfes lag. Der zweitägige Regen hatte die linden Ackerwege bodenlos gemacht. Bei jedem Schritt glitschte man wieder einen halben zurück. Der Zug musste vor dem Friedhof über eine steile Böschung hinauf. Und da gab es ein schreckliches Intermezzo. Jene sechste, weiß gekleidete Sargträgerin, die an sich selbst schon ein bisschen schwer zu tragen hatte, rutschte auf dem schlammigen Weg aus und stürzte in den Kot, die fünf anderen Rosenjungfrauen konnten den aus dem Gleichgewicht geratenen Sarg nicht mehr auf ihren Schultern erhalten – – nein, dieses Grauenhafte mag ich nicht schildern. Wie solche in ‚Gottesurteil’ auf die erregten und abergläubischen Gemüter wirkte, könnt ihr euch denken! Und da mögt ihr auch nun auch ausmalen, welche Stimmung dieses offene Grab umfieberte, als der brave, fremde Geistliche, der von allen geschehenen Dingen nicht die geringste Ahnung hatte, seine Grabrede mit den Worten begann: „So hat es Gott in seinem unerforschlichen Ratschluss wiederum gefallen, ein reines Kinderherz, eine fromme, unbefleckte Rosenjungfrau aus dem Leben abzurufen …“ In dem schwarzen Leutgedränge hörte man eine zornige Mädchenstimme schrillen: „Müesse mer uns denn so ebbes gfalle lau(n)?“ Die noch halbwegs Ruhigen begannen aus dem Gottesacker zu flüchten. Auch ich mochte und konnte nimmer mit ansehen, was da geschah – und rannte davon, quer über die Felder hinüber – und blieb im Wald, bis keine Glocke mehr läutete.

Daheim, als ich zur Küche kam, hörte ich von der Wohnstube her eine schmerzvolle, ganz verzweifelte Stimme: „Gar nimmer lebe mag i! Glei gar nimmer lebe!“ Bei meinen Eltern in der Stube fand ich den guten, lieben Pfarrer von Hegnenbach. Und als dieser beste und würdigste unter allen Priestern, die das Leben mir zeigte, mich junge Menschen in die Stube kommen hörte, drehte er sich auf dem Sessel herum, sah mich kummervoll mit seinen anssen Augen an und streckte mir die Hände entgegen: „Ludwig? Gelt, jetzt glaubst du am End, dass i au so e schlechter bin?“ Das erschütterte mich, dass ich keinen Laut aus der Kehle brachte. Ich schüttelte stumm den Kopf, schlang die Arme um seinen Hals und musste ihn au fide Wange küssen.

An diesem Tag konnte ich an meiner ‚Epischen Dichtung’ nimmer weiter singen. Während ich droben saß in meiner Mansarde, sah ich immer das blasse, verstörte Gesicht des Pfarrers von Hegnenbach, die nassen, kummervollen Augen dieses Gerechten. Ich legte meinen Entwurf in das mit zwölf Strophen beschriebene Heft und schob es zu unterst in den Koffer hinein. Mein Lied von Sodoms Vernichtung bekam keine dreizehnte Strophe mehr. Es blieb unvollendet – um eines Gerechten willen.

Erst ein Jahr später, bei dem Meineidsprozess gegen ‚Andra und Konsorten’, erfuhr man, was sich an diesem Augusttag im Pfarrhof zu Welden noch ereignete. Um dem Begräbnis der Tochter beizuwohnen, war die Mutter der Schwestern Berta und Kreszenz H. aus Neuburg gekommen, fast ganz so ahnungslos wie der fremde Pfarrer. Schrecklich mögen dieser Mutter in Welden die Augen aufgegangen sein! Und Herr Andra, der – um ein Wort meines Vaters zu wiederholen – „nimmer aus und ein wusste“, warf sich der Frau Marianne H. zu Füßen, bekannte ihr, dass er der Verführer und Mörder ihrer ‚gut erzogenen’ Tochter geworden wäre, erflehte unter Tränen ihre Verzeihung, die ihm der Himmel für seine Verdienste um die Unfehlbarkeit schon längst gewährt habe, und beschwor sie bei Gott und allen Heiligen, seine bedrohte Priesterehre zu retten. Welcher Dinge ist eine gedankenschwache Christin nicht fähig, wenn es die ‚Ehre eines Priesters’ zu beschirmen gilt! Da kann nicht nur eine Mutter ihres ermordeten Kindes vergessen – eine brave Christin darf in solchem Fall auch einen Meineid schwören. Sie darf nicht nur, sie muss!

Am Morgen des 20. August, während in der überfüllten Pfarrkirche die feierlichen Exequien für das Bertele abgehalten wurden, erschien zu Welden wiederum eine Augsburger Kutsche – nicht, um ein Kind oder seine sterbende Mutter fortzubringen. Der Landauer hatte drei Herrn gebracht: Die Untersuchungskommission des Augsburger Bezirksgerichtes. Pfarrer Andra und seine Damen wurden aus der Kirche geholt. In Aufregung rannten die Bauern zusammen, und ein schreiendes Leutgedränge umgab den Pfarrhof, während da drinnen die Untersuchung wegen Verdacht des Kindsmordes und der fahrlässigen Tötung begonnen wurde.

Pfarrer Andra war so heftig erschrocken, dass er alle Fassung und fast die Sprache verloren hatte. Nur das Fräule Kreszenz verlor den Kopf nicht. Sie beriet sich mit ihrem geistlichen Herrn in seinem Schlafzimmer und überbrachte dann die nötigen Schlachtbefehle an die bestürzte Theres und an die tapfere Mutter Marianne.

Die Vernehmung begann. Vierstimmig wurden die alten Lügen unter Anrufung Gottes aufrecht erhalten – und vier Hände erhoben sich bereitwillig zum Schwur. Ein Jahr später, bei dem Meineidsprozess, sagten sie alle vier: Sie hätten das für keinen richtigen Eid gehalten, weil kein Kruzifix dagestanden wäre und keine geweihten Kerzen gebrannt hätten. Ich führe das nicht als Kuriosum an; es soll eine Mahnung an unsere Richter sein. So, wie vor siebenunddreißig Jahren Pfarrer Andra und Konsorten dachten, so denken heute noch viele, viele Leute aus dem Volk, fast alle Bauern. Der Eid ohne Kruzifix und brennende Kerzen ist für sie keine ernste Angelegenheit und wird, wenn sie in einer Zwickmühle stecken, eine Verführung zum Meineid. Was Gerechtigkeit heißt, das soll doch wohl den Zweck nicht haben: Verbrechen zu erzeugen? Schafft den Eid ab! Oder wenn ihr ihn für die Bequemlichkeit der Rechtspflege behalten zu müssen glaubt, so lasst ihm auch die mittelalterliche mise en scène, die zu ihm passt, und die er für törichte und betörte Menschen nötig hat. Sie ließe sich sogar mit Vorteil noch erweitern. Man könnte noch einen Totenkopf und gekreuzte Knochen dazu legen, könnte bei Tag die Fenster verdunkeln, wenn geschworen werden muss, und am Abend die elektrischen Lichter abdrehen. Das wäre nun freilich ein jammervolles Zeugnis für die Kulturentwicklung der Menschheit. Aber die Meineide würden seltener werden.

Der Augsburger Untersuchungsrichter – vermutlich ein Freimaurer und Liberaler – war damals in Welden so unbescheiden, dass er sich bei der Erforschung der Wahrheit mit den heiligen Eiden eines Pfarrers und dreier Pfarrersfreundinnen nicht begnügte. Als er eine genaue Haussuchung vornahm, wurde auf dem Speicher jene rätselhafte Kiste mit den Luftlöchern und in einer dunklen muffigen Bodenkammer ein verwahrloster, fünf- oder sechsjähriger Knabe gefunden, der nur lallen konnte und die Sprache der fremden Herrn nicht verstand. Das Fräule Kreszenz bekannte schließlich: Das wäre ihr Kind, und sie hätte den Knaben heimlich in den Pfarrhof genommen, weil sich der mildherzige Herr Onkel von dem lieben Bübchen, das er immer für ein fremdes Waisenkind gehalten, nicht hätte trennen können. Eine Brutalität! Und dennoch verbarg sich in ihr auch eine menschliche Zärtlichkeit! Ein Vater! Und darf nicht Vater heißen! Und leibt seine Kinder, und will sie in seiner Nähe haben! Und ist sich als Priester seiner Macht bewusst! Und sagt: „Wenn ich das so haben will, dann geht es schon!“

Nun begann der Spektakel in den Zeitungen. Ein Augsburger Kampfblättchen sprach von der ‚Gebäranstalt und Engelmacher im Pfarrhof zu Welden’. Und Herr Andra sah sich zur Rettung seiner Priesterehre gezwungen, den Redakteur wegen Beleidigung zu verklagen. Die Klage ist zu Augsburg im September 1872 verhandelt worden. Der Redakteur wurde in der Hauptsache freigesprochen und nur wegen einer unzulässigen Übertreibung im Ausdruck zu einer Geldstrafe von drei Talern verurteilt. Erst vier Monate später, im Januar 1873, wurden Andra und die drei mutigen Streiterinnen für seine Priesterehre verhaftet – und nach dem Meineidsprozess verschwanden sie für drei Jahre hinter festen Mauern.

Als der Untersuchungsrichter das Widum verließ, noch am gleichen Tag, wurde Pfarrer Andra suspendiert. Viel hatte geschehen müssen, bis die geistliche Behörde sich rührte und ein verspätetes Lebenszeichen gab.

Das unerquickliche Bild dieser beiden Prozesse wollen wir beiseite schieben. Nur ein paar wunderliche Kleinigkeiten muss ich herausheben.

Die Mutter Marianne H. erklärte vor dem Richter: Sie wäre mit dem Pfarrer Andra allerdings nicht dem Blute nach, aber doch in geistlichem Sinne verwandt, weil sie ihm – zur Pfarrei verholfen hätte. Über die Art und weise, wie sie das zustande brachte, war nichts von ihr zu erfragen. Auch ein hoher Geistlicher, als Zeuge vernommen, konnte über diese dunklen Zusammenhänge keine Aufklärung geben.

Weiters deponierte die hübsch gewordene Theres: Sie hätte, als es zum Schwören gekommen wäre, den Untersuchungsrichter nicht angesehen, sondern hätte den Blick in frommer Inbrunst auf ein schönes Madonnenbild geheftet, in der festen Überzeugung, dass die reine Gottesmutter ihr heraushelfen würde.

Über die Haltung der Angeklagten während des richterlichen Verfahrens ist als charakteristisch anzuführen: Dass dieser zittrige Herr Andra jeden letzten Halt verlor und (nach dem weinerlichen Zitat „Irren ist menschlich“) alle Schuld und sein ganzes Unglück auf diese vier Weiber schob – und dass, im Kontrast dazu, dieses harte und grausame ‚Teufelchen Kreszenz’ seinen ‚geistlichen Herrn’ bis zum letzten Augenblick tapfer und zäh verteidigte und auch durch das unumwundene Geständnis des Pfarrers sich nicht abhalten ließ, seine heilige Unschuld wankellos zu beteuern.

Eine Augsburger Zeitung machte dazu die spöttische Glosse: „Jeder Zoll eine Pfarrersköchin!“ Nein! Dieser Spott war unangebracht. Ich sehe hier nur ein Weib, das einem Mann in unerschütterlicher Leibe auf Leben und Tod ergeben war, Verbrechen für ihn beging und ihr eigenes Leben vernichtete, um das seine zu retten. Sie war keine Heilige, gewiss nicht. Aber sie hatte in ihrem Blut und Herzen etwas vom heiligen Weib. – Und wisst ihr, wann ich so von diesem schrecklichen Fräule Kreszenz denken lernte? Sechs Jahre später. Da kam ich, als Universitätsstudent in München, eines Tages durch die Kausingerstraße. Und auf dem Trottoir, zwischen dem Gewimmel der Leute, sah ich einen gebeugten, zerfallenen, zittrigen, völlig gebrochenen Greis stumpfsinnig einher getäppelt kommen. Eine bescheiden gekleidete Weibsperson, gealtert, doch fest und aufrecht, führte diesen Greis mit Sorgfalt und Zärtlichkeit am Arm, behütete jeden seiner Schritte und schob mit der Faust die eilfertigen Menschen beiseite, die an diese zittrige Mannsruine anzupuffen drohten. Auf den ersten Blick erkannte ich die beiden nicht – erkannte sie erst, als sie schon an mir vorüber waren. „Herr Jesus! Der Pfarrer Andra und die Kreszenz!“

Glaubt nicht, dass ich weißwaschen möchte, was schwarz ist! Aber man will doch in jedem Trauerspiel des Lebens die Schuld und den Schuldigen klar erkennen. Dieser unglückselige Prophet der Unfehlbarkeit war ein Belasteter, gefesselt durch Gesetze seines Berufes, die es doch nicht hindern konnten, dass er Mensch blieb. Sein Dämon war ein Weib, das wir entschuldigt sehen durch eine tiefe, starke Liebe; diese Liebende musste Verbrechen begehen, weil ihr die Priesterwürde des Mannes, den sie liebte, die Liebe und alles Menschliche verwehrte. Und das Bertele? Ich will da nur bei dem Wort meiner Mutter bleiben: Ein armes, gutes, dummes Schaf! Und die kleine Theres? Ein leichtsinniges Huhn, ein Opfer der vergifteten Luft, in die dieses junge Leben gestellt war, eine Verunglückte unter dem rollenden Wagen. Und die Mutter Marianne? Eine von jenen ‚verlässlichen Christinnen’, die den Nimbus der Pfarrhöfe mit festen Säulen stützen, den Wert einer bedrohten ‚Priesterehre’ über Gottes Gebote und über die bürgerlichen Gesetze stellen, bei jeder Primiz eines jungen Priesters das zu hören bekommen: Dass ein katholischer Geistlicher mehr wäre und noch näher bei Gott stünde, als der Erzengel Gabriel – und die dann solch einem Gottesnächsten mit treuem Gehorsam und ohne Widerspruch alles zur Verfügung stellen, was sie besitzen: Vermögen, Seele, Leib und Leben.

Wer ist nun der Schuldige in diesem Trauerspiel?

Zu dieser Frage ist aus der Prozessgeschichte eine Kleinigkeit nachzutragen. Als der Skandal dieser Prozesse das ganze Land durchschrie, brachte eine liberale Zeitung diese Briefkastenfrage: „Warum wissen die ultramontanen Blätter, die von allen wütenden Hunden und sonstigen Schauergeschichten erzählen, kein einziges Wort von der Weldner Pfarrhofgeschichte zu berichten? Wo bleibt denn da die sonst so eilfertig zur Schau getragene sittliche Entrüstung?“

Dass der liberale Verteidiger des angeklagten Redakteurs den Prozess politisch ausschlachtete, das soll nicht zählen. Aber die Urteilsbegründung war eine amtliche Urkunde. In dieser Urkunde hieß es:

„Die Presse hatte berechtigte Veranlassung, Zustände, wie sie in diesem Pfarrhof herrschten, dem Licht der Öffentlichkeit preiszugeben. Das war nicht nur ein Recht, sondern sogar eine Aufgabe der Presse. Dies umso mehr, wenn wie hier, von Seite der geistlichen Oberbehörde angesichts der langen Dauer dieser beklagenswerten Zustände ein energisches Einschreiten nicht erfolgt. Der Ausdruck vom ‚Pfarrer, der geschont wird’, hatte seine volle Berechtigung. Denn entschieden muss eine Toleranz der geistlichen Oberbehörde gegenüber dem Pfarrer Andra vorausgesetzt werden, wenn jahrelang die erwähnten offenkundigen Zustände geduldet wurden.“

Und nun eine kleine Rückschau. Wir müssen uns dabei jenes Obergünzburger Briefes erinnern – jenes Briefes, der vom Freigeist Andra erzählte.

Da ist ein junger Priester – ist Priester geworden und ist doch Mensch geblieben, einer, dessen schwaches Blut immer durstig war. Der wohnt zu Neuburg unter dem gleichen Dach mit einem jungen Mädchen, das hübsch und klug ist, temperamentvoll, ein bisschen kokett, ein bisschen eitel, und auch ein bisselchen fromm, von jener Frömmigkeit, die den Priester, namentlich den jungen und wohl gebauten, gerne mit Gott verwechselt – so, wie sich im Theater die Backfische in den Schauspieler verlieben, weil sie den großen Dichter hören. Nun ja, in Gottes Namen, die beiden finden sich eben, der durstige Benefiziat und die ekstatisch verliebte Bäckerstochter. Er genießt – aber sie beginnt nun erst zu lieben, im tiefsten Sinne dieses Wortes – liebt in ihm den Vater ihres Kindes, das sie aus den zärtlichen Händen geben und verstecken musste. Alles Schwere trägt sie allein, alles Heimliche erledigt sie geschickt und tapfer; ihm wird jede Unbehaglichkeit erspart, alles Unangenehme aus dem Weg geräumt – und wenn die heimliche Sache ein bisschen teuer wird, schiebt ihm die Kreszenz ihre eigene Börse hin und opfert dem Geliebten nach und nach ihr ganzes Vermögen. Da konnte er vergnügt und heiter bleiben, fand das Leben schön und den Himmel nicht streng; er fühlte sich behaglich als Mensch, war kein Heuchler, im Gegenteil: Ein bisschen Freigeist, ein Jünger der deutsch-katholischen Idee, ein Rongianer. Und wurde dabei wohl auch ein wenig anrüchig bei seinen geistlichen Vorgesetzten, musste lange warten auf eine gute Pfarrei und hätte sie vielleicht gar nie bekommen, wenn nicht seine Schwiegermutter, nein, die Bäckersfrau Marianne H., sie ihm ‚verschafft’ hätte. Wie nur? Wie? Aber das ist Nebensache. Mit der Pfarrei bekam der junge Pfarrer in seiner Kreszenz – wahrhaftig, er sagte immer: ‚Meine Kreszenz’ – auch gleich eine Hausfrau, nein, eine Pfarrersköchin, wie er sich eine bessere nicht wünschen konnte. Alles tat sie für ihn, immer ließ sie ihn genießen, schrankenlos und unbehindert – sooft die jungen Lerchen schwirrten, wurde sie Mutter, Mutter und wieder Mutter. Und da wirft ihr plötzlich das Schicksal einen harten Stein in die warme Suppenschüssel ihres Glückes. Sie erkrankt an den Blattern, wird hässlich, fürchtet den Mann zu verlieren, den sie liebt – will seinen Besitz mit Ketten sichern und legt, eine Sara rediviva, dem immer und immer nach Liebe Dürstenden, schon nach Liebe Zitternden, die hübsche vierzehnjährige Hagar in die Arme, die eigene Schwester. Die Leute, die bisher gutmütig ein Auge zudrückten, werden aufmerksam, und ein Gerede beginnt umzulaufen, das bis nach Augsburg dringt, bis in die Nähe des Domes, bis dorthin, wo der Freigeist und Rongianer Andra ohnehin kein Gegenstand des Wohlgefallens ist.

Und eines Abends muss da im Pfarrhof zu Obergünzburg – wer mag erraten, aus welchen Gründen? – ratloser Schreck und schwere Bestürzung geherrscht haben. Doch über Nacht geschah ein hilfreiches Wunder. Von seiner Kreszenz beraten, kroch der Schneck am Morgen aus seinem stillen Häuschen, ließ als ‚treuer Sohn der Kirche’ seine Stimme erschallen, schlug mit der Zitterfaust auf das Kanzelgesimse, predigte den Kreuzzug wider die freimaurerischen Schweine, wider die roten Hunde – und war gerettet vor dem drohenden Blitzstrahl und konnte sich wieder sicher fühlen in seines Pfarrhofs zärtlichem Harem. Und konnte dann mit allem Recht von der Kanzel rufen: „Was hat ein Priester zu fürchten, der sich streng an die Direktiven seiner geistlichen Behörde hält und mit seinen Anschauungen ganz auf dem Boden seines hochwürdigsten Herrn Bischofes steht?“

Bis zu dem Tag, an dem der Schneck aus seinem Häuschen kam, war der Erdenlauf dieses Hochwürdigen eine Lebenskomödie mit ein paar schweren, kontrastierenden Schlagschatten. Jetzt begann die Tragödie, auf deren dunklen Wegen ihr die mit weißen Rosen geschmückte Leiche eines jungen Weibes liegen saht, das in Krampf und Schmerzen verbluten musste – und dieses Trauerspiel war halb wie ein Märchen vom Kinderbrunnen, in dem die weißen Figürchen ruhelos auf- und niedertauchen, mit zuckenden Mündchen und traurigen Augen.

Im Pfarrhof zu Obergünzburg war die Schuld erschienen und kutschierte auf einer mit Luftlöchern versehenen Kiste nach Welden – und trug einen wundervollen Namen: Toleranz.

Ja! Diese Toleranz! Die einzige, deren sie sich rühmen konnten!

Und welch ein Bild des Erbarmens: Der zittrige Held, den diese Schuld erzeugte. Ein Zölibatär! Und ist der emsige Beschatter von mindestens drei Weibchen, der Vater von unerforschlich vielen Kindern, von denen die Hälfte atmen durfte, die Hälfte erlöschen musste. Freilich, Zölibat, das ist ja nur die Institution der priesterlichen Ehelosigkeit. So erklärte mir einst ein Pfarrer die schwerbegreifliche Sache. Er sagte: „Keuschheit geloben nicht die Weltpriester, nur die Mönche strenger Observanz.“

Was gehen uns schließlich die Mönche hinter ihren Mauern an? Aber der Weltgeistliche, der nur die Ehelosigkeit bewahrt und sich zur Keuschheit nicht zu zwingen braucht, geht unter uns als ein Erhöhter umher, redet im Beichtstuhl zu unseren Kindern, hat im Dorf das Ohr aller Weiber und kann sich da so allmächtig fühlen, dass er à la Andra sagt: „Wenn ich das so haben will, dann geht es schon!“

Es fällt mir nicht ein, den Fall Andra generalisieren zu wollen. Ich denke an den braven Pfarrer Hartmann von Welden und an mein reinliches, herzliebes Pfarrherrle von Hegnenbach, um dessen Tränen willen ich mein Empörungslied von Sodoms Vernichtung nicht mehr weiter singen konnte. Und das sind nur zwei von den vielen guten Priestern, die mir das Leben zeigte. Aber wunderlich ist das: Wenn ich in einem meiner Bücher solch einen guten, freundlichen, religiös und menschlich empfindenden Pfarrer schilderte, fiel immer die klerikale Presse über mich her und sprach von ‚antireligiösen Jammergestalten’. Und da besorg’ ich nun fast, dass diese kritischen Kapläne die nach den Gerichtsakten geschilderte Figur des Pfarrers Andra als eine Idealgestalt nach ihrem Geschmack erklären werden.

Generalisieren will ich nicht. Nein! Ich will nur sagen: Dass ich das mit eigenen Augen angesehen habe, wie ein Schlechter in Trümmer schlug, was eine Vielzahl von Guten gebaut hatte. Und sagen will ich: Dass in solchem Fall das Toleranz-System der geistlichen Oberen eine gebärende Schuld, ein schreiendes Verbrechen wider das Leben ist. Ihr Hochwürdigsten! Wenn ihr einen missratenen Pfaffen unerbittlich, mit Lärm und vor aller Augen aus eurem geweihten Kreis jagt, das schadet nicht, weder euch, noch eurer guten Sache. Doch wenn ihr um der Unantastbarkeit eures Standes willen solch eine grauenhafte ‚Toleranz’ bis über die äußerste Grenze übt, und wenn ihr, um den Skandal von euren Talaren abzuwehren, nicht nur vertuschelt und verheimlicht, auch noch helft und fördert – das macht euch, um mit eurem schönen, alten Buch zu reden: Übel riechend vor allem Volk!

Wie lange noch wird das so bleiben müssen? Gleich einem altersgrauen Hexenstein in einem modernen Villenviertel, so steht die widernatürliche Institution des Zölibats in unserer menschlichen Kultur von heute. Ein Ekel und eine Grausamkeit! Ein Erbarmen und eine Gefahr! Keine religiöse Notwendigkeit – nur ein Mittel zur weltlichen Macht! Sie wollen nicht Fischer im schlichten Rock sein, sondern Fürsten im Purpur. – –

Jetzt fort mit diesen Bildern!

Sie haben einen schweren, drückenden Schatten über meine frohe Jugend geworfen. Ruhelos wirbelte dieses Fürchterliche in meinem siebzehnjährigen Gehirn. Durch viele Tage blieb das so: Dass es mich zwischen den Häusern und unter den Menschen nicht mehr litt. Sobald es Morgen wurde, surrte ich davon, mit einem Rinken Brot in der Kitteltasche, rannte den ganzen Tag im Wald herum, kam spät im sinkenden Dunkel verschwitzt und abgezappelt nach Hause, fraß wie ein Wilder und fiel wie ein Stein ins Bett.

Wüsst’ ich nur heute noch, was mir damals durch Sinn und Seele ging, wenn ich stundenlang auf einer Waldhöhe zwischen den Stauden hockte, einsam, mit der Stirn zwischen den Fäusten, und hinuntersah auf den hoch gegiebelten Pfarrhof und hinaus zum fernen, von herbstlicher Sonne umsponnenen Gottesacker, in dem das erlöste Bertele schlief!

Auf ein einziges Erlebnis aus diesen Tagen der verstörten Waldrennerei besinne ich mich noch. Doch wenn ich es euch erzähle, so haltet ihr’s vielleicht für ein Nichts. Und mir war es ein märchenhaft Schönes, etwas Befreiendes – ich weiß nicht, warum.

Da lag ich eines Morgens im Schwarzbrunner Wald zwischen Brombeeren, die noch nicht reifen wollten. Und plötzlich huschte etwas durch die Sonne, hoch über mir, etwas Goldrotes oder Feuergelbes. Ich sprang auf und guckte – und sah nichts mehr. Da klang aus dem tiefen Wald heraus eine Vogelstimme – eine, die mir fremd war, obwohl ich doch alle Vogelklänge meines heimatlichen Waldes kannte. Aber dieser schmelzende Schlag – nein, so was Zärtliches und Süßes, so was Helles und Frohes hatt’ ich im Wald noch nie gehört. Ich fand auch gleich ein paar Worte für diesen Schlag und sang mit hoher Kopfstimme nach: „Gugl di schiiiu … gugl di schiiiu!“ Der Vogel schwieg. Doch als ich näher schlich und die Melodie des Schlages rein zu pfeifen versuchte, gab er wieder Antwort. Er saß auf einer großen, dicht belaubten Buche – musste hoch droben in der Krone sitzen – doch wie ich mich auch streckte und wie ich guckte, ich konnte den Wundervogel nicht erspähen. Weil sein Schlag so stark und schmetternd war, drum dacht’ ich mir: „Der muss doch mindestens so groß sein wie ein Kuckuck!“

Hatt’ ich eine unvorsichtige Bewegung gemacht? Der Vogel war stumm geworden. Und ohne dass ich ihn hatte fortfliegen sehen, schlug er nun plötzlich wieder im tieferen Wald, noch schöner und süßer als zuvor. Da empfand ich etwas wie den Hauch eines wundersamen Geheimnisses. Ich rannte, schlich und späte, und fand den Vogel wieder auf solch einer großen Buche, wie im Schwarzbrunner Wald nur wenige standen. Ich weiß noch, dass ich ganz von Sinnen schreien musste: „Du! Du! Du!“ Und da flog der Märchenvogel davon, grad über meinen Kopf hinüber – und sein Gefieder glitzerte in der Sonne wie pures Gold.

In heißer Aufregung kam ich mittags heim. „Papa! Papa! Papa! Heut hab ich einen Paradiesvogel gesehen!“

Der Vater guckte mich ruhig an. „Geh, du Kamel!“

„Aber ja!“ Ich erzählte.

„Das war doch nur eine Goldamsel!“, sagte Papa. „Drüben in Zusmarshausen, wo es viel Laubwald gibt, da kommen sie manchmal vor. Da wird sich halt eine zu uns herüber verflogen haben.“

Also gut! Nur eine Goldamsel! Aber verflogen? Nein! Die war zu mir gekommen! Zu mir! Zu mir!

– Nun sagt mir: Warum machte mich diese kleine, gar nicht merkwürdige Sache so froh und glücklich?

Ein paar Tage lang suchte ich in allen Laubgehölzen meine Goldamsel! Ich fand sie nimmer. Und glaube: Dieses Nimmerfinden war das Schönste an der Geschichte von meinem Paradiesvogel.

Eines Nachmittags, der im Herbst so mild und leuchtend war wie ein Tag im Frühling, kam ich von den Waldhügeln herunter zur Straße bei Ehgarten. Bevor ich noch aus dem Wald trat, vernahm ich unter leichtem Wagengerassel das Saitengeschwirr einer Gitarre, dazu zwei Singstimmen, eine helle, hohe, und einen tiefen Bass. Sie sangen das Liedchen:

Als wir jüngst in Regensburg waren,
Sind wir über den Strudel gefahren …

Zwei Komödiantenwagen! Ein Meerschweinchen! Und ich rannte, als wäre da drunten wieder die Goldamsel geflogen. In einer Zeit, in der alle Nerven meines jungen Lebens zitterten, kam mir da eine Freude entgegen, die ich mit Gier umklammerte.

Voraus fuhr der Zimmerwagen. Hinter den Fenstern sah ich eine alte Frau und ein zaushaariges Mädchen schlafend in den Ecken lehnen. Zwei Schauspieler waren mit einem Kartenspiel beschäftigt und droschen mit den Kartenblättern so mächtig auf ein unsichtbares Tischchen los, als müssten sie feste Nägel ins Holz hämmern. Auf dem breiten Bocksitz, der ein ledernes Vordach hatte, saß neben einem alten, die Zügel führenden Künstler ein mageres, ältliches Mädchen mit blau geschleiertem Strohhut, die Gitarre an der flachen Brust. Dieses Mädchen und der Alte sangen.

Dann kam der große, schwerfällige Dekorationswagen, den ein junger Schauspieler lenkte. An der Seite dieses Musenkutschers war ein freier Platz. Ich sprang über den Straßengraben und fragte, ob ich mitfahren könnte. „Komme Se ruff, jungs Herrche!“ Ein Franke! Einer aus der Heimat meiner Mutter! Aber das ‚Thiadr’ gehörte, wenn ich mich recht erinnere, einem Schwaben, dem ‚Tirächtr’ Binder, einem Bruder des berühmten Binder vom alten Münchener Volkstheater.

Nach einer Minute waren wir zwei schon gute Freunde, ich und dieser junge Künstler aus Franken, der ein Buchbinder gewesen und dabei eine Zärtlichkeit fürs ‚Boädische’ gewonnen hatte. Ich versprach gleich, dass ich helfen und, wenn Not an Mann wäre, auch mitspielen würde. So gut wie die Kellnerin, der Hausknecht und die Küchenmagd beim Fässlerwirt, die von reisenden Truppen zur Komplettierung des Ensembles requiriert zu werden pflegten, brachte ich die Schauspielerei wohl auch noch fertig. Aber das Repertoire gefiel mir nicht recht: Die Räuber auf Maria-Culm, der Viehhändler aus Oberösterreich, die Haberfeldtreiber usw. Von diesen Stücken hatte ich noch nie was gehört. Nur ein bekanntes war darunter – denkt euch: der Prinzenraub! Ach, das Elsbethle! Wo war wohl jetzt das Elsbethle? Und erinnert ihr euch der Geschichte vom braunen Samthösle?

Ich fragte den Künstler, ob die Truppe nicht auch was Klassisches hätte? Natürlich! Sie hatte den Müller und sein Kind. „Da flenne se glassisch!“ Doch meine Träume flogen höher, und es keimte ein Plan in mir.

Als wir am Forsthaus vorüber fuhren, sah ich meine Mutter im Garten bei ihren Blumen arbeiten. Ich stieg auf den Bocksitz, schwang das Hütl und schrie: „Frau Owerferschter, wölle Se uns nit aach die Ehr gewwe und unser Thiadr besuchche? Wir sein fränggische Gienstler us der Aschebercher2 Gechend.“

Die Mutter lachte hell hinaus. Das war seit vielen Wochen ihr erstes Lachen wieder. Dann rief sie: „Du Schliffel! Gehschte gleich runner da!“

„Neee, heut müsse mer noch ’s Thiadr baue!“

Ich fuhr mit dem Meerschweinchen zum Fässlerwirt hinunter und half beim Ausladen der Dekorationen.

Es fing schon zu dämmern an, als ich heimkam. Die Mutter hatte ihre Blumen begossen, und während ich von den Künstlern erzählte, saßen wir auf der grünen Hausbank. Die Blumen dufteten. Im Tal der Laugna schlichen schon die weißen Nebel über die Wiesen hin. Da begann in der blauen Dämmerung plötzlich die Waldkuppe des Schwarzbrunner Berges wundervoll zu leuchten von einem letzten Sonnengruß unter fernen Wolken. Mit den müden Händen im Schoß sah meine Mutter lange schweigend zu diesem Glanz hinaus. Und als das warme Glühen schon verschwinden wollte, sagte sie: „So was Helles und schönes sollt man allweil in seinem Leben haben, auch wenn es noch so dunkel wird!“ Dieses Wort ist wie etwas Ehernes in meinem Leben geblieben.

An jenem Abend war in mir eine frohe Trunkenheit. Nach dem flinken Nachtmahl rannte ich wieder zum Fässlerwirt hinunter, hatte was Heimliches in der Brusttasche und fand die Künstlerschar in großer Aufregung. Der Wirt wollte ihnen nicht pumpen. Und die Künstler hatten schnöden Hunger. Das vierzigjährige Töchterchen des Direktors – jene, die vom Regensburger Donaustrudel gesungen hatte – weinte bitterlich und sprach sehr viel von der heiligen Kunst.

Die Gelegenheit war günstig. Ich bezahlte sieben Kalbsbraten mit Zitronenpunsch – d.h. ich blieb’s der Kellnerin schuldig. Und als beim Punsch die Laune rosig wurde, rückte ich mit meinem heimlichen Büchelchen heraus und machte der Künstlerschar den Vorschlag, dieses Stück zu spielen: Goethes Iphigenie. Die vierzigjährige Liebhaberin war gleich Feuer und Flamme. Die anderen schnitten Gesichter. Doch die Verheißung weiterer Kalbsbraten und Pünsche tat ihre Wirkung. Und da verursachte auch die Kostümfrage keine Schwierigkeiten mehr. Der Direktor, der schon ein bisschen bekneipt war, versicherte: „Mer mach’ es! Mer mach’ es!“ Ich versprach auch noch, aus rotem und blauem Papier die Mäanderschlangen auszuschneiden und auf die aus Bettleinen zu fabrizierenden Tuniken und Mäntel zu kleben.

Am andern Morgen, früh um sechs Uhr, ging die Arbeit an, die dem Franken, der Vierzigjährigen und mir übertragen wurde, während die anderen das ‚Thiadr’ aufschlugen. Die Sache mit den Kostümen gestaltete sich sehr schwierig, weil die Leintücher nicht zerschnitten, nur drapiert werden durften. Auch war nur ein einziges, fleischfarbenes Trikot vorhanden, und wir brauchten vier. Dieses eine nahm der Direktor für sich in Anspruch, weil er ‚so hoorich’ wäre. Wir anderen machten eine Erfindung, die uns ungefähr fünfunddreißig Jahre später der Direktor Reinhardt vom Berliner Deutschen Theater nachmachte: Wir spielten mit nackten Schenkeln.

Die Vierzigjährige und der Franke lernten ihre Rollen aus dem Buch; ich hatte mir die meine herausgeschrieben: Den Pylades! Der König und Arkas verließen sich auf die Souffleuse.

Die drei ersten Vorstellungen des Meerschweinchens waren schlecht besucht. Welche Stücke da gegeben wurden, weiß ich nimmer. Ich weiß nur noch, dass sich die Liste der Kalbsbraten währen dieser drei Tage in besorgniserregender Weise vermehrte. „Herrgottfaxe, die Gschicht wird teuer!“ Obwohl die Portion nur zwanzig Kreuzer kostete! Ein Glück, dass der Freitag ein Fasttag war, an dem beim Fässlerwirt nur Rhrnudeln mit Kraut verabreicht wurden. Dessen ungeachtet standen auf meiner Rechnung schon siebzehn Gulden. Jetzt rechnet aus, wie viele Kalbsbraten, Pünsche und Maß Bier das waren! Aber meine Begeisterung hielt durch.

Am Samstag vormittags war die Probe. Dekoration: Fichtenwald und Kapelle. Ich spielte den Pylades mit einer Art von rAserei, die eigetnlich Sache des Orest gewesen wäre. Aus diesem wahnsinnigen Königssohn machte der Franke einen gemütlichen Schweinfurter. Thoas und Arkas wussten kein Wort – der König, bevor er die alte Souffleuse verstehen konnte, sagte immer: „Hmmtja!“ Nur die vierzigjährige Priesterin mit den mageren Knochenschüsserln – nein, die war großartig, einfach hinreißend! Ich schimpfte und heulte vor Wut, rannte aber doch den ganzen Nachmittag in allen Gassen des Dorfes herum und trommelte die Leute ins Theater.

Am Abend ein ‚bummvolles Haus’! Die Sorge wegen eines weiteren Wachstums der Kalbsbratenliste fiel mir von der Seele. Auch war ich überzeugt, ein bisschen was für die Bildung des Volkes getan zu haben. So schrecklich die Aufführung war – den Leuten gefiel sie. Es war eben doch ‚der alte Goethe’! Den nahmen sie nun freilich auf ihre Weise, ungefähr so wie den ‚Prinzenraub’. Und manchmal wurde trotz Goethe mächtig gelacht, besonders in einer Szene, in der sich der wahnsinnige Schweinfurter auf dem Boden wälzte; er hatte bei seinen nackten Schenkeln die Vorsicht außer acht gelassen, unter der Tunika eine Schwimmhose zu tragen.

In dieser Vorstellung ereignet sich außerdem eine Sache, die ich seit dreißig Jahren schon so oft erzählt habe, dass sie inzwischen eine bekannte Anekdote und ein Wandergast in allen Witzblättern wurde.

Die vierzigjährige Iphigenie mit den Knochenschüsselchen sprach: „Vernimm!“ Sie schlug den König auf die Schulter und rüttelte ihn immerzu, so dass er ganz wackelig wurde. „Ich bin aus Tantalus’ Geschlecht!“

Souffleuse: „Du sprichst ein großes Wort …“

Thoas: Duuu … hmmtja … du sprichst ein großes Wort!“ Er wird von der erregten Priesterin noch immer hin und her gebeutelt. Die Souffleuse souffliert ein paar Mal energisch das Weitere, und da tritt der biedere Arkas plötzlich auf und sagt zu der leidenschaftlichen Priesterin freundlich: „Geh, lass ’n aus!“

Kein Zuschauer lachte. Nur ich, hinter den Kulissen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Den glänzenden finanzeillen Erfolg dieses Abends wollte der Direktor warm erhalten, und drum gab er gleich am nächsten Abend ein neues Stück: Die Haberfeldtreiber.

Ich übernahm die Rolle eines oberbayrischen Bauernsohns, der in die Tochter eines Grafen verliebt ist und ihr in einer Mondscheinnacht – als ‚Einlage’ – ein Flötenständchen bringt. Am Vormittag war Probe, nachdem ich in der Nacht die Rolle gelernt hatte. Für diese künstlerische Aufgabe kam es mir sehr zustatten, dass ich Röhrenstiefel besaß. Von Wadelstutzen und Kurzledernen wusste ich damals noch nichts; ich zog meinen oberbayerischen Bauernsohn genauso an, wie die schwäbischen Bauernburschen gekleidet gingen – und sprach ihn auch so.

Doch am Nachmittag gab’s eine unvorhergesehene Wendung der Dinge. Der Fässlerwirt hatte meinem Vater die Rechnung über die vielen Kalbsbraten und Zitronenpünsche geschickt. Papa war sehr verdrießlich, und Mama verbot mir jede weitere Pflege dieser kostspieligen Freundschaft mit der Kunst. Ich konnte aber doch den Direktor nicht im Stich lassen und die Vorstellung des Abends nicht gefährden. Bei Anbruch der Dämmerung wollte ich ausreißen, aber da geschah mir wieder das gleiche wie damals, als ich Freiwilliger in der deutschen Armee werden wollte. Meine Röhrenstiefel waren konfisziert. Doch wahre Liebe zur Kunst überwindet alle Hindernisse. Ich rannte in den Hausschuhen davon, zog beim Fässlerwirt meine Strümpfe herunter und ließ mir vom Hausknecht bis übers Knie hinauf die nackten Beine wichsen. Sie glänzten wie die schönsten Röhrenstiefel. So kam ich auch nach der Vorstellung heim. Hier wollte wegen meines Ungehorsams ein Gewitter ausbrechen. Doch als Papa und Mama meine fein gewichsten Waden sahen, mussten sie so fürchterlich lachen, dass es keinen Groll mehr gab.

Aus literarhistorischen Gründen muss ich noch darauf hinweisen, dass ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal mit der ‚oberbayerischen Volkspoesie’ in seelische Berührung kam.

Die Künstler des Meerschweinchens hab’ ich dann nur noch von ferne gesehen. Sie hatten ja auch meine Zitronenpünsche und Kalbsbraten nimmer nötig. Jetzt machten sie gute Geschäfte. Die Theaterlust der Holzwinkler war geweckt, der Direktor spielte lustige Dummheiten, und da rannten die Leute scharenweis in die ‚Kameedi’, atmeten heiter auf und lachten sich nach erledigter Pfarrhofgeschichte allen Zorn und alles Grauen aus den gutmütigen Seelen hinaus. Meinen Vater und meine Mutter trugen sie wieder auf Händen. Auch war im Pfarrhof ein guter, kluger und freundlicher Priester eingezogen – und so begann der unter Stürmen gebrochene Dorffriede wieder grüne Schösslinge zu treiben.

In diesen letzten, ruhigen Ferienwochen trat ein Stück Vergangenheit wunderlich zu mir heran.

War das wirklich nur Zufall gewesen, dass mir der Künstler aus Schweinfurt unter dem Repertoire seines ‚Thiadrs’ auch den ‚Prinzenraub’ aufgezählt hatte? Und dass ich denken musste: „Ach, das Elsbethle? Wo wird wohl jetzt das Elsbethle sein?“

Ich kam eines Abends in der Dämmerung von der Laugna über die Wiesen her. Nicht weit von unserem Haus begegnete mir ein schlankes, städtisch gekleidetes Mädchen, das beim Vorübergehen zögerte, mich ansah und auf einen Gruß zu warten schien. Ich zog auch den Hut – nur so, wie man im Dorf jeden Menschen zu grüßen pflegt. Und dann musste ich mich umgucken. Das Mädchen war mir fremd. Und doch – ich weiß nicht – irgendetwas kribbelte in mir so komisch.

Als ich heimkam, sagte Mama: „Denk nur, Langerle, ’s Elsbethle sich dagewese. Die ischt bei Nagelschmieds auf Besuch. Und allweil hat’s gewartet auf dich, aber dann hat’s doch gehe müsse.“

Ich war den ganzen Abend in einer seltsam verdrehten Stimmung. Und in der Nacht musste ich viel an’s Elsbethle denken, empfand dabei etwas sehr Zärtliches und Liebes, aber auch etwas recht Unangenehmes. Ich konnte dieses verwünschte ‚Samthösle’ nicht aus meiner Erinnerung hinausjagen – jenes Samthöschen, das beim ‚Prinzenraub’ ein bisschen in seinem schönen Braun beschädigt worden war. Immer sagte ich mir: „Das ist zu dumm! Das Elsbethle ist doch damals noch ein Kind gewesen! Und was ein Kind getan hat, das darf man doch einem großen Mädel nicht nachtragen!“ Ich nahm mir heilig vor, gleich am andern Morgen zu Nagelschmieds hinauszulaufen.

Doch als es Tag wurde, rannte ich in den Schwarzbrunner Wald, blieb da bis zum Abend und nährte mich von den reif gewordenen Brombeeren. Und so drei Tage hintereinander. Erst am vierten Morgen wanderte ich unter Herzklopfen zu den Vatikanischen Gärten des heiligen Vaters von Welden.

Ich fand ein leeres Nest. Das Elsbethle war verschwunden, war am Morgen mit dem Omnibus nach Augsburg gereist. Und irgend jemand bei Nagelschmieds sagte mir: „Dees hat em Elsbehtle arg weah dau(n), weil it komme bischt!“

Dieses Wort schlug mich auf den Kopf, dass ich wie betäubt davonging. Ich hätte mir vor Zorn über meine Abscheulichkeit die Augen aus dem Gesicht reißen mögen. Aber was ich da gegen die Heiligkeit der Freundschaft gesündigt hatte, das war doch wieder gutzumachen! Das Elsbethle bleib in Augsburg noch eine Woche zu Besuch bei seiner Großmutter. Und in diese Woche fiel meine Reise nach Regensburg. Ich bettelte meinem Vater das ab, dass ich – um das Münchener Oktoberfest zu sehen, einen Tag früher reisen durfte, als er der Schulbeginn erforderte.

Ach, was könnt’ ich denn nur dem Elsbethle schenken? Ich zergrübelte mir den Kopf. Unter allem, was ich besaß, musste es gerade das sein, was mir selber mein Liebstes war! Mein größter Schatz war ein kleines, allerliebstes Büchelchen: Die alte, zierlich gebundene Ausgabe einer Geßner’schen Idylle, mit entzückenden Kupferstichen. In dieses mir heilige Büchelchen schrieb ich die Widmung:

„Reden, Handeln, Tun und Wandeln
Zeigt der Menschen Wesen nicht.
Was im Herzen sie, im stillen,
Fest verschließen, stumm verhüllen,
Ist ihr richtigs Angesicht.

Meiner Jugendgespielin Elsbeth
In treuer Freundschaft gewidmet,
Ludwig Ganghofer.“

Früh um fünf Uhr, in nebliger Kühle, fuhr ich mit dem dottergelben Omnibus von Welden ab. Während des vierstündigen Gewackels malte ich mir immer aus, wie sich mein Besuch beim Elsbethle gestalten würde. Ich sah etwas Liebes, Zärtliches und Frohes kommen. In Augsburg ließ ich mein Zeug auf dem Bahnhof und rannte dann, mit dem Geßner in der Tasche, ein paar Stunden durch die Straßen, um die anständige Besuchszeit abzuwarten.

Ein altes, engbrüstiges Häuschen in der Nähe eines noch älteren Tores. Eine schmale, dunkle Wendelstiege. Ich läutete. Und das Herz schlug mir, dass ich Schmerzen im Halse bekam. Die Türe tat sich vor einem finsteren Gängelchen auf. Und aus dieser Finsternis heraus, in der ich den Umriss einer schlanken, weiblichen Gestalt kaum unterschied, vernahm ich nach kurzem Schweigen zwei leise Worte: „Ach Gott!“ Was in diesen beiden Worten zitterte – war das Groll oder Freude? Ich brachte keinen Laut aus der Kehle. Und dann sagte das Elsbethle ruhig: „Bitte, wollen Sie doch eintreten!“

Sie ging mir voran in ein kleines, nach alten Dingen duftendes Zimmer, dessen schmale Straßenwand ein Erker mit winzigen Fensterchen war. In diesem Erker, auf niederem Antritt, stand ein Nähtischchen mit zwei hölzernen Stühlen. Hier saß eine alte Frau mit so großer Haube, dass man an Rotkäppchens Verwandtschaft denken musste. „Großmutter,“ sagte das Elsbethle der alten Frau sehr laut ins Ohr, „das ist der junge Herr Ganghofer, weißt du, aus Welden!“

Die graue Frau rollte ihr Strickzeug zusammen, stand schwerfällig auf und humpelte aus der Stube.

„Aber … Großmutter!“, sagte das Elsbethle erschrocken. „Warum bleibst du denn nicht?“ Die alte Frau war schon verschwunden. Das Elsbethle machte einen Versuch, mich anzusehen, und flüsterte: „Großmutter hört nicht gut.“

Noch immer hatt’ ich kein Wort gesprochen. Nun saßen wir im Erker, mit dem Nähtischchen zwischen uns. Das Geplauder tröpfelte nur, beklommen und leise. Wir sprachen vom nebligen Morgen, von der Sonne, vom Omnibus, von Regensburg, von lateinischen Büchern, von eisernen Brücken und Lokomotiven, die ich einmal bauen wollte, von Klopfstock und Lessing. Das Elsbethle sah mich nimmer an, guckte immer zum Fenster hinaus – und dabei konnte ich mutig ihr Gesicht betrachten, dieses schmale, liebe, ein bisschen sommersprossige Gesichtchen, das in heißer Verlegenheit brannte und nicht wusste, wohin es mit seinen Augen sollte. Ich wollte von Welden sprechen, von unserer Kindheit – nein, es ging nicht. Wie ein Riegel lag mir’s vor der Zunge, vor dem Herzen! Ach, dieses Gott verfluchte Samthösle! Immer hing es zwischen uns beiden in der Lust. Und das Elsbethle und ich, wir sagten ‚Sie’ zueinander. Und in meiner ratlosen Verzweiflung begann ich eine Geschichte zu erzählen, die ich in der Zeitung gelesen hatte: Von einem Neufundländer, der drei Kinder aus reißendem Wasser holte und die Rettungsmedaille um den Hals bekam.

Das Elsbethle sagte leise: „So ein tapferes Tier!“

Ich hörte das feine Ticken einer Uhr, die ich nirgends sah. Und musste fragen: „Warum schauen Sie denn immer zum Fenster hinaus?“

Langsam wandte sie mir das Gesicht zu, sah mir scheu in die Augen, bekam wieder dieses Glühen auf den Wangen, sah wohl auch dieses gleiche, unbehagliche Brennen in meinem Gesicht – und da wurde sie bleich bis in den kleinen, schmalen Mund hinein, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und plötzlich warf sie sich über das Nähtischchen hin, vergrub das Gesicht in den Armen und fing zu schluchzen an.

Erschrocken sprang ich zu ihr hin. „Aber Elsbethle! Jesus, was sich denn?“ Ich rüttelte sie an den Schultern, streichelte ihr Haar. „So schau nur, was hascht du denn? Ich denk ja doch gar nimmer dran! Wahrhaftig, ich hab’s doch schon lang vergessen! Ich bitt’ dich, so tu doch nimmer weinen! Ich kann dir’s doch schwören, dass ich gar nimmer dran denk! Schau nur …“

Das Elsbethle richtete sich auf, wischte mit den Handballen die Tränen aus den Augen und sagte mühsam: „Das alles ist doch so dumm von mir, so fürchterlich dumm …“ Sie sah mich an. „Adieu, Herr Ganghofer! Das war sehr schön von Ihnen, dass Sie mich doch noch besucht haben!“ Sie gab mir die heiße, zitternde Hand. „Adieu!“ Und ging zur Türe hinaus.

Lange stand ich ratlos und allein in dem kleinen Zimmer, das nach alten Dingen duftete. Draußen im finsteren Korridor musste ich lange herumtappen, bis ich die richtige Türe fand. Und wie mir die drei oder vier Stunden bis zur Abfahrt meines Zuges vergingen, das weiß ich nimmer. Meine Erinnerung klärt sich erst wieder bei dem Bild des Siebentischwaldes, an dem der Zug vorüberbrauste. Da bekam ich plötzlich einen furchtbaren Schrecken – weil ich in meiner Tasche die Geßner’sche Idylle mit der schönen Widmung fand. Wie hatte mir nur das passieren können! Hätt’ ich dem Elsbethle nur gleich beim ersten Wort das nette Buch gegeben! Dann wäre doch sicher alles ganz anders gekommen!

In meinem Zorn warf ich das Buch, als der Zug über die Lechbrücke donnerte, zum Kupeefenster hinaus. Es flog wie ein brauner Falke davon, wurde klein wie eine braune Lerche, schwamm wie ein welkes Blättchen auf den reißenden Wellen – und war verschwunden. – Das Elsbethle hab’ ich niemals wieder gesehen. Vor einigen Jahren ist meine Jugendgespielin als altes Jüngferchen gestorben.

Bei meiner Einfahrt in München fing es schon zu dämmern an. Damals standen noch nicht so viele Häuser neben dem Bahngeleis, wie heute. Man konnte auf langer Fahrtstrecke die Bavaria sehen, das Menschengewimmel und das Lichtergeblitze. Dieser fidele Rummel lockte mich nicht. Etwas Schönes wollte ich sehen, etwas namenlos Schönes! Diese Sehnsucht war in mir wie ein quälender Durst.

Ich ließ meinen Koffer und mein Ränzlein im Bahnhof, nahm nur den schottisch karierten Schal über die Schulter und fragte mich im Leutgedränge bis zum Hoftheater durch. Die Vorstellung war schon angegangen. Ich bekam noch eine Galeriekarte. Und als ich mich in diese schwüle Stickluft hineinzwängte, scholl aus einer matt leuchtenden Tiefe eine wundervoll berauschende Musik herauf. An die dreißig Menschen standen dick vor mir. Doch als der Vorhang aufging, war ich ganz vorne drunten bei der Brüstung.

Nun kamen vier Stunden eines selig staunenden Rausches, der mich das Elsbethle und alles, alles, alles vergessen ließ. Während des Zwischenaktes blieb ich wie versteinert immer auf dem gleichen Fleck. Dann wieder dieses fiebernde Trinken einer Schönheit, die mir wie ein ungeahntes Märchen war – Richard Wagners Tannhäuser.

Drei Namen dieses Abends sind mir im Gedächtnis geblieben: Anna Possart sang die Venus, Kindermann den Wolfram und Heinrich Vogl den Tannhäuser. Sie brachten mir von der Kunstform der Oper eine wesentlich andere Meinung bei, als ich sie mir im Augsburger Stadttheater gebildet hatte.

Der Vorhang war gefallen. Doch der Türschließer musste mir das erst noch einmal klarlegen, dass alles schon vorüber wäre. Das ganze Theater hatte sich geleert – und ich kauerte noch immer auf dem gleichen Fleck, schwer atmend und von Schweiß übergossen, ein entrücktes und verzücktes Menschenkind, den schottischen Schal an die Brust geklammert.

An Essen oder Schlafen dachte ich nimmer in dieser Nacht. Von meiner Begeisterung ganz besessen, rannte ich durch die Straßen der Königsstadt, durch Anlagen und Gärten.

Lange nach Mitternacht war’s. Ich saß unter Bäumen auf einer Bank, nicht weit von einer weißen Kolonnade – im Hofgarten. Da setzte sich eine Dame zu mir und sprach mich sehr liebenwürdig an. Natürlich erzählte ich ihr gleich von allem Seelenrausch dieses Abends. Sie hörte mir eine Weile freundlich zu – aber dann tat diese Dame etwas, worüber ich so zornig wurde, dass ich ihr meinen schottischen Schal um die Ohren schlug.

Diese Nacht, die mich auf einen leuchtenden Gipfel der Kunst gehoben, führte mich auch am tiefsten Dreck des Lebens vorbei.

In der Bahnhofstraße ein Johlen und Getorkel, im Wartesaal ein Rülpsen und Kotzen der besoffenen Bauern des Oktoberfestes. Und mitten in diesem Gedränge von Widerlichkeiten steht plötzlich ein junges, bildschönes Mädel mit seidenem Fransentuch und schimmerndem Riegelhäubchen, ein rosiges Madonnengesicht mit verträumten, glückseligen Augen. Und neben ihr ein fester, hoch gewachsener Bursch mit der Goldschnur um den Hut, mit einem ruhigen, glücksfrohen, sonnverbrannten Gesichte. Er hält den einen Arm um das Mädel geschlungen, und den anderen Ellenbogen vorkrümmend, macht er einen eisenfesten Zaun. Die beiden verschwanden im Gewühl. Doch heute, nach siebenunddreißig Jahren, seh’ ich noch immer dieses junge Paar so deutlich, dass ich es malen könnte.

Heißer Kaffee – und dann ein hartes, mühsam erkämpftes Winkelchen im Eisenbahnwagen. Ich konnte die Augen schließen – alles, was da knatterte und lärmte, versank für mich – und durch meine Träume rauschten die süßen, wirbelnden Geigenfluten des Hörselberges.

Als ich erwachte und zum Fenster hinausguckte, war heller, schöner Tag da draußen. Die herbstlichen Buchewälder, schöner Tag da draußen. Die herbstlichen Buchenwälder brannten unter reinem Himmelsblau, und aus zartem Dunst der Ferne stiegen die beiden schlanken, silberweißen, fein geperlten Türme des Regensburger Domes zur Sonne hinauf.

Der Bahnzug rasselte und jagte, als hätte er’s dringend nötig, mich schnell, nur schnell an die Donau und einem harrenden Geheimnis in die Arme zu bringen.

Ich fuhr dem ersten tiefen Herzensrausch meines jungen Lebens entgegen.

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1 Ja, einer Magd! Ich glaube, dass ich hier zum Bibelfälscher wurde, weil mir die Stelle missfiel, die erzählt, wie die Töchter des Lot ihrem Vater Wein zu trinken gaben. Nein – da ließ ich dem Lot doch lieber sein Weib. ^
2 Aschaffenburger.
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