Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 5

In der Zeit, in welcher rings um den verlorenen Pfarrer zu Welden das Wasser stieg, ging auch mir zu Regensburg das Wasser einmal bis an den Hals herauf, sogar noch drüber hinaus. Das ist ganz wörtlich gemeint. Nach schweren Gewittertagen war Hochwasser in der Donau. Wir waren in der Militärschwimmschule, und ich wettete um ein Krügl Bier und zwölf Regensburger Bratwürstln, dass ich zweimal über den hoch geschwollenen Strom hinüber und herüber schwimmen würde, ohne am Ufer zu rasten. Hinüber ging es ganz flott, herüber schon wesentlich langsamer, und als ich zur letzten Passage umgekehrt war und erschöpft die Mitte des Stromes erreichte, war ich mit meinen jungen Kräften fertig und begann stromab zu treiben. Schreien konnte ich nimmer, nur noch ein bisschen gurgeln – sah auch noch, dass sie weit da draußen in der Militärschwimmschule unter Geschrei einen Kahn ins Wasser stießen – dann ging ich unter. Während des Sinkens hatte ich nur diesen einen Gedanken: Ich komme schon wieder herauf, ganz bestimmt! Gleich darauf erlosch mir alles Denken in einem grauenhaften Angstgefühl, ich spürte stechende Schmerzen in der Brust, ruderte dabei noch immer mit Armen und Beinen, hatte etwas Grüngraues vor den Augen – denn dass die schöne blaue Donau blau ist, das ist nicht wahr – und plötzlich hörte ich einen stoßenden Hall in meinen Ohren, als hätte man an zwei ungeheure Glocken geschlagen, von denen die eine Tiefer klang als die andere. Und nun verwandelte sich meine Todesangst in ein Gefühl von namenloser Süßigkeit – –

Als ich die Augen aufschlug, lag ich in der Kabine des Schwimmmeisters auf der Pritsche. Und es waren Leute um mich herum, von denen ich vermute, dass sie mir die Arme und Beine ausreißen wollten. Dann hörte ich von der Türe her die schreienden Stimmen meiner Kameraden. Ich musste brechen. Mir war sehr übel. Erst als mir der Schwimmlehrer was Brennendes in den Hals gegossen hatte, wurde mir ein bisschen wohler. Man wickelte mich in eine wollene Decke, und so lag ich und duselte und hatte das Gefühl, als wäre die Haut meiner Brust in glühende Kohlen verwandelt. Dieses langsame Einschlafen war schön.

Eine laute Stimme und grobe Hände weckten mich. Vor der Pritsche stand ein Feldwebel, der fürchterlich schimpfte. Er wickelte mich aus der Decke heraus, untersuchte mich von oben bis unten, vorne und hinten, lachte, schlug mich mächtig aus nackte Quartier hinauf und sagte: „Na, da wär doch schad drum gewesen!“

Meine Kameraden waren nimmer da. Es war schon Abend. Langsam ging ich am Ufer der Donau hinauf bis zur alten Brücke, von welcher viele Sagen erzählt werden. Dann stand ich droben auf den steinernen Bogen und guckte in den rauschenden, rinnenden Strom hinunter, bis es dunkel wurde und überall die Laternenlichter zu blitzen begannen.

Am andern Morgen kam ich sehr stolz in die Klasse. Einer, der den Tod gesehen hat! Das ist doch eine Sache! Ich renommierte: „Der Tod sich gar nix! Bloß ein Glockenläuten! Und was merkwürdig Gutes!“ Was ich da sagte, das war kein jugendlicher Unsinn. Die Physiologen können euch dieses ‚Merkwürdige’ erklären.

Nun war da wieder ein Neues, Schönes, Geheimnisvolles und mir Freundliches in mein Leben getreten: Das Wasser, das große Wasser. Die Laugna in Welden war ja nur so ein kleines Bächle gewesen, die Donau in Neuburg eine mäßige Sache, die ich näher nicht kennen lernte, der Lech in Augsburg nur so ein Kiesgerinnsel, wo man durchwaten, manchmal sogar hinüber springen konnte. Doch jetzt dieses reiche, mächtige Ehepaar: Die rauschende, lebenslustige, nur ein bisschen gefährliche Donau, und der stille, tiefgründige Regen!

Ich wurde halb verrückt vor Zärtlichkeit für diese beiden neuen Götter meiner Jugend. An jedem Abend, an jedem freien Nachmittag, ob schön oder trüb, war ich mit einer Zille draußen. Und die ganzen Sonntage bummelte ich mit Ruder und selbst genähtem Segel auf dem beweglichen Boden herum, der keine Balken hat. Im plätschernden Wellenzug der Donau mit lustigem Gegaukel so hinzuschießen und dann aus Leibeskräften stromauf zu rudern, mit übereinander gebissenen Zähnen, keuchend, schweißtriefend am ganzen Leib, die Adern an Hals und Schläfen zum Springen geschwellt – was war das eine herrliche Sache! Man aß und schlief dann wie ein griechischer Herrgott. Und das Nötige für die Schule war am Morgen mit einer Stunde erledigt. Aber das viel, viel Schönere noch, ein Unbeschreibliches, war dieses andere: Nachmittags auf dem stillen, von Schattenstauden begleiteten Regen weit stromauf zu rudern und am Abend vom kleinen weißen Segel sich heimziehen zu lassen, so lautlos und sanft hinein zu gleiten in die violette Dämmerung, in die blaue Nacht, diesen hundert blitzenden Sternen entgegen, die vom Himmel auf die dunkel Erde gefallen schienen! Und dabei mit langen Beinen in der Zille zu liegen, ohne Hut, das Köpfl auf dem Steuerbrett, die Hände im lauen Wasser schleifend – und hinaufzugucken ins Ewige, und den murmelnden, wunderlichen und wundersamen Märchen zu lauschen, die das alte, kühle Großmütterchen alles Lebens zu erzählen weiß: Das Wasser!

Weil ihr doch immer sagt, es wäre nicht alles hell im Leben, so will ich ehrlich bekennen, dass auch dieses Schöne eine Schattenseite hatte. Dem Zillenmeister an der Regenlände musste ich für Schiffsmiete so viel Geld schuldig bleiben, dass ich es erst acht Jahre später bezahlen konnte.

In diese verrückte Leidenschaft für das Wasser riss ich nach und nach fast alle meine Kameraden hinein. An jenem Fronleichnamstag, an dem zu Welden die drei weißen Rosenjungfrauen einen Pyrrhussieg erfochten, führten wir auf dem Regen die ‚Seeschlacht von Actium’ auf, deren Friedensbedingungen auf dem Rektorat diktiert wurden. Eine Kleopatra konnten uns nicht feige verlassen, weil wir keine bei uns hatten. Wir fochten um die Ehre, nicht um das Weib.

Meine Passion für das Feuchte bescherte mir aber doch noch ein Abenteuer, bei dem ich beinah wieder so was ‚Merkwürdiges’ wie in jener Minute des Versinkens erlebt hätte.

An einem Samstagnachmittag, der einer schönen Mondnacht entgegenglühte, paddelte ich den Regen hinauf. Ich wollte machen, was man eine ‚stramme Tour’ nennt, und im Mondschein rudern bis zum Morgen. Meine Zille war ein winziges Nussschälchen, das ich, wenn Wehre oder schlechte Strecken kamen, leicht aus dem Wasser heben und auf zwei mit Rollen versehenen Latten über Land ziehen konnte wie ein Wägelchen.

Diese Mondnacht! Dieses stille Gleiten der schwarzen und weißen Dinge! Fein war’s! Aber eine Plage, dass ich an den Händen Blasen und Schwielen bekam!

Bei grauendem Morgen kam ich zu meinem vorgenommenen Ziel, zu dem Dorf Regenstauf. Oder ist’s ein Städtchen? Weil es eine Apotheke und ein Kaffeehaus hatte?

Erst schnarchte ich ein paar Stunden im Gras, bis der Hunger mich weckte. Ein Morgen mit funkelnder Sonne war’s. Quer durch die Wiesen ging ich auf die Ortschaft zu, kam auf eine Straße, und gleich das erste Gebäude war dieses Kaffeehaus. Ein kleiner, altmodischer Bau von zwei Stöcken, in einem hübschen Garten. Am Zaun eine dicht verwachsene Laube mit Tisch und Hufeisenbank. Auch vor der Türe noch Tisch und Stühle. Vom Garten trat man in die Kaffeestube, in der nur Platz an den Wänden war, denn fast den ganzen Raum verschlang ein großes, altes Beutelbillard, auf dem wohl schon die Helden der Befreiungskriege gespielt hatten, als es nicht mehr neu war. Die Sonne schien zu allen Fenstern herein und zeichnete in die goldigen Wandflecke den verkehrten Schatten der beiden Wörter Wein und Café, die man rot auf jede Fensterscheibe gemalt hatte.

Es war noch lange vor der Kirchenzeit. Ein junges Mädchen, sieben oder acht Jahre älter als ich – damals stand ich knapp vor meinem siebzehnten Geburtstage – war mit Räumen der Stube beschäftigt und blickte bei meinem Einritt verwundert auf, weil es zu so früher Morgenstunde wohl an Gäste nicht gewöhnt war. Ich bestellte mir ein festes Frühstück, das lange brauchte, bis es kam. Das Mädchen hatte sich sonntäglich umgezogen, trug ein nettes, hellblaues Blümchenkleid und hatte eine weiße Latzschürze vorgesteckt. Weil ich der einzige Gast war, konnte sie reichlich mit mir schwatzen und nippte auch mit einem freundlichen „Gesegn’ es!“ von meinem Heidelbeerwein. Ich wäre wohl fremd? Und woher ich käme? Schon so früh am Morgen? Als ich von meiner Nachtfahrt erzählte, wurden wir gleich gute Freunde. Sie sagte, das wäre auch ihr das liebste: Wasser und Mond. Alles, wonach ich auf dem Tisch greifen wollte, schob sie mir hin. Meiner grünen Jugend gegenüber mutterlte sei ein bisschen. Ich erfuhr auch blad ihren Namen: Annche. Sie war nicht Kellnerin, war die Tochter, hatte den Vater schon verloren, die Mutter war kränklich, und so musste das Annche die Wirtschaft führen und für die drei jüngeren Geschwister sorgen. Bei diesem Worte ‚sorgen’ war in ihrem Gesicht etwas, das mir gefiel. Dann stellte es sich heraus, dass ich ihren Bruder Jakob kannte, welcher Lehrer werden wollte und zu Regensburg in die Präparandenschule ging. Wir schwatzten und schwatzten. Und der Heidelbeerwein machte mir so wunderlich warm! Oder kam das von Annchens hübschen, frohen, herzlichen Augen? Immer wieder musste ich sie ansehen. Sie erschien mir viel schöner, als meine Stabstrompeterin seligen Angedenkens gewesen. Und ebenso rund war sie, im Gesichtl, an den Händen und – an allem. Doch je wärmer mir im Blut wurde, umso schwerer wurden meine Lider. Annche merkte das, lachte ein bisschen und bot mir das Kämmerchen ihres Bruders zum Schlafen an. Ich legte mich lieber in den Garten hinaus – und fragte das Annche noch, sehr höflich, ob ich den ganzen Tag bleiben dürfte. Sie lachte wieder, ohne zu nicken oder den Kopf zu schütteln.

Neben der Laube fand ich ein grünes Plätzchen. Der Morgen begann schon heiß zu werden. Ich nahm den Kittel und die Weste herunter, um ein Kopfkissen zu haben, zerrte ich den Hemdkragen auseinander und stülpte die Hemdärmel bis zu den Schultern hinauf, damit die Sonne meine ‚Schifferarme’, auf die ich mir sehr viel einbildete, noch brauner brennen möchte. Mit der Kappe über den Augen schlief ich ein.

Was war in meinem Traum? Ich weiß es nicht. Aber von diesem Traum muss noch etwas in mir gewesen sein, als ich heiß erwachte. Ich hatte keine Kappe mehr über den Augen. Neben mir im Gras saß das Annche, schräg auf die linke Hand gestützt. Sie sah mich lächelnd an und hatte in der rechten Hand eine große, weiße Kümmeldolde, mit der sie über meinem Gesicht die Mücken verscheuchte. Sie schwieg, ich rührte mich nicht und hatte nur immer den einen Gedanken: Das Annche küssen zu dürfen. Kann man solch einen bettelnden Gedanken in den Augen lesen? Das Annche warf plötzlich die Kümmeldolde fort, nahm mein Gesicht zwischen die Hände, beugte sich zu mir her und küsste mich auf den Mund. Ich umschlang sie, zog mich zu ihr hin, und als ich ihre Brust an meiner Wange fühlte, fing ich heftig zu zittern an.

Da sagte sie leise: „Brav musst du sein!“

Ich weiß nimmer, was ich bei dieser Mahnung dachte; weiß nur noch, dass ich sagte: „Das bin ich noch allweil gewesen! Glaubst du’s?“

Sie nickte. Und ich durfte meinen Kopf in ihrem Schoß liegen lassen. Ach, dieses wohlige, süße Kissen! Und das Annche fuhr mir immer mit der linken Hand durch den dicken Haarwald. Und manchmal beugte sie sich langsam herunter und küsste mich. Einmal fuhr ich erschrocken auf, in Sorge um das Annche: „Du! Wenn’s einer sieht!“

Sie schüttelte lustig den Kopf. „Es sind doch alle noch in der Kirch.“

Ich umhalste sie, fest und lange. „Aber du? Warum bist denn du nicht in der Kirch?“

„Die Mutter hat gesagt: Man kann doch einen fremden Menschen nicht allein im Haus lassen, man weiß doch nicht, wer du bist, du könntest doch auch was stehlen wollen!“ Sie legte ihren Mund an mein Ohr: „Hast ja doch auch schon was gestohlen!“

Die Freude brannte in mir: „Annele?“ Sie nickte schon, bevor ich noch das andere Wort gesagt hatte: „Dein Herz?“

Während wir uns küssten, fingen drei Glocken zu läuten an. Und viele, verwünschte Menschen kamen die Straße her. Annche huschte ins Haus. Mir brannte das Blut. Und während ich mich schlafend stellte, blinzelten meine Augen. Von den vielen Menschen da draußen kamen zuerst nur vier zu diesem letzten Haus. Voraus eine Magd, dann eine schwerfällige Frau zwischen einem Buben und einem Mädel von neun und vierzehn Jahren. Diese drei musste ich gleich lieb haben. Aber sie sahen mich misstrauisch an. Zwei Herren kamen, und wieder zwei, zum Frühschoppen. Und schließlich waren alle Sessel in der Stube besetzt und die Billardkugeln klapperten. Das Annche hatte viel zu tun; aber manchmal trat es vor die Türe, winkte mit den Augen zu mir herüber und verschwand wieder. Dann musste ich plötzlich fortrennen – weil ich gesehen hatte, wie ein alter Herr dem Annche die Wange tätschelte – und musste hinausrasen zum Ufer des Wassers. Meine Nussschale war noch da. Ich schleppte sie zwischen dicke Stauden, jagte wieder ins Ort hinein, ging langsam bei Annches Haus vorüber – und weil ich dann eine Apotheke sah, wollte ich mir was für die Blasen an meinen Händen kaufen. Nun gab’s eine Überraschung. Der Apothekerlehrling war ein Schulkamerad aus meiner Neuburger Seminarzeit. Die Freude machte mich ganz verdreht – jetzt hatte ich doch einen glänzenden Vorwand, um jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag wieder kommen zu können. Wir aßen zusammen im Kaffeehaus, und der kleine Apotheker machte dem Annche fürchterlich den Hof, worüber wir zwei Heimlichen was Glückseliges zu lachen hatten. Er und ich, wir spielten den ganzen Nachmittag Kegelbillard. Ich musste die Sache erst lernen. Und das Sprichwort vom Spiel und der Liebe scheint nicht konsequent zu stimmen. Er machte immer ‚Ver’ – und ich, obwohl ich mit den Augen nur beim Annche war, brauchte mit dem langen Stecken bloß zu puffen, dann fielen die Kegel, ohne dass die Kugel sich in den ‚Abgrund’ verirrte. So nahm ich dem Apothekerle mehr als einen Taler ab. Das war keine Freude. Mir wurde das Herz immer schwerer, je weiter der Uhrzeiger vorrückte. Um sechs Uhr musste ich fort. Und so dem Annche vor zwanzig Menschen mit zerdrückten „Auf Wiedersehen!“ nur die Hand geben zu dürfen – das war hart!

Doch als ich drunten am Regen meine Mussschale mit einem Fußtritt schon ins Wasser gestoßen hatte, vernahm ich einen klingenden Schrei. Etwas Helles, Liebes, Glückseliges kam flatternd über die blumige Wiese herübergejagt. Das Annche klammerte die Arme um meinen Hals, küsste, küsste und küsste mich – und jagte lachend wieder davon.

Du schöne Heimfahrt! Und ich bekam auch für mein Segel noch eine Briese, dass ich sie mir besser nicht hätte wünschen können, immer über die Haare her, nicht zu grob und nicht zu schwächlich. So konnt’ ich die wunden Hände, rasten lassen.

Von meiner Nussschale war ich immer des Glaubens, dass sie so etwas wie eine Seele hätte, die mich versteht. Während der folgenden vierzehn Tage verstand sie mich aber sicher nicht. Denn sie sah mich gar nimmer. Weil ich jetzt immer mit dem Kurierzug fuhr.

Dieser Mittwoch! Die Regenstaufer Billardspieler hatten am Werkeltag nicht viel Zeit. Annche und ich, wir saßen fast den ganzen Nachmittag allein in der Laube. Dabei wurden wir völlig stumm. Und das Annche musste mir immer barmherzig die Schweißperlen meiner Qual und Seligkeit von der Stirne trocknen.

Am Samstag merkten es schon alle im Haus, sogar die Kinder. Nur der zwanzigjährige Jakob, der über den Sonntag aus Regensburg herauskam, war blind und merkte nicht das geringste. Aber die Mutter machte große runde Augen, kam gegen Abend zu uns in die Laube und sagte: „Annche? Hast du denn ganz den Verstand verloren?“ Da sprang ich auf und ballte die Fäuste. Aber das Annche zog mich wieder auf die Bank hin und sagte ruhig: „Ich mag ihn ebe!“ Die Mutter seufzte, ging davon und wurde von dieser Stunde an sehr freundlich zu mir. Sie schien mich bei meinen siebzehn Jahren für ein ungefährliches Menschenkind zu halten und vergönnte dem geplagten Annche das harmlose Vergnügen.

Den folgenden Mittwoch war der Jakob wieder anwesend – weil er seine Wäsche holen musste, wie er mir sagte. Und als ich am Samstag in Regensburg auf den Bahnhof gewirbelt kam, stand er auch schon wieder da. Die ganze Woche hatte ich wahnsinnig für die Schule gearbeitet; ich musste etwas haben, um nicht auch bei Tag noch ans Annche zu denken; sonst wär’ ich verrückt geworden.

Am Samstag Abend versäumte ich in Regenstauf den letzten Zug. Ich will bekennen, dass es nicht Zufall war. Als ich, ganz verstört und verloren, wieder zurück ins Kaffeehaus kam, fuhr dem Annche ein brennendes Rot über das liebe, runde Gesichtl. Die Mutter seufzte wieder. Aber der Jakob sagte ganz ruhig: „Du kannst ja bei mir in der Stube schlafen, da steht noch ein leeres Bett.“ Wir saßen lange beisammen, tranken Heidelbeerwein und spielten Schwarzpeter. Nach jedem Spiel bekam ich einen schwarzen Strich ins Gesicht, sah schon fast wie ein Neger aus, und das Annche, während es den Arm um meine Schulter geschlungen hielt, musste immer lange, lange suchen, um in meinem Gesicht noch einen Platz für den neuen Strich zu finden. Dabei sprachen wir nicht, wir lachten nur – doch unsere Augen redeten, heiß und dürstend, verlangend und gewährend. Dann musste das Annche noch die Stube räumen. Ich wusch mir in der Küche das Gesicht – und dann gingen wir schlafen, der Jakob und ich. Als wir schon droben auf der Treppe waren, kam das Annche hinter uns herauf geflogen, nahm dem Jakob das Licht aus der Hand und sagte zu mir: „Komm, ich schenk dir was!“ Sie führte mich in ihr Stübchen, dessen Türe gegenüber von Jakobs Kammer war. Mir schlug das Herz bis in die Kehle herauf, und in meinen Ohren war wieder solch ein Klingen wie damals beim Ertrinken in der Donau. Und völlig blind war ich, sah von dem kleinen Stübchen nichts, nur Annchens Gesicht und ihre schenkenden Hände. Sie hatte mir aus Seide ein rotweißes Absolviaband gehäkelt. Ich sagte: „Das darf ich noch nicht nehmen, das musst du mir aufheben bis zum nächsten Jahr!“ Sie nickte, nahm mich um den Hals, und in unseren Gluten zitterten wir, als sollte unser Leben erfrieren müssen.

Nun lagen wir in den Betten, der Jakob und ich, und führten in der finsteren Kammer ein langes Gespräch. Wollt ihr raten, über was? Über Leben, Liebe, Jugend, über Glück oder Elend? Nein! Wir sprachen über den Kulturkampf und über das Jesuitengesetz vom 4. Juli, ich in brennender Erregung, Jakob ruhig und sachlich. Als ich draußen das Annche über die Treppe heraufkommen hörte, hämmerte mir das Herz so heftig, dass mir’s die Sprache verschlug. Nach einer Weile sagte ich: „Lass uns schlafen, Jakob! Wir machen heute die Jesuiten nimmer anders, als sie sind.“

„Hast recht! Gute Nacht!“

Eine fürchterliche Stunde. Ein Verbrennen an Leib und Seele. Und immer dieses Atem würgende Lauschen, ob der andere schliefe.

Er hörte nichts, als ich mich erhob; er rührte sich nicht, wenn die Diele knarrte; und ich hatte schon die Türklinke in der Hand.

Da sagte er: „Ludwig?“

Wie versteinert war ich.

Und er, in seiner Ruhe: „Schau, ich weiß doch, wohin du willst!“

Ich konnte nicht antworten.

„So geh, komm her zu mir!“

Der herzliche Laut seiner Stimme bezwang mich. Ich setze mich auf sein Bett. In der Finsternis nahm er meine beiden Hände.

„Komm, lass die was sagen, Ludwig! Ich weiß, das Annche hat dich lieb und will alles tun für dich. Willst du ihr zum Dank dafür das junge Leben verderben? Und das deinige dazu?“ Er sprach, ganz leise, und sprach – wohl eine Stunde lang. Dann sagte er: „Jetzt weißt du alles. Jetzt kannst du tun, was du willst. Die Tür da ist offen, und ich denk’, das Annche wird heut auch nicht zugeriegelt haben.“

Ich konnte mich lange nicht regen. Dann umklammerte ich Jakobs Hals und brach in Tränen aus. Er streichelte mein Haar.

Als ich schon wieder in meinem Bett lag, fuhr ich aus meiner Verzweiflung und Verstörtheit auf: „Jakob! Du musst hinüber zum Annche! Und musst ihr alles so sagen wie mir! Sonst bringt es mich um.“

Gleich stand er auf. Ich konnte hören wie er drüben an die Tür pochte und mit leiser Stimme fragte: „Annche! Bist du noch auf?“

Lange blieb er fort. Als er kam, da konnt’ ich nicht fragen; ich brachte keinen Laut aus der Kehle, obwohl mir immer war, als müsst’ ich schreien. Auch Jakob schwieg. Und bald konnte ich hören, wie er im Schlummer ruhig atmete. Ich lag mit offenen Augen, bis es Tag wurde. Dann stand ich auf, ging aus dem Haus und rannte – ich weiß nicht wohin – irgendwohin, wo ein Wald war.

Erst nach der Kirche kam ich zurück. Es waren schon viele Leute im Kaffeehaus. Das Annche war blass, hatte blaue Ringe unter den Augen und ließ sich von jedem alten Herrn die Arme und die Wangen tätscheln, ohne sich zu wehren wie sonst. Wir beide durften uns nicht ansehen – wenn wir es taten, kamen uns gleich die Tränen.

Dieser lange Tag war wie ein Mord.

Ich durfte an diesem Tag nicht bezahlen, was ich gesessen und getrunken hatte; denn weder die Mutter, noch der Jakob, noch die Magd nahm Geld von mir; und dem Annche konnt’ ich doch die Silberlinge nicht geben – ich hätte mir lieber die Finger abgebissen. In der Küche warf ich, ohne dass es jemand sah, die Geldstücke ins Herdfeuer.

Am Abend, als nur noch ein Viertelstündchen Zeit bis zum letzten Zug war, ging ich in den Garten hinaus, schon mit der Kappe in der Kitteltasche. Das Annche kam. In dem grünen Winkel hinter der Laube hielten wir uns umklammert, stumm, und unsere Küsse waren ein Trinken von Tränen. Plötzlich stand der Jakob neben uns. In Zorn fuhr ich auf: „Du? Was willst du schon wieder?“

Er sagte ruhig: „Es ist nur, dass du den Zug nicht versäumst. Und wenn’s dir recht ist, fahren wir zusammen.“

Wir wanderten zum Bahnhof, der Jakob und ich. Und in Regensburg ging er noch mit mir bis zu meiner Haustüre.

Seine Schwester hab’ ich nimmer gesehen.

– Annche? Lebst du noch? –

Die Seele meiner Nussschale verstand mich wohl auch jetzt nicht mehr. Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatte sie mich wieder. Doch immer war ich müde, wollte nicht rudern, wollte nimmer mit dem Wasser kämpfen. Ich fuhr nur so hinaus, irgendwohin, wo sonst kein anderer war. Und legte die Ruder weg, saß auf dem Steuerbrettchen, ließ mich schaukeln und heilt das Gesicht in die Hände gedrückt.

Dann war ich wieder daheim, in Welden. Und das Grauenvolle, das ich hier geschehen sah, rüttelte an meinem jungen Leben, schüttelte mir Leib und Seele durcheinander und drängte unmerklich aus mir hinaus, was wohl heißer in meinem erwachenden Blut als in meinem Herzen gewesen.

Bei meiner Heimkehr war das Letzte dieser Pfarrhoftragödie schon im Rollen. Ein wühlender Aufruhr ging durch das Dorf. Am 27. Juli, in einer Nacht, die nicht finster war, hatte eine Nachbarin des Pfarrhofes gehört, dass die Haustürglocke des Widums heftig gezogen wurde. Weil die Nachbarin glaubte, ein Mensch im Dorf wäre schwer erkrankt und begehre nach der letzten Ölung, sprang sei aus dem Bett, öffnete das Fenster und guckte hinaus. Vor dem Haustor des Pfarrhofes gewahrte sie eine weibliche Gestalt, die trotz der schwülen Sommernacht so dick vermummt war wie bei schwerer Winterkälte; und sie musste schnell gelaufen sein und den Atem verloren haben, weil sie sich erschöpft, wie in halber Ohnmacht an die Mauer lehnte. Die Türe wurde geöffnet, ohne dass ein Lichtschein aufleuchtete. Und die Nachbarin hörte in der stillen Nacht, wie das eingemummte Weib mit müder Stimme klagte: „Lasst mich ins Zimmer hinein! Ich möchte schlafen, schlafen, ich will Ruhe haben, Ruhe, sonst nichts!“ Nach der Stimme meinte die Nachbarin: Das müsste die Berta sein. Aber das blasse Bertele war doch seit dem Fronleichnamstage wieder irgendwo?

Die Türe des Pfarrhofes hatte sich hinter dem klagenden Weib geschlossen. Am Widum wurde kein Fenster hell. Die Nachbarin in ihrer Neugier wartete und wartete. Aus dem Pfarrhof kam niemand mehr heraus.

Am anderen Morgen traf die Nachbarin mit dem Fräule Kreszenz beim Metzger zusammen und fragte: Wer denn zur Nachtzeit in den Pfarrhof gekommen wäre? Zuerst bekam sie die Antwort: Niemand, keine Menschenseel’. Dann erinnerte sich das Fräule Kreszenz plötzlich, dass in der Nacht eine fremde Bettlerin geläutet und Einlass begehrt hätte; man hätte ihr ein warmes Süpple gekocht, hätte ihr ein Almosen gegeben, und dann wäre die fremde Bettlerin wieder fortgewandert – wer weiß, wohin?

Ein paar Tage – und durch das ganze Dorf hin tuschelten und schrieen es die Leute: Das Bertele ist wieder da; ist heimgekommen in jener Nacht, vermummt, erschöpft und müde bis auf den Tod! Und wenn die ‚Kennerin’ am Fronleichnamstage recht hatte, so muss beim Bertele jetzt Matthäi am letzten sein! Hundert Augen begannen den Pfarrhof zu bewachen und zu belauern. Man wollte in der Laugna keinen Fisch mehr schwimmen sehen, der weiße Händchen und weiße Beinchen hat. Wo zwei Menschen beisammenstanden, sprachen sie vom Pfarrhof. Wo die Bauern auf hügeligen Feldern arbeiteten, schatteten sie vor der Sonne immer wieder die Hände über die Augen und spähten in Zorn oder Neugier zum Widum hinunter, das sein steiles Dach über alle Dächer des Dorfes emporhob.

Eines Morgens, in der zweiten Augustwoche, ging ich mit einem Forsteleven auf die Rehprisch. Bei Ehgarten, auf der nach Augsburg führenden Straße, überholte uns de früh um 5 Uhr von Welden abgegangene Omnibus, in dem sich als einziger Passagier das Fräule Kreszenz befand. Am Abend kam sie – obwohl sie zur Rückfahrt den Omnibus hätte benützen können – mit einer Droschke von Augsburg heraus, stieg bei Ehgarten aus und legte den Weg bis zum Pfarrhof zu Fuß zurück. Die Droschke wartete bei Ehgarten, fuhr erst bei Anbruch der Dunkelheit ins Dorf hinein und übernachtete beim Rollewirt.

Eine Droschke in Welden! Denkt euch dieses Aufsehen! In solcher Zeit! Die Leute rannten aus allen Gassen zusammen. Und es gab Neugierige, die sich gar nimmer schlafen legten in dieser Nacht.

Kurz vor der vierten Morgenstunde, als es noch nicht völlig hell war, kam die Droschke zur Haustür des Pfarrhofes gefahren. Wegen der beiden Frauenbirnbäume, die vor dem Widum standen, konnte der Wagen nicht nah an die Türe heranfahren, sondern musste frei auf der Straße stehen bleiben. Verschiedene Leute, die der Droschke nachgelaufen waren, konnten sehen, wie das Fräule Kreszenz flink in die Droschke schlüpfte. Dann kam die sechzehnjährige Theres aus dem Pfarrhof herausgehuscht und reichte auf zwei Händen ein mit rotem Teppich umwickeltes Paket in die Droschke hinein. Der Wagen fuhr schnell davon.

Am gleichen Tag war ein Förster meines Vaters in Augsburg und traf dort nachmittags mit einem Lohnkutscher zusammen, der ihm erzählte: Einer von seinen Droschkenführern wäre am Morgen in Welden gewesen und hätte ein Fräulein mit einem Kind abgeholt; das Fräulein wäre zu Augsburg in der Nähe des Domes ausgestiegen; der Kutscher, neugierig geworden, wäre der jungen Dame nachgefahren; sie wäre rasch zum Wohnhaus eines hohen Geistlichen und von dort in den Dom gegangen, und als sie dann wieder aus der Domkirche herauskam, hätte sie das rote Paket nicht mehr gehabt; es müsse das ein sehr, sehr braves Kind gewesen sein; eine vierthalbstündige Wagenfahrt, und „Gschriee hot’s nit, koi(n) bissele nit!“

Noch am Abend des nämlichen Tages traf das Fräule Kreszenz mit dem neuen, dottergelben Omnibus wieder in Welden ein.

In der Nacht waren am Pfarrhof zu Welden alle Fenster beleuchtet. Und über die Fenster des oberen Stockwerkes sah man schwarze, eilfertige Schatten huschen. Um halb ein Uhr morgens kam die kleine Theres aus dem Widumsgarten herausgelaufen und rannte auf der nach Augsburg führenden Straße davon. Am folgenden Morgen – Sonntag, den 11. August – war mein Vater auf einer Frühpirsch in der Nähe von Kruichen. Er hatte einen Rehbock geschossen, den er im Rucksack trug. Als er aus dem Wald auf die Straße trat, sah er von Augsburg her einen schnell fahrenden Landauer kommen, der geschlossen war und leer schien. Papa wollte mitfahren und rief den Kutscher an. Doch der Wagen hielt nicht, und als er vorüber fuhr, gewahrte Papa, dass im Landauer die kleine Theres auf dem Wagenboden saß und sich duckte, um nicht gesehen zu werden.

An diesem Sonntag, vor dem Hochamt, sagte der Pfarrer in der Sakristei zum Lehrer, dass sein gutes Kusinchen Bertele ganz unerwartet, doch gesund und mit Gottes Hilfe völlig genesen von der Reise zurückgekommen wäre, mit einem Landauer aus Augsburg heraus. Und nach dem Hochamt rennt die kleine Theres zum neuen Benefiziaten Lippert: Er möchte doch schnell, schnell, schnell in den Pfarrhof kommen und dem armen Bertele, das schwer erkrankt wäre, die letzte Ölung reichen.

Mit eigenen Augen hab’ ich das gesehen, wie an diesem Sonntagvormittag die in Empörung scheltenden Leute sich zwischen Bräuhaus und Kirche auf der Straße drängten; wie die Männer mit geballten Fäusten stehen blieben und die Weiber niederknieten und das Kreuz schlugen, als die schrille Klingel des Mesners rasselte und der blasse Benefiziat im weißen Chorhemd und mit der heiligen Wegzehrung zum Pfarrhof eilte.

Es dauerte lange, bis der Benefiziat wieder aus dem Widum herauskam. Verstört und zitternd stand ich auf der Straße neben dem Lehrer Gsell. Der Lehrer sagte: „Herr Benefiziat? Um Gottes Wille? Was isch denn?“ Der hochwürdige Herr Lippert, kreidebleich und mit nassen Augen, sagte: „Das arme Bertele lebt kein Viertelstündl nimmer!“

Mir ging das wie ein grober Stoß ins Herz. Dem lieben, feinen, blassen Mädelein, das in dieser Stunde sterben sollte, war ich doch gut gewesen! Und nun brannte dieses Zärtliche plötzlich wieder in meinem innersten Leben, heiß und quälend.

Durch den Hof des Pfarrhauses sah ich die kleine Theres gegen den Garten laufen und über die Zaunstaketen auf die Straße klettern. Ich rannte ihr nach, wollte sie fragen, wie es dem Bertele ginge. Sie war aber weit voraus. Und da sieht sie in der Pappelallee den Einspänner des Doktors kommen, der irgendwohin über Land fährt. Doch statt dem Doktor zu winken und seinen Wagen anzuhalten, schmiegt sich die Theres hinter den Stamm einer Pappel, lässt den Doktor vorüber fahren – und dann rennt sie gegen den Marktplatz hinunter, zum Rollewirt. Mit dem Augsburger Landauer kommt sie vor dem Pfarrhof angefahren. Kreszenz und Pfarrer Andra, der an Händen und Knien schlottert, tragen das Bertele, das ohnmächtig scheint, aus dem Widum heraus und heben das arme blasse Dingelchen in den wagen. Die Kreszenz springt in den Landauer. Auch Pfarrer Andra, dessen Gesicht unter einem großen, breitrandigen Hut fast völlig verschwindet, will einsteigen und ruft zum Kutscher hinauf: „Nur schnell fahren! Schnell, schnell! Ums Himmelswillen, recht schnell!“ Er will die Hand fassen, die ihm das Fräule Kreszenz hilfsbereit aus dem wagen heraus bietet – doch da wird er von einem stumm schluchzenden Krampf befallen, macht kehrt und will zur Haustür hinein. Die Kreszenz springt wie eine Furie aus dem Wagen, fasst ihren geistlichen Herrn am Arm, und ihre Stimme schrillt: „O nein! Sie fahren mit! Sie auch! Oder ich mache keinen Schritt mehr in Ihr Haus!“ Herr Andra lässt sich in den Wagen ziehen – und der Landauer jagt davon.

Die Stimmung, die hinter dem verschwindenden Wagen im Dorf zurückblieb, vermag ich nicht zu schildern. Und die Bilder, die mir an jenem Tag noch vor den Augen vorübergaukelten, vermag ich nimmer zu fassen. Ich weiß nur noch, dass der Doktor, der bei einem Schwerkranken in Streitheim gewesen, am Nachmittag zurückkam, von den aufgeregten Leuten das Geschehene erfuhr und glich in den Pfarrhof eilte. Hier war nur noch die bleiche, zitternde, ganz verdrehte Theres da. Sie sagte dem Doktor, die ‚Tante Kreszenz’ hätte einen ‚Nervenanfall’ bekommen. Aber es wäre ihr gleich wieder besser geworden. Und jetzt wäre sie mit dem Herrn Onkel fort gefahren, nach Augsburg. Vom Bertele sagte die Theres kein Wort. Der Doktor sah das entfärbte, an allen Gliedern geschüttelte Mädel an – und schwieg – und ging davon.

Ich will, was in Augsburg geschah, nicht erzählerisch zu gestalten suchen; will nur aus dem Prozess, der vier Wochen später stattfand, die Aussage eines Zeugen wiederholen. Dieser Zeuge, ein praktischer Arzt in Augsburg, sagte aus: Am 11. August sei er zu einer schwerkranken Person in die Ottsche Badanstalt geholt worden. Dort habe er in einem Zimmer einen Pfarrer und ein Fräulein als dessen Nichte getroffen. Auf dem Kanapee lag die angebliche Patientin, die sich bei näherer Besichtigung als Leiche erwies, im Zustand vollständiger Totenstarre. Die Person musste bereits seit etwa vier Stunden tot sein. Dieser Konstatierung wurde vom Pfarrer und dessen Nichte heftig widersprochen mit der Behauptung, dass diese tote Person in der Ottschen Anstalt lebend angekommen wäre. „Das erschien mir etwas unklar. Am anderen Tag wurde ich zur Leichenschau gerufen und ließ dem Pfarrer sagen, dass in solchen Fällen eine den Sachverhalt klarstellende Sektion üblich sei. Der Pfarrer kam sehr aufgeregt und sagte, dass er die Sektion unter keinen Umständen zugeben könne, denn die Schwester der Toten habe nur auf die Nachricht hievon einen Herzkrampf bekommen, falle von einer Ohnmacht in die andere, und nach Aussage ihres Arztes sei dieser Herzkrampf so gefährlich, dass sie bei Ausführung der Sektion bestimmt zugrunde ginge. Ich suchte den Pfarrer zu beruhigen. Die Ohnmachten der Nichte fand ich nicht besorgniserregend. Daraufhin ersuchte sie mich um eine Privatunterredung und teilte mir mit, dass ihre Schwester mit einem Hauptmann ein Verhältnis gehabt hätte. Meine Frage, die Verstorbene werde wohl schwanger geworden sein, bejahte die Schwester. Ich fragte: Lebt das Kind noch? Sie sagte: Ja. Unter den heiligsten Beteuerungen versicherte sie, dass der hochwürdige Herr Onkel von dieser Schwangerschaft nicht das geringste wüsste. Nun nahm ich die Leichenschau vor. Dabei konstatierte ich, dass die Verstorbene eine Wöchnerin war.“ Die Todesursache war Bauchfellentzündung, die durch Mangel an sachkundiger Geburtshilfe hervorgerufen wurde und höchst schmerzhaft gewesen sein muss.

Von diesen Dingen wusste man in Welden am 12. August noch nichts. Diesem Dunklen gegenüber wuchs die Aufregung unter den Leuten mit jeder Stunde. Ein paar Getreue heilten auch jetzt noch gläubig am Pfarrer fest und erwarteten vom Himmel ein aufklärendes wunder für diesen Geweihten.

In der Nacht, bei beklemmender Schwüle, begannen Wolken aufzuziehen, und mit trübem Grau erwachte der Tag.

An diesem Morgen macht sich früh um halb fünf Uhr der Briefträger Häfele auf seinen Botenweg nach einem der Dörfer, die er abzulaufen hat. Er sieht auf einem versteckten Fußweg den Pfarrer Andra und das Fräule Kreszenz von Augsburg heimkommen.

Gegen 9 Uhr hört man in dumpfer Windstille einen Donnerschlag, ohne dass vorher ein Blitz geleuchtet hätte. Große Tropfen beginnen vereinzelt aus dem dunklen, tief hängenden Gewölk herunterzuklatschen – als fiele dem Himmel das Weinen schwer. Und plötzlich rennt bei uns vor dem Forsthaus ein Mensch vorüber, mit fuchtelnden Armen, wie ein Verrückter, und seine gellende Stimme zetert immer dieses eine Wort: „’s Bertele bringe se! ’s Bertele bringe se!“ Blitzschläge und Donner, als wäre das wirkliche Leben jählings ein mit groben Effekten arbeitendes Theater geworden. Und während der Regen herunterrauscht in weißgrauen Strömen, die bei jedem Blitze bläulich werden, stehen wir alle bei den offenen Fenstern und hören noch immer diesen verrückten Menschen gegen das Dorf hinunter schreien: „’s Bertele bringe se! ’s Bertele bringe se!“

Draußen auf der Straße fährt langsam ein schwarzer Wagen vorüber, umschleiert von den Güssen des Regens.

Ich will herausrennen, will zum Pfarrhof. Aber der Vater fasst mich mit seinen eisernen Fingern am Handgelenk und sagt: „Du bleibst daheim!“ Die Mutter steht noch immer regungslos am offenen Fenster, obwohl da draußen schon lange nichts mehr zu sehen ist, als nur dieser dicke Regen noch. Endlich wendet sich die Mutter, ihre Augen schwimmen in Tränen, und so sagt sie zum Vater: „Gustl! … Kann’s denn so was gebe? … Ach, lieber Himmel, das arme Ding! Das arme, gute Schaf!“

Das Gewitter zog vorüber. Doch der Regen fiel immerzu, bis spät in den Nachmittag hinein.

Ich konnte an diesem Tag nicht essen. Aber es gab an diesem Tag einen Menschen, den ich hätte erwürgen können. Und Bilder waren in mir, in meiner verstörten Seele – Bilder, wie ich sie im Leben noch nie gesehen hatte, wild, grausam und scheußlich.

An diesem Nachmittag, während der Regen rauschte, las ich in einem dicken Buch – in der Sulzbacher Bibel des Leander van Eß.

Ich las: „Die beiden Engel kamen nach Sodom des Abends, als Lot im Tore von Sodom saß. Da Lot sie sah, stand er auf und ging ihnen entgegen, und neigte sich mit dem Angesicht zur Erde und sprach: Siehe da, meine Herren1 Kehret doch ein in dem Hause eures Knechtes; übernachtet da und waschet eure Füße; dann möget ihr früh euch aufmachen und eures Weges ziehen. Sie aber sagten: Nein! Auf der Straße wollen wir übernachten …“

Ich weiß noch, dass ich bei dieser Stelle innehalten und in meiner Seele dieses richtende Wort wiederholen musste: „Nein! Auf der Straße wollen wir übernachten!“ Und während ich im Ofenwinkel den Kopf an die Mauer lehnte und das dicke Buch zwischen den zitternden Händen hielt, starrten meine Augen hinaus in das Grau des rauschenden Regens – und schauten brennende Bilder, eine brennende Stadt und brennende Menschen –

An diesem Nachmittag geht zu Welden der Leichensager unter dem Regen von Haus zu Haus und lädt zum Begräbnis einer unbefleckten Jungfrau ein. – Glaubt nicht, das wäre ein Wort von mir! Nein! So hieß es im Spruch des Leichensagers, wörtlich – in dem Spruch, den ihm das Fräule Kreszenz aufgeschrieben hatte.

Gegen Abend versiegte der Regen. Und die Leute liefen dem Pfarrhof zu. Der Tod, der da im Hause lag, hauchte auch diese empörten Menschen noch mit kalter Ehrfurcht an und machte sie stumm. Im Hausflur des Widums war die Leiche aufgebahrt. Hier wurde das Totengebet gehalten; die Leute kamen, beteten und gingen wieder – ein Zuströmen und Verschwinden, das kein Ende nehmen wollte. Nach der Dorfsitte war in der großen Küche Bier und Wein aufgestellt, Brot und Käse. Doch niemand aß einen Bissen, niemand trank einen Tropfen.

Der Pfarrer und das Fräule Kreszenz sind unsichtbar.

Im Hausflur ist ein dumpfes, eintöniges Gesumm der betenden Stimmen – „Gegeriseischtu Maria“ – hundert Menschen knien da auf den Steinfliesen, und die einen stehen auf und drücken sich hinaus, und andere drängen herein und beugen sich nieder – „Gegeriseischtu Maria“ – und auch die kleine Theres kniet und betet, dicht zu Füßen des Sarges, schwarz, und manchmal schlagen ihr beim Beten die Zähne aufeinander, als friere sie an diesem schwülen Sommerabend.

In der Dämmerung dieses Abends hab’ ich mich hergestohlen, um das Bertele noch einmal zu sehen. Ich komme nicht weit zur Türe herein, muss wie versteinert stehen bleiben auf dem gleichen Fleck – und bis in Leib und Seele wird mir übel von dem bitteren Dunst dieser vielen, regennassen Kleider und vom Hauch der Verwesung, die in der Sommerschwüle schon zu zerstören beginnt, was da weiß über den schwarzen Tüchern schlummert. Leise rauchen und flackern die gelben Lichter der Wachskerzen, die den Sarg umgeben. Ich sehe weiße, jungfräuliche Rosen und sehe weiß ein schmales, wächsernes Gesichtchen, dem ein weher, klagender Zug um den bläulichen Mund geschnitten ist.

Und während ich im sinkenden Dunkel heimstürze, halb von Sinnen, muss ich auf der Hügelhöhe unseres Gartens stehen bleiben und zurückschauen – und da ist im Westen unter den Wolken ein brandroter Streifen hingezogen über den Kamm der Wälder – und die Kirchturmkuppel bohrt sich schwarz in diese Glut. Und überall im Dunkel hör’ ich erregte Stimmen schreien.

Ich kann keinen Menschen mehr sehen, ich taumle hinauf in meine Mansardenstube und riegle hinter mir die Türe zu. Neben dem offenen Fenster sitz’ ich an dem kleinen Tisch, bei der schwelenden Kerze, und halte die brennende Stirn zwischen den Fäusten. Und plötzlich – wie ein Fieber war es – muss ich dieses Wühlende stumm aus mir herausschreien, muss ein leeres Schulheft nehmen, muss auf das weiße Blättchen des grün marmorierten Umschlages mit großen Buchstaben schreiben:

SODOM
Eine epische Dichtung (13. August 1872)

und muss auf der dritten Seite dieses leeren Heftes beginnen:

Der Himmel tat sich auf, ein Leuchten und ein Flammen
Fuhr nieder auf den Grund und lohte durch die Nacht,
Als ob das Sonnenheer des ganzen weiten Alls
Zu einem Lichte seine Strahlen einte.
Da schmolz der Wolken Schar zu weiß erglühtem Silber,
In einen Feuerball der Erde dunkles Rund;
Die Wälder loderten, die Berge brannten auf,
Und alle Luft schien Glut zu sein und Flamme.

Ein dumpfes Brausen war, ein Schüttern und ein Dröhnen –
So tönt und dröhnt es nicht, wenn Wolkendonner rollt,
Nicht, wenn der Sturmwind buhlt mit der erregten See,
Und nicht, wenn Berge wanken, Berge stürzen.
Ein dumpfes Brausen war, ein Schüttern und ein Dröhnen –
So, wohl, so mag es sein, wenn einst der Richter kommt,
Wenn die Posaune tönt, die aus den Gräbern ruft,
Und wenn die Erde birst am Jüngsten Tage.

Zu Sodom zitterten die Mauern der Paläste,
Die Schäfer fuhren auf aus wollustmüdem Schlaf,
Und wer den nackten Arm um einen Nacken schlang,
Dem wurde todesbang im Arm der Wonne.
Wer da den Becher heilt, ließ ihn erbleichend sinken,
Im lauten Schwelgerkreis ward jede Lippe stumm,
Jäh starrte jeder Fuß, der sich im Tanze schwang,
Es starb der Lieder Klang, die Saiten schwiegen.

Die vierte Strophe wollte mir nicht so aus der Feder, wie ich sie sah und fühlte. Es trieb mich vorwärts. Und so stenographierte ich in Prosa hin: „Übergang. Es war nur ein Augenblick des Schreckens. Dann wieder Stille. Und Nacht. Nur auf der höchsten Bergspitze des Libanon sieht man zwei menschenähnlich gestaltete Feuersäulen stehen; sie steigen herab ins Tal der verruchten Menschen; die Engel, die Rächer Gottes.“

Und wieder weiter mit jagender Feder, mit hämmerndem Herzen, mit Schweißperlen auf der Stirn:

Hat Sodoma geträumt? – geträumt, wie Schläfer träumen,
Die mit erhitztem Haupt aufs Lager sich gestreckt –
So, wie ein Kranker träumt, wenn ihm ein wildes Blut
In heißer Fieberglut durchtobt die Adern?
Lag denn nicht still die Nacht, durchhaucht von lauen Winden?
Sah nicht vom Himmel her aus leichtem Wolkenflor
Der Sterne goldner Schwarm? Gang nicht mit süßem Schall
Verliebt die Nachtigall in allen Büschen?

Schlug leise plätschernd nicht der Jordan seine Ufer?
Zog nicht der Blumen Duft dem Weg der Winde nach?
Und hauchte wispernd nicht durch Bäume, Busch und Ried
Ein wunderbares Lied von Glück und Ruhe?
War denn der Wein nicht süß? Nicht rot des Weibes Lippe?
Nicht weiß der schlanke Leib, der weich in Fellen lag?
War nicht bekränzt das Haupt? Hing Sodom nicht beglückt,
Lufttrunken und verzückt im Arm der Wonne?

So – wie ein Kind, das jach ein ferner Donner schreckte,
Von seinen Spielen flieht und steht und staunt und lacht
Und wiederum beginnt der Spiele frohen Lauf –
So atmet Sodom auf und lächelt wieder.
Der Schläfer, jach erweckt, schloss neu die schweren Lider
Und träumte von dem Tag, der neuen Freuden galt.
Luftsehend schmiegte sich aufs neue Brust an Brust
Und heiß in süßer Luft hing Lipp’ an Lippe.

Ein Priester, der zuvor am bläßten sich entfärbte,
Strich taumelnd das Gelock aus Schweiß betropfter Stirn
Und rief den Schwelgern zu: „Es ist die Nacht ein Weib
Und hat, just wie ein Weib, auch ihre Launen.
Füllt mir den Becher neu mit Noahs Freudentränen!
Auf, Mädchen, auf zum Tanz und gönnt uns euren Reiz!
Und du, mein Sänger, greif’ ins falbe Netz der Saiten
Und singe mir das Lied der sieben Lüste!

Wenn dumpf die Erde grollt, und wenn sie bebt und zittert,
Geschieht es nur aus Neid, dass sie die süße Luft,
Die unsern Busen schwellt, nicht mitgenießen kann
Mit offnem Arm und jauchzendem Behagen.
Und wenn der Himmel flammt und seine Sterne brennen,
Und wenn mein alter HERR von seinem Wolkensitz
Die Feuergrüße wirst, ist’s heiße Sehnsucht nur,
Atreb, nach deinem Kuss, du Weib der Weiber!“

Ich hörte die Mitternachtsglocke schlagen und vermerkte vor der nächsten Strophe diesen neuen Tag: „14. August.“

Die Schwelger lachten auf, es kicherten die Huren,
In alle Stirnen stieg der Freude neues Not,
Die Schenken gingen um, und aus bekränztem Krug
Ergoss der dunkle Wein sich in die Schalen.
Hell durch die Halle scholl der Saiten sanftes Klingen,
Der Weidenflöte Ton zu lautem Beckenschall,
Und in den dumpfen Hall der Paukenfelle klang
Der summende Gesang geschlagner Stäbe.

Sahst du am Morgen schon, wenn noch vom Waldesrande
Die Sonne nicht erstieg, aus feuchtem Wiesenland
Den Nebel auferstehn und aufwärtsziehn den Hang,
Leicht, lustig, flink, in zierlichen Gestalten?
So schwebte nun empor vom Schwellenraum der Halle
Der Tänzerinnen Schar und wogte durch den Saal.
Laut jauchzten aus dem Kreis die Zecher ihnen zu
Und freuten sich des spärlichen Gewandes.

Ein Leibchen, kurz und straff, davon in schmalen Falten
Den schlanken Rücken hin und rotes Linnen floss;
Die Hüften eng umschnürt mit buntem Bänderwerk,
Und wiederum ein Tuch entlang die Lenden –
– So, wie ein Mädchenmund im rosigen Geplauder
Das weiße Elfenbein der zarten Zähne zeigt,
So, wenn das rote Tuch erflatterte im Tanz,
Verriet’s den Marmorglanz der weißen Glieder – –

Da wurde mit zwei Fäusten an meine Türe geschlagen. Und draußen die Stimme meiner Mutter: „Bub? Was isch denn? Um Gotteswille, was isch denn? So mach doch auf!“

Ich brauchte eine Weile, bis ich meine fünf Sinne zusammenfand. Und weil Mama schon wieder an der Türe rüttelte, ging ich hin und schob den Riegel zurück.

Die Mutter sah mich an, und das unberührte Bett, und meinen Tisch, auf dem die Kerze flackerte, und wieder mich. „Ja bischt du denn noch gar nit schlafe gwese? Und was hascht denn so en rote Kopp? Ich hör dich allweil umeinandtrappe da herobe … und hab mer scho denke müesse, es fehlt dir ebbes?“

Ich konnte nicht antworten. Und Mama schien zu glauben, dass ich aus irgendwelchen Gründen ein schlechtes Gewissen hätte. Sie ging auf mein Tischle zu. Als sie das Heft mit den regelmäßigen Zeilen sah, schlug sie voll Erbarmen die Hände ineinander: „Ach, du lieber Herr Jesus! Dichte tu’r!“

Mama wollte lesen. Aber ich warf mich mit Brust und Armen über mein Heft. „Nein! Nein! Nein! Das darfst du nicht lesen! Das wird etwas Fürchterliches!“

Ihr lacht wohl jetzt?

Doch meine Mutter blieb ernst. Sie atmete schwer. Und sagte: „Freilich, ja, ich kann mir’s denke! Das ischt ein Tag heut gwese, von dem man ein Liedle singe müesst … aber gar kein schöns nit!“ Sie legte die Hand auf meinen Nacken. „Geh, Langerle, tu lieber schlafe! Das isch gsünder!“

Mama nahm die brennende Kerze aus dem Leuchter und ging davon.

In der Finsternis blieb ich noch lang an dem kleinen Tisch sitzen, glühend am ganzen Leib, den Mund überkugelt von heißen Tränen. Und ohne dass ich es wollte, formten sich in meinem wirbelnden Gehirn noch immer Worte, Verse und Strophen.

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