Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 4

Im Herbst 1871, als ich von meiner böhmischen Waldreise wieder in die Augsburger Schule zurückkehrte, kam ich zum Buchhändler Lampert in Wohnung und Kost. Hier lernte ich ein für meine Augen neues Stück Welt kennen: Einen regen und interessanten Geschäftsbetrieb, den Apparat eines stattlichen Hauses, in dem alles den Stempel der Gediegenheit hatte und das vornehm zugeschnittene, ruhige Leben einer Stadtbürgerfamilie von altem, verfeinertem Blut, wohlhabend und wohlerzogen.

Ich wohnte zusammen mit einem Stadtstudenten von St. Anna, mit dem Thomas Stettner, der mir ein herzlicher Freund fürs ganze Leben wurde. Von der ersten Stunde an vertrugen wir uns gut. Im Hinterhaus, dessen Fenster in einen märchenhaft alten Hof hinunterguckten, hatten wir eine gemütliche Wohnstube und ein nettes Schlafkämmerchen. Die Musik erwärmte unsere erste junge Freundschaft. Thomas war ein guter Violinspieler, sein Geigenklang gefiel mir besser als mein Flötenton – und ich hatte das immer gerne: Am Abend still und träumend im Ofenwinkelchen zu sitzen, während Thomas durch die dämmerige Stube wanderte und die alten, zärtlichen Volksliederchen geigte.

Außer uns beiden waren noch drei junge Leute im Haus, der Buchhandlungsgehilfe und die beiden Lehrlinge. Die wohnten unter dem Dach in den Mansardenstuben. Da droben saß ich halbe Nächte lang und verschluckte den Inhalt der Bücher, die mir die Lehrlinge aus dem Laden heraufschmuggelten. Wert und Unwert kollerte da wirr durcheinander: Heine, Rotteck, Börne, Lessing – der Mann im Mond und Clauren’s Mimili, zwei Bücher, die mich eher langweilten, statt mir das junge Blut zu heizen – die drei Musketiere, Tausend und eine Nacht, und der Graf von Monte-Christo, Bücher, die mich zittern machten in Glut und Aufregung. Die stärkste Wirkung unter allem, was ich da verschlang, übte Dantes Hölle auf mich. In der neu erschienenen Übersetzung von Krigar, mit den Illustrationen von Doré, und ein populärwissenschaftliches Buch, eine Urweltsgeschichte: „Vor der Sündflut“, von Oskar Fraas. Dieses Buch, das von der Wissenschaft längst überholt wurde, mag ich auch heute noch gerne lesen. Und dann seh’ ich auch immer wieder die Saurier durch die Schachtelhalmwälder wackeln, genau so, wie damals in den Träumen meiner Jugend. Und noch heute kann ich die heiße, jubelnde Freude nachfühlen, die damals sonnenschön in mir aufging, als ich eine Vorstellung vom Wesen der Welt gewann und das unerforschbare Alter des Lebens vergleichen lernte mit den 6000 biblischen Jahren. Damals, bei träumendem Aufwärtsstaunen zu den Sternen, begann in mir der Glaube zu keimen, der das Denken meines ganzen Lebens beherrschen sollte – der Glaube: Dass dort oben ein Gleiches sein muss, wie hier unten; dass alles ein Ewiges, Unendliches und Einheitliches ist; und in dieser Einheit blüht das Leben als eine Frühlingsblume, als eine Wandelform mit pochendem Herzen, das sich von keiner falschen Hoffnung betrügen zu lassen braucht und, froh und mutig, keinem Zwang und Wahn gehorchen muss, nur einem herrlichen Ewigkeitswillen und den sinngemäßen Gesetzen der Natur.

Damals, freilich, war das alles in mir noch wie ein Morgen unter Schleiern. Doch da droben in den Mansardenstuben, auf den Bettgestellen der Lehrlinge hockend, focht ich erbitterte Glaubenskämpfe aus und hielt meine ersten literarisch-kritischen Debatten. Die jungen Kameraden und Thomas nahmen solche Gespräche sehr ernst. Doch der kluge Buchhandlungsgehilfe mit dem goldenen Zwicker machte das, was er ‚kustische Witze’ nannte. Das war sein Lieblingswort. Alle Großen, die er verehrte, Heine, Saphir, Börne, Voltaire und der neue Demokrit, sie alle hatten nach seiner Meinung kaustischen Witz.

Der Umstand, dass diese geschmuggelten Bücherschätze für mich nur in der Nacht erreichbar waren, machte mich ungeduldig, wenn ich am Abend zu Besuch bei der Großmutter saß. Sie war von Ottobeuren nach Augsburg übergesiedelt; meine Schwester Berta, als Institutsmädel, wohnte bei ihr; und den Haushalt führte unsere frühere Köchin aus Welden, die Ottil, die noch immer gerne von vergrabenen Schätzen erzählte. Wir zwei Geschwister saßen am liebsten bei der Ottil in der Küche. Denn drinnen bei der Großmutter war’s ein bisschen langweilig. Eine ruhige, kluge, gute Frau. Aber sie strickte immer, guckte schief über die Brille hinaus, gab uns wohlmeinende Lehren und hatte uns immer im Verdacht, dass wir schon wieder irgendwas Schreckliches angestiftet hätten. Und eine Gewohnheit hatte sie, die mich nervös machte. Wenn ich vom Charcutier Eckert meinen kalten Aufschnitt zum Nachtmahl mitbrachte, musste die Großmutter von jeder Wurstsorte kosten – sie musste – oder sie wäre gestorben vor Wissbegierde. Das hatte zur Folge, dass ich schließlich immer nur eine Wurstsorte kaufte, und eine recht grobe, die den Wissensdrang der Großmutter nicht reizte: Leberkäs oder Presssack. Glaubt nicht, dass ich geizig war! Ich war nur hungrig. Immer, immer, immer hungrig. Und drum dachte ich auch so treu und anhänglich an meine verschwundene Würstlfee.

Bei Lamparts wurden wir gut und reichlich verpflegt. Aber mein sechzehnjähriges ‚Mägele’ war, wie die Mutter immer zu sagen pflegte, ‚ein Säckle, das koin Bode hat!’ Bei jedem Mittagstisch im Lampartschen Haus musste ich mich immer gewaltsam beherrschen, um nicht mehr Brot vom Laib herunter zu schneiden, als gerade noch anständig war. Einmal gelang mir diese Beherrschung nicht. Und da sagte der ‚junge Herr’ in seiner ruhig-strengen Art: Diese Brotfresserei, das ist unappetitlich.“ Mir schoss das Blut ins Gesicht, dass ich drei Stunden später noch brennheiße Wangen hatte.

Nur bei diesen Tafelzeiten kamen wir mit der Familie Lampart in Berührung. Der ‚alte Herr’ bekümmerte sich nicht viel um uns, er hatte immer sein Geschäft im Kopf, sprach wenig, doch was er sagte, hatte heiteren Klang. Sein Sohn, der ‚junge Herr’, war der Mensch gewordene Lebensernst und die personifizierte Akkuratesse. Die Schwester war ein schönes, hoch gewachsenes Mädchen mit Blauaugen und reichem Haar von hellem Kupferglanz, eine ‚Dame’, in deren Nähe ich mich angeschimmert fühlte wie von einer unnahbaren Göttin; sie war für mich eine Majestät, zu der man nicht reden darf, außer wenn man gefragt wurde. Nahe stand uns nur die ‚alte Frau’, die sich sorglich mit uns beschäftigte; wenn wir ins Speisezimmer traten, war in ihren Augen immer dieses Prüfen, ob wir manierlich gekleidet wären und saubere Hände und reinliche Nägel hätten. Bei aller Strenge hatte sie eine warme, freundliche Art und wurde nur böse, wenn ich in meiner Stube als ‚Chemiker’ eine Explosion verursachte, Schwefelgase entwickelte, deren fürchterlicher Gestank die ganze Wohnung verpestete, oder wenn ich sonst bei meinen wissensdurstigen Bestrebungen etwas Schreckliches anstellte.

Wir hatten im Realgymnasium Physik als neues Fach bekommen. Und da wurde ich gleich ein begeisterter Naturwissenschaftler. In der Schule ging’s mir zu langsam, ich wollte vorwärts, eile dem Pensum voraus, und mein ganzes Taschengeld verwandelte sich in Retorten, Glasröhren, Spiritus, Chemikalien und elektrische Apparate. Ich goss mir ein Elektrophor und peitschte stundenlang unermüdlich mit dem Fuchsschwanz auf den Harzkuchen los, um die feinen knisternden Funken aus dem Blechdecken ‚ziehen’ zu können. Mit einem großen Gurkenglas konstruierte ich eine Elektrisiermaschine und überlud meine Leidener Batterie so gründlich, dass schließlich immer alle Flaschen zertrümmert wurden. Den Kommodekasten verwandelte ich in eine ‚Bundeslade’, die kein Uneingeweihter ohne Gottesstrafe berühren durfte – wer ahnungslos den Schlüssel anfasste, bekam einen elektrischen Schlag, dass ihm Hören und Sehen verging. Alle paar Tage gab’s in der Ofenröhre eine Detonation, die immer das ganze Haus zusammenrief. Ich glaube, dass selten ein Mensch so viele schlechte Gerüche einatmen musste, wie mein geduldiger Stubengeselle Thomas. Er sagte nur manchmal: „Das schmeckt aber gar nicht gut!“ Eines Feiertages – ich trug meinen schönen blauen Sonntagsanzug – entwickelte ich Wasserstoffgas. Sehr einfach, das! Man nimmt eine Flasche, gibt Zinkstücke hinein, schüttet gewässerte Schwefelsäure drauf, stöpselt mit dem Glasrohrpfropfen zu – und wenn es in der Flasche zu wurlen und zu brodeln beginnt, kann man oben an der Glasrohrspitze das ausströmende Gas mit dem Schwefelhölzel anzünden. Das ist sehr schön, nur ein bisschen lebensgefährlich, weil sich Knallgas bilden kann. Und damals, da wurlte und brodelte es unten in der Flasche schon lange, doch oben wollte der Wasserstoff nicht brennen. Bei genauer Untersuchung nahm ich wahr, dass ich den Korkstöpsel statt einer hohlen Glasröhre einen massiven Glasstab hineingesteckt hatte. Als ich der mysteriösen Sache auf den Grund kam, war es schon zu spät. Ich konnte nur noch schreien: „Thomas! Spring weg!“ Da flog die Flasche schon in die Luft und krachte wie eine Kanone. Ehe noch die alte Frau Lampart händeringend herbeistürzte, sagte Thomas in aller Gemütsruhe: „Schau, jetzt hast du plötzlich einen gelben Anzug!“ So zitronengelb getüpfelt war auch das ganze Zimmer, jedes Möbel, jeder Vorhang, der Fußboden und die Tapete. Und zolltief waren die Glassplitter in die Mauer, in die Stubendecke und in das Holz der Türe geflogen. Von diesem Tag an durfte ich in meiner Wohnung nicht mehr experimentieren.

Das war ein tiefer Kummer. Aber die Hilfe fand sich. Im Realgymnasium lag, mit unserem Klassenzimmer durch eine Tür verbundne, das Laboratorium des Physikprofessors Schmitt, der sich durch einen schönen Christusbart auszeichnete. Diese Tür war natürlich immer versperrt. Aber innen steckte der Schlüssel, und sein Zipfelchen guckte aus dem Schloss zu uns in s Klassenzimmer herein. Meine Neuburger Karzergeschichte lebte wieder auf. An jedem Mittwoch verübte ich vormittags irgendeine Ungehörigkeit, die mir drei- oder vierstündigen Klassenarrest am freien Nachmittag eintrug. Saß ich fest und war der Pedell davongegangen, so packte ich mit meinem Zwickzängelchen den Schlüsselzipfel an der Tür des physikalischen Heiligtums, drehte ihn schwups herum – und war im Laboratorium. Herrgott, war das eine prachtvolle Sache! Die große Flaschenbatterie knallte wie ein kleines Ungewitter. Und die Wintersche Elektrisiermaschine mit dem Holzring brachte ich immer zur ‚Maximalleistung’. Ich vermute, dass Professor Schmitt an jedem Donnerstag Vormittag in sienem Laboratorium Erscheinungen konstatieren musste, die sich wissenschaftlich nicht erklären ließen: Dass Gläser und Flaschen ohne erforschbare Ursache zersprungen waren; dass die Leidener Batterie sich von selbst geladen hatte; dass die Scheibe der Elektrisiermaschine unbegreifliche Kratzer und Fettflecken hatte; und dass immer wieder ein physikalischer Apparat durch irgendeine dunkle Naturkraft beschädigt oder völlig ruiniert war. Der Pedell ging damals an jedem Donnerstag mit brennrotem Kopf herum. Und sehr häufig hörte man aus dem Laboratorium heraus einen heftigen Wortwechsel.

Schließlich wäre mein heimlicher Experimentalbetrieb doch wohl enthüllt worden. Doch es kam so, dass ich noch vor der Entdeckung den Schulstaub des Augsburger Realgymnasiums von meinen Röhrenstiefeln schütteln musste.

Eines Tages im schönen Vorfrühling erschien der neue Rektor in der Klasse und verkündete: Dass er jede Erlaubnis zum Theaterbesuch bis auf weiteres sistieren müsse, und dass es den Schülern des Gymnasiums bei Strafe der Dimission verboten wäre, eine Vorstellung der im Stadttheater gastierenden Rappo-Truppe zu besuchen; die Darbietungen dieser Gauklertruppe wären eine Entweihung der antiken Kunst und vom sittlichen Standpunkt schwer zu missbilligen.

Ich hatte bis zu diesem Augenblick von der Rappotruppe noch kein Wort gehört. Was war nun die Folge? Dass ich neugierig wurde und noch am gleichen Abend ins Rappotheater lief. Und so werden es wohl auch noch andere gemacht haben. Die Abschreckungstheorie ist kein Produkt der Klugheit. Und durch die Warnung vor der Unsittlichkeit erzieht man junge Menschen nicht zur Moral. Überdies waren die Vorstellungen der Rappotruppe von einer Art, dass man ihren Besuch ohne jedes Bedenken hätte gestatten können.

Ich gebrauchte die Vorsicht, erst fünf Minuten nach sieben Uhr ins Theater zu gehen, und bekam in dem dicht gefüllten Haus noch knapp ein Plätzchen auf der Galerie. Die Genüsse dieses Abends mussten mit unzählbaren Schweißtropfen verdient werden. Zuerst kam die Kalospinthechromokrene – ein Springbrunnen wurde unter zärtlicher Musik in wechselnden Farben beleuchtet. Und dann enthüllte sich die Rappo-Kunst: Junge, schön gewachsene Menschen, stark beleuchtet, entweder marmorweiß geschminkt oder mit Goldbronze überzogen, stellten antike Bildwerke dar, den sterbenden Fechter, den barbarinischen Faun, die drei Grazien, den Raub der Proserpina, den Apoll von Belvedere usw. Es war wunderschön. Nur bei der Laokoongruppe wirkten die ausgestopften Wurstschlangen sehr komisch. War das am Ende das Moralwidrige? Während des ganzen Abends wartete ich immer auf die Unsittlichkeit. Aber sie kam nicht. Und vor dem letzten Bild musste ich fort, um sicher wieder aus dem Theater hinaushuschen zu können. Doch allzu große Vorsicht ist nicht immer gut fürs Leben. Denn drunten bei der Türe prallte ich mit meinem Geometrieprofessor König zusammen, der wohl auch das Theater früher verlassen hatte, um nicht gesehen zu werden. Bei allem Schreck, den ich hatte, zog ich höflich die Kappe. Und dachte auf dem Heimweg: „Nein! Der zeigt mich nicht an! Ich bin doch sein Liebling in der Geometrie!“

Und doch hat er mich angezeigt! Ich dachte dann sehr schlecht von ihm – bis mir mein Vater ein paar Tage später mitteilte, dass der Herr Professor nur deshalb das Theater früher verlassen hätte, um nur ja von seinen Schülern keinem begegnen zu müssen; aber da ich ihm trotzdem in die Hände gelaufen wäre, hätte er in seiner Amtspflicht das nicht vertuscheln dürfen. – Das hab’ ich mir gemerkt, durchs ganze Leben. Und wenn ich manchmal glaubte, ich hätte allen Grund von einem Menschen schlecht zu denken, dann kam diese korrigierende Erinnerung: „Vielleicht ist das auch ein Geometrieprofessor? Du musst die Sache richtiger zu sehen versuchen?“ Immer gelang mir’s nicht, aber doch sehr oft. –

Also ich rannte am anderen Morgen sorglos in die Klasse. Nach Schulschluss kam der Pedell: „Ganghofer, aufs Rektorat!“ – Knacks! Mein Genick war gebrochen! – Und bekümmert eröffnete mir der neue Herr Rektor, dass sich am Nachmittag um meinetwillen der Lehrerrat versammeln müsste. Das Weitere würde ich vernehmen.

Während des Heimwegs hatte ich im Gehirn eine tote Stelle, die nicht mehr denken wollte. Und als ich langsam wieder zu mir kam; rührte sich der Trotz und mein Übermut. Ich glaubte zu wissen, dass ich keinen Pardon mehr finden würde. Die Dimission war feierlich angedroht. Und ich hatte schon etwas auf dem Kerbholz. Ein paar Wochen früher wurde mir, weil ich im Jähzorn grob auf einen Schulkameraden losschlug, das consilium abeundi erteilt – das heißt auf deutsch: Wenn noch das Geringste passiert, ist’s aus! Und nun war doch was passiert. Aber sie sollten mich nicht fortjagen! Da ging ich lieber von selber. Dieser Gedanke war auch schon ein Entschluss.

Am Nachmittag blieb ich ‚dem Unterricht fern’. Und machte unter der schönen Frühlingssonne einen Ausflug in den Siebentischwald. Ich war dabei der Meinung, dass mir ganz vergnügt zumute wäre. Damit mir aber doch der einsame Nachmittag nicht zu lang würde, kaufte ich mir bei einem Haustorantiquar ein Buch: Die Geheimnisse von Paris, von Eugen Sue. Der Titel war verlockend. Und der Antiquar sagte schmunzelnd: Das wäre ein sehr interessanter Roman, aber ich wäre wohl noch zu jung dafür. Natürlich kaufte ich jetzt das Buch erst recht! Wenn man jung ist, will man immer älter sein – später wird’s umgekehrt.

Ich schob das Buch in die Spensertasche. Und in dieser Tasche blieb es auch. Denn draußen im Siebentischwald war es zwischen den ersten Blumen, am Ufer des rauschenden Wassers und unter den knospenden, harzduftigen Bäumen so zauberhaft schön und linde, dass ich, statt die Geheimnisse von Paris zu ergründen, lieber auf dem Rücken lag und hinaufguckte zu den ruhig schwimmenden Silberwolken. Doch plötzlich, als der nahende Abend sich schon zu röten begann, musste ich mich aufsetzen. Was war denn nur das in meinem Herzen? Dieses abscheulich Drückende? Und dieses Dumpfe, Wirbelnde in meinem Gehirn? War das etwas Ähnliches wie damals in jener Nacht, in der mein Großvater gestorben? Mir war, als müsst’ ich vor Todesangst, vor Weh und Schmerzen schreien wie ein Tier. Und bei diesem Fürchterlichen musste ich aufspringen, musste rennen wie ein verfolgter Dieb, und so rannte ich, und rannte, rannte, bis ich spät in der Nacht die Fenster unseres Forsthauses in Welden leuchten sah.

Ich klettere auf den Zaun und konnte in die helle Stube gucken – und mein erstes war ein Gefühl der süßesten Erleichterung: „Gott sei Lob und Dank! Sie leben! Alle zwei!“ Diesmal brauchte sich in meinem Gehirn nichts umzudrehen.

Ich rutschte den Zaun hinunter – springen konnte ich nimmer, so erschöpft und fertig war ich an allen Gliedern. Den Mut, ins Haus zu treten oder ans Fenster zu pochen, fand ich nicht. Aber sehen musste ich sie wieder – diese beiden. Ich schlich in den Garten, lautlos und zitternd, kam immer näher ans Haus und stieg auf die hölzerne Bank. Hier stand das Fenster offen – und ich konnte das halbe Zimmer überschauen. Diese Stube! Diese liebe, weiße, friedliche Stube! Der Vater saß hinter dem Bierglas und mit der Pfeife am Tisch und arbeitete. Ich konnte das flinke Rascheln der Feder hören. Und neben dem Tisch saß die Mutter und spann – und taktierte beim Treten des Rades ein bisschen mit dem Kopf und lächelte leise vor sich hin.

„Ach, ja!“, sagte der Vater, legte die Feder fort und trank.

Und die Mutter – meine Mutter sagte, wie aus Gedanken erwachend: „Ach Gott! Was wird wohl unser Bueb jetzt mache?“

„Mein, der wird halt schlafen.“

„Und träumen von daheim.“

Ein Krampf befiel meinen Nacken, und mein Kopf schütterte so heftig, dass meine Zähne aufeinander schlugen wie in schauerlichem Frost. Blindlings rannte ich in die Nacht hinein, kam in das Gartenhaus, warf mich über den Tisch hin und brach in Schluchzen aus.

Seit jener Nacht begreife ich das: Wie frühe Jugend zum Selbstmord kommen kann, um der Schule willen. Seid verständig, ihr Lehrer! Ihr könnt ja auch gut sein, ich weiß es, ich hab’s erfahren! Seid auch vernünftig! Und streicht aus euren Schulvorschriften diese beiden niederträchtigen Fremdworte heraus: consilium abeundi und Dimission! Das ist Unsinn. Und kann Mord werden – und ist es schon oft geworden. Und ihr straft damit nicht den dummen, leichtsinnigen Junge. Nur immer die ahnungslosen Eltern.

Wenn ich jene verzweifelte Nachtstunde überlebte, so hatte das nur diesen einen Grund: Dass ich müde war zum Umfallen. Ich konnte wohl meinen Schmerz noch fühlen, aber nach dem Willen meines Schmerzes noch fühlen, aber nach dem Willen meines Schmerzes nicht mehr handeln.

Aus dem Gartenhäuschen hinaustaumelnd, warf ich mich wieder ins Gras und lag da, ich weiß nicht wie lange. Dann kam mir der Gedanke, mich dem Forstgehilfen anzuvertrauen, der drüben im Ökonomiegebäude sein Stübchen hatte. Meine Knie trugen mich kaum mehr da hinüber. Der Forstgehilfe war nicht daheim, die Stube finster. Als ich das Bett unter meinen Händen spürte, hatte ich nur noch diesen einen Gedanken: Schlafen. In den Kleidern und Stiefeln warf ich mich auf die Kissen hin.

Und dann erwachte ich, spürte zwei Hände an meinem Leib, hörte einen fürchterlichen Schrei. Irgendjemand rannte wie besessen aus der Stube. Und ich aus dem Bett heraus, ins Freie, um das Gebäude herum, zur Stalltür hinein, in den Stadel, über die Leiter hinauf zum Heuboden. Bis in den hintersten Winkel kroch ich, über alles Heu hinüber. Wo ich nimmer weiter konnte, war eine Luke in der Mauer. Da hört’ ich plötzlich Hundegebell und wirre, aufgeregte Stimmen – die Stimmen der Mutter, des Vaters und der Köchin. Das Mädel zetert: „Em Ghilfe sei(n) Bett han i aadecke wölle, und da liegt oiner drinne, so e Mordslackel von em Mannsbild, e Kerl wie en Olifant!“

Lichtschein fällt durch die Mauerlucke herein, und ich sehe da drunten im Hof den Vater vorübergehen, in erhobener Hand die Lampe und in der anderen Hand ein Gewehr. Durch mein Gehirn fährt der Gedanke: Jetzt werden sie den Hund auf meine Fährte geben, werden mich suchen, mich finden.

Wie ein Dachs, der sich einwühlt, zog ich alles erreichbare Heu über mich her, und dann lag ich und rührte mich nimmer – und spürte nichts mehr; es wurde wirbelig und dunkel unter meinem Haardach.

Als ich erwachte, fühlte ich ein Blenden von Licht in den Augen. Die Sonne schien zur Mauerluke herein, mir gerade ins Gesicht. Und halb erstickt war ich, hatte Atemnot und einen fürchterlichen schmerz im Schädel. Die Glieder konnte ich kaum bewegen, konnte mich nur langsam hinwälzen zur Mauerluke, um Luft zu kriegen. Während sich so liege und schnappe, hör’ ich die Stimme meiner Schwester, die Stimme der Ottil. Wieso kommt es denn, dass diese beiden in Welden sind? Aber das war leicht zusammenzureimen. Man wird mich in Augsburg am Abend vermisst haben, und da sind die beiden noch in der Nacht nach Welden herausgelaufen oder gefahren. Jesus, Jesus, was für eine Nacht müssen Vater und Mutter durchgemacht haben! Und was muss noch immer in ihren Herzen sein!

Ich wollte rufen. Doch meine Stimme war völlig erloschen. Nur pfeifen konnte ich, zweimal, dreimal – die beiden da drunten gucken zum Himmel hinauf, nach allen Seiten, laufen schreiend in das Haus – dann kommen sie in die Tenne gerannt, und Mama ist bei ihnen, und immer schreien sie: „Ludwig! Ludwig! Ludwig!“ Ich konnte nicht antworten, konnte mich nicht rühren.

„Aber Bueb! So geh doch! Wenn dein Mutterle ruft, so wirscht doch komme! Gell?“

Da löste sich dieser Bann in meinen Gliedern. Ich krabbelte aus dem Heu heraus, stieg über die Leiter hinunter – und die drei da drunten fingen schrill zu lachen an – und dann die Stimme der Mutter: „’s sich mer alles recht, alles, alles, weil mer dich nur wieder hawe!“ Als sie mich um den Hals nahm, fiel ich in Ohnmacht.

Ich wurde wieder munter und lag im Bett des Forstgehilfen und hörte die Mittagsglocke läuten. Mama saß auf der Bettkante. Und dies war das erste heisere Wort, das ich reden konnte: Hungere tuet mi!“

„Ja, Langerle, kriegscht glei was!“ Mama lief davon. Sie brachte mir eine meiner Lieblingsspeisen, bœuf à la mode mit gebackenen Kartoffelnudeln, und blieb vor dem Bett stehen und guckte mir immer zu, während sie redete. Vom Gymnasium wusste sie schon das Gröbste und schien die Sache sehr ruhig zu nehmen. „Aber Papa ist bös, Bub, arg bös!“ Sie räumte das Geschirr vom Bett. „Ich hab schon ein gutes Wörtle für dich eingelegt. Jetzt kannst dich noch ein Stündle ausrasten. Nachher stehst du auf und gehst mit Papa nach Augsburg hinein. Da wird sich schon alles wieder richte lasse.“ Sie wollte sich auf den Sessel setzen, auf meine Kleider, stand aber gleich wieder auf, weil sie was Hartes gespürt hatte. Die Geheimnisse von Paris. Und als sie das Buch aus meiner Spensertasche zog und den Deckel aufschlug, fuhr ihr das Blut ins Gesicht und ihre Augen blitzten vor Zorn. „Du Schschschweinkerl! Solche Bücher tust du lese!“ Sie schlug mir drei Mal die Geheimnisse von Paris ums Gesicht herum. „Jetzt mag ich schon auch nix nimmer wisse von dir!“ Mit Tränen in den Augen warf sie das Buch ins Ofenloch und verließ die Stube.

Seht, nun war ich für meine eigene Mutter ein halber Geometrieprofessor geworden. Ich hatte das Buch doch gar nicht gelesen. Und las es auch nie in meinem Leben. Sooft ich nach ihm greifen wollte, immer schob ich es wieder fort – und erfuhr von diesem Roman nur das Eine: Dass er zehn Bände umfasst, von denen mich er Augsburger Antiquar nur mit einem einzigen angeschmiert hatte.

Mutters Ärger war noch nicht völlig verraucht, als sie nach einer Stunde kam: „So! Papa ist schon vorausgegangen. Jetzt kannst du ihm nachlaufe!“ Erst beim Zauntürchen wurde sie wieder so herzlich, wie sie immer war. Und ich hatte ihr doch gar nicht gesagt, dass sie mir halb ein Unrecht getan.

Als ich um die Ecke des Gartenzaunes rannte, sah ich Papa schon weit auf den Wiesen draußen. Erst beim Schwarzbrunner Wald, wo ich einst den Schatz vergraben hatte, konnte ich den Vater einholen.

„Grüß Gott, Papa!“

Er gab mir keine Antwort. Schweigend wanderte ich hinter ihm her. Dabei musste ich viel an Dantes Hölle denken, die ich vor kurzem gelesen hatte. Wozu braucht man einen rächenden Gott? Es straft sich alles am eignen Herzen, am eigenen Blut, am eigenen Leib.

Das war eine fürchterliche Wanderung. Die Luft war frühlingskühl, und dennoch hatte ich das Empfinden, als ginge ich immer durch Feuer, zwei Stunden lang, bis in die Mitte des Adelsrieder Forstes. Wenn Papa seitwärts in den Wald hineinblickte, musste ich sehen, wie blass und vergrämt sein Gesicht war. Auf dem Arm hatte er einen dicken, schottischen Schal, wie sie damals im Frühling und Herbst an Stelle eines Paletots getragen wurden. Und diesen Schal nahm der Vater immer von einem Arm auf den andern, hin und her. Das konnte ich nimmer ansehen, konnte dieses Schweigen nicht mehr ertragen. Ich sagte: „Geh, Papa, ich bitt schön, lass ich doch wenigstens deinen Schal tragen!“

„Nein! … Du hast mir noch etwas Schwereres aufgeladen!“

Was ging in diesem Augenblick durch mein Gehirn? Ich weiß es nimmer – weiß nur noch, dass ich wie ein Hirsch über den Straßengraben hinüber sprang und in den tiefsten Wald hineinsauste.

Mit einer Stimme, wie sie beim Jüngsten Gericht erschallen könnte, rief der Vater: „Ludwig! Ob du hergehst!“

Ich gehorchte wie ein Hühnerhund. Eine Weile gingen wir stumm nebeneinander. Dann sagte Papa: „Erzähl mir, wie alles war!“

Als ich ihm die ganze Geschichte treulich berichtet hatte, schien er ruhiger zu werden; er hatte bis zur Stunde nur dieses eine gewusst, dass ich dimittiert worden wäre, doch nicht, warum; und da hatte er wohl meine Schuld schrecklicher gesehen, als sie war. Er atmete erleichtert auf und sagte: „Die könnten aber doch wirklich auch ein bissl vernünftiger sein! Wenn sie nur wüssten, wie viele Nächte ich jetzt wieder durcharbeiten muss, um die Kosten hereinzubringen!“ Und dann bürstete der Vater mir die Haare, gründlich! Es hat lange nachgehalten.

Am anderen Morgen, in Augsburg, ging er zum Rektor und kam dann sehr ruhig zu mir. „Du Kamel!“ Ganz wohl wurde mir, als ich dieses zärtliche Wort wieder hörte. Dann erzählte mir Papa die Sache vom Geometrieprofessor. „Sie hätten dich gar nicht fortgejagt, wenn du nicht die Dummheit gemacht hättest und selber davongelaufen wärst. Aber jetzt, natürlich …“ Längeres Schweigen. „Du kommst nach Regensburg. Übermorgen musst du reisen.“

Ich packte. Das viele Zeig, das ich hatte, konnte ich nicht mitnehmen. Was mit meinen elektrischen Apparaten geschah, das weiß ich nimmer. Meine Schmetterlingssammlung stiftete ich dem Augsburger Naturhistorischen Museum. Dort könnt ihr noch heute meine asiatischen Seidenspinner sehen.

Im Jahresbericht des Augsburger Realgymnasiums von 1871 auf 72 ist mein Name nicht mehr zu finden. Ich war ein Versunkener, der nicht mehr genant werden durfte. Es steht da nur zu lesen: „Ein Schüler wurde demittiert.“

In der Nacht vor meiner Abreise hockten wir beide, Thomas und ich, bis zum Morgen wach in unseren Betten und plauderten. Das war unser Abschied. Und am folgenden Abend saß ich zu Regensburg in einer kleinen Stube, vier Stöcke hoch, an einem kleinen Fenster, sah auf die rauschende Donau hinunter, die am Sockel meines Hauses vorüber floss, verschenkte mein herz an dieses neue Lebensbild und fand, dass Regensburg eine ganz unsagbar schöne Stadt ist.

Bevor ich nun weiter von mir erzähle, muss ich berichten, was während meines ersten Regensburger Semesters da draußen im schwäbischen Holzwinkel geschah.

Wie bei allen Kriegsführenden früherer Zeiten der Winter immer als tote Saison bezeichnet wurde, so war auch in Welden, sobald der Schnee die Dächer zu drücken begann, zwischen Pfarrhof und Gemeinde eine Art von Waffenstillstand eingetreten, ohne dass ein solcher geschossen worden wäre.

Um die Osterzeit 1872 installierte man eine Fahrpost zwischen Augsburg und Welden, und als der grün bekränzte dottergelbe Omnibus zum ersten Mal im Holzwinkel erschien, verursachte er freudiges Aufsehen und einen lärmenden Zusammenlauf erstaunter Menschen. Ja, eine große Sache, das! Welden war nun angeschlossen an das ‚Verkehrsnetz’, an das Leben der rauschenden Welt. Über diesem wichtigen Ereignis vergaß man fast den Pfarrhof ein bisschen. Doch der Hochwürdige tat das seinige, um sich wieder lebhaft in Erinnerung zu bringen. Es wurde Ende Mai ein drittes Kindchen in den Pfarrhof gebracht, das ein paar Monate alt und wieder eine Waise war, die vom wohltätigen Pfarrer und seinen barmherzigen Nichten in Pflege genommen wurde. Dieser Tatsache gegenüber ist festzustellen, dass die Schwestern Kreszenz und Berta seit dem Herbst auch nicht einen einzigen Tag aus dem Pfarrhof verschwanden. Allerdings begann in diesem wunderschönen Monat Mia das schwermütige Bertele schon wieder so bleichsüchtig zu werden, dass man einer neuerlichen Reise in Bälkde entgegensehen durfte. Damit nun da im Pfarrhof keine fühlbare Lücke entstehen möchte, kam Anfang Juni die kleine Wildkatz Theres wieder nach Welden zurück. Die war inzwischen ein zahmes, niedliches Kätzchen geworden, war hübsch frisiert, war anzuschauen wie ein nettes, voll erblühtes Mädchen, fast wie ein junges Weibchen – von 16 Jahren! Der ‚schwere Dienst in der Fremde’ hatte ihr gut angeschlagen. Und nun waren im Pfarrhof der hochwürdige Herr, alle drei Nichten und dazu drei Kinderchen versammelt – ja, nur drei – vorausgesetzt, dass sich der Nachtwächter Stanger im trügerischen Mondschein getäuscht hatte.

Bevor diese Tragödie mit Schauer zu Ende ging, bekam sie noch den Anschein eines Luftspiels. War im Pfarrhof Wäschetag gewesen, so hingen durch Hof und Garten an langen Leinen die Windelchen, die kleinen Hemdlein und die herzigen Jäckelchen fröhlich flatternd in der warmen Junisonne. Und täglich, wenn die Sonne des lieben Gottes am schönsten wärmte, konnte man die ‚heilige Familie’ in der Dirlitzenlaube des Pfarrgartens zu heiterem Spiel versammelt sehen.

Auf die Straße wagten sie sich nicht mehr recht hinaus. Dieses Spazierentragen und Spazierenfahren der Kinderchen hatten sie aufgegeben, seit auf der Straße ein armes Mädel ihr ‚lediges Büeble’ ind en pfarrherrlichen Korbwagen hineingesetzt hatte, mit den Worten: „So, jetzt mecht i ’s Meinige au emal spazierefahre lau(n), ’s Meinige sich au it schlechter, wenn sei(n) Vater au bloß e braver Baureknecht sich!“ Das Fräule Kreszenz geriet über diesen undelikaten Zwischenfall in hochgradige Empörung. Und zur Antwort auf ihre Zornergüsse wurde in einer dunklen Nacht ein langer Zettel mit sehr bösen Versen an die Pfarrhoftüre genagelt.

Fühlte der Hochwürdige, dass der Entscheidungskampf begann? Er antwortete mit einem scharfen Schuss, der die Wirkung einer Bombe hatte.

Am Fronleichnamstag, als die heilige Prozession sich zu formieren begann, erschienen die drei Nichten des Pfarrers als weiß gekleidete Jungfrauen, mit den Unschuldskränzlein in den Locken, und stellten sich an die Spitze des Jungfernbundes, der hinter dem Bild der heiligen Maria zu wandern hatte. Der Zug geriet ein bisschen in Unordnung, man hörte unfreundliches Gemurmel, sogar laute Schimpfworte, und mehrer Mitglieder des Rosenbundes verließen empört die keusche Fahne, zu der sie geschworen hatten. Aber die drei Pfarrhofjungfrauen blieben, und der Hochwürdige ließ die Glocken läuten und begann die heilige Handlung. Das Fräule Kreszenz schoss aus den flinken Augen Triumphblitze nach allen Seiten; die erblühte Theres lachte im Schmuck der weißen Rosen – und das Bertele, ein Bild des Erbarmens, war kreidebleich – so weiß wie die Rosen in ihrem Haar. Fast immer heilt sie die Augen geschlossen, und immer schien sie einer Ohnmacht nahe. – Eine Kennerin solcher Zustände, in ihrem bürgerlichen Berufe war sie Hebamme, erklärte damals: Das Bertele wäre zu fest geschnürt gewesen, und man hätte die weiße Jungfrau bei jener Fronleichnamsprozession auf den sechsten oder siebten Monat taxieren müssen.

Es war ein Pyrrhussieg, dieser Triumph der Fronleichnamsprozession. Während der heiligen Handlung war die empörte Gemeinde wehrlos. Doch am folgenden Abend warf man dem Pfarrer die Fenster ein. Darüber erschrak der Hochwürdige so sehr, dass er Sorge um das Leben der unschuldigen Kindlein empfand und die drei Kleinen bei Nacht und Nebel von Welden fortschaffen ließ. Und mit den Kindern verschwand auch das Bertele.

Eine Beschwerde, die von der Gemeindevertretung an das Ordinariat gerichtet wurde, blieb ohne Wirkung und ohne Antwort. Es musste noch erst ein Grauenvolles geschehen, ehe die geistliche Behörde das System ihrer Duldung preisgab und zur Rettung der Priesterwürde hemmend in die Speichen eines schon zerstörten Wagens griff.

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