Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 2

Der Fleiß für die Schule und dieses geduldige Stubenhocken schien nicht günstig auf meine gesunde Natur zu wirken. Ein junges, rundes Mädelchen, das im Haus war, irritierte meine Phantasie, und verursachte mir wunderliche Leiden. Ich begann da wieder einmal zu glauben, dass ich ‚krank’ wäre. Und hatte keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. Damals war mir alles menschlich Physiologische noch eine ziemlich dunkel Disziplin der irdischen Erfahrung. Ich sah mich in diesem martervollen Zustand allerlei Unerklärlichkeiten gegenüber, die ich trotz eifrigen Nachdenkens nicht klarzustellen vermochte. Die Tage wurden quälendes Unbehagen, die Nächte eine schwüle, zitternde Pein. Und ob ich in diesen Nächten wachte und sonderbare Bilder sah, oder ob ich schlief und von grotesken Unmöglichkeiten träumte – das eine wie das andere machte mich mager und verursachte mir unheimliche Schmerzen. Ich litt an schweren Erscheinungen, die ich nicht näher zu schildern brauche, da sie jeder Lebende kennt. Die Natur glänzt in dieser Sache nicht durch Vielseitigkeit.

Um der dunklen Hausplage zu entrinnen, fing ich jene unermüdliche Gassenrennerei wieder an, machte alle tollen Streiche der Kameraden mit und fehlte bei keinem Abendbummel auf der Maximiliansstraße. Dabei wurde ich wieder ganz der stolze feste Bub mit den maskulinen Glaubenssätzen der Dorfschule. Aber Klugheit und Ehrgeiz machten mich ein wenig zum Heuchler. Ich verachtete das Weib nur innerlich und durch einen völligen Mangel an Taten. Doch wenn meine Kameraden beim Bummel allerhand pikante Gespräche führten, durfte ich nicht als der Dumme, nicht als die Unschuld vom Lande erscheinen. Da musste man schwadronieren und um jeden Preis auf der Höhe bleiben. An konkrete Darstellungen meiner angeblichen Donjuanerien wagte ich mich wegen meiner lückenhaften Sachkenntnis in arte amandi nicht heran. Ich spielte den Verschlossenen, den Diskreten, beschränkte mich auf ein vieldeutiges Lächeln, auf kurze Kraftworte, und hatte immer heimliche Wege zu machen, bei denen ich ‚absolut’ keine Begleitung brauchen konnte – Wege, die mich zu einem Vorstadtantiquar, zu einem Briefmarkenhändler, oder zu einem Schmetterlingszüchter führten. Damit ich aber auch ein bisschen was Effektives zu zeigen hätte, wählte ich mir nach dem Beispiel der Kameraden einen ‚offiziellen Schwarm’. Sie war eine Konditorstochter in der Maximiliansstraße. Da konnte man beim abendlichen Bummel bedeutsame Augenwinke durch das Schaufenster hinein senden. Und kaufte man für 10 Kreuzer ‚Lagrizzezeltln’ oder einen Indianerkrapfen, so konnte man geheimnisvoll lächeln, den Ellenbogen vertraulich über die Ladenpudel legen und Gesten machen, die sich im Laden selbst recht harmlos ansahen, aber draußen von den Spähern vor dem Schaufenster ganz anders gedeutet wurden. Diese Sache spielte den halben Winter, ohne dass ich den Vornamen meiner Angebeteten erfuhr. Doch als mir einer meiner Kameraden und Nieder einmal vorhielt: „Du, die Deinig schielt doch e bissele?“ … antwortete ich mit der Ruhe eines gewiegten Herzensbrechers: „Was verstehscht denn du? Des sich doch grad das Reizvolle an ihr!“

Die Bummelbande begann aber schließlich doch an der Tatsächlichkeit meiner Erfolge zu zweifeln. Da bescherte mir ein freundliches Schicksal ein merkwürdiges Erlebnis, mit dem ich wirklich prahlen und die Zweifler überzeugen konnte.

Wenn wir nachmittags aus der Klasse kamen und den Bummel begannen, ging man in der Maximiliansstraße zuerst zum Charcutier Eckert und kaufte heiße Würstchen, die man dann auf der verschneiten Straße draußen mit Appetit aus der Papiertüte herausbiss. In diesem Laden, in dem es sehr lebhaft zuging, war auch eine hübsche junge Verkäuferin mit lustigen, schwarz glänzenden Kirschenaugen. Sie gab sich immer sehr freundlich gegen mich, und wenn wir im Dutzend anrückten, bediente sie mich immer zuerst. Ich weiß nicht, wie es kam – eines Abends musste ich zu ihr sagen: „Fräule! Sie haben zwei so liebe schwarze Äugerln!“ Sie lachte, beugte sich über den steinernen Ladentisch herüber und sprach ganz liese: „Und du hast zwei gute, nette, blaue Guckerle!“ Mir wurde heiß übers ganze Gesicht, als ich den Gulden auf den Marmor legte, um meine zwei Paar Würstchen zu bezahlen.

Erst auf der Straße merkte ich, dass dem lustigen Fräulein beim Wechseln ein Irrtum passiert war. Jetzt werden die Pessimisten unter meinen Lesern denken: Die kluge Schlange hat den grünen dummen Kerl mit einer liebenswürdigen Redensart eingeseift und hat ihn dabei um zwanzig Kreuzer beschummelt. Nein! Der Pessimismus kennt die Menschen schlecht. Die gute Seele hatte mir zehn Sechser herausgegeben, wieder einen vollzähligen Gulden! Ich rannte in den Laden zurück. Aber das Fräulein erklärte auf das bestimmteste, dass ich mich geirrt hätte. Ganz ernsthaft redete sie; doch ihre Augen lachten. Das Verständnis dämmerte mir auf. Aber ich wollte meiner zärtlichen Rechnung nicht trauen, bevor nicht eine verlässliche Probe gemacht war. Am folgenden Abend bezahlte ich meine drei Paar Würstchen wieder mit einem Gulden. Und wieder bekam ich zehn Sechser heraus. Das gleiche ereignete sich Abend für Abend. Ich wechselte die zehn Sechser immer wieder in einen Gulden um, die freundliche Würstelfee verwandelte den Gulden immer wieder in zehn Sechser. Meine Kameraden konnten sich mit eigenen Augen von diesem Wunder der Liebe überzeugen.

Vielleicht findet ein Leser, der mit dem Lebensgewicht der Korrektheit behaftet ist, mein Verhalten in dieser Sache nicht gentlemanlike. Aber als immerhungriges Studentlein mit fünf Gulden Taschengeld im Monat hatte ich niemals den Ehrgeiz, ein Gentleman zu sein, und so kann ich in der Geschichte meines Lebens bei der Wahrheit bleiben und bekennen, dass ich mir auf meinen galanten Erfolg sehr viel einbildete, und dass die Gratiswurst, die mir die Liebe zwei Monate lang an jedem Abend bescherte, ganz vortrefflich schmeckte. Aber dann gab’s einen Donnerschlag, wie er in vielen Märchen vorkommt. Eines Tages war die hübsche Verkäuferin aus dem Laden verschwundne, und ich musste meine zwei Paar Würstchen wieder genau so bezahlen wie jeder andere Sterbliche. Eine ganze Woche brauchte ich, bis ich den Mut fand, im Laden nach dem Verbleib des netten Fräuleins mit den schwarzen Äugerln zu fragen. Und nun denkt euch, was ich da erfahren musste! Meine gute Fee hatte – einen Stabstrompeter geheiratet. Erst war ich über diese Nachricht konsterniert, dann ein bisschen traurig, und schließlich wünschte ich in meinem Herzen dieser guten Seele, deren Namen ich nie erfahren habe, alles lachende Glück des Lebens.

Werdet nur nicht ungeduldig über die kleinen Harmlosigkeiten, die ich da erzähle. Ich glaube nämlich, dass sie wichtig sind. Und glaube, dass das Leben eines Menschen viel weniger von den großen Ereignissen der Daseinsfeste geformt wird, als von der stillen, intimen Kleinarbeit der Wochentage. Auch schreib’ ich die Geschichte meines Lebens nicht, um mich nach Art so vieler Selbstbiographen bedeutsam aufzuputzen und mich wichtiger zu machen, als ich bin. Ich will nur das Leben eines frohen Menschenkindes in allen Zügen schildern, um zu beweisen, dass man gerechte Ursach haben kann, das Leben zu leiben und an die Menschen zu glauben. Und weil mein Leben immer hell und heiter war, und weil ich wahr sein will und mein eigenes Leben besser zu kennen glaube als das Leben eines andern, drum wurde ich zum Biographen meiner selbst. Aber da müsst ihr nun dieses Leben auch so nehmen, wie es war – und müsst mich ehrlich auch das Kleine in seinem Gesichte schildern lassen, ohne literarische Frisur und ohne romantischen Spitzenbesatz.

Abenteuer mit Prinzessinnen und fürstlichen Frauen kann ich nicht auftischen. In ihre Nähe kam mein Leben erst, als ich schon nimmer auf Abenteuer ausging. Das will ich nicht beklagen. Die Singer und Sager haben mit hohen Damen niemals sonderlich frohe Erfahrungen gemacht; sie verlernten das Lachen und wurden Sänger eines Schmerzes, der für das Leben nicht typisch ist, also auch nicht notwendig. Denkt nur an den größten unter ihnen – an den einen, der alles kennen lernte, die Grotte der Egeria und die Hand, die werkeltags den Besen führt. Er sang das hohe Lied vom guten Gretchen. Doch er musste mit Schnellpostpferden Reißaus nehmen bis nach Rom hinunter, um einem Glück mit Wappenschild noch heil zu entrinnen. Doch ihr wisst auch, was ihn wieder tröstete und wieder lachen machte! Ein bescheidenes Veilchen, das er am Wege fand.

Ihr kleinen, stillen, niedlich blühenden Veilchen meiner Jugend! Ihr meines erwachenden Herzens huldvolle Königinnen, die ihr nicht Samt und Seide trugt, nur Mull und waschbares Leinen! Ich blieb euch dankbar durch mein ganzes leben. Denn nie verstandet ihr euch auf die kluge Geschicklichkeit, zu nehmen, nur auf die zärtliche Kunst zu geben!

Und du! In diesem blühenden Reigen von den ersten eine! Du Namenlose! Du mit den lachenden Kirschenaugen! Du Stabstrompeterin! Von der ich vermute, dass sie heute Großmutter von vielen Enkeln ist! Deine molligen Grübchenhände waren ein bisschen rot – und immer ein bisschen glänzend, ich will nicht sagen, wovon! Doch diese Hände verstanden es, heiter zu schenken. Es könnte sein, du Namenlose, dass mir deine roten Hände und dein heiteres Lächeln vom guten Herzen des Weibes ein Besseres erzählten, als die tausend Leider der Minnesänger und die kunstvollen Strophen des Troubadours. Und heute will ich dir bekennen, dass ich dich lange, lange nicht vergessen konnte. Ich habe dir feste Treu gehalten! Zwei volle Jahre gab es für mich kein neues ‚Weib’ – zwei Jahre und drei volle Monate hielt dein Angedenken mein junges Herz und Blut in ungestörter Schonzeit. Sei gesegnet! Amen!

Die Leidenschaften, die mir ferne blieben, ersetzte ich in jener ‚liebeleeren’ Zeit durch Passionen. Und jede betrieb ich mit Sturm und Glut. Zuerst wollte ich das Perpetuum mobile erfinden. Aber wie es jenem erging, der Gold machen wollte und das Porzellan erfand, so ähnlich erging es mir. Meine mechanischen Heimlichkeiten führten zur Erfindung einer Gummischleuder, mit der man einen die Nachtruhe störenden Hund vom dritten Stock herunter so fürchterlich hinaufschießen konnte, dass er heulend durch sieben Gassen rannte.

Dann kam wieder die Markensammelwut an die Reihe. Ich wurde Spezialist und setzte meinen Ehrgeiz darein, alle Thurn und Taxis und die sämtlichen ‚Nester’ von Brasilien zu besitzen.1

Nach wenigen Wochen eine jähe Rückkehr zur Natur! Schmetterlinge! Und weil ich im Winter nicht zum Fang hinausrennen konnte, verlegte ich mich auf den Handel, auf Kitsch und Kauf. Ich brachte unter allen Augsburger Sammlern die reichhaltigste Kollektion von asiatischen Seidenspinnen zusammen.

Neben der Schwärmerei für die schöne Natur versuchte ich einen Flug ins Reich der Kunst. Alles Schulleben jenes Winters ist in meinem Gedächtnis erloschen. Nur die Erinnerung an den Zeichnungsunterricht, den ich gern besuchte, ist in mir hell geblieben. Wir machten da prachtvolle Konstruktionen, tuschten nach Kartonmodellen und zeichneten nach Gipsköpfen. Und weil mir ein paar Tonflächen, ein paar Akanthusblätter und Götternasen nicht übel gelangen, fühlte ich mich zum Künstler berufen, ließ mir das Haar nimmer schneiden und gewöhnte mir eine für meinen künstlerischen Beruf ganz unentbehrliche Handbewegung an: Mit der rechten Hand genialisch durch den wuchernden Lockenwald zu fahren. In Glut und Eifer studierte ich die Kunstkritiken der Augsburger Abendzeitung und eignete mir Worte an wie: tonig, kaltes Licht, pastos, gruppiert, überschnitten, dekorativ, staffaschig usw.

Sitzt ein Spatz auf der Stange, so fliegt auch gleich ein zweiter zu. Ich war schon kunstkrank, als ich auch noch vom Fieber fürs Theater befallen wurde. Nicht mit einer klassischen Tragödie begann das, sondern mit Nestroys ‚Lumpazi Vagabundus’. Ob dieses Stück im Augsburger Stadttheater gut oder schlecht gemimt wurde, kann ich nicht entscheiden. Ich weiß nur noch, dass es für mich ein Rausch von Freude und Heiterkeit war, von Jubel und Begeisterung. Unvergesslich ist mir der Name des Komikers Witz geblieben, der den Schuster spielte und mit so urwüchsiger Derbheit extemporierte, dass die kichernden Frauenzimmer im Zuschauerraum immer die Hände vor die Augen hielten. Es war eine Aufführung, von der ich heute glaube, dass in ihr noch ein Atemzug aus den Zeiten der wildesten Hanswurstiaden lebte. Und wer hätte mir an jenem lachenden Abend vorausgesagt, dass ich fünfundzwanzig Jahre später mithelfen würde, die Gesamtausgabe Johann Nestroys zu redigieren?

Mit diesem Abend begann für mich ein unersättliches Theatergerenne. Um mir die ersehnte Freude zu verschaffen, machte ich’s wieder wie beim Neuburger Lesefieber und verkitschte, was von meinem bescheidenen Eigentum einen Groschen bringen konnte. Den stärksten Eindruck unter allem, was ich zu sehen bekam, machte auf mich die Rollerszene in den Räubern. Sie regte mich derart auf, dass ich plötzlich, in der atemlosen Stille des Hauses, einen gellenden Laut gegen die Bühne schrie und aus dem Stehparkett hinausgeführt wurde, weil die Türschließer vermuteten, ich wäre irrsinnig geworden – eine Diagnose, die ich in meinem Zorn über die erlittene Behandlung mit den Worten widerlegte: „Ihr Oxe! E dichter wird wohl no wirke därfen auf oin!“

Den Roller hatte kein Schauspieler dargestellt, sondern ein Opernsänger, der junge Baritonist jener Spielzeit. Ihm zuliebe besuchte ich die nächste Oper, in der er beschäftigt war. Aber da gab’s eine Enttäuschung. Was ‚Oper’ hieß, missfiel mir gründlich – trotz meiner Zärtlichkeit für alles, was Musik war. Ich begriff nicht, warum die handelnden Personen immer singen mussten – und es ernüchterte mich, wenn die Helden und Heldinnen so dumme Bewegungen machten und das Maul so fürchterlich weit aufrissen. In den kritischen Gesprächen mit meinen Kameraden bezeichnete ich die Kunstform der Oper als ‚ebbes Unsinnigs’ und beschränkte mich dann ausschließlich auf den Besuch des Schauspiels. Das war ein wunschloses Genießen, ein dankbares Stillen meines Schönheitsdurstes, aber keine Fütterung meines Ehrgeizes. Immer galt meine Begeisterung dem Ganzen, nie dem einzelnen Komödianten, der auf mich wirkte. Die Schauspielerei erschien mir nicht als eine rechte Kunst, nur als eine amüsante Sache, die man bei einigem Geschick und gutem willen lernen kann wie das Tapezieren. Und aus meiner Theaterbegeisterung wuchs mir auch niemals der leiseste Wunsch heraus, Schauspieler werden zu wollen. Von dieser Torheit der Jugend blieb ich verschont. Der viele Theaterbesuch dieses Winters befruchtete aber auch keinen anderen Keim meines Lebens. Seit der bösen Erfahrung, die mir die Philippine Welser gebracht hatte, war ich mit meiner kindlichen Muse wieder einmal ‚faschee’, und der Gedanke, Schriftsteller zu werden, war damals meinem Leben so fern, wie Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas fern von Indien war.

Dann plötzlich – man kann da wirklich sagen: Über Nacht – wurde meine objektive Theaterschwärmerei völlig von einer anderen Sache beiseite geschoben, die mich mit glühenden Zangen fasste.

Da bummelte ich eines Abends wieder durch die Maximiliansstraße, döselte und träumte in meiner gewohnten Art, guckte die Menschen an, ohne sie zu sehen – und unter den vielen kam mir einer entgegen, bei dem ich mir denken musste: „Herrgott, der schaut wem ähnlich! Wem denn nur?“ Der Ähnliche blieb vor mir stehen und sagte schmunzelnd: „No, du blindes Kamel, mir scheint, du kennst deinen eigenen Vater nimmer!“ Ich erwachte. „Herr Jesusle, Papa!“ Und dann gab’s einen Sturm meiner Zärtlichkeit, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben und lachten.

Am Abend nahm Papa mich in eine Weinstube mit. Unter dem Haustor sagte er: „Du! Da sind gescheite Leut beisammen! Da halte deinen grünen Schnabel und pass ordentlich auf!“ In einer großen gemütlichen Stube des ersten Stockes versammelte sich an einem langen Tisch eine Gesellschaft von etwa zwanzig Herren: Ein Dutzend Berufskollegen meines Vaters, die von ihren Revieren hereingekommen waren, einige Offiziere, der Redakteur Wirth von der Augsburger Abendzeitung, ein Herr von der Allgemeinen und zwei Landtagsabgeordnete, von denen der eine gleich meine Aufmerksamkeit zu fesseln begann: Ein untersetzter, robuster Mann, ein bisschen buckelig, mit einem mähnigen Löwenkopf, mit einer kraftvollen Glockenstimme und mit zwei klugen, schönen, flammenden Augen, deren erster Blick mich klein und mäuschenstille machte. Das war der Doktor Völk. Wer weiß heute noch viel von ihm? Ein Augsburger Advokat! Und war doch eine von den klingenden, starken Noten jener stürmischen Zeit, aus deren Schoß ein Großes geboren wurde – und war von den Männern einer, die mit festen Schultern das liebe Bayerland dorthin schoben, wohin es gehörte.

Während die Herren speisten, ging das Gespräch mit zwanzig Stimmen heiter durcheinander. Als die Teller verschwanden und die Pfeifen qualmten, kam ein anderer Klang in die Stimmen. Zwei, drei Gesprächsgruppen bildeten sich am Tisch; in der einen sprachen sie leise, in der andern laut und erregt. Immer löffelte ich mit den Ohren, aber ich konnte nicht viel aufschnappen, was mir verständlich war. Links von mir sprachen sie vom Konzil, das seit Monaten in Rom versammelt saß, um den Papst unfehlbar zu machen; rechts von mir redeten sie von Frankreich, von Napoleon, von der Kaiserin Eugenie, von den Chassepotgewehren, vom preußischen König und von diesem schrecklichen Minister Bismarck, den ich von Anno 66 her immer noch hasste – und ein mageres Herrchen mit beinernem Runzelgesicht wollte zehn Flaschen Jesuitengarten wetten, dass Preußen im Frühling übers Jahr den Krieg mit Frankreich hätte. Man lachte und redete wirr durcheinander. Nur der Bucklige mit dem Löwenkopf blieb stumm und trommelte nervös mit seinen kurzen dicken Fingern auf der Tischplatte. Dann schwiegen auch die andern alle und lauschten einem hageren Offizier, der in meines Vaters Alter stand; er redete hastig, mit gedämpfter Stimme, und ich weiß noch, dass er sagte: „Es heißt, dass sie in den preußischen Arsenalen fieberhaft arbeiten, bei Tag und bei Nacht.“

Da griff der Doktor Völk mit beiden Fäusten über den Tisch hinüber und fasste die Hand des Offiziers. „Und bei uns? Was geschieht bei uns?“

Der Offizier wollte antworten, doch er schwieg und wandte die Augen mit einem Blick des Unbehagens auf mich. Papa wurde dunkelrot übers ganze Gesicht. Und Onkel Franz – meines Vaters Bruder, der in Augsburg städtischer Revierförster war – sagte von einer Ecke her: „Gustl, schick den Buben heim, gegessen hat er ja schon!“ Ich fühlte, dass mir alles Blut aus den Wangen wich, du dass mir eiskalt wurde bis in die Fingerspitzen. Und plötzlich stand ich auf den Beinen, streckte mich und sagte mit schrillender Stimme: „Auf Ehr und Seligkeit, i tue nix ausrede, i ka(n) schweige wie en Ofe!“ Ein heiteres Gelächter prasselte um den ganzen Tisch herum, alle Augen sahen mich lustig an, und der Löwenköpfige sagte: „Der Bub soll nur bleiben! Wer soll’s denn fühlen, wenn’s die Jugend nicht mitfühlt!“ Er streckte mir freundlich das Glas entgegen. „Komm, du keckes Scheisserle, stoß an mit mir! Auf dass du ein deutsches Mannsbild wirst, wie dein Vater eins ist! Und pass auf, Bub! Bis übers Jahr wirst du was Furchtbares erleben! Oder, geb’s Gott, was Herrliches!“ Alles wirbelte mir im Kopf, während ich meines Vaters Weinglas bis auf den letzten Tropfen austrank – und ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich war und wie stolz!

Von den heißen Worten dieses Abends hab’ ich wohl nicht allzu viele behalten. Aber manches weiß ich noch – so, dass der Doktor Völk unter dem lauten, erregten Gespräch der anderen plötzlich mit der Faust auf die Tischplatte schlug und schrie: „Sie müssen! Sie müssen! Da geh ich im Landtag mit dem Kopf durch die schwarze Wand“.

Dann gab’s einen Aufruhr, weil ein kleiner schmieriger Junge mit blauer Leinenschürze dem Herrn von der Allgemeinen einen langen eng bedruckten Papierstreifen brachte. Alle an der Tafel streckten die Köpfe. Der Herr von der Allgemeinen schickte den Druckerjungen aus der Stube, legte den Papierstreifen auf den Tisch und sagte: „Hier meine Herrn, der neue Römische Brief, der morgen erscheint!“ Das wirkte wie ein Funke in der Pulverkiste. Und mein Vater riss das Blatt an sich, sprang vom Sessel auf und begann zu lesen. Immer wieder wurde er durch erregte Zwischenrufe unterbrochen. Es war da von Rom die Rede, vom Konzil, vom Papst, von den deutschen Bischöfen – etwas Deutliches und Sicheres weiß ich nimmer, - aber ich erinnere mich noch, dass die Stimme meines Vaters, während er las, immer heftiger zitterte, und dass sie einen fremden, gereizten Klang bekam.

Dann gab’s eine leidenschaftliche Debatte, der mein wirbliges Gehirnchen nicht mehr folgen konnte. Doch einiges drückte sich noch fest in mein Gedächtnis ein. Ich sehe noch, wie sie alle den Herrn von der Allgemeinen bestürmten, weil sie wissen wollten, wer der Verfasser dieser anonymen Römischen Briefe wäre. Der Redakteur schüttelte immer den Kopf und wehrte mit beiden Händen. Und der Doktor Völk rief in den Lärm der andern: „Das ist der Döllinger! Kein anderer hätte den ruhigen, festen Mut!“ Wieder ein Gewirr von Stimmen, ein heiß erregtes Hin und her der Meinungen. Dann klang die Stimme meines Vaters: „Wenn sie es nur täten! Wenn sie nur die Kurasche hätten, dem gesunden Verstand der ganzen Welt ins Gesicht zu schlagen! Das brächte den Riss! Endlich! Endlich! Und das deutsche Patriarchat! Die deutsche Einheitskirche!“ Und dann stand der Doktor Völk hinter seinem Sessel, dessen Lehne er mit seinen Fäusten umklammerte. Und sprach, während alle schwiegen – sprach von einer großen, leuchtenden Hoffnung, vom Aufgang einer gebärenden Zeit.

Ich habe in meinem Leben viele Redner gehört, die sich auf wertvolle klingende Worte verstanden. Aber kein zweiter hatte mir Leib und Seele und Blut so heiß durcheinander geschüttelt, wie damals an jenem Abend der Doktor Völk mit seiner Löwenstimme und mit dem Wort von der gebärenden Zeit.

Ein Jubel von zwanzig Stimmen, ein Gläserklingen – dann war ich mit meinem brennenden Köpfl draußen in der kühlen Nacht. Und während wir durch die dunkle, menschenleere Straße heimgingen, sprach Papa noch immer heiß und erregt. Vor meiner Haustür hing ich lange an den Hals des Vaters geklammert. Und als ich droben in meinem finsteren Stüble war, das Fenster aufriss und mit dem Kopf hinausfuhr, konnte ich von der Langen-Gasse her noch die raschen Schritte des Vaters hören, der, um mit dem Morgen wieder im Dienst zu sein, noch in der Nacht die fünf Stunden nach Welden hinauswanderte.

Ich weiß nicht, ob ihr ruhig Gewordenen von heute aus dem Bild, das ich da geschildert habe, noch herausfühlen könnt, was dieser ‚große Abend’ für mich junges Kerlchen bedeutete. Es mag auch sein, dass ich bei meinem grünen Alter von damals das Wichtigste missverstand, das Wertvollste vergaß, und dass ich heute nur noch ein Halbes, ein Unzureichendes zeigen kann. Aber in jener Nacht, in der ich vor Aufregung und Begeisterung nimmer schlafen konnte, hatte ich das Gefühl, als wär’ ich plötzlich ein Mann geworden, und brennend war in mir der Glaube, dass von meinem ‚auf Ehr und Seligkeit’ beschworenen Schweigen die geistige Befreiung der Menschheit und das Schicksal des deutschen Volkes abhinge. Nein, ihr sollt nicht lachen über die Torheit meiner fünfzehn Jahre! So, wie es damals in mir begann, so töricht und schön beginnen im Leben der Menschen alle großen, neuen und wertvollen Dinge.

Zwischen jenem Abend in der Weinstube und dem Tag, an dem das Große, das wirklich Große, in Wahrheit begann, müssen viele Wochen, drei oder vier Monate gewesen sein, mit den Osterferien dabei – aber alles Dazwischenliegende ist in meinem Gedächtnis beinahe völlig erloschen. In meiner Erinnerung sieht es so aus, als hätte sich unmittelbar an jenen Abend in der Weinstube die stürmisch aufbrennende Begeisterung des deutschen Volkes, die französische Kriegserklärung und die altkatholische Bewegung angeschlossen. Doch im Leben paart sich alles Große mit dem Kleinen, alles Ernste mit einer Ursache zu schallendem Gelächter. Wie man in einer finsteren Gewitternacht beim Aufzucken der Blitze flüchtig ein paar wunderliche Dinge sieht, die man nie vergisst – so ist mir aus jener unkontrollierbaren Zwischenzeit, in der alles andere Leben für mich erlosch, die Erinnerung an ein drolliges Wort geblieben, die Erinnerung an eine groteske Szene und an ein schmerzliches Erlebnis.

Aus der Zeit der Osterferien besinne ich mich noch dunkel darauf, dass es in Welden schon allerlei Unfrieden gab; dass politische Parteien entstanden waren, die sich befehdeten; dass der hochwürdige Herr Andra immer einen hastigen Gang, ein echauffiertes Gesicht und Zorn sprühende Augen hatte; dass mir ein paar von meinen Dorfschulkameraden scheu aus dem Weg gingen – und dass mir einer, den ich beim Kittel fasste und nicht mehr ausließ, diesen Blödsinn beichtete: Unser Forsthaus wäre vom Teufel besessen, man hätte schon mehrmals in den Nächten feurige Geister bei uns durch Hof und Garten reiten sehen. – Oder gehörten diese Bilder ins folgende Jahr? In die Osterzeit von 1871? – Das alles liegt für mich wie unter dichten Schleiern. Hell ist nur jenes schmerzliche Erlebnis. Das war an einem kühlen Frühlingsabend mit zaubervollen Himmelsfarben. Lange Wolkenstreifen waren wie brennende Blutbäche zwischen dem leuchtenden Grün der Lüfte. Vom Widerglanz dieser Farben schimmerte alle Dämmerung des Grundes. Wohin ich gehen wollte, weiß ich nimmer. Ich kam vom Bräuhaus her, auf dem Fußweg neben der Pappelallee – und erinnere mich noch, dass auch die Laugna wie ein roter rauchender Blutbach war, dass sich die Brückenstatue des heiligen Nepomuk ganz schwarz in das Feuer des Abends zeichnete. Und da begegnete mir das Pfarrhof-Bertele. Sie ging mit eiligem Schritt, immer zu Boden schauend, war dunkel gekleidet, ohne Hut, und trug um die Schultern ein schwarzes, gehäkeltes Tuch, in das sie die Arme dicht eingewickelt hielt. Es regte sich in mir etwas Bitteres und Spöttisches – dabei hatte ich einen witzigen Einfall und wollte sie fragen: Ob sie noch feucht hinter den Ohren wäre? Doch eine würgende Klammer legte sich um meine Kehle, als das Bertele mich plötzlich gewahrte, wie versteinert stehen blieb und mich mit großen Augen erschrocken ansah. Ihr schmales, feines Gesichtchen war weiß wie Kalk. Ich glaubte zu sehen, dass ihr zwei große Tränen über den streng geschlossenen Mund herunterfielen. Und dann ging sie an mir vorüber, stumm, ohne den Gruß zu erwidern, mit dem ich hastig das Hütl zog.

Ich lachte –w eil sie so ‚hochmütig’ meinen Gruß übersehen hatte. Doch während ich lachte, schmerzte mich etwas – ich weiß nicht, was. Dieses Wehe, Schmerzende zitterte durch viele Tage in mir. Und gerade aus diesen bangen, seltsam bedrückten Tagen blieb mir die Erinnerung an jenes drollige Wort, das unsere Köchin sprach, die neue, die ein feines Mädel war und als Weihnachtsengel keine Fleckelespantoffel, sondern Zeugstiefel mit silbernen Quästchen trug. Sie war so niedlich und zierlich, dass meine Mutter sie immer das ‚Marzipanfigürle’ nannte. Dieses kleine Dingelchen hatte sich in einen Bärenlackl von Forstgehilfen verliebt und wollte ihn heiraten. Wenn das Paar beisammen stand, reichte die Braut dem Bräutigam nicht hoch über den Nabel hinauf. Und da fragte meine Mutter eines Tages lachend: „Aber, Mädle, hascht denn kein Angst net vor so em Endstrumm Mannsbild?“ Und das Marzipanfigürle sagte lustig: „Noi(n) noi(n), Frau Revier, es sich no nie e Mäusle unter’me Fueder Heu verstickt.“

Und jene groteske Szene, an die ich mich noch erinnere? Die wirkte auch wie ein Satyrspiel nach einem ernsten Drama. Es war zu Augsburg, im Vorsommer, als man das Kommende bereits vorausahnte und das Kriegsgewitter schon in der Luft fühlte – und ich glaube, man musste bei dieser Szene gar so fürchterlich brüllen, weil man sie als komischen Kontrast empfand, in einer Zeit, in der man schon jeden Offizier auf der Straße mit Sorge, Hoffnung, Vertrauen und Stolz betrachtete. Da kam ich an einem sonnigen Vormittag durch die Annastraße und hörte schon von weitem einen grillenden Kinderjubel. Die Leute blieben auf der Straße stehen, guckten verwundert drein, oder rannten neugierig dieser merkwürdigen Sache entgegen. Auf schönem Pferd kam ein junger, eleganter Chevaulegers-Offizier geritten – hinter ihm her wälzte sich ein noch immer wachsender Schwarm von schreivergnügten Kindern – und die großen Leute, die auf beiden Seiten der Straße stehen blieben, schüttelten sich vor Lachen, als sie sahen, was den Kindern dieses rasende Vergnügen bereitete. Der Offizier saß bleich auf seinem zierlich tänzelnden Pferd, nagte in Zorn und Verlegenheit an seinem Bärtchen und konnte sich augenscheinlich die Ursache dieses Kinderjubels nicht erklären – er guckte wohl prüfend an sich hinunter, spähte nach rechts und links, konnte aber nicht entdecken, was hinter seinem Pferd geschah. Er hatte da in seiner Begleitung einen Clown von unerhörter Komik: ein schneeweißes, russisches Windspiel, das in hungriger Stunde einen großen, langen Putzlumpen verschlungen hatte und diesen auch für einen Hundemagen unverdaulichen Bissen jetzt eben wieder ans Tageslicht befördern wollte. Das gelang nicht völlig – die neugeborene Sache, die zu drei Vierteln schon in die Welt gesetzt war, hakte sich mit dem letzten Viertel ein und wollte nicht weichen. Der verzweifelte Windhund, der sich, da er treu und folgsam immer dicht hinter dem Pferd seines Herrn blieb, keine ruhige Überlegung vergönnen konnte, geriet in Raserei und machte die wahnsinnigsten Sprünge, Kapriolen und Purzelbäume, um sich dieses schrecklichen Anhängsels zu entledigen. Er suchte das feindliche Objekt von sich abzuschütteln, mit den Hinterfüßen von sich wegzutreten, mit den Zähnen zu haschen. Doch je schneller er sich bei diesem Fangemanndlspiel um die eigene Achse drehte, um so schneller entflatterte ihm der beschwingte Feind. Man musste lachen, dass man jeden vernünftigen Gedanken verlor. Der junge, blasse Offizier, um diesem brüllenden Rätsel zu entrinnen, fing auf dem groben Pflaster zu galoppieren an – und der toll gewordene Windhund wirbelte pirouettierend hinter ihm her, wie ein vierbeiniger Laokoon im Verzweiflungskampf mit einer des Fliegens kundigen Schlange. Als Ross und Reiter, Windhund und Boa constrictor schon verschwunden waren, blieb in der Annagasse noch lange dieses johlende Vergnügen. Die Kinder jubelten und ahmten kreischend die Sprünge des Hundes nach, und auch die Erwachsenen, die den Neuhinzugekommenen die Ursache dieser Heiterkeit erklären wollten, begannen komisch zu wirken, da sie vor Gelächter nicht richtig reden konnten und sich allerlei drastischer Gesten bedienen mussten.

Dieser grotesken Szene hab’ ich mich in späteren Jahren nie erinnern können, ohne dass mir hinter dem Lachen die ernste Frage kam: Was ist aus dem jungen Offizier geworden, der da schuldlos unter dem Gespött der Gasse leiden musste? Ist er heut ein weißbärtiger Reitergeneral? Oder schläft ein graues Restlein seines jungen Lebens weit da drüben über dem Rhein, in fremder Erde – dort, wo blühende deutsche Jugend vieltausendköpfig ins Dunkle hinunter sank, um der Heimat, um der Einheit und Größe unseres Volkes willen?

Krieg? Was bist du? Ein Lebensübel, das die kommenden Jahrhunderte kurieren werden? Oder eine von den unsterblichen Torheiten der Menschen, ein dauerhaftes Erbe aus irdischen Vergangenheiten, in denen das Raubtier der einzige Herr des Lebens war? Oder bist du eine unerlässliche Daseinsgewalt, eine notwendige Grausamkeit, die ein Schönes werden und leuchtenden Glanz gewinnen kann? Bist du wie die ewig wiederkehrende Sonne, die faule Krankheitskeime zerstört, alles Trübe zur Klarheit läutert, alles Starke und Gesunde zu erneutem Leben führt und Schatten und schwarze Nächte erzeugen muss, weil sie Licht verbreitet und strahlende Tage bringt? Und wenn es gelänge, den Krieg aus dem Leben der Menschen hinaus zu stoßen? Würde dann keine Wohnstatt der Menschen mehr in Flammen aufbrennen, keine Saat verwüstet werden, kein Herz verbluten, kein Leib in Qualen zucken, kein Frauengischt in Gram zerfallen, kein Auge von Tränen brennen, kein Tod mehr auf Erden sein? Und wie kommt es, dass die aus Schwäche Sanften und die Klugen, welche redlich sind, das grauenvolle Wesen des Krieges nur immer zu erkennen glauben, wenn sie sorglos in sicherem Frieden leben, doch niemals, wenn Gefahr und Schimpf ihrem Land droht, wenn der Lebensnerv ihres Volkes in Zorn und Empörung zuckt, wenn seine schlummernden Kräfte stark erwachen und jubelnde Begeisterung durch die Gassen der Dörfer, durch die Straßen der großen Städte rauscht?

„Es braust ein ruf“ und „Deutschland, Deutschland über alles!“ Wann sangen wir Jungen von 1870 dieses trunken Klingende zum ersten Mal, Arm in Arm geklammert, mit brennenden Gesichtern durch die von Gewühl erfüllten Gassen stürmend? Im Herzen den deutschen Glauben, die deutsche Hoffnung, den deutschen Zorn, die deutsche Freude! Und durch Tag und Nacht in der aufgewühlten Knabenseele den brennenden Gedanken: „Herrgott, wenn ich jetzt drei Jahre älter wäre! Nur eines! Dann würden sie mich nehmen! Mutter, Mutter, warum hast du mich zu spät geboren!“

In den wogenden Bildern meines Erinnerns scheiden sich die Einzelheiten kaum noch voneinander. Alles Geschehen von damals ist mir wie ein großer breiter Strom, auf dem die Schiffe des Lebens mit gebauschten Segeln durch die Sonne ziehen.

Seht ihr die vielen aufgeregten Menschen, die sich neben dem Rathaus um die Straßenecke drängen? Dort an der Mauter ist die Emser Depesche angeschlagen! Oder war’s die französische Kriegserklärung?

Seht ihr das schreiende Leutgewühl, das in der Abenddämmerung des schönen Julitages den Augustusbrunnen umwogt? Wie blitzende Fische aus rauschenden Wellen springen, so taucht immer wieder ein gellender Schrei aus dem Stimmengewirre. Und immer wieder hört man die vier Silben ‚Patrioten’ – mit dem Klang eines Schimpfwortes! Und seht ihr den jungen Menschen, der mit seinem leichenblassen Gesicht, mit dem unsteten Blick und den zerwirrten Haaren wie ein Verbrecher aussieht – und ein braver Bayer ist, der in dieser brennenden Abendstunde ein Deutscher wurde? Hört ihr ihn schreien wie einen Irrsinnigen? Sein Irrsinn ist politischer Verstand und ehrliche Begeisterung. Er hat keinen Hut mehr, von seinem Spenser ist der Ärmel heruntergerissen, und wie ein kleiner Schneefleck leuchtet in der Dämmerung das Weiß seines Hemdes, während er auf die Brüstung des Brunnens klettert und fest und schlank auf den Schultern einer kupfernen Nymphe steht. Er hält die Arme erhoben, immer schüttelt er die Hände, dass sie aussehen, als hätten sie zwanzig Finger; heisere Töne schrillen aus seiner Kehle, doch niemand hört auf ihn – er schreit und schreit – und plötzlich lauschen tausend Leute, und der junge, im Feuer seiner Seele zitternde Mensch ist ein Redner geworden, der tausend Augsburger in tausend Deutsche verwandelt. Und immer wieder der Name „Jörg!“ Aber das ist nicht der Jörgele von Welden, der mich vor dem Schneesturm in Kruichen verließ. Es ist der Name des Landtagsabgeordneten Jörg, des traurigen Helden und Führers der bayrischen Klerikalen, die sich ‚Patrioten’ nennen und ihre deutsche Heimat verkaufen und verraten wollen. Inder Kammer verweigern sie den Kredit für das Heer, wollen nur die Mittel für eine bewaffnete Neutralität bewilligen, offen predigen sie den Vertragsbruch gegen Preußen und raten verblümt zum Anschluss an Napoleon und Frankreich.

Und dann am Morgen, in der Sonne – seht ihr die vielen Jungen, die aus einer engen Gasse herausgeschossen kommen? Jeder trägt zwischen Brust und Arm einen Pack von weißen Blättern, und jeder zetert mit kreischender Stimme: „Egschtrablättle! Egschtrablättle!“ Und wo die Leute diesen Schrei vernehmen, rennen zwanzig und dreißig auf solch einen zeternden Jungen zu. Und mit den weißen Blättern stehen sie in der Sonne und lesen: Dass drüben zu München geschehen ist, was in Bayern jedes deutsche Herz erhoffte. Die Liberalen haben in der Kammer den Widerstand der ‚Patrioten’ niedergeworfen; es hat sich erfüllt, was an jenem ‚großen Abend’ in der Augsburger Weinstube verheißen wurde: Der Völk mit dem Löwenkopf, und der Stauffenberg, und die anderen alle, die eins mit diesen beiden waren – wer weiß denn heute noch, wie sie hießen? – sind mit Sturm durch die ‚schwarze Mauer’ gegangen, die entzweibrach und in Scherben liegt. König Ludwig macht für Deutschland das bayerische Heer mobil, der Juble seines ganzen Landes rauscht dem schönen, geliebten König entgegen – (die Münchener verzeihen ihm sogar den Richard Wagner!) – über Nacht sind alle ‚Parteien’ verschwunden, es gibt in Bayern keine Liberalen, keine Patrioten mehr, nur noch ein starkes, einiges Volk, das bayerisch ist und deutsch empfindet, sich tragen lässt vom brausenden Strome seiner Begeisterung und mit froher Zuversicht den Krieg beginnt, der ein gerechter ist. Und ich fünfzehnjähriges Kerlchen pritschelte trunken und selig mit in diesem Strom der mächtigen Dinge, immer auf den Beinen, immer schreiend, immer brennend, immer schwitzend – und glaubte nun zu begreifen, warum der Vater Anno 66 zu den ‚Breissen’ hielt und immer sagte: „Jetzt kommen große Zeiten für uns Deutsche!“

An einem frühen Morgen lief ich aus dem Haus, im kurzen Spenser und mit der blauen Studentenkappe. Nicht zum Realgymnasium! Sondern auf weitem Umweg nach entgegen gesetzter Richtung! Durch abgelegene Gassen zum Bahnhof! Ich schleppte kein Köfferle und machte dennoch eine Reise. Und während ich rannte, griff ich immer wieder in den Hosensack, ob die drei Gulden noch drin wären – mehr hatte ich für meine Markensammlung mit allen Thurn und Taxis und mit sämtlichen Nestern von Brasilien nicht bekommen. Aber die drei Gulden genügten überreichlich. Denn als ich das Menschengewühl auf dem Bahnhof sah – (damals war es noch der kleine, alte) – kam ich gleich auf den schönen Einfall: Dass ich das Fahrgeld sparen könnte. Ich brauchte nur, als der überfüllte Zug davon zottelte, auf ein Trittbrett hinauf zu springen und in einen Bremserkasten zu schlüpfen. Die Lokomotive pustete schrecklich, und dennoch wackelte der Zug vier ewige Stunden bis zum Ziel. – München! – Aber was kümmerte mich die neue große Stadt! Ich wollte nur eines: Den Führer des bayerischen Heeres, den Kronprinzen von Preußen sehen und Vivat schreien. Gesehen hab’ ich ihn nicht. Denn als er durch die Straße fuhr, in der ich mich aufgepflanzt hatte, gab’s ein schiebendes Gedränge, und plötzlich stand ich zwischen großen Lümmeln mit eisenharten Ellenbogen so regungslos eingekeilt, dass ich von den vorüber fahrenden Hofequipagen nur noch die Federbüsche der Leibjäger sah. Aber Vivat hab’ ich so fürchterlich geschrieen, dass ich am Abend bei der Heimreise kein Wort mehr aus der Kehle brachte. Am anderen Morgen schob ich einen Papierknödel zwischen Wange und Stockzähne, band ein Taschentuch um das ‚geschwollene Gesicht’ und schilderte dem Herrn Rektor heiser und lallend das höllische Zahnweh, das mich am verwichenen Tage gezwungen hatte, ‚dem Unterricht fern zu bleiben’.

Und wieder bin ich auf dem Bahnhof, wenige Tage später. Und wieder ist da ein Gewühl von Menschen. Mit schmetternden Klängen spielt eine Regimentsmusik. Und wir Jungen reißen den Kellnerinnen, den vornehmen Frauen und den weiß und blau beschleiften Herren die vollen Biergläser aus den Händen, schleppen die Weinflaschen und Zigarrenkistchen und rennen an der langen Wagenreihe auf und nieder: „No e Schöppele, Herr Soldat? Möge Se no e Gläsle Wein? Möge Se no e guets Zigärle?“ Und das ‚Gläsle’ ist immer eine ganze Flasche, und das ‚Zigärle’ immer ein Pack Zigarren, so dick ihn die Hand aus dem Kistchenherausgreifen kann! Und junge schöne Mädchen tragen Blumenkörbe und werfen blühende Sträußchen in alle Wagenfenster. Und aus diesen Wagenstern gucken viele Hunderte von blauen Soldaten heraus, manchmal einer mit blasser und ernster Stirne, die meisten erhitzt und vergnügt, mit blitzenden Augen, immer lachend, immer singend. Das alles wirrt sich zu einem Unsagbaren ineinander: Die schallenden Soldatenlieder, das Gelächter und die gellenden Schreie, die Klänge der Regimentsmusik und das Schnauben des in die Sonne hinausrollenden Zuges. Blaue Arme und blaue Mützen winken aus den entgleitenden Wagenfenstern und aus den verpflockten Türen der mit Soldaten angepfropften Gepäckwagen. – Wie viele von dieser blauen Jugend werden die Heimat wieder sehen? – Immer kleiner schrumpft der davonjagende Zug zusammen; und über den Köpfen der Menschen, die den Bahnhof erfüllen, ist die Luft noch immer weiß von wehenden Taschentüchern. Eine alte Frau, klein, mager und dürftig gekleidet, lässt sich schieben von dem jubelnden Gewühl, ist stumm, und blinkendes Wasser füllt ihre groß geöffneten Augen. Und ein junges, schönes Mädchen, das bis zur letzten Sekunde vor der Abfahrt des Zuges am Hals eines Offiziers gehangen, fängt wie eine Wahnsinnige zu grillen an, wird ohnmächtig und muss davongetragen werden. Dann plötzlich ein johlendes Gelächter. Ein junger, dicker Soldat, der irgendwo gewesen, hat den Zug verpasst – ihm selber ist nicht lustig zumute, denn sein Gesicht ist kreidebleich – aber Hunderte von Menschen brüllen wie vergnügte Narren, während der arme Kerl seine Hose festhält, zwischen den Scheinen rennt, sich allen Händen entwindet, die ihn aufhalten wollen, und irrsinnige Sprünge macht, um den entschwindenden Zug noch einzuholen. Ich besorge, dass er die Schlacht von Weißenburg versäumte.

Ach, diese Tage! Immer wühlte nur dieses eine im Gehirn: Der Krieg, der Krieg! Alles andere des Lebens wurde ein Nebensächliches, nicht nur die Schule, auch was in diesen Julitagen zu Rom geschah. Vor Wochen und Monaten hatte die Konzilsfrage noch alle Gemüter bewegt und gereizt. Und nun war das fast ein Gleichgültiges geworden, dass Rom – um meines Vaters Wort zu wiederholen – ‚dem gesunden Menschenverstand der ganzen Welt ins Gesicht schlug’. Man las in der Zeitung davon, wie man von einem Wirbelsturm in Japan liest. Und manchmal redete man darüber: Dass jeder Teilnehmer des Konzils so frei seine Meinung sagen durfte, wie Papageno mit dem Vorhängschloss; dass von den deutschen Bischöfen, die im Herbste zu Fulda so mutig geredet hatten, einer nach dem anderen Umstand wie die stummen Fische im lauen Wasser; dass die zusammengeschmolzene Opposition den Papst fußfällig angefleht hätte, den Infallibilitätsantrag zurückzuziehen; dass am Tag vor der letzten Abstimmung das kleine Häuflein der Standhaften von Rom abgereist wäre; und dass an jenem unglückseligen Achtzehnten des Juli in Rom unter sechshundert Bischöfen nur noch zwei Männer waren, die den Mut hatten, Nein zu sagen. Und das verkündeten die deutschen Zeitungen ungefähr in der gleichen Woche, in der sie groß gedruckt die Nachricht von der französischen Kriegserklärung bringen mussten. Dieses Größere, Wichtigere, schob das andere vorerst aus dem Gehirn der Deutschen hinaus. Und als nach Monaten der gedämpfte, fast erloschene Zorn wieder aufloderte und der kleine Pfarrer von Mering, das nicht weit von Augsburg liegt, ein religiöser Kämpfer und Held zu werden begann, da war es zu spät für einen sieg der Vernunft. Ich habe meinem Vater oft sagen hören: „Wäre der Krieg mit Frankreich nicht gekommen, der unser Leben ganz verlangte, so hätten wir einen sieg auf geistigem und religiösem Boden erfochten, wären frei von Rom geworden und hätten die deutsche Kirche begründet!“ Ich glaube, Papa, mit seinem sonst so klaren und ruhigen Verstande, war doch auch ein bisschen Idealist. Wir Deutsche haben doch heute keinen Krieg mit Frankreich, hausen im schönsten Frieden, sind stark und auch noch einig und könnten es der Vernunft gestatten, auf festen und geraden Beinen zu marschieren. Aber die Bulle gegen die Modernisten ist da! Und die Borromäus-Enzyklika! Und die ‚deutschen Denker’ sind empört – und sind doch geduldig und langmütig über alles männliche Maß hinaus. Und überall stehen wieder dick und hoch die ‚schwarzen Mauern’ – dicker und höher als je. Sie werden nicht ewig stehen, werden fallen, wenn die rechte Stunde wieder die rechten Löwenköpfe mobil macht. Doch ob die Fünfzigjährigen von heute das noch erleben dürfen? Diese Frage ist eine Unerquicklichkeit der Gegenwart.

Vergangenheit! Du warst das Schönere! Du hattest Hoffnungen, deren Erfüllung man erlebte! Und das Herrliche von damals hatte so etwas wie eine künstlerische Steigerung. Nach dem ersten Begeisterungsjubel kam vor dem großen Aufstieg ein schwüler Dämpfer. Ich erinnere mich noch, dass ich vor Schreck völlig sprachlos war, als ich an den Straßenecken die Depesche von der Schlappe bei Saarbrücken angeschlagen fand. Und ich weiß noch, wie wir Jungen die Fäuste ballten, als man von den Siegeshymnen hörte, welche die französische Presse über die Feuertaufe des Prinzen Lulu aus der gallischen Posaune stieß.

„Herrgottfaxe! Jetzt muess aber mit, was e Flint und en Säbel trage ka(n)!“

Wir hielten es geradezu für ausgeschlossen, dass ‚Nabolion’ ohne unsere Mithilfe besiegt werden könnte. Aber der beschäftigte Feldwebel, zu dem wir rannten, um uns als Freiwillige ins deutsche Heer einreihen zu lassen, fertigte uns mit einer altbayerischen Grobheit ab, deren Wortlaut sich nach klassischem Vorbild nur durch Gedankenstriche andeuten ließe. Wir waren weder beleidigt, noch abgekühlt, sondern meinten nur, dass wir zum Schmied gehen müssten, statt zum Schmiedle. Und drum lief ich zu einem hohen Offizier, der mich sehr freundlich aufnahm. Aber ich bekam weder Flinte noch Säbel, sondern sehr ernste Ermahnungen, dass ich keine Dummheit machen sollte. Jetzt war ich beleidigt! Heldenmut und Vaterlandsleibe sollten eine Dummheit sein! „Wart, dem zeig i’s! Eine halbe Stunde später hatte ich mein silbernes Patenbesteck verkitscht, und dreizehn Gulden klunkerten in meinem Hosensack. Mit dreizehn Gulden kommt man noch weiter als nur bis ins Feindesland! Aber wer eine große Heldentat vorhat, dem ist das Herz zu voll, als dass er den Schnabel gänzlich halten könnte. Diese Ursache zeitigte eine böse Wirkung. Als ich in der Nacht ausreißen wollte, waren meine dringend notwendigen Röhrenstiefel spurlos aus meinem Stüble verschwunden. Auch die Absicht, barfuss bis an den Rhein zu laufen, führte zu keinem Resultat. Denn an der zugesperrten Wohnungstüre war der Schlüssel abgezogen. Deutschland, Deutschland, wie wird es dir jetzt ergehen! In meinem Stüble setzte ich mich ans offene Fenster, tränte über die drei Stockwerke auf die nachtstille Straße hinunter, guckte hilflos zu den deutschen Sternen empor und heulte vor Zorn.

Und am Morgen, als ich meine konfiszierten Stiefel wiederkriegen musste – da war mein Vater da. Meine Hausleute hatten noch am Abend irgendeinen Verräter nach Welden hinausgeschickt.

Was ich in meiner gedemütigten Seele litt, das wurde mir durch die Nachricht von den deutschen Siegen bei Weißenburg und Wörth gemildert. Und Papa sagte zu mir nicht: „Du Kamel!“, sondern war sehr gut und herzlich, auch ganz zufrieden mit meinem Zeugnis, in dem ich – was mir heute ein unbegreifliches Rätsel ist – als der sechste unter zwanzig Schülern bezeichnet war. Ich glaube, meine Professoren von 1870 müssen sich in der allgemeinen Kriegsverwirrung bei der Kopiatur dieses Zeugnisses verschrieben haben.

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1 Die ältesten brasilianischen Marken trugen die Wertziffer in einem Linienornamente, das einem aus Reisig geflochtenen Nest glich. ^

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