Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Jugend
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               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
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            Buch der Freiheit
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            Buch der Berge
               Kapitel 1
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               Kapitel 3

Kapitel 1

Augsburg! Das alte, stille Provinzstädtchen von Anno 1869! Für mich vierzehnjährigen Jungen, der ich nur das Kaufbeurer Tänzelhölzle, die Bachgasse von Welden und den Neuburger Seminargarten kannte – für mich war Augsburg eine Riesenstadt, ein Trubel und Wirbel, ein Millionengewimmel, eine Verwirrung und ein rausch. Herrgott, was gab’s da alles zu gucken und zu staunen! Dazu die Freiheit eines auf eigene Füße gestellten Stadtstudenten! Und es muss in jenem Jahr ein schöner, sonniger Herbst gewesen sein. In meiner Erinnerung ist ein wundersames Glänzen von hohen Giebeln und leuchtenden Dächern, von gleißenden Fenstern und blitzenden Kirchturmknäufen, von goldigem Schimmer in altertümlichen Gassen und von Gärten, die noch blühten.

Bei diesem Freudentanz des Lebens, das klingend seine Tore für mich aufgetan, war mir die Schule durch viele Wochen eine Sache, die gar nicht vorhanden schien. Ich weiß mich aus dem ersten Augsburger Gymnasialjahr an keinen meiner Lehrer zu erinnern, an nichts, was in der Schule passierte. Wenn ich früh um acht Uhr in die muffige Klassenstube hineinstürmte, die nie einen Sonnenstrahl bekam und in der engen Jesuitengasse über hohe Dächer her nur spärliches Licht erhielt, da war ich von allem Wirbel des Stadtlebens so voll gesogen, dass ich die zwei, drei Schulstunden wie ein Gebannter überdämmerte, in dem nur ein Gedanke lebte: Wann wird die erlösende Glocke wieder bimmeln? Bei ihrem ersten Ton ein Aufschnellen, dass die Schulbank wackelte. Und in den finsteren Korridoren des Realgymnasiums und draußen auf der hellen Straße ging dieses verrückte Rennen wieder an, als wäre stets die Sorge in mir, ich könnte bei einer schönen Sache um eine Minute zu spät kommen. Immer war ich außer Atem, immer brannte mir das Gesicht, immer schwitzte ich am ganzen Leib, und immer baumelte mir das Blondhaar nass um Stirn und Schläfen.

Dieses ruhelose Feuerchen, das in mir brannte, wurde nicht nur von den neuen Dingen entzündet, die ich sah. Ich wurde auch heiß von allem Alten, das in den Gassen von Augsburg für meine dürstende, suchende Phantasie zum Leben auferstand. Nun wusst’ ich ja schon ein bisschen was von der Weltgeschichte. Und mein Hausvater gab mir eine dicke Augsburger Chronik zu lesen. Die verschlang ich in einer einzigen Nacht – und ich erinnere mich noch, dass ich um drei Uhr morgens barfüßig und im Hemd durch die Küche geisterte und so lang in der Finsternis herumtappte, bis ich eine neue Kerze fand. Am Morgen, obwohl mir die durchwachte Nacht wie Blei auf den Augen lag, sah ich ein schöneres Augsburg, in dem die Konditorläden, die Schaufenster des Riedingerhauses, die Metzelstuben und die Büchsenmacherwerkstätten nicht mehr das Herrlichste waren. Sogar das Naturhistorische Museum mit seiner Schmetterlingssammlung und seinem Urweltshirsch trat in zweite Reihe zurück. Jetzt wurde der eherne Mann auf dem Welserplatz für mich zu einem Menschen mit Fleisch und Blut, die Fresken am Fuggerhaus begannen für mich lebendig zu werden, die Kanonen vor dem Ratsgebäude erzählten mir donnernde Geschichten, und den Erasmus von Rotterdam, den ich ein bisschen mit Nostradamus verwechselte, sah ich leibhaftig in schwarzem Talar und mit weißem Bart aus einer gotisch zugespitzten Haustür treten.

Durch viele Tage hatte ich die Fiktion, als trügen alle Leute, die mir auf der Straße begegneten, das Kleid vergangener Zeiten. In jeder Gasse ereignete sich für mich etwas unerhört Merkwürdiges. Als das Blechschild eines Bäckerladens auf die Pflastersteine fiel, hörte ich das Speergerassel eines Turniers, bei welchem Ferdinand, der Königssohn, zum Sieger ausgerufen wird und zum ersten Mal die schöne Philippine sieht. Die war doch sicher beinah so schön, so fein und weiß wie das Pfarrhof-Bertele von Welden? Und hier, durch diese Gasse ritt Kaiser Karl zum Fuggerhaus, an jenem denkwürdigen Tag, an dem der großmütige Kaufmann die berühmten Schuldscheine ins Kaminfeuer warf, in dessen Flammen das Sandelholz mit köstlichem Wohlgeruche brannte.

Mein historisches Bilderschauen entfernte sich zuweilen um einen guten Bauernschuh von der geschichtlichen Wahrheit. So passierte es mir, dass ich Augsburg mit Worms verwechselte und ganz deutlich sah, wie Martin Luther durch die Jesuitengasse zu jener Reichstagssitzung wanderte, bei der sein unerschrockener Mut die geflügelten Worte sprach: „Hier steh’ ich, ich kann nicht anders!“

Wahrheit? Ist an den Dingen des Lebens, die man sieht, die Wahrheit das Entscheidende? Nein. Ihre lebendige Seele ist der Glaube, den sie in uns erwecken.

Ich vermag euch nicht zu schildern, wie wundervoll das anzuschauen war, wenn mit Prunk und Lärm vor meinen Augen durch die Straßen von Augsburg die endlosen, von Mohren und Indianern wimmelnden Wagenreihen zogen, die das Gold der Azteken in die Fuggerschen Schatzgewölbe führten. Und wenn die Frachtkarawanen der Welser an mir vorüberfunkelten, konnte ich deutlich die Zimtrinde und den Pfeffer riechen.

Ob diese Phantasie meiner Geruchsnerven nicht einen wunderlichen Zusammenhang mit der Tatsache hatte, dass ein ähnlicher, an überseeische Produkte gemahnender Duft den Pfarrhof zu Welden umwitterte, seit der hochwürdige Herr Andra mit den drei Nichten hier eingezogen war? In jenen letzten Ferienwochen meiner reifenden Knabenzeit, als das Pfarrhof-Bertele mit den stillen, schönen, traurigen Rehaugen mir süße Sehnsucht und schmerzende Zärtlichkeit ins junge Herz geworfen hatte – wenn ich da im Zwielicht der Herbstabende den Pfarrhof zu Welden umschlich, und es stand ein Fenster offen, so spürte ich jedes Mal einen unverkennbaren Geruch nach Glühwein und scharfen Gewürzen. In Welden wussten damals die Leute schon, warum der schöne stattliche Pfarrherr an den Händen dieses sonderbare Zittern hatte. Aber mein vierzehnjähriges Gehirnchen konnte sich solche Dinge ‚nit zusammenreimen’. Was meine Nase in der Nähe des Pfarrhofes witterte, wurde auch für die verträumte Sehnsucht meines Herzens – oder meines Blutes? – eine süße Köstlichkeit. So oft ich in den Nächten zu Augsburg an das Bertele im Pfarrhof zu Welden dachte, spürte ich den Geruch von tropischen Gärten, den Duft von überseeischen Früchten. Und als mir das Bild des feinen ‚blassen Mägdeleins’ mit der Gestalt der glücklich-unglücklichen Philippine Welser in eines zusammenfloss, begannen alle erträumten Spezereienschätze des Welserhauses für mich nach ‚Zimt und Nägelegewürz’ zu duften.

In jenem Winkelchen meines Lebens, in dem die verschollene „Insel der Seligen“ geblüht hatte, rührte sich wieder was Dramatisches. Ein Fieber in Glut und Zittern war’s. Und die schöne Sache, die sich da formte, hatte einen noch schöneren Titel: „Die weiße Rose von Augsburg“. Nach fünf Nächten war der erste Akt vollendet. Doch als ich am Morgen ins Gymnasium rannte, kam eine grauenvolle Enttäuschung. An einer Straßenecke standen auf dem Theaterzettel einer Wandertruppe groß gedruckt die beiden Worte: Philippine Welser! Das war vernichtend – aber auch empörend. Das Meisterwerk, das ich schaffen wollte, war bereits von einem anderen geschrieben. Der hatte mir die weiße Rose von Augsburg vor der Nase weggepflückt. Während der Schulstunde, die dieser Entdeckung folgte, kugelten mir die bittersten Tropfen des Kummers auf Cäsars bellum civile. Eine ganze Woche lang war ich schrecklich traurig – und um mich wieder zu mir selbst zu bringen, bedurfte es einer fürchterlichen Rauferei, die zwischen den Realgymnasisten und den Stadtstudenten von St. Stephan auf dem großen Domplatz ausgefochten wurde. Da fühlte man wieder, dass man Mensch war, und alle gesunden und frohen Lebenskräfte tauchten aus bedrückter Seele neu empor. Der Sieg des Realgymnasiums war ein vollständiger. Mit den huministischen Linealen, Federbüchsen und Buchdeckeln, die auf geweihter Stätte liegen blieben, hätte man einen Schubkarren anfüllen können.

Als meine Kratzwunden schon verheilten, wurde im Theater das Stück des anderen wiederholt. Ich war ganz ruhig. Aber ich musste mir das Machwerk des Konkurrenten doch ansehen. Heimlich, ohne Rektoratserlaubnis, besuchte ich das Theater – Galerie, zehn Kreuzer. Es war das zweite Mal, dass ich den Zauber der Bühne sah. Das erste Mal, als mich der Vater vor vier Jahren auf der Reise nach Neuburg ins Theater mitgenommen hatte, war mir bei meinem schlucksenden Heimweh alles Bild der Bühne unter Tränen erloschen. Auch dieses zweite Mal kam ich nicht auf den Geschmack der Sache, die man Theater nennt. Ich stand auf der Galerie hart eingekeilt zwischen jungen Burschen und Mädchen, die viele Tränen vergossen. Ich transpirierte nur, sehr ausgiebig, und dennoch kann ich behaupten, dass ich nicht warm wurde. Das Theater weckte in mir keinen Funken von Begeisterung. Ich muss das wohl dem künstlerischen Brotneid zuschreiben, meinem Mangel an Objektivität. Denn das Stück des anderen missfiel mir schon, bevor ich es noch gesehen hatte. Und als ich es sah, war ich der festen Überzeugung, dass ich die Sache viel besser gemacht haben würde. Und noch ein anderes kam dazu, um mir jede theatralische Illusion im Keim zu ersticken: Das schlanke, feine, weiße Mädelein, als das ich meine Philippine in träumerischem Schauer immer gesehen hatte, wurde von einer wohl noch jungen, doch erstaunlich fetten und krebsroten Dame dargestellt, die, wenn sie von Liebe sprach, beim Einziehen des Atems ein pfeifendes Iiiiiih vernehmen ließ. Beleidigt verließ ich den Tempel der Kunst. Und weil ich, nass geschwitzt bis auf den letzten Faden, in meinem dünnen Sommerspenserchen in die kühle Novembernacht hinausrannte, bekam ich einen fürchterlichen Schnupfen. Der ist mir in Erinnerung geblieben, weil er sich besonders katastrophal entwickelte. Alle Regungen und Widerstände meiner Natur behielten durch mein ganzes Leben einen exzessiven Charakter. Ein Schnupfen ist auch heute noch immer eine schwere Krankheit für mich. Aber der von damals nach der Philippine Welser – der war grauenhaft! Ich steckte die Hälfte meiner Klasse an – natürlich die hintere Hälfte, die nicht die bessere war – und das ganze Haus, in dem ich wohnte, wurde leidend um meinetwillen. Meine Nase verwandelte sich in einen roten Ballon, die Augen wuchsen mir beinahe zu, und mein Niesen war immer eine andauernde Salve unter unbeschreiblichem Gebrüll. Das alles kam von Augsburgs großer Vergangenheit und haftete in der Erinnerung meiner Mitlebenden. Im folgenden Frühling, als meine Mietsleute an einem schönen Abend den Böllerschuss und das Raketengeknatter eines Feuerwerks vernahmen, fragte mein Hausvater: „Was war denn das?“ … und die Hausmutter antwortete: „Wird am End ’s Ludwigle in seim Stüble drübe wieder habe niese müesse?“

Erst Mitte Dezember wure ich die schnaubende Plage los. Kaum aber hatte ich die lachende Gesundheit wieder gewonnen, da warfen mich die Liebe und der Weihnachtsengel in den ersten schweren Kampf um mein Leben. Und hätt’ ich dieses Leben nicht so lieb gehabt, dass es mir eines zähen und erbitterten Kampfes wert erschien, so hätten mich vor vierzig Jahren die Hechte und Weißfische der Schmutter als Gefrorenes aufgespeist.

Am ersten Morgen der Weihnachtsferien nahm ich in seliger Heimfreude mein kleines Handköfferchen am Hakenstock über die Schulter und rannte die fünf Stunden nach Welden hinaus, das Geld für die ‚Eusebahn’ sparend, die mich nach Westheim hätte bringen und meinen Weg um eine Stunde hätte kürzen können. Noch lag kein Schnee, aber es war so grimmig kalt, dass ich immer hopfen musste, um warm zu bleiben. Als ich bei Aystetten über die Wiesen trabte, blinkte der wie eine ruhende Schlange gewundene Wasserlauf der Schmutter vom schönsten Eis. Ich ‚schlieferte’ kreuzvergnügt über den glatten Spiegel hin, ohne zu ahnen, welch einen fürchterlichen weg ich eine Woche später durch diese gefrorenen Bachschlingen machen sollte.

Daheim im Forsthaus langte ich mit blauem Gesicht und steifen Händen gerade rechtzeitig an, als die warme Mittagssuppe aufgetragen wurde. Ach, diese liebe, weiße, gemütliche Stube daheim! Der Ofen lebte; die Brüstung des Fensters, in dessen Nische das Spinnrad der Mutter stand, war mit einem Rehfell verhangen; in den Käfigen piepsten und klippten die hüpfenden Vögel; zwischen Enstern und Winterfenstern war grünes Moos mit bunten Figürchen – aber diese kleinen Nettigkeiten, die eine Illusion des Sommerlebens in die Winterstube brachten, waren kaum zu sehen, denn alle drei Fenstergesimse waren mit Mutters Weihnachtsblumen bestellt, mit den weiß und gelb und zinnoberrot blühenden Stachelpflanzen. Auf dem Ofen schwang ein papierener Schmied den Hammer, eine Mosesschlange drehte sich um eine Stricknadel – (technische Schöpfungen meines Bruders) – und daneben grünte in einer Glasflasche der Oleanderstreckling, der im warmen Wasser seine Wurzeln bildete, um einst ein blühender Baum zu werden.

Nach vier Jahren die erste Weihnacht, die ich wieder daheim erleben durfte!

Bei der Mahlzeit kramte ich gleich aus meinem Neuigkeitssäcklein das ganze Augsburg heraus. Der Urhirsch des Museums, das Gold der Fugger, die Pfeffersäcke der Welser – das alles ging im Sprudel durcheinander, dass der Vater mahnen musste: „So red doch erst einen Satz zu End, eh du den anderen anfängst!“

„Geh, lass ihn!“, sagte die Mutter lachend. „Du siehst doch, dass er e bissele was profitiert hat. Wie’s rauskommt, sich gleich! Wenn’s nur in ihm drin sich.“

Nach dem Essen wär’ ich gerne ins Dorf gerannt – um nur bald die Nähe des Pfarrhofes zu schlüpfen. Doch vor der Liebe kamen Mutter und Vater. Ich sperrte mich drüben im Ökonomiegebäude den ganzen Nachmittag und den folgenden Tag in der Forstgehilfenstube ein, kramte meinen Laubsägkasten aus und sägte, feilte, hämmerte, polierte, schwitzte und leimte drauf los, dass ich den Leim sogar in die Haare und in die Ohren bekam. Eine stunde vor der Bescherung war für den Vater eine Patronenkassette fertig, für die Mutter ein feines ‚Etascheerle’ und für jedes der Geschwister irgendeine unbrauchbare Sache, mit der ich mich sehr geplagt hatte.

Ein Nachthimmel im Sternenglanz. Das Läuten der Weihnachtsglocke. Und dann der Baum in seiner strahlenden Lichterfülle. Für die jüngeren Geschwister stand wieder der weiße Engel mit den unmöglichen Silberflügeln neben dem Ofen – und ich konstatiere, dass er diesmal keine Fleckelespantoffel trug, sondern Zeugstiefelchen mit ‚Gwäschtelen’. Die neue Köchin war, was man ein ‚feines Mädle’ nennt. Und viele Geschenke gab’s, billig eingekauft, aber mit Zärtlichkeit ausgesucht. Ich könnte noch heute jedes Stücklein aufzählen. Und über diesen Weihnachtsabend vermöcht’ ich ein ganzes Buch zu schreiben. Was da gesprochen wurde, unter dem brennenden Baum und dann beim Rehbraten, bei den geschnittenen Nudeln, bei den Punschgläsern und den Pfeffernüsslen – das alles ist mir fast wörtlich im Gedächtnis geblieben.

Wie es kam, dass all dieses Kleine so scharf in meiner Erinnerung haftete? Weil eine Woche später, in dem Augenblick, als mir der kalte Tod an die Kehle griff, alles Kleinste dieser letzten Tage im Elternhaus für meine von Grauen geschüttelte Seele wieder grell erwachte und sich meinem Gedächtnis eingrub für Lebenszeit. Was ich in einer Woche erlebt hatte, erlebte ich ein zweites Mal in drei Sekunden. Zeit? Was ist Zeit? Ich weiß es nicht. Dieser Begriff erlischt nicht nur im Traum – er kann auch für einen Wachenden erlöschen, der die Augen aufgerissen hält. Zwei Mal hab ich das erfahren – damals am letzten Tag meiner Weihnachtsferien und sechzehn Jahre später, als ich auf der Gemsjagd bei Berchtesgaden kirchturmhoch über die Siegerethwand heruntersauste und mich doch mit heilen Knochen aus dem Lawinenschnee herauskrabbelte, in den ich hineingeplumpst war wie ein gut gefülltes Federbett. In solchen Sekunden denkt man Dinge, die man sich merkt.

Ich weiß noch ganz genau, dass meine kleinen Geschwister an jenem Weichnachtsabend schlafen gehen sollten, als es zehn Uhr schlug, und dass sie noch um ein Viertelstündchen bettelten, und dass der Vater sagte: „Nein, Kinder, alles muss sein Genügen haben, und morgen ist auch wieder ein Tag!“

Wir ‚Alten’ blieben noch auf – weil Papa noch ein bisschen an seinen Schlagregistern arbeiten und ich in die Weihnachtsmette gehen wollte, um das Pfarrhof-Bertele zu sehen. Während wir schwatzten, spann die Mutter.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht läuteten die Glocken. Ich rannte in meinem Radmäntele wie ein Narr davon – und wurde wunderlich traurig, weil das Pfarrhof-Bertele nicht in der Mett war. Im ‚Pfarrköcheskirchstuehl’ kniete nur das Fräulein Kreszenz im seidenen Hofgockelstaat, andächtig wie eine Heilige, und die jüngste der drei Schwestern, die ‚schwarzhaarige Wildkatz’, die immer was zu gucken und zu wispern hatte.

Der Weihnachtsengel bescherte mir für den Rest dieser Nacht in meinem eiskalten Mansardenstübchen keine sanfte Ruhe.

Am Vormittag sprach ich vor den Eltern die höfliche Meinung aus, dass es doch wohl schicklich für mich wäre, im Pfarrhof Besuch zu machen.

„Nein!“, sagte Papa. „Das kannst du dir sparen.“ Sonst kein Wort. Und Vater und Mutter redeten auch weiterhin mit keiner Silbe vom Pfarrhaus und vom hochwürdigen Herrn.

Die ganze Woche war das Bertele nirgends zu sehen, nicht in der Kirche, nicht auf der Gasse, nicht im Garten, nicht hinter den immer verhüllten Fenstern des Pfarrhofes. Und wo ich auch im Dorf vorsichtig nach dem Bertele anklopfte, überall bekam ich ein sonderbares Lächeln zu sehen oder ein unverständliches Wort zu hören.

Wisst ihr, was ‚steinunglücklich’ ist? Das war ich! So unglücklich war ich, dass ich, um die Tage zu verscheuchen, aus meinem Handköfferchen die nur pro forma mitgenommenen Schulbücher herauskletzelte und mit verstopften Ohren zu büffeln begann. Diese Verzweiflungstat wirkte ein Gutes. In ein paar Tagen holte ich nach, was ich in drei Monaten versäumt hatte.

Am Morgen des Neujahrstages, der einen kalkweißen Himmel brachte, bekam der Vater bedenkliche Wettersorgen. Er meinte, dass ein starker Schneefall bevorstünde, und dass ich noch am Nachmittag den Rückweg nach Augsburg antreten sollte. Aber ich bettelte ihm das ab, dass ich den anderen Tag noch bleiben durfte bis zur letzten Stunde. Und die Mutter half mir bitten; sie glaubte nicht an schlechtes Wetter, weil sie in ihrem ‚Perleschnüerle’ – in den Nerven- und Sehnenknoten an ihren Händen – noch immer kein schmerzliches Wetterzeichen verspürte.

So hatte ich noch anderthalb Tage Zeit, um das Bertele aufzuspüren. Aus aller Liebe wird Mut geboren. Am Nachmittag, als es schon bald zu dämmern anfing, zog ich die Haustürglocke des Pfarrhofes. Ich hatte mir’s fein einstudiert, wie ich dem hochwürdigen Herrn und dem Fräule Kreszenz glückseliges Neujahr wünschen wollte, und dann mussten sie mich nach Honoratiorensitte zu einer Tasse Kaffee einladen. Und da wird natürlich auch mein feines blasses Mädelein dabei sein!

Es dauerte lange, sehr lange, bis die Haustür zögernd geöffnet wurde. Vor mir stand Herr Pfarrer Andra, der stattliche, nur ein bisschen zittrige Mann, in rot gefüttertem Schlafrock, ein Hauskäppchen auf dem steif glänzenden Braunhaar, in der unruhigen Hand eine lange Studentenpfeife. Er sah mich feindselig an: „Was wünschen Sie?“

Mir vreschlug’s die schön memorierte Rede. So fing ich zu stottern an: „I wünsch e glückseligs nuis Jahr …“ Und dann kam ein Nachsatz, von dem ich nicht begriff, wieso er den hochwürdigen Herrn in solchen Zorn versetzen konnte.

Es gibt im Schwabenland ein kleines altes Verslein, mit dem die armen Dorfkinder an Silvester von Tür zu Türe betteln gehen. Dieser Vers – ohne dass ich’s wusste oder wollte – kam mir in meiner Verlegenheit auf die Zunge:

„I wünsch e glückseligs nuis Jahr,
Derzue e Christkindel mit Krausehaar!“

Vor Zorn wurde der Hochwürdige dunkelrot übers ganze Gesicht, zog mit der Hand zu einer Ohrfeige aus und schrie: „Sie unverschämter Lausbub! Machen Sie, dass Sie weiterkommen!“

Die schwere Türe flog zu, als wäre eine Kanone abgeschossen worden.

Ich hatte die Ohrfeige gar nicht bekommen, stand aber vor der Haustür, als wäre mir ein schwerer Stoß gegen Brust und Stirne gefahren. Das war nun wieder einmal eine Minute, in der ich Gott und die Welt nicht verstand.

Ein paar Stunden trödelte ich in der Nähe des Pfarrhofes herum, ohne zu wissen, was ich da noch schaffen wollte. Es wurde dunkel, die verhüllten Fenster erhellten sich, und undeutliche Sterne schimmerten zwischen den Wolken.

Ich spähte und lauerte – und brachte heraus, dass an einem gegen den Garten blickenden Fenster im Hochparterre die Vorhänge nicht völlig schlossen.

Ein Sprung über den Zaun. Bei mir krachte kein Brettle. Und es bellte kein Hund. Wo war denn nur der ‚große böse Hund’, von dem es hieß, dass ihn der Hochwürdige in einer mit Luftlöchern versehenen Kiste mitgebracht hätte?

Lautlos wie ein Marder kletterte ich am Weinspalier in die Höhe. Als ich durch den Vorhangspalt in die von einer schön brennenden Wachskerze erleuchtete Stube guckte, wär’ ich vor Schreck beinahe rücklings über das Spalier hinuntergepurzelt; so gröblich schlug das Bild, das ich sehen musste, mich Ahnungslosen ins Gesicht. Der stattliche Herr – ohne Schlafrock, in Hemdärmeln – saß auf einem Sessel und hatte das feine weiße Mädelein auf seinem Schoß. Nein, das Mädelein war nicht weiß, sonder trug ein dunkles Hauskleidchen. Und deutlich sah ich, dass das leibe Bertele weinte. Aber die Weinende wischte nicht an ihren Augen, sondern ließ die Arme wie leblos hängen. Und der gute, schöne, hochwürdige Onkel hielt sie ringsherum unter diesen schlaffen Armen fest umschlungen, redete ihr anscheinend sehr herzlich zu und küsste sie dabei immer wieder hinter das kleine Ohr. Und plötzlich brach das Bertele in verzweifeltes Schluchzen aus und umklammerte mit so heftigem Ruck den Hals des hemdärmeligen Onkels, dass sein steif glänzendes Braunhaar sich verschob, als wär’ es ein abnehmbares Käpplein.

Ich weiß nimmer, wie ich aus dem Garten hinauskam, weiß nur noch, dass ich wie ein Irrsinniger über finstere Wiesen rannte und daheim an der offenen Haustür die Glocke zog, als stünd’ ich wieder vor dem verschlossenen Pfarrhof.

Beim Nachtmahl wurde mir jeder Bissen zu einem Ekel erregenden Ding. Und es hatte mir doch die Mutter eine meiner Lieblingsspeisen gekocht! Weil ich kaum ein Wort herausbrachte, fragte sie: „Langerle, was hascht du denn?

„Nix, Mutterle! Als dass ich halt morge fort muss!“

Die Blässe meines Gesichts fiel ihr auf. Aber diese Erscheinung schrieb sie den vielen Leckerle und Pfeffernüssle zu – es war doch auch in früheren Jahren nie eine Weihnachtswoche gewesen, in der ich mir nicht gründlich den Magen verdorben hätte.

Ich musste eines von Mutters heilsamen Tränklein schlucken und bald ins Bett wandern.

Ach, diese Nacht! In dem finsteren, gletscherkalten Mansardenstübchen! Und mir brannte doch alles an Leib und Seele! Obwohl ich nicht wusste, warum! War’s denn etwas so Schreckliches, dass ein guter Onkel seine Nichte küsst? Nein, nein, nein! Aber hinter das Ohr! Herr Jesus! Hinter das Ohr! So was ‚Koinzes und Keeles’ hätte sich das Bertele nicht dürfen gefallen lassen. Und im Handumdrehen sah ich alle Schuld bei diesem feinen Mädelein, das nimmer weiß war. Mein Schreck und Kummer verwandelte sich in Zorn, mein Zorn in glühenden Hass. Ich grub das Gesicht in die Kissen, zog die Bettdecke übers Haar, schwitzte und schnatterte doch mit den Zähnen, und meine verstörten Gedanken taumelten hinüber in martervolle Träume.

Als die Mutter mich weckte, war es zehn Uhr vormittags. Natürlich hieß ich wieder das ‚Murmeltierle’ – nur dass die Mutter nicht sagen konnte: „Raus ins Gärtle, die Sonn sich da!“

Gab’s denn überhaupt noch eine Sonne?

Obwohl ich an die acht Stunden geschlafen haben musste, war ich müd an Herz und Gliedern.

Um elf Uhr bekam ich meine Wanerkost und ‚Henkersmahlzeit’. Vater, Mutter und Geschwister, die erst später essen wollten, saßen im Kreis um mich herum. Die Mutter, obschon ihr die Augen manchmal ein bisschen tröpfelten, war lustiger Laune, weil das Wetter sich zu bessern schien. Die Luft war lau geworden, und das ruhig treibende Gewölk sah eher nach Regen aus, als nach drohendem Schneefall. Auch Papa beschwichtigte seine Sorge, gab mir aber ‚für alle Fälle’ einen Bauernburschen, den Jörgele, als Begleiter mit, der mich nach Westheim bringen und mein Handköfferle tragen sollte.

Als ich zum Abschied am Hals der Mutter hing, kamen mir die Tränen wie ein heißer Sturz.

Die Mutter tröstete: „Geh, Langerle, sei gscheit! An Oschtere kommst ja wieder.“

Es hätte an jenem grauen Tag nicht viel gefehlt, und ich wäre niemals wiedergekommen.

Der Jörgele war ein fideles Huhn und schwatzte beim Marschieren so lustig drauf los, dass meinen Gedanken wenig Zeit verblieb, sich mit dem abscheulichen Pfarrhof-Bertele zu beschäftigen. Abscheulich? Ja! Mit der war ich fertig! Aber schon gründlich! Lässt sich hinters Ohr busseln und hängt sich einem Pfäffle an den Hals! Pfui Teufel!

O Torheit des jungen Herzens, Blindheit der jungen Augen! Ein wehrloses Menschenkind, das sein Unglück zu einem hübschen Weib machte, wird in Schlingen gefangen, entehrt, gepeinigt, erwürgt – und solch ein dummes, blindes, vierzehnjähriges Kerlchen meint verachten und hassen zu müssen und erledigt die verhüllte Tragödie und allen Jammer eines verzweifelten Geschöpfes mit einem billigen Wort: Abscheulich!

Als wir die Straßenhöhe hinter Ehgarten erreichten, fuhr uns ein kalter Windstoß ins Genick. Der Jörgele marschierte und schwatzte immer lustig weiter. Zu Kruichen vor dem Wirtshaus blieb er stehen. Man hörte lachende Stimmen, Gitarre und Ziehharmonika. So was liebte der Jörgele.

„Ludwigle, was moi(n)scht? Keahre mer e bissele ei(n)?“

„Noi(n), Jörglee, i muess zur Eusebahn. Die wartet nit, weischt! Und morge hab i Schuel.“

Er sah mich prüfend vom Kopf bis zu den Füßen an und meinte, dass ich doch schon so ein starkes ‚Mannsbild’ wäre, um mein Köfferle auf den eigenen Buckel nehmen zu können.

„In Gottes Name, so gib halt her und tue die vergnüege! I sag em Vater nix!“

Der Jörgele sprang mit einem Juhschrei in die lustige Wirtsstube – ich nahm mein Köfferle am Hakenstock über die Schulter und rannte los, obwohl’s mit der Eiel nicht dringend war. Bis vier Uhr konnte ich den Bahnhof zu Westheim bequem erreichen. Und erst um fünf Uhr kam der Zug.

Bei Adelsried begann der kalte Wind hinter mir her zu blasen, dass mir das Rennen leicht wurde, und dass die zwei Enden meines blauen Schlipses immer kerzengerade voraus standen.

Als ich mitten im Adelsrieder Forst war, fing es zu schneien an, erst hinter mir her, dann gerade herunter, dann mir entgegen. Wie merkwürdig das war! Die großen Schneeflocken wehten horizontal durch die Luft, als möchten sie nie zu Boden fallen. Und dennoch wurde der Schnee auf der Straße immer tiefer. Nach einer halben Stunde ging er mir schon bis an die Knie herauf, und das mühsame Waten machte mir heiß. Die Flocken flogen so dicht, dass ich links und rechts von mir die Ränder des Waldes nimmer sah. Auch musste ich die Pudelkappe tief ins Gesicht ziehen und immer mit dem Kopf vorausbohren, um den Schnee nicht in die Augen zu bekommen. Ein Glück, dass die Straße stangengerade durch den Wald lief und nicht zu verlieren war!

Vorne fror mich, in den Handschuhen wurden mir die Finger wie zu Eiszapfen – und hinten lief mir’s unter dem klebenden Hemd heiß von den Schultern.

Ein paar Mal tappte ich über die Straße hinaus in den Schnee des verwehten Grabens. Diese Pfad weisenden Mulden verschwanden immer mehr im dichten, wehenden Gestöber. Durch die Pudelkappe biss mich der Wind schon kalt in die Ohrlappen. Schneezotten hingen mir von den tränenden, geblendeten Augen. Und ob ich mich rechts oder links halten musste, das merkte ich schließlich immer nur, wenn ich links oder rechts hinunterplumpste in den tieferen Schnee. Und das kleine Köfferle, in dem nur mein Feiertagsanzug, ein bisschen Wäsche, die Schulbücher und Mutters Geschenke waren, begann wie ein Zentner zu drücken. Wegwerfen? Was die Mutter mir geschenkt hatte? Nein!

Wenn nur ein Wagen käme! Ein Mensch! Aber alles blieb weiß um mich herum. Und der Wind sauste wie eine große Mühle. Ach, der verflixte Jörgele!

War ich denn noch im Wald? Nirgends hinter dem Gestöber sah ich den grauen Schatten eines Baumes. Und dieses Tiefe da, wo ich waten musste bis über die Hüften herauf? War das nicht schon der Hohlweg bei Aystetten? Dann mussten ja bald die ersten Häuser kommen! Wie schön war diese Hoffnung! Doch es kam kein haus, es kam eine leere, weiße Wüste, mit Gähwinden wie Mauern so hoch, mit einem sausenden Schneetreiben, gegen das ich in meiner wachsenden Erschöpfung fast nicht mehr anzukämpfen vermochte.

Nein, jetzt dachte ich nimmer an das Pfarrhof-Bertele. Das war jetzt ein Erloschenes für mich, ein Niegewesenes. Nur noch heim dachte ich, an Vater und Mutter, und an die Sorge, die sie haben mussten! Und noch an etwas anderes dachte ich, an etwas Kaltes und ganz Unsagbares. Und was sie wohl morgen in der Klasse wispern würden, wenn das blonde ‚Schwabeschüpppele’ nimmer kommt?

Wo war ich denn nur? Wo war ich denn? Nach welcher Richtung musste ich waten?

Ich blieb im sausenden Gestöber lange stehen und schrie aus Leibeskräften, schrie, bis die Tränen des Zornes und der Angst meine Stimme zerdrückten.

Da vernahm ich im Sturm einen Laut. War’s nicht ein Glockenton? Die Bahnhofglocke? Oder war’s der Pfiff einer Lokomotive? Herr Jesus, gleich da drüben, wo das Weiße so dick ist, muss der Hügel von Westheim liegen! Und ich war schon weiter, als ich glaubte, schon auf den Schmutterwiesen! „Herrgott, so ein bissele! Da wirscht ja do no durchkomme!“ Ich fing mit neuen Kräften zu waten an – zu rennen, wo der Schnee seichter wurde – zu wühlen, wo die weißen Mauern standen. Und plötzlich bekam ich leichteren Weg; dieses Graue, Nasse, Klebrige, das musste eine Straße sein! Aber lief denn über die Schmutterwiesen eine Straße? Nein! Herr Jesus, dieses Graue – –

Dieses Graue tat unter meinen Füßen einen leisen Krach, und bis zu den Armen hing ich im Wasser – und merkte gar nicht, dass es kalt war.

„Herrgottsaxe!“

Nach diesem erschrockenen Stoßseufzer fing ich zu brüllen an. Aber ich tat nur ein paar Schreie. Dann begriff ich, dass mir niemand helfen würde, wenn ich mir nicht selber half.

Das Köfferle und der Hakenstock waren auf dem Eis liegen geblieben. Sie gaben mir den Halt, den ich brauchte. Ich kam heraus – und weiß nicht, wie ich auf den Einfall geriet, mich im Schnee zu wälzen, um das Wasser aus den Kleidern zu bringen. Und immer lachte ich, während ich mit Hakenstock und Köfferle zu waten und erschöpft zu rennen begann. Doch plötzlich verging mir das lachen – ein dumpfer Knacks – und ich hing schon wieder bis zu den Armen im Wasser.

Jetzt blieb ich stumm. Und hing so da, und rührte mich nicht, und hatte keinen anderen Gedanken als den einen an dieses Kalte, Ziehende in der Gegend meiner Beine da drunten. Das Köfferle lag weit von mir – noch auf dem Eis? Oder schon am anderen Ufer? Und der Hakenstock war verschwunden. Im Schnee versunken? Ins Wasser gefallen? Und das Gestöber, das mich umhüllte, war nimmer weiß, war schon ein bisselchen grau – die Dämmerung begann.

Ich suchte mit den Füßen nach festem Grund und fand keinen. Dieses Rudern mit den Beinen war die letzte Bewegung, die ich fertig brachte. Und ohne mich zu regen, hing ich wieder an das sulzige Eis geklammert. Das Wasser zog meine untere Hälfte schief hinüber. Und ich dachte: „Jetzt kann ich nimmer bis hundert zählen, dann muss ich auslassen!“

Es wurde mir rot und blau vor den Augen. Und da kam dieses zweite Erleben. Nur wenige Sekunden kann es gedauert haben. Und war eine ganze Woche mit Tagen und Nächten. In dieser Woche meines wiederholten Lebens war kein Pfarrhof – nur das Haus meiner Eltern. Schwimmen mir die Bilder jener Vergangenheit wirr durcheinander? Vermag ich die Chronologie des Erlebten nicht mehr mit Sicherheit festzustellen? War es wirklich der Neujahrstag von 1870, an dem ich das Bertele auf dem Schoß des zärtlichen Onkels hatte sitzen sehen? Hab’ ich vielleicht dieses ‚keele’ Bild erst in den Weihnachtsferien des folgenden Jahres erlebt? Oder rechnet meine Erinnerung richtig? Und haftete der Lebensschreck, der mich vom erleuchteten Fenster des Pfarrhofes hinausgetrieben hatte in die schwarze Nacht, so locker in meiner Seele, dass er spurlos und völlig aus ihr verschwinden konnte, als das eisige Wasser der Schmutter an meinen Hüften zog? Denn dieses eine weiß ich heute noch fest und bestimmt: Die jagende Bilderflucht, die damals der kalte Hauch des nahen Todes in meinem Gehirn entstehen ließ, zeigte mir keinen Pfarrhof, nur die Meinen und das Elternhaus. Und alles, was ich da zum anderen Mal erlebte, war schön und warm und heiter. Die Mutter, der Vater und die Geschwister lachten immer. Und alles kam da wieder, jedes Kleinste, jedes Wort, jeder Atemzug – alles, von der ersten Stunde, in der ich mich vor Freude wie verrückt an den Hals der Mutter geworfen hatte, bis zur letzten, in der sie mich tröstete: „Geh, Langerle, sei gscheit! An Oschtere kommst ja wieder!“

Und als ich die Mutter das sagen hörte, spreitete ich den linken Arm über das Eis und schlug mit der rechten Fauste eine Scholle ins Wasser hinunter – und streckte den rechten Arm und schlug mit dem linken zu – und kam dem Ufer immer näher, fühlte vor den suchenden Fingern ein Schilfbüschel, fühlte Grund unter den Schuhen – und war draußen und wälzte mich wieder im Schnee, aber nimmer lachend, sondern stumm. Meine Hand, die wie beinern geworden, konnte kaum noch das Köfferle fassen. Während ich watete und keuchte, begannen im kalten Grau des Abends meine Kleider zu gefrieren. Die Hose wurde wie von Blech und in den Kniekehlen empfand ich schmerzende Schnitte. Ein Lokomotivpfiff – noch fern! Ich watete, keuchte, wurde heiß und schwitzte – viel reichlicher noch, als im letzten Akt der ‚Philippine Welser’ – und alles Starre an meinen Kleidern begann wieder lind zu werden. Rötliche Lichter im trüben Schleier. Ein Hügel, den ich kaum noch bezwingen konnte – ich musste das Köfferle an meinen hart gewordenen Schlips binden und im Schnee hinter mir herziehen wie einen Kinderschlitten. Bevor der verspätete Zug noch in den Bahnhof einfuhr, stand ich am Schalter: „Augsburg, erster Klass’!“ Denn ich wusste, nur in der ersten Klasse gab es Wärmflaschen.

Der Kondukteur fing fürchterlich zu schimpfen an, als er mich weißes Schneemänndle in die erste Klasse hineinzappeln sah. Aber ich hatte mein ‚Bullett’, er musste schweigen. Und als der Zug sich langsam davon schob durch den Schnee, riss ich – allein in den warmen Wagen – unter dem trüben Öllämpchen flink herunter, was ich am Leib hatte, stieg auf die Polster, trocknete meinen Körper mit den Fenstervorhängen ab und holte aus dem Köfferle die frische, noch leidlich trockene Wäsche und mein Feiertagsgewand heraus. Ich hatte Strümpfe, aber keine anderen Schuhe. Und nun hockte ich da, mit den pelztauben Füßen auf der langen Wärmeflasche, mit den starren Händen unter dem Körperteil auf dem ich saß.

Herrgott, wie war mir wohl! Und wie war das Leben so schön! Und ich musste lachen darüber, dass ich am ganzen Leib dampfte wie eine in guter Glut gehaltene Tabakspfeife.

Dann schlief ich ein. In Augsburg konnte mich der schreiende Kondukteur kaum munter machen. Er schimpfte wegen der Wasserlache, die den Boden des Kupees bedeckte, und stopfte mein nasses Zeug in mein Köfferle, während ich mich fürchterlich plagen musste, um die aufgedunsenen Füße in die windelweichen eingeschrumpften Schuhe zu bringen.

Damit ich nicht aus der schönen Wärme käme, schlug ich durch die Stadt einen Laufschritt an.

Mein Zimmer war kalt. Ich legte mich gleich ins Bett, holte aus meinem Köfferle Mutters feucht gewordenen Marzipan heraus und schluckte und knusperte. Was mir auf den Schmutterwiesen passiert war, jener Todesschreck, verwandelte sich in eine komische Geschichte, dass ich unter der warmen Decke immer lachen musste, während der Marzipan zwischen meinen Zähnen krachte.

Als ich am anderen Morgen zur Schule geweckt wurde, machte ich die Wahrnehmung, dass die Hefte und Schulbücher, die ich im Köfferle aus den Weihnachtsferien mitgebracht hatte, vor Feuchtigkeit ganz zermürbt und gerunzelt waren. Sonst hatte ich keine Schaden von der Sache, war frisch und gesund, kein bisschen heiser – und nicht einmal einen Schnupfen bekam ich wie nach der ‚Philippine Welser’. Das Leben mit seinen Gefahren und Ängsten scheint eine noch viel gesündere Sache zu sein, als die Kunst mit ihren schönen Worten.

Und das Pfarrhof-Bertele? Hekuba! Und ausgelöscht aus meinem Leben! Meine in der Weldener Dorfschule gereifte Erfahrung, dass alles ‚Mädelszuig’ eine minderwertige Sache wäre, hatte sich wieder einmal als richtig erwiesen.

Die psychischen Nachwirkungen der glücklich überstandenen Todesgefahr verwandelten mich für einige Wochen in ein fleißiges Studentle. Ich gab mein verrücktes Gassenrennen auf, blieb viel daheim, beschäftigte mich am Tag hartnäckig mit meinen Schulbüchern, las in den Nächten Büchners ‚Kraft und Stoff’ oder Shakespeares Historien, (die ich liebte, weil in ihnen so wenig von Liebe vorkam) – und Augsburgs große Vergangenheit wurde mir eine gleichgültige Sache. Noch schlimmer als gleichgültig! Man spottet gerne über erledigte Leidenschaften. An einem schneienden Winterabend, der die Gassen öde machte, setzte ich dem Denkmal des edlen Herrn Welser – oder war es das Denkmal des noch edleren Herrn Fugger? – einen alten Zylinderhut auf und band ihm einen aufgespannten Regenschirm an die eherne Faust. Folgenden Tages stand zum ersten Mal etwas über mich in der Zeitung, glücklicherweise ohne die Nennung meines Namens; in dem empörten Artikel des Augsburger Blättchens hieß ich kurzweg: Dieser Bube. Ein falsches Urteil! Was ich getan hatte, war kein Bubenstreich, sondern eine geistige Erlösung. Und wäre dem Artikelschreiber bekannt gewesen, wie viele Seelenschmerzen ich um Augsburgs großer Vergangenheit willen gelitten hatte – er würde meine Handlungsweise milder beurteilt haben.

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