Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 7

Während der Tage, die ich im Krankenzimmer verbringen musste, besuchte mich auch der hochwürdige Unschlacht häufiger, als mir lieb war. Er zwickte nimmer. Doch mit dem Anschein freundlicher Sorge fühlte er gerne, ob ich auch ‚warme Füße’ hätte. Mir wurde immer unbehaglich zumute, wenn ich draußen im Korridor seinen schweren Schritt heranpumpern hörte. Aber ich hatte da, ähnlich wie Professor Loher, eine zweifache Seele. Bei allem Unbehangen wartete ich doch auch mit Ungeduld auf den Besuch des Unschlacht, weil er mir Bücher aus seiner Bibliothek zum Lesen brachte. Dabei richtete er sich ganz nach meinem Geschmack. Und weil ich eine wachsende Vorleibe für Theaterstücke bekam, brachte mir schließlich der Unschlacht nur noch Dramenbücher. Brennende Seligkeiten begannen da in meinem Herzen und in meinem Blut zu zittern und zu träumen. Doch mein Instruktor Rauner nahm mir die geliebten Bücher immer wieder weg und legte mir die Schulhefte auf die Bettdecke. Ich erinnere mich, dass er sagte: „Geh, das verstehst du ja noch net!“ Es war aber schon Feuer in mir, und ein Same begann zu keimen. Allerlei Gestalten gaukelten durch meine schwül geheizte Phantasie: Brutus, Catilina, Alba, Gottfried von ‚Bullion’ – (ich wusste nicht genau, wie der Name meines Helden geschrieben wurde) – Anakreon und Polykrates. In einer schlaflosen Nacht, während mir in der eiternden Hand der Blutschlag tobte, befiel mich der Gedanke, eine nationale Triologie zu dichten! ‚Heinrich der Deutsche!’ Sie sollte auch den drei Dramen bestehen: ‚Heinrich das Kind’ – ‚Canossa’ – und ‚Heinrichs Tod’. Aber dann wurden mir alle klassischen Träume und alle Gestalten der Vergangenheit plötzlich beiseite geschoben durch einen ‚modernen Stoff’. Ich weiß nimmer, wie mir diese verdrehte Sache in das verdrehte Köpfl fiel? Vielleicht war’s die Nachwirkung eines Spielhagen’schen Romanes, den ich während der vergangenen Sommerferien in einer Zeitschrift gelesen hatte, die meine Eltern hielten. Oder wuchs mir dieser Stoff aus den knabenhaft feurigen, aber auch kindlich verschrobenen Debatten heraus, die wir in unserer ‚Holzburg’ zu führen pflegten, um uns für die ‚Befreiung der Menschheit’ vorzubereiten?

Ich war mit keinem bewussten Gedanken bei dieser Arbeit, hatte nie das Gefühl, dass ich etwas ersinnen müsste, sondern lag nur immer mit geschlossenen Augen da, schwer atmend – und dann kamen diese leuchtenden Bilder und diese verklärten Menschen zu mir. Als ich aus der Spitalstube entlassen wurde, fing ich zu schreiben an – mit der Hand, die noch nicht ganz geheilt war. Ich schrieb während der Studierstunden, schrieb in den Freizeiten und schrieb während des Unterrichtes in der Schule. Die Reinschrift malte ich in ein schwarz gebundenes Heft mit rot liniiertem Papier. Nach drei Wochen war das ‚Erlösungsdrama’ vollendet. Es heiß: ‚Mathilde – oder die Insel der Seligen’. Woher ich den Namen der Heldin nahm? Mathilde? Ich vermute, dass ich diesen Namen von Nagelschmieds Mathild entlehnte, die ja solch ein stilles, schlankes, blasses, traumäugiges Menschenkind war, wie ich mir meine Heldin vorstellte. Der Name des ‚Schurken’, der diese ‚edle, reine Seele’ in unglücklicher Ehe gefangen hielt, und der Name des Helden, der die Geknechtete erlösen musste, ist in meinem Gedächtnis erloschen. Ein Ehebruchsdrama! Und ich dreizehnjähriger Junge wusste noch gar nicht, was Ehebruch war! Ich schrieb das Drama einer Ehe, die zerbrach, ohne dass sie gebrochen wurde. Es kam auch in dem ganzen Stück kein Wort von Liebe vor! Für so etwas Minderwertiges war in meiner Dichtung kein Raum. Es handelte sich hier um viel höhere Dinge! Um die Erlösung einer geknechteten Seele, um Freiheit und Menschenwürde, um die Gründung eines geläuterten Lebensreiches! Der Held erkennt die grässliche Sklaverei des edlen Weibes, er leidet mit seiner ‚Schwester im Geiste’, will sie befreien, entführt sie mit kühnem Mut, tötet den schurkischen Gatten im Duell, ‚obsiegt’ allen philiströsen Widerständen und zieht mit der erlösten Dame zur grünen Insel der Seligen, um in Freiheit ein neues, edleres Menschengeschlecht zu begründen! Über die Art und Weise, wie der Held dieses vorgesteckte Ziel erreichen würde, war ich einigermaßen im unklaren. Das Drama endete also mit einem Fragezeichen und hatte einen ‚problematischen Schluss’ – wie man das heutzutage nennen würde. Auch in der Technik war es der Zeit seiner Entstehung weit voraus. Das lange Stück hatte nur drei Personen; und jeder Akt bestand fast nur aus einer einzigen Szene. Ungefähr vierzig Jahre später hat mir Gabriele d’Annunzio das nachgemacht – womit ich aber nicht behaupten will, als hätte dieser feurige Italiener an mir ein Plagiat begangen. Denn das Manuskript meiner ‚Mathilde’ war schon aus der Welt verschwunden, als Gabriele d’Annunzio noch die geschlitzten Höschen trug. Was aus dem schwarz gebundenen Heft mit dem rot liniierten Papier geworden ist? Sicher weiß ich es nicht. Aber ich habe meine gute Mutter im Verdacht, dass sie die ‚Mathilde’, die sie während der Sommerferien 1868 in meinem Koffer fand, den ‚läuternden Flammen’ des Kochherdes übergab. Eingestanden hat sie mir das freilich nie. Aber gelesen hat sie mein Werk. Denn viele Jahre später sagte sie zu mir: „Ach, Bub, weißt du … sooo, wie über dein Trauerspiel ‚Mathilde’, so haben der Papa und ich im Leben noch nie gelacht! Ordentlich gescheppert hawe mer vor Lachen!“

Als die Mutter das sagte, konnte ich mitlachen. Aber dabei dachte ich doch auch mit ein bisschen Wehmut an die fiebernde Begeisterung zurück, in der ich die Mathilde ‚geschaffen’ hatte. Durch drei Wochen war ich damals wie ein Betrunkener, der keine Ernüchterung kennt. Und ich kann euch die Freude nicht schildern, mit der ich unter die letzte Zeile der Reinschrift das Wörtchen „Finis“ setzte, das ich mit roter Tinte prachtvoll umschnörkelte. Wie ein kostbares Kleinod hütete ich das schwarz gebundene Heft, hielt es unter meiner Wäsche versteckt und nahm es nur heraus, wenn ich vor jeder Störung sicher war. Keinen meiner Kameraden ließ ich hineingucken, keinem las ich eine Zeile vor. Es hätte mich auch keiner ‚verstanden’! Seit dem Hexameter vom fleißigen Schindeldecker war ich misstrauisch gegen das ‚Urteil der Menge’ geworden.

Während dieser ‚literarischen Epoche’, in der die ‚Insel der Seligen’ entstand, bekam mein Fortgang in der Schule höchst bedenkliche Krebsfüße. Freilich hielt mich Rauner zur Not über Wasser – will sagen: Oberhalb der Note IV. Aber weil sich mein Instruktor auf sein Absolutorium vorbereiten musste, blieb ich mehr als sonst mir selbst überlassen. Nach der Geburt der Mathilde fühlte mein Geist das Bedürfnis, sich auszuruhen. Ich machte mir’s in der Schule so bequem wie möglich und war in den Freizeiten der Übermütigste unter den tollenden Jungen. Streich um Streich wäre da zu erzählen. Und endlich brachte mich eine abenteuerliche Geschichte nach vielen Pult- und Klassenarresten auch in den richtigen Karzer, der unter gewöhnlichen Umständen für die Lateinschüler ein ‚fernes Land’ war, doch ‚ein Ziel, aufs innigste zu wünschen’. Denn wer im Karzer gesessen hatte, trug für unsere seminaristische Weltanschauung so etwas wie ein Adelszeichen auf der Stirne.

Ein großer Dichter behauptet, dass alle menschlichen Taten, ob sonnig oder dunkel, emporgestiegen kämen aus den beiden Lebensbrunnen Hunger und Liebe. Die Liebe war mir noch eine fremde Sache – doch eine sehr vertraute war mir der Hunger. Wir wurden im Seminar durchaus nicht knauserig gehalten. Aber ich hatte immer mehr Hunger, als der ordnungsgemäße Durchschnitt das erlaubte. Und diese knurrende Sehnsucht brachte mich auf einen herrlichen Einfall.

Im Seminargarten, nicht weit von der Kegelbahn, erhob sich das Backhaus, in dem jede Woche zweimal dieses viele Brot für hundertfünfzig Mäuler gebacken wurde – für Präfekten, Seminaristen und Dienstleute. Aus den vergitterten Fenstern strömte da immer an den Backtagen ein feiner, lockender Duft heraus, der nicht für mich, wohl auch noch manch ein anderes kleines, hungriges Kerlchen von einer schlaraffischen Stunde träumen ließ, in der man sich einmal gründlich satt essen könnte. Wenn auch nur an frischgebackenem Brot! Es muss ja nicht immer Emmentaler Käse sein! Oder Schokolade! Denn in einem Brief, den einer der Präfekten 1867 an meinen Vater schrieb, steht zu lesen:

„Damit Sie auch wissen, auf welche Weise Ludwig das Geld hinauswirft, so muss ich noch folgendes beifügen. Herr Rektor erfuhren gestern durch jemand, dass ein Seminarist an einem Tag für einen Gulden Schokolade eingekauft habe. Und es stellte sich leicht heraus, dass Ludwig es war, welcher an jenem Tag so viel davon geschleckt hat, dass es ihm unwohl wurde, und dass er bei Tisch nichts mehr essen konnte. Er weiß eben das Geld gar nicht zu schätzen und meint, die Leute hätte es nur, um es auszugeben.“

Nun lacht ihr wohl? Aber dieser Briefstelle muss ich einen Nachsatz geben. Ich besitze noch die vom Seminar-Administrator ausgestellte ‚Privat-Abrechnung für den Zögling Ludwig Ganghofer auf das Jahr 1868/69’. Laut dieser Abrechnung betrug mein Taschengeldverbrauch während des ganzen Jahres die Riesensumme von 7 Gulden 30 Kreuzern.

Diese Abrechnung ist noch aus anderen Gründen merkwürdig, charakteristisch für eine vergangene Zeit. Sie lautet:

Klassengeld 8  fl. 24     Kr.
Taschengeld 7   "  30      "
Dem Apotheker -   "   -      "
Für Bücher 16  "  57      "
 "  Schreibmaterial  9  "  24      "
 "  Zeichnungsmaterial  3  "  20      "
 "  Musikalien  1  "  33      "
Dem Schuhmacher  6  "  34      "
Dem Schlosser  4  "  16      "
Dem Schneider  8  "  27      "
Dem Zinngießer  1  "   3      "
Für Wäscherlöhne  3  "  41      "
 "  Porto-Auslagen  3  "   9      "
Pedellgebühren  1  "   -      "
Für Tinte und Stiefelwichse  -  "  29 1/4  "
Bibliothekbeitrag  -  "  30      "
Für den Schwimm-Unterricht  1  "  15      "
Dem Buchbinder
   (hierunter zwei Album!!)
 8  "  10      "
  89 fl.  6 1/4 Kr.

Der Administrator verrechnete sich bei dieser Addition um einen Kreuzer, denn er brachte nur 89 Gulden 5 ¼ Kreuzer heraus. Wie muss er sich den Kopf zerbrochen haben, als ihm die Seminar-Bilanz auf das Jahr 1868/69 um diesen unglückseligen Kreuzer nicht stimmte! Ich glaube, dass er schlaflose Nächte hatte. Und nun hab’ ich, nach vierzig Jahren, seinen Rechnungsfehler klargelegt. Wenn ich’s dem Administrator zu seiner Beruhigung nur noch hinübermelden könnte ins bessere Jenseits! – Oder habe vielleicht ich mich verrechnet? Es wäre nicht das erste Mal.

Zu obiger Summe kommen noch:

Einstandsgeld  2 fl. 42 Kr.
Kostgeld (bei halbem Freiplatz) 90  "   -  "
Meubel-Beitrag  -  "  90  "
  94 fl. 12 Kr.

Rechnet man für Reisegeld und für Anschaffungen, die daheim gemacht wurden, noch 30 Gulden hinzu, dann betrug mein Jahresverbrauch als Lateinschüler im Durchschnitt etwa 210 bis 220 Gulden. Später ging’s freilich höher hinauf!

Ein jährliches Taschengeld von 7 Gulden 30 Kreuzer! Da gab’s wohl viele Wochen mit leerem Geldbörsle – Wochen, in denen man sehnsüchtig von einem heimlichen Bissen träumte! Und kam dann der silberne Regen – wie er mit den vier Garnknäueln der Mutter gekommen war – so wurde solch ein ewig hungerndes Kerlchen über Nacht zum Lebemann und kaufte und fraß für einen Gulden Emmentaler Käse, für einen Gulden Schokolade. Begannen die Hungerzeiten wieder, so kam man schließlich auch auf den karzerwürdigen Einfall, neu gebackenes Brot zu stehlen.

An der Backstube befand sich, halb in den Boden versenkt, eine Ausgussröhre. Die war nicht viel weiter als ein enger Fuchsbau. Aber in der aufregungsvollen Zeit, in der ich die ‚Mathilde’ dichtete, war ich – ohnehin schon ein schlanker Bub – noch schrecklich mager geworden. Und so war’s keine völlig aussichtslose Sache, wenn ich mir dachte: Ob man nicht durch diese Ausgussröhre in die versperrte Backstube hineinkriechen und einen Brotlaib herausholen könnte? Das Unternehmen gelang. Doch während ich dann in der Holzburg saß und zusammen mit den Bundesbrüdern den herrlichen, noch ein bisschen warmen Brotlaib verschnipfelte, war mir in allen Knochen ein Gefühl, als hätte mich eine Boa constrictor im Halse gehabt. Durch einige Wochen wurde dieses Schlupfmanöver an jedem Backtag glücklich ausgeführt, sobald der Bäcker die Backstube versperrt hatte und davongegangen war. Schließlich begnügten wir uns nicht mehr mit einem Brotlaib. Drei oder vier Laibe schob ich immer aus der Stube heraus, bevor ich ins Freie schlüpfte. Aber diese Fuchsbewegungen wurden von Woche zu Woche immer schwieriger – weil ich besser genährt war. Wir Brüder hatten droben im Studiersaal die Pulte immer angepackt mit Brot und kauten bei Tag und Nacht.

Merkte man den Abgang in der Backstube? Und passte man auf? Oder war’s ein Zufall, dass in der abendlichen Freizeit, als ich wieder einmal mühsam durch die Ausgussröhre ins Schlaraffenhaus hineingekrochen war, der Herr Präfekt mit gemütlichem Aufundniederwandern sein Brevier gerade in der Nähe des Backhauses beten musste? Immer wieder hörte ich den Warnungspfiff, der bedeutete: „Hannibal ante portas!“ Auf die Dauer wurde mir dieses Warten in der Backstube langweilig. Ich zog, um mir die Zeit zu vertreiben, meinen Taschenfeitel heraus, begann an einem Laib zu schnipfeln – und speiste und kaute und schluckte mit Behagen. Als ich endlich das erlösende Pfiffzeichen hörte, läutete auch schon die Glocke zur Studierzeit. Hurtig schob ich drei Laibe durch die Röhre hinaus – aber da draußen war schon alles mäuschenstill – und als ich hinausschlüpfen wollte, kam ich nur mit dem Kopf ins Finstere und blieb mit der Nabelgegend im Rachen der Steinröhre stecken. Der halbe Brotlaib, den ich aus Hunger und Langweile verschlungen hatte, spreizte sich gegen meine Befreiung. Ich arbeitete wie ein Irrsinniger; doch weil ich auf dem glatten Pflaster der Backstube keinen Widerhalt für die Füße fand, kam ich keinen Ruck mehr vorwärts – und durfte froh sein, als ich endlich die Erlösung nach rückwärts erkämpfte. Abgezappelt, dampfend von Schweiß und der übelsten Dinge gewärtig, saß ich in der dämmerigen Backstube – und hatte keine Lust mehr, Brot zu schnipfeln.

Droben im Studiersaal machte natürlich mein leerer Platz von sich reden. Aber die Brotbrüder schwiegen. Und so musste sich der Präfekt mit dem Tafeldecker auf den Weg machen, um mich zu suchen. Abends um neun Uhr fanden sie zuerst die drei Brotlaibe, die draußen vor der Röhre lagen, dann mich in der Backstube und zwar schon ein bisschen schlanker.

Am folgenden Tag hielt man peinliches Gericht und verdonnerte mich zu zwölfstündigem Karzer. Und da wurde meine Vorliebe für mechanische Betätigungen die Ursache einer höchst merkwürdigen Diagnose!

Für den Karzertag armierte ich mich wie für eine Reise nach unerforschten Ländern. Was ein Bub nur an heimlichen Instrumenten besitzen kann, versteckte ich unter meinen Kleidern. Und von den Kameraden pumpte ich einen Gulden und etliche Kreuzer zusammen, weil die Sage ging, dass der Pedell – vulgo ‚Pudel’ – für einen vorsichtigen Bestechungsversuch nicht unzugänglich und nach sanfter Einreibung wohl geneigt wäre, dem schmachtenden Häftling einen verschluckbaren Trost zu reichen. Aber mein freundliches Angebot wurde vom Pudel, der mich um acht Uhr morgens in den Karzer führte, mit Entrüstung zurückgewiesen – es zeigte sich, dass er mir die Pedelliade noch immer nicht verziehen hatte. Talent bringt Leiden!

Da saß ich nun – draußen drehte der Pudel den Schlüssel im Schloss herum – und ich sollte durch zwölf Stunden hungern.

Es ist unerlässlich, den Situationsplan des Karzers genau zu zeichnen. Den Fenstern des Speisesaales gegenüber und neben dem Tor des Ökonomiehofes lag die Badestube. Sei war auch zugleich die Vorhalle des Karzers. Und dieses Gefängnis war ein dämmeriger Raum, vier Schritte breit, acht Schritte lang, mit einem kleinen und hoch liegenden Fenster, das von einem dicken Drahtgeflecht verschlossen war.

Wer will nun raten, wie ich aus diesem Karzer hinauskam und meinen Hunger stillte?

Aber wollt ihr zuerst noch wissen, wie dieser Salon möbliert war? Es stand da ein hölzerner Tisch, ein hölzerner Sessel, der eiserne Ofen und in einer dunklen Ecke der unentbehrliche Verzweiflungsthron.

Ich packte meine Instrumente aus den heimlichen Taschen heraus. Zuerst studierte ich die geistvollen Inschriften, die zahlreich das Mauerwerk bedeckten. Und vermutlich hab’ ich diese Urkundensammlung um einige Weisheitssprüche bereichert. Dann schnitt ich meinen Namen in den Tisch und verzierte den Sessel so ähnlich wie seinerzeit die Kirchenväter des Benefiziaten. Hierauf unternahm ich das schwierige Werk, den eisernen Ofen zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Nicht nur schwierig, auch schmierig war dieses Unternehmen. Ich sah fürchterlich aus. Und während ich meine schwarzen Hände an der Mauer abklatschte, begann im Refektorium drüben das Klapperleid der Zinnteller und das Stimmengesumm der hundert Jungen, die nun essen durften.

Ich rüttelte wütend an der Karzertür und versuchte meinen ganzen Werkzeugkram an diesem festen Schloss. Nichts half. Doch plötzlich machte ich eine Entdeckung: Draußen steckte der Schlüssel im Schloss – der Pudel hatte nicht nötig gehabt ihn abzuziehen, weil das schwere Vorhängeschloss vor der Badezimmertüre für alle Sicherheit des Häftlings garantierte. Von dem Schlüssel aber, der im Schloss der Karzertüre träumte, guckte noch ein winziges Zipfelchen zu mir in den Karzer herein. Und da fasste ich dieses Zipfelchen mit meiner Zwickzange – drehte den Schlüssel herum – und die Türe war offen. Draußen in der Badestube brauchte ich nur das Fenster aufzumachen – und ich erinnere mich noch, dass dieses Fenster Milchgläser mit blauen Blümchen hatte. Zwischen den Gitterstäben war leicht hinauszuschlüpfen. Hundert Panthersprünge durch den großen Ökonomiehof – niemand hatte mich gesehen – und nun war ich draußen in der Stadt. Da kam ich aber nun wirklich in ein ‚unerforschtes Land’ Denn das kleine Wirtshaus, das dem Seminar gegenüberlag, hatte den Namen: ‚Die neue Welt’.

Vor vierzig Jahren konnte ein Studentlein sich mit einem Gulden und etlichen Kreuzern nicht nur satt essen, sondern auch noch ein Räuschlein kriegen. Ein festes! So hell blieb ich aber immer noch, dass ich unerwischt den Rückweg fand, das Badstubenfenster schön verschloss und mit der Zwickzange den Schlüssel in der Karzertüre wieder umdrehte, um mich einzusperren. Auch mit meinen Werkzeugen muss ich irgend etwas gemacht haben – irgend etwas Unerklärliches – denn diese feinen Instrumente sind niemals wieder zum Vorschein gekommen. Die Erinnerung an die Abendstunden meiner Karzerhaft ist eine dunkle Sache. Und schließlich kam so was Ähnliches, wie vor dem Typhus auf dem Theklaberge. Ich sah die blauen und gelben Kreise tanzen, sah den eisernen Ofen laufen und dann wurde alles schwarz vor mir.

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im wohlbekannten Krankenzimmer unter der Lampe – Präfekt und Tafeldecker waren da – und der Seminardoktor sagte stolz: „Er atmet! Ich hab’ ihn wieder zum Leben gebracht! Alle Gefahr ist vorüber.“

Weil sich niemand denken konnte, dass ich aus dem Karzer herausgekommen wäre – und weil in dem Kamin der Badestube und des Karzers noch die Röhre von einem Herdfeuer des Ökonomietraktes mündete, drum hatte der Doktor die einzig wahrscheinlich Diagnose gestellt: Kohlenoxydgasvergiftung! Und hatte so lange Wiederbelegungsversuche und künstliche Atmung mit mir vorgenommen, bis meine umschleierte Seele wieder zum Leben erwachte.

Ich durfte mich drei Tage im Krankenzimmer bei Präfektenkost erholen.

Für meine nächsten Streiche bekam ich Klassenarrest – und wurde erst wieder in den Karzer gesperrt, als die Sache mit dem Kamin in ungefährlicher Ordnung war. Aber jetzt hatte ich keine Zwickzange mehr. Und mit den Zähnen war das Schlüsselzipfelchen nicht zu fassen.

In dieser Epoche hatte der ‚Pudel’ so viel mit mir zu schaffen, dass ich ihn nochmals verewigen musste. Einem meiner Klassenkameraden, dem Gottfried Mayrhofer, schrieb ich diesen Vers in das Stammbuch:

„Hasen, Füchse und Studenten
Haben gleiches Ungemach:
Jenen laufen stets die Jäger,
Diesen stets der Pudel nach!“

Doch ich glaube, dass dieser Vierzeiler nicht auf dem Acker meiner eigenen Muse wuchs, sondern ein gebräuchliches Studentenstammbuchverslein jener Zeiten war.

Am Ende des Schuljahres kam ich mit leidlich heiler Haut davon, wurde mit der Note III unter dreiunddreißig Schülern der Sechsundzwanzigste und durfte noch aufrücken. Aber das war ein Durchschlüpfen, so knapp, wie der Schlupf durch die Ausgussröhre der Backstube. Und mein Semesterausweis trug die Bemerkung: „Unerklärlicher Leichtsinn! Könnte unter den besten sein und steckt unter den schlechteren; keiner verdiente wegen seiner guten Anlagen eher eine ganze Freistelle, und keiner macht dies durch Gleichgültigkeit gegen sein Studium und durch lose Streiche weniger möglich. Es ist außerordentlich zu bedauern!“

Und nun ging’s wieder heim! Ach, dieses zärtlichste aller Worte! Heim! Und diesmal in Gesellschaft! Denn mein Instruktor Rauner, der ein feines Absolutorium gemacht hatte, wurde von den Eltern für ein paar Wochen in unser Forsthaus eingeladen. Vater und Mutter empfingen ihn wie einen Gast, dem sie sich dankbar erweisen mussten. Mich schob man ein bisschen in die zweite Reihe; aber es wurde mir doch der erste Abend auch diesmal nicht ‚verdorben’. Freilich musste Rauner gleich während des Abendessens die Leporelloliste meiner ‚unqualifizierbaren’ Streiche hersagen. Er tat es mit strenger Ehrlichkeit. Dabei saß ich an seiner linken Seite – merkte aber doch, wie er dem Vater und der Mutter mit dem rechten Auge immer zublinzelte. Papa war etwas kurz angebunden, als ich ihm gute Nacht wünschte. Die Mutter aber – kaum lag ich droben in meinem Dachstübchen – brachte mir in in der Finsternis noch was Gutes hinauf und sagte:

„Geh, schau, Bub, musst halt doch einmal ein bissele zu Verstand komme!“

„Ja, Mutterle! Ganz gwies! Auf Ehr und Seligkeit!“

Der Schulkonflikt war sanft erledigt. Und am frühen Morgen tönte wieder die leibe Herzensglocke: „Raus ins Gärtle! Die Sonn ischt da!“ – Solange die Mutter lebte, verschwand diese Sonne nie.

Mit Freude erinnere ich mich der freundlichen Tage, an denen Rauner mit mir durch Wald und Felder bummelte und mir immer etwas zu zeigen, immer etwas zu sagen hatte, was mich fesselte. Als er sich am Tage seiner Abreise von meinen Eltern verabschiedet hatte, sah er mich an und strich mir das Haar aus der Stirne: „Sei fleißig! Hörst! Und sei schön brav!“ Seien Stimme zitterte. Und mir klunkerten gleich die Tränen herunter. Rauner beugte sich zu mir herab, als hätte er mich küssen wollen. Aber das tat er nicht. Sondern sprang sehr schnell in die Kutsche. Ich hab’ ihn im Leen niemals wieder gesehen. Atmet er noch? Vierzig Jahre sind vergangen – und ich weiß nur, dass ich diesem strengen, reinlichen Menschen noch immer dankbar bin!

Und als er uns verlassen hatte, war mir halb zumute wie einer Waise. Auch konnte ich das ‚Hoihulladuuuh!“ nimmer hinausschreien über die Weisen, meine drei Getreuen nimmer zusammenrufen. Denn der Muckl war, ich weiß nicht wo. Der Domini hämmerte als Lehrling in seines Vaters Nagelschmiede. Und der Alfons war beim Schreiner in der Lehre. Und wenn wir drei Verbliebenen uns an einem Feiertag zusammenfanden, war es nimmer wie einst; unsere Freude war mehr ein Schwelgen in Erinnerungen als ein neues lachendes Erleben.

Da blieb ich nun sehr viel daheim, half der Mutter im Garten das Unkraut jäten und die Blumen gießen – oder vertiefte mich bis zur Taubheit in irgendein Buch, das ich erwischte – oder bettelte dem Vater das ab, dass er mich auf einem Pirschgang mitnahm. Bei diesen Waldwegen gab es ernste Gespräche, doch manchmal auch ein lustiges Stücklein. Wir hatten damals einen deutschen Vorstehhund von ungewöhnlicher Körperstärke. Ein Hund wie ein Stier! Diesen Tyras musste ich immer am Riemen führen. Wenn Papa sich von mir entfernte, sagte er: „Du! Lass den Hund nicht aus!“ Kaum aber war das ‚Herrle’ verschwunden, da fing Tyras zu ziehen an, dass mir die Arme lahm wurden; immer schneller machte der Hund mich springen, schleifte mich über die Ackerfurchen, ließ mich Purzelbäume schlagen – und Papa lachte dazu, dass ihm die Tränen in den Bart kugelten.

Es schien, als hätte der Vater das Bedürfnis, seinen nachdenklichen Ernst zuweilen in solch ein schallendes Lachen aufzulösen. Um diese Zeit bekam er eine tiefe Furche zwischen den Brauen. Und durch viele Nächte brannte die Lampe seiner Kanzel bis in den Morgen hinein. Eine immernahe Sorge umschlich dieses grüne Haus des Lachens, ohne doch einzutreten. Die Eltern hatte ihr kleines Vermögen im Laufe der Jahre langsam zugesetzt, der bescheidene Gehalt für sich allein wollte nimmer ausreichen – und die ‚Beamtenaufbesserung’, von der an den Kosumvereinsabenden unermüdlich geredet wurde, wollte halt gar nie kommen. Und wenn ich einen Wunsch hatte, der über das Notwendige hinausging, bekam die Mutter feuchte Augen und sage: „Kindle, das geht nicht! Der Papa muss das teure Geld so viel hart verdienen!“ Damals fing die Mutter auch an, was sie ihr ‚grünes Geschäftle’ nannte – allen Erfolg ihrer Gartenmühe, die Blumen, das Obst und Gemüse, verkaufte sie an einen Handelsgärtner in Augsburg. Und Papa begann für Fachzeitschriften und für die Augsburger Abendzeitung zu schreiben, machte Wirtschaftspläne für Gemeindewaldungen und übernahm die Forstkontrolle über herrschaftliche Güter. Der Tag gehörte seinem Amt, die Nacht seinem Nebenverdienst. So kämpften Vater und Mutter sich über die Sorgen hinüber.

Es sind mir aus dieser Zeit, in der die Mutter seltener lachte und der Vater immer so ernste Augen hatte, ein paar Reflexlichter dieses harten Beamtenkampfes im Gedächtnis geblieben.

Eines Tages, als ich mit der Mutter im Garten schanzte, kam von irgendwo aus der Umgebung eine Beamtenfrau angefahren, um ihre Visite zu machen. Mama wusch die Hände, nahm die Schürze herunter und führte den Gast zu einer von Blumen umdufteten Gartenbank. Die blau aufgedonnerte Dame, die einen großen schillernden Vogel auf dem Hut hatte, sah neben meiner Mutter aus wie ein hohes Kirchenfest neben einem Werkeltage. Diese fremde Frau redete furchtbar schnell und stellte viele Fragen, um herauszubringen, wie viel die Revierförsterei Welden eintrüge. Die Mutter gab Antwort. Und da sagte diese blaue Dame mit eigentümlichem Lächeln: „No ja, und ’s Nefasle wird wohl au no e bissele was bringe?

Mama machte verwunderte Augen: „’s Nefasle? … Ich weiß nicht, was Sie meinen?“

Die fremde Frau wurde verlegen, fing aber dann lustig zu lachen an, drohte mit dem Finger, als hätte meine Mutter etwas witzig Schelmisches geredet, plapperte immer hurtiger, ließ den schillernden Vogel auf ihrem Hut sehr flinke Bewegungen machen – und empfahl sich mit etwas auffälliger Hast.

Als Papa gegen Mittag heimkam, fragte die Mutter gleich: „Du, Gustl, was ist denn das: Das Nefasle?“

Der Vater hob den Kopf: „Warum?“

Mama erzählte. Und stellte wieder die gleiche Frage: „Das Nefasle? Was ist denn das?“

Papa sah die Mutter mit ernsten Augen an und sagte: „Sei froh, Lotte, dass du das nicht weißt! Und in unser Haus soll das auch nie hereinkommen. Dafür sorg ich schon!“ Dann ging er in seine Kanzlei.

Es gibt ein lateinisches Wort: nefas. Und dieses Wort bedeutet: Unrecht. Unter dem schwäbischen Diminutiv ‚Nefasle’ verstand man ein kleines, ein halbes Unrecht, bei dem die Gerechtigkeit ein Auge zudrücken konnte – und mit diesem Terminus der Gutmütigkeit zeichnete man Beamteneinkünfte, die gerade nicht unehrenhaft, aber doch auch nicht anständig waren. –

Eines Abends hörten wir Papa in seiner Kanzlei so laut und heftig sprechen, wie es sonst nicht seine Art war. Und dann kam ein fremder Mann heraus, der flink davonging. Dem rief der Vater durch die Türe nach: „Sie Kerl! Was glauben Sie denn?“ – Der Fremde war ein Holzhändler. Papa hatte ihm eine große Partie Sägblöcke zugeschlagen, weil der Händler unter mehreren Konkurrenten den besten Preis geboten hatte. Der Fremde glaubte sich bedanken zu müssen und hatte den Versuch gemacht, eine Banknote auf Papas Schreibtisch zu legen.

Einmal um die Mittagszeit, als wir bei Tisch saßen, gab es für uns Kinder einen vergnügten Jubel, weil die Mutter eine große Zinnplatte mit einem Berg von dampfenden Leberwürsten herein getragen brachte. Der Vater machte erstaunte Augen. „Lotte?“

Mama lachte: „Geh, Gustl, das sind billige Würst! Der neue Metzger hat sie geschickt mit einem schönen Gruß!“

„Sooo? Und gestern war er bei mir und hat Waldstreu haben wollen. Und ich habe sie ihm abschlagen müssen. Und jetzt meint er wohl, durch die Küche wär’s leichter zu machen, als auf dem ehrlichen Weg in die Kanzlei! Marsch, fort mit den Würsten!“

„Aber Gustl! Man kann sie ja bezahlen! Und jetzt sind sie doch schon gesotten.“

„Aber noch nicht gegessen! Gott sei Dank!“ Der Vater packte die zinnerne Platte, riss das Fenster auf, die schönen rauchenden Leberwürste flogen in hoher Kurve über den Staketenzaun auf die Straße hinaus – und Papa sagte mit einer Härte, wie sie sonst nicht in seinem Wesen lag: „Würste? Würste? Wozu braucht ein Staatsbeamter Würste? Der soll Kartoffeln schlucken, bis ihm der Dampf zum Hals herausfährt!“

Wir Kinder wurden nicht satt bei dieser Mahlzeit. Und in den Nächten, die dann kamen, verbrannte Papa sehr viel Petroleum. Weil bei der schwülen Sommerszeit auch in der Nacht alle Fenster offen standen, konnte ich’s droben in meinem backofenheißen Mansardenstübchen häufig hören, wie die Mutter nach Mitternacht aus ihrem Schlafzimmer gegen das Kanzleifenster hinunter rief: „Ach, Gustl, schau, so geh doch endlich schlafe!“

Immer seltener ging Papa auf die Pirsch; er musste die schönen Tage, wie Mama sich auszudrücken pflegte, am Schreibtisch ‚verhocke’. Aber diese bösen Zeiten bauten eine Brücke zu besseren Jahren; bei den vielen Artikeln, die der Vater für Fachjournale und Zeitungen verfasste, weitete sich ihm der Blick des Forstmannes; drei Jahre später publizierte er unter dem Pseudonym ‚Silvius’ eine Broschüre mit Vorschlägen zur Reorganisation des Forstwesens; die Wirkung dieser Broschüre, die viel Aufsehen machte, verwandelte sich für Papa in eine Leiter, über die er zur höchsten Stelle seines Faches emporstieg. Da bekam er schließlich einen schönen Gehalt. Und lachend pflegte er zu sagen: „Jetzt hätt’ ich mehr als genug zu essen. Aber inzwischen sind die Zähn’ ein bisserl schlechter geworden. Jetzt kann ich nimmer beißen.“ –

Die Kampfzeiten der letzten Jahre in Welden gingen auch an der Mutter nicht spurlos vorüber. Ein Blut, das leicht aufbrauste, sich aber gleich wieder beruhigte – solch ein Blut hatte sie ja schon immer. Und nun war ihr vom Typhus her eine nervöse Reizbarkeit verblieben, die sich in diesen Sorgenzeiten und bei er vielen, an ihren körperlichen Kräften zehrenden Arbeit im Garten noch verschärfte. Eine Gemütserregung konnte das Gleichgewicht ihrer frohen Natur auf das schwerste erschüttern, ein jäher Schreck machte sie für Minuten sprachlos, und irgendeine Kleinigkeit des Haushaltes konnte in ihr einen aufbrausenden Jähzorn entfesseln. Solch ein Sturm – bei dem der Vater und wir Kinder still die Köpfe duckten – war in Mama immer schnell wieder besänftigt. Doch unter den Nachwehen solcher Nervenmarter wurden ihre Beine sehr oft von einem so andauernden Zittern befallen, dass die Mutter bei ruhigem Sitzen viertelstundenlang mit den Schuhstöckelchen in jagender Schnelligkeit auf dem Fußboden trommelte. Dabei fand sie auch ihren Humor wieder und machte auch allerlei drastische Späße. Einmal, als sie dieses Nachtrommeln einer Gemütserregung wieder hatte, mussten sich Pfarrer Hartmann und das Fräule Luis, die zusammen über fünf Zentner wogen, auf Mutters tanzende Knie setzen, um ‚die verflixte Nacklerei auszuprobiere’. Aber auch dieses Achtung gebietende Gewicht konnte die trommelnden Beine der Mutter nicht beschwichtigen – und je erschrockener die beiden dreinguckten, um so lustiger lachte Mama, während sie weitertrommelte und schelmisch sagte: „Sehe Se, Herr Pfarr, alles im Mensche kann die Religion halt doch nit beruhige!“

Damals in jenen Sorgenzeiten suchte die Mutter auch immer was Lustiges auszudenken, um die Konsumvereinsabende recht fidel zu machen und den Vater zwischen schweren Arbeitstagen ein bisschen aufzuheitern. Sie hatte ein angeborenes schauspielerisches Talent. Wenn sie was erzählte, bekam sie immer das Gesicht des Menschen, den sie gerade reden ließ. Und nahm sie noch ein bisschen Maskerade zu Hilfe, so konnte sie sich völlig unkenntlich machen, nicht nur für uns Kinder, auch für den Vater. Da kam sie eines Tages als Fuhrmann maskiert, im blauen Kittel, mit Pfeife, Peitsche und Zipfelhaube, zu Papa in die Kanzlei, brachte eine Beschwerde vor und wurde so grob, dass der Vater dem Forstgehilfen die Weisung gab, den unverschämten Lümmel aus der Kanzlei hinauszuwerfen. Aber ein helles, wohlbekanntes Kichern öffnete dem Vater die Augen, bevor es zu Tätlichkeiten kam. Ein andermal erschien sie an einem Tage nacheinander in vier verschiedenen Trachten, ohne auch nur ein einziges Mal erkannt zu werden. Die alten Bauern in Welden wissen noch heute von Mutters lustigen Maskeraden zu erzählen. Und in uns Kindern blieb die treue Erinnerung an all das frohe Lachen. –

Während jener Ferienzeit, in welcher Papa immer fleißiger am Schreibtisch sitzen musste und die Mutter lieber den Vater zu einem Schmunzeln zwang, als dass sie selber lachte – in jener Ferienzeit begann ich mich, um zu Wald und Jagd zu kommen, an die Forstgehilfen zu hängen. Schließlich war ich jeden Morgen und Abend draußen, wo die Bäume rauschten. Um Papa zu beruhigen, steckte ich vor jedem Waldgang ein lateinisches oder griechisches Buch in die Joppentasche. Aber draußen hab’ ich in diese Bücher nie hineingeguckt. Die staken mir gut in der Tasche. Und wenn sie klunkerten und unbequem wurden, schob ich sie dem Forstgehilfen in den Rucksack.

Ich kann euch den frohen, wundersamen Rausch nicht schildern, der mich immer überkam, wenn ich im Wald war! Jetzt hatt’ ich doch schon andere Augen als früher in den ersten Kinderzeiten. Ohne noch ein rechtes, klares Verständnis für die Natur zu haben, sah ich immer Dinge, die kein anderer gewahrte. Am liebsten hatte ich den Wald bei Gewitter und Sturm. Die Blitze zu zählen, das war mir eine viel schönere Sache, als dem Kuckuck nachzurechnen. Und wenn der Sturm den Wald durchbrauste, hörte ich immer eine Musik, die der Forstgehilfe, der bei mir war, nie hören konnte. Da blieb ich einmal stehen, klammerte die Hand um den Arm des Gehilfen und stammelte: „Dort! Der alte dicke Baum dort! Hörscht du nit, wie er singt? Ganz tief! Viel tiefer und schöner als die größte von den Orgelpfeifen!“ Der Gehilfe schüttelte den Kopf. „Ich hör nix! Als wie den Wind halt!“ Und ich in Zorn: „Aber nein! Das sich der Wind it! Das sich der Baum! Der singt! … Das musst du doch hören!“ Aber der Forstgehilfe hörte nichts.

Diese staunende, schauende, lauschende, unersättliche Waldfreude entzog mich allen anderen Dingen. Meine Lesewut war erloschen. Kein Gedanke mehr brachte mich in Versuchung, Verse zu machen oder etwas Selbstersonnenes aufs Papier zu kritzeln. Und meine ‚Mathilde’ war so völlig vergessen, dass es mir gar nicht auffiel, als das schwarz gebundene Heft aus meinem Koffer verschwand. Ich erinnere mich nur, dass Vater und Mutter während der letzten Ferientage immer so merkwürdig schmunzelten, wenn sie mich ansahen. Damals hatten sie wohl die ‚Insel der Seligen’ gelesen. Aber wenn sie mich so anguckten, glaubte ich immer, ich hätte Kletten oder Baumbast an den Kleidern hängen.

Als ich zu Ende September den Wald verlassen musste, wurde meine Sehnsucht nach ihm schon während der Reise zu einem schmerzhaft brennenden Durste. Der machte mich im Seminar zu einem verdrehten, widerhaarigen und jähzornigen Gesellen. Nicht nur die Präfekten und Lehrer, auch meine Kameraden hatten ungemütliche Zeiten mit mir. In den Freistunden war ich so empfindlich, dass ich fast Tag um Tag in eine Keilerei hineingehetzt wurde. Alles, was Studium hieß, war mir eine gleichgültige und ferne Sache – Rauner fehlte mir, wie die Krücke einem Hinkenden – in den Studierstunden konnte ich nicht arbeiten, in der Klasse konnte ich nicht aufpassen, immer war ich mit allen Gedanken weit da draußen, wo die hundertjährigen Bäume jenes Lied sangen, das kein anderer hören konnte, nur ich allein!

Diese ewige Zerstreutheit mag es wohl verschuldet haben, dass mir vom Professor der vierten Lateinklasse nur der Name im Kopf geblieben: Pusl! Wie war der Mensch, der diesen komischen Namen trug? Ich weiß es nimmer. Kein Zug seines Gesichtes, keine Farbe seines Wesens, kein Klang seines Lebens, nichts Gutes und nichts Böses blieb von ihm in meiner Erinnerung. Aber ich glaube, dass ich ihm viele verdrießliche Stunden bereitet habe. Und darum kann ich ihm das erbitterte Urteil nicht verdenken, mit dem er mich im Zensurenfaszikel der Studienanstalt Neuburg solcherweise verewigte: „Ludwig Ganghofer ist ein wohl befähigter, aber ganz nichtsnutziger, überaus träger und leichtsinniger Schüler, der schon vom Beginn des Schuljahres an zeige, dass er eine völlige Abneigung gegen das Studium hege. Für alle Mahnungen war er taub; Strafen hatten bei ihm keine Wirkung! Bei vielen Gelegenheiten zeigte er überdies einen boshaften und rohen Charakter. Dem entsprechend sind sein Fortgang und seine Noten.“ Das alles mochte – bis auf ein einziges Wort – gewiss der Wahrheit entsprechen. Aber: boshaft? Mir scheint, da hat der sonst sehr gewissenhafte Herr Professor Pusl doch wohl ein bisschen falsch gesehen.

Man darf in der Kunst der Schilderung mit Gegensätzen wirken – auch in der Schilderung seiner selbst. Darum füge ich hier das Urteil an, das Professor Loher, der prächtige Mensch mit der zwiefachen Seele, über mich fällte: „Ganghofer Ludwig, der talentvollste Schüler der Klase, lernt und begreift alle Klassengegenstände mit Leichtigkeit. Er ist in der Klasse zerstreut und unaufmerksam, mutwillig, bisweilen sogar etwas ungezogen und unfolgsam“. – Etwas ungezogen! Was für ein liebes, wohlwollendes, nachsichtiges Lehrerwort ist dieses ‚etwas’! Ich glaube, Professor Loher schrieb das aus seiner Turnerseele heraus und dachte dabei an meine Doppel-Kniewelle mit tadellosem Absprung!

Aus dem Jahr bei Professor Pusl, dessen Bild in meiner Erinnerung völlig erloschen ist, vermag ich mich auch keiner heiteren Sache, keines lustigen Streiches zu erinnern. Nur auf das Eine besinne ich mich, dass mehrmals verbotene und ‚unsittliche’ Bücher während des Schulunterrichtes bei mir konfisziert wurden. Welche? Das weiß ich nimmer. Doch was vor vierzig Jahren für die Erzieher der Jugend als ‚unsittliche Lektüre’ galt, erhellt aus einem Präfektenbriefe, der im Juni 1867 an meinen Vater geschrieben wurde:

„Zur Anzeige: Dass Ludwig am 23. Mai bei Buchhändler Prechter Goethes Reineke Fuchs kaufte, nachdem er schon auf der Herreise aus den Osterferien in Donauwörth die Bardenklänge gekauft hatte. Hiewegen wurde er mit einem siebenstündigen Arrest unter Entziehung des gewöhnlichen Tisches bestraft, nach vorhergegangener ebenso wohlwollender als ernster Belehrung und Warnung.“

Und diesen Brief hatte der zwickfreundliche Unschlacht geschrieben, der mir bald darauf ‚des Knaben Wunderhorn’ zu lesen gab und mir dann wohlwollend seine ganze Privatbibliothek ohne Zensur und Beschränkung zu beliebigen Gebrauch überließ. Nur schade, dass sie nicht alles enthielt, was ich gerne lesen wollte! Mein Taschengeld war knapp. Und so verklopfte ich manches Stücklein meiner Wäsche, verschacherte Kleider und Schuhe, verkaufte das überflüssige Schreibmaterial und verhandelte mein Essen und die Biermarken, um mir Bücher kaufen zu können – und was ich gelesen hatte, verkitschte ich wieder um den halben Preis, um neue Bücher zu bekommen.

Wie eine heiße, gefährliche Krankheit brach dieses wachsende Lesefieber in mir aus. Und immer griff ich nach dem Besten, griff gierig nach den Werken jener Großen, deren Namen mir lockend in die Ohren klangen. Was mag ich da in buntem Wechsel alles verschlungen haben? Ich erinnere mich nur noch an einzelnes, das in dieser flutenden Masse war: Schillers Räuber und Fiesko, Goethes Iphigenie und Tasso, die Wahlverwandtschaften und Wilhelm Meisters Lehrjahre, Heines Harzreise und der Rabbi von Bacharach, die Sappho von Grillparzer und Shakespeares König Lear, Kleopatra, Richard III. und der Kaufmann von Venedig. Und ich war noch nicht vierzehn Jahre alt!

Was ich da verschlang, fiebernd und die Zeilen fressend, versetzte mich in einen Begeisterungstaumel, der mich um so trunkener machte, da ich nur mit halbem Kopf, doch mit gedoppeltem Herzen las – und immer, immer, immer las! Ich betrat in den Freistunden den Garten nicht mehr; oder wenn ich es tat, geschah es nur, um mit meinem Buch mich einzuwühlen in einen ungestörten Winkel. Ich las in allen Studierstunden – den Unschlacht, der mir alles erlaubte, brauchte ich nicht zu fürchten, und zum Schutz wider die Argusaugen des anderen Präfekten hatte ich mir einen feinen Mechanismus konstruiert, der das Buch im Notfall mit Gummibändern flink unter den Pultdeckel zog. Ich saß in der Schule mit dem verbotenen ‚Gifte’ unter der Bank, oder in gereizter Ungeduld den Glockenschlag erwartend, der mich meinen vergötterten Büchern wiedergab. Ich nahm sie am Abend mit in den Schlafsaal und schlich mich in der Nacht, wenn die anderen alle schliefen, hinaus in den Korridor. Und stieg auf ein Fenstergesims hinauf, um der trübe brennenden Nachtlampe näher zu sein. Mit der einen Hand an den Fensterriegel angeklammert, mit der andern Hand das Buch hinausstreckend in das bessere Licht der Lampe – mit der Zunge umblätternd, vor Kälte zitternd und dennoch brennend vor Erregung, so las ich und als, eine Nacht um die andere, bis mir schließlich die Anstrengung des Lesens in dieser trüben Helle die Augen verdarb, so dass ich kurzsichtig wurde und eine Brille bekommen musste.

Wie um diese Zeit meine Noten in der Schule aussahen, könnt ihr euch denken! Professor Pusl brauchte viel Tinte, um diese dicken Römerzahlen zu schreiben. Und Strafe um Strafe bekam ich in der Klasse. Aber was kümmerte mich das! Auch die ernsten langen Briefe des Vaters, auch die kleinen, kummervollen, graufleckigen Zettelchen der Mutter konnten mich nicht aufrütteln aus diesem Zustand trunkener Betäubung. Nur manchmal ein kurzes, erschrockenes Erwachen, ein krampfhafter Versuch, am Strang der Schule zu ziehen. Und nach wenigen Tagen wieder dieses gleiche brennende, dürstende Fieber! Alles, alles vergaß ich über meinen heimlichen Büchern, die mir viel zu denken und noch mehr zu fühlen gaben. Was ich auf diesen tausend Blättern fand, verstand ich eben, wie ich es in meinem grünen Alter verstehen konnte. Was äußerliche Handlung hieß, versetzte mich in zitternde Spannung. Ich hasste die Schurken und Tyrannen, liebte und vergötterte die stolzen Helden, berauschte mich an dem schwebenden Pathos ihrer Worte. Nur die weiblichen Gestalten vermochten kein sonderliches Interesse in mir zu wecken, wenn sie nicht durch schwere, traurige Schicksale mein Erbarmen erregten und meine heiße Tränen über das grün verschnürte Schlafröckle tröpfeln machten.

Was vor jenen bösen Nachtwandlerzeiten ein ‚keeler Traum’ in mir hatte wecken wollen, das war vergessen, war in meinen gesunden Knabensinnen und in der Waldluft meiner Heimat wieder stumm und ruhig geworden. Und keines dieser Bücher, die ich da verschlang in Gier und Zittern, wirkte störend oder schädlich auf diesen reinlichen Schlummer meines Leibes. Ein Buch, das künstlerischen Wert hat – mag es enthalten, was es will – wird niemals eine Gefahr für die Reinheit der Jugend sein. Und echte Kunst, auch wenn sie nackt ist, wird stets erzieherisch auf die Seele eines Kindes wirken, nie verderblich. Da will ich euch ein lehrreiches Exempel erzählen. Auf meinem Schreibtisch steht ein patinierter Nachguss des pompejanischen Narziss. Und eines Tages guckte mein vierjähriges Enkeltöchterchen diese von Reiz umwobene Statuette mit ernsten Augen an und fragte: „Großpapa? Wer ist denn das?“ Was soll man antworten? Ich sagte: „Das ist ein braver junger Mann!“ Und das Kind, mit großen Augen, sah im Zimmer umher. Da standen auf den Bücherschränken die leibe Frau von Milo, der Antinous, die mediceische Venus, der berberinische Faun. Und das Mädelchen – in seinem kindlichen Sprachklang, den ich nicht nachzubilden versuche – sagte langsam: „Das sind auch brave junge Männer! Die sind nackt. Die müssen sich aber nicht schämen. Weil sie so schön sind!“ Ist das nicht ein Kinderwort, von dem die Pädagogen lernen sollten? Und die Kunstbeschimpfer? Und die Sittlichkeitsschnüffler in ihrer Hässlichkeit, die sich bedecken muss? Und die Törichten, die vielleicht auch heute noch einen zwölfjährigen Jungen sieben Stunden einsperren und einen Tag lang hungern lassen möchten, weil ihm ein Meisterlied von Goethe besser gefällt als die zweifelhafte Sache, die der ‚Verfasser der Ostereier’ in die Welt setzte?

Damit will ich durchaus nicht predigen, dass man schon den Zwölf- und Dreizehnjährigen alle Werke der klassischen Literatur in die Hände geben soll. Ich will nur sagen, dass man einen Jungen, der verfrüht zur Lektüre eines wertvollen Buches kommt, nicht zu strafen braucht. Es genügt, ihm zu sagen: Das verstehst du noch nicht! Und einem jungen Kopf, der sich früh entwickelt und vorzeitig nach wertvoller geistiger Nahrung verlangt, sollte man mit kluger Wahl der Lektüre entgegenkommen, statt ihn als verdorbenes Geschöpf zu betrachten. Und vor allem sollte man sich hüten, einem Jungen beibringen zu wollen, dass er – weil er bei einem Buch über den geistigen Horizont seines Alters hinausgriff – etwas ‚Unsittliches’ gelesen hätte. Das ist gefährlich, nicht das Buch, das der Junge las. Von allen Erziehungsmethoden ist jene die bedenklichste, die dem Kind den Begriff des Sittlichen dadurch beizubringen versucht, dass sie ihm definiert, was unsittlich ist. Das Feigenblatt erzieht nicht zum Schamgefühl, sondern nur zum Wunsch, dass man druntergucken möchte. Und den Gott, dem eine kindliche Seele sich am liebsten und ehrlichsten hingibt, predigt nur immer jener Priester, der nie vom Teufel redet.

Die vielen, dem Verständnis meines Alters noch entrückten Bücher, die ich damals in jenem brennenden Lesefieber unersättlich verschluckte, haben mir – außer einer schlechten Schulnote und außer dem Anreiz zu grüblerischem Denken – nur den einen Nachteil gebracht, dass ich später als Universitätsstudent der Meinung war: Das alles kenne ich schon! – um dann in reiferen Jahren merken zu müssen, dass ich das alles noch nicht kannte. Aber sinnlich hat die heimliche Lektüre dieser guten Bücher nie auf mich gewirkt. Ich musste wohl, unter traumhaftem Schauen, manchmal ein bisschen darüber nachdenken, ‚was Mars mit Venus tat’. Aber mehr als ein huschender Gedanke war das nie. Und dann fand ich mich in diesen Dingen gleich wieder auf dem Standpunkte, den ich in der Dorfschule eingenommen hatte. Und von der Meinung aus, dass alles ‚Mädeleszuig’ eine minderwertige Sache wäre, die ein richtiger Bub von sich fort zu schieben hätte – von der kühlen Höhe dieses Bubenstolzes betrachtete ich nun auch die Beziehungen und Konflikte zwischen Mann und Weib, die mir in diesen Büchern entgegentraten. Ungeduldig, manchmal sogar gelangweilt, überflog ich alle Szenen und Kapitel, in denen von der ‚dummen Liebe’ die Rede war.

Brennen und zittern machte mich nur das hohe, schöne Geschehen, die starke Tat, das Bild der männlichen Helden, ihre Kraft, ihr Mut und Geist, ihre klingende Rede. Ach, wie konnte ich da lieben! Und die Feinde meiner Lieblinge hassen! Diesen Franz Moor, diesen Dorea, diese grauenvollen Schwestern der Kordelia hätte ich auf einem Kohlenfeuer rösten können, wie wir draußen in Welden die Äpfel und Kartoffel braten ließen! Und während ich las, war immer wie ein heißer Kummer der Gedanke in mir: Dass all dieses Traurige schon längst geschehen war, und dass man nimmer hinspringen und nimmer helfen konnte. Darüber musste ich weinen vor Zorn. Und dann kam auch immer gleich der Gedanke dazu: Es war doch Einer dabei – einer, der helfen hätte können und helfen hätte müssen! Gott! Wenn das Gute unterlag und das Unrecht siegte? Wenn diese Treuen, Schönen und Herrlichen untergingen? Warum half er da nicht? Wollte er nicht helfen? War er nicht so gut, wie das die Mutter von ihm glaubte? Konnte er grausam sein, wie es der Gott der Juden war? Und die besten der Menschen bluten lassen? Auch den eigenen Sohn? Wie durfte er so Schaudervolles ansehen, ohne aus den Wolken herauszugreifen und den Donner seiner Stimme hinrollen zu lassen über die Köpfe der Schlechten, über alle Missetat auf Erden? Oder konnte er nicht helfen? Weil er nicht ist, wie wir ihn glauben? Oder weil er gar nicht ist? – Bei solchem Gegrübel zerflatterte jener schöne blaue Gottesmantel; und jenes goldene Dreieck mit dem starren Kyklopenauge rann mir auseinander zu grauen, wesenlosen Nebeln.

Aber solches Denken begann in mir nicht erst diesen heimlichen Büchern gegenüber. Das hatte schon anderthalb Jahre früher, während der Sommerferien nach der zweiten Lateinklasse, in meinem aufgeschreckten Knabengehirn angefangen. Da war eines Nachmittags ein schweres Hagelwetter über Welden niedergegangen und hatte groben Schaden angerichtet. Und am Abend, in der Konsumvereinsgesellschaft, wurde das erzählt: Ein Bauer, einer der bravsten Menschen des Dorfes, wäre beim Geprassel des Hagels verstört zu seinem Krautacker gelaufen. Das ganze Feld war schon vernichtet, das Kraut zu Brei geschlagen. Und da riss der Bauer zwei von diesen traurigen Kohlstrünken aus der Erde, streckte sie unter dem Getrommle des Hagels zum Himmel hinauf und schrie: „Nur älleweil raa! Nur älleweil raa! Schlag älles zäme, du! Und sag mer: Sein dees au no Krautsköpf? Sein dees au no Krautsköpf? Du!“ Man lachte über diese Geschichte. Mir aber sprang das Wasser in die Augen und etwas Kaltes rieselte über meinen Rücken.

Vor dem Einschlafen und gleich am anderen Morgen wieder, immer musste ich an diesen Bauern und an seine zerschlagenen Kohlköpfe denken. Wie hatte nur der liebe Gott das tun können? Zerstören, was er doch selbst hat wachsen lassen? Und einen braven Menschen um den Lohn seines Fleißes bringen? – Ich musste die Mutter fragen. Sie sagte mir eines von ihren guten, versöhnlichen Worten. Aber das gab mir keine Ruhe, ich musste fragen und fragen – und schließlich strich mir die Mutter das Haar aus der Stirn und sagte: „Ach, Kindle, es gibt halt viel im Lebe, was mir Menschen net verstehe könne!“

Aber man will doch verstehen! Immer wieder und wieder musste ich an den braven Bauern und seine Kohlköpfe denken. Und da bekam ich plötzlich Augen für vieles, was im Leben unbegreiflich und grausam ist. Und alles andere gesellte sich dazu: Der Nachtschreck im Seminar, diese geschäftsmäßigen Massengebete, der durch Übermaß abstumpfende Kirchenzwang, dieses Frieren und Zähneklappern in der Wintermesse, und die ermüdende Religionsstunde, in der wir Gottes unbegreifliche Eigenschaften am Schnürchen hersagen mussten wie die unregelmäßigen lateinischen Zeitwörter. Und wenn man in dieser Religionsstunde wagte, aus Zweifel zu schmunzeln, oder den Kopf zu schütteln, oder eine ehrlich neugierige Frage zu stellen, so bekam man eins mit dem Lineal über den Kopf oder wurde eingesperrt und zu Karenz verurteilt und galt als ‚impertinenter Frechling’, als ‚Geselle von heimtückischer Bosheit’, als ‚gefährliches Subjekt, dessen Entfernung von der Schule im Interesse der übrigen Schüler läge’. So lernt man Gott nicht lieben.

Der Zweifel, der aus dem Leben an mich herangetreten war, saß mir schon bohrend im Gehirn, als ich unter der Nachtlampe des Korridors diese heimlichen Bücher zu verschlingen begann. Sie zeigten mir nur neue Bilder, die mich zu neuen erschrockenen Fragen zwangen. Und was Dichtung war, empfand ich immer als wirkliches Leben, als ein greifbares Geschehen vor meinen Augen. So kam es, dass ich, ein Knabe noch, über Fragen grübelte, auf die nur ein reifer Mann Antwort suchen sollte. Ein Mann kann wieder bauen, wo er Schutt und Moder beiseite räumt. Mich vierzehnjährigen Jungen dürstete nach Wahrheit; aber ich fand die Quelle nicht, die mich trinken ließ. In meinem Hirn und Herzen sah es schließlich aus, wie nach dem Hagelwetter auf dem Krautfeld des fleißigen Bauern.

Und dann der Schulschreck! Das Jahr ging schon zu Ende; und jetzt war das nimmer zu ändern, dass ich unter sechsundzwanzig Schülern der Sechsundzwanzigste wurde. Man schrieb das meinem Vater. Die lange, erregte Epistel, die ich bekam, verstörte mich noch mehr; das lag auf mir wie eine dumpfe Lähmung; und ich sah einen Beruf versinken, auf den ich mich gefreut hatte; denn ich sollte Techniker werden, Maschinenbauer – weil ich geschickte Hände hatte und alles liebte, was Maschine hieß. Und jetzt war das verscherzt. Und der Vater schrieb: „Das Reifezeugnis fürs Realgymnasium kannst du nicht mehr erringen. Und repetieren lasse ich dich nicht. Meine Kollegen sollen von meinem Buben nicht sagen: Dieses studierende Kamel! Nun also, jetzt geht ja dein Lebenstraum in Erfüllung, jetzt kannst du Jagdgehilf oder Schlosser werden!“ Ich ging herum wie einer, der auf den Kopf geschlagen wurde und das Bewusstsein nimmer findet, nur noch den Gebrauch seiner Glieder hat. In dieser Verstörtheit dachte ich an Amerika, an das dunkle Afrika – sogar an ein Land, das noch dunkler ist. Aber da kam ein kleiner, lustiger Brief meiner Mutter: Sie hätte sich schon arg gefreut, dass ich jetzt immer bei ihr bleiben dürfte, und hätte schon in Welden mit dem Schlosser geredet, dass er mir ein guter Meister sein müsste; und hätte mir schon im Schlosserhaus ein sauberes Winkelchen ausgesucht; aber da würde halt jetzt leider nichts mehr draus, weil der gute Papa mich doch dieses einzige Mal noch repetieren ließe. „Und drum mach dir halt jetzt das junge dumme Herzle nicht gar zu schwer! Und im nächsten Jahr, da wirst du dich schon wieder richten! Und ein bissele Verstand kriegen! Gelt, mein Herzensbub! Ich kenn dich doch, weißt!“

Dieses lustige Brieferl hatte viele graue Flecken, die so strahlig waren, wie die Blumensternchen.

Und da sah ich plötzlich wieder einen Weg vor mir. Und gab mir einen Ruck. Drei Wochen hatte ich noch Zeit. Ich büffelte wie ein Berserker. Und glücklich, wenn auch nicht mit allzu schlanker Note, bestand ich das Absolutorium der Lateinschule. Ich glaube, meine Professoren waren wohl auch ein bisschen barmherzig.

Freiheit! Freiheit!

Ich war vor Freude wie besoffen, als ich an jenem Augustmorgen durch das Seminartor hinausraste und affenschnell in den Omnibus kletterte. Es klunkerte in meinem Koffer, so oft man ihn drehte und hob; denn die Hälfte meiner Kleider und Wäsche war draufgegangen für die heimlichen Bücher; drei von ihnen nahm ich jetzt in dem halbleeren Koffer mit fort auf die Reise; sie waren vom Ruß der Korridorlampe so beschmiert, dass kein Antiquar sie mehr genommen hatte: Diese drei Bändchen von Wilhelm Meisters Lehrjahren.

Die Pferde zogen an, die Postillione bliesen – und seit jenem Sommermorgen des Jahres 1869 hab’ ich Neuburg an der Donau nicht mehr gesehen.

In Augsburg sollte ich bei Verwandten übernachten, weil der Vater am anderen Tag kommen wollte, um mit mir zum Rektor des Realgymnasiums zu gehen. Aber der Herr Rektor musste noch etwas länger auf mich warten. Denn an jenem Abend in Augsburg ereignete sich eine denkwürdige Sache.

Hinter dem Haus meiner Verwandten lag ein hübscher Garten mit einem Springbrünnelchen in einem steinernen Wasserbassin. In diesem Garten kam der Jubel über meine Freiheit zur Kulmination. Um meine Freude zu manifestieren, musste ich in diesem Garten irgend etwas loslassen. Etwas Prachtvolles! Und da kam mir der Einfall: Wie meine Lateinschulzeit mit einem ‚Speituifele’ begonnen hatte, so sollte sie auch jetzt mit einem ‚Speituifele’ beschlossen werden. Vom Reste meines Reisegeldes kaufte ich drei Pfund Pulver. Aber da sieht man wieder, was eine Stadt ist! Nirgends waren Eisenfeilspäne aufzutreiben. Ich musste mit großem Kummer auf den Speiteufel verzichten. Also zehn Kanonenschläge! Oder noch was Schöneres! Eine unterirdische Mine, die vergnügt in die Lüfte springt!

Mein guter Vetter Hillenbrand war gleich begeistert von dieser herrlichen Idee. Doch in dem Maulwurfsloch, das wir im Rasen fanden, hatte nur die Hälfte des Pulvers Platz; die andere Hälfte blieb in der Zigarrenkiste. In das Minenpulver steckten wir die lange Zündschnur hinein und stopften dann die Sache fest mit Gras und Erde zu. „Brennt schon! Obacht!“ Wir rannten nach den Ecken des Gartens. Und sahen auch, wie der knisternde Funke der Zündschnur lief. Jetzt musste die Mine steigen. Aber sie stieg nicht. Wir warteten. Nichts rührte sich. Natürlich! Zwischen Gras und Erde war die Zündschnur vermutlich feucht geworden und erloschen. In der linken Hand das Zigarrenkistl mit dem Rest des Pulvers, sprang ich auf die Mine zu und wollte mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Graspropfen aus dem Minengang herausbohren. Da stieg die Mine. Dullerabumm! Wie damals beim Himmelsfeuerfang vor dem Drahtloch des Blitzableiters, so flog mir wieder etwas Schreckliches und Blendendes vor den Augen vorbei, über die Hände herauf und um das Gesicht herum. Der Luftdruck ließ mich einen halben Purzelbaum machen. Lachend sprang ich wieder auf. Aber da waren alle Dinge des Gartens trüb verschwommen, weil meine Brille in die Luft geflogen war. Und das Zigarrenkistl in meiner linken Hand war leer, was nicht mehr braun, sondern schwarz. Und ebenso russschwarz waren meine beiden Hände. Und Vetter Hillenbrand sagte erschrocken: „Jesus, du bist ja im Gesicht wie ein Mohr. Und auf dem Kopf hast du schier gar kein Haar nimmer.“ Ich lief zum Springbrunnen und guckte ins Wasser. Ein richtiges Negerköpfl grinste als Spiegelbild von da drunten herauf. Lachend begann ich mir das Gesicht zu waschen. Und da blieben mir zwischen den Händen ein paar große Lappen liegen, die auf der einen Seite schwarz, auf der anderen Seite rot waren – die verbrannte Gesichtshaut, die ich mir beim Waschen heruntergerissen hatte. Vetter Hillenbrand erzählte mir später, dass ich da erschrocken gesagt hätte: „Herrgott Saxe! Was sich denn jetzt dös?“

Ein quälender Schmerz begann, und das Blut tröpfelte mir über die Nase, während der Vetter mich ins Haus führte. Als ich auf dem Sofa lag, den Hals umrieselt von den warmen Blutfäden, kam der alte Doktor. Er heilt mir eine lange, sehr entrüstete Strafpredigt. Meine schmerzen wurden so heftig, dass ich die Zähen übereinander beißen musste, um nicht laut zu schreien. Und immer zankte der Doktor noch. Da wurde ich ungeduldig und sagte: „Schimpfen Sie nicht, Sie dummer Kerl, sondern helfen Sie mir!“ Der Doktor war so perplex, dass es ihm die Sprache verschlug. Aber dann musste er lachen. Und sagte: „Ein solcher Frechiöh ist mir doch im Leben noch nicht vorgekommen!“ Und schweigend begann er seine Kur.

Mein ‚gesundes Turnerblut’! Aber ich hatte dazu auch wieder einmal Glück. Denn gerade in jenen Tagen war eine ‚neue amerikanische Brandsalbe’ erfunden worden, bei der irgendein heilsames und schmerzstillendes Öl mit Eidottern zusammengerührt wurde. Diese Salbe linderte schon nach wenigen Stunden meine Schmerzen.

Am andern Morgen kam Papa. Er wurde kreidebleich, als er mich sah. Und sagte: „Du Kamel! Jetzt hast du’s einmal!“ Der Doktor erklärte dem Vater, dass mein Gesicht nach der Heilung sehr entstellt sein würde und schwere Narben behalten müsste. Papa erwiderte: „Das macht nix. Wenn es ihm nur den Verstand ein bisserl aufgepulvert hat!“

Um die Mutter nicht zu erschrecken, wurde die Notlüge gebraucht, dass ich in Augsburg einen dreiwöchigen Vorbereitungskurs für das Realgymnasium zu erledigen hätte.

Bei meinem ‚Turnerblut’ machte die Heilung flinke Fortschritte. Aber weil ich ein so gutes ‚Heilfleisch’ hatte, wuchsen mir eine Woche lang in jeder Nacht der Mund oder die Nasenlöcher zu. An jedem Morgen mussten sie wieder aufgeschnitten werden. Schließlich bekam ich ein gequetschtes Silberröhrchen zwischen die Lippen und in jedes Nasenloch einen Federkiel. Das war sehr unangenehm. Aber ich konnte wieder prächtig atmen.

Gegen Ende der dritten Woche versprach mir der Doktor, dass ich in acht Tagen aufstehen und heimreisen dürfe. Meine Hände waren schon ziemlich wieder in Ordnung und auch im Gesicht begann sich der Schorf bereits von den heilenden Wunden zu lösen. Und da wurde eines Nachmittags auf den Domtürmen die Feuerglocke geschlagen. Wenn es brennt in der Stadt, so kann man doch unmöglich im Bett liegen bleiben. Das muss doch jeder Mensch einsehen! Also heraus aus den Federn! Und flink in die Kleider! In der Maximilianstraße rannte ich wie verrückt hinter den rasselnden Feuerspritzen her. Aber es brannte gar nicht, war nur ein blinder Lärm gewesen. Und auf dem Heimweg guckten mich alle Leute an und lachten. In der Glasscheibe eines Schaufensters konnte ich mein Spiegelbild betrachten. Und da musste ich selber lachen. Wie ein protzig tätowierter Indianer sah ich aus. Und fruchtbar komisch wirkte dieser sonderbare Kopfschmuck: Die starr und tintenschwarz zusammen gepickten Haarbüschel zwischen den kahl gebrannten Stellen, auf denen halbfingerlang das Haar schon wieder silberblond gewachsen war.

Ich suchte einen Friseurladen und ließ mir alles kurz herunterscheren, was ich auf dem Kopf hatte. Und das wurde eine lustige Sache. Was ich dabei erzählte, weiß ich nimmer. Ich erinnere mich nur noch, dass während des Haarschneidens ein Dutzend Leute mit endlosem Gelächter um mich herumstand. Dem Friseur musste ich die zwanzig Kreuzer für die vergnügte Mühe schuldig bleiben, weil ich kein Geld in der Tasche hatte. Er vertraute mir – auf mein ‚gutes Gesicht’, wie er lachend sage. Aber ich bin ihm diese zwanzig Kreuzer noch heute schuldig. Denn am andern Morgen wollte mich der Doktor wieder im Bett festhalten; da half mir kein Reden und kein Betteln; drum brannte ich am Nachmittag heimlich durch und rannte, ohne einen Kreuzer in der Tasche, die fünf Stunden nach Welden hinaus.

Während des Rennens auf der Landstraße musste ich immer Gesichter schneiden, weil der trockene Harsch über den Wunden so schrecklich spannte. Und schließlich riss ich eben herunter, was mir lästig war. Und wenn das Blut tröpfelte, pflückte ich Sauerampfer- oder Salbeiblätter und legte sie als Pflaster auf die brennenden Stellen.

In der roten Glut des schönen Sommerabends kam das gleiche wieder, wie damals bei der ersten Heimkehr von der Neuburger Schule. Im grünen Tal der Laugna ein sanfter Windhauch, der mir lau entgegen strich. Ein süßer Duft, ein lieber Gruß von meiner Mutter Blumen! Und wieder dieses irrsinnige Rennen, dieses schmerzende Lachen, dieses selige Weinen und Schreien, als zwischen Baumkronen das Dach des Forsthauses emporstieg in den leuchtenden Abendhimmel.

Der Weg von den Wiesen bis zur Straße war mir zu weit. Ich kletterte über den Staketenzaun in den Wiesgarten. Die zahmen Rehe, die mich nimmer kannten, nahmen Reißaus. Und plötzlich musste ich stehen bleiben und lauschen. Von der Gartenhöhe klangen viele lustige Stimmen herunter, ich hörte das Dudelschächtele des Lehrers klimpern, und dann begann das wohlbekannte Chorlied:

„Zimmermänndle, Zimmermänndle,
Du versoffes Lueder,
Wann dr nomel en Rausch ansaufst,
So sag i’s deiner Mueder!“

Ich war gerade zu dem Abend gekommen, an dem der Abschied des hochwürdigen Herrn Pfarrers gefeiert wurde. Und Pfarrer Hartmann war auch der erste, der mich sah und lachend rief: „Herr jöh, da kommt ja gar unser kleiner Feuerwerker!“ Das gab einen fidelen Jubel! Der ganze Konsumverein war im Garten versammelt, alle waren sie da: Das Fräule Luis, der Benefiziat, das gute Pfarrle von Hegnenbach, Aufschläger Heutle, der Herr Lehrer mit dem ‚Unnerhösche’, das seine Gefährlichkeit noch immer nicht verloren hatte, ein neuer Doktor, die Förster, Forstgehilfen und Eleven, Nagelschmieds Leopold, der ein stattliches junges Mannsbild geworden war, und der C-trompetende Gerber als neuer Bürgermeister. Papa war in guter Laune und machte Späße über mich. Und die Mutter lachte; aber sooft sie mir in das übel massakrierte Gesicht sah, kamen ihr die Tränen – und als ich nur erst die Runde bei all den vielen Händen gemacht hatte, fasste Mama mich wieder einmal wie in früheren Kinderzeiten beim Handgelenk, zog mich zur Haustür hinein, wollte schelten und musste lachen. Sie wusch mir das blutfleckige Gesicht mit lauem Wasser, in das sie Milch gegossen hatte, legte mir frische Pflasterläppchen auf und wickelte mir leinene Binden nach allen Seiten um das Köpfl herum.

So durfte ich wieder hinaus in den Garten, wo ich mit lautem Gelächter begrüßt wurde. Aber dieser Konsumvereinsabend im Freien blieb nicht immer so heiter, wie ich ihn bei meiner Ankunft gefunden hatte. Meines Vaters Abschiedsrede auf den Pfarrer, den die Freunde und alle Leute des Dorfes mit Kummer aus Welden fortziehen sahen, ließ in der Gesellschaft eine ernste, fast schwermütige Stimmung zurück. Droben am stahlblauen Himmel begannen die Sterne zu glänzen, auf den Tischen flackerten die Kerzen in den Glaskugeln, der schwüle Abendwind trieb den Pfeifenrauch davon und machte die Zigarrenfunken fliegen, mit dröhnendem Halle schlug die Turmuhr der nahen Kirche, und drunten im stillen, von Schornsteinrauch umschleierten Tal der Laugna glimmerten die fünfzig Fensterlichter an den Häusern der Bachgasse.

Dem Pfarrer Hartmann, als er auf die Rede meines Vaters erwidern wollte, versagte die Stimme. Er sprach auch nimmer weiter, sondern hob das Krügelchen. „Trinke mer halt! Ihr wisst doch alle, wie ich’s mein’!“ Und eine Weile später, als er beim Zaungitter stand und hinuntersah auf das im Abendfrieden ruhende Welden, sagte er sorgenvoll und mit feuchten Augen: „Ach, du mei arms Dörfle du!“

Bei der heiß erregten Debatte, die dann rings um den großen Gartentisch herum entstand, bekam ich zum ersten Mal diesen schön klingenden Namen zu hören – Andra – den Namen des neuen Pfarrers, mit dem in Welden der Unfrieden einziehen sollte, wie ein Ungewitter herzieht über ein wohlgeratenes Weizenfeld. Und noch einen anderen Namen hörte ich an diesem Abend zum ersten Mal. Den Namen: Döllinger. Auch von einer päpstlichen Bulle wurde gesprochen. Von einem Konzil, das sich in Rom versammeln sollte. Und von der merkwürdigen Sache, dass sich der Papst als ‚unfehlbar’ erklären lassen wollte.

Ich erinnere mich noch einer Lachsalve, die ein Forstgehilfe mitten in diesem ernsten Gespräch mit den Worten erweckte: „Wann i nacher Papst und unfehlbar wär, gang i auf e jedes Scheibeschiesse. Da däet i viel Geld verdeane! Wann ’s Kügele nie dernebe gang!“

Und als ich droben in meinem Mansardenstübchen lag und bei der Nachtschwüle und vor seligsüßer Heimfreude nicht einschlafen konnte, hörte ich noch lange vom Garten herauf die heiß debattierenden Stimmen. Und ich meine, das war die Stimme des Pfarrers, die aufgeregt erklärte: „Und i glaub’s it, dass sie’s durchsetze. Die deutschen Bischöf stehen älle wie e Mauer da! Und in Rom da gibt’s do au no Köpf, die Verstand hawe!“

Mitten in der Nacht erwachte ich und hörte fernern Donner rollen. Ich sprang aus dem Bett und guckte zum Fenster hinaus. Der Garten war still und leer, der Himmel und die Ferne waren schwarz, es leuchtete kein Blitz, doch immer näher und näher tönte dieses dumpfe Rollen.

Am Morgen, al sich munter wurde, schien die Sonne wieder, und die Regentropfen blitzten an allem Laub.

Die Mutter hielt mich eine ganze Woche im Haus fest – auch an dem Tag, an dem die Glocken läuteten und die Böller krachten, um den neuen Pfarrer zum Einzug zu begrüßen. Unsere Köchin Ottil berichtete mir ausführlich über diese Feierlichkeit. Der neue Pfarrer wäre ein sehr schöner Herr, auch noch jung – nur hätte er am ganzen Leib ein so komisches Zittern, wie ‚en alts Männdle’. Und diese drei Nichten! Die jüngste wäre wie eine ‚scheue Holzkatz’, und die andere wäre ein ‚liebs netts Mädele’, aber die älteste hätte ihr gar nicht gefallen. Die könnte mit den Augen stechen und hätte ein Näsle wie ‚e spitzigs Gäbele’. Und einen ‚arg bösen Hund’ müsste der neue Pfarrer mitgebracht haben. Denn zwischen seinem Hausrat wäre eine merkwürdige, mit Luftlöchern versehen Kiste gewesen. Aber man hätte den bösen Hund nie bellen hören.

Eines Mittags, als ich aus meinem Mansardenstübchen zum Essen herunterkam, hatten Herr Pfarrer Andra und das Fräule Kreszenz, die älteste der drei Nichten, gerade ihre Antrittsvisite bei uns im Forsthaus gemacht. Ich konnte das seidene Kleid dieser Nichte noch durch die Haustür rauschen hören. Und die Mutter fragte den Vater: „No, Gustl, was sagst du denn da?“ Papa hatte ernste Augen und schwieg. Worauf die Mutter ungefähr sagte: „Er hat eigentlich kein ungute Eindruck auf mich gemacht. Aber sie! Die hat ’s Näsle e bissele gar arg in der Höh! … Mir scheint, da wird sich kein netter Verkehr nit anspinne.“ Und am gleichen Tag brachte die Köchin Ottil das noch heim, dass für das Fräule Kreszenz bereits ein Spitzname im Dorf herumliefe: „Der Hofgockel!“

In der Pflege meiner Mutter begann der Denkzettel, den mir das Feuerwerk ins Gesicht gebrannt hatte, von Tag zu Tag immer mehr zu verschwinden. Es blieb, der Prophezeiung des Augsburger Doktors entgegen, nicht die geringste Narbe zurück. Mein ‚gesundes Trunerblut’ hatte mich wieder einmal glücklich durchgerissen. Und eines Morgens sagte die Mutter mit zärtlichem Lachen: „Bueb, ich glaub, du bischt im Pulverdampf noch e bissele netter worde! Und guck nur wie du dich strecke tuescht! Jetzt gehst mir schon über d’ Ohre naus!“ Sie fasste mich am blonden Schopf, der schon wieder zu greifbarer Länge gewachsen war. „Du! Ich sag dir’s! Übern Kopf naus därfst mir aber nie nit wachse! Gell?“

Ich hatte meine leidenschaftliche Waldrennerei wieder angefangen. Und in diesem Sommer durfte ich meinen ersten Rehbock schießen. Doch als er dalag, war’s eine Geiß – im Jagdfieber hatte ich Maskulinum und Femininum verwechselt, wie mir das mit den lateinischen und griechischen Substantiven schon des Öfteren passiert war. Der Vater zog mit der Hand schon aus, aber sagte dann: „Ein Glück für dich, dass man deine verpulverten Ohrwascheln noch allweil ein bissel schonen muss!“ Doch ich durfte von diesem Tag an kein Gewehr mehr in die Hand nehmen. Freilich ließen mich die Forstgehilfen ohne Wissen des Vaters immer wieder heimlich von der Jagdschüssel naschen. Auch mein achtjähriger Bruder Emil streckte schon die Hände nach den Flinten, die im Hausflur hingen; und eines Tages hätte er bei einem unbeabsichtigten Dullerabumm unsere Hausmagd beinah erschossen. Meine Schwester Berta war in den Ferien daheim, und wenn wir drei durch Hof und Garten tollten, zappelte auch das feine, kleine ‚Idele’ schon hinter uns her. Mit den jüngeren Geschwistern wurde ich selber wieder ganz zum Kind, vergaß die überstandenen Schulschmerzen, vergaß auch Schiller, Shakespeare und Goethe, vergaß meine religiösen Zweifel und Seelenkämpfe, ließ den lieben Herrgott wieder einen guten Mann sein und half meinen Geschwistern in Haus und Hof und Garten einen Spektakel aufschlagen, dass Papa in seiner Kanzlei nervös wurde und dass die gute Mutter sich manchmal verzweifelt mit beiden Händen die Ohren zuhielt.

Aber plötzlich kamen dann stille, bange, wunderlich träumerische Tage über mich.

Ich bummelte da eines schönen Vormittags vom Schwarzbrunner Walde heim, wo ich wieder einmal nach dem versunkenen schatz gesucht hatte. Und da begegnete mir bei der Laugna hinter Nagelschmieds Garten ein junges Mädchen in weißem Leinenkleid. Sie war wohl ein bisschen älter als ich. Aber von uns beiden war ich der größere. Als wir auf dem schmalen Fußweg zwischen Bach und Hecke einander im Vorübergehen mit den Armen streiften, reichte meine Schulter über die ihre hinaus. Und dann musste ich mich umgucken. Aber sie drehte das Köpfchen nimmer.

Wie lieb uns sanft und hübsch war dieses Gesichtl! Unter dem gelben Strohhut legten sich die braunen Haare glatt gescheitelt über die Schläfen. Ein bisschen blass war dieses seien Gesicht. Und drum erschien das Mäulchen auch gar so krischenrot! Und die großen Augen hatten einen stillen, schwermütigen Blick. – Sooft ich an diese traurigen Augen dachte, tat mir etwas unter meinen Rippen weh. Und sooft ich die Augen schloss und dieses leibe, weiße Figürchen wieder sah, das so schlank war und doch so zart gerundet, rann mir ein schwüles, ein wehes und süßes Ichweißnichtwas durch alles, was Leben in mir hieß.

Wie alle Wege nach Rom führen, so gingen von diesem Tag an alle meine Spaziergänge am Pfarrhaus vorüber. Noch dreimal sah ich das feine schlanke Mädel mit diesen Augen, deren Trauer mich zittern machte, ohne dass ich sie verstand – einmal begegnete ich ihr in der Kirchgasse, einmal sah ich sie zwischen den Dirlitzenstauden des Pfarrgartens stehen bleiben und sich verbergen, und einmal blickten diese traurigen, lieben Augen durch eine Fensterscheibe des Pfarrhofes und verschwanden gleich, als ich grüßen wollte.

Ums Leben gerne hätt’ ich im Pfarrhof Besuch gemacht. Aber die Eltern erlaubten mir’s nicht. Und so rannte ich wieder in den Wald hinaus, trug meine Pein und Süßigkeit in das ewige Grün, dichtete lange Oden, wie ich sie in den ‚Bardenklängen’ gelesen hatte, und wühlte das heiße Gesicht ins kühle Gras.

Dann kam ich fort. Nach Augsburg aufs Gymnasium. Und war meiner Kinderzeit entwachsen und ging meiner Jugend entgegen, etwas Verlangendes, Ahnendes und Dürstendes in meinem Herzen – und auch in meinem Blut!

Was die nächsten Zeiten an frohen und wunderlichen Dingen, an großen und ernsten Ereignissen brachten, und wie mein Leben sich weiter entwickelte, das will ich im ‚Buch der Jugend’ schildern.

Das Buch meiner Kindheit ist hier zu Ende.

Unter meinen alten vergilbten Papieren fand ich ein kleines Lied, das in jenem letzten Kindheitssommer entstand. Aber die älteste Form besitze ich nimmer, nur den korrigierten Klang, zu dem ich das Liedchen in meinen Universitätsjahren umarbeitete:

„Der Wald ist schön, der Wald ist grün,
Hat hunderttausend Bäume,
Da lieg’ ich, wenn die Wolken ziehn,
Im Schatten gern und träume.
Wer war das blasse Mädelein?
Kann’s nit zusammenreimen!
Und mangsmal möchte’ ich Huisa schrein
Und mangsmal möchte’ ich weinen.
Ich möchte, möchte, weiß nit was,
Und glaub’ ich muss verderben,
Und drücke mein Gesicht ins Gras
Und mein’, jetzt muss ich sterben!
Doch neulig war’s, da schrie im Wald
Ein Guggezer ein feiner,
Der schrie: ‚Du wirst so froh und alt
Wie unter Tausend Einer!’“

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