Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 6

Ferienzeit! – Nicht Worte, nicht Bücher erschöpfen den Zauber, den diese vier Silben bergen. Nur trunkene Kinderherzen können ihn fühlen.

Und Frieden ist wieder! Und alle Bauern freuen sich und scheinen neue Gesichter zu haben. Nur das Eine kann ich nicht recht begreifen, dass es der Vater mit den ‚Breißen’ hält und immer sagt: „Jetzt kommen große Zeiten für uns Deutsche!“ Doch dieses Unverständliche geht mir unter im jubelnden Rausch meiner Freiheit.

Warum nur muss alles Schöne im Leben so raschen Flug haben wie die Falken?

Wann bin ich heimgekommen? Gestern? Vorgestern? … Vor acht Wochen? Nein! … Und da steht der Stanger schon wieder vor dem Zauntor, mit diesem schrecklichen Rössle, das so fürchterlich schnell nach Augsburg läuft!

Damals im Herbst, als ich zum anderen Mal in Neuburg einrückte, gab’s an einem der ersten Nachmittage ein Ereignis, das für mich wie ein tröstender Nachklang aus dem Leben der Heimat war. Wir bauten da gerade an unserer neuen ‚Burg’ in der Scheiterbeuge. Mir wurde das Wagnis zugeteilt, in den ‚heiligen Hain’ zu schleichen und Fichtenzweige zu holen, um mit ihnen die harten Sitze auf den Holzscheiten der Burg zu polstern. Mit dem Spürsinn und Späherblick eines Indianers machte ich mich an diese Aufgabe. Doch sie erwies sich als völlig ungefährlich, denn die Gymnasiasten waren aus irgendwelcher Ursache gar nicht in ihrem heiligen Hain. Die Fichten standen weit droben in der Ecke des Gartens, ganz bei der hohen, an die Felder grenzenden Mauer. Ich schlich auf allen vieren an den Gemüsebeeten des Seminargärtners vorüber. Und plötzlich fährt mir’s wie ein elektrischer Schlag durch Blut und Nerven. Zwischen den Kohlköpfen seh’ ich einen Hasen hocken – einen richtigen wilden Feld- und Waldhasen, der, die Löffel zurückgelegt, gemütlich an den Krautblättern knappert. Ich schlich zurück, vom Zittern des Jagdfiebers befallen. Und hinauf in die Burg. „Ein Has! Ein Has! Ein Has ischt im Garte! Den fange mer! Raus! Raus! Ein Has! Den müsse mer fange!“

Unter den zehn Burggenossen waren sechs Förstersbuben. Denkt euch: Wie flink die herausfuhren aus der Burg! Wir wühlten uns mit solcher Hast durch die ‚Fuchsröhre’, dass wir uns lange Holzsplitter in die Schenkel und Arme stießen. Aber jetzt spürte man keinen Schmerz, kein rinnendes Blut. Ich übernahm die Leitung der Jagd und stellte lautlos den Kreis. Wie geduckte Mohikaner lagen und schlichen wir im Gras der Prärie. „Hussa!“ Zehn junge Kerle fuhren mit brennenden Gesichtern in die Höhe – und der Hase machte vor Schreck einen meterhohen Sprung aus dem Kraut heraus. Wir hinter ihm her, wie die Windhunde auf der Fährte ihres sicheren Opfers. Der Hase konnte zwischen Zaun und Mauer nirgends aus. Eine halbe Stunde dauerte dieses Atem fressende Rasen, an der Mauer hin, kreuz und quer durch die Stauden, im Kreis um die offene Wiese, zurück in den Krautgarten und wieder die hohe Mauer entlang. In der spitzen Ecke des Gartens machte der Hase ein paar verzweifelte Versuche, an der Mauer hinauf zuspringen. Dabei erwischte ich ihn. Er zappelte und kratzte. Ein Schlag ins Genick und das arme Häslein hatte ausgelitten.

Wir, von unserer Jagdfreude wie betrunken, erhoben ein Geschrei, dass die Mauer des heiligen Heines hallte. Und im Triumphzug wurde die Beute zum Rektor getragen. Dabei kam es zu einer heißen Debatte über die Frage: Wie der Hase wohl in den Garten gekommen wäre. Wir Förstersbuben hatten das Wahrscheinlichste bald heraus. Draußen an der Spitze des Gartens lagen die Felder fast so hoch wie die Mauerkante. Und da war wohl der Hase, hinter dem die Jäger und Hunde her waren, über die Mauer in den grünen Garten gesprungen, um sich zu retten. Und war von einer Jagdnot in die andere geraten. In die gefährlichere.

Der Rektor, als wir ihm den Hasen ins Zimmer brachten, machte zuerst verdutzte Augen und wollte streng sein. Doch unser Jubel, unsere glühenden Gesichter und blitzenden Augen beredeten ihn zu heiterer Lauen. Er lachte und schickte uns mit dem Hasen in die Küche, wo die Beute für uns zehn Jäger noch am gleichen Tag gebraten wurde. Am Abend, nach der gemeinschaftlichen Mahlzeit, saßen wir zehne im Refektorium rings um einen runden Tisch, und die hundert anderen guckten lachend zu, wie der Hase aufgetragen wurde, in braunem Sößle und mit großen Knödeln, und wie wir Jäger unsere Beute mit seligem Vergnügen schmausten.

Ein paar Tage später lief unter den Seminaristen das Gerücht um, dass sich der Rektor wegen des Hasen in großer Sorge befände. Wir hatten ja wirklich gegen das Jagdgesetz gehandelt, einen Jagdfrevel begangen – und der Rektor hatte das lachend gutgeheißen. Aber die Sache führte zu keiner bösen Folge.

Dieser Rektor Romeis war ein strenger und gewissenhafter Herr. Aber trotz der scharfen Zucht, die er führte, weiß ich mich keiner Ungerechtigkeit zu entsinnen, die er jemals wider uns begangen hätte. Gab’s einen Streit und hatte man recht, so fand man dieses Recht auch immer bei seiner Entscheidung. Und bei aller Strenge konnte er dem Blut, der Torheit und dem Übermut der Jugend auch gesund und vernünftig was nachsehen. Er hatte einen schönen Kopf, ein blasses und fein geschnittenes Gelehrtengesicht, ging immer sehr adrett gekleidet und machte das Ansehen eines vornehmen Weltmannes. Unter den Seminaristen wurde ein bisschen über ihn geklatscht – man tuschelte: Er ‚hätte was’ mit dem ‚Annerl’, mit dem schönen jungen Töchterlein der Küchenpatronin. In dieses Annerl, obwohl es nur flüchtig durch das Küchenfenster des Speisesaales zu sehen war, pflegten sich alle Oberklässler bis über die Ohren zu verlieben. Und da sprach dann wohl die Eifersucht aus ihren hungrigen Herzen, wenn sie dem Rektor was anzukreiden suchten. Dieser Klatsch sickerte von Klasse zu Klasse herunter, bis ihn die homines novi hörten. Aber im Ernst war dem Rektor – so weit meine zwölf- bis vierzehnjährigen Augen reichten – nichts anderes nachzusagen, als dass er manchmal während der Studierzeiten freundlich plaudernd mit dem schönen Annerl in der Einsamkeit des heiligen Haines spazieren ging. Viele Augen belauerten das Paar. Doch die Redereien, die man an solche Beobachtungen knüpfte, waren mir zuwider. Und zuweilen gab es Meinungsverschiedenheiten im Frieden der Burg, wenn ich den Verdächtigten mit gutem Glauben verteidigte: „Der tuet nix, was koinz oder keel sich! ’s Annele sich halt e netts Mädle. Und ebbes Nettes gfallt ihm halt!“ Unter ‚keel’ und ‚koinz’1 verstand ich in meinem Holzwinkeldialekte alles, was mir ekelhaft war.

Bei solchen Debatten über das schöne Annerl konnte ich den Einwurf hören: „So? Gfallt’s ebbe dir auch?“ Das brachte mich in heißen Zorn, und es rutschten mir bei solchem Thema leicht die Fäuste aus. Ihr wisst doch, wie ich – meine beiden Schwestern ausgenommen – über alles dachte, was Mädel hieß! Nach den schrecklichen Erfahrungen, die ich mit diesen merkwürdigen Geschöpfen hatte machen müssen! Sogar die kleine Schwäche für das ‚nette Krawättle’ war flink wieder in mir erloschen. Allerdings begann ich schon theoretische Unterscheide zu machen und fand sehr flink heraus, was ‚nett’ war. Im übrigen aber betrachtete ich die Sache noch immer von dem Standpunkt, den ich in der Dorfschule eingenommen hatte, wollte um keinen Preis der Welt als ‚Mädlefußeler’ gelten – und wenn die Seminaristen davon tuschelten, dass der Rektor mit dem Annerl ‚was hätte’, war es mir immer höchst peinlich, mir vorstellen zu müssen: Wie der schöne vornehme Herr sich auf den Boden hinsetzen sollte, um das nette Mädel an den Waden, in der Kniekehle oder sonst wo zu zwicken! Soll denn auch so was ein Vergnügen sein? Zwicken? Das ist doch überhaupt nur eine Eigenschaft der Schwächlinge! Und beim Raufen ist das Zwicken direkt unanständig. Und mit Mädeln rauft man nicht. Was Mädel heißt, lässt man in Ruh, und die Buben haut man. – So ungefähr lauteten die Schlüsse, die der Logik meines zwölfjährigen Köpfls entsprangen.

Aber da fällt mir jetzt einer ein, der das Zwicken leibte und doch kein Schwächling war – wenigstens nicht in seinem äußeren Bild.

Unter den weltgeistlichen Präfekten des Seminars war einer, vor dem ich Respekt hatte, obwohl er uns alle mit eiserner Strenge behandelte – ein zweiter, vor dem ich zitterte, obgleich er mir bei jeder Gelegenheit sein besonderes Wohlwollen erwies – und einer, den ich zärtlich liebte, obwohl er kaum merkte, dass ich auf der Welt war.

Jener erste hieß Waldvogel und war ein mageres, langes, fast zwei Meter großes Mannsbild, das im Studiersaal immer wie ein drohendes Ausrufungszeichen hinter dem Stehpult des Präfekten stand. Mit dem Glockenschlag trat er in den Saal, ging auf das Pult zu, rührte sich nimmer vom Fleck, schrieb oder las, und beim ersten Schlag der Glocke klappte er sein Buch zu und ging davon, in sein Zimmer. Während der Studierzeit, in der unter Waldvogels Aufsicht stets eine lautlose Stille herrschte, hob er nur selten das Gesicht von seinem Buch. Tat er es, so sah er mit dem ersten Blick gleich alles, was heimlich hinter den Pulten geschah. Und da strafte er unerbittlich. Weil er sich niemals täuschte, hatte er nie eine Untersuchung nötig. Wenn er in dieser Stille rief: „Nummer Elf! Bringe mir sofort dein Buch!“ – dann war das sicher keine lateinische Grammatik, sondern eine Indianergeschichte oder eine Schiller’sche Tragödie, die konfisziert wurde. Und ich musste knien – eine Sache, die ich schlecht vertrug. War man fleißig und ordentlich, so hatte man auch mit diesem gestrengen Herrn sein ruhiges Auskommen, obwohl er für die Jungen, mit denen er zufrieden war, als einzige Anerkennung nur ein stilles Kopfnicken fand. Er lebte wie ein Einsiedlerkrebs, blieb während der Freizeiten zumeist in seinem Zimmer, gesellte sich im Garten nie zu uns Buben und nahm in der Abendzeit auch nie an unseren Spielen im Studiersaal teil.

Viel zutunlicher und freundlicher zeigte sich da der zweite Präfekt. Er war nicht viel kleiner als Waldvogel, dazu von so hünenhaftem Gewicht und von so breitschultriger Klobigkeit, dass wir ihn den ‚Unschlacht’ nannten. Er hatte Arme wie Balken, Finger wie Regensburger Würste. Dazu ein breites, gemütliches Gesicht mit knallroten Pausbacken und kleinen Augen. Wenn er Aufsicht führte, wurde die Studierzeit zu einem ununterbrochenen Gerappel und Gesumm. Die Pultdeckel gingen auf und nieder, alle erdenklichen Allotria wurden getrieben, die Telegrafenleitungen – (Bindfäden zwischen Zigarrenkistchen) – wurden in Gang gesetzt, man warf mit Papierpfeilen und Lettenkügelchen, ließ den gekauten Gummielastikum knallen, und immer wieder wurde die Maus gejagt, die gar nicht vorhanden war. Da schrie einer plötzlich: „E Mäusle! E Mäusle!“ Und fünfzig Buben rumpelten auf einem Knäuel zusammen, balgten sich und rannten von Pult zu Pult, warfen die Stühle um, klapperten mit den Linealen allen Staub und Dreck unter den Pulten heraus und trieben diesen wirbelnden Radau durch die halbe Studierzeit, bis es dem Präfekten schließlich doch zu dumm wurde. Dann brüllte er „Silentium!“ – und wenn wir alle wieder an den Pulten saßen, begann er im Studiersaal ein empörtes Aufundniederwandern. Solcher Zorn beschwichtigte sich aber bald wieder zu seiner chronischen Gemütlichkeit. Und da blieb er gern bei seinen Lieblingen stehen – zu denen auch ich gehörte – machte sie auf Fehler in den Hausaufgaben aufmerksam, vergönnte ihnen das verbotene Buch, in dem sie lasen, krabbelte in ihrem Haar, schmunzelte, streichelte, tätschelte – oder zwickte.

Das war eine schreckliche Gewohnheit von ihm: Dieses Zwicken in die Wangen. Und für mich – wohl um mir seine ganz besondere Gewohnheit zu zeigen – hatte er noch eine grässliche Nuance erfunden: Wenn er mich in die Wange zwickte, geriet er mir jedes Mal mit dem Finger zwischen die Zähne. Mir wurde immer ganz übel. So was ‚Keeles’ war das für mich! Wenn der Unschlacht in die Nähe meines Pultes kam, fing ich zu zittern an. Und ich war doch kein feiger Junge. Je freundlicher und nachsichtiger er gegen mich wurde, um so mehr begann ich ihn zu fürchten, fast zu hassen. Und eines Abends, als er mich wegen irgend einer Sache in sein Zimmer gerufen hatte und wieder so grauslich zwickte, stieß ich mit beiden Fäusten seinen Arm zurück und schrie: „So ebbes mag i nit!“ Er erwiderte keine Silbe, lächelte nur und gab mir aus seiner Bibliothek ein Buch: Des Knaben Wunderhorn. Von dieser Zeit an zwickte er mich nimmer, blieb aber freundlich und nachsichtig – so nachsichtig, dass ich mir alles erlauben durfte. Das hatte keine gute Wirkung auf meinen Fortschritt in der Schule. Ein Glück für mich, dass zum Gegenhalt unser Klassenprofessor Loher sich alle Mühe mit mir gab. Ich werde von diesem prächtigen Mann mit der doppelten Lehrerseele noch zu erzählen haben.

Erst muss ich vom Unschlacht noch eine merkwürdige Sache registrieren. Dieser freundliche, gutmütige, zutunliche Herr konnte zuweilen recht gefährlich werden. Er strafte nicht gerne – aber wenn’s eine grobe Sache gegeben hatte, die nach dem Haselnussstecken schrie, und wenn der Unschlacht den Missetäter über den Stuhl zog, konnte er so fürchterlich los dreschen, dass der arme Schächer das bequeme Sitzen ein paar Tage lang nimmer fertig brachte. Ebenso gefährlich war der gutmütige Unschlacht am Abend, wenn wir ‚Stockschlagen’ spielten. Das war ein Spiel, dessen Erfinder man hätte ohrfeigen sollen. So denke ich jetzt. Aber damals in meiner Seminarzeit trieb ich dieses Spiel sehr gerne – um mit Vergnügen heimzahlen zu können, was ich unter Schmerzen empfangen musste. Einer saß auf einem Stuhl: Der Stockhalter. Wer beim Spiel an die Reihe kam, musste stehend das Gesicht vornüberbeugen und die Augen in die Hände des Stockhalters legen. Dann schlug man ihm hinten mit der flachen Hand eine Feste hinauf; und wer den Schlag bekam, musste blind erraten, wer geschlagen hatte; riet er fehl, so ging die Sache weiter; riet er richtig, so kam zur Abwechslung der andere ‚in den Stock’. Bei diesem Spiel guckte der Unschlacht gerne zu; und manchmal, wenn einer von seinen Lieblingen im Stock war, sauste plötzlich seine schwere Hand zu einem Schlag herunter, dass man schreien musste und in die Knie brach. Da riet man dann immer richtig: „Jesus Maria, der Herr Präfekt!“ Und lachend ging der Unschlacht davon.

Der dritte der Präfekten führte für uns Lateinschüler, die wir noch nicht in die Kirchenmusik und in das Orchester eingereiht waren, ein Leben wie der Maulwurf in der Wiese. Das war der Musikpräfekt, Herr Ludwig Kerler. Man bekam ihn selten zu sehen. Alle paar Monate erschien er einmal in meiner Flötenstunde und hörte ein Weilchen zu. Gefiel ihm mein Geduld nicht, so schnitt er eine Grimasse, als hätte er eine sehr bittere Sache zu trinken bekommen, und entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen. Eines einzigen Besuches erinnere ich mich, bei dem ich seine Zufriedenheit erweckte. Da tippte er mit dem Griff seines Stockes an meine Schulter und sagte mit seiner heiseren Stimme: „Büeble! ’s geht vorwärts! Da hast du jetzt grad e Tönle bracht … das ist Musik gewesen!“ Seit dieser Stunde gab ich mir alle Mühe, reine Klänge aus meinem Wimmerholz herauszubringen. Der Präfekt aber lobte mich niemals wieder.

Ich weiß nicht, was diesem wunderlichen Mann, der die Seele eines Künstlers und das Gesicht eines Trunkenboldes hatte, meine Zuneigung gewann. Fast schwärmerisch verehrte ich ihn. Und ich fand auch oft Gelegenheit, dem Präfekten Kerler meine Anhänglichkeit in aller Stille zu beweisen. Er hatte sein Zimmer in einem etwas abgelegenen Trakt des Seminars. Und da wurden mit der Türklinke des Präfekten, mit dem Schlüsselloch oder mit den vor der Tür stehenden Stiefeln manchmal sehr üble Scherze getrieben. Herr Kerler ging Abend für Abend in die Stadt hinaus und kam erst spät in mitternächtiger Stunde zurück, um etwas heiteren Ganges seiner Klause entgegenzustreben. Da fand er dann die Überraschungen, die seiner warteten. Doch nie verklagte er die Missetäter. Er suchte aber auch die verschwiegenen Schutzengel niemals auszuforschen, die häufig vor seiner Tür die Spagatfallen zerschnitten, reinliches Papier um die klebrige Klinke wickelten und das Schusterpech aus dem Schlüsselloch herausstocherten.

Hatte man ihm in der Nacht einen solchen Freundschaftsdienst geleistet, so fühlte man sich am Morgen in der Kirche belohnt, wenn er die Messe dirigierte, die Orgel spielte und von seinem unsichtbaren Chorsitz diese herrlichen Klänge auf uns kniende Jungen niederrauschen ließ. Da überkamen mich traumhafte, seltsam wogende Stimmungen, die ich nicht schildern kann. Und wenn Herr Kerler auf der Orgel mit wechselnden Tonarten phantasierte, bekam oft plötzlich die ganze Kirche vor meinen Augen eine intensive, einheitliche Farbe; alles erschien mir rot oder ährengelb oder in prachtvollem Blau. Das dauerte immer nur wenige Sekunden und verschwamm dann wieder. Meistens sah ich nur eine einzige Farbe, und wenn sie zerflossen war, blieb alles so, wie es in Wirklichkeit war. Doch manchmal – wenn die Tonart, während ich eine Farbe sah, mit raschem Übergang wechselte – verwandelte sich diese Farbe ebenso rasch in eine andere, die noch stärker leuchtete. Das war immer so namenlos schön, dass mir ein süßer Schauer durch Herz und Sinne rieselte. – Dieses Farbenschauen meiner Augen, bei tiefer Wirkung guter Musik, verstärkte sich noch in späteren Jahren. Irgendwelche Gesetzmäßigkeit in dieser Erscheinung hab’ ich bisher nicht konstatieren können. Aber es gibt ein paar musikalische Werke, bei denen ich stets die gleiche Farbe sehe. Wenn ich Wagners Rheingold höre, kommt immer ein Augenblick, in dem das ganze Bild der Bühne für mehrere Sekunden von einem brennenden Goldgelb überflossen wird. Und spiele ich mit meinen Kindern das erste Trio von Haydn, so erscheint mir das Notenblatt gegen Ende des ersten Satzes in einem matten Rotviolett, das sich, wenn wir ohne Unterbrechung gleich das Adagio Cantabile beginnen, in eine tiefes Stahlblau verwandelt. Im Allegro non troppo der C-Moll-Symphonie von Brahms, die ich bis jetzt drei- oder viermal hörte, sah ich jedes Mal das gleiche Scharlachrot –und einmal sah ich in dieser Farbe eine weite Himmelsferne mit lang gestreckten, in Scharlach brennenden Wolkenzügen, über die eine hohe, in tieferes Rot gekleidete Frauengestalt wie schwebend dahin glitt. Alle leidenschaftlich empfundene Musik verwandelt sich für mich in Bilder, die ich sehe, während ich die Musik für Sekunden und Minuten nicht mehr zu hören glaube. Am häufigsten und stärksten kommen mir solche Bilder und Farben bei Schumann und Beethoven. Früher war’s auch bei Wagner so. Aber die Bilder schaffende Wirkung, die sonst die Wagner’sche Musik in mir hervorrief, ist seit etwa fünf Jahren fast ganz für mich erloschen. –

Während des zweiten und dritten Jahres meiner Seminarzeit kam mir alle Frömmigkeit, die ich in der Kirche noch fühlte, aus der schönen Musik des Präfekten Kerler. In der stillen Messe war ich so wenig bei Gott, wie es die anderen waren – mit spärlichen Ausnahmen. Zweihundert Studenten, dicht gedrängt in den Betstühlen, mit Husten, Trampeln, Scharren, Zappeln, Jucken und Flüstern! Wie soll da entstehen oder dauern können, was Andacht heißt? Ich glaube, aller Religionszwang in der Schule ist ein unfehlbarer Weg zum Zweifel oder zur Heuchelei.

Wie die Kirchenstimmung in warmen Sommerzeiten war, das weiß ich nimmer recht. Aber im Winter war’s immer schrecklich, wenn uns der Atem bei jedem Seufzer unserer Qual wie ein graues Wölklein vor dem Munde stand. Kluge Priester sollten ihre Kirchen im Winter heizen lassen. Man kann nicht an einen gütigen Gott glauben, wenn man eiskalte Zehen, abgestorbene Ohren, eine vor Kälte pelzige Nasenspitze hat und ruhelos in die Hände hauchen muss. Wir Buben mit unseren geschorenen Köpfen, mit den dünnen Wirkhandschuhen und den kurzen Radmäntelchen froren in der eisigen Kirchengruft, dass uns die Zähne klapperten und die Augen tränten. Gott war uns Hekuba. Wir hatten keinen anderen Kirchengedanken als die Sehnsucht auf den Augenblick, in dem wir mit Getrampel aus dem Betstuhl hinausdrängen und hinaufrasen konnten in das warme Klassenzimmer. Die erste Lehrstunde war immer verloren. Denn eine ganze Stunde brauchte man, bis man ordentlich auftaute.

Und da bin ich nun bei diesem Professor Loher mit der zwiefachen Lehrerseele. Ein mittelgroßer Mann, immer ein bisschen unordentlich gekleidet, mit dunklem zerwirrtem Haar, mit kurzem, missmutig durcheinander gesträubtem Vollbart und mit schwermütigen Augen, die selten in froher Helle glänzten. Wenn er verheiratet war, so hatte er sicher kein freundliches Familienleben. Kam er in die Klasse, so gab er sich mit rührender Inbrunst seinem Beruf hin. Die schöne Leistung eines Schülers machte ihn für wenige Minuten glücklich. Ein grober grammatikalischer Fehler wirkte auf ihn wie eine schwere persönliche Kränkung. Aber den Haselnussstecken liebte er nicht. Wenn Strafe nötig wurde, nahm er das Haupt des Übeltäters zwischen Brust und Arm und gab ihm eine feste ‚Kopfnuss’. Das tat sehr weh. Aber das kurz geschorene Köpfl konnten wir nicht polstern, und das Einreiben mit Kolophonium half nichts; man bekam davon nur ein Gefühl, als hätte man Läuse.

Dieser Professor Loher, der in der Schule neben dem Lateinischen noch ein paar andere Fächer lehrte, war außerhalb der Klasse auch unser Turnlehrer. Von diesem doppelten Beruf kam die Zwiespältigkeit seiner Lehrerseele. Ich war ein jammervoller Lateiner, aber ein guter Turner. Und drum leibte mich Professor Loher in der Turnhalle so zärtlich wie einen Sohn, während er mir in der lateinischen Stunde sehr häufig seine tiefste Verachtung bezeugen musste. Das eine färbte ein bisschen aufs andere ab. Die Freude über meine Turnkünste wurde ihm getrübt durch den Gedanken an mein Latein – und der Kummer über meine mangelhafte Kenntnis des Ciceron’ischen Idioms wurde ihm ein bisschen getröstet, wenn er sich erinnerte, was ich in der letzten Turnstunde am Reck und Barren geleistet hatte. Führte ich in der Turnhalle zwanzigmal hintereinander die Doppel-Kniewelle mit tadellosem Abschwung aus, dann konnte er, bei hellem Glanz in den Augen, wehmütig sagen: „Ludwig! So möchte ich dich einmal den Akkusativ cum Infinitiv gebrauchen sehen!“ Und in der Klasse konnte er, bei kummervollem Blick, mit gemildertem Zorn seufzen: „Ganghofer! Da hast du wieder einmal ein sträfliches Latein geliefert! Aber ich will nicht vergessen, dass du ein verlässlicher Turner bist. Nun ja! Es gibt eben nichts Vollkommenes im Leben!“

Dass ich bei Professor Loher ein so schwächlicher Lateiner blieb, das hat mir weiterhin auf Erden nicht viel geschadet. Aber die Turnkünste, die ich dem braven Manne mit der zwiefachen Seele verdanke, haben mir oft das Leben gerettet – zum ersten Mal schon damals im Seminar. Das hohe Klettergerüst im Seminarhof war seit einiger Zeit in seinen faulen Balkenfüßen ein bisschen wackelig geworden. War einer in der Spielzeit droben auf dem Querbalken, so kamen natürlich die anderen gleich gelaufen und fingen zu rütteln an. Schließlich trauten sich nur noch die wenigen hinauf, die sich da droben in zehn Meter Höhe schwindelfrei und sicher fühlen. Und so war ich eines Tages wieder einmal droben und spielte Seiltänzer. Die Kerle kamen gleich und fingen zu wackeln und zu rütteln an. Plötzlich tat das Klettergerüst einen dumpfen Krach und begann zu fallen. Ich gaukelte auf dem seitwärts gleitenden Balken nur noch ein paar Meter von der Erde entfernt war, machte ich einen festen Hupf in die Höhe und landete glücklich auf dem Lohboden. Die Sache ging so schnell, dass ich das festmachende Sprüchlein des Alfons gar nimmer sagen konnte. Diesmal kam ich zur Abwechslung gut davon, weil ich die Augen offen hielt. So hab’ ich es dann späterhin immer gemacht, wenn’s mir an den Kragen ging – und dabei vergaß ich allmählich den Zauberspruch meiner Kinderzeit und verließ mich in allen kitzligen Sekunden auf mich selbst. – Mancher Leser mag bei dieser Stelle sagen: „Das klingt wie Übermut. Doch es kommt mir so vor, als wär’s nur ein Gleichnis. In jenen Jahren begann ich doch auch meinen blinden Kinderglauben zu verlieren. Aber der sehende Glaube, den mir das reife Leben als Ersatz gegeben – das war der schönere. Ein Glaube mit dem Dogma: ‚Wie Gott unfassbar in allen Sternen brennt, so pocht er in deinem Herzen und glüht in deinem Blute. Hilf dir selbst, und Gott hat dir geholfen. Sie furchtlos und bleibe froh! Dann wirst du machen aus dir, was aus dir werden konnte. Und ermüden deine Kräfte, so warst du Mensch, und wirst die Stunde nicht schelten, in der die natürlichen Leiden deines irdischen Staubes dir das letzte Lachen zernagen. Und alle Dämmerung des Lebens wird dir nichts anderes sein, als notwendige Ruhe und geduldiges Harren auf neues Werden!’

Wo bin ich?

Richtig, ja, noch immer bei Professor Loher! Aus seiner Klasse fallen mir zwei kleine Geschichten ein. Im Sommer einmal, da hatte ich neue Stiefel an, die mich drückten. Unter der Schulbank zog ich den rechten Stiefel herunter, um dem schmerzenden Fuß ein bisschen Luft zu vergönnen. Der verwünschte Kerl, der hinter mir saß, merkte die Sache und gab dem Stiefel eine so kräftigen Fußpuff, dass die lederne Lokomotive durch alle Bankreihen hinausfuhr und pumpernd gegen den Katheder schlug. Professor Loher guckte missbilligend aus seiner Höhe herunter, ließ den Stiefel unter sein Pult stellen und sprach: „Wenn die Unterrichtsstunde zu Ende ist, werden wir das Weitere sehen!“ Mir wurde schwül. Und weil mein Banknachbar ein Stadtstudent war, der nicht weit vom Gymnasium wohnte, tuschelte ich: „Du! Verlang hinaus und hol mer en Stiefel.“ Nach fünf Minuten war der Stiefel richtig da – aber es war nicht der rechte, den ich brauchte, sondern ein linker. Ich kam aber doch hinein. Mit festem Willen vermag der Mensch auch naturwidrige Hindernisse zu überwinden. Unter wachsenden Schmerzen erwartete ich den Schluss der Schulstunde. „Sssso!“, sagte Professor Loher und stellte sich vor die erste Bank. „Heraus jetzt, einer nach dem anderen!“ Wer zwei Stiefel an den Füßen hatte, durfte fortgehen. So leerte sich Bank um Bank. Als ich heraustrat, machte Professor Loher auch bei mir den entlassenden Handwink. Ich wollte rennen. Aber da fiel ihm plötzlich etwas auf. „Ganghofer! Halt! … Du hast ja zwei linke Stiefel an!“

„Ja, Herr Professor, weil … weil ich zwei linke Füß hab.“

„Gut! Weiter!“

Ich machte flinke Beine. Und ein Viertelstündchen später erfuhr ich, dass Professor Loher, als der letzte mit zwei Stiefeln aus der hintersten Bank heraustrat, unter Kopfschütteln sagte: „Das ist aber doch ganz unerklärlich …“

Am anderen Morgen, vor Beginn des Unterrichtes, gab Professor Loher diese Erklärung ab: „Um auf die Sache von gestern zurückzukommen … wenn einer von euch zufällig zwei rechte Füße haben sollte, kann er den überzähligen Stiefel beim Pedell in Empfang nehmen.“ Dabei sah er mich an – und schmunzelte ein bisschen. In der nächsten Turnstunde, als ich einen tüchtigen Sprung über die Hochschnur gemacht hatte, sagte er: „Schade! Um wie viel höher würdest du noch springen, wenn du keine Missgeburt wärst! Aber zwei linke Füße …“ Er zog mein Haardach an seine Brust und versetzte mir eine Kopfnuss, die ich am anderen Tag noch spürte.

Auch die zweite Geschichte spielte im Sommer. Ich hatte zeichnerische Talente, die sich, wie an der Sakristeitür in Welden noch heute zu sehen ist, schon früh entwickelten. Diese zeichnerischen Künste wurden für mich unter Professor Loher zu einer Plage. Wenn er Geographie lehrte, musste ich immer an die Tafel heraus und Landkarten oder Bauwerke nach kleinen Vorlagen zur Erleichterung des Anschaulichkeitsunterrichtes in vergrößertem Maßstab nachzeichnen. Das war eine sehr unbequeme Sache. Und drum schmiedeten wir eines schwülen Sommernachmittages ein erlösendes Komplott. Die große Tafel wurde so steil gestellt, dass die geringste Bewegung genügte, um das schwarze Ungeheuer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und richtig wurde ich wieder herausgerufen: Um die kyklopischen Mauern von Mykenä zu zeichnen. Ich zog ein paar Linien mit der Kreide, dann fing ich zu taumeln an, wurde ‚ohnmächtig’, fiel auf den Boden hin, und – dullerabums! – rasselte die Tafel samt ihrem spreizbeinigen Gestell auf mich herunter. Ein fürchterlicher Aufruhr in der Klasse. Und weil ich durch kein Mittel aus meiner ‚Ohnmacht’ zu erwecken war, trugen acht Buben mich hinunter in den kühlen Seminarhof, wo der alte Brunnen stand – d.h. sie trugen mich nur bis zur Türe hinaus, über die Treppe lief ich selber hinunter, und im Hof ließ ich mich wieder tragen. Ein paar Minuten später sprang in der Klasse einer auf: „Herr Professor! Sollen wir nicht nachsehen! Ich fürchte, dem Ganghofer geht es sehr schlecht!“ Zehn Buben rannten davon, um zu fragen, wie es mir ginge. Und weil sie nicht mehr kamen, schnellte wieder einer von der Bank auf: „Herr Professor? Soll ich mich nicht erkundigen? Ich fürchte, der Ganghofer ist schon tot!“ Da sauste auch gleich ein ganzer Schwarm zur Türe hinaus. Und keiner kehrte zurück. Doch als Professor Loher mit den paar Letzten, die bei ihm geblieben waren, nach dem Läuten der Stundenglocke herunter gelaufen kam in den Brunnenhof, da war ich wieder, was man ‚frisch und munter’ nennt.

„Gott sei Lob und Dank! Und spürst du auch wirklich gar nichts mehr?“

„Nein, Herr Professor! Ganz guet sich mer wieder!“

Und dieser liebe prächtige Mensch, mit dem wir übermütigen Fratzen Schindluder trieben, sagte in zärtlicher Freude: „Siehst du! Dein gesundes Turnerblut! Ein anderer wäre da nicht so glücklich davongekommen!“

Während der folgenden Woche fragte er in der Schule häufig nach meinem Befinden, und war in puncto Latein so nachsichtig gegen mich, dass meine Noten sich wesentlich besserten. Bei diesem ‚Schub nach aufwärts’ hat außer dem guten Professor Loher noch ein anderer energisch mitgeholfen. Weil ich im ersten Semester nicht sonderlich gut ‚abgeschnitten’ hatte, bekam ich nach Ostern einen Instruktor zur Nachhilfe. Und diesem Mann – ich sage: Mann, obwohl er nur erst ein Student der dritten Gymnasialklasse war – diesem Mann hab’ ich für mein Leben mehr zu verdanken, als ich damals erkennen oder auch nur ahnen konnte. Erst in späteren Jahren begriff ich, dass er mich ruhig, bewusst und sicher an Gefahren vorübergeführt hatte, die ich sah, ohne sie zu verstehen, und die nach mir tappten, ohne dass sie mich fassen konnten.

Dieser seltsame, hässliche, strengäugige Schutzengel meiner Knabenzeit hieß Rauner. Er war der Sohn einer Schullehrerswitwe. Und es ist mir in Erinnerung, dass er mich, als ich Schüler der dritten Lateinklasse war, während der Weihnachtswoche für einige Tage mitnahm in das Haus seiner Mutter. Wo stand dieses Haus? Wie war es? Unter trüben Schleiern seh’ ich etwas Kleines und Ärmliches – graues Holz und weiße Mauern – eine steile geländerlose Stiege, winzige Stübchen, ein Dachkämmerchen, in dem ich friere, dass mir die Zähne klappern – und ein etwas größeres Zimmer, in dem unter sparsam brennender Lampe vier oder fünf Menschen mit ruhigem Geplauder um einen kleinen Tisch herumsitzen. Und dieser Tisch ist mit blauem Leinen gedeckt. – Mehr seh’ ich nimmer. Doch während ich mich zu erinnern suche, ist ein warmes und frohes Gefühl in mir, als hätt’ ich mich vor vierzig Jahren glücklich und wohl befunden im kühlen, reinlichen Frieden dieses Hauses von irgendwo. –

Ich glaube, dass Rauner spät auf die Lateinschule kam und älter war als die Kameraden seiner Klasse. Oder vermute ich das nur? Weil dieser Student der dritten Gymnasialklasse meinen dreizehnjährigen Augen immer wie ein Greis erschien? Wie sah er aus? In Wirklichkeit? Seh’ ich ihn mit der Erinnerung an die Abschiedsstunde, in der ich ihn liebte? Oder bleib in meinem Gedächtnis sein Bild aus jenen ersten Drillwochen, in denen ich ihn hasste, weil ich leiden und mich krümmen musste unter seiner steinernen Strenge?

Ich sehe eine magere, lang aufgeschossene Gestalt mit den eckigen Bewegungen einer Holzpuppe – eine Gestalt, die immer den gleichen Rock und die gleiche Hose trägt. In seinem faltigen, mit vielen Sommersprossen getüpfelten Gesichte blitzen die blauen, ernsten Augen; ein schmaler und harter Mund; wenn er spricht, bewegen sich die Lippen nur ein wenig, und man sieht nur ein ganz klein bisschen die weißen Zähne.

War Rauner bei den Gymnasiasten nicht beliebt? Oder liebte er die Gesellschaft der anderen nicht? Während der Freizeit blieb er gern mit einem Buch an seinem Pult sitzen; oder ich sah ihn im heiligen Hain an den Schweberingen turnen, während die anderen heimlich rauchten oder Tarock spielten; oder ich sah ihn einsam über die große Wiese wandern und stehen bleiben und eine Blume pflücken, deren Kelch er mit einem feinen Messerchen zerlegte.

In der ersten Unterrichtsstunde schwärmte ich für ihn, während der zweiten begann ich ihn zu fürchten, nach der dritten hasste ich diesen trockenen Quälgeist. Er machte mich ‚büffeln’, dass ich schwitzen musste, und vergönnte mir keinen Atem freier Zeit, bevor ich nicht meine Arbeiten zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte. War ich nachlässig, so bestrafte er mich unbarmherzig mit ‚Pultarrest’ und scharfer ‚Karenz’. Auch ohne mich strafen zu wollen, hatte er auf meine Mahlzeiten ein scharfes Auge; er sorgte dafür, dass ich mich nicht ‚überfraß’ – wozu ich immer gerne geneigt war, wenn ich mir ein paar Portionen des ‚gelben Voressens’ oder ein Dutzend Semmelknödel erschachern konnte. Es war das eine von seinen trocken dozierten Lebensregeln: „Eine sau frisst, ein Mensch nährt sich mit Maß und Ziel.“ Damals dachte ich: Sich nähren, darunter versteht er hungerleiden. Und als er dahinter kam, dass ich bei einer Geburtstagsfeier sieben Biermarken eingehandelt und beim Nachtessen sieben Krügl Bier getrunken hatte, gab er mir eine grobe Watsche, entzog mir auf vier Wochen das Taschengeld und ließ mich Abend für Abend ‚gesundes Brunnenwasser’ plempern. Da könnt ihr euch denken, wie wütend ich auf diesen ‚Fadian’ und ‚Pedanten’ war! Das Maß meines Ingrimms kam zum Überlaufen, als er mich am Pfingstsonntage – heute weiß ich nimmer, warum – zu ‚großer Karenz’ verdonnerte, d.h. zu völligem Entzug des festlichen Mittagsschmauses. Am Nachmittag schrieb ich diesem ‚Tyrannen’ einen empörten Brief – und schrieb, dass er sich nicht mehr zu bemühen bräuchte, da ich die Absicht hätte, mir einen anderen Instruktor zu nehmen. Ich weiß noch, dass in diesem Briefe refrainartig die Weisheit wiederkehrte: „Hunger tut weh!“

Vor dem Abendessen, während die anderen schon alle hinunter rannten ins Refektorium, befestigte ich diesen versiegelten Brief mit einem Reißnägelchen an Rauners Pult. Als ich zu spät in den Speisesaal kam, sah er mir mit bohrendem Blick in die Augen. Oder redete mir das nur mein schlechtes Gewissen ein? Ich wurde von einer Verstörtheit befallen, die ich nicht schildern kann. Obwohl mir die Gedärme vor Hunger kullerten, brachte ich kaum einen Bissen hinunter. Ums Leben gern wär’ ich hinauf gerannt in den Studiersaal und hätte den verfluchten Brief wieder weggerissen von Rauners Pult. Doch als die Mahlzeit vorüber war, rannte ich wie ein narr hinaus in den dämmerdunklen Garten.

Durchbrennen!

Seit anderthalb Jahren hatte ich diesen Erlösungsgedanken schon hundertmal geträumt. Und ganz genau wusste ich die Wege, die ich zu machen hatte. Jetzt ging ich sie ohne Besinnen. Durch den Gemüsegarten, wo ich den Hasen gefunden hatte! Nicht weit vom Gärtnerhause war ein großer Spalierbaum an der mauer. Hinauf über die Latten! Von der letzten Leiste ein Affensprung – und ich hatte mit beiden Händen die Mauerkante erwischt. Draußen ein Sprung in die graue Tiefe. Und dann ein irrsinniges Rennen.

Als ich den Atem verlor und mich in einem Straßengraben hinhocken musste, kam mir die Vernunft zurück. Rings um mich her die schwarzen Felder und hoch über mir die blitzenden Sterne – die gleichen wie in Welden! Und Hunger hatte ich, dass mir fast übel wurde. Wo ein Bissen bekommen? Ich begann den unreifen Weizen zu kauen. Wo schlafen? Wie am Morgen den Kaffee bezahlen? Und den Omnibus? Und die ‚Eusebahn’? Mich durchbetteln? Das ginge wohl! Und den ganzen Weg bis Welden zu Fuß laufen? Aber daheim? Der Zorn des Vaters! Und die Augen der Mutter! Ihre Tränen! – Und da war ich schon umgekehrt und fing zu rennen an, bis ich die Seminarmauer erreichte. – Wie komm’ ich aber jetzt hinein? – Herrgott, wo ist denn nur der Hase in den Garten gesprungen? – Ich fand die Stelle. Ein Sprung in den heiligen Hain hinunter! Und gerade konnte ich noch ins Haus schlüpfen, bevor der Tafeldecker das Gartentor zusperrte. Droben läutete schon die Schlummerglocke.

In dieser Pfingstnacht, als ich schwitzend in meinem Bett lag, hab’ ich wieder einmal mit gläubiger Andacht gebetet. Und am Morgen schmeckte mir die verhasste Brennsuppe wie eine süße Köstlichkeit des Lebens.

Während des zweiten Feiertages erwähnte Rauner mit keiner Silbe den Brief und tat, wie wenn nichts geschehen wäre. Am ersten Schultag, abends um 5 Uhr, kam er wie gewöhnlich durch den Studiersaal I gegangen und winkte mir, zur Stunde zu kommen. Schwül schnaufend packte ich meine Bücher zusammen und folgte ihm. Ruhig erledigte er die Repetition; nur der Bleistift fehlte, mit dem er sonst während des Unterrichts fortwährend zu spielen pflegte; statt des Bleistiftes drehte er zwischen den Fingern ein dünn gerolltes Papier; und als die Stunde vorüber war, legte er das gedröselte Blatt als Merkzeichen in mein lateinisches Lesebuch. Dieses Blatt – das war mein Brief.

Durch viele Tage konnte ich meinem Instruktor gegenüber ein drückendes Gefühl der Beschämung nicht loswerden. Und dieses Gefühl verwandelte sich unmerklich in eine scheue, verehrungsvolle Zuneigung, obwohl Rauner seine Strenge von nun an eher verschärfte als milderte. Dieser Strenge war es zu verdanken, dass ich nach Schluss des Schuljahres glatt ‚aufrucken’ durfte und den Eltern ein recht passables Zeugnis mit heimbringen konnte in die glückselige Freiheit der Ferienzeit. Ich war unter sechsunddreißig Schülern der Achte geworden. Und unter meinen Noten prunkte sogar ein hochmütiger Einser.

Doch neben den paar guten Zeugnisziffern hatte ich der strengen Aufsicht meines Instruktors noch etwas anderes zu verdanken, das für mein Leben viel wichtiger und nützlicher war, als es eine römische Zahl auf dürrem Papier zu sein pflegt. Bevor ich ein Weiteres davon rede, muss ich von einigen Dingen erzählen, die wie dunkle Lebensgespenster an meinen erschrockenen Knabenaugen vorüberhuschten.

Das Seminar hatte eine Folterkammer. Aber da braucht ihr nicht gleich an den gespickten Hasen und an die eiserne Jungfrau zu denken, wie sie auf der Nürnberger Burg zu sehen sind. Die Folterkammer des Seminars war jener große leere Korridor zwischen dem Schlafsaal I der Lateinschüler und jenem Raum, für den die deutsche Sprache, obwohl sie schon ein paar Jahrtausende sucht, noch immer keine salonfähige Bezeichnung zu finden wusste. Dieser Raum hatte wieder eine zimmergroße Vorhalle, in der zu allen dunkeln Stunden eine Hängelampe brannte – und unter diesem milden Lampenschein führten drei schmale Türen zu den Zellen der Einsamkeit.

Doch ich höre meine Leser ungeduldig fragen: „Folterkammer? Wieso?“

Unter den vierzig Kameraden des Schlafsaales passierte es zuweilen einem verträumten Jungen, dass er in der Nacht um eine wichtige Minute zu spät erwachte. Freilich sprang er dann flink aus dem Bett, wickelte sich etwas verstört in das rot oder blau paspelierte Schlafröckerl mit den langen Quastenschnüren und wanderte dem milden Schein der Ampel zu – obwohl es eigentlich gar nimmer nötig gewesen wäre. Begab er sich wieder zur Ruhe, so lag er für den Rest der Nacht höchst unbequem auf der Bettkante – war den Tag über sehr bedrückt und schwermütig – und merkte am Abend im Schlafsaal, dass seine geduldige Seegrasmatratze gegen einen fürchterlichen Strohsack vertauscht war. – Erster Grad der Folter. – Denn wenn der arme Junge, der doch wirklich nur das Opfer eines ‚Traumes’ geworden, sich nur ein bisschen rührte, fing der Strohsack zu rascheln an. Das hörte man im ganzen Schlafsaal, die heimliche Schande wurde offenbar, und bald von linksher, bald von rechts her ließen sich deutlich und grausam allerlei termini technici vernehmen, die der gefolterte Schächer als schmerzende Kränkung empfinden musste. Wie viel bittere Tränen mögen wohl in solchen Strohsacknächten auf die harten Kissen getröpfelt sein! Und die armen Jungen sahen acht Tage immer elend aus, weil sie in der Sonne dem Spott nicht entrinnen konnten und in der Nacht nicht einzuschlafen wagten, um ja nur den Gott verfluchten Strohsack nach der obligaten Strafwoche wieder loszuwerden.

Misslang ihnen das, so kam der zweite Grad der Folter; sie durften, wenn sie ‚rückfällig’ wurden, nimmer im Schlafsaal bleiben; ihre Bettlade mitsamt dem unglücklichen Strohsack wurde in den großen öden Korridor hinausgestellt. Nun denkt euch, was für Nächte die kummervollen Einsiedler da nach allem Spott der Tage durchzumachen hatten! Denn bei manchen kam als dritter Grad der Folter noch die Gespensterfurcht hinzu – in diesem großen öden Raum, in dem die Mäuse knapperten und das Mondlicht durch die hohen Gitterfenster seine geheimnisvollen Milchfluten hereinschüttete.

Ich erinnere mich noch eines zwölfjährigen, mageren und kränklichen Jungen, der immer zitterte, keinem andern Buben mehr in die Augen schauen konnte, immer für sich allein blieb, immer ein mauerblasses Gesicht und den Blick eines verzweifelten Tierchens hatte. Der musste viele Nächte da draußen schlafen in der Folterkammer.

Zuerst verhöhnte ich ihn geradeso, wie es die anderen gesunden und trocken schlafenden Bengel taten. Aber dann bekam die Sache plötzlich ein neues, erschreckendes Gesicht für mich. Es war in einer Mondscheinnacht. Da musste ich, nach rechtzeitigem Erwachen, mein grün verschnürtes Schlafröckle spazieren tragen. Und als ich in den Korridor kam, auf dessen Dielen die Mondflecken lagen, hörte ich ein merkwürdiges Geräusch, das mich an die Weiher auf dem Theklaberge und an einen fleißig singenden Frosch erinnerte. In einer Ecke des Korridors, vom Zwielicht der Mondnacht umdämmert, stand das Bett jenes blassen Jungen, der wieder für einen seiner chronischen Rückfälle büßen musste – und jenes Geräusch, das ich hörte, war das Lallen seiner Stimme und das Klappern seiner Zähne. Er konnte doch nicht frieren? In dieser warmen Sommernacht? Mir hauchte etwas Kaltes an das Herz. Rasch ging ich an ihm vorüber. Doch als ich aus dem milden Scheine jener Ampel wieder heraustrat, musste ich fragen: „Männdle, was tuescht du denn da?“

Er gab keine Antwort, murmelte nur und klapperte. Starr aufgerichtet saß er im Bett und hielt vor dem Gesicht die Hände auf eine merkwürdige Art gefaltet – nur die zitternden Fingerspitzen berührten sich.

Er ließ mich nicht von der Stelle. Und ich musste fragen: „Männdle, tuescht bete?“

Da sagte er in jagender Hast und mit einer Stimme, die ich im Leben nie vergessen werde: „Gott leibt mich nicht! Gott liebt mich nicht! Gott liebt mich nicht! Alle liebt er! Nur mich nicht … mich nicht … mich nicht …“

Stammelte ich ein barmherziges Wort? Ich weiß es nimmer. Doch als ich an sein Bett kam, umklammerte er mich, dass ich vor seiner Angst erschrak. – Dreißig Jahre später, als auf dem Starnbergersee bei grobem Sturmwetter mein Seeboot unterging, klammerte sich mein Matrose, der nicht schwimmen konnte, genau so an meinen Körper. Dem musste ich einen Faustschlag aufs Hirndach geben, um ihn dann so lang über Wasser zu halten, bis ein Boot uns beide rettete. – Aber die Arme jenes verzweifelten Jungen auf dem Strohsack brachte ich nicht von meinem Körper los. Doch als die Schlafzimmertüre ging, stieß er selbst mich von sich for,t warf sich gegen die Mauer und zog die Wolldecke über den Kopf. Ich kehrte in den Schlafsaal zurück. Und der Schalfrockwanderer, der mir im Korridor begegnete, sah mich eigentümlich an – und lachte. Ich wusste nicht recht, warum?

Am anderen Morgen suchte ich auf dem Weg zum Klassenzimmer mit dem scheuen, blassen Jungen zusammenzutreffen und riet ihm, er sollte alles aufrichtig an seine Mutter schreiben. Das tat er wohl. Denn wenige Wochen später wurde er aus dem Seminar genommen.

Aber sooft ich dann den Korridor betrat, erwachte immer wieder in mir die Erinnerung an den singenden Frosch und an diese lallende Verzweiflung eines Kindes: „Gott liebt mich nicht! Gott liebt mich nicht!“

In einer Nacht, als mir beim ersten Schritt in den Korridor diese Erinnerung wieder kam, hörte ich leises Flüstern und Gekicher, dazu einen sachten, dumpfen unerklärlichen Lärm. Er kam aus jener Vorhalle, in der die milde Lampe brannte. Und als ich auf die Schwelle trat, erschrak ich, wie ich noch nie in meinem Leben erschrocken war – auch damals nicht, als dem Muckel und mir beim entzwei gefeilten Blitzableiter das grelle ‚Himmelsfeuer’ vor den Augen prasselte.

Dann lag ich wieder in meinem Bett. Und wusste nicht, wie ich in den Schlafsaal zurückgekommen war. Ich zitterte und heilt die Augen zugedrückt. Und obwohl dieses Fürchterliche in mir nicht ruhig werden wollte, begriff ich plötzlich nimmer, warum ich eigentlich erschrocken war? So was hatte ich doch schon oft gesehen – nicht im Seminar – aber draußen im Dorf. Und wenn wir Buben da, zu zwanzig und dreißig, unter der lachenden Sommersonne in der Laugna badeten – wenn wir Athleten spielten, miteinander rangen, uns haschten und balgten, uns splitternackt im Gras wälzten und mit den Füßen gegen die Sonne strampelten – da erschrak ich doch nie? Warum denn auch? Da war doch nie was ‚Koinzes’ und ‚Keeles’ dabei? Das war doch lustig und schön! Und draußen in der Militärschwimmschule an der Neuburger Donau, diese hundert nackten Jungen im Wasser und auf den Stegen – das war doch auch immer was Schreivergnügtes – so fidel, dass ich gleich in der ersten Schwimmstunde von der hohen Brücke herunter sprang und ertrunken wäre, wenn mich der Bademeister nicht mit der langen Stange herausgefischt hätte.

Warum nun ein solcher Schreck?

Durch viele Tage wurde ich diese scheue Verstörtheit nicht los. Rauner fragte immer: „Was ist denn mit dir?“ Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Er ließ das Fragen sein. Doch von dieser Zeit an hatte er nicht nur auf meine Schulhefte, sondern auch auf meinen Umgang ein wachsames Auge. Sooft ich eine neue Freundschaft schloss, die ihm nicht behagte, erledigte er die Sache mit einem kategorischen Wort; oder er nahm mich während der Freizeit mit in den heiligen Hain und erzählte mir so viel merkwürdige Dinge von Himmel und Erde, von Sternen und Blumen, dass ich aller Kameradschaft gern vergaß.

Hartnäckig wusste Rauner es immer zu verhindern, dass ältere Gymnasiasten jene vertrauliche Duzbrüderschaft mit mir schlossen, die man ‚Bussasche’ zu nennen pflegte. Dieser Name war mir lächerlich, und was er bezeichnete, das sah ich als homo novus mit verständnisloser Verwunderung an. Französisch verstand ich noch nicht; aber ich glaubte nicht falsch zu raten, wenn ich annahm, dass dieser wunderliche Terminus von dem deutschen Wort ‚Bussi’ herkäme. Denn häufig sah ich solch ein ungleiches Paar – einen langen Gymnasiasten und ein scheues Lateinerchen aus der ersten oder zweiten Klasse – sich in den Fensternischen der Korridore oder in einem Winkel des Gartens mit Liebkosungen regalieren, deren zärtliche Art meinem ländlich derben Knabensinne widerwärtig erschien. Was ein richtiger Bub ist, küsst doch nur seine Mutter! Freilich erkannte ich auch, dass solche ‚Brüderschaft’ im Seminar ihre großen Vorteile haben konnte. Denn die kleinen Freundchen wurden von ihren langen Duzbrüdern auf den Spaziergängen, bei den Spielen und besonders im Speisesaal bei Verteilung der Portionen ersichtlich beschützt und bevorzugt. Wenn ich Karenz hatte oder auch ohne Karenz Hunger litt, erschien mir ein solches Protektorat, wenigstens für die Dauer der Mahlzeiten, als eine sehr nützliche Sache. Warum auch nicht? Für drei Portionen Rahmnudeln kann man sich schon – nicht gern – aber doch – ein paar ‚Bussi’ gefallen lassen. Aber wenn sich da, von meinem Hunger geknüpft, was anspinnen wollte, stand immer mein Instruktor als unverschiebbare Säule im Weg und spottete so bissig und so lange über meinen ‚Verehrer’, bis mir der präsumtive Protektor als eine komische Figur erschien, die man nur noch auslachen konnte – eine Heiterkeit, für die man zuweilen eine grobe Maulschelle bekam. Und dann war’s natürlich aus mit aller Protektion beim ‚gelben Voressen’ und bei den ‚Pavesen’.

Das Gesicht dieser Dinge wurde für mich noch schleierhafter, als ich zu Beginn des dritten Schuljahres aus glückseligen Ferien in das Seminar zurückkehrte und mich in den Schlafsaal II versetzt fand. Zuerst machte mir diese Umquartierung Freude. Mir war das so etwas Ähnliches wie ein Gefühl des Vorwärtskommens im Leben. Und meine Schlafstelle hatte überdies noch eine feine Lage – gleich das erste Bett bekam ich, bei der Tür zum Treppenflur, und neben einem großen Fenster, das ich in schwülen, beklemmenden Nächten heimlich öffnen konnte, um frische Luft hereinzulassen. Ich bekam darin eine katzenartige Geschicklichkeit: In schlaflosen Nachtstunden, die mich nach erquickenden Atemzügen dürsten machten, unmerklich aus dem Bett herauszuschlüpfen, die um einen fingerbreiten Spalt geöffnete Tür mit einer Drahtklammer festzuhaken und am Fenster die Läden und Scheiben ein bisschen aufzumachen und mit Korkstöpseln gegen den Zugwind zu verklemmen, so lautlos, dass von den dreißig Schlummerbrüdern dieses kleineren Schlafsaales keiner wach wurde. Die meisten schnarchten auch immer wie die Dachse. Manchmal das Ächzen einer Bettlade, ein beklommener Seufzer, schlaftrunkenes Lallen, ein Stöhnen wie aus quälendem Traum heraus – und wieder die stille Ruhe in dem matt erleuchteten Raum. Nur auf meinen Bettnachbar – es war ein kleiner, doch breitschultriger Bub, zwei Jahre älter als ich, wunderlich in seinem Wesen, so wortkarg und verschlossen, dass ich ihn ‚Philosoph’ zu nennen pflegte – auf diesen Nachbar musste ich bei meinen Luftmanövern an Tür und Fenster vorsichtig aufpassen, weil er einen leichten Schlaf hatte und immer gleich die Augen aufmachte, wenn etwas zu hören war. Und dieser Nachbar wollte es im Schlafsaal immer schön warm haben. Über jedes Zuglüftchen schalt er.

Ich war da sein Widerspiel. Wenn ich nicht schlafen konnte, und es strich die herbstlich kühle Nachtluft gegen mich her und streichelte mir lind die heißen Wangen, da wurde ich immer gleich ein bisschen ruhiger, und schließlich fielen mir die Augen zu, so dass ich bis zum Morgen einen festen Schlaf hatte. Ein paar Tage war’s dann wieder gut. Doch immer häufiger kamen Nächte, in denen ich das lautlose Luftmanöver bei Tür und Fenster machen musste.

Am Tag war mir dann immer zumut, als hätte ich Blei in den Gliedern. Die Arbeit wurde mir schwer. Und obwohl Rauner sich alle Mühe gab, mich ins Geleis zu bringen, ging’s mir in der Schule nicht sonderlich gut. Namentlich das Griechische bereitete mir ernstliche Schwierigkeiten. Wir hatten wieder den Professor Binhack, der als Lehrer in die dritte Klasse aufgerückt war. Ich gab ihm Ursache zu allerlei spöttischen Predigten. Und wenn er meine ‚unleugbare Begabugn’ mit meinen ‚niederträchtigen Leistungen’ verglich, dann pflegte er, mit einer Anleihe bei Müllner, gerne dieses Sprüchlein an mich zu richten:

„Erklärt mir, Graf Ganghofer,
Diesen Zwiespalt der Natur?“

Obwohl ich keinen Laut der Klage Heim schrieb, färbte doch die Stimmung dieser Tage auf meine Briefe an die Eltern ab. Es kamen lange, besorgte Episteln der Mutter. Und ihre hundert guten Worte sagten immer wieder dies eine: „Sei nicht verstockt, lieb Kind! Und wenn dich etwas bedrückt oder quält, so schreib’s deinem Mutterle offenherzig!“

Nein! Das konnte ich der Mutter nicht schreiben! – Und schließlich glaubte ich allen Ernstes, dass ich krank wäre; fand aber doch nicht den Mut, mich meinem Instruktor anzuvertrauen oder zum Seminardoktor zu gehen. Manchmal wollt’ ich es tun. Doch es ging mir mit meinem Leiden, wie es mit dem Zahnweh geht. Bevor du beim Zahnarzt die Glocke ziehen konntest, ist aller Schmerz verschwunden. Freilich, dann kommt er wieder.

In einer Nacht, die mich wieder einmal nicht schlafen ließ, hörte ich plötzlich den ‚Philosophen’ tuscheln: „Du! Was hast du denn?“

Ein flüsterndes Gespräch begann, während wir uns aus den Betten hinausbeugten, fast Gesicht an Gesicht. Und da fand ich den Mut, ihm ehrlich meine wunderlichen Schmerzen zu sagen. Er kicherte. Und gebrauchte merkwürdigerweise ein Lieblingswort meines Vaters: „Du Kamel!“ Dann sagte er mir mit allerlei philosophischen Ausdrücken, dass ich gar nicht krank wäre, sondern sehr gesund; und das wäre eine ganz natürliche Sache, die bei jedem gesunden Jungen einmal ihren Anfang nehmen müsste.

„Bei jedem? … Hascht denn du das auch?“

„Aber selbstverständlich! Oft!“

Diese Aufklärung beruhigte mich. Und ganz gut begriff ich das: Wenn ein Mensch in gesundem Wachstum ist, so muss doch alles an ihm wachsen. Und nun konnte ich prächtig schlafen. Konnte am Tag wieder arbeiten, konnte lachen und froh sein.

In einer Nacht erwachte ich plötzlich, wie von brennendem Feuer geweckt. Ich empfand einen grauenvollen Schmerz und glaubte eine Hand an meinem Körper zu fühlen. Schreiend stieß ich mit den Füßen zu – und während ich dann in halber Bewusstlosigkeit dalag, da war mir, als würden viele Schlafsaalkameraden wach und als hörte ich sie fragen: „Was ist denn: Wer hat denn so geschrieen?“ Eine Stimme: „Wird halt einer geträumt haben!“ Und eine andere Stimme: „Silentium in cubiculo!“ Und das alles ferne, wie unter schweren Schleiern. Jetzt wieder die Ruhe. Schlaf’ ich? Oder bin ich wach? An meinem Hals ein wildes Hämmern in den Schlagadern. Ein Sausen in meinen Ohren. Doch im Schlafsaal ist alles ruhig. Die Lampe brennt, ich sehe im Schlafsaal die weißen Betten, sehe das Kupfer des Waschtisches blinken wie rotes Gold. Und der ‚Philosoph’ in seinem Bett schnarcht.

Ich muss wohl geträumt haben – einen schweren, fürchterlichen, ‚keeln’ Traum?

Schweißtropfen standen auf meiner Stirne. Dann kam ein dumpfer Schlaf.

Was war das nur?

Ich hatte seltsam schwermütige Tage und ruhelose, verstörte Nächte. Und noch in der Woche begann dieses Unheimliche in mir.

In einer Nacht erwachte ich. Finsternis war um mich her. Und es fror mich. Und ich sah keine Lampe, kein Bett, kein blinkendes Kupfer. War das wieder ein Traum? Aber deutlich fühlten meine Hände das harte Holz vor mir. Und langsam erkannte ich viele dämmerige Vierecke – die großen Fenster. Nur mit dem Hemd bekleidet, saß ich im Studiersaal vor meinem Pult. Ein Schreck befiel mich, den ich nicht schildern kann. Ich rannte verstört die Treppe hinauf, warf mich in mein Bett und zitterte. –

In einer Nacht erwachte ich. Finsternis war um mich her. Wieder fror mich. Und ich glaubte wieder vor meinem Pult zu sitzen. Nein, ich stand. Aber meine Hände fanden kein Holz, meine Augen fanden die grauen Fenster nicht. Und als ich mich bewegte, stieß mein Kopf gegen etwas Hartes. Ich gewahrte einen matten Lichtschimmer. Als ich auf ihn zuging, kam ich aus irgendeinem finsteren Raum in den matt erleuchteten Treppenflur. –

In einer Nacht erwachte ich. Mich fror. Aber graue Dämmerung war um mich her, und viele Sterne funkelten über mir. Ich saß auf dem Schindeldach der Kegelbahn. Auf den Boden hinunter war’s kein hoher Sprung. Aber die Kieselsteine des Seminargartens zerstachen mir die nackten Sohlen. Und als ich ins Haus wollte, fand ich das Tor erschlossen. Gott Jesus, wo bin ich denn nur herausgekommen? Irgendwo fand ich ein offenes Fenster – und kletterte hinein ins Haus. Und lautlos hinauf in den Schlafsaal! Neben meinem Bett stand das Fenster geöffnet – und da draußen, glaub’ ich, war ein Blitzableiter. –

Den ganzen Tag zermarterte ich mein Gehirn, um einen Weg zu finden, auf dem ich der Angst vor diesem Fürchterlichen entrinnen könnte. Ich wagte mich keinem Menschen anzuvertrauen – aus Furcht vor dem Spott der anderen, aus Furcht – ich weiß nimmer, was ich alles fürchtete! Und am Abend nahm ich von Mutters Garnknäueln einen mit hinauf ins Bett, knüpfte mir zwei doppelte Zwirne um die Handgelenke und band die Enden um die Knäufe der Bettlade. In der Nacht, als ich wieder wandern wollte, spürte ich den Zug von Mutters Fäden und erwachte.

Dann kam es nimmer. Ich war geheilt. Und durfte dazu noch zwei gemütlich Wochen verleben – allerdings im Krankenzimmer. Um mir festen Schlaf zu verschaffen, turnte ich immer wie ein Narr. Eines Tages bekam ich von der Reckstange große Blasen an beiden Händen. Ich zwickte sie mit den Fingernägeln auf, riss die lose Haut ab, rieb die Hände mit Loh ein und turnte weiter. Am anderen Tag sah meine rechte Hand wie ein blau gebratener Apfel aus. „Blutvergiftung!“, sagte der Doktor. Und so kam ich ins Krankenzimmer. Ein paar Tage stand die Sache sehr bös. An meiner Hand wurde geschnitten und gebrannt – noch heute hab’ ich die Narben. Aber mein ‚gesundes Turnerblut’ riss mich wieder durch. Und dann war’s gemütlich in der warmen Stube und bei guter Kost. Täglich kam Rauner für einige Stunden, um das Schulpensum mit mir durchzunehmen. War die Arbeit erledigt, so schwatzten wir heiter, während draußen die Flocken um das Fenster wirbelten. Ich kann euch nicht sagen, wie wohl mir in diesen Stunden war! Und der Schmerz an meiner kranken Hand wurde immer gleich ein bisschen leichter, wenn mir Rauner mit der Herzlichkeit eines älteren Bruders den Verband streichelte.

Auch meine Klassenkameraden besuchten mich und trieben lustigen Unsinn vor meinem Bett. Nur der ‚Philosoph’ ließ sich niemals blicken. Deswegen wurden wir beide ‚faschee’. Oder aus einem anderen Grund? Ich mag’s nimmer wissen. Wir beide blieben einander fremd durch anderthalb Jahre, bis zu meinem Abzug von der Lateinschule.

Nun brauchte Rauner meinen Umgang nimmer zu überwachen. Von jetzt an wusste ich selber, mit wem ich Freund sein mochte und von wem ich mich fernhalten musste. Und es gilt nicht nur von meinen Händen, wenn ich rekapituliere: Es war mir ein Tröpflein Gift ins Blut geraten, aber meine glücklich geartete Natur überwand es – und ich blieb gesund.

Und doch begann gerade in dieser Woche des Genesens ein heißer und wunderbarer Fiebertraum meine dreizehnjährige Seele zu befallen.

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1 Zwischen diesen zwei Dialektworten, obwohl sie alle beide den Begriff des Hässlichen bezeichnen, ist ein feiner Unterschied; ‚keel’ bedeutet die Hässlichkeit der äußeren Form, ‚koinz’ die Hässlichkeit der inneren Qualität; ein hässliches Gesicht ist ‚keel’, ein Mensch von schlechtem Charakter ist ein ‚koinzer’ Kerl. ^

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