Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 4

Für uns Kinder war das neue Haus eine Freude, die keinen Schatten hatte. Aber die Eltern bekamen mancherlei Verdrießlichkeiten zu überstehen. Ein prächtiges Haus mit hübscher Veranda und lustiger Altane. Aber die Baubehörde hatte an den Grundmauern gespart und die drei ebenerdigen Zimmer nicht unterwölbt. Als alle Räume blitzblank eingerichtet waren, musste man in diesen drei Zimmern die Dielen wieder aufreißen, weil der Mauerschwamm gewachsen war. Ein Jahr lang hatten wir immer die Zimmerleute und ‚Mörtelbatzler’ auf dem Halse, und immer roch es abscheulich nach Petroleum. Wir vertrugen das; aber die kleinen, filzigen Blättchen, die wieder und wieder aus der Mauer herauswuchsen, hielten auf die Dauer diesen Gestank nicht aus und verschwanden. Nun kam wieder Ruhe und reine Luft ins Haus. Und da war’s traumhaft schön!

Ein Garten, so groß, dass man den Atem verlor, wenn man rings um den Zaun herumlief, ohne anzuhalten! Überall hübsche Baumgruppen und blühende Rosenbäumchen. Die zahmen Rehe in der Wiese. Und rings um die Grasflächen schlängelten sich die fein besandeten Wege, auf denen das Barfußlaufen eine Wonne war. Über duftendem Blumenhügel ein Sommerhäuschen mit wildem Wein und Jerichorosen, umgeben von Starenkobeln auf schlanken Stangen.

Auf der Höhe des weit umzäunten Hügels, gegen das Dorf hin, stand das große Ökonomiegebäude, mit der Forstgehilfenstube und der Waschküche, mit Kuhstall, Hühnersteige und Taubenschlag, mit der Tenne, dem herrlichen Heuboden und der prachtvollen Holzlege, in der ich sägen, schnitzeln, feilen, hämmern und bosseln konnte. Und hinter der Waschküche lag meine ‚Burg’ und ‚Festung’ – der kellerförmig in den Boden hinunter gebaute Schweinestall, in dem die Mastferkel vom Morgen bis zum Abend die geduldige Lebensregel verkündeten: „Gwohn’s, gwohn’s, gwohn’s!“

Im Garten wieder ein Garten, der kein Haus mehr vor sich hatte und frei gegen die blauen Wälder blickte: Die Domäne der Mutter mit den Gemüsebeeten und Blumenrabatten zwischen den sauber gejäteten Kieswegen, mit den Kugelakazien an den Ecken des Zaunes, mit den Rosenspalieren, den Fliederstauden und zierlichen Tujawipfeln, den Goldregenbüschen und den pyramidenförmig oder fächerartig gezogenen Zwergobstbäumchen.

Zwischen diesem Innengarten und dem großen Ökonomiehof erhob sich das schöne neue Wohnhaus mit der Haustür gegen den Hof und mit der Veranda gegen das bunte Blumenreich. Zu ebener Erde lag vor der Küche und Speisekammer ein verglaster Korridor, den Hunderte von Blumenstöcken zwischen Herbst und Frühling in einen kleinen Wintergarten verwandelten; neben Papas Kanzlei war Mutters blinkende Wohnstube mit den ‚lieben Sächelgen’, die noch aus ihres Vaters und Großvaters Zeiten stammten; und neben der Küche lag die als Speisezimmer dienende Werkeltagsstube mit dem einfach gezimmerten gErät aus naturfarbenem Eichenholz, mit den Vogelkäfigen, mit den immer blühenden Blumen auf den drei Fenstergesimsen und mit Mutter Spinnrad an jenem Fenster, das die Sonne hatte, sobald sie schien.

Im Obergeschoss war die Schlafstube der Eltern, der ‚grüne Salon’, wieder ein kleiner Wintergarten, dessen Glastür zur Altane führte, dann das Fremdenzimmer, und neben der Magdkammer das ‚Kleinkindleszimmerle’, das so hieß zum Unterschied von meinem ‚Bueblestüble’, einer gemütlichen Mansarde unter dem Dachgiebel, mit schmalem Zwillingsfenster, durch das ich fast alle Häuser des Dorfes, den Theklaberg und das lange Tal der Laugna vom Schwarzbrunnenberge bis hinunter zum Mühlgehau überblicken konnte.

Fein heimlich war’s da droben! Aber der Weg bis hinunter zur Küche war immer eine Gefahr. Denn das Treppengeländer hatte drei scharfe, heimtückische Wendungen – da musste man beim Herunterrutschen sehr genau aufpassen, wenn man das Knie nicht einzwicken und die flinke Drehung ohne folgenschweren Purzelbaum herausbringen wollte. Immer gelang’s nicht. Aber den Rat der Mutter, über die Treppe herunter zu gehen, konnte ich aus dunklen Ursachen nie befolgen. Ich litt, wie Papa sich auszudrücken pflegte, an der ‚Geländeritis’. Und als ich später den Treppenfahrten entwachsen war, ging’s mit den Brücken an; doch in der Stadt äußerte sich die Krankheit nur während der Nachtstunden; kam mir da eine Brücke in den Weg, so musste ich, statt den Pfad vernünftiger Menschen zu beschreiten, über die Geländerstange hinübergaukeln. Das Leiden blieb mir, bis das älteste meiner Kinder schon ein großes, schlankes Mädchen war; da wurde ich eines Tages von dieser Krankheit durch einen Weinkrampf kuriert, den meine Frau bekam, als ich bei Meran, vor dem Schloss Tirol, eine tiefe Bergschlucht wieder auf dem Brückengeländer überschreiten musste. Aber ich wurde damals nicht gründlich geheilt; denn auch heute noch – wenn meine Frau nicht dabei ist – stellt sich manchmal ein Rückfall dieses, für einen mehr als fünfzigjährigen Menschen doch sehr rätselhaften Gehirnleidens ein. Verantwortlich dafür ist der königlich bayrische Baurat zu machen, der in unser neues Haus zu Welden diese ansteckende Treppe hineinbaute.

Alles übrige im Hause war gefahrlos. Nur vom Heuboden konnte man herunterfallen, wenn man in der Tenne beim Fangemanndl die Leiter nicht fest genug erwischte. Und zuweilen brach beim Klettern eine von den grünen Spalierlatten entzwei, mit denen das Haus auf den drei Sonnenseiten bis unters Dach hinauf übergittert war. Der Vater hatte da große Spalierbäume eingesetzt, und gleich im zweiten Jahr gab’s Bergamottbirnen, Zitronenäpfel und Aprikosen, die nie die Zeit der Reise erlebten.

Auf allen drei Sonnenseiten des Hauses waren Tische und Bänke zwischen Gesträuch und jungen Baumgruppen angebracht – man konnte sich’s zu jeder Tageszeit aussuchen, wie man’ haben wollte: Sonne oder Schatten. Und vom Frühjahr bis zum Herbst waren da Blumen in blühender Menge. Auf diese duftende Kunst verstand sich die Mutter. Täglich arbeitete sie im Garten vom ersten Morgengrau, bis die Sonne kam, und vom ersten Abendschatten bis in die Nacht hinein. Krämpfige Hände bekam sie, mit schmerzenden Knötchen an den Sehnen; aber sie hatte ihre frohe Freude an dem blühenden Erfolg dieser vielen Mühe; und die hundert kleinen Knoten an den Sehnen der abgearbeiteten Hände nannte sie lachend ihre ‚Perlenschnürle’. Und wenn ich während meiner Studienjahre mit dem Ränzlein heimgewandert kam in die Ferien, spürte ich schon immer bald nach dem Weiler Ehgarten, auf eine halbe Stunde weit, den Duft der gefüllten Veilchen, der Rosen, Levkoien und Reseden meiner Mutter.

Das ist mir gleich einer hellen, führenden Lebensglocke, wenn ich in meiner Erinnerung höre, wie die Mutter an schönem Sommermorgen über die Treppe herauf gesprungen kommt und zur Türe meiner Mansardenstube hereinruft: „Auf, du Murmeltierle! Auf! Und raus ins Gärtle! Die Sonn ischt da!“ Sie lacht; und hat die Türklinke mit dem Ellenbogen aufgemacht, weil ihre lieben Hände ganz schwarz von Erde sind; drei Stunden hat sie da schon im Garten geschafft; und trägt eine blaue Latzschürze über dem hellen Perkalkleid: Und ihr Haar – das nach der Krankheit nimmer so schön geworden, wie es einst gewesen – ist eingefangen in ein Netz aus hellbraunen Fäden, das überall, wo die Fäden sich kreuzen, eine kleine dunkelblaue Perle hat. Wie diese Perlen in der Sonne, genau so glänzten ihre frohen Augen.

Die Blumenfreude, der Sonnenglaube und das heitere Lachen der Mutter – das waren im Lebensakkord unseres neuen Forsthauses die leitenden Klänge. Und wer da auch immer kam zu uns, ein jeder lachte dieses Lachen mit. An allen hohen Feiertagen gab’s vergnügte Gäste. Das Haus wurde einfach geführt, mit bescheidenen Mitteln; aber es war doch immer alles da. Die Mutter verstand sich aufs Einteilen. Und es war ihr liebster Stolz, den Gästen als ‚Eigenbau’ eine Mahlzeit vorzusetzen, bei der sie aufzählen konnte: „Die Eier und die Göckele aus meiner Hennesteig, die Milch von meiner Kuh, das Hasebrätle aus Gustls Jagd, und ’s Gemüs und ’s Obscht und ’s Beerezeug ischt alles aus meim Gärtle!“

An Ostern und Pfingsten kamen aus Augsburg die Verwandten und Freunde der Eltern schwarmweise zu uns nach Welden. Da schiefen oft zwanzig Leute und darüber im Forsthaus, obwohl es nur ein Kanapee und zwei Fremdenbetten hatte. Bevor es in solchen Nächten ruhig wurde, zitterten oft die Fensterscheiben vom Widerhall der lauten Heiterkeiten, die es in den Massenquartieren absetzte. Von den lustigen Streichen, die da getrieben wurden, könnte ich tagelang erzählen. Weil die Mutter auch im heitersten Gewirbel niemals rasten konnte, beim Schwatzen und Lachen immer nadelte oder spann, strickte oder häkelte, drum nahmen sie ihr einmal an einem Pfingstsonntag den Strickstrumpf weg und begruben ihn nach feierlicher Prozession im Garten. Dabei wurden Reden gehalten wie beim Leichenbegängnis eines berühmten Parlamentariers. Und alle Leidtragenden weinten Herz zerbrechend. Am Pfingstmontag in der roten Abendsonne wurde Auferstehung gefeiert. Aber da zeigte sich ein sonderbares Wunder. Statt des begrabenen Strickstrumpfes fand man in der Gruft alle abgenagten ‚Göckelesknöchele’ von den Mahlzeiten der beiden lustigen Festtage. Auf Grund dieses greifbaren Wunders wurde das verewigte Strickzeug der Mutter heilig gesprochen. Und man feierte diese fidelste aller Kanonisationen bei der dampfenden Krambambulischüssel bis spät in die Nacht hinein – bis die zwei Leiterwagen mit den lachenden und singenden Gästen unter dem Sterngefunkel davonfuhren.

Nicht weniger heiter ging es das ganze Jahr hindurch jede zweite Woche an den ‚Konsumvereinsabenden’ zu. Die Honoratioren des Dorfes wollten ihre Geselligkeit haben; im Wirtshaus wurde die Sache zu teuer, und häufige Gastereien vertrugen sich nicht mit den mageren Beamtenbörsen. Die engen Häuslichkeiten des Doktors und Aufschlägers eigneten sich auch nicht für viele Gäste, und im Pfarrhof musste aller übermütige Heiterkeitslärm respekthalber vermieden werden. Drum gründete man diesen ‚Konsumverein’, der sich jede zweite Woche abwechselnd beim Benefiziaten und bei uns im neuen Forsthaus versammelte. der Benefiziat und meine Eltern legten in ihren Kellern ein, was begehrt wurde – es war nicht viel – und das wurde zum Selbstkostenpreis wieder abgegeben. Es ging da bei aller Heiterkeit immer sehr mäßig und bescheiden zu – was aber nicht hinderte, dass man schwelgerische Rundgesänge anstimmte, wie etwa den folgenden:

„Zimmermänndle, Zimmermänndle,
Du versoffes Lueder,
Wann dr nomel en Rausch ansaufst,
So sag i’s deiner Mueder!

Zum Zipfel, zum Zapfel, zum Kellerloch nei’,
Älles muess versoffe sei’,
Strümpf und Schueh, Strümpf und Schueh!
Lauf mer em Deifl barfueß zue!

Geld, Geld, Geld,
So schreien die Kanalien
Wenn koine weiß, wie’s koiner ischt,
Wenn koine koins mehr hat – schrumm!“

Und dann ging’s mit Trommeln und Krugdeckelgeklapper wieder von vorne an, bis die Mutter, unter Tränen lachend, schließlich mahnen musste: „Jesus, Jesus, ihr wecket mir ja die Kinderle auf!“ Aber die hatten den gesunden Kanonenschlaf.

Wie es die Stimmung brachte, sang man auch ernstere Lieder, meist dreistimmige Volkslieder: Das Ännchen von Tharau, den Siebenbürgischen Jäger, Hoch vom Dachstein an, den guten Kameraden, das Lied vom hohen Seiling. Oder die Mutter zwitscherte zur Gitarre des Lehrers eins von ihren Lieblingsliedchen aus den kleinen weißen Büchelchen mit den Rosenknospen oder las eine Goethesche Ballade vor; der Vater hielt naturwissenschaftliche Vorträge, der Doktor brachte mikroskopische Präparate, die Forstleute verstanden sich auf fidele Jagdgeschichten, der Benefziziat geigte, sang lateinische Oden und blies die Klarinette mit komischen Gixern – jeder von allen, die da waren, konnte was beitragen zur Unterhaltung der Tafelrunde. Und der musikalische Trumpf war’s immer, wenn der Forstgehilfe Harlander seine Zither aus der schwarzen Schachtel hervorholte; er wusste die klingenden Liebenswürdigkeiten nach dem Hundert auswendig zu spielen; aber am schönsten klang es immer, wenn er ernst und traurig wurde. Ein prächtiger Mensch! Doch er laborierte an jener bitteren Sache, die man ein ‚verkuhwedeltes Leben’ nennt. Aus guter Familie stammend, hatte er Forstwissenschaft studiert, war aber vor dem letzten Examen abgeschnappt und musste sich nun mit den mageren Aussichten des niederen Forstdienstes begnügen. Ein tollfrohes Korpsstudentenherz, dessen lachender Sanguinismus intermittierend belastet war mit verspäteter Reue und mit der Sehnsucht nach Dingen, die ihm für immer verloren waren. Überkam ihn solch eine trübselige Stimmung, dann spielte er auf seiner Zither gerne jenes Volkslied: Mutterseelenallein. Ein billiger Schmachtlappen! Aber es begann da in seinen Saiten etwas zu zittern, zu klagen und zu schluchzen, dass alle, die es hörten, tief ergriffen wurden. Verhauchte der letzte Ton, so wischte er die Tränen fort, tat einen tiefen Trunk, spielte flott einen gerissenen Walzer herunter und war wieder der unverdrossen fidele Kerl.

In der vergnügten Tafelrunde des Konsumvereins wollen wir uns noch ein bisschen umschauen. Die Forstgehilfen und Eleven wechselten. Aber der Honoratiorenstamm bleib durch ein halbes Jahrzehnt der gleiche. Der Lehrer Gsell mit dem ‚Dudelschächtele’ auf dem runden Bäuchle und mit dem gefährlichen ‚Unnerhösche’ – den kennt ihr schon. Den dickbärtigen Doktor Gerber, der es über ein ruhiges Lächeln nicht hinausbrachte, habt ihr an meinem Krankenbett gesehen. Dann war da der Malzaufschläger Heutle, ein mittelgroßes wohlgenährtes Männchen mit klugem Schwabengesicht und hurtigen Augen, ernst oder heiter, wie es die Stunde verlangte, ein schneidiger Liberaler, der sich späterhin zu einem hartnäckigen Altkatholiken entwickelte und die dunkel Pfarrhoftragödie ins Rollen brachte. Dann der Förster Rauschmeyer mit dem rotbärtigen Apostelkopf –e in stilles Wässerchen, das gern in fremden Töpfen heiß wurde. Wenn die Nächte schön waren, stellten sich auch die entfernt wohnenden Fröster ein. Da kam mit dem frieldichen, eisgrauen Struwwelkopf der alte Stöger aus Streitheim, der seinem heranwachsenden Sohn den Rat gab: „Bub, wenn du heiratest einmal, so nimm dir eine Schöne, denn eine Wüschte frisst grad so viel!“ Es kam der brave, gewissenhafte ‚Meister’ Ehrenreich aus Hinterbuch, der beim Tarock immer sagte: „I gib net vierezwanzgmal wie der Pfarrer von Apfeldrach!“ – und der rassige Nimrod Regenbogen von Emmersacker. Dem hatte der Doktor aus süßen Gründen das Bier bis auf einen einzigen Trostschoppen verboten; während dieser Abstinenzkur trank der Förster bei einem Scheibenschießen neunundzwanzig Halbe, und als er schon gezahlt hatte und den Heimweg antreten wollte, sagte er zur Kellnerin: „Jesus, Mädele, jetz hätt i bald ebbes vergesse! Gib mir gschwind no das Schöpple her, das mer der Doktor verstattet hat!“ Wenn sich im Förster Regenbogen manchmal der Jähzorn rührte, pflegte er fürchterlich zu fluchen. Drum sagte eines Tages der Pfarrer zu ihm: „Aber! Herr Förster! Sie sind doch so ein lieber Mensch! Wenn S’ Ihnen nur das schauderhafte Fluchen ein bissele abgwöhne täten!“ Die Antwort: „I? Und flueche? Ja Himmelherrgottsbluetsakerment, wer sagt denn, dass i fluech?“

Die Frauen dieser Männer sind in meiner Erinnerung erloschen. Ich weiß nichts von ihnen zu erzählen. Sie kamen nur selten zu den Konsumvereinsabenden, saßen immer halb im Schatten ihrer Männer, sprachen wenig, und wenn sie kicherten, hielten sie die Hände vor das Gesicht. Nur die gute Pfarrköchin Luis! Die ist mir im Gedächtnis geblieben, wie die Spur eines schwer befrachteten Wagens lange auf einer Straße bleibt. Doch bevor ich ihr Bild mit weit ausholendem Schwung zu konturieren versuche, will ich von den drei geistlichen Herren erzählen, die man im Konsumverein mit zärtlicher Verehrung ‚unsere drui lieben Pfäffle’ nannte.

Ich erinnere mich eines Wortes, das meine Mutter einmal in lustiger Stunde zum Benefiziaten sagte: „Wie unser Herrgott Ihne nach seim himmlische Ratschluss ins Pfaffegwändle gesteckt hat, ich glaub, da hat er sich hintnach ’s Köpfle kratze müsse!“ Und der hochwürdige Herr Troll erwiderte lachend: „Da könne Se recht habe! An dem Kratzplätzle ischt ihm koin Härle nimmer gwaxe. So fescht hat er sich kratze müesse!“ Dieser frohe, von Lebenslust überschäumende Mensch hätte in jedes andere Gewand besser gepasst, als in den schwarzen Talar. Er benützte auch jede zulässige Gelegenheit, um dieses dunkle Tuch abzulegen, trug daheim einen türkischen Schlafrock, bei der Arbeit in seinem heiß geliebten Garten eine graue Joppe – und an jedem Faschingsmontag maskierte er sich als Bauernmädel und tanzte beim Rollewirt mit allen Bauernburschen seelenvergnügt bis in den närrischen Dienstag hinein. Immer lachend, klein, mit zierlichen Händen und Füßen, von quecksilberner Agilität, mit gesunder Frische im Gesichte, machte er auch noch als Dreißigjähriger den Eindruck eines frühreifen Knaben im Alumnengewand. Und war dabei innerlich doch ein fester und ganzer Mann, anständig und reinlich in all seinem Tun, sicher vor jedem Vorwurf, auf geweihtem Boden stets seines Amtes würdig, von allen Leuten im Dorf als Mensch und Priester geliebt und geachtet.

In der äußeren Erscheinung glich ihm unser vergöttertes ‚Pfarrherrle von Hegnebach’. Wenn ich nicht irre, war sein Name Schmied oder Schmidt. Bestimmt weiß ich es nimmer. In der Anrede sagte man immer: Pfarrle. Und sprach man von ihm, so hatte er keinen Namen, sondern hieß: „Die gute Seel“ – oder: „Die liebe Stund“ – oder: „Der Richtige, wie er sein soll!“ Diese paar Worte zeichnen auch sein Wesen. Er kam nicht oft, weil er von seiner Pfarrei bis zu uns eine gute Stunde zu gehen hatte. Doch wenn er kam, war’s immer ein Fest – und da war man fröhlicher als sonst – nicht nur deshalb, weil er lustig und heiter schwatzen konnte und mit hübscher Tenorstimme reizende, uralte Liederchen zur Gitarre sang. Er war von den seltenen Menschen einer, von denen, auch wenn sie schweigen, der Frohsinn und alle Zufriedenheit des Lebens ausströmt, wie der Duft von einem blühenden Baum. Und sein Pfarrhaus hättet ihr sehen sollen, unter den Geißblattspalieren und zwischen den Obstbäumen, deren Stämme zum Schutz gegen Ungeziefer immer mit weißem Kalk bestrichen waren! In diesem Hause, das weiß und sauber, kühl und friedlich war, schien die ganze Woche Sonntag zu sein. Eine ältere Schwester des Pfarrers, die ein steifweißes, wunderlich geformtes Nonnenhäubchen trug, wirtschaftete zwischen diesen weißen Mauern unauffällig und unhörbar. Und aß man in diesem Hause, so wurden kleine weiße Schüsselchen aufgetragen, als sollten hier nicht Menschen essen, sondern Vögel ein bisschen picken. So sparsam war das Pfarrle! Denn es war der Ehrgeiz seines Lebens, sich eine neue große Kirche für seine arme Gemeinde vom Munde abzusparen.

In diesem weißen Pfarrhaus von Hegnenbach erlebte ich, als ich ein Zwanzigjähriger war, eine abenteuerliche Liebestragikomödie, die ich noch erzählen werde. Seit damals – und das sind nun 33 Jahre – hab’ ich den guten leiben Pfarrer nimmer gesehen, hörte nur vor einiger Zeit, dass er mit weißen Haaren gestorben wäre. Ob er den Ehrgeiz seines Lebens erreichte und die neue große Kirche seiner Sehnsucht unter Dach brachte? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube dran, so fest und unerschütterlich, wie der kleine seelengute Pfarrer an alles glaubte, was er in der Schule lehrte und in dem alten, baufälligen, kaum für hundert Leute ausreichenden Kirchlein predigte. Unter den vielen frommen Menschen, die mir das Leben zeigte, war er der frömmste und gläubigste. Er war gebildet, las Rotteck, Humboldt und Goethe. Doch was es im Alten und Neuen Testament zu lesen gab, was im kleinen Katechismus dämmerte und in seinem großen, reinen Priesterherzen glänzte, das war ihm ein Unumstößliches und Unbeirrbares. Da gab’s für ihn keinen Zweifel, kein Zugeständnis, kein Dueten am Buchstaben, kein widersprechendes Resultat der Wissenschaft, kein korrigierendes Ergebnsi der menschlichen Forschung. Gottes Wort war ihm Gottes ewige Wahrheit, jedes dunkle Wunder, von dem geschrieben steht, war ihm Gottes helle Tat. Mit dieser unbeirrbaren Festigkeit glaubte er auch an jene Sonne, die nicht unterging, und an jenes Wasser, das sich vor der Bundeslade staute zu einem Wall. Und jeden schreienden Widerspruch zwischen Naturgesetz und Wunder, zwischen Vernunft und Offenbarung löste er mit dem ruhigen Worte: „Gott weiß das. Ich nicht.“ Ihr hättet ihn einmal sehen sollen, wie er im Sommer an schönem Sonntagmorgen nach dem Hochamt aus dem alten armseligen Kirchlein zu treten pflegte, den feinen schlanken Jünglingskörper vom glatt gebügelten Talar umschimmert, in der Hand das Brevier, auf dem aschblonden, nach Knabenart gebürsteten Haar das schwarze Käppchen! Und wie er da die Leute freundlich grüßte! Und froh hinaufblickte zur lieben Sonne, lächelnd hinüberträumte zu dem Wiesenhügel, der in zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren die neue Kirche tragen sollte, und zufrieden hinausschaute über die goldwogenden Ährenfelder, ein weihevolles Glücksgefühl in den glänzenden Augen, die zu sagen schienen: „Dieses Schöne gab uns Gott, weil er uns heute wieder gläubig, fromm und dankbar sah!“ Er hatte jene seltene Art von Religion, die den Menschen glücklicher, lebensruhiger, froher und zufriedener macht, als ihn die höchste Weisheit und die tiefste Philosophie zu machen vermögen. Solche Religion ist die verlässlichste von allen Lebenskünsten. Man kann sie nur leider nicht erlernen, muss dafür begabt sein und geboren werden wie ein Künstler für seine Kunst, wie ein großer Feldherr für seine Siege. Und genau so selten wie die genialen Staatengründer, wie die großen Künstler und Erfinder, sind in der Geschichte des Menschentums jene Unberührten Helden der kindlichen Andacht, jene restlos frommen und gläubigen Menschen, von denen der kleine Pfarrer Schmidt oder Schmied zu Hegnenbach einer war.

Ich hab’ ihn hier geschildert, wie ich ihn damals kennen lernte, als ich jene abenteuerliche Liebestragikomödie erlebte, bei der ihm die Sorge um mein Seelenheil und meinen Lebensfrieden schlaflose Nächte verursachte. Von den heiteren Konsumvereinsabenden in meiner Kinderzeit bleib mir nur die festliche Freude im Gedächtnis, die jeder seiner Besuche in unserem Haus erweckte – und ein deutliches Bild seiner äußerlichen Erscheinung: Wie er klein, schlank und schwarz zwischen diesen festen Gestalten saß, ein wenig schüchtern, immer ein bisschen verlegen, und dennoch immer fröhlich, heiter spendend und heiter empfangend, voll rührender Hingebung bei seinem Gesang, zärtlich begeistert für alles, was Musik hieß.

Wie ein fein gestricheltes Komma neben einem dicken Fragezeichen, so sah das kleine Pfarrle von Hegnenbach neben unserem hochwürdigen Pfarrer Hartmann von Welden aus, der ein großmächtiges, breitschultriges Mannsbild war, dritthalb Zentner wog, einen runden gesunden Kopf hatte und einen offenen schwarzen Rock trug, zu dem man so viel Tuch brauchte wie zu einer Bahrdecke. Er war in der Kirche streng und würdevoll, außerhalb der Friedhofsmauer freundlich und leutselig. Aber wegen der Eiergeschichte bei meiner ersten eichte hatte ich als kleiner Junge immer ein bisschen Angst vor ihm. Drum sah ich ihn vielleicht nicht richtig, und ich muss, um sein Bild gerecht zu zeichnen, die Erzählungen meiner Mutter und die Verehrung zu Hilfe nehmen, mit der mein Vater in späteren Jahren von ihm sprach. Wie es mit seiner Religion aussah, wage ich nicht genau zu entscheiden; ich glaube, er war weniger eine fromme Seele als ein kluger und verständiger Diplomat seines geistlichen Berufes, ein zu Kompromissen geneigter Pädagog, welcher Politik und Religion immer streng auseinander hielt, von seinen Pfarrkindern nur immer verlangte, was sie mit gutem Willen geben konnten, seinem Amte ohne Kanzelradau gerecht wurde und die Leute außerhalb der Kirche denken ließ, was ihnen lieb war. Und sicher war er ein prächtiger, ehrenfester, gesund veranlagter und natürlich empfindender Mensch, der es mit den Leuten gut meinte, das Schwere nicht zu schwer nahm, bei trockenem Humor mit widrigen Dingen schnell fertig wurde, einen Spaß verstand, mit Liebe an der ihm anvertrauten Gemeinde hing, sich um ihr weltliches Wohl nach Kräften sorgte, und drum von allen ‚kirchpflichtigen Seelen’ des Dorfes verehrt und geschätzt wurde.

In gleicher Verehrung stand bei Bauern und Beamten seien brave, an Menschenfreundlichkeit und Gewicht ihm ebenbürtige Wirtschafterin, das ‚Fräule Luis’. Doch statt des genaueren abzuschätzen, wie viel sie wog, will ich zur Charakteristik ihrer imposant geformten Weiblichkeit ein drolliges Wort zitieren. Eines Sonntags, als die Pfarrluis Besuch bei uns im Forsthaus machte, war ein entfernt wohnender Waldaufseher meines Vaters da, der Mayerfels aus Zusamzell. Der hatte die Pfarrköchin noch nie gesehen. Und da riss er nun groß und rund die Augen auf, sprach kein Wort mehr – und als die Pfarrköchin majestätisch davon rollte, in der weiten Krinoline, die zwischen den Türsäulen einen nach rückwärts aufgebäumten Trichter machte, guckte Mayerfels, sich vorbeugend, dieser ungeheuren Sache erschrocken nach, kratzte sich am Hinterkopf und sagte beklommen: „O du mei heiligs Herrgöttle von Biberach! Wenn einer der en Haxe ausreiße tät … Herrgott, was müeßt dees für e Loch abgeawe!“

Um diesen grotesken Hüftenschwung dezent zu maskieren, trug die Jungfer Luis noch immer die Krinoline, obwohl dieses monströse Kleidungsstück schon längst wieder aus der Mode gekommen war – und bei ihren kleinen, zierlichen Trippelschritten schwankte das umfangreiche Reifgehäuse wie eine Glocke, die in drehender Bewegung nach der Seite läutet. Umfang und Atemnot ließen dieses freundliche, gutmütige Frauenzimmer stets ein wenig komisch erscheinen. Dazu liebte sie sich schön zu machen, sich jugendlich in geblümelte und rosige Farben zu kleiden, trug das braune Haar in einem Netz à la Kaiserin Eugenie und balancierte schief über der scharlachroten Stirn ein winziges Strohdeckelchen mit neckischer Feder. Aber das Gesicht, trotz Ofenglut und Glanzlichtern, war hübsch und liebenswürdig; und aus den halbmondförmigen Fettpölsterchen guckten zwei ehrliche, wohlwollende Äuglein heraus. Dieses Fräulein Luis war ‚sehr gebildet’, übte die Umgangsformen einer Dame, hatte Takt und Feingefühl, wirkte bei allem beträchtlichen Luftraum, den ihre Leiblichkeit beanspruchte, niemals aufdringlich, mischte sich in sichtbarer Weise niemals in die kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten ihres Pfarrherrn, verstand sich trefflich mit allen Frauen im Dorf, tat keinem Menschen was zuleide, tat Gutes, wo sie es tun konnte, war um ihrer freundlichen Eigenschaften willen überall gern gesehen und zählt ein der ‚Gesellschaft’ als gleichberechtigt mit. Auch einen Scherz, wenn er nicht zu derb wurde, ließ sie sich gerne gefallen. Aber dem Mayerfels wurde sei bös, als man ihr das phantastische Gleichnis vom ausgerissenen Schenkel erzählte.

Mit ihrem stattlichen Pfarrherrn führte die stattliche Jungfer Luis ein so friedliches Zusammenleben, wie Philemon und Bauris zu einer Zeit miteinander gelebt haben mögen, in der dieses berühmte Pärchen noch nicht so alt war, um an abgeklärter Freundschaft sein Genügen zu finden. Der Pfarrer behandelte das ‚Fräule’ sehr nett und übersah geduldig die drolligen Schwächen ihrer verzeihlichen Eitelkeit. Die beiden machten täglich miteinander stundenlange Spaziergänge – der Pfarrer nannte das: ‚die Fettmühl treiben’ – sie erledigten gemeinsam alle Anstandsvisiten bei den Honoratioren, und pünktlich erschienen sie miteinander zu jedem Konsumvereinsabend. Wären die beiden Mann und Frau gewesen, sie hätten nicht wohliger zusammen hausen können. Man munkelte auch mancherlei. Aber der Bauer, wenn er nur sonst mit seinem Pfarrer zufrieden ist, macht aus dem Allzumenschlichen keinen Gegenstand des Konfliktes, die Honoratioren sahen über die Sache weg, als wäre sie nicht vorhanden, in Gesellschaft war das Benehmen der beiden auch völlig einwandfrei, und aus dem Pfarrhof flatterte nie ein verräterisches Fähnchen heraus. Doch eines schönen Septembertages ereignete sich ein deklarierendes Intermezzo.

Da wurde am Nachmittag bei uns im Garten ein Kaffeekränzchen abgehalten. Acht oder zehn Gäste waren da, unter ihnen die Pfarrluis und der hochwürdige Herr. Der erzählte im Verlauf des Geplauders: Er hätte am Morgen die unangenehme Wahrnehmung machen müssen, dass in der Nacht der schönste Birnbaum seines Gartens bis auf den letzten ‚Butzen’ geplündert worden wäre.

Fräulein Luis, die von den gestohlenen Birnen noch gar nichts wusste, war gleich Feuer und Flamme vor Zorn über den schlechten Kerl, der die Birnen geholt hatte.

„Und denk einer,“ erzählte Pfarrer Hartmann, „der unverschämte Tropf, wie er den Metzesack voll Birne auf’m Buckl gehabt hat, ischt zu faul gewese, dass er wieder übers Zäunle stiegt! Ganz gemütlich ischt er durch unser Höfle raus und hat mir am Gräbele ’s Brückebrettle nuntertrete … so schwer hat ’r trage, der Kerl!“

„Aber gelle Se, Herr Pfarr!“, fährt die Jungfer Luis in Empörung auf und gibt dem Hochwürdigen einen Klaps gegen die Schulter. „Ich hab Ihne doch in der Nacht noch gstöße, wie ich ’s Brettle hab krache höre!“ Kaum hatte sie das gesagt, da wurde sie kreidebleich vor Schreck. Rings um den Tisch ein schallendes Gelächter. Und die Jungfer, jetzt so rot wie ein gesottener Krebs, rollte unter grillendem Schrei mit einer Geschwindigkeit davon, wie man sie noch nie an ihren drei Zentnern gesehen hatte.

Nun wurde die Stimmung doch ein bisschen unbehaglich. Niemand lachte mehr, alles schwieg.

In dieser Stille sagte der Pfarrer mit Gemütsruhe: „Die Gans, die dumme! Wär s’ hocke bliebe!“ Aber es brannte ihm doch das Gesicht.

Meine Mutter wollte eine Brücke bauen. „Recht habe Se, Herr Pfarr! Deswege hätt ’s Fräule Luis net davon renne brauche. Mensche sind mer alle. Darf ich Ihne noch e Tässle einschänke?“

Der Pfarrer nahm Zucker, man sprach sehr eifrig von was anderem, der Zwischenfall war erledigt und hatte keine schlimmeren Folgen, als dass man darüber lachte. Ein paar Tage ließ sich die Jungfer Luis nicht blicken; dann kam sie mit einer sehr geistreichen, aber doch ganz harmlos klingenden Korrektur, die man ohne Widerspruch entgegennahm. Zwei gute Menschen werden doch für vernünftige Augen darum nicht schlechter, weil ein Grabenbrettchen das Gewicht eines Obstdiebes und eines Metzensackes voll Birnen nicht zu tragen vermag. Aber man sprach damals zu Welden, im Gegensatz zur Bibel, gerne von einem Birnbaum der Erkenntnis. Und wenn es über ein Mädel was zu munkeln gab, so gebrauchte man mit Vorliebe das geflügelte Wort: „Mir scheint, die hat ’s Brettle krache höre!“

Das alles weiß ich, weil Vater und Mutter in späteren Jahren noch oft und gerne über die Heiterkeiten lachten, die es aus der ‚Weldener Zeit’ zu erzählen gab. Ich habe wohl jenes Intermezzo beim Kaffeekränzchen selber miterlebt. Aber damals verstand ich nicht, warum man lachte, begriff nicht, warum das Fräule Luis so ‚huidle’ davonrannte; ich kapierte nur die Sache von dem geplünderten Birnbaum und benützte jede Gelegenheit, um ‚auf Ehr und Seligkeit’ zu schwören, dass ich die Birnen im Pfarrersgarten nicht gekrapft hätte.

Um die Zeit, in der die Geschichte vom krachenden Brettle spielte, bekam ich ein kirchliches Amt, das mir mancherlei Freuden bereitete. Ich wurde Ministrant, trug mit Stolz die rote oder schwarze Kutte und das Chorhemd darüber, lernte mit Vergnügen die lateinischen Floskeln, die ich außerhalb der Kirche bei allen unpassenden Gelegenheiten anwandte, und weil mir das Knien eine sehr unbequeme Sache war, freute ich mich besonders darüber, dass mich die Eigenart meines Ministrantendienstes mehr aus der Kirche entfernte, als in der Kirche festhielt. Denn man hatte mich zum Schwinger des Weihrauchfasses ernannt, das beim Hochamt nur immer in Intervallen und für kurze Minuten in Aktion tritt. In den Zwischenpausen bummelte ich draußen vor der Sakristei in der lieben Sonne, im pritschelnden Regen oder im Schneegestöber herum – und während sie drinnen in der Kirche beteten, sangen und musizierten, blies ich mir unter freiem Himmel allen Atem aus der Lunge, um die Kohlen des Rauchfasses rot zu erhalten, schlug mit der Glutpfanne feurige Räder und Schlangenlinien durch die Luft, oder machte den Schürhacken glühend und brannte Jahreszahlen, Buchstaben, Kreuze, Herzen, Tiergestalten und rätselhafte Arabesken in die Sakristeitüre.

Aus dem Umstand, dass ich keine Freude am Knien hatte und die Kirche gerne schwänzte, darf aber nicht der Schluss gezogen werden, dass ich ein unfrommer Junge gewesen wäre. Ich war ein sehr frommes Kind und wurde von der Mutter zu vertrauensseliger Gläubigkeit erzogen.

Der Vater sprach zu uns Kindern niemals von religiösen Dingen. Er war eine viel zu gerade und ehrliche Natur, um aus dem, was er selber glaubte, eine kleine erzieherische Lüge für die Kinderstube machen zu können. Was unser kleines Gehirn begriffen hätte, das konnte er uns nicht sagen; und was er uns hätte sagen können, das hätten wir Kinder nicht verstanden. Drum schweig er lieber und dachte: „Das sind Dinge, mit denen ein jedes Menschenkind für sich selber fertig werden muss.“ Erst in späteren Jahren, als ich schon die Universität besuchte, bekam ich einen Einblick in die religiösen Anschauungen besuchte, bekam ich einen Einblick in die religiösen Anschauungen meines Vaters. Doch er leibte religiöse Debatten nicht und pflegte zu sagen: „Das sind Dinge, die ins Herz gehören, nicht auf die Zunge.“ Nur aus sparsamen Worten, die er darüber sprach, aus kurzen Urteilen und knappen Bemerkungen vermag ich mir das Bild seiner religiösen Anschauungen zu konstruieren. Allen äußerlichen Religionskram schob er von sich weg. Die Bücher des Alten und Neuen Testaments waren ihm ein Gemenge von Geschichte, Sage und Fälschung. In Jesus sah er den ‚besten und mildesten aller Menschen’, den die Thorheit des Lebens immer wieder kreuzigt mit jedem neuen Tag. Er leibte die Nathansche Fabel von den falschen Ringen und glaubte, dass die Menschheit den echten Ring noch einmal finden würde. Es war eins von seinen Lieblingsworten: „Religion muss man haben, gleichviel welche, sie muss nur ehrlich sein und muss suchen können!“ Aller menschliche Glaube erschein ihm als eine Sehnsuchtsform, die sich auf langsamen Wegen der Erkenntnis fortwährend verwandelt und verfeinert. Das Gebot der Nächstenliebe nannte er den sicheren Stab auf diesem Ewigkeitswege, den verheißungsvollen Goldglanz des echten Ringes. Er glaubte an die Ewigkeit der Materie, an einen ewigen Kreislauf des Lebens, an keinen Himmel, an kein besseres Jenseits, aber doch an ein Weiderfinden all jener, die sich auf Erden leibten, und an eine unsterbliche Seele, die sich der Vollkommenheit entgegenbildet. Einmal fragte ich ihn, wie er sich das vorstelle. Da brach er das Gespräch ab: „So was lässt sich nicht sagen, nur fühlen.“ Je wortkarger er in solchen Dingen war, um so eifriger beschäftigte er sich mit ihnen. Er hatte eine reichhaltige theosophische Bibliothek. Die Bücher, die er am liebsten und immer wieder las, waren Döllingers ‚Papsttum’, Strauß und Renan, Frohschammers ‚Christentum und Naturwissenschaft’, ‚Die Religion Jesu’ von Theodor Rohmer, Melchior Meyrs ‚Gott und sein Reich’, und ‚Der Papst und das Konzil’ von Janus. An Döllingers Auftreten knüpfte der Vater große Hoffnungen, erwartete die Loslösung der deutschen Katholiken von Rom, die Gründung eines unabhängigen deutschen Patriarchates und einen allmählichen Ausgleich zwischen Deutschkatholizismus und Protestantentum. Mit leidenschaftlicher Glut beteiligte er sich an den hoffnungsvollen Religionskämpfen der Konzilzeit, und nahm es heiter hin, als ihn der Nachfolger unseres guten Pfarrers Hartmann – jener unselige Herr Andra – mit unflätigen Worten als ‚roten Hund und Exkommunizierten’ aus der Kirche wies. Aber die Enttäuschung, welche die altkatholische Bewegung brachte, hat der Vater bis an sein Lebensende nicht überwunden. Durch dreißig Jahre besuchte er die Kirche nur im schwarzen Rock, wenn einem geliebten Menschen die letzte Ehre zu erweisen war, und in der Beamtenuniform, wenn Gottesdienst für den König und Regenten gehalten wurde. Erst am vorletzten Tage seines Lebens überbrückte er mit Humor den kirchlichen Konflikt.

Er war von den Ärzten aufgegeben, hatte aber noch immer das Aussehen eines kerngesunden, nur ein bisschen unpässlichen Mannes. Und wir Kinder glaubten, dass der Vater nicht wüsste, wie es um ihn stand – wir hielten, dem Spruch der Ärzte entgegen, auch selbst noch immer an einer zähen Hoffnung fest.

Und damals, am Vormittag, kam ich in Vaters Wohnung. Meine Schwester Berta, verweint und aufgeregt, erwartete mich an der Haustür und brachte das kaum heraus: „Heute früh ist der Franziskanerprior dagewesen!“

Etwas Schmerzendes krampfte sich um mein Leben, das Blut stieg mir zu Kopf, und im ersten sinnlosen Sturm, der mich durchwühlte, rannte ich ins Franziskanerkloster hinüber und ließ mich beim Prior melden.

Ein feines, liebeswürdiges Mönchsgesicht mit freundlichen Augen beschwichtigte meinen Aufruhr, bevor ich noch eine Silbe sprechen konnte. Ich bat: Meinen Vater, der über seinen Zustand nicht informiert wäre und wohl auch noch Hoffnung auf Genesung hätte, durch Besuche nicht zu beunruhigen.

„Das hätte ich nie getan,“ erwiderte der Prior ruhig, „ich kam nur, weil Ihr Herr Vater mich holen ließ.“

Verstört – einem Unbegreiflichen gegenüber – fand ich kein Wort mehr; und auf der Schwelle hörte ich noch, wie der Prior sagte: „Es war mir eine Freude, Ihren Herrn Vater kennen zu lernen. Das ist ein verehrungswürdiger Mann!“

Als ich mit stockendem Herzschlag zu Papa in die Stube trat, saß er bequem auf dem Sofa und sah mich lachend an: „Mir scheint, du weißt es schon?“

„Ja!“ Mir wurde leichter ums Herz. „Aber geh, Vaterle, warum hast du denn das getan? Du bist doch wirklich nicht so krank …“

„Ich weiß, ja, und ich komm auch ganz gewiss wieder auf. So ein bisserl Influenza! … Aberes war mir für alle Fälle lieber, dass ich da sauberen Tisch gemacht habe. Bei uns im Lande Bayern wird’s langsam duster. Halt wieder so ein Übergangl. Und da hat mich das immer beunruhigt, dass ihr Kinder nach meinem möglichen Tod allerlei Unannehmlichkeiten haben könntet! Ich war ja doch eigentlich immer noch so quasi exkommuniziert! .. Na also, jetzt ist alles in der schönsten Ordnung!“

Ich brachte kein Wort heraus.

„Eigentlich war es ja auch ganz nett!“ Der Vater lachte und begann in seiner behaglichen Art zu erzählen. „Dieser Prior ist ein ganz famoser und feinfühliger Mensch! Er hat mich ein bisserl an unser liebes Hegnenbacher Pfarrle erinnert. Und da ist mir’s natürlich ganz leicht geworden, ihm alle meine fürchterlichen Sünden aufrichtig herzusagen. Ein paar Mal hat er gefragt: ‚Wie oft, wie oft?’ … No, weißt, er hat’s halt fragen müssen! … Ja, mein lieber Herr Prior, hab’ ich gesagt, das weiß ich nimmer! … ‚No’, sagt er, ‚halt so approximativ!’“ Der Vater lachte, dass ihm die Tränen kamen. „Hab’ ich’s ihm halt in Gottes Namen so approximativ gesagt: zehnmal, zwölfmal, zwanzigmal!“

Ich atmete auf. Das Lachen des Vaters war eine Hoffnung! So könnte doch ein Mensch nicht plaudern, wenn er empfände oder wüsste, dass der Tod schon vor der Türe wartet?

Papa wurde plötzlich ernst. Und sagte mit jener Wärme, die immer in seiner Stimme war, wenn er ruhig und nachdenklich sprach: „Vielleicht ist das nicht recht, dass ich lache drüber? … Denn was wahr ist, muss ich sagen: Es hat mich gefreut, zu sehen, wie dieser nette, gute Franziskaner sich freute, weil ich Frieden schloss mit seinem Herrgott!“ Der Vater schmunzelte wieder. „Na ja! Mit dem meinigen wär’s nicht nötig gewesen! Ich glaub, der hat mir nie was verübelt!“

Und am folgenden Tage ging Papa mit lächelnder Ruhe hinüber zu dem verträglichen Gott, an den er glaubte.

Das war ein schöner Gott! Der machtvolle Schöpfer aller funkelnden und blühenden Wunde rim ewigen Getriebe der Natur! Der Atem und die Kraft in allen bewegten Dingen. Der zielbewusste Lenker über allem Wandelsüchtigen des Lebens. Ein harmonisches Gottgesicht – und doch mit Linien, die sich widersprachen. Eine alles umfassende, alles erfüllende Weltseele – und doch ein Gott mit individuellen Zügen, vielgestaltig, dem Menschen nahe, dem Menschen freundlich, gegen alles Leben gerecht und hilfreich. Ein Gott, der ruhelos gegen die Schatten seines eigenen Lichtes, gegen die widerstrebenden Kräfte seiner eigenen Schöpfung rang – Monismus, der sich wundersam vermischte mit pantheistischen Vorstellungen, die das jahrzehntelange Leben in der Natur meinem Vater gegeben hatte, mit buddhistischen und platonischen Ideen, mit Träumen von einer läuternden Wanderung der Seele. Und in seinem Unsterblichkeitsglauben war auch ein Zug von zärtlichem Egoismus – er vermochte sich das nicht zu denken, dass sein Leben eines Tages erlöschen müsste, um für immer von jenen geschieden zu sein, die er auf Erden liebte.

Wesentlich anders war die Religion meiner Mutter geartet, obwohl sie mit den religiösen Anschauungen des Vaters manches gemeinsam hatte. Was ich im ‚Hohen Schein’ den Forstmeister Ehrenreich von seiner Frau erzählen ließ, das hätte mein Vater fast Wort für Wort von der Lebensreligion meiner Mutter sagen können: „Wie viel Gutes hat sie an den Leuten getan! Was nur immer lebte, Mensch, Tier, Blume … das war ihr alles ein Einziges. Wie sie die Natur erfasste und fühlte! Eine Knospe, ein Blatt, eine Mücke, ein Sonnenstrahl, ein Regentropfen … alles für sie ein tiefes, herrliches Geheimnis, ewig verschleiert und dennoch klar! ‚Ach, wie schön!’ Das war ihr Wort am Morgen und ihr Wort am Abend. Und vom ersten Licht bis zum letzten unermüdlich, immer bei der Arbeit in Haus und Garten. Und dennoch hatte sie immer Zeit für eine Freude, für Musik und Lied, für ein wertvolles Buch. Und ihr Gott! … Religiösen Formelkram, das gab’s nicht für sie. Und doch war sie fromm und gläubig, war überzeugt von einem wirkenden Zusammenhang zwischen Gott und Leben. Und wenn sie am Abend im Garten saß, mit den abgearbeiteten Händen im Schoß, und so still hinaufschaute zum Himmel in seiner Glut, dann hab’ ich immer gewusst, sie betet. Das ist wie ein eiserner Glaube in ihr gewesen: Alles Gute an unserem Leben hat sie von Gott erbetet, und jeden Kummer, der uns nahe kam, hat sie durch ihr Gebet erträglich gemacht.“

Das war die stärkste Farbe in der Religion meiner Mutter: Der Glaube an die Kraft eines frommen Gebetes, bei dem man die Hände nicht zu falten, kein lautes Wort zu reden, kein Kreuz zu schlagen, und kein Knie zu beugen braucht. Auch der Gott meiner Mutter hatte ein zwiegestaltiges Wesen: Vor einem leuchtenden Zauber der Natur, in schöner und träumender Stunde, war er der Unfassbare nach der Goethe’schen Lehre: „Wer darf ihn nennen?“ – Doch in Herz bedrückenden Minuten wurde er eine klare, bestimmte Persönlichkeit, eine verklärte Lebensgestalt mit Augen und Ohren, der allmächtige und liebevolle Vater über den Wolken droben, der alle Schmerzen sieht und geduldig jeden klagenden Schrei der Menschen hört. Von diesem Gotte leibte die Mutter zu sagen: „Mein Herrgöttle ischt ein seelenguts Männdle! Lasst allweil reden mit ihm! Und allweil hilft er!“ Und immer redete die Mutter mit ihm, wie mit einem guten, treuen Kameraden. Waren Sorgenzeiten in Haus und Familie, so wurde ihr der ganze Tag zu einem einzigen Gebet; sie betete im Garten bei der Arbeit, in der Küche am Herd, bei der Mahlzeit, unter dem Schnurren des Spinnrades, beim Klang der Zithersaiten – und betete noch in der Nacht, wenn ihr der Halbschlaf schon auf den Augen lag. Sie pflegte zu sagen: „Kirch ischt allweil und überall!“ Drum hatte sie, um mit ihrem Herrgott im Frieden zu leben, auch keine steinerne Kirche nötig, kein Dogma und keine Formel. Und als der Vater vom Pfarrer Andra als ‚liberaler Lump und roter Hund’ aus der Kirche gewiesen wurde, verließ sie an der Seite ihres Mannes ohne Erregung und Gewissensstreit das ‚Beamtenchörle’, nahm die Sache heiter und sagte: „Komm Gustl! Mach dir nix draus! Unser Herrgott ischt, wo wir sind.“ Und Pfarrer Andra hieß im Sprachgebrauch der Mutter von diesem Tag an ‚der biblische Judd’ – das sollte heißen: Einer von denen, die unter dem Kreuze Christi schreien und nicht wissen, was sie tun.

Mit aller Zärtlichkeit ihres Glaubens und mit aller Innigkeit ihres Gebetes vertrug sich ganz gut auch aller Humor ihres Wesens. Über alle Dinge, die äußerlich als heilig gelten, machte sie ihre heiteren Späße, wusste drollige Geschichten aus dem Wüstenleben und den Versuchungszeiten der guten Heiligen und zitierte lustige Knittelverse über den ‚Antonius von Padawa’ und über ,’s Nepomükle auf’m böhmische Brückle’, parodierte die verballhornten Bauerngebete und erzählte gern die Anekdote von jener weißen Taube, die am Pfingstfeste in einer Kirche als heiliger Geist erscheinen sollte, doch statt der flatternden Taube erschien am Guckloch der Kirchenkuppel das blasse Gesicht des Mesners, der herunterkreischte: „Jesusmaarja, Herr Pfarr, jetzt hat die Katz den heiligen Geist mitsamt die Federe gfresse!“

Wie die Mutter aus ihrem eigenen Glauben keine Formel machte, so verlangte sie auch von keinem anderen, dass er sich an Formeln hielt. Als sie an einem Quatemberfasttage dem ‚Fräule Luis’ einen Besuch im Pfarrhof machte und einen fastenwidrigen Küchenduft bemerkte, sagte sie lachend: „Herr Pfarr, mir scheint, ich schmeck e Brätle?“ Die Pfarrluis wollte leugnen, aber Pfarrer Hartmann wusste, wen er vor sich hatte, und erwiderte mit Laune: „Narrle, ich werd ihn doch net stinket werde lasse!“

Das war in der Lebensreligion meiner Mutter die andere starke Farbe: Duldsamkeit in religiösen Dingen und verträgliche Nachsicht, die nie zu einer Grenze kam. So war das von Kindheit auf in ihr, weil sie aus einer Mischehe stammte, in welcher der Vater protestantisch und die Mutter katholisch war, und in welcher die Töchter katholisch und die Söhne protestantisch werden mussten. Aus dieser Kinderstube mit zwei Bekenntnissen trug sie das Wort ins Leben heraus: „Da sich doch kein Unterscheid! Soll ein jeds glauben, was es mag! Deswegen bleiben alle Menschen doch Geschwisterleut!“ Und wie das in ihrem Leben wuchs, dass sie alles Natürliche heiter nehmen, alles Menschliche begreifen und drum auch alles Menschliche verzeihen konnte, so wusste sie auch ihren Glauben von der Verschwisterung aller Menschen ins Praktische zu übersetzen, in eine rastlose Bestätigung ihrer warmen Nächstenliebe. Pfarrer Hartmann sagte einmal zu ihr: „Fraule, Sie sind in der Seelsorg mein Kamerädle, das allweil ’s Bessere wirkt. Komm ich mit’m Gotteswort, so kommen Sie mit’m volle Körble! Das zieht!“ Wer im Dorfe nur immer Hilfe nötig hatte, konnte zu meiner Mutter laufen – oder meine Mutter rannte zu ihm. Sie tat da häufig mehr, als die bescheidenen Verhältnisse des Beamtenhauses eigentlich erlaubten. Aus unseren Kästen wanderten Kleider, Wäsche und Schuhe davon, noch ehe sie ‚alt’ geworden. Und manchmal brummte Papa ein bisschen, wenn schon wieder eine Hose oder Joppe fehlte, die er gerne noch ein Jahr lang getragen hätte. Doch die Mutter hatte da ein Wort, gegen das der Vater nicht aufkam: „Geh, Gustl, Gott wird’s ersetze!“ Dann lachte Papa: „Freilich, ja, aber die Rechnung bei Schuster und Schneider hab’ noch allweil ich bezahlen müssen!“ Und ein paar Mal in jeder Woche bekamen wir ‚Krankenkost’: Eingemachtes Kalbfleisch, Hühnersuppe, Gerstenschleim – weil die Mutter in der Nachbarschaft immer Patienten oder Wöchnerinnen hatte, die nur ‚was Leichtes’ vertrugen. Sie war eine Krankenpflegerin, von der jede barmherzige Schwester hätte lernen können. In jedem Bauernhause, in dem der Doktor sich aus ernsten Gründen täglich sehen lassen musste, war auch die Mutter täglich zu finden. Und als der alte Armenhäusler Lenhardt – (mein Modell zum ‚Lehnl’ im ‚Herrgottschnitzer’) – an einer schwärenden Fußwunde erkrankte, deren unerträglicher Geruch jede Pflegerin vertrieb, heilt meine Mutter bei dem Kranken aus, bis sie den Genesenden wieder in die Sonne führen und mit Lachen sagen konnte: „Gelt, Lehnle, hawe mer halt mit Bete die Gsundheit doch wieder runtergrisse vom Himmel!“

Der fromme Glaube der Mutter machte auch uns Kinder fromm. Und der schöne Glanz, der immer in ihren Augen war, wenn sie uns die kleinen, heiligen Kinderverse vorsprach, lehrte auch mich mit gläubiger Inbrunst beten.

Die religiösen Bilder, die vor meinen Kinderaugen aus der Dämmerung herauswuchsen, sind mir noch gut in Erinnerung. Mein erster, zärtlicher Glaube galt, wie ja bei allen Kindern, dem schönen Weihnachtsengel, der pünktlich jedes Jahr erschien, wenn am heiß ersehnten heiligen Abend die Kuhschelle rasselte und das von hundert Lichtern glänzende Zimmer sich auftat. Zuerst sah man nur den brennenden Baum und einen Wirbel von Spielzeugfarben; guckte man aber hinter die Türe, so stand neben dem weißen Ofen der große, schlanke, schimmernde Engel mit dem Palmzweig in der Hand; er hatte schwarze Haare, ein liebes, freundliches Gesicht, etwas Funkelndes um die Stirne herum, ein langes silbernes Kleid und zwei kleine goldene Flügel, von denen ich, wenn er plötzlich verschwunden war, nie recht begriff, wie der große Engel mit diesen kleinen Flügeln fliegen konnte. An einem Weihnachtsabend erkannte ich in diesem Engel unsere Köchin Ottil an ihren ‚Fleckelespantoffeln’. Diese Entdeckung machte mir zuerst ein riesiges Vergnügen, aber in der Nacht konnte ich nicht schlafen und musste weinen. Und von dieser Zeit an wurde ich gegen alles Heilige ein bisschen misstrauisch und zweifelsüchtig: Ob nicht wieder die Ottil mit ihren Fleckelespantoffeln dahinter steckte? Auch das aus Wachs gebildete Christkinderl sank in meiner Verehrung – was aber nicht hinderte, dass mir in den Wochen vor der Weihnacht allabendlich in der Dämmerung das ‚wirkliche’ Christkind erschien, ein feines, lächelndes Knäblein, schöner als das schönste Erdenkind, in einem weißen, bis zu den nackten Zehen reichenden Hemdchen, einen bläulichen Schimmer um die blonden Locken her. Wenn ich mich im Bett bewegte und mutig hinsah, verschwand es – wenn ich ruhig lag und mit unbeweglichen Augen in das Dunkel der Stube blickte, kam es wieder und blieb so lange, bis ich atmen musste. Aber so konnte ich in stillen, finsteren Nächten nicht nur das Christkind, sondern auch alle anderen Dinge sehen, die ich liebte und mir ersehnte. Ich brauchte nur fest an das Ersehnte zu denken, den Atem anzuhalten und aufmerksam in die Nacht zu schauen, dann erschien es mir; erst war’s wie eine trübe, violette Sonne; sie verwandelte sich in farbige Ringe, die gegeneinander liefen; und innerhalb dieser kreisenden Ringe erschien mir, was ich zu sehen wünschte; ein paar Sekunden schwebte es wie ein Wirkliches in der Luft; dann begann es sich zu verändern, wurde von den kreisenden Farbenringen verzehrt und war verschwunden. Nach einer Viertelstunde konnte ich wieder etwas sehen, aber niemals das gleiche zweimal in der gleichen Nacht. Diese wunderliche Gabe blieb meinen Augen bis ins zwölfte Lebensjahr; dann erlosch sie, und kam wieder als mein achtzehnjähriges Herz von der ersten tieferen Leibesleidenschaft erfasst wurde; verschwand mit diesem ersten Frühlingsglück – war wieder da, als mir in reifem Mannesalter die geistige Arbeit bei gesundem Leib die Nerven zittern machte und meiner Müdigkeit den Schlummer versagte – und nun ist dieses Farben- und Bilderschauen in der Finsternis seit Jahren ein amüsantes Spiel meiner schlaflosen Nächte.

Das Christkind, das ich vor den Schuljahren immer sah, verwandele sich mir im wachsenden Knabenalter zum guten Hirten mit dem Lammfell um die nackten Schultern und mit dem weißen Hakenstab, begleitet von Johannes, der ihm glich wie ein Zwillingsbruder. Dann kam eine Zeit, in der ich immer den Knaben Jesus sah, wie er im Tempel die Schriftgelehrten staunen macht; und dieser Knabe wurde mir zum schlanken Jüngling, der träumend in der Wüste ruht oder im blauen Mantel wandert und mit sanfter Hand die reifen Ähren streift; auch den verklärten Heiland sah ich, der dem ungläubigen Thomas erscheint; doch niemals sah ich den Sohn Marias in seiner Qual. Und bildliche oder plastische Darstellungen des Gekreuzigten in seiner Marter waren mir von Kindheit auf eine Sache, die ich nicht leibte und nur mit Widerstreben betrachten konnte.

Eine ganz absonderliche Vorstellung hatte ich als sechsjähriger Junge von Gott Vater. Den sah ich als riesenhaften Greis mit wehendem Mantel, mit schönem weißen Barte, doch ohne Gesicht. Statt des Gesichtes hatte Gott Vater ein goldenes Dreieck mit blauem Auge; die grandiose Gestalt bewegte sich immer, doch das funkelnde Dreieck blieb unbeweglich, und das blaue Kyklopenauge rührte sich nie. Den richtenden Gott im flatternden Mantel hatte ich wohl als Kind auf irgendeinem Bild gesehen – und ich glaube, in der Pfarrkirche zu Welden war über dem Altar das goldene Dreieck mit dem strengen Auge. Religiöses Symbol und künstlerisches Bildnis flossen mir in Eins zusammen. Diese groteske Vorstellung, die mich zuerst beängstigte, bekam allmählich etwas Heiteres für mich. Der von den Wolken getragene Riese sah immer aus, als wäre ihm ein zu großer, goldener Generalshut mit blauer Kokarde bis auf die Schultern gefallen. Wenn dieser Riese sich bewegte, glaubte ich immer: Jetzt schiebt er den Hut in die Höhe! Doch er tat es nie. Und da kam es so, dass ich immer schmunzeln musste, wenn von Gott Vater die Rede war. Kein Bild meiner Schulbücher, keine Religionsstunde, keine Kirchenpredigt, kein frommes Wort meiner Mutter, keine der Zärtlichkeiten, die sie von ihrem lieben Herrgott zu sagen wusste, konnte diese sinnlos erscheinende Vorstellung aus meinem Knabenhirn verscheuchen. Sie verblasste erst, als ich zu denken begann, und wurde durch kein anderes Bild ersetzt. Ein schwer erklärliches Spiel der Kinderphantasie wurde für mich die wunderliche Vorstufe zur Ahnung eines Gottes, der jeder Verbildlichung widerstrebt – eines Schöpfers, den Menschensinne weder zu schauen, noch zu deuten, noch zu fühlen und zu fassen vermögen.

Jene komisch giganteske Vorstellung Gottes war für meinen Kinderglauben eine zersetzende Kraft. Ich selber merkte das nicht, blieb noch lange ein gläubiger Junge und hatte sogar Neigung zu religiöser Schwärmerei und Verzückung. Obwohl ich als Ministrant Allotria und Dummheiten trieb, die Kirche lieber schwänzte als besuchte, vergnügt jeden ‚Unfürm’ meiner Chorhemdkollegen mitmachte und von den Banalitäten der Sakristei und des Kirchendienstes ernüchtert wurde, überkamen mich doch immer wieder selig süße Minuten, in denen ich vor dem Altar, beim Rauschen der Orgel und im Duft der Weihrauchwolken, allen irdischen Boden verlor und mit träumerisch verzückter Knabenseele gen Himmel flog. Da sah ich die Jakobsleiter mit den auf- und niederschwebenden Engeln, sah in der geöffneten Höhe einen blendenden Glanz, aus dem mir die silberweiße Gestalt des Heilands in Verklärung zulächelte; und immer höher und höher flog meine glückliche Seele den schimmernden Herrlichkeiten zu – bis ein Schmerz mich weckte und wieder aufs kalte Kirchenpflaster herunterzerrte: Weil mein Ministrantenkamerad, der ‚Weihrauchbüxelesbub’, mich in den Arm oder in den Schenkel zwickte, um mich zu kirchendienstlichem Verstand zu ermuntern – oder weil mir der Mesner unter einem Faustpuff zuflüsterte: „Du Lausbüeble, du verdrehts, pass auf e bissele!“ In solch einer schmerzenden Sekunde kamen mir manchmal vor Zorn die Tränen.

Himmelsträume sind eine Süßigkeit für das Kinderherz. Mir wurden solche Träume doppelt süß, weil sie nur Seligkeitshoffnungen kannten, doch keine Höllenfurcht und keine Teufelsangst. Pfarrer Hartmann, der lustige Benefiziat und das Pfarrle von Hegnenbach pflegten sehr vorsichtig und nur mit christlicher Rückversicherung von der ewigen Verdammnis zu predigen. Drum trug ich aus Kirche und Schule keinen Glaubensschreck heraus, und das schwäbische ‚Deifele’, das in den bäuerlichen Spinnstuben sein Wesen trieb, war ein viel zu lustiger Geselle, als dass man ihn hätte ernst nehmen können. Im Haus meiner Eltern wurde von ewigen Feind aller Lebensschönheit nur gesprochen, wenn Vater und Mutter zu einer hässlichen Sache ‚Pfui Teufel!’ sagten – und so blieb mir der fabulöse Höllenfürst in meiner Kindheit nur immer der dumme Kerl, der sich vom Schmied von Jüterbog die Klauen stutzen lässt, ein Spielzeug mit rotem Zünglein, eine Theaterfigur, die vom Käschperle geprügelt wird, und eine Fastnachtsmaskerade, die man vergnügt mit Schneeballen oder Straßendreck bewarf.

Der Teufelsunsinn hat mein junges, heiteres Kinderleben so wenig beschwert wie der Gespensterglaube, den auch unsere sonst sehr brave und kluge Köchin Ottil mit ihren hundert Geistergeschichten in mir nicht zu wecken vermochte. Diese gruseligen Mondscheingeschichten, die da zur Dämmerzeit in der Küche getuschelt wurden und der hübschen, dicken Stallmagd die Haare zu Berge trieben, machten mich nicht ängstlich, sondern nur zappelneugierig. Ich glaubte nicht an Gespenster, aber ich hätte doch ums Leben gern einmal einen Geist gesehen! Wenn ich in der Nacht hinauf ‚raffelte’ in mein Mansardenstübchen, spähte ich auf dem finsteren Bodenraum sehnsüchtig in alle Winkel. Aber da blieb alles schwarz, nichts Weißes wollte erscheinen. In warmen Sommernächten hielt ich mich oft so lange wach, bis ich die Mitternachtsglocke schlagen hörte – aber wie weit ich auch das Köpfl zum Fenster hinausstreckte, niemals sah ich etwas Leintuch-Ähnliches um den Dachgiebel fliegen oder durch den Garten schleichen. Und wenn mich der Vater, was oft geschah, noch spät in der Nacht um einen Krug Bier zum Bräuhaus schickte, weil die müden Dienstboten ihre Ruhe brauchten – dann machte ich mit Vorliebe den kleinen Umweg durch den Kirchhof, bleib vor der Beinkapelle stehen und guckte aufmerksam die bleichen Knochen und Schädel an, ob sich da drinnen nicht ein bisschen was Geisterhaftes rühren möchte. Es raschelte auch manchmal – aber nur, weil die Mäuse liefen.

Was mich da so stehen und spähen ließ, das war nicht etwas kecker Knabenmut, nur unüberwindliche Neugier, der ich gehorchen musste. Und wenn ich auch nie einen ‚Geischt’ gesehen habe, so sah ich doch sonst gar mancherlei. Eine von den vielen Beobachtungen, die ich auf dieser ruhelosen Geistersuche machte, verursachte ein Ereignis, das ich nicht verstand. Da wollte Papa eines späten Abends noch etwas mit dem Forstgehilfen bereden, der drüben in der Gehilfenstube des Ökonomiegebäudes wohnte. Der Vater ging, um den Gehilfen zu rufen, kam zornig zurück und schalt: „Das ist doch unerhört! Der Kerl ist aber auch nie daheim!“

Ich hatte den Forstgehilfen leib und konnte ihn zu meiner Freude auch gleich und gut verteidigen. „Vaterle! Der sich gwies daheim! Der sich nur bei der Kuehmagd drin im Stüble, ja, weischt, die trat sich nimmer alleinig schlafe! So viel Angst tuet’s habe vor die Geischter!“

„Wasss?“, sagte Papa. Und ging mit seinem langen Schritt aus der Stube.

Die Mutter war sehr ärgerlich und schickte mich ins Bett. Am anderen Morgen übersiedelte der Forstgehilfe mit bleichem Gesicht in ein Bauernhaus, die gute dicke Magd blieb ganz verschwunden, und noch vor Abend bekamen wir eine neue Stalldirn, die mager und hässlich war. Warum? Dieses Unerklärliche verstand ich nicht. Und als ich einige Tage später dem geliebten Forstgehilfen erzählte, wie treu und gut ich ihn verteidigt hätte, gab er mir eine fürchterliche Maulschelle. Das war nun wieder eine Sache, die ich nicht begriff. Und damals, unter Tränen, empfand ich zum ersten Mal, wie schwer es ist, die Menschen in ihren dunklen Regungen klar zu erkennen.

Neben den Geistergeschichten betrieb unsere Köchin Ottil noch eine zweite novellistische Spezialität: Die Geschichten von vergrabenen Schätzen. Und mit diesen Geschichten erwischte sie mich beim Wickel und träufelte mir etwas Heißes und ruhelos Bohrendes in das neunjährige Gehirn. Vergrabene Schätze? Warum nicht? Schätze gibt es doch! Und da kann man sie auch vergraben. Und wenn sie vergraben sind, so kann sie einer finden. Ich glaubte! Und hatte nur noch diesen einen Traum bei Tag und bei Nacht: Einen heimlichen Schatz zu entdecken, Vater und Mutter reich zu machen und mir eine Kutsche mit zwei weißen Ziegenböcken zu kaufen. In meiner Phantasie genoss ich das schon voraus: Wie ich mit dem Muckl, mit dem Alfons und Domini spazieren fahren würde. Abend für Abend guckte ich mir im Garten, oder auf dem Theklaberg, oder auf sumpfigen Weisen, oder an den Waldrändern die Augen nach dem Irrlicht aus, das mich führen musste. Weil nirgends ein Irrlicht flackern wollte, wurde ich ungeduldig. Und wollte selber einen Schatz vergraben. Und wollte dem Domini, dem Muckl und Alfons die Freude lassen, diesen Schatz zu finden. So krapfte ich eines Tages alles zusammen, was ich daheim an Gold und Silber erwischen konnte: Mein Patenbesteck, die silbernen Löffel meiner Mutter, Papas goldene Uhr und goldene Kette – und diesen ganzen Schatz, ein paar hundert Gulden an Wert, vergrub ich im tiefsten Dickicht des Schwarzbrunner Waldes. Weiß nun der Kuckuck, wie’s der Zufall brachte: Auf dem Heimweg über die Wiesen, als ich mich umguckte, sah ich in der Dämmerung des Waldes ein helles Lichtlein flackern. Vielleicht hatte da ein Holzknecht sein Pfeiflein angezündet. Aber ich hielt es für ein Irrlicht, das über dem vergrabenen Schatz zu tanzen begann. Und nun stimmte die Sache. Vor seliger Aufregung konnte ich in der Nacht kaum schlafen – und träumte davon, dass der eingegrabene Schatz jetzt goldene und silberne Kinder bekäme und sich ins Ungemessene zu vermehren begänne.

Doch bevor ich dem Alfons, dem Muckl und dem Domini noch sagen konnte, wo sie das tanzende Irrlicht suchen sollten, vermisste Mama ihre silbernen Löffel und Papa seine goldene Uhr. Und weil die neue Stallmagd in Verdacht kam, musste ich erschrocken beichten. Zuerst gab’s eine sprachlose Verblüffung, dann ein lustiges Gelächter. Und Papa sagte wieder: „Du Kamel!“ Ich musste mit dem Vater gleich in den Schwarzbrunner Wald hinaus – kroch da stundenlang im Dickicht herum und konnte den vergrabenen Schatz nicht mehr finden. Als ich in unerschüttertem Vertrauen den Vorschlag machte, auf das ganz verlässliche Irrlicht zu warten, zog der Vater in aufwallendem Ärger zu einer Ohrfeige aus. Doch er gab sie mir nicht. Und als es zu dämmern anfing, trat er schweigsam mit mir den Heimweg an. Weit draußen auf den Weisen sprach er das erste Wort: „Du! Wenn du dich jetzt noch mal umschaust, dann kriegst du aber wirklich eine!“ Der Verlust des Gold- und Silberzeuges verdross ihn viel weniger, als mein hartnäckiger Glaube an das Irrlicht. Daheim, bei den Tränen in den Augen meiner Mutter, wurde mir das Herz schwer. Dann kamen bange Tage. Eine ganze Woche suchte man noch immer nach dem vergrabenen Schatz. Er blieb verschwunden. Und schließlich gab man das Suchen auf. Der Vater verschmerzte seine goldene Uhr viel rascher, als Mama ihre silbernen Löffel.

Die frohen Augen meiner Mutter nass und traurig zu sehen, das war für mich eine schreckliche Sache. Drum stand ich Abend für Abend droben an meinem Dachstübchen am Fenster und spähte nach dem Schwarzbrunner Wald hinaus, ob nicht das Irrlicht wieder käme. Und eines Abends stibitzte ich Papas Fernrohr aus der Kanzlei. Doch ob ich in der Nacht auch stundenlang gegen den Wald hinausguckte – das Glas blieb immer finster. Bei diesen Fernrohrstudien erwischte mich der Vater. „Kerl! Was treibst du denn da?“

Ich brachte nur ein einziges Wort über die Zunge: „’s Irrlichtle …“ Und da hatte ich schon eine Ohrfeige – die letzte von der Hand meines Vaters, der mit einer niederschmetternden Verachtung sagte: „So ein Kamel! Und das will studieren und aufs Gymnasium gehen!“

Papa befand sich hier in einem Irrtum. Ich wollte gar nicht studieren, wollte viel lieber ein Schlosser, oder ein Vergolder, ein Fischer, ein Jäger, oder sonst was Schönes werden. Nur nicht fort von Welden, nicht fort aus dem Wald, nicht hinein in die Stadt! Bei dem Gedanken an dieses Drohende rieselte mir immer etwas Kaltes durch das junge Leben. Und wenn ich die Mutter so still und ernst an meiner Seminar-Ausstattung nähen sah, dann war mir immer das Heulen nahe. Die bitteren Wässerlein fingen auch gleich zu rinnen an, wenn die Mutter sagte: „Ach, Bubele, im Herbst!“ – oder: „Jetzt nur noch zwei Monat und sieben Tag!“ – oder: „Kindle, das wird hart werden, für uns alle!“ – oder: „Kind, in der Fremd, da wirst du erst merken, was Heimat und Vater und Mutter heißt!“ Solche Worte taten mir weh; und ich wusste doch nicht, warum! Denn an diese Reise zur Weisheit glaubte ich einfach nicht – erst recht nicht, als ich während meiner Ministrantenzeit zum lustigen Benefiziaten in die ‚lateinische Lehre’ kam. Mir war das ein Gegenbeweis. Wenn man das Lateinische auch in Welden lernen kann, so braucht man doch nimmer in die Stadt zu reisen!

Aber allmählich dämmerte doch die Erkenntnis in mir auf, dass es mit dieser fürchterlichen Sache ernst würde. Da wurde ich zuerst von einer hilflosen Verstörtheit befallen. Dann kam etwas über mich, wie ein irrsinniger Rausch – eine unersättliche Gier, mich in Wald und Feld und Garten noch gründlich auszurasen – just so, als wäre unbewusst der Gedanke in mir gewesen: „Genieße, was du noch hast; wenn es verloren ist, dann kommt es nimmer wieder!“

In diesen letzten Monaten trieb ich es, dass sogar der Alfons und Muckl es müde wurden, mir nachzurennen. Und immer war’s wie Hunger in mir: Zu raufen und mit dem Fäusten dreinzuschlagen! Ruhig reden konnte ich nimmer, nur noch schreien mit schrillender Stimme, so schreien, das sich an jedem Abend heiser war. Und am frühen Morgen ging’s wieder los. Wenn ich zur Unterrichtsstunde kam, die der Benefiziat mir gab, war ich immer ohne Atem, vom Rennen fieberhaft erhitzt, hatte zerrissene Kleider, hatte blutige Striemen im Gesicht und Beulen am Kopf, hatte zerschundene und verstaubte Hände – und musste mich immer erst waschen und ausruhen, bevor ich halbwegs fassen konnte, wie amo konjugiert wird.

Der sonst so lustige Benefiziat war bei diesem Unterricht gar nicht lustig. Er gab sich ernstliche Mühe, die großen Zahnlücken meiner Schulbildung zu plombieren und mir das erste Jahr der Lateinschule ein bisschen zu erleichtern. Wenn ihm das nicht gelang, so war’s nicht seine Schuld. Nur im deutschen Aufsatz brachte er mich ein wenig vorwärts – und immer hatte er sein schmunzelndes Vergnügen an dem wunderlichen Zeug, das ich da zusammenkritzelte. Einmal gab er mir das Thema: „Warum hat der Mensch eine unsterbliche Seele?“ Als er las, was ich geschrieben hatte, lachte er hell hinaus und sagte: „Ludwigle, du bischt e Komiker!“

Ich fragte: „Warum?“

Doch er gab mir keine Antwort, sondern sah mich so merkwürdig forschend an, dass ich glühend rot wurde und mich schämte.

Um mir Geschmack an der Klangschönheit der lateinischen Sprache beizubringen und meinen Fleiß zu beflügeln, las er mir Oden von Horaz und Ovidische Hexameter vor. Die Worte verstand ich nicht, aber der rhythmische Klang ging mir ins Ohr und haftete. Und obwohl ich nur erst ein paar hundert Vokabeln und die Hilfszeitwörter schlecht im Kopfe hatte, gelang es mir, einen lateinischen Hexameter eigner Fechsung zustande zu bringen. Dafür schenkte mir der Benefiziat das einzige Fleißbillett, das ich von ihm bekommen habe; es war ein rotes Hauchbildchen, das sich auf der warmen Handfläche krümmte; und auf meine Leistung war der gute Benefiziat so stolz, dass er gleich am nächsten Konsumvereinsabend allen Honoratioren erzählte: Ich hätte einen ganz richtigen Hexameter gemacht, aber in den fünfzehn lateinischen Silben wären siebzehn grammatikalische Fehler gewesen.

Seine Freude über diesen „Vers“ und dazu die Heiterkeiten, die ihm meine deutschen Aufsätze bereiteten, das waren für den guten Benefiziaten die einzigen Lichtpunkte neben den vielen tiefen Schatten dieses Unterrichts. In den Stunden für Katechismus, Geographie und Rechnen brachte ich ihn manchmal um das letzte Restlein seiner liebenswürdigen Geduld. Da konnte er mit der Faust auf den Tisch hauen und schreien, dass die hohen Bücherkästen seiner Studierstube dröhnten. Und weil ich jede Gelegenheit benützte, um durch Tür oder Fenster auszukneifen, drum sperrte er mich immer, bis ich meine Aufgabe fertig hatte, in seiner Stube ein und hakte von außen die Fensterläden zu. In dieser wohligen Dämmerung betrachtete ich stundenlang den Stäubchenflug in den Sonnenbändern, die durch die Herzlöcher der Fensterläden hereinfielen; oder ich legte mich auf das Ledersofa, kaute am Bleistift und hatte schöne Träume; manchmal spielte ich ‚Benefiziat’, zog seinen türkischen Schlafrock an und trug seine lange Studentenpfeife spazieren.

In solch einer Dämmerstunde hinter Schloss und Riegel brachte mich die gedankenlose Langweile auf einen Streich, den ich bitter bereute, als ich merken musste, wie grob er dem guten Benefiziaten zu Herzen ging. Aus irgendeinem Grund – ich glaube, weil mir die Spitze meines Bleistifts abgebrochen war – suchte ich nach einem Messer. Und fand das Rasiermesser des geistlichen Herrn. Also, das war schon prachtvoll, wie man mit dem Messer den Bleistift spitzen konnte! Und jeder Schnitt in das harte Holz des Schreibtisches war wie ein Schnitt in die linde Butter! Freilich, aus der feinen Messerschneide sprang manchmal ein kleines Splitterchen heraus. Aber das Messer schnitt deswegen immer noch großartig! Und ganz besonders fein ging der Schnitt durch Pergament und Leder! Da konnte ich mit Schneiden und Schneiden gar nicht satt werden! Aus den hohen Bücherkästen, auf deren Brettern die in Schweinsleder und Pergament gebundenen Kirchenväter zu Hunderten standen, nahm ich Band um Band heraus und schnitt in die Buchrücken und in die Kanten der Lederdeckel die schönsten Ornamente und Zacken hinein.

Als ich schon ein paar Reihen der Kirchenväter in solcher Weise geziert hatte, kam der Benefiziat und gewahrte gleich meine künstlerische Leistung. Sie war sehr auffällig! Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte immer: „Jesus … Jesus …“ Da begann die Besinnung in mir zu erwachen, und ich fing zu zittern an. Im nächsten Augenblick erwischte mich der unlustige Benefiziat mit beiden Fäusten bei den Kreuzerschneckerln und beutelte mich, dass mir die Zähne klapperten. Als er dieses Richteramtes müde wurde, sah er mich kopfschüttelnd an, zog das am übelsten zerschnittene Buch aus der ornamentierten Reihe, schlug den Decke auf und sagte kummervoll: „Der heilige Augustin!“ diesen beschaulichen Moment benützte ich, um flink davon zu sausen. Erst spät am Abend fand ich den Mut zum Heimweg und dachte dabei mit großer Sorge an die Hundspeitsche. Aber daheim war’s friedlich und still. Der Benefiziat hatte mich beim Vater noch nicht verklagt; er tat es auch später nicht; die Eltern merkten aber doch, dass irgend etwas nicht in Ordnung war; sie brachten nur das eine heraus: Dass ich dem Benefiziaten das Rasiermesser beim Bleistiftspitzen kaputt gemacht hätte; und Papa ließ für den geistlichen Herrn ein schönes neues Rasierbesteck aus Augsburg kommen.

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