Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 3

Im Lehrerhause wimmelte die Wohnstube von diesem reichlichen Nachwuchs. Mit mir im gleichen Alter stand der Muckl, Vater Gsells Liebling unter der vielköpfigen Kinderschar. Muckl saß durch vier Jahre mit mir auf der Schulbank und war mein Herz- und Blutbruder, mein Begleiter auf allen Waldstreifereien, mein Komplize bei allen Streichen, mein Kamerad beim Fischwildern, mein Generalskollege bei allen Kriegen, die unter der Dorfjugend ausgefochten wurden. Und dass der Muckl so feste Freundschaft mit mir hielt, das trug ihm manchmal doppelte Prügel ein. Denn zwischen den Kirchgasselern und den Bachgasselesbuben war immer eine Eifersucht, immer eine Fehde, immer ein Faustkampf um die Behauptung: ‚Wir sind die Stärkeren!’ Und weil der Muckl zu mir und en Bachgasselesbuben hielt, drum galt er in der Kirchgasse, wo seine Heimat stand, als Renegat und Verräter. Und wenn ihn die Kirchgasseler gelegentlich einmal allein erwischten, ging es ihm schlecht, obwohl er sich aus Vorsicht das Kopfhaar immer so kurz abscheren ließ, dass es nimmer zu fassen war. Aber die Ohren musste er doch wohl wachsen lassen, so lang wie sie wollten. Und an diesen leicht greifbaren Henkeln bekamen ihn die Feinde immer wieder zu fassen. Doch war er mit uns Bachgasselesbuben im verlässlichen Heer beisammen, dann waren wir wirklich die Stärkeren, und da wurde grobe Vergeltung geübt.

Unter den zwanzig Buben, die zur siegreichen Rotte der Bachgasse gehörten, sind die meisten mit Gesichtern und Augen für meine Erinnerung erloschen. Doch neben dem Lehrermuckls stehen noch zwei vor mir, so deutlich und lebendig, als wären die 45 Jahre seit damals nicht gewesen: Nagelschmieds Domini und der Maleralfons.

Von der Heimat dieser beiden – von dem Hause, in dem der Malermeister, Vergolder und Lackierer Georg Vogel seine anziehungsreichen Künste übte, und von dem durch Hammerschlag und Taubengurren kontrastvoll belebten Vatikan des ‚Heiligen Vaters’ – hab ich ja schon kurz gesprochen. Aber da ist noch ein weiters zu sagen. Denn in diesen beiden Häusern, in denen ich Tag um Tag der Stunden mehr verbrachte als in der Stube meiner Eltern, bekam meine Lebensentwicklung eine dauerhafte Farbe. Die frohen und freundlichen Leute, die unter diesen zwei Dächern hausten, an den beiden entgegen gesetzten Enden des Dorfes, lehrten mich von Kind auf, gut und hell von den Menschen zu denken, und gaben mir einen unzerbrechlichen Maßstab für die Beurteilung alles Lebens, das ich späterhin auf zwei Beinen über die Erde zappeln sah.

Aber nicht nur das Dutzend gut gearteter Menschen, das unter diesen zwei Dächern wohnte, hat das in mir geweckt. Auch das ganze liebe, lachende Dorf hat beigesteuert zu dieser hellen Mitgift meines Lebens. Aus zehn Jahren meiner Kinderzeit in Welden weiß ich mich unter den Dorfleuten keines schlechten Kerls zu erinnern, keiner gemeinen Sache, keines Menschenschrecks, der mir einen üblen Schatten in die kindliche Seele hätte werfen können. Freilich, auch die ‚Weldener Staudenschwaben’ hatten reizbares Blut und wurden ‚saumäße grob’, wenn einer sie ärgerte; und an den Feiertagen gab’s Räusche und manchmal Schlägereien; und die jungen Burschen rauften, prügelten und griffen an der Kirchweih wohl auch nach dem Messer; und zuweilen ließ sich von ihnen ein junges dummes Mädel ‚balwiere’, worüber die Hälfte des Dorfes zeterte und die andere Hälfte nachsichtig lachte. Aber selten hörte man etwas von einem Diebstahl, vin einer groben Gaunerei, von einer richtigen Niedertracht. Und wenn mein Vater mit einem Wildschützen oder mit einem ‚Streuschnipfer’ Verdruss hatte und zornig aus der Kanzlei kam, pflegte die Mutter zu sagen: „Geh, Gustl, schau, im Kern sind’s gute Leut; macht einer Dummheite, so bürscht ihm halt ’s Köpfl ein bissele; wirst sehen, es hilft!“ Und nicht nur gute, auch schmucke Leute waren es! Ein fester und unverdorbener Schlag! Die erwachsenen Bauern meist hager, mit harten und klugen Gesichtern; die Handwerksleute behäbiger; die jungen Burschen sehnig, stramm und flink; die jungen Weibsleute hübsch, mit reichlichem Haarwuchs, mollig gepolstert, heiter und schwatzlustig. Die Art, wie sie lebten und liebten, hatte immer das Gesicht einer reinlichen Gesundheit.

Der Schwabe – das ist ja an sich schon freundliche und gutmütige Menschenart. Und in dem stillen, aus dem Lärm der Welt hinausgeschobenen ‚Holzwinkel’ hatte sich dieser gute Schlag seit Urväterszeiten ungefährdet erhalten. Mit dem liebenswürdigen Temperament des Schwaben paart sich noch das heiter Nivellierende seiner Sprache. Alles Grobe bekommt da eine drollige Milderung. Besonders schön klang das Staubenschwäbisch da draußen im Holzwinkel freilich nicht. Aber ungefährlich klang es. Und wenn ich in einem Nachbarsgarten auf den Birnbaum kletterte, jagte mir’s keinen sonderlichen Schreck ein, wenn der Bauer vom Scheuentor herüberdrohte: „Geahscht raa, odr i kei die naa!“

Diese Staudenschwaben machten sich selber gern über ihre Sprache lustig und zitierten mit näselnden Lauten den alten Vers:

„Gau(n), stau(n), bleiwe lau(n),
Wer de drui Wertle nit ka(n)
Därf it ins Schwaweland gau(n)!“

Oder sie parodierten ihren Dialekt mit dem Holzwinkler Wallfahrtsgespräch:

„Z’Veilau hinderm Aldaur haun i mein Bauder verloara. – Wie sich’r denn? – Blau. – So sich dr mei au!“ – Das heißt: „Zu Violau, hinter dem Altar, hab’ ich meinen Rosenkranz verloren,“ und so weiter.

Aus den Eigennamen machte dieser Dialekt zuweilen schwere Unerklärlichkeiten. Wenn einer erzählen wollte, dass er im Weiler Ehgarten gewesen wäre, so sagte er: „Zeagede bin i gwee.“ Und in der Nähe von Welden liegt ein Dorf – das heißt auf der Landkarte: ‚Abfaltern’. Im Holzwinkel sagte man: ‚Apfeldrach’.

Wenn zwei alte Weiber aufeinander zornig wurden und in solcher Sprache über den Zaun hinüber- und herüberschimpften, sammelte sich immer auf der Straße ein Häuflein vergnügter Zuhörer an, die sich vor Lachen bogen, obwohl’s ihre eigene Sprache war, die sie da hörten. Doch solche Schimpfereien kamen nicht allzu häufig vor. Die Leute waren verträglich und hielten gute Nachbarschaft. Und das ganze Leben und Treibend es Dorfes war gemütlicher Friede. Aber auch die besten Töpfe kann man zerschlagen – so gut auch der Lehm war, aus dem sie gedreht wurden. Der Friede eines Dorfes – wie brave Leute auch drin wohnen – ist immer eine Pfarrhoffrage. Durch ein Jahrzehnt meiner Kindheit regierte in Welden, als verlässlicher Schützer des dörflichen Friedens, der prächtige und verständige Pfarrer Hartmann mit seiner dicken, braven Köchin Luis. Zu Beginn des Döllingerstreites, unittelbar vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, wurde er nach Oberschwaben versetzt. Und er musste wohl wissen, welcher Art der geistliche Nachfolger war, den Welden bekam. Denn bei der Abschiedsfeier, die bei uns im blühenden Garten des neuen Forsthauses gehalten wurde, sah Pfarrer Hartmann in der Abendstille auf das vom blauen Schornsteinrauch umschleierte Dorf hinunter, hatte Tränen in den Augen, klammerte die Hände ineinander und sagte: „Ach, du mei arms Dörfle du!“ Am anderen Morgen zog er von Welden fort. Und Tags darauf hielt der neue Pfarrer seinen Einzug – dieser ‚hochwürdige Herr Andra’. Der brachte eine merkwürdige, mit Luftlöchern versehene Kiste und drei ‚Nichten’ mit: Das 13-jährige Hannerl, die 16-jährige Berta und das 25-jährige ‚Fräule Kreszenz’, das eine Furie in seidenen Kleidern war. Diesem schauerlichen Frauenzimmer und diesem Unglücksmenschen von Pfarrer gelang es in wenigen Monaten, den schönen Frieden des Dorfes in exzessiven Hader zu verwandeln, bei dem alle gesunde Natur sich umdrehte und das Weib gegen den Mann, die Schwester gegen den Bruder, das Kind gegen den Vater stand.

Doch diesem Schauspiel des Pfarrhofes und dieser Dorfgroteske bin ich in der Geschichte meiner Kindheit noch um ein friedliches, frohes, lachendes Jahrzehnt voraus und bin noch nicht der unglückliche Verehrer der Pfarrhofberta, bin noch der kleine ‚Ränzelesbub’, der den Schulschluss nie erwarten konnte, um daheim die Schiefertafel und den Katechismus in einen Winkel zu feuern und zu meinem lieben Maler-Papi hinunter, oder zu meiner guten Nagelschmieds-Mammi hinaufzulaufen.

Es war ein stattliches Gehöft: Dieser Vatikan des Heiligen Vaters von Welden. Ein schöner Staketenzaun lief an der Straße hin. Und im Hofe stand der Pumpbrunnen, mit der Eisenkugel am Schwengel, der immer so komisch gluckste und dotterte, dass ich das Pumpen nicht ssatt bekam. Und in der Mitte des Hofes thronte auf hohem, unerkletterbarem Pfahl das große Taubenhaus, auf dem die hundert ‚Kröpfles- und Schöpflestäuble’ ruhelos ihre gurrenden Choräle sangen, in rauschenden Wolken aufflogen und sich in flatternden Wolken niederließen auf das Dach. Und dazu noch viele Hennen und krähende Hähne, denen man die blau schillernden Räuberhauptmannsfedern ausreißen konnte. Von diesen Hähnen musste immer einer vor hohem Festtag sein Leben für die Bratschüssel des Heiligen Vaters opfern. Wenn dieses Opfer zu erledigen war, kam einer von den Nagelschmiedsgesellen mit verschmitztem Gesicht und mit dem ‚Greel’, einem messerartigen Beil, aus dem Haus heraus, pirschte in vorsichtigen Kreisen um den verurteilten Hahn herum und schlug dem ahnungslosen Gockel mit flinkem Streich den Kopf herunter. Mir gruselte immer ein bisschen, wenn ich aus dem Halse des Geköpften dieses feien Blutbrünnelein aufspritzen sah – aber dann musste ich gleich wieder lachen, weil der geköpfte Vogel so sinnlos komisch umher sprang, bis ihn der Nagelschmiedsgesell erwischte und in die Küche trug. Und wenn ich neugierig den kleinen abgeschlagenen Kopf mit dem weiß gewordenen Kamm und den blau verschleierten Augen aus dem Sande hob, dann kamen mir nach dem Lachen die Tränen – und in meinem siebenjährigen Gehirnchen mögen dunkel Fragen gezittert haben: „Was ist das Leben? Was ist der Tod?“ Damals fand ich wohl nur die einzige Antwort: Dass der Tod ein Ereignis ist, bei dem man sich von den vielen Federn, die das Leben hinterlässt, die schönsten aussuchen muss, bevor sie in das Kehrichtfass geworfen werden.

Ein großes zweistöckiges Haus mit weißen Mauern u8nd grünen Fensterläden. Über der Türe das Schild: ‚Xaver Weiß, Nagelschmied’. Und an die Feuermauer des Hauses war der lange Stall angebaut, in dem die Rinderketten immer so prachtvoll rasselten. Und hinter dem Stall erhob sich die ungeheure Scheune, auf deren Heuboden man sich unfindbar verstecken konnte – und vor deren großen Tor sich der Dreschgöppel befand, das billigste Karussell der Welt. Wenn gedroschen wurde, fuhr ich da immer so lang im Kreis herum, bis ich ein kreideweißes Gesicht bekam. Aber das war von den Herrlichkeiten des Vatikans noch lange nicht die herrlichste. Ganz versteckt in diesem Hause lag eine Zauberstätte, deren Geister mich immer riefen mit klingenden Hammerschlägen: ‚Tickerlitakta, Tickerlitakta!’ In der Küche, in der die Nagelschmieds-Mammi über der offenen Herdflamme all die namenlos guten Sachen kochte, war eine schmale und niedrige Türe. Wer sie auftat, dem hauchte etwas Schwüles entgegen, und in einem dunstigen Zwielicht sah er sechs rot glühende Augen brennen: die kleinen Kohlenfeuer der Nagelschmiedsessen. Dünne Eisenstäbe, mit blendender Weißglut an den Enden, gaukelten hin und her – unter den Hammerschlägen sprühten unerschöpflich die blitzenden Sternchen auf, die mir ins Gesicht und an die Hände flogen, ohne dass sie brannten – aus den Kopfstanzen sprangen lustig die fertigen Nägel empor, fielen zischend in den Wasserbottich, und ein weißes Dampfwölkchen pfurrte aus der schwarzen Tiefe herauf. Wisst ihr, wie lange man da zusehen kann? So lange, bis die Mutter schickt, um ihren verlorenen Buben suchen und holen zu lassen.

An der rußgeschwärzten Wand der Nagelschmiede ist ein kleines Schubfenster. Man kann durch dieses Fenster nicht durchgucken, weil es immer mit Wasserdampf beschlagen und schwärzlich angeflogen ist. Aber manchmal wird dieses Fensterchen aufgetan, und von draußen blickt mit ruhigen Augen ein breites, glatt rasiertes Gesicht in die Schmiede herein – das Gesicht des Heiligen Vaters, der sich vom Fleiß der Gesellen überzeugen will.

Immer sitzt er in der Stube auf dem Ledersofa oder auf der Ofenbank – der Heilige Vater – in Hemdärmeln, mit großen Silberknöpfen an der offenen Weste, ein Tuchkäppchen auf dem spärlichen Weißhaar. Während der Hälfte eines jeden Jahres hatte er die Füße in unförmlichen Filztöpfen stecken, weil er an der Gicht oder sonst an einer Krankheit litt, bei der man das Schuhleder nicht gerne an den Zehen spürt. Aber dieser leidende Mann, der immer so sanft und fromm und segensvoll und ruhig redet, führte in seinem Hof ein strenges Regiment. Seine Gesellen, Dienstboten und Kinder parierten wie brave Soldaten. Der Domini war sein Jüngster; zwei Schwestern waren ein paar Jährchen älter: Die hübsche, runde, flinke Karlin und die schlanke, stille Mathild. Dann kam der Leopold, der schon die Feiertagsschule hinter sich hatte und das schönste junge Mannsbild des Dorfes war, ruhig wie der Vater, dabei aber doch mit einem freien, künstlerischen Zug: Er spielte Gitarre, hatte eine herrliche Baritonstimme und sang an jedem Sonntag in der Kirchenmusik ein Solo: ‚Behenedihictus …’, bei dessen zärtlichem Klang alle Mädchen das Beten vergaßen. Noch eine dritte Schwester war da, die stattliche Anna, die blad heiratete und Gendarmeriewachtmeisterin wurde. So viele Kinder, Gesellen und Dienstboten machen ein Haus lebendig. Aber wenn sie alle in der Stube waren, und noch ein paar Bauern und Gemeinderäte dabei, dann wurde es immer mäuschenstill, sobald der Heilige Vater den Mund öffnete, um eine seiner sanften Weisheiten von sich zu geben. Wenn er sprach, durfte nur ein einziges Menschenkind dazwischen reden: Meine Nagelschmieds-Mammi. Das war eine ruhig heitere Frau von bezwingender Herzensgüte. Und wie nett sie immer gekleidet war! Das runde, hübsche, freundliche Gesicht hatte immer ein geduldiges und nachsichtiges Lächeln. Ein feines Spiel von Zucken und Schmunzeln ging um den Mund herum. Und die stillen braunen Augen konnten so ehrlich schauen und so herzlich glänzen, dass man sich immer wohl fühlte in der Nähe dieser Frau. Jede Narretei und Tollheit, die ich in ihrem Hause anstiftete, verzieh sie mir schnell und lachend. Nur ein einziges Mal wurde sie ernstlich böse. Da war ich eines Mittags mit der Karlin in den Keller gegangen, um Erdäpfel zu holen. Ich bombardierte das Mädel mit den Kartoffeln, die Karlin wollte sich das nicht gefallen lassen, und als ich vor ihrem Angriff retirierte, stieß ich eine Bank um, auf der zwei große Töpfe mit frisch ausgesottenem Schmalz zum Verkühlen standen. Die Töpfe gingen in Scherben, und ein rauchender Schmalzbach plätscherte zum Gussloch des Kellers hinaus. Die Karlin wurde kreidebleich vor Schreck – und da kam auch schon die Nagelschmieds-Mammi über die Kellerstiege herunter gesprungen, sah die Bescherung und jammerte: „Jöises Maaarja!“ Im ersten Zorn packte sie einen Besen und hötte auf mich losgeschlagen – wenn ich nicht flinker gewesne wäre als die zitternde Frau. Drei Tage fand ich nicht den Mut, mich in der Nagelschmiede blicken zu lassen. Und immer hatte ich Angst, dass Vater und Mutter etwas von der Schmalzgeschichte erfahren könnten. Aber sie erfuhren nichts. Und eines Nachmittags, in der Schule, sagte der Domini: „Du, da schickt dr d’Mueder ebbes!“ – und zog aus dem Schulranzen zwei von den guten, knusprigen Rohrnudeln der Nagelschmieds-Mammi heraus. Nach der Schule ging ich mit dem Domini und bat seine Mutter um Verzeihung. Sie streichelte mir das Haar, tat einen Seufzer und sagte: „Vierevierzg Pfund Schmalz! Büeble, Büeble! Awer en anderschmal, da muescht hald besser owachtgeawe! Gell, du Schliffele?“ Solche Worte hängen sich fest in einer Kinderseele – und wirken und werden alt.

Und jenes andere liebe Dach, unter dem ich mancherlei für mein Leben lernte? Das war ein kleines Haus an der Laugna, mit nur zwei Stuben, einer kleinen Dachkammer und einer großen Werkstätte. Schon wenn man zum Zaungatterchen herein ging, roch man den ‚Ferneiß’ und die Ölfarben. Es stand da unter freiem Himmel auch immer was zum Trocknen: Ein grün gestrichener Tisch, buntbemalte Bauernstühle, eine lackierte Kommode, blaue Kästen mit roten Herzen, ein schmiedeeisernes Grabkreuz mit vergoldeten Rosetten und vielfarbigen Schnörkeln, eine Kinderwiege mit Engelsköpfen oder auch ein schwarzer Sarg mit weißem Totenkopf und gekreuzten Knochen.

Außer meinem Kameraden, dem Alfons, waren da noch zwei ältere Schwestern; die Maler-Nanni, die als bildsauberes Mädel in die Stadt ging und die Frau eines Künstlers wurde, der ihr nach einem wahnsinnigen Ende ein schweres Schicksal hinterließ – und die Maler-Rosa, die nach der Mutter Tod bei ihrem Vater die halbe Jugend verpasste. Und durch zwei Jahre war in diesem Hause auch der lungenkranke ‚Onkel Xaveri’, der ein witziges Dorfgenie war und mein Lehrmeister im Fischen wurde, im Pfeilschnitzen und Ballesterschießen, im Drachenbau und Vogelfang. In meiner Skizzensammlung ‚Die Jäger’ hab ich von ihm eine kleine merkwürdige Geschichte erzählt, bei der ich lernte, dass Dinge, die man hässlich nennt, sehr schön sein können – eine Erfahrung, aus welcher der Xaveri für mich die Lebensregel prägte: „Vor nix muess ma si ferchte!“

Trat man in die große Werkstätte, so glaubte man in einer Vorstube des Himmels zu sein; denn an den Wänden hingen dutzendweis die geflügelten Engelsköpfchen, und zwischen reparaturbedürftigen Altarsäulen drängte sich eine Volksversammlung von hölzernen Heiligen, deren steif drapierte Mäntel nach neuer Farbe und frischer Vergoldung verlangten; deren Gesichter neue Nasen nötig hatten; und deren Heiligenscheine dringend der Politur bedurften. An den zwei Fensterwänden stand die Schnitzbank, der Malertisch und die Hobelbank; zwischen den Fenstern waren die vielen Werkzeugkästen, die Regale mit den Farbentöpfen und der geheimnisvolle Wandschrank, der alle zur Vergoldung nötigen Dinge barg. Und durch ein halbdutzend Fenster fiel eine Flut von Licht herein, in dem die Farben leuchteten, der Lack und Firnis glänzte, und das alte und neue Gold seine traumhafte Schimmersprache redete.

Zwischen diesen Herrlichkeiten stand der Maler-Papi an der Schnitzbank oder saß auf einem niederen Schemel – ein langer, magerer Mann, hemdärmelig, mit grüner Latzschürze, überall mit Farbenflecken gesprenkelt. Eine große Hornbrille saß ihm ganz vorne auf der schmalen, blassen Nasenspitze. Was seine Hand erreichen konnte, sah er über die Gläser an; was darüber hinaus lag, betrachtete er durch die Brille; drum ging das Gesicht immer so ruhelos auf und nieder. Dieses hagere Faltengesicht bekam durch einen graublonden Napoleonsbart eine komische Länge, hatte einen strengen Mund mit versteinertem Lächeln und zwei graue Augen, die ernst und dennoch freundlich schauten. Wenn er schwieg, hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihm; aber gleich wurde ich zutraulich, wenn er nur ein paar Wörtlein sprach; denn seine Stimme war wie eine liebe, gute, leise Glocke. Und wenn ich einmal Unheil in seiner Werkstätte anrichtete, wurde er nicht ärgerlich, sondern schob die Brille auf die Stirn hinauf und sagte in seiner milden Art: „Ludwigle, tu mer da nix versaue! Schau, dees muescht sooo mache!“ und dann ließ er seine Arbeit liegen und zeigte mir, wie man Farben reibt, wie man sie reinlich in die Töpfe spachtelt, wie man streicht und malt, wie man die zarten Goldhäutchen auf dem Lederpolster schneidet und auf die Mäntel der Heiligen legt, und wie man das matte Gold poliert mit dem Achat. Beim Schneiden des Goldes musste man fest den Mund schließen. Ein leiser Hauch nur, und das feine, glitzernde Häutchen flog in die Luft, bildete wundersame Formen im Flug, schimmerte und funkelte – aber wenn es niederflatterte, war es verkrüppelt, zerrissen und unbrauchbar. Und der Maller-Papi sagte: „Gell, hascht wieder e Schnauferle gmacht!“

Diesem ruhigen Mann hab’ ich viel zu danken – nicht nur das eine, dass ich geschickte Hände bekam.

Ein seltsames Zittern fiel mir immer ins Kinderherz, wenn er plötzlich das Goldmesser oder den Achat fortlegte, eine kleine grüne Tür öffnete und mit seiner kummervollen Herzlichkeit, di enoch immer ein Lächeln war, in die stille Stube hineinfragte: „Muederle, tuescht ebbes brauche?“

Dann antwortete eine feine, müde Frauenstimme: „Noi(n), Männdle, vergealsgod, ’s sich älles guet!“

Es war aber nicht alles gut. Schon seit langer Zeit bewegte sich das Leben der kleinen, lieben, zierlichen Maler-Mami zwischen Bett und Lehnstuhl. Ich weiß nicht, was ihr fehlte. Sie konnte nimmer gehen, nimmer stehen. Jede Bewegung war ein Schmerz für sie, und immer musste sie so sitzen, in dem braunen Lederstuhl, mit den weißen Händen im Schoß. Aber sie klagte nie, behielt ihr stilles Lächeln und diesen herzlichen Blick – und wenn ich neben ihrem Sessel auf dem Schemel sitzen durfte, wenn sie mit mir plauderte und was Heiteres erzählte, während das Leiden in ihrem guten Gesicht zuckte und wühlte – das waren Stunden, die ich unter der zärtlichsten meiner Kinderzeit zu zählen habe. Und diese Stunden waren froh, auch wenn ich Tränen in den Augen hatte.

Saß ich bei dieser Frau, so blieb ich immer sitzen, bis es Nacht wurde. Und daheim, wenn die Mutter schelten wollte, brauchte ich nur zu sagen, dass ich bei der Maler-Mammi war – und die Mutter nickte: „No ja, in Gottsname, da bist gut aufghobe gwese!“

Als die Maler-Mammi gestorben war, sah ich zum ersten Mal den ‚Gottsacker’ von Welden. Der lag eine halbe Stunde weit vor dem Dorfe draußen, auf einem Hügel zwischen Weizenfeldern. Eine weiße Mauer umschloss ihn, und eine kleine Kirche mit schrill tönender Glocke stand zwischen den vielen schiefen und aufrechten Kreuzen, unter denen manch ein neues war, dessen Rosetten ich in der Werkstätte des Maler-Papi vergoldet hatte.

Ich erinnere mich, dass ich nicht weinten konnte, als der Sarg dieser lieben Frau da drunten in dem schwarzen Ding verschwand. Aber seltsam übel war mir, in allen Sinnen zitterte mir eine namenlose Angst, und um mein verstörtes Kinderherz war etwas Druckendes her, wie eine eiserne Faust.

In dem kleinen Malerhaus war dann alles anders als früher. Ich fühle mich da nimmer wohl, konnte nicht mehr lärmen, konnte den leeren Sessel nicht sehen. Der stille Meister war stiller als sonst, achtete nicht drauf, wenn ich die Goldhäutchen in die Luft hauchte, und immer hatte er an der Stirn einen sonderbar gesträubten Haarschopf. Gelang ihm etwas an seinen Heiligen nicht recht, so strich er mit der Hand nach aufwärts über das Gesicht und drehte diesen grauen Haarschopf ein paar Mal um den Finger. Und manchmal ging er auf die kleine grüne Tür zu, kehrte aber auf halben Wege wieder um. Und der Alfons hockte hinter den Heiligen in einem Winkel und tat, was er sonst noch nie getan hatte: Er lernte im Katechismus – und wollte mit mir, mit dem Muckl und mit dem Domini nicht mehr in den Wald laufen, nicht mehr fischen und pfeilschießen, nicht mehr sandfahren und Birnen stehlen. Aber das dauerte nicht lange. Dann kam er wieder und war der Unsrige wie einst – und war doch ein anderer geworden.

Wir viere! Man mag da draußen im Holzwinkel wohl oft gesagt haben: Dass uns die Tauben nicht besser hätten zusammentragen können. Was dem nicht besser hätten zusammentragen können. Was dem einen fehlte, das hatte der andere; und wenn den drei anderen was nicht einfiel, kam immer der vierte drauf. So ergänzten wir uns und heilten bei allen Streichen wie Eisen zueinander. Der Muckl, derb und knallgesund, war ein kleiner, fester und grober Bub, der sich nie den Kopf zerbrach, bei allem ohne Überlegung mittat, durch dick und dünn marschierte, nie vom Gewissen geplagt wurde, keck und selbstbewusst ins Leben guckte, sich von nichts rühren und durch nichts erschrecken ließ. Ich weiß mich einer einzigen Geschichte zu erinnern, die dem Muckl einen jähen Schreck durchs dicke Leder jage. Da hatte ich daheim vom Vater was gehört von der Gewitterbildung, von der Elektrizität der Wetterwolken und von den Blitzableitern. Und da kam ich auf den Eeinfall: Himmelsfeuer zu fangen. Was ich damit machen wollte, wusste ich nicht. Nur haben wollt’ ich es. Und der Muckl war gleich dabei. Unten am Blitzableiter des Kirchturmes feilten wir ein spannenlanges Stück aus dem draht heraus. Und als ein Gewitter aufzog, hockten wir vor diesem Drahtlock neugierig auf der Lauer. Es fing zu blitzen und zu donnern an, ein Platzregen durchweichte uns bis auf die Haut, und der Muckl wurde schon ungeduldig, weil sich mit dem Himmelsfeuer nichts rühren wollte. Ich erinnere mich noch, dass es sagte: „Narret, es kommt ja koins!“ Im selben Augenblick fuhr unter krachendem Geprassel etwas Fürchterliches und Blendendes im Bogen um das Drahtloch herum. Damals erschrak der Muckl. Ich aber auch. Und mit weißen Gesichtern rannten wir durch den Regen davon. Und hielten schön vorsichtig den Schnabel. Nur dem Alfons sagten wir’s. Aber vor dem Domini trauten wir uns mit dieser Himmelsfeuergeschichte nicht heraus, weil er doch der Sohn des Heiligen Vaters und Bürgermeisters war, und weil die Leute, als man den Schaden am Blitzableiter entdeckte, einen bösen Spektakel erhoben.

Erst in späteren Jahren hab’ ich begriffen, in welcher Gefahr wir zwei Buben vor jenem Drahtloch waren. Aber an Gefahr dachten wir damals nicht, nur an etwas Schönes. Uns konnte doch auch nichts passieren! Wir hatten ja unser ‚Sprüchle’ und waren ‚fest’. Ohne schwimmen zu können, bin ich ein paar Mal in die Laugna gefallen, wo sie am tiefsten war, und bin nur nass geworden. Als wir das Nest eines Turmfalken ausnehmen wollten, glitschte ich über das Kirchendach, blieb an einem Fensterflügel hängen und konnte mit der Leiter heruntergeholt werden. Wenn ich von einem Baum oder von einem Heufuder purzelte, war’s immer mit einigen Beulen abgetan. Mit dem Kapfer-Uerle stocherte ich ein Hornissenest aus dem Heu heraus; den armen Uerle richteten die gelben Bestien zu, dass er fast gestorben wäre und viele Wochen krank lag – mich hatte keine einzige stochen. Als ich eines Tages dem Vater ein Pulverhorn stibitzte und das Pulver in unser ‚Wachtfeuer’ schütten wollte, explodierte mir das Pulverhorn in der Hand, ohne mir auch nur die Haut zu ritzen. So glücklich sind mir auch alle bedrohlichen Sekunden meines späteren Lebens immer ausgegangen, obwohl ich das festmachende Sprüchlein schon längst vergessen hatte. Ich möchte mich noch gerne darauf besinnen. Aber es fällt mir nimmer ein. Nur das eine weiß ich noch, dass man zum Schluss dieser Zauberformel die Daumen einziehen, die Fäuste nach rückwärts strecken und dabei mit geschlossenen Augen gegen die Sonne rufen musste.

„Fescht! Fescht! Fescht!“

Mit geschlossenen Augen! Ich glaube, das war das Wichtigste an diesem Zauber.

Und diesen festmachenden Spruch hatten wir vom Maler-Alfons gelernt, der alles wusste. Er hatte Ohren wie ein Wiesel und schnappte alles auf. Aber die meisten seiner Weisheiten kitzelte er wohl aus sich selber heraus, wie die Grillen aus ihren Schlupfen. In unserem Quadrumvirate war er der kluge, erfinderische Ulysses, der Geisteserbe eines künstlerreichen Onkels Xaveri. Und war ein schlanker, geschmeidiger Bub, flink wie eine Wassernatter, immer etwas spähend Erwartungsvolles in den hurtigen Augen, als Sohn seines Vaters geschickt in allen Dingen, als Kind seiner Mutter stets geneigt, das Schmerzende heiter zu nehmen und auch nach groben Hieben und unter Nasenbluten noch unverdrossen zu lachen. Doch er verstand sich auch auf die Vorsicht, stürmte nicht drauf los, wie der Muckl, sondern machte schlaue Seitensprünge und kannte nützliche Finten. Er war ein Meister im Beinstellen und im Bauchtritt; viel mehr, als den berserkischen Muckl und den mit Gemütsruhe dreschenden Domini, fürchteten die Feinde aus der Kirchgasse diesen flinken, lustigen Akrobaten. Er war aller Wandlung fähig und doch verlässlich, war plauderlustig und doch verschwiegen. In der Krankenstube seiner Mutter hatte er’s gelernt, die Stimme zu dämpfen; und weil er so heimlich sprach und dabei so flink, bekam alles, was er sagte, einen geheimnisvollen, anreizenden und verführerischen Klang. Und immer fiel ihm was ein, immer hatte er was Schlaues zu raten, immer wusste er uns auf einen neuen Streich zu hetzen. Der musste lustig sein! Das war für den Alfons die Grundfrage bei allen Dingen. Denn er machte sehr genaue Unterschiede zwischen langweilig und fidel; aber sein Differenzierungsvermögen zwischen gut und böse war etwas mangelhaft entwickelt; nach dem Sprachgebrauch von heute müsste man sagen: Er war eine allzu starke Persönlichkeit, um seinen Wunsch, sich auszuleben, durch engherzige Rücksicht auf den Nutzen oder Schaden von anderen Leuten beirren zu lassen. Und der Muckl und ich, wir waren immer bereit, in der Schule des Alfons zu profitieren.

Aber da wirkte der bedächtige Domini als bremsendes Element in unserem Viererzug. Nagelschmieds Jüngster war körperlich der gleich feste Bub wie der Muckl. Doch sein Blick war klug und ruhig; und sein Lächeln, so gutmütig es war, hatte immer ein bisschen was Spöttisches und Überlegenes. Nie tat er etwas, ohne vorher die Sache gründlich und nach allen Seiten hin zu überdenken. Die Erinnerung lässt mich nicht entscheiden, ob der Hang zum Guten und Vernünftigen als absolutes Ding im Domini steckte, oder ob das nur ein Resultat seiner Erziehung war, fügsame Rücksicht auf die frommen und zivilen Lebensanschauungen seines Heiligen Vaters, auf die bürgermeisterliche Amtswürde des Papa Nagelschmied, und stetes Denken an die klaren hellen Augen seiner Mutter. Es wirkte wohl in ihm das eine mit dem anderen zusammen. Und das gab ihm eine Art, die ihn fast immer das Rechte treffen ließ. Planten wir einen Streich, der etwas Bedenkliches hatte, so sagte der Domini: „Dees därfe mer it toa(n)!“ Manchmal hackten wir drei anderen nach solchem Wort wie zornige Gockel auf dem Domini los. Doch wenn er ruhig erklärte: „Noi(n), da maag i nit mitmache!“ – dann war die Sache in der Regel auch für uns erledigt.

Zwischen den dreien, die ich da geschildert habe, stand ich als vierter, ihr Schützling und doch ihr Führer: Minder robust als der Muckl und Domini, minder schlau, doch ebenso flink und geschickt wie der Alfons; und erfüllt von einem trotzigen Knabenmut, der immer stärker war als meine Kraft; immer durchzappelt von einer ruhelosen Aufregung; unersättlich in der tollenden Freude; leichtgläubig und vertrauensselig; immer mit einem surrenden Traum im heißen Bubenköpfl, immer durchzittert vom brennenden Erwarten einer schönen Sache.

So waren wir viere, so vertrugen wir uns ohne Missverständnis, so hielten wir zusammen, und so eroberten wir uns den Wald und das Feld, den Bach, die Gasse und eine kreuzfidele märchenselige Knabenzeit. Unser Spielplatz maß zwei Stunden in die Länge und in die Breite und hatte Sächelchen, wie sie in kleinem Nürnberger Baukasten zu finden sind. Alles war da ein Lebendiges, ein lachendes Stück Natur. Und alles, auch das Ernste und Gefährliche, zeigte uns ein harmlos vergnügtes Gesicht. Denke ich zurück an jene Zeit, so stiegt eine Herrlichkeit um die andere aus der Erinnerung herauf: Rauschend fliegende Drachen mit den bunten Flatterschwänzen; weiße, fein geglättete Flitschpfeile, die so hoch emporstiegen ins Blau, dass sie auch dem schärfsten Augen verschwanden; zischende Ballesterbolzen, mit denen man das Schießen fleißig üben musste, bevor man mit Sicherheit die Nasenspitze des heiligen Nepomuk, den Wetterhahn auf dem Kirchendach, die Enten des Wangers oder die Hennen der Schmiedin traf; zappelnde Fische an der Angel und zappelnde Fische im Tunkerkorb; und unter der Brücke der Kroppenfang und die Grundeljagd; Eidechsen und Ringelnattern, die man mit den Händen haschte, und Kreuzottern, die man mit gegabelten Haselnusszweigen hinter den Ohren erwischte; das Grillenkitzeln in der Sonne, und an Regentagen das Anmäuerln und das Kluckerspiel unter den triefenden Scheunendächern; das Eiserstehlen auf den riesigen Heuböden des Rollewirtes, die Kartoffelbraterei auf dem Felde und das Feuermachen im Walde; bei Tag das Sonnengucken durch berußte Gläser, und bei Nacht das Sternschnuppenzählen; die Böller und Schlüsselbüchsen, die Speiteufel und Pulverfrösche; das Barfußlaufen, Staudenschlupfen und Baumklettern; das grillende Geschrei der Mägde, wenn wir in den Spinnstuben den Flachs an den Kunkeln in Feuer steckten; das Geisterspiel in weißen Leintüchern und mit den Teufelsfratzen der ausgehöhlten Kürbisse, die durch eine brennende Kerze zwei glühende Augen und ein Feuermaul bekamen; das Holleklopferslaufen und Dreikönigsreiten, von denen man schwere Säcklein voller Nüsse, Äpfel, Birnen, Dörrzwetschgen und Hutzelbrot mit heimbrachte; die Fasnachstgaudi und das Marktgedudel; der Kriegspfad mit den Indianertänzen und Marterpfählen; der Schmetterlingskasten und die Käferschachtel; die Leimruten für die schönen Stieglitze und die Schlaghäuschen für die Finken; die Falkennester auf dem Kirchturm und die Rabenhorste in den Tannenwipfeln; zahme Elstern, zahme Dohlen, zahme Nusshäher, zahme Eichkatzerln und zahme Rehe; nur die Füchse blieben immer wild, bissen und stanken.

Aber wenn man eins von diesen roten Satansbiestern um seiner Unerträglichkeiten willen totschlagen musste, fingen wir gleich wieder ein paar neue und waren des festen Glaubens, dass wir sie diesmal zahm kriegen würden. Und es gab im Revier meines Vaters keinen Fuchsbau, dessen Röhre so eng gewesen wäre, dass wir den mageren Alfons mit einigem Nachschub nicht hineingebracht hätten. Wenn wir ihn an den Beine wieder herauszerrten, war er von den Fußknöcheln bis zum Halse gelb von Sand, hatte ein blutendes Gesicht, blutende Hände, und streckte uns lachend in den zerbissenen Fäusten zwei rote, zappelnde Wollknödel entgegen, die sich als junge Füchse entpuppten.

Und weil wir gerade bei einer roten Sache halten – wisst ihr, was ‚Lausbüewelesziegel’ sind? Das sind rote Ziegelsteine, die vom Maurermeister wegen ihrer Form störenden Merkzeichen nicht gerne gekauft wurden; doch er musste sie im Hundert mit dreinnehmen. Hinter den Karpfenweihern des Theklaberges lag inmitten einer großen Waldrodung die Ziegelei; nach Tausenden wurden da die gelben, schönen, frisch geformten Ziegel zum Trocknen in die Sonne gelegt; sie dunsteten in der Mittagshitze, waren so prachtvoll warm, und da sprangen wir, zu vieren hintereinander, mit nackten Füßen über dieses linde, fein geheizte Trottoir. Mit den Ziegelzeichen unserer Fersen und Zehen wurden die Steine im Feuer gebrannt. Und es steht in der Gegen von Welden manch ein Haus, in das die Spur unseres Erdenwallens eingemauert ist für einige Jahrhunderte. Auch eine Gattung der Unsterblichkeit!

Bei solchen Versuchen, sich ein bisschen Ewigkeit zu sichern, geriet man freilich mit dem schimpfenden Ziegler manchmal in Konflikt und bekam am Hinterkopf einen sicher gezielten Lehmpatzen schmerzlich zu spüren, der sich schwer aus den Kreuzerschneckerln herauskratzen ließ. Dann hetzte uns der erfinderische Alfons gleich wieder zu einer neuen, schönen Sache. Und hatte man sich müd gelaufen, heiß getollt und heiser geschrieen, so wühlte man sich zu süßer Rast in einen duftenden Heuschober, oder warf sich zwischen schattigen Stauden ins linde Gras, oder kugelte sich in einem Kornfeld zwischen den wogenden Ähren herum, verschnarchte ein Stündchen oder guckte träumend ins leuchtende Blau hinauf und in den Silberglanz der schwimmenden Glockenwolken.

Und der Wald!

Du rauschende grüne Seligkeit! Du redendes Buch des Werdens und Vergehens; du unerforschliches Geheimnis, du lachende Klarheit! Brunnen aller Dinge, die gesund sind! Heimat aller schönen und zufriedenen Träume! Und jeder Tod in dir ist neues Leben!

Ich habe mich als Kind im Walde nie gefürchtet. Er war mir ein Vertrautes, bevor ich ihn noch kennen lernte. Denn eh’ ich zum ersten Mal in seinen stillen Schauer trat und lachend nach seinen Farben und Früchten griff, hatte ich schon zu hundert Malen das schwärmerische Wort der Mutter gehört: „Mein Wald!“ Und der Vater, der nicht leicht zu Zärtlichkeiten neigte, hatte immer etwas Frohes und Mildes in der Stimme, wenn er von ‚seinem’ Walde sprach.

Wo ich zu einem Fenster unseres Hauses auch hinausguckte, gegen Norden oder Süden, gegen Osten oder Westen, überall sah ich diese blaugrünen Wogen locken und gewahrte hinter Wiesen und Feldern diese zierlichen Gipfelsägen, die schattendunkel oder sonnenhell hinein schnitten in das Blau des Himmels.

Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, dass ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, dass dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn so weit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: Immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert. Wenn ich nach müden, kranken Stadtmonaten hinaufreise zu meinem lieben, einsamen Waldhause da droben im Wettersteingebirge – ich kann euch nicht sagen, was da in mir lebendig wird! Immer wieder ist das wie ein heilendes Wunder, wie frische Kraft, wie neuer Glaube an alles, was Leben heißt. Schon auf halbem Wege, noch sieben Stunden weit von meinem Wald, da fangen meine Augen schon zu suchen an. Und tauchen meine Berge hinter fremden Steinen heraus, und seh’ ich an einer blaufernen Höhe ein Stücklein meines Waldes hängen wie ein Schwalbennest, dann beginnt in mir ein Sehnen, Brennen, Zittern und Dürsten, bei dem mir eine Stunde zu einem unüberstehbaren Zeitraum wird. Aber rollt der Wagen hinein in meine stillen wundersamen Bergwaldshallen, so werde ich ruhig und fange zu schauen an. Da steht mein haus, das liebe, das weiße im dunklen Wald! Das eine Mal grüßt es mich in Sonnenhelle, das andere mal mit Lichterglanz in der Dämmerung. Ein Lachen, und aus dem Wagen heraus! Und das Stadtgewand herunter und meinen grauen Waldkittel an den Leib! Und bevor ich noch einen Bissen esse, und ob es Tag oder Nacht ist – ich springe hinüber zu den nächsten Bäumen, die nur zwanzig Schritte vom Haus entfernt sind – und stehe lange und atme tief – das ist wie Stillung aller Wünsche, die in einem Herzen schreien konnten – und in meinem Wald bin ich wieder ein Gesunder, bin froh und zufrieden.

Mein Wald! Dieses Possessivum will nur sagen: Ein Wald, den ich kenne. Neue Wälder sind mir immer wie fremde Menschen, deren Inneres wir erst entdecken müssen – wie ungelesene Bücher, die noch nicht reden zu uns. Um einen Wald so kennen zu lernen, dass ich ihn mein nennen kann, dazu brauche ich lange. Es geht mir da, wie es Thorwaldsen mit Rom erging. Als ihn eine Dame fragte, was in Rom denn alles zu sehen wäre, gab er zur Antwort: „Das weiß ich noch nicht; da müssen Sie jemand fragen, der Rom kennt; ich bin erst sieben Jahre hier.“ Oft sagen mir Leute: „Die Natur, die du schilderst in deinen Büchern, ist lebendig und spricht.“ Wenn das so ist, dann hat es nichts zu schaffen mit irgendeinem Können in mir. Es ist eine dankbare Folge der vertrauenden Geduld, die ich mit dem langsam sprechenden Walde habe. Durch viele Jahre bleib’ ich immer an der gleichen Stelle – Frühling, Sommer, Herbst und den halben Winter – und schaue mir immer wieder, wieder und wieder das gleiche Stück Natur an. Im vierten oder fünften Jahr wird es mein – das heißt, es beginnt für mich lebendig zu werden. Dann kann ich von ihm erzählen – wie ein Kind von dem Bach, der ihm rauschte, von der Sonne, die ihm leuchtete, von den Schatten, die ihm blau erschienen. Seit zwölf Jahren hause ich dort oben im Waldgrün hinter dem Wetterstein, kenne da jeden Weg und Steg, das Nahe und das Ferne, jede Farbe und jeden Klang, jeden hellen Platz und jede dunkle Stätte – und weiß doch, dass ich diesen meinen Wald nicht besser kenne, als ein Kind sein Leben kennt – und weiß auch, dass ich mit jedem neu erblühenden Jahre noch tausendmal mehr zu sehen bekomme, als ich schon gesehen habe.

Was gäb’ ich drum, wenn mein Erinnern heute noch klar überschauen könnte: Wie das in meiner Kindheit für mich begann? Dieses Hängen am Walde? Und was mein erster Tag in dieser grünen Lebenskirche an staunenden Freuden in meinem Kinderherzen weckte, an fragenden Gedanken in meinem Knabenhirn? Aber ich sehe da kein Zusammenhängendes mehr, sehe nur getrennte Bilder. Unter ihnen das älteste, das ist der stille prachtvolle Hochwald, der zwischen Welden und Hegnenbach grünte. Der ist wohl lange schon niedergeschlagen. In mir aber grünt er noch. Ganz klein bin ich; und diese zweihundertjährigen Bäume sind so riesengroß! Das Gehen zwischen ihnen ist eine linde, lautlose Sache; und kein Baum ist da, den ein Mensch mit den Armen umfassen könnte; und die Stämme haben keinen Ast bis hoch hinauf; und hoch da droben, unerreichbar, hängt das grüne Dach, an dem die vielen kleinen Sonnenlichter funkeln wie tausend Tagsterne. So oft ich in späteren Jahren Märchen las und von Zwergen hörte, ist mir immer dieser Hegnenbacher Hochwald eingefallen.

Dann seh’ ich die sonnige Erdbeerlehne im Mühlgehau. Da lag man mit schlenkernden Beinchen auf dem Bauche und hatte eine Stunde lang an der roten Süßigkeit zu schmausen, die man mit kurzen Ärmchen erreichen konnte, ohne sich vom Fleck zu rühren. Und wollte man leckere Arbeit für eine weitere Stunde haben, so brauchte man sich, ohne aufzustehen, nur ein paar Mal herumzukugeln. Einmal blieb ich da so liegen und schluckte, bis es dunkel wurde. Auf dem Heimweg kam ich zu einem tiefen Wassergraben, sah ein weißes Brett als sicheren Steg, wollte drübertappen und plumpste bis übers Haar ins Wasser hinunter. Das ‚weiße Brett’ war ein Spiegelbild des Mondlichtes. Und ich erinnere mich noch, wie prachtvoll kühl mir in der schwülen Sommernacht der weitere Heimweg wurde.

Dann seh’ ich das dicke, endlose Jungholz neben dem Hochwald des Schwarzbrunnenberges. Auf Spannenweite wuchs da ein junges Fichtenstämmchen dicht am anderen. Die Äste waren wie ein festes undurchdringliches grünes Netz. Blieb man aufrecht auf den Beinen, so war da kein Durchkommen. Man musste sich auf allen vieren vorwärts zwängen, sich mühsam zwischen dicken Zäunen durch die schmalen Gässchen winden, die das Wild gefunden und ausgetrippelt hatte. Und manchmal sprang ein erschrockenes Häschen aus dem Lager, manchmal huschte ein roter Fuchs davon, manchmal schreckte ein Reh mit schallenden Lauten. Und so kroch man und krabbelte, kam zu keinem Ende, kam nicht mehr an den hellen Tag, blieb mit Kittel und Höschen hängen und fing vor Zorn zu schreien an, vor Wut zu heulen – und lachte wieder, wenn man zerkratzt und zerrissen endlich doch einen ausweg fand.

Neben dieser Qual meiner Waldleibe zeigt mir die Erinnerung gleich ein wundersames Erlebnis. Damals verwandelte sich der Hochwald des Schwarzbrunnenberges für fünf Minuten in einen Wald von brennenden Christbäumen. Ich glaube, das war zwischen Frühling und Sommer. Und tagsüber muss wohl ein Gewitter, das sich nicht entlud, am Himmel gehangen haben; denn der Abend hatte etwas Dunkles, Schweres und Trauriges. In der Dämmerung kam ich mit Vater und Mutter irgendwoher und wir gingen über die Weisen bei Laugna nach Hause. Plötzlich stammelte die Mutter: „Jesus, Gustl, so schau doch!“ Auch der Vater erschrak, weil er zuerst an einen Waldbrand dachte. Aber dann verstand er’s gleich. Doch was er sagte, weiß ich nimmer. Ich staunte sprachlos immer da hinaus zu der dunklen Waldhöhe, die von rötlichem Schein umglastet war. Und jeder Wipfel glänzte wie von hundert strahlenden Wachskerzen. Dieses Himmelschöne dauerte so lange, dass man drei Vaterunser hätte beten können. Dann erlosch es langsam. Eine elektrische Entladung war’s, ein Elmsfeuer. Aber das verstand ich damals nicht. Ich hielt es für ein Wirklichkeit gewordenes Märchen. In den folgenden Jahren spähte ich wohl an viel hundert Abenden zum hohen Schwarzbrunn hinauf. Doch dieses Leuchtende kam nicht wieder. Ist aber doch immer noch da! Und glänzt! – Gibt es im Leben ein Verlieren? Nur die Schmerzen wird man los. Das Schöne behält man.

Zu den ältesten Waldszenen, die in meiner Erinnerung haften blieben, gehört auch das Bild einer heimlichen, geheimnisreichen und aufregungsvollen Frühlingsjagd. Und da seh’ ich den dunklen Zieglerwald und die lange, schmale, viereckige Zieglerwiese zwischen schwarzen Fichten. Und im Dorfe war ein alter Bauernjäger, der ‚Lumpeschuster’. Mein Vater sah es nicht gerne, dass ich mit diesem Alten Freundschaft hielt. Aber wenn der Schnee zerfloss und die Veilchen blühen wollten, und wenn mir um diese Zeit der Lumpeschuster begegnete und mit den schlauen Augen zwinkerte, wusste ich gleich, dass wir vor Anbruch des Abends auf dem Theklaberge sein mussten, der Mukl, der Domini, der Alfons und ich. Da gab’s kein Halten, pünktlich war ich droben bei der Ziegelstätte. Und wenn die Sonne über den fernen Gottsackerberg hinunterging, kam der Lumpeschuster über den Theklaberg herauf, einen schweren Sack auf dem Rücken schleppend. Erst mussten wir Buben Stillschweigen geloben, mit dem Schwur: „Auf Ehr und Seligkeit!“ Dann ging es zur Zieglerwiese. Und der Lumpeschuster holte aus dem Sack ein großmächtiges, spinnefein geflochtenes Netz heraus. Wir Buben mussten links und rechts von der schmalen Wiesenmitte auf zwei hohe Bäume klettern, die Rollen an den Wipfeln festbinden und die Schnüre durchziehen. Bevor es dämmerte, war das feine Netz turmhoch durch die Luft gespannt, quer über die Wiese hin. Neben dem Lumpeschuster, der am Waldsaum hockte und die Fallschnüre festhielt, huschten wir viere uns lautlos zusammen, guckten in die Luft und lauerten. Es dämmerte mehr und mehr. Die letzten Amselrufe schwiegen, die kleinen Meisen wurden still, manchmal brummte unsichtbar ein großer Käfer an uns vorüber – alles in der Dämmerung Verschwimmende wurde zu einem rätselhaften Ding, das man mit erregter Neugier betrachten musste – und wenn das Netz schon nimmer zu sehen war und ein großer Stern am blassgelben Himmel aufbrannte, pflegte der Lumpeschuster unter leisem Kichern zu flüstern: „Jetz bald! Jetz bald!“ Wir Buben zitterten im Fieber der Aufregung. Drunten im fernen Dorf ein sanftes Glockenläuten, bei dem wir zu beten vergaßen. Und nun in der bleigrauen Luft ein merkwürdiges Räuspern, immer näher, ein hohes Gezwitscher, doppelstimmig – über den Waldsaum huschen zwei schwarze, schwebende Kugeln herüber, jede so groß wie eine Faust, und senken sich gegen die nebelnde Wiese, steigen wieder und fallen, scheinen miteinander zu spielen, verwandeln sich in runde, fette Vögel mit hurtig schlagenden Flügeln – mitten im kosenden Fluge scheinen sie plötzlich stillzustehen – ein leises Rauschen, ein sachter Klatsch – das Netz ist gefallen, hat die zwei Schnepfen unter seinen Maschen begraben, und wir Buben stürmen mit dem Siegesgeheul von Indianern auf die Beute los. Die kam natürlich in den großen Sack des Lumpeschusters.

Weshalb man bei solch einer herrlichen Sache Stillschweigen ‚auf Ehr und Seligkeit’ geloben musste, das hab’ ich erst späterhin begriffen. Der Lumpeschuster war ein Wilderer und stahl die Schnepfen in meines Vaters Revier – und da nahm er mich mit, um sich für den Fall der Entdeckung einen Blitzableiter zu sichern. Das darf ich ihm nicht übel nehmen. Weil ich selber ein schlechtes Gewissen habe. Acht Jahre später wurde ich in meines Vaters Gehege zum Wilddieb, ohne dass mich der Lumpeschuster dazu verführte.

Mein Vater wollte mich von der Jagd so lange wie möglich fern halten. Während der ersten Jahre im Holzwinkel nahm er mich niemals mit, wenn er die Büchse trug. Und den Forstgehilfen verbot er’s, auf mein Gebettel zu hören. Aber da gab’s für mich keinen Zügel. Im Hause sprach man immer von der Jagd, die Hunde waren da, die Flinten hingen am Nagelbrett und man konnte ihre Schäfte streicheln, das erlegte Wild wurde heimgebracht – und ich war doch mit der Jagdlust erblich von zwei Geschlechtern her beschenkt. So rannte ich eben allein oder mit einem von meinen vier Getreuen in den Wald hinaus, schnellte meine Flitschpfeile in die Buchenkronen und verschoss meine Ballesterbolzen auf Nimmerwiedersehen. Und dann kam eines schönen Sommers der große Tag, an dem mich der erfinderische Alfons auf den Einfall brachte, dass man beim Forstgehilfen Stubenrauch zum ebenerdigen Fenster ins Zimmer hinein steigen und eine Flinte herausholen könnte. So geschah’s. Was ich erwischte, war ein nagelneuer, doppelläufiger Lefaucheux. Und vier Patronen krabbste ich aus der Schublade. Die Flinte war so lang und schwer, dass ich sie nicht an der Wange festhalten konnte. Aber der Schlosser war ja doch mein Freund. Und als ich zu ihm kam und bettelte: „Du, schneid mir das lange Gwehrle vorn und hint ein bissele ab!“ … da lachte er und tat, was ich haben wollte. Nun gingen wir pirschen, der Alfons und ich. Furchtbar stolz! Doch wir hatten noch keine zwanzig Schritte in den Wald gemacht, da ging das Gewehr schon los, ohne dass ich schießen wollte. Und dem Alfons fuhr das Feuer und der Schuss so dicht am Bauch vorbei, dass er ein Brandloch ins Kittele bekam, und dass an seinem ‚Schilehweschteleible’ ein Tuchfetzen und zwei Knöpfe fehlten. „Noi(n), du!“, sagte der vorsichtige Freund, machte einen seiner berühmten Seitensprünge und ließ sich an diesem Tage nicht mehr in meiner Nähe blicken.

Mir war ein bisschen absonderlich zumut. Und weil sich nur der Alfons aufs Laden verstanden hatte, wusste ich für mich allein nimmer, was ich tun sollte. Ging also heim. An dem roten Haus sah das verstörte Gesicht meiner Mutter zum Fenster heraus. Und noch bevor ich – um ein klassisches Wort zu gebrauchen – den Hof erreichte, tauchte der Vater mit zornheißer Stirn in der Haustür auf. Mit der Linken fasste er mich am Handgelenk, und die Rechte hielt er hinter seinem Rücken versteckt – drum konnte ich nicht sehen, dass er in dieser Hand die Hundspeitsche hatte. Und dann bekam ich in meines Vaters Kanzlei die ersten schweren Hiebe meines Lebens. Mit dieser Hundspeitsche! Und dem Forstgehilfen Stubenrauch musste Papa einen neuen Lefaucheux kaufen.

Diese Hiebe hab’ ich noch eine Woche später rings um die Beine herum gespürt. Die Sorge, dass solch eine schmerzende Prozedur sich wiederholen könnte, führte mich bald darauf einem Abenteuer unter Blitz und Donner zu.

Da war der Vater in Augsburg. Und bei uns in Welden saß eine alte bucklige Base zu Besuch, die mir schrecklich war – nicht nur deshalb, weil sie die Manie hatte, mich täglich aus allen Schulbüchern zu verhören. Ganz besonderen Eifer gab sie sich mit dem Einmaleins, das trotz aller Mühe und Geduld der Base in meinem zerstreuten Köpfl nicht haften wollte. Um ihr die Antwort nicht immer schuldig zu bleiben, spickte ich aus dem Blatt, das ich unter dem Tisch verborgen heilt. Die Base konfiszierte meinen Nothelfer. Und da kam ich über Nacht auf einen Einfall, der mir rasendes Vergnügen machte. Ich nahm einen Gulden aus meiner Sparbüchse und kaufte dafür beim Kirchgasseleskrämer sechzig gedruckte Einmaleins. Die brachte ich in meinen neun Taschen unter. Da konnte nun die Base am Nachmittag fragen und konfiszieren, so viel sie wollte – ich hatte immer wieder einen neuen Nothelfer in der Hand, unter dem Tisch oder auf dem Knie. Die bucklige Dame bekam vor Zorn ihre Nervenzustände, und schließlich weinte sie hilflos: „Das sag ich deinem Papa, wenn er kommt.“ Ich weiß nicht, ob der Vater in diesem Augenblick wirklich heimkam, oder ob nur meine Phantasie beim Gedanken an die Hundspeitsche eine Kutsche rollen hörte. Sicher weiß ich nur das eine, dass ich erschrocken in den dunklen Kanzleigang flüchtete, zum Scheunenfenster hinaus sprang und die Bachgasse hinunterjagte, um mich in den Hegnenbacher Hochwald zu retten. Aber ich kam in einen anderen Wald, wo es Himbeeren in roter Menge gab. Während ich da speiste, merkte ich gar nicht, wie dunkel der Himmel wurde. Ein Platzregen machte mich springen – ich sah einen alten, hohlen Baum – und da kroch ich unter. Gefiel mir’s in diesem trockenen Versteck, oder traute ich mich nimmer heraus, oder schlief ich vor Müdigkeit ein? Ich erinnere mich nur, dass plötzlich die Nach tim Wald lag; dass rauschender Regen mit prasselndem Hagel wechselte; dass der ruhelose Donner alles zittern machte; dass bei jedem Blitz der Wald im Feuer zu schwimmen schien, und dass in diesem blendenden Licht die Luft vor meinem Baumloch wie mit tausend weißen, ruhigen Punkten getüpfelt war. Und zwischen dem Rollen der Donnerschläge hörte ich schreiende Stimmen, bald ferner, bald wieder näher. Sie riefen meinen Namen: „Luuuudwigle!“ Diese Stimme hätte ich unter hundert anderen heraus gekannt. So grillen konnte nur der Maleralfons. Da sprang ich natürlich gleich aus meinem trockenen Baumstübchen in den Regen heraus – und sah beim roten Schein einer Laterne die triefenden Gesichter des Alfons und des Maler-Papi, die zum Schutz gegen den Regen dicke Hafersäcke über Kopf und Schultern gezogen hatten.

Meister Vogel schrie ein paar Worte, die ich nicht verstand, und leuchtete mir mit der Laterne ins Gesicht, während der Alfons in Freude grillte: „Herr Revierferschtner! Herr Revierferschtner!“

Von irgendwo eine gellende Stimme, die mich zittern machte: „Habt ihr ihn?“

Die beiden hielten mich an den Händen fest und fingen mit mir zu laufen an. Schwimmendes Feuer, in dem wir taumelten. Und im gleichen Augenblick ein Gerassel, als wäre ein Haufen Blechgeschirr vom Himmel heruntergefallen.

Der Blitz hatte zwanzig Schritte hinter uns in den hohlen Baum geschlagen.

Ich war wie betäubt und kam erst wieder halb zu mir, als wir draußen auf den Wiesen waren und das Gewitter schwächer wurde. An die zwanzig Menschen gesellten sich nach und nach zu uns. Aber sie redeten nicht viel, sondern machten flinke Beine unter den triefenden Säcken. Der Vater, den ich im Walde hatte schreien hören, kam nicht zu uns. Und ich hatte nicht den Mut, nach ihm zu fragen.

Als diese zwanzig Sackläufer mich heimbrachten in der nassen Nacht, empfing mich vor der Haustüre die bucklige Base und tat furchtbar zärtlich mit mir. Im Hausflur saß die Mutter auf der Stiege; sie konnte nicht aufstehen und nicht reden, streckte nur die Arme nach mir; und als ich ihren Kummer sah, als ich fühlte, dass die Mutter zitterte, kam die Reue wie etwas Betäubendes über mich. Hier saß der Vater schon trocken umgekleidet, neben der Lampe am Tisch und las seine Augsburger Abendzeitung. Bevor ich ein Wort herausbrachte, sag Papa über die Schulter und sagte: „Du Kamel! Du weißt wohl gar nicht, was dir heute hätte passieren können? Marsch, weiter! Lass dir die nassen Kleider herunterziehen und geh in dein Bett!“ Das hatte strengen Klang. Aber ich hörte aus seiner Stimme doch auch die Freude heraus. Und als ich dann trocken in den Federn lag und duselte, war mir unbeschreiblich wohl.

Am andern Morgen guckte ich vergnügt zu der Hundspeitsche hinauf, die ruhig und ungefährlich am Zapfenbrett hing. Aber was mir der Schreck der Eltern bei dieser Gelegenheit erspart hatte, kam mir bei der nächsten doppelt herein. Und da hab’ ich eine dunkle, mir selbst ganz unbegreifliche Geschichte zu erzählen. Sie fällt mir immer ein, wenn ich davon reden höre, wie Menschen zu Verbrechern werden, ohne dass sie es wollen oder wissen –und wie plötzlich in uns Menschen etwas erwachen und handeln kann, wider alle Vernunft und wider jeden Willen, etwas Fremdes und Unerklärliches, über das wir keine Macht besitzen, und das nur Macht hat über uns.

Wisst ihr, was ein ‚Bachkätzelespfeifle’ ist? Am Bach wachsen die Weiden, die im Frühling mit grauen Samtkätzchen blühen. In dieser Blütezeit, wenn in den Stauden die ersten Säfte treiben, kann man aus den Rinden der Weidenzweige prachtvoll trillernde Pfeifen schneiden. Auf dem Schenkel wird der Zweig eine weile sacht mit dem Messerhefte geklopft. Dann geht die Rinde glatt vom Holz herunter. Man schneidet die Schallkerbe und die Fingerlöcher hinein, schnitzelt ein genau passendes Mundstück, und dann bläst man lustig drauf los. Wir vier Getreuen verstanden uns gut auf das Schneiden dieser ‚Bachkätzelespfeifen’. Aber Buchbinders Alysi, ein scheuer und schwächlicher Bub, verstand die Sache noch besser als wir. Oder hatte ihm nur das zufällige Glück in jenem Frühling einmal geholfen, unter allen Pfeifen die am schönsten klingende fertig zu bringen? Wenn zwanzig Buben am Bache dudelten hörte man den feinen, zärtlichen Klang des Alysi gleich heraus. Und diese seltene Wunderpfeife hätte ich ums Leben gerne gehabt! Ich wollte sie dem Alysi abhandeln. Der gab sie aber nicht her. Ich bot ihm Schätze, die ich gar nicht besaß. Doch der Alysi schüttelte stumm den Kopf, ging mir aus dem Weg und blies nur noch auf seiner Pfeife, wenn er ganz allein war. Der halbe Sommer ging darüber hin. Und die Pfeife, je älter sie wurde, klang immer schöner, von irgendwo aus einem Weidenversteck.

Eines Mittags kam ich vom Maler-Papi herauf. Vor dem Buchbinderhaus saß der Alysi zwischen den Weidenbüschen, ließ die nackten Füße ins Wasser hängen und zwitscherte auf seinem unverkäuflichen Märchenrohr. Und da begann dieses Fremde in mir. Der Anfang war noch eine verständliche Sache: Dass ich auf den Alysi zuspringen und die Pfeife packen musste. Dabei bekam der schwächliche Bub einen Schreck und Stoß, dass er ins Wasser purzelte. Wäre die Laugna an dieser Stelle tief gewesen, so hätte der Alysi ertrinken müssen. Aber das Wasser ging ihm nur bis unter die arme, und während er sich schreiend herauszappelte, rannte ich mit meinem Raub davon. Daheim verbarg ich die Pfeife im dunklen Kasten von Urgroßvaters Uhr und stellte mich ans Fenster und lauerte, ob die Buchbindern nicht käme. Richtig kam sie. Wie eine Verrückte surrte sie über die Brücke her. Ich bleib in der Dämmerung des Abends am Fenster stehen, und das Herz schlug mir bis zum Hals herauf. Kein Gedanke war in mir; ich horchte nur. Es dauerte auch nicht lange, so hörte ich draußen auf der Steige den schnellen Schritt des Vaters; und ich erinnere mich, dass mir kalt wurde bis in die Zehen hinunter, und dass sich plötzlich etwas wie ein Eisenreif um meinen Kopf legte. Als der Vater in die Stube trat, hatte er wieder die rechte Hand hinter dem Rücken – so, wie ich es später noch öfters bei den Zahnärzten gesehen habe, aber niemals wieder beim Vater.

„Ludwig! Gib die Pfeife her!“

Bis zu dieser Stunde hatte ich dem Vater und der Mutter noch nie ein Lüge gesagt; ich hatte nur manchmal etwas verschwiegen, um was ich nicht gefragt wurde. Jetzt blieb ich am Fenster stehen und sah den Vater an, als hätte ich nicht verstanden, was er sagte.

Papa wurde ungeduldig: „Die Pfeife gib her!“

Ganz ruhig war ich; aber ich konnte keine Hand rühren, keinen Finger bewegen. „Was für eine Pfeife?“

„Das von Buchbinders Alysi.“

„Ich weiß nix von em Pfeifle.“

„Bub!“ Der Vater bekam die rote Stirne. „Die Buchbinderin war da und sagt, du hättest dem Alysi die Pfeife genommen und hättest den Buben ins Wasser geworfen.“

Net wahr sich!“

Papa wurde blass. „Kind! Lüg mich nicht an! Wenn du’s getan hast, sag mir’s!“

„Net wahr sich! Ich hab’ kein Pfeifle. Ich hab’ den Alysi gar net gsehe, verlogen sich alles!“

„Du!“ Der Vater wollte nach mir greifen. Im gleichen Augenblick schob Mama das bleiche Gesicht zur Türe herein: „Aber Gustl, wenn’s der Bub doch sagt! Er hat uns doch nie noch angelogen!“

Mir lief, als ich die Mutter sah, etwas Brennheißes über die Brust herauf und über das Gesicht. Und da hatte mich der Vater schon beim Genick, hob mich mit seiner starken Faust in die Luft und schlug auf mich los. Dabei schrie er immer: „Die Pfeife gib her! Die Pfeife gib her!“ Und ich, zwischen Heulen und Schlucken, hatte immer nur den einen gleichen Schrei: „Ich weiß nix von em Pfeifle … ich weiß nix … ich weiß nix …“

Hielt der Vater von selber im Schlagen inne? Oder hatte die Mutter seinen Arm gefangen? Daran erinnere ich mich nimmer, weiß nur noch, dass mir etwas Erstickendes die Kehle zuschnürte, als Papa, ein heftiges Zittern in den Händen, stumm aus der Stube ging, in der es schon dunkel wurde.

Auch die Mutter schwieg; sie entkleidete mich, wusch mir den Körper und schob mich ins Bett. Dann nahm sie meine Hände. „Kindele! Sag mir’s! Schau, deiner Mammi! ’s Lügen ist das Allerabscheulichste. Wirst doch dein Mutterle net anlüge! Gelt, nein? … Sag mir’s! Hast du das Pfeifle?“

Ich biss die Zähne übereinander und schüttelte den Kopf.

Die Mutter atmete auf. „So bleib in deinem Bettle liege! Ich geh zum Papa hinunter und sag ihm, dass dir unrecht geschehen ist, und dass der Alysi gelogen hat.“

Sie ging.

Und da soll mir nun ein Psycholog erklären, was jetzt geschah. Ich selber verstehe das nicht, obwohl es in meinem eigenen Leben war.

Ich stieg aus dem Bett, holte das Bachkätzelespfeifle des Alysi aus Urgroßvaters Uhr heraus, stellte mich mitten in die dämmerige Stube und fing wie von Sinnen zu pfeifen an, immerzu, und immer in den schrillsten Tönen. Und so blies ich noch immer weiter, als Papa mit der Hundspeitsche schon wie ein Irrsinniger zur Türe hereinstürmte.

Er schlug auf mich los, dass ich zu Boden stürzte. Und ich weiß noch, dass die Mutter unter diesen klatschenden Hieben immer schrie: „Jesus, Gustl, schlag ihn nicht tot! Jesus, Gustl, du schlagst den Buben ja tot!“ Dann fiel ich in Ohnmacht.

Als ich erwachte, war es finster in der Stube. Und auf dem Fenstergesims brannte das kleine Nachtlicht. Ich drehte mich um, hatte Schmerzen und schlief wieder ein. Und wurde wieder wach – sah, dass der Vater und die Mutter schwarz vor meinem Bett standen, und hörte, dass sie leise miteinander sprachen. Unter Schmerzen hatte ich ein Gefühl, das wie Freude war. Und so schloss ich die Augen wieder und schlief. –

Zwanzig Jahre später, als ich Vater meines ersten Kindes geworden war, kam meine Mutter zu uns nach Königssee. Und Abend war’s. Mama saß neben mir vor dem Schlummerkörbchen meiner kleinen Lolo. Wir kamen auf Kindererziehung zu sprechen. Dabei erinnerte mich die Mutter an die Geschichte vom Bachkätzelespfeifle. Und sagte: „Ach, Gottele, Bub, was hab’ ich damals durchgemacht, mit dem Papa und mit dir! Hundertmal habe ich dich gefragt, wie du nur so was tun hascht könne. Und du allweil wieder: Mutterle, ich weiß net! Und mit Papa hab’ ich die halben Nächt verschwätzt. Und hab’ einmal gesagt: Schau, Gustl, ich glaub jetzt wirklich, dass der Bub da nichts dafür hat könne! Und da sagt der Papa: ‚Ja, ja, vielleicht hast du recht; es gibt schon solche Sachen im Menschen; aber ich kann dann auch nichts dafür, dass ich den Lausfratzen halb tot geschlagen hab’’.“ Die Mutter lachte. „Bub, da hab ich nachher zum Papa nie mehr ein Wörtle gesagt vom Unverantwortliche im Mensche.“ Sie schwieg und streichelte zärtlich das Lockenköpfchen des kleinen blonden Weibleins im Schlummerkorb. Nach einer Weile sagte sie: „Ich glaub aber doch, es geht auch ohne Schläg. Man müsst halt allweil das richtige Wörtle finde. Das sitzt nachher schon am richtigen Örtle.“

Ob ich meinen Kindern gegenüber immer das richtige Wort gefundne, weiß ich nicht. Aber ich habe sie nie geschlagen. War’s die richtige Methode? Oder waren meine Kinder so glücklich geartet, von ihrer Mutter so glücklich geführt, dass ihnen eine Portion väterlicher Hiebe nie so nötig war wie mir? Das ist schwer zu entscheiden. Und ich muss an die kalten Füße eines meiner Jagdfreunde denken. Dem froren auf den herbstlichen Pirschgängen immer die Zehen halb weg. Wir rieten ihm, zwischen Strumpf und Schuh eine Hülle aus japanischem Reispapier zu tragen. Als er nach dem ersten Versuch von der Pirsch heimkam, fragte ich: „Nun, hat das Reispapier gegen die Kälte geholfen?“ Er sagte: „Das kann ich heute nicht entscheiden, heute sind mir die Füße nicht kalt geworden.“ –

Damals nach jener bösen Pfeifernacht musste ich mehrere Tage das Bett hüten. Als ich wieder sitzen, stehen und gehen konnte, nahm mich der Vater zum ersten Mal mit auf einen Pirschgang. Mit keinem Wort kam Papa auf die Geschichte vom Bachkätzelespfeifle zurück. Er zeigte mir allerlei merkwürdige Dinge im Wald und erzählte mir von Pflanzen und Tieren. Was? Ich weiß es nimmer. Aber ich muss aus dem, was er sagte, wohl einen absichtlichen Sinn herausgefühlt haben, der seine Wirkung tat. Denn daheim, vor dem Bettgehen, nahm ich Papa um den Hals, bat um Verzeihung und versprach alle heiligen Berge. Er sagte: „Das Halten wäre mir lieber als das Versprechen.“

Vielleicht steht es damit im Zusammenhang, dass ich aus der nächsten Zeit keinen ‚unverantwortlichen’ Streich zu erzählen habe – ausgenommen die Geschichte von den verhexten Enten des Wangers. Der hatte an die vierzig von diesen schönen, weißen, geduldigen Vögeln. Dass ich den Erpeln am Schwanz die reizenden Ringelfederchen auszupfte, das hätte ihnen weiter nicht viel geschadet. Aber sie bekamen eine sonderbare, auch für den Viehdoktor ganz unerklärliche Krankheit. Ihr weißes Gefieder bedeckte sich mit zahlreichen, schwarzgrauen Tupfen. Und alle paar Tage wurde solch ein getüpfeltes ‚Entavögele’ traurig und krank. Die Nachbarsleute glaubten an Zauberei. Kein Weihwasser half. Doch die unheimliche Hexengeschichte hatte plötzlich ein Ende – als die Mutter mein Blasrohr in den Ofen schob. Die schmerzenden Projektil, die ich zu Hunderten aus dem Versteck der Stachelbeerstauden nach den Enten verschossen hatte, bestanden aus gekautem Zeitungspapier, das nach festem Puster auf jeder weißen Fläche einen kleinen Spritzfleck von Druckerschwärze zurückließ. Und meine Mutter fragte mich damals immer, ob ich schon wieder Heidelbeeren gegessen hätte.

Sensible Kritiker werfen dem Meister von ‚Max und Moritz’ vor, dass seine lsutige Kunst die Kinder zur Grausamkeit erziehe. Solcher Vorwurf ist Unsinn. Busch ist nur wahr. Denn die meisten Kinder sind grausam aus natürlicher Anlage. Aber sie pflegen ihre Grausamkeit als eine Art von Humor zu empfinden. Mein Pusterspiel, vom Standpunkt der leidenden Enten betrachtet, war gewiss keine löbliche Sache; aber ich, in meinem Staudenversteck, habe Tränen dabei gelacht. Wenn solch ein ahnungsloses Wackelvögele den Schuss bekam, tat es erschrocken einen drolligen Flattersprung, sagte sehr schnell und aufgeregt: Gwack wack wack wack! … und guckte dann unglaublich dumm in der Welt umher und zum Himmel hinauf. Das war immer so wahnsinnig komisch, dass ich mich vor Lachen schüttelte. Aber die Enten? Ich bin überzeugt, dass viele von den Enten des Wangers bei dieser für mich so lustigen Sache den Glauben an den Entengott verloren und Pessimisten wurden – bis sie wieder einen fetten Regenwurm aus dem Grase zogen. Aber dann zweifelte wohl der Wurm an Gottes Weisheit und Güte? Gott muss ein schweres Handwerk haben. Er kann es niemand recht machen.

Aus der Zeit dieser Entenkomödie ist noch eine Vogelgeschichte zu erzählen, die ich als Trauerspiel empfand. Ich hatte aus einem Raubvogelnest zwei junge, fast flügge Gabelweihen ausgenommen. Von der Schwarzwälderuhr des Wangers zwickte ich die Messingkettchen weg und fesselte damit im Hundezwinger meine ‚Falken’ an den Dachgiebel der Hundehütte. Ich wollte die Stoßvögel ‚abrichten’, träumte von ‚Falkenjagd’ und fühlte mich als ‚Falkner’. Mir war’s eine Freude. Aber die zwei Vögel hatten unbehagliche Zeiten. Vor den bellenden Hunden kamen sie vom Morgen bis zum Abend nicht aus einer nervösen, Feder sträubenden Aufregung heraus. Das behagte ihnen nicht auf die Dauer. Und eines Morgens – als sie an langen Schnüren schon prächtig das Fliegen gelernt hatten – waren sie mitsamt ihren Messingkettchen aus dem Hundezwinger verschwunden. Denkt euch meinen Kummer! Und am Vormittag gab’s einen Aufruhr im Dorf. Die eine der beiden Gabelweihen hing mit ihrem Kettchen am Wipfel einer Pappel, die andere am Kreuz des Kirchendaches. Herunterholen konnte man die Vögel nicht, man musste sie totschießen. Und nun hing durch viele Monate da droben auf der Pappelspitze und da droben auf dem Kirchdachkreuz ein brauner Federklumpen und dann ein weißes Vogelskelett.

In der Trauerzeit um meine geliebten ‚Falken’ verfasste ich – im Alter von acht Jahren – mein erstes Theaterstück: ‚Die heilige Genoveva’. Ein Stück, das nicht auf meinem Figurentheater und mit Pappfigürchen, sondern von lebendigen Menschen auf einer wirklichen Bühne gespielt werden sollte! Wie die Sage von der treuen Ritterdame Genoveva da misshandelt war, das weiß ich nimmer. Aber das äußerliche Schicksal dieser Dichtung ist mir im Gedächtnis geblieben. Sie wurde nur ein einziges Mal und nur zur Hälfte aufgeführt und erlebte einen blutigen ‚Durchfall’. Ich spielte den frommen Ritter, und der Maleralfons den bösen Golo; das Malernannele, das bei meinem kleinen Bruder Kindsmädel war, gab die heilige Genoveva mit dem Knäblein Schmerzenreich, und weil wir keine Hirschkuh hatten, nahmen wir als Ersatz des Wangers weiß und schwarz gefleckte Ziege. Es mag eine schwere Arbeit gewesen sein, diese ‚Hirschkuh’ über die zwei steilen Treppen auf den Dachboden hinaufzubringen, wo Alfons und ich das Theaterpodium aufgeschlagen und mit alten Fenstervorhängen drapiert hatten. Das schöne Spiel begann. Doch als die flachshaarige Genoveva, die mein Brüderchen am Herzen und die Ziege am Stricklein hatte, ihre Rolle deklamierte, brach das Podium. Die fromme Dulderin plumpste zwischen die geknickten Bretter hinunter und schlug sich die Nase blutig, das Knäblein Schmerzenreich fing jämmerlich zu schreien an, und die zahme Hirschkuh wurde scheu. Nach solcher Gefährdung der öffentlichen Sicherheit wurde das Stück verboten.

Ich vermute, dass die Sprache dieses meines ersten dramatischen Versuches, so unbehilflich sie auch geklungen haben mag, doch manche Wendung enthielt, die aus guter Quelle stammte – aus Goetheschen Gedichten. Goethe war Mutters Liebling, den sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit verehrte. Diese kleinen Bändchen, die in blassgrünes, mit Rosenknospen bedrucktes Papier gebunden waren, pflegte sie ihre ‚Gebetbüechle’ zu nennen. Und wenn sie aus diesen Bändchen vorlas oder, was häufiger geschah, mir eins von den Goetheschen Liedern auswendig vorsagte, das war immer wie Gottesdienst. Deutlich erinnere ich mich noch des tiefen Eindrucks, den, als ich ein sechsjähriges Bürschlein war, die schaurig-heitere Ballade von der Wandelnden Glocke auf mich machte. Manches, was die Mutter gerne zwitscherte, lernte ich ihr bald nachsingen: Jägers Abendlied, das Heidenröslein, Mignon, die Ballade vom Fischer und das Liedchen vom guten Damon, der die Flöte blies. Daneben behielt aber auch der Struwwelpeter sein festes Recht, der Münchener Bilderbogen und das Märchenbuch. Als ich erst lesen konnte, begann ich alles, was mir schön war, zu verschlingen, wie ein hungriger Wolf die großen Bissen schluckt. Ganz besonders leibte ich die Geschichte vom Bäumchen, das andere Blätter haben wollte; diese schöne lange Sache mit den vielen Strophen blieb mir sicher im Köpfl und auf der Zunge. Für alles, was Wort heiß, was in Versen klang, hatte ich ein flinkes und dauerndes Gedächtnis. Große Gedichte brauchte ich nur ein paar Mal zu lesen oder zu hören. Um sie auswendig zu behalten. Mit diesem hurtig schnappenden Gedächtnis sammelte ich freilich auch manches in mein Gehirnchen ein, was nach Meinung der Eltern besser draußen geblieben wäre. Brachte ich eins von den unverstandenen Liedern heim, die von den Bauernburschen beim Gasseleslaufen oder in den Spinnstuben gesungen wurden, dann sagte der Vater, manchmal lachend und manchmal ärgerlich: Da hast du wieder was Sauberes gelernt!“ oder die Mutter riet mir: „Bub, das kannst du wieder vergessen!“ Fragte ich: „Warum?“, so sagte Mama: „Weil’s nicht nett ist!“ Aber mehr als die Ruhe dieses ästhetischen Urteils wirkte auf mich die fromme Drohung unserer Köchin: „Pfui Deifl! Dees muescht beichte!“

Vor dem Beichtstuhl hatte ich einen herzbeklemmenden Respekt, obwohl der gute Pfarrer Hartmann außerhalb der Kirche ein sehr freundlicher Herr war. Doch als ich zum ersten Mal mein Gewissen vor ihm erleichterte, wollte er wohl erzieherisch auf mich wirken – und das trug mir einen schrecklichen Nachmittag ein. Nach mancherlei kleinen Sünden hatte ich schließlich auch bekannt, dass ich auf dem großen Heuboden der Rollewirtin schon viele Eier ‚gefunden’ und ausgetrunken hätte. Deutlich ist mir in Erinnerung geblieben, wie der Pfarrer hinter dem Gitter nickte, und mit seiner Flüsterstimme sagte: „Gfunde? So, so? Gsunde? Meinscht net, da müeßte mer ‚gstohle’ sage?“ Ich hatte das Gefühl, als wäre dicht vor meinem Gesicht ein glühender Ofen. Der Pfarrer fragte mich nach dem siebenten Gebot, setzte mir gründlich den Unterschied von Mein und Dein auseinander und erklärte, dass der liebe Gott mir diese abscheuliche Sünde erst vergeben würde, wenn ich die Rollewirtin wegen des Schadens, den ich ihr zugefügt, um Verzeihung gebeten hätte.

Im Gemütszustand eines geknickten Menschenkindes verließ ich die Kirche. Beim Mittagessen brachte ich kaum einen Bissen hinunter. Von der Mehlspeise, die nach Eiern schmeckte, wurde mir fast übel. Und fünf Minuten später stand ich atemlos und mit klopfendem Herzen auf der steinernen, mit einem Eisengeländer versehenen Freitreppe des Rollewirtes. Weiter kam ich nicht. Beim Anblick des offenen Hausflurs hatte ich ein Gefühl, als sollte ich in die Hölle springen. Leute kamen und Leute gingen. Ich blieb auf der Treppe stehen oder turnte, um unverdächtig zu erscheinen, am Geländer hin und her. Drinnen im Hausflur tauchte die runde Rollewirtin immer wieder zwischen Schänkstube und Kellerstiege auf. Sooft ich sie gewahrte, wurde mir kalt oder heiß. Endlich fiel es ihr auf, dass ich immer da auf der Treppe stand. Sie kam und fragte freundlich: „Ludwigle, willscht ebbes?“ Aber ich brachte keinen Laut heraus, schüttelte nur den Kopf – und turnte wieder. Stunde um Stunde verging. Es wurde fünf Uhr nachmittags, und die Herren kamen zum Tarock, einer nach dem andern, der Doktor, der Aufschläger, der Lehrer, der Förster Rauschmeyer und Papa. Jeder fragte so was Ähnliches: „Ludwigl, was treibst du denn da?“ Ich hatte immer die gleiche Antwort: „Nix!“ Und turnte immer aufgeregte. Und jetzt – mir stand das Herz heroben im Halse still – jetzt kam der Pfarrer mit dem lustigen Benefiziaten Troll. Ich wollte davonrennen, doch meine Füße waren wie angewachsen. Der Pfarrer legte mir die Hand auf das Köpfl und fragte genau so neugierig wie die anderen: „Ludwigl, was treibscht du denn da?“ Ich sah ihn verzweifelt an und stotterte: „Awer Sie wisse doch, Herr Pfarrer …“ Er machte ein erstauntes Gesicht und sagte: „Ich? Was soll ich denn wisse? Nix weiß ich. Gar nix!“ Dann tätschelte er meine Wange und trat ins Haus. Ich konnte nimmer turnen, alles am Leib war mir wie tot. Und der frühe, kühle Frühlingsabend fing schon zu dämmern an. Da kam die Rollewirtin plötzlich aus dem dunklen Hausgang heraus, nahm mich bei der Hand, führte mich in ihre Schlafstube, die neben der Kellertüre war und beugte sich zu mir herunter: „Ludwigle, muescht mer ebbes sage?“ Ich nahm die Frau mit beiden Armen um den Hals und fing herzbrechend zu schluchzen an. „No, no no,“ tröstete die Rollewirtin, bevor ich noch ein Wörtlein bekannt hatte, „weischt, es ischt it so arg! Muescht hald meine Henneneschter jetzt a bissele in Rueh lasse, gell?“ Ich fühlte, dass an meinem Kittelchen die Tasche schwer wurde. Und als ich aufatmend draußen auf der Treppe stand und durch den Abend davonrannte mit federleichtem Gewissen, fand ich in meiner Kitteltasche vier gefärbte Ostereier, zwei rote und zwei blaue. Mir war unbeschreiblich wohl zumute. Aber ich konnte an diesem Abend lange nicht schlafen – weil mich immer die Frage beschäftigte: „Warum sind die anderen nicht zur Rollewirtin gekommen, der Muckl und der Alfons?“ Das Rätsel löste sich am nächsten Morgen. Alfons und Muckl hatten nicht beim Pfarrer, sondern beim lustigen Benefiziaten ihre mit vielen Eiern beschwerten Seelen erleichtert. Der hatte ihnen nur zwei Vaterunser und einen Rosenkranz als Buße aufgegeben. – Das nächste Mal beichtete ich beim Benefiziaten. So lernt man im Leben.

Langsam begann ich zu werden, was man ‚klug’ nennt. Und dennoch blieb ich noch immer kinderdumm für viele Dinge, ging mit geschlossenen Augen, geschützt von einem segensvollen Zauberspruch der Kindheit, an offenen Geheimnissen vorüber, die der Alfons und der Muckl schon lange verstanden, ohne sie mir erklären zu können.

Meine Schwester war nach Ottobeuren in die Mädchenschule gekommen und brachte im Kloster Wald mit ihren Streichen die frommen Frauen zur Verzweiflung. Ihren Platz in der Kinderstube zu Welden hatte mein kleiner Bruder Emil eingenommen, ein lungenkräftiger Schreihals. Meine Mutter erzählte mir in späteren Jahren, dass ich bei der ersten Nachricht von der Ankunft eines Bruders gefragt hätte: „Kann er schon kraxeln?“ Ich führe das an, weil es zeigt, wie viel ich damals von den Quellen des Lebens wusste. An der Erscheinung der Mutter war mir keine Veränderung aufgefallen. Ich sah nur plötzlich: Der neue kleine Kerl ist da, und die Mutter ist vor Freude krank geworden und dazu ein bisschen mager. An den Vogel mit dem langen Schnabel glaubte ich nimmer – und zwar deshalb, weil es mir schrecklich zu denken war: Der dumme Storch hätte sich im Schornstein irren und mich in ein anderes Haus bringen können – und dann wären Mama und Papa für mich zwei wildfremde Menschen gewesen. Aber für den Storch, der mir nimmer gefiel, musste ich einen Ersatz haben. Und so begann der schöne, geheimnisvolle Kindlesbrunnen in meiner Phantasie zu rauschen. Hatte der Vater diesen Brunnen im Wald gefunden? Immer dachte ich darüber nach. Aber ich sprach zu keinem Menschen davon und fragte niemand – weil mich beim Denken an diese Dinge immer eine seltsame Angst erfüllte, eine wunderliche, unbezwingbare Scheu – so ähnlich wie das quälende und dennoch neugierige Zittern, das mich jedes Mal befiel, wenn ich in der Weihnachtswoche durch das Schlüsselloch einer verriegelten Türe guckte. Manchmal zweifelte ich auch am Kindlesbrunnen und hatte Ahnungen, die der Wahrheit nahe kamen. Die Lieder, die ich von der Gasse heimbrachte, und was meine Kameraden mit Geschmunzel schwatzten, und was ich die erwachsenen Burschen in den Spinnstuben und auf dem Felde reden hörte, und was man im Dorf an den Tieren sah – all diese Dinge wurden zu einer heimlichen Schule des Wissens. Man wusste alles und wusste dennoch nichts. Die Augen sahen, die Ohren hörten; aber das schwül angehauchte Knabenhirn zog immer falsche Schlüsse, tat nie einen geraden Sprung, sondern machte immer wieder märchenduselige Umwege, auf denen die Blumen verzauberter Gärten blühten.

Man soll die Kinder rechtzeitig aufklären. Verschleppte Unwissenheit in natürlichen Dingen ist eine latente Lebensgefahr. Aber einen vielfarbigen Kinderglauben auszutauschen gegen eindeutige Lebenswirklichkeiten – das erscheint mir als eine der schwierigsten Erziehungskünste. Wie viele Väter, Mütter oder Pädagogen gibt es, die da immer das rechte Wort zu finden wüssten? Denn ein falsches Wort zerstört da mehr, als es baut. Und wer weiß für solche in Wort, wenn es schon das rechte ist, auch immer die rechte Zeit zu finden? Kommt es zu spät, so ist es überflüssig und lächerlich. Kommt es zu früh, so wird dem Kind mehr genommen als gegeben.

Ich glaube, dass von allen Aufklärungsmethoden jene die beste, gesündeste und ungefährlichste ist, die sich am absichtslosesten zu geben weiß, keines schwer zu findenden Wortes bedarf und keine Zeit zu wählen braucht – das heißt also: Jene Aufklärung, die gar nicht nötig wurde. Lügt man dem Kinde, bevor es zu denken versteht, nicht diesen läppischen Unsinn vom gefährlichen Storchenschnabel und der gebissenen Mutter vor, so braucht man, wenn das Kind zu denken und zu fragen beginnt, nicht um neue Lügen verlegen zu werden. Hört ein Kind von Anbeginn nichts anderes, als dass die Menschen geboren werden, so wird es dieses heiligste aller Schöpfungswunder so harmlos hinnehmen wie jede andere unverschleierbare Natürlichkeit seines kleines Leibes. Freilich darf man dann auch das zarte Schamgefühl, das die Natur jedem werdenden Geschöpfe mit ins Leben gibt, nicht dadurch verbilden, dass man ihm predigt, sein Hemdchen wäre unanständiger als sein Gassenkleidchen, und ein nackter Mensch wäre was anderes als ein bekleideter. Ist denn die Wahrheit in diesen Dingen nicht tausendmal schöner und reinlicher als jede Lüge, die ihr für das Kind ersinnen könnt? Märchen, die dem Kinde eine schwerverständliche Härte und Bitternis des Lebens verhüllen, sind Wohltaten. Aber es gibt auch Märchen, die für die Entwicklung einer jungen Menschenseele gefährlich und von unberechenbarem Schaden sind. Solch ein mörderischen Märchen ist die Storchenfabel. Während der Jahre, in denen die Liebe zu Vater und Mutter im Herzen eines Kindes Wurzel schlagen soll, unterbindet ihm diese Lüge den zärtlichsten seiner kindlichen Lebenstriebe, stiehlt ihm das Liebe schaffende Bewusstsein, dass es Blut vom Blute seines Vaters und Fleisch vom Herzen seiner Mutter ist – und verzerrt ihm die Kindesleibe zu einer gedankenlosen Gewohnheit, zu einer Utilität, zu einem ablohnenden Danke für Futter und Wärme, für unbegreifliche Opfer und für den Zufall grundloser Liebkosungen. Kommt dem Kind die Erkenntnis der Wahrheit, so kommt sie in vielen Fällen zu spät. Ich befürchte, dass unter hundert Elternpaaren ein erschreckender Prozentsatz den Unverstand solcher Lügen mit vorzeitiger Vereinsamung büßen muss, mit einer verfrühten Loslösung ihrer Kinder aus der Blut- und Seelengemeinschaft der Familie.

Ich erinnere mich mit süßem Zittern eines Tages meiner Kindheit, an dem – zwei Jahre nach der Geburt meines Bruders – eine Kuh im Vatikan des Heiligen Vaters kälberte. Ich stand dabei und sah erschrocken dieses nicht sehr reinlich sich vollziehende Lebenswunder mit an. Und musste ratlos fragen:

„Wo kommt denn das Kälble her?“

Der Domini mit seinen klugen achtjährigen Lächeln sagte: „Aus der Kueh kommt’s raus.“

„Wie sich es denn da hinein gekomme?“

„Narrle, ’s sich gwaxe in der Kueh, wie du in deiner Muedr gwaxe bischt!“

Als ich an jenem Tage heimkam, musste ich die Mutter immer ansehen. Und musste die Arme um ihren Hals klammern, musste sie küssen und lieb haben. Die Mutter fragte immer: „Kindle, was hast du denn?“ Aber ich konnte nicht antworten, konnte nur in Freude weinen, nur küssen in heißer Zärtlichkeit. Und als ich hinaufkam in die Kinderstube, wo das kleine zweijährige Kerlchen in seinen Kissen lag, da nahm ich dieses winzige Händchen an meine Wange und begriff das erste Mal, was das heißt: Ein Bruder, ein Geschwister!

Man rühmt den Familiensinn der Juden, ihre treue, jede Not des Lebens und auch das Grab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz der jüdischen Familie quillt aus keiner Eigenart der Rasse. Nein! Ich war zehn Jahre Journalist in Wien. Da lernt man Juden kennen. Sehr viele. Und ich habe gefunden, dass in jüdischen Familien alle Wichtigkeiten der Menschwerdung vor den Kindern viel natürlicher und verständiger genommen und besprochen werden, als die verkrüppelte Sittlichkeit unserer ‚christlich-arischen Kultur’ das zulässt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der tieferen Liebe ihrer Kinder die Frucht des Vernünftigen.

Die schönen Wunder und Geheimnisse, die seit Ewigkeiten die Entstehung des Lebens umwenden, sind ungefährlich für das Kindergemüt. Gefährlich sind nur die läppischen Tuscheleien, zu denen man aus falscher Scham dieses ewig Schöne entstellt. Man soll nicht Experimente machen, keinen Versuch unternehmen, dem Kind ein verfrühtes Verständnis aufzuzwingen, für das es noch nicht reif geworden. Aber man soll das Aufblühen dieses Verständnisses auch nicht durch törichte Verschleierungen hindern, soll nicht ein Kind durch systematische Lügen auf dunkel Wege führen, auf denen eine schwüle, beklemmende Furcht, die das Resultat eurer Geheimniskrämereien ist, dem Kind das verwehrt: Offen und ehrlich mit Vater und Mutter zu sprechen, wenn es ein Unverstandenes bei Menschen und Tieren sieht oder von Wunderlichkeit seines jungen Leibes befallen wird.

Nennt vor dem Kind – schon von der Zeit an, in der es noch nicht hört, in der es noch auf euren Armen und an eurem Herzen ruht – alle natürlichen Dinge des Lebens bei ihrem rechten Namen! Dann wird dem Kinde, wenn es zu hören beginnt, alles Natürliche schon eine harmlose Gewohnheit sein, und es wird nicht Ursache zu Fragen finden, die euch verlegen machen, und deren Beantwortung euch widerstrebt. Kommen solche Fragen doch, dann sollt ihr, wenn ihr eine unbedenkliche Antwort nicht zu finden wisst, statt einer Lüge lieber sagen: „Ich weiß das nicht!“ Es ist mir in Erinnerung geblieben, dass mir in der Kinderzeit einmal das unerklärliche Gebaren zweier Hunde auffiel; und ich fragte die Mutter: „Was macht denn das Hunderl da?“ Sie sagte ruhig: „Da musst du das Hunderl fragen! Wie soll ich denn wissen, was ein Hunderl tut und will!“ Man kann um die Klippe einer Kinderfrage immer herumkommen, ohne dass man lügenhaften Unsinn sagen muss. Und wachsen die Kinder heran und redet ihr gelegentlich von Dingen, die man vor Kindern nicht gerne erörtert, so sprecht, wenn ein Kind zur Türe hereinkommt, ohne Sorge weiter, ohne Verlegenheitspause, die dem Kinde auffällt und seine Neugier weckt. Hütet euch aber auch, in Gegenwart eines Kindes von Dingen sprechen zu wollen, bei denen ihr das Kind aus der Stube schicken müsst, weil euch die Nähe seiner Ohren unbehaglich ist. Seid reinlich in euren Worten, reinlich in eurem eigenen Leben, so wird auch euer Kind bei mählich wachsendem Verständnis seine natürliche Reinheit ungetrübt bewahren. Dann ist keine Aufklärung nötig und ihr könnt alles Weitere dem Kind selbst überlassen. Es wird hören, hören und wieder hören, wird fragen oder schweigend denken, wird alles Natürliche mit gesunder Harmlosigkeit hinnehmen, wird im Verständnis dieser Dinge Schritt halten mit seiner geistigen und körperlichen Entwicklung, und wird ohne Gefahr erkennen, was es wissen soll, bevor die Regungen seines Geschlechtes beginnen.

Freilich, die Offenheit in natürlichen Dingen genügt für sich allein noch nicht, um die Erziehung eines Kindes auf gute und gesunde Wege zu führen. Dazu ist noch manches andere nötig. Statt dieses Notwendige zu erörtern, will ich ein Wort zitieren, das mir lieb ist. Seit mehr als zwanzig Jahren verbindet mich mit Franz von Defregger eine herzliche Freundschaft, die mir aus Bewunderung für den heiter schaffenden Künstler und aus Verehrung für diesen seltenen Menschen entsprang. Er ist Vater von Glücklich gearteten und prächtig geratenen Kindern, die man nur eine Minute zu sehen braucht, um sie lieb zu gewinnen. Und da fragte meine Frau einmal: „Sagen Sie mir, lieber Herr Professor, wie machen Sie das nur, dass Ihre Kinder so famos erzogen sind?“ Mit einem Lachen in den brunnenklaren Augen sagte er in seiner ruhigen Art: „Das ist sehr einfach. Vormachen muss man’s ihnen halt!“

Ich glaube, das ist die goldene Regel der Erziehungskunst. Freilich, es gibt auch Ausnahmen. Vater und Mutter haben mir es vorgemacht, was Mensch sein und redlich atmen heißt. Wenn ich zurückdenke an ihr Zusammenleben, steht immer etwas Schönes, Reines und Friedliches vor meinem Blick. Ich habe nur die Kunst des Nachamchens nicht immer verstanden. War wohl auch im Dorf ein bisschen zu viel mir selbst und der Gasse überlassen. Der Vater hatte seinen Beruf, der ihn von Morgen bis zum Abend festhielt, und die Mutter war mehr und mehr durch die Sorge für meine jüngeren Geschwister in Anspruch genommen. So spreitete die Freiheit meiner jungen Jahre die Ellenbogen immer weiter auseinander. Lustig war das freilich: Dieses schrankenlose, jubelnde Hintollen durch die Knabenzeit. Aber dabei verwilderte man auch ein bisschen. Und dann kam eine Zeit, in der ich immer müde war. Eines Nachmittags auf dem Theklaberge, wurde mir merkwürdig übel. Grüne, gelbe und rote Kreise tanzten vor meinen Augen. Auf dem Heimwege hatte ich schmerzen, hatte das Gefühl, als wäre ein wachsendes Feuer in meinen Gedärmen. Ich glaubte, dass ich im Wald etwas Giftiges gegessen hätte. Um der Mutter keine Angst zu machen, wollte ich das daheim verschweigen, wollte mir von der Köchin heiße Milch gegen lassen – weil ich wusste: Das ist ein Mittel gegen alles Giftige. Doch vor der Haustür fing ich zu taumeln an, fiel irgendwo auf den Boden hin, und alles wurde grau vor mir. In dieser Dämmerung, in der ich nichts mehr erkannte, hörte ich die Mutter wie in weiter Ferne sagen: „Ach Gottele, das Kind hat ja schweres Fieber!“ Dann wusste ich nimmer, was mit mir geschah, alles ging mir unter in einer brennenden, wirbelnden, grauenhaften und dennoch wohligen Finsternis.

Viele Tage später, als ich wieder sehen und hören konnte und klappermager in meinem Bette lag, sagte mir eine fremde Frau, dass ich sterbenskrank gewesen wäre. Ich wunderte mich, dass die Mutter nicht bei mir war; die Frau sagte mir, dass Mama eine Reise gemacht hätte und noch lange nicht zurückkäme. Auch Papa guckte nur jeden Tag ein paar Mal zur Türe herein und blieb nicht lange; er hatte immer so müde Augen, sagte aber doch ein paar lustige Worte und lächelte mir mit blassem Gesicht zu. An jedem Morgen und Abend kam der Doktor Gerber, der aus seinem langen, rostbraunen Vollbart neugierig und so ernst herausguckte, dass man nicht den Mut fand, viel mit ihm zu reden. Zu essen bekam ich, was mir nicht schmeckte. Und schrecklich langweilig war das: Immer so halb allein im Zimmer sitzen zu müssen. Dann wickelte mich Papa eines Morgens in die Bettdecke; er hatte nasse Augen und war so aufgeregt, dass er kaum sprechen konnte: „Komm, ich trag dich hinunter zum Mutterle ! Heut darfst du hinein zu ihr!“

In ihrem Schlafzimmer lag sie weiß und mager in den Kissen. Ihr schönes Haar war so kurz abgeschnitten, als hätte sie sich wie der Lehrermuckl vor den Kirchgasselesbuben in Acht zu nehmen. Die Hände konnte sie nicht so heben, wie sie wollte. Aber sie lachte, ein frohes Glänzen war in ihren Augen – und vor dem Bett lag unser zahmes Reh, mit einem roten Bändchen um den braunen Hals herum. Und wenn das Reh eine Bewegung mit dem Köpfchen machte, bimmelte leise die kleine Schelle.

Ich kann euch nicht schildern, was ich immer sah und dachte, wenn in unserem Haus während der folgenden Zeiten diese zwei fremden Silben ausgesprochen wurden: Typhus.

Aus den feuchten Mauern war das graue Ungeheuer herausgestiegen. Und mit der Maler-Rosa, die als Pflegerin zu meiner Mutter gekommen, war es hinausgewandert in die Bachgasse und war da von Haus zu Haus gesprungen. Vierzehn Leute starben im Dorf. Durch viele Wochen ging alle paar Tage unter schönem Glockengeläute solch ein schwarzer Zug an den Fenstern unserer Kinderstube vorüber, in die man auch meine Geschwister wieder heimgeholt hatte.

Jetzt erfüllte sich die Prophezeiung der Mutter: Die Regierung musste „Füeß mache“. Im Oberdorf – dort, wo gegen Ehgarten hinaus die Kirchgasse begann – wurde auf schönem, freiem Hügel ein großes Kleefeld angekauft. Und dann fing man flink zu bauen an. Im Herbste stand das neue schmucke Forsthaus unter Dach, und im Frühling gab’s einen lustigen Umzug.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.