Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Lebenslauf eines Optimisten

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Lebenslauf eines
         Optimisten
            Titel
            Buch der Kindheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Buch der Jugend
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
               Kapitel 12
            Buch der Freiheit
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
               Kapitel 8
               Kapitel 9
            Buch der Berge
               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3

Kapitel 2

Kommt man auf der schwäbischen Poststraße von Augsburg her, und fuhr man an den alten Schlössern von Hamel und Aystetten vorüber, so versinkt die Straße in dunklen Fichtenwäldern, die fast kein Ende mehr nehmen wollen. Das ist der Adelsrieder Forst. In der Mitte des Waldes stand ein Kreuz; da wurde vor hundert Jahren eine Bäuerin mit ihrer Tochter von Wölfen zerrissen. Dann wieder Wald und Wald, bis die dunkelgrünen Schatten sich endlich öffnen zu einem hellen, hügeligen Wiesengelände.

An diesem Tor des Waldes sagte wohl mein Vater damals bei jener Winterreise zu der Mutter: „Schau, Lottchen, da fängt mein Revier an! Und vier Stunden braucht man bis zur anderen Grenze.“

Man fährt an dem Dorf Kruichen, an dem Mühlweiler Ehgarten vorüber; und nach einem Stündchen, das nur vierzig Minuten hat, kommst du im schmalen Tal der Laugna nach Welden im Holzwinkel.

Das ist zu Winterszeiten keine gemütliche Landschaft. Aber der Frühling schüttet liebliche Schönheit über dieses stille Bachtal, das sich zu einem stundenweiten Rund von sanft gewellten Hügeln auseinanderdehnt. Ein dicht geschlossener Kranz von Wäldern, in denen das strenge Nadelholz nur kleine Laubparzellen duldet, schließt sich als ein blaudunkler Wall um diesen Kessel dörflicher Kultur. Getreidefelder und Wiesen sind noch zahlreich von kleinen Gehölzern durchsetzt, die in der Nähe der Häuser zusammenfließen mit den Weißdornhecken und den blühenden Obstbäumen der Gärten.

Heute ist Welden eine stattliche Ortschaft mit Eisenbahn und Telegraf. Damals in meiner Kindheit, vor 48 Jahren, war’s ein Dorf mit 800 Seelen, wie der Pfarrer zu sagen pflegte; und der Postbote musste täglich drei Stunden weit nach Zusmarshausen laufen, um die vier Zeitungen und sieben Briefe zu holen. Einmal in der Woche fuhr ein Bote, der Stanger, mit seinem langen Blachenwagen nach Augsburg hinein und brachte, was man im ‚Botebüechle’ bei ihm bestellte. Das war die Verbindung des Holzwinkels mit der großen Welt.

Seit einem halben Jahrhundert sind die Häuser nach dem Dutzend gewachsen, und das Dorf hat sich durch die vielen Neubauten anders gestaltet. Früher glich es in seiner Anlage einem lateinischen H, das sich auf die lange Seite legte; zwei gestreckte Gassen, die durch Weisen und den Bachlauf voneinander getrennt, durch eine häuserlose Pappelallee miteinander verbunden waren.

Die obere Gasse hieß die Kirchgasse; hier stand die große, schöne, mit hübschen Fresken ausgemalte Zopfkirche, die ein prachtvolles Geläute hatte; daneben die Schule, das Bräuhaus und der Pfarrhof; nicht weit davon das verwahrloste Benefiziatenhaus mit gut gepflegtem Garten, der Kirchgasseleskramer, der Kirchgasselesschmied, der Schuster und Schneider – und ganz am anderen Ende der langen Gasse noch ein Handwerker, dessen Schild aus der Kultur unserer Zeit verschwunden ist: Der Doser, der die Schnupftabaksdosen aus gepresster Birkenrinde fabrizierte und als Nebenverdienst die Laubsägen feilte, deren Stahlstaub, wenn er in ein brennendes Kerzenlicht gestreut wurde, sich in blitzende, wundersam schöne Sternchen verwandelte. Zwischen dem Doser und der Kirche lagen die Höfe wohl situierter Bauern Zaun an Zaun. In der langen Reihe dieser mächtigen Strohdächer stand noch ein schmuckes, mit Ziegeln gedecktes Gebäude, von dem durch einige Jahre eine ruhelose Plage für meinen Vater ausging: Das Haus des pensionierten Revierförsters Bauer, der seinem jungen Nachfolger so lange das Leben mit allerlei Hetzereien sauer machte, bis eine Haussuchung bei dem würdig aussehenden alten Herren zwei gewilderte Rehgeißen im Keller fand. Dann war Ruhe.

Dieser Staatsbeamte hatte in seinem eigenen Besitz gewohnt, und so war kein Forsthaus da, als mein Vater kam. Die Regierung mietete das zweistöckige Anwesen eines Maurermeisters und wies es nach einem notdürftigen Umbau meinem Vater als Dienstwohnung an.

Dieses Haus lag in der unteren Gasse, die man die Bachgasse nannte, weil sie sich am Ufer der still fließenden Laugna entlang streckte. In dieser Gasse residierten nur ein paar von den schweren Bauern des Dorfes: Dazu der Wirt zum Fässler, der große Rollewirt und der allmächtige Nagelschmied, welcher Bürgermeister war und wegen seiner frommen und segensvollen Redensarten den Spitznamen ‚der Heilige Vater’ bekam. Was in der Bachgasse sonst noch an Bauern hauste, das waren die vielen ‚Kloinzuigler’, die mäßig begüterten Söldner mit zwei oder drei Kühen. Im übrigen war die Bachgasse der Sitz der Staatsgewalt, der freien Wissenschaft und der Industrie. Denn hier hauste neben dem neuen Revierförster noch der Malz-Aufschläger und der Doktor. Hier saß als unser Wiesennachbar der Bachgasseleskramer, der den wunderlich schönen Namen ‚Millimattler’ führte; man denkt bei diesem Namen doch gleich an einen Schmetterling oder sonst an etwas Leichtes und Flatterndes; aber der Millimattler war ein kleiner Mann mit dickem Bauch, und als er starb, erschien zu seiner Nachfolge in der Krämerei ein großer Mann mit dickem Bauch und mit dem zutreffenden Namen Schweinberger.

Rings um unser Haus her, das mit seinem ziegelroten Anstrich von überall zu sehen war, saß ein Handwerker neben dem andern – Dächer, unter denen ich genau so heimisch war, wie unter dem Dach meiner Eltern. Unser nächster Nachbar bachaufwärts, nur zehn Schritte über die Straße hinüber, war der Wagnermeister – in Welden sagten sie: Der Wanger – dessen Hausmauer kaum zu sehen war unter dieser Menge von spiralförmig entrindeten Birkenstangen, die da zum Trocknen in der Sonne standen und der Bestimmung entgegenharrten: Lange Wagendeichseln zu werden, auf denen man sich prächtig schaukeln konnte, bis sie plötzlich entzweibrachen. In der Werkstatt des leiben, guten Wangers lernte ich das Schnitzeln, Hämmern und Sägen; und an seinem Tisch bekam ich alle kulinarischen Herrlichkeiten des Dorfes zu kosten: Die Gruiben im Sauerkraut, die Dampfnudeln in der Schleifersbrüh, die geschupften Baunzen, die Äpfelküchle und das Huzelbrot. Wie beim Wanger, so war ich Tischgast bei der ganzen Nachbarschaft; und weil da schon um elf Uhr immer Mittag gehalten wurde, kam ich um zwölf Uhr satt an den Tisch der Mutter und wollte nichts mehr essen; aber eine Stunde vor der Kaffeezeit bekam ich wieder Appetit und wenn ich dann zur Mutter lief und klagte: „Mammi, hungere tuet mich!“, so pflegte die Mutter zu sagen: „Schleck e Salz, so tut dich dürschte.“

Neben dem Wanger hatte der Bachgasselesschmied ein großes Haus auf dem Marktplatz; aber dieser ‚Schmied’ war eine lange, magere Wittib, die drei Söhne hatte, zwei riesenstarke Schmiedbuben und einen stummen, verkrüppelten Trottel, der auf den Händen im Hof herumrutschte und die kurzen Beinstumpen in zwei abgewetzten Ledertöpfen stecken hatte. Ich weiß nicht, wie er hieß; man nannte ihn nur ‚das Männdele’; und als die Schmiedin das Zeitliche segnete, starb zwei Tage später auch das Männdele, ohne dass es vorher krank gewesen wäre.

Ein paar Häuser bachaufwärts ratterten die Lohstampfen des Gerbers, der immer nach Eichenlohe roch, die C-Trompete blies, einer von den sieben Liberalen des Dorfes war und im Bürgermeisteramt der Nachfolger des Heiligen Vaters wurde. Vor dem Haus des Gerbers hatte die Laugna den tiefsten Gumpen – und da könnt ihr euch denken, wie oft ich mit der verbotenen Angel zum Haus des Gerbers lief.

Hinter dem Gerber hauste der Schreiner, der sieben Kinder und vom vielen Hobeln ein krummes Schienbein hatte. Dann kam der Schlosser, der mir das beibrachte, wie man ein Zündloch in die alten Kirchtorschlüssel bohrt, um sie in ‚Schlüsselbüchsen’ zu verwandeln, die beim Schießen in der Hand zerspringen – will man dabei seine zehn Finger behalten, so muss man so was Ähnliches sein wie ein Sonntagskind.

Schräg über der Straße drüben stand das Haus des Zimmermeisters Kriechbaum, der immer ein spöttisches Lächeln um den rasierten Mund und nur ein einziges Auge hatte, weshalb er der ‚Enägl’ hieß. Nach Verkündigung des Infallibilitätsdogmas spielte dieser Enägl eine sehr dunkle Rolle in der schauerlichen Tragödie des Pfarrhofes.

Fünfzig Schritte weiter bachaufwärts wohnte der Drechsler, bei dem ich das ‚Draxeln’ studierte und jene rote Spinnräderbeize kennen lernte, die man vierzehn Tage nicht mehr von den Fingern wegbrachte.

Gegenüber hauste der Jäger-Uerle, dem das Fischrecht in der Laugna gehörte, ein Umstand, der ihn zu meinem erbitterten Feinde machte, bis wir durch eine merkwürdige Begebenheit – die ich in meiner Skizzensammlung ‚Die Jäger’ erzählte – die besten Freunde wurden.

Und ganz am Ende der Gasse, noch hinter der Nagelschmiede des Heiligen Vaters, klapperte und klopfte im letzten Häuschen des Dorfes der magere und wortkarge Spengler. Der hatte zwei Töchter, die so mollig und hübsch waren, dass sie allen Burschen im Dorf gefielen. Die Gegend um dieses Haus herum war ein gefährlicher Platz. Hier wurde am meisten gerauft und geprügelt. Und nicht weit von dieser Stätte des Unfriedens war der große Sandbruch, wo man immer den Hals riskierte und die Hosen kaputt machte, wenn man über die steilen Sandsteinflächen sitzlings herunterschlitterte.

Nach der westlichen Seite unseres Hauses, bachabwärts, kam zuerst der Maurermeister, der sich vergnügt ein neues Haus gebaut hatte, weil ihm die Regierung das alte, in dem wir wohnten, so gute bezahlte. Sein Nachbar war der Bäck, bei dem ich stundenlang im Teig herumzwalgte und träumend in das Spiel der langen, fein gezüngelten Flammen guckte, die aus den Luftlöchern des Backofens herausschlugen, wenn er geheizt wurde. Nicht weit vom Bäck war das Färberhaus, in dessen säuerlich riechender Werkstatt ich bei jedem Besuch blaue Hände bekam, ein blaues Gesicht und blaue Kleider – und das war ein Blau, das noch dauerhafter war als die rote Spinnräderbeize des Drechslers.

Drüben über dem Bach stand das Haus des Buchbinders, der in einem großmächtigen Topf den viel verwendbaren Kleister kochte, und dessen kränklicher Sohn die Ursache der fürchterlichsten Hiebe wurde, die ich in meiner Kindheit zu verschmerzen hatte.

Dann kam das liebe Haus, in dem mein guter ‚Maler-Papi’ seine herrlichen Künste trieb: Der Malermeister, Vergolder und Lackierer Georg Vogel. Über dem Bach drüben knetete der Sattler mit seinem dicken Daumen das Leder, aus dessen Abfällen ich meine Schleudern fabrizierte. Und am westlichen Ende der Bachgasse war der Gürtler, der immer alles wieder löten musste, was ich an Kupferzeug und messingenen Dingen kaputt gemacht hatte. Und das allerletzte große Haus, das war die Mühle, dieses klappernde mehlstaubende Reich aller Kinderherrlichkeiten.

Die obere Gasse des Dorfes, die Kirchgasse, blieb für mich zwei Jahre lang eine ferne und fremde Welt, die ich erst kennen lernte, als ich in die Schule kam. Und auch in späteren Jahren behielt sie für meine Kinderaugen noch immer etwas Dunkles und Unerkanntes. Meine klare und sichere Heimat, die ich bis ins kleinste kannte, das war und blieb die Bachgasse, in deren Mitte das Haus meiner Eltern stand.

Mit der Morgenseite sah dieser rötlich getünchte Fensterkasten gegen die Straße hin, dem Haus des Wangers gegenüber. Die Südseite war durch ein winziges Gärtchen vom Ufer des Baches getrennt und blickte nach der schönen Pappelallee und nach der großen Holzbrücke, die man die ‚Mucklsbruck’ nannte, weil sich auf ihrem Geländer ein heiliger Nepomuk in schwarzem Talar und weißem Chorhemd erhob, der ein hölzernes Gebetbuch zärtlich an seine Brust drückte; unter seiner linken Achselhöhle war immer ein Spatzennest.

Gegen Westen guckte die Scheunenwand des Hauses dem Lauf der Laugna nach und war durch eine Wiese, die mein Vater gleich im ersten Jahr in einen Pflanzgarten für Ziergewächse verwandelte, vom neuen Haus des Maurermeisters geschieden; und hier, an der Scheunenwand, lag der stubengroße, mit hohen Staketen umzäunte Hundezwinger; die Hundehütte hatte zwei Schlupflöcher – die rechte Abteilung gehörte dem braunen Hühnerhund Unkas und mir, die linke dem gelben Teckel Kastor und meiner Schwester; das Besitzrecht wurde eifersüchtig behütet, und bei gelegentlichen Übergriffen gab es scharfe Raufereien zwischen Unkas und Kastor, zwischen meiner Schwester und mir; die Hunde bissen, wir Kinder kratzten. Diese Hundehütte, an deren Giebelwand ich meine ersten Schreibkünste versuchte, sieht noch heute im Hof des neuen Forsthauses zu Welden.

Gegen Norden, vor der Haustüre, die eine hübsche Holzveranda bekam, lag ein geräumiger Kiesplatz, mit Johannis- und Stachelbeerstauden am Zaun entlang und mit einem einsamen Apfelbaum; er trug jene Gattung frühzeitiger Äpfel, von denen behauptet wird, dass sie schon um Jakobi reifen; aber das erlebten sie nie; sie waren immer schon vier Wochen früher gefressen. Über dem Zaun drüben lag der große Wiesgarten des Millimattlers; man sah das Krämerhaus, das Gehöfte der Bachgasselesschmiedin, sah den bergansteigenden Marktplatz mit dem ‚Fäßlerwirt’, mit dem hohen, engbrüstigen Doktorhause und mit dem reisigen, das ganze Dorf beherrschenden Dach des Rollewirtes. Auf der Höhe des Marktplatzes standen noch ein paar kleine Häuser, deren nach Süden schauende Fenster in der Sonne immer wie grell blitzende Feuerchen waren. Und hinter diesen Häusern erhob sich der hohe, von Buschwerk überwucherte, mit kleinen Wäldchen gesprenkelte und einen mächtigen Sandbruch bildende Theklaberg.

Hoch droben auf diesem Berge lag eines von den Märchengefilden meiner Kindheit. Hier stand vor Zeiten einmal das Jagdschloss eines Grafen Fugger. Der wurde auf einer Parforcejagd vom Blutsturz befallen, und während ihm der wie Quell des Lebens aus der Kehle sprudelte, tat er das Gelübde, der heiligen Thekla eine Kirche zu bauen. Als die Kirche in schönem Glanze fertig stand, war die Familie des Grafen verarmt und zog von Welden fort. Das Jagdschloss wurde auf Abbruch verkauft und niedergerissen. Und von der gräflichen Herrlichkeit blieb neben der prächtigen Kirche nur ein verwahrlostes Kaplanhaus stehen, das zur unheimlichen Gespensterstätte wurde, als wir Buben eines Tages in dem verödeten Haus ein Skelett unter der verfaulten Diele fanden. Noch ein zweites kleines Gebäude stand in der Nähe, unter riesigen Linden: Das Häuschen des Gemeindedieners, des ‚Berg-Verele’, der ein Dutzend wunderlicher Spitznamen führte, eine vertrottelte Tochter und zwei pfiffige Söhne hatte und nach einem friedfertigen Leben eines jämmerlichen Todes sterben musste; er wurde das Opfer einer Explosion; weil er hundertvierzig Zwetschgen mitsamt den Kernen verschluckt hatte, zersprang ihm der Magen.

Hinter der Theklakirche war ein lehmiges Geländer mit einem Dutzend großer und kleiner Weiher. Die größeren hatte der Doktor mit einem Zaun umgeben, um hier eine Fischzucht für Karpfen und Hechte anzulegen. Aber dieser Zaun, trotz Dorngestrüpp und Stacheldrähten, war leicht zu überklettern, und dann konnte man die Karpfen mit der Fischgabel herausstechen und die Hechte mit der Drahtschlinge fangen – wobei man sich freilich vom Doktor nicht erwischen lassen durfte. Und in den kleineren Weihern und Pfützen gab es Frösche dem Tausend nach. Da brauchte man nur ein rotes Tuchzüngelchen an die Angel zu spießen, dann sprangen die dummen Frösche wie verrückt nach diesem leuchtenden Käferchen in die Höhe. Wie war das schön, wenn die Sonne über diesen gelben Wasserflächen glitzerte und lachte! Aber seltsam gruselig wurde es am Abend, wenn diese tausend Frösche zu unken begannen – das wurde ein mächtiges Lied, das man weit hinaushörte über das stille, dämmernde Tal.

Um zu den Herrlichkeiten des Theklaberges empor zu gelangen, hatte man einen stielen, schweißtreibenden Weg hinaufzuklettern. Herunter ging es um so flinker. Da setzte mans ich hoch droben am Rande des Sandbruches auf einen dicken Fichtenast, nahm das Zweigholz als Lenkstange zwischen die Beine – und so fuhr man los. Ein Saus, dass einem Hören und Sehen verging, und dann war man schon drunten auf dem Marktplatz, schlug im linden Sand ein paar unfreiwillige Purzelbäume, stand lachend und mit leidlich gesunden Gliedern wieder auf – aber wenn man heimkam, schlug die Mutter die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: „Ach, Gottele, Bub, wie siehst du denn wieder aus!“

Sooft ich an unsere Haustüre in Welden denke, spür’ ich immer die Finger der Mutter um mein Handgelenk herum, habe das Gefühl, dass ich nicht gehe, sondern flink gezogen werde, und höre eine liebe Stimme, die schelten möchte, aber lachen muss. Und dann klingt wohl auch eine andere Stimme dazu, die den Versuch macht, streng zu sein: „Natürlich, jetzt kann ich wieder eine von meinen guten Hosen zerschneiden lassen! Hau doch dem Lausbuben eine hinter die Luser! Er muss doch einmal merken, dass man die Hosen nicht geschenkt bekommt.“ Aber die Mutter schlug mich nie; sie ‚pritschte’ mich nur manchmal ein bisschen; das tat nicht weh. Und auch, wenn die Mutter zornig wurde, behielt ihr Schelten im Dialekt noch etwas Heiteres. Der Vater sprach fast immer Hochdeutsch mit uns Kindern; im Dialekt sprach er nur mit den Bauern, die in seine Kanzlei kamen oder im Wald und auf der Straße mit ihm schwatzten; seine Art zu sprechen, blieb seit meiner Kindheit bis zu seinem Tode immer die gleiche; der Sprachklang der Mutter wechselte von Ort zu Ort; überall nahm sei gleich was an; und in ihren späteren Jahren zwitscherten Fränkisch, Kaufbeurisch, das Staudenschwäbische und das Oberbayrische mit dem Hochdeutsch drollig durcheinander.

Von der Haustür führte ein schmaler Flur nach der Küche. Zur Linken lagen die Wohnstube und das Schlafzimmer der Eltern. Zur Rechten, unter der steilen Holztreppe, musste man durch ein dunkles Gängelchen tappen, um in Papas Kanzlei zu kommen, die früher der Stall war; wie oft man da auch mauerte und weißte – es blieben immer große, feuchte Flecken an den wänden und an der Decke. Solche Flecken gab es auch in allen anderen ebenerdigen Räumen des Hauses; im Keller stand immer das Druckwasser der Laugna; und die Mutter jammerte stets um die ‚teuren Tapeten’ und klagte, dass all ihre ‚schönen Sächelgen’ schimmelig würden und kaputt gingen. Ich erinnere mich an ein Wort, das sie hundertmal sagte: „Wenn d’Regierung da net bald emal Füeß macht, gehe mer noch drauf!“

Über die steile Treppe, deren Geländerstange durch mein vieles Herunterrutschen eine glänzende Politur bekam, ging es hinauf in unser ‚Salönle’, das schneeweiße Spitzenvorhänge und ‚Pariser Möbel’ mit grünen Ripsbezügen hatte. Hier wurden die ‚Besuche’ empfangen. Und wenn ich im Sonntagskittelchen dabei sein musste, war das immer eine qualvolle Viertelstunde; ich bettelte mit den Augen, rutschte und zappelte, bis die Mutter endlich sagte: „In Gottes Name, so spring halt davon, du Wanzele du ewigs!“

Hinter dem Salon war das Fremdenzimmer, das auch als stets verschlossene Aufbewahrungsstätte für die Äpfel und das Eingemachte benützt wurde. Und gleich bei der Treppe lag die große Kinderstube. Hier stand in der linken Ecke das Bettchen meiner Schwester, in der rechten das meine. Dazwischen waren die beiden Fenster, durch die man die Laugna sah, den heiligen Nepomuk, die Pappelallee und die ferne, fremde, unerforschbare Kirchgasse. Die große Kostbarkeit unserer Kinderstube war die alte, hohe Standuhr aus Urgroßvaters Zeiten. Als Kind glaubte ich immer, dass der Name Urgroßvater von dieser Uhr herkäme. In ihrem Kasten konnte man sich so schön verstecken! Aber wenn man dabei eine unvorsichtige Bewegung machte, stach man sich den Dorn des Perpendikels in den Nacken oder bekam von den schweren Uhrgewichten eine Beule am Hinterkopf. Und dann musste die Mutter immer den Doktor und den Uhrmacher holen lassen.

Vom Söller vor der Kinderstube ging eine Stiege zum großen, dämmerigen Bodenraum hinauf, zu diesem Seligkeitsreiche unter dem elterlichen Dach. Hier konnte man nach Fledermäusen jagen, konnte durch die Dachluken mit dem Blasrohr Erbsen und Lehmkügelchen auf die steifen Bauernhüte hinunter schießen. Hier hingen die Rehfelle zum Trocknen, die Fuchs- und Marderpelze, mit denen wir uns als ‚Wilde’ maskierten. Hier stand der Korb mit den ‚Wäschkluppen’, die man dem Schwesterchen an die Ohrlappen, ins Haar und an die Nase klemmen konnte – und in einer Kiste wurde hier der kostbarste von usneren Kinderschätzen verwahrt: Das große ‚Figurentheater’, das wir vom Onkel Wilhelm zu Weihnachten bekommen hatten. Die tischgroße Bühne wurde mit kleinen Lämpchen beleuchtet, hatte ein griechisches Portal mit rotem Vorhang, Pappfiguren an Drähten und Klappkulissen mit vier Dekorationen: Grafenzimmer und Bauernstube, Schlosshof und Wald. Auf diesem Theater konnte man zwei Märchen spielen: Dornröschen und Rotkäppchen. Aber wir spielten auch alle anderen Märchen, die uns die Mutter erzählte – und es machte keinen Riss durch unsere Phantasie, wenn wir die Figur des Königs den Höllenfürsten mimen, oder Rotkäppchens Großmutter das ‚Käschperle’ spielen ließen. Ich war der Schauspieldirektor, der alle Figuren reden ließ, und meine Schwester und Doktors Elsbethle waren das unersättliche Publikum. Manchmal durften auch ein paar von meinen Gasseleskameraden diese Herrlichkeiten genießen. Nur erwachsene Leute mochte ich nicht als Zuschauer haben – weil sie, wenn ich meine Figuren ernst und zärtlich reden ließ, immer so fürchterlich lachten. –

Doktors Elsbethle!

Bei diesem Namen steigt etwas Süßes und Schreckliches aus der Vergangenheit herauf.

Ich sehe ein flinkes, zartes Mädelchen von fünf Jahren, mit schmalem Vogelgesichtchen und großen Augen. Dunkle Haare liegen glatt und glänzend um die Wangen her und sammeln sich im Nacken zu einem straffen Schwänzchen mit grasgrüner Masche. Das stille Mädchen hatte immer einen traurigen Blick und ein flehendes Lächeln um den Mund herum; es trug ganz kurze Röcklein, nur bis zum Knie; aber die mit Spitzen besetzten Unterhöschen reichten hinunter bis zu den Fußknöcheln.

Zuerst konnte ich das Elsbethle gar nicht leiden – weil es ein Mädel war. Unter dieser zähen Aversion gegen alles, was nicht Bub hieß, hatte ja auch meine eigene Schwester zu leiden. Und wenn mir im Dorf ein Mädel in die Nähe kam, schrie ich immer gleich: „Gehscht weg, du!“ … und dachte bewusst oder unbewusst an die dunkle Geschichte, die ich zu Kaufbeuren mit dem Theresle erlebt hatte. Die Bachgasselesmädchen im Dorfe ließen sich meinen männlichen Zorn nicht gefallen, schimpften energisch zurück und erfanden allerlei böse Namen, die mit der Hose in unliebsamer Beziehung standen. Aber das Elsbethle, wenn ich nicht mit ihm spielen wollte, weinte so wunderlich lautlos. Diese Tränen, dieses flehende Lächeln um den kleinen Mund herum und diese traurigen Augen bezwangen meinen Widerwillen.

Ich selber merkte nicht, wie das zuging – wusste nur plötzlich, dass ich dem Elsbethle sehr gut war, und dass ich mir keine liebere Freude mehr wünschte, als mit ihm zu spielen. Wenn das Mädchen zu uns ins Forsthaus kam, wurde ich heiß und rot; und wenn ich vor dem Doktorhaus die Glocke zog, dann schlug mir das sechsjährige Herzl wie ein Hammer.

Im Leben dieses Hauses war eine merkwürdige Sache, die auch meinen Kinderaugen auffiel. Die drei Menschen, die da lebten – Vater, Mutter und Kind – waren immer für sich allein. Der schlanke, schweigsame Mann war fast immer auf dem Wege zu seinen Kranken, die in sieben Dörfern auf ihn warteten. Hatte er freie Zeit, so saß er droben auf dem Theklaberge bei seinen Karpfenteichen oder herunten in seinem Hause unter den Bäumchen seiner Vogelstube. Er hatte eine Leidenschaft für alles Zwitschernde und hatte das größte Zimmer seines Hauses in einen kleinen Wald verwandelt, in welchem an die hundert Singvögel frei umherflatterten. Diese vielen Vögel singen und trillern zu hören, das war entzückend. Aber den Unrat, den sie machten, roch man im ganzen Haus.

Die Doktorin war eine stattliche, fast dicke Dame mit einer sehr lauten Stimme. Sie war gerne in Herrengesellschaft, fuhr mit ihrem Kugelstutzen zu jedem Scheibenschießen, das in der Gegend gehalten wurde, und bekam eine rote Nasenspitze.

Ich fand das Elsbethle, wenn ich das Doktorhaus betrat, fast nie in Gesellschaft der Mutter, immer bei der Magd in der Küche, oder einsam in der Waldstube bei den Vögeln, oder auf dem Dachboden, wo das Kind in Erwartung meines Besuches schon all sein winziges Kochgeschirr aus den Weihnachtsschachteln herausgekramt hatte. Ich kochte nicht gerne – das war ja ‚Mädelesarwet’ – aber dem Elsbethle tat ich alles zuliebe, auch was mir zuwider war. Und was die kleine stille Köchin fertig brachte, verschluckte ich ohne Widerrede. Doch froh war ich immer, wenn die Kocherei ein Ende hatte, und wenn wir uns an das Dachfenster setzten oder in einen dämmerigen Winkel unter dem wirren Gebälk. In diesen düsteren Ecken lernte ich eine zärtliche Freude kennen, von der ich nicht wusste, dass sie eine Grausamkeit war. Das Elsbethle war leicht zum Fürchten zu bringen. Und drum erzählte ich dem Kind alle Gespenstergeschichten, die ich in den Spinnstuben unserer Nachbarschaft zu hören bekam. Ich selber hatte niemals Furcht vor Gespenstern, weil Vater und Mutter über diese Geschichten lustig lachten und mir immer sagten: „Das ist närrisches Zeug, an so was glauben nur die dummen Leut, und es gibt nur gute Geister, keine bösen!“ Und was Vater und Mutter sagen, muss doch wahr sein! Aber das Elsbethle – wenn ich das Wörtchen ‚Geischt’ nur leise aussprach – zitterte immer gleich über das ganze feine Körperchen, klammerte die Ärmchen um meinen Hals und schmiegte sich so fest an mich an, als wären wir beide ein einziges Stücklein Leben. Und ich hatte das gerne; dieses zitternde, feine Körperchen so fest an mir zu fühlen. Und wenn ich nach einem gruseligen Weilchen sagte: „Geh, du Närrle, ’s sich doch alles nit wahr, ich tu dich bloß fürchte mache!“ … dann sah mich das Elsbethle lächelnd an und küsste mich dankbar auf den Mund. Und dann erzählte ich gleich wieder eine Geistergeschichte.

All meine anderen Spielkameraden des Dorfes ließ ich im Stiche, um nur immer beim Elsbethle sein zu können. Diese kindliche Herzensgeschichte ging ein halbes Jährlein in Friede und Freude so hin – bis jene schreckliche Sache passierte, die mir die Liebe zum Elsbethle mit allen Wurzeln aus dem Herzen riss.

Diese Begebenheit verlangt zu ihrem Verständnis eine kleine physiologische Randbemerkung.

Unter jener hartnäckigen Abneigung, die mir seit dem Abenteuer mit dem Theresle gegen alles geblieben war, was ‚Mädele’ genannt wurde, hatte auch das Elsbethle, wie ich schon erwähnte, im Anfang unserer Bekanntschaft viel zu leiden. Aber das wurde plötzlich anders. An einem heißen Sommertag spielten wir am Ufer des Baches, und da kam ich auf den Einfall, mich abzukühlen und ein Bad zu nehmen. Das Elsbethle machte das natürlich gleich mit. Und da konnte ich zu meiner Überraschung bemerken, dass an dem Elsbethle nicht die geringste Übereinstimmung mit den dunklen Unerklärlichkeiten des Theresle zu entdecken war. Lag’s in meiner Natur, oder war’s ein Resultat der reinlichen Erziehung, die ich als Kind empfing, oder war’s eine Nachwirkung der großmütterlichen Warnung vor dem Blindwerden – ich hatte immer einen heftigen Abscheu vor allem, was mit den unsauberen Notwendigkeiten des menschlichen Körpers zusammenhing. Und nun denkt euch, wie hoch ich das Elsbethle über den durchschnittlichen Bubenwert zu stellen begann, als ich gewahren konnte, dass dieses seine Dingelchen nicht nur jeder Ähnlichkeit mit dem schauerlichen Theresle entbehrte, sondern auch vom lieben Gott noch viel appetitlicher gebildet war, als ich und die anderen Buben. Ich fing da wahrhaftig zu glauben an, dass das Elsbethle eine Art von Idealgeschöpf wäre, dem jede Veranlassung fehlte, sich mit niederen Lebensfunktionen zu befassen.

Ganz deutlich erinnere ich mich noch, dass damals während jener plätschernden Badestunde etwas unsagbar Schönes und Freudiges in meinem sechsjährigen Gehirnchen war. Und als wir in der Sonne Heim wanderten, ließ ich die feinen Fingerchen meines Ideals für keine Sekunde aus meiner Hand. Ich glaube, dass an jenem Tage meine zärtliche, von allerlei seltsamen Süßigkeiten durchzitterte Leibe für das Elsbethle begann, in dem ich das Herrlichste und Beste des Lebens zu sehen vermeinte.

Um so schrecklicher wirkte dann aber auch die Tragödie der Enttäuschung auf mich, die jähe Zernichtung meines reinlichen Ideals.

Es kam in jenem Sommer eine wandernde Komödiantentruppe nach Welden, schlug im großen Saal des Bräuhauses eine blaue Bühne auf und spielte Theater. Das ganze Dorf war in Aufruhr und drängte sich zu diesen Vorstellungen. Zuerst führten die Künstler, die mehrmals in der Küche meiner Mutter zu Mittag aßen, die Leidensgeschichte Christi auf. Es ist in mir keine klare Erinnerung an den Eindruck geblieben, den dieses fromme Spiel in meinem christlichen Kindergemüte hervorrief. Ich besinne mich nur noch darauf, dass ich glückselig jubelte, als sich der Verräter Judas in komischer Verzweiflung an einen Baum hängte. Und besinne mich noch, dass um die gleiche Zeit durch viele Nächte ein großer Komet am Himmel stand, und dass ich in der Dunkelheit vom Fenster nicht wegzubringen war, immer zu dieser feurigen Rute hinaufblickte und Nacht für Nacht auf die Ankunft der heiligen drei Könige kamen. Aber der Komet verschwand, ohne dass die Könige kamen. Und eines Tages erschien der Theaterdirektor bei meinen Eltern, um anzufragen, ob sie nicht erlauben möchten, dass ich in einem Stück mitspiele.

Dieses Stück hieß ‚Der Prinzenraub’. Den König und die Räuber konnten die Schauspieler aus ihrer Truppe stellen. Es fehlte nur der Prinz – und diese Rolle gedachten sie mir zuzuweisen, weil ich jene blonden Locken hatte, diem an ‚Kreuzerschneckerln’ zu nennen pflegt, und weil ich einen schwarzbraunen Samtanzug besaß. Die Mutter hätte wohl eingewilligt, aber der Vater schüttelte den Kopf. Doch ganz erfolglos zog der Schauspieldirektor damals nicht ab. Er nahm meinen Samtanzug und mein Barettchen mit, das eine weiße Reiherfeder hatte. Und dann erfuhr ich, dass das Elsbethle in meinem Samtkittelchen und in meinem schönen, tadellosen Samthöschen den geraubten Prinzen darstellen würde.

Ich konnte eine Woche lang vor Aufregung kaum mehr schlafen und war zappelneugierig darauf, das Elsbethle theaterspielen zu sehen. In meinem Anzug! Und was bei dieser Aufregung in mir am stärksten pipperte, war die Sehnsucht, diesen geheiligten Anzug wieder auf meinem eigenen Leibe tragen zu dürfen.

Die Mutter hat mir später erzählt, dass ich sie am Tage der Aufführung fast zur Verzweiflung brachte durch die hundertmal wiederholte Frage: „Mammeli, gehen wir noch net bald in die Komödi?“

Wir saßen in der ersten Bank. Hundert lärmende Menschen hinter uns. Von dem Anfang des schönen Schauspiels hörte ich nichts, weil ich immer in die Kulissen guckte und auf das Elsbethle wartete. Endlich erschien der feine Prinz in meinem schwarzbraunen Samt. „Ach Mammi, wie schön ist das Elsbethle! Ach, wie schön!“

Der bedrohte Prinz hatte in der Szene, in der die Räuber ihn fingen, ein paar flehende Worte zu sprechen, die ich lange schon auswendig wusste – so oft hatte mir das Elsbethle während der letzten Tage, wenn wir unter den Dachbalken miteinander kochten, diese schönen Worte vorgeplappert. An eine von diesen Reden, die das Prinzlein den Räubern zu halten hatte, weiß ich mich heute noch zu erinnern. Sie lautete ungefähr: „Seid ihr nicht Menschen, die der liebe Gott erschuf? Habt ihr nicht ein fühlendes Herz, das sich eines unschuldigen Kindes erbarmt?“ Diese Worte blieben mir wohl auch deshalb im Gedächtnis, weil im Haus meiner Eltern durch viele Jahre noch oft von dieser schrecklichen Theatergeschichte gesprochen wurde.

Die Szene des Prinzen kam. Und das Elsbethle, das vermutlich auf den Proben nur glattrasierte, gutmütige Schauspielgesichter gesehen hatte, bekam vor den schwarzbärtigen Räubern einen solchen Schreck, dass es in der Rolle stecken blieb. Das Mädele in meinem schwarzbraunen Bubensamt zitterte heftig und sagte nur immer: „Seid ihr … seid ihr … seid ihr …“ Das Publikum fing zu kichern an – und späterhin erklärte mir die Mutter, dass die Holzwinkler Schwaben bei dem ängstlichen Gestotter des Kindes immer verstanden hätten: „Säutier’, Säutier’, Säutier’!“ Dieses erste Lachen brachte den verdatterten Prinzen noch völlig aus dem Konzept. Das Elsbethle wurde stumm, und aus dem feinen Kehlchen, das über die weiße Spitzenkrause hervorguckte, wollte kein Laut mehr heraus. Ich erschrak, dass es auch mir den Hals zuschnürte. Und neben mir sagte die Mutter leis: „Ach, Gottele, das arme Kind!“ Nun plötzlich ein fideles Gebrüll auf allen Bänken. Und der Räuberhauptmann, statt den geraubten Prinzen auf die Schulter zu heben und davon zu schleppen, führte das zitternde Elsbethle sehr vorsichtig hinter die Kulissen hinaus. Und wo der kleine, schöne, süße Prinz gestanden hatte, blieb auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, ein großer nasser Fleck zurück. Jetzt begriff ich, warum die Leute lachten. Ich spürte etwas wie schmerzendes Feuer in meinem Gesicht – und dann gähnt ein dunkles, grauenvolles Loch in der Erinnerung an meine Seelenzustände von damals.

Ich weiß nur noch, dass ich mich am anderen Morgen in die Hundehütte versteckte, als die dicke Doktorin mit der lauten Stimme zu meiner Mutter kam, um das prinzliche Kostüm zurückzubringen.

Und das Elsbethle hab’ ich nimmer angesehen; wenn es irgendwo auftauchte, rannte ich gleich davon. Und weder durch gute Worte, noch durch Strenge war ich zu bewegen, dieses Höschen noch mal anzuziehen, dessen schwarzbrauner Samt eine Stelle hatte, die nicht mehr schwarzbraun war. Ich wehrte mich und schrie und strampelte, bis die Mutter mir den Gefallen tat und das entsetzliche Kleidungsstück verschwinden ließ.

Einige Monate später verließ der Doktor mit Frau und Kind den Holzwinkel, um als Arzt in eine Stadt zu übersiedeln. Das stand gewiss mit der Geschichte vom Samthöschen in keinem Zusammenhang. Aber ich fühlte in meinem unversöhnlichen Knabenzorne doch so etwas wie das Walten eines Schicksals, das in strenger Gerechtigkeit auch ein Stücklein Hosensamt nicht ungestraft um seine reinliche Farbe betrügen lässt.

Während die Doktorsleute mit dem Elsbethle ihren Abschiedsbesuch im Forsthaus machten, hockte ich atemlos im Holzkasten der alten Standuhr und rührte mich nicht, obwohl ich die Mutter ein dutzend Mal rufen hörte: „Ludwigl, Ludwigl!“ Und am andere Tag guckte ich durch den Spitzenvorhang unserer Kinderstube mit Herzklopfen zu, wie eine hoch bepackte Kutsche durch die Pappelallee davonfuhr. Was ich tat, als sie verschwunden war – ob ich weinte oder lachte – das weiß ich nimmer. Es wird wohl das eine oder das andere geschehen sein. Oder beides.

Das Elsbethle war fort. Doch es bleib nicht aus meinem Leben verschwunden. Zehn Jahre später sollte ich noch etwas wunderlich Trauriges mit ihm erleben.

Damals, nach der Abreise der Doktorsleute, kam dann gleich der Winter. Man warf mit Schneeballen, ‚schlieferte’ über das Eis in den Straßengräben hin, immer ein Dutzend lachender Buben hintereinander, schlitterte über den Marktplatz herunter, schlug mit Lachen die schmerzlosen Purzelbäume durch das linde Weiß – und alle Süßigkeit, die das Elsbethle mir gegeben, aller Schmerz und Zorn, den es mir verursacht hatte, war versunken und vergessen, bevor der Frühling wieder kam. Vielleicht wäre das Vergessen noch früher gekommen, wenn nicht die Mutter das als eine lustige, doch sicher wirkende Drohung noch eine Zeitlang beibehalten hätte: „Du, ich sag dir’s, wenn du nicht brav bist auf der Stell, so musst du ’s Prinzehösle wieder anziehe!“

Um jene Zeit begann mir auch die fremde, ferne Kirchgasse ein näheres Land zu werden. Denn ich kam in die Schule. Von dem Entwicklungsgang der Weisheit, die da vor hundert Kindern verzapft wurde, ist mir wenig in Erinnerung geblieben. Ich weiß nicht mehr, welche Seelenwandlungen die Kunst des Lebens und Schreibens in mir hervorrief. Die Kunst des Rechnens darf ich ohnehin aus den Wandlungsfaktoren meines Lebens völlig ausscheiden; denn das Rechnen hab’ ich nie gelernt – auch später nicht.

Denke ich an die ersten Schuljahre zurück, so höre ich keinen Klang der Weisheit, sondern sehe nur das Bild von vielen Kindern, die, mit Strohtaschen in den Händen oder mit kleinen Ränzlein auf dem Rücken, sehr langsam durch die Pappelallee hinaufgehen – oder das Bild eines ungeduldigen Kinderschwarmes, der sich mit Geschrei durch eine enge Türe hinausdrängt, um gleich ein wildes Schneeballengefecht oder ein grimmiges Raufen anzufangen. Ich sehe zerbrochene Schiffertafeln mit baumelnden Schwämmchen, sehe schmutzige Bücher mit Eselsohren, sehe die naiven Holzschnitte des biblischen Geschichtenbuches – am deutlichsten die drei Jünglinge im Feuerofen, den Knaben Isaak auf dem Holzstoße und den Walfisch des Jonas – höre das schrillende Kratzen eines steil gehaltenen Griffels und fühlte den Klatsch eines mit Schnee umhüllten Kiesels hinter den Ohren oder den dumpfen, Atem raubenden Schlag eines Schulranzens in der Magengegend.

Deutlich kann ich noch die Schulstube mit den vielen zerschnittenen und tintenfleckigen Bänken sehen – immer sechs Buben in einer Bank und sechs Mädchen in der nächsten, von den Siebenjährigen bis zu den Vierzehnjährigen. Und gut erinnere ich mich noch an das geheimnisvolle Leben, das unter diesen Bänken herrschte. In dieser grauen Dämmerung, hinter dem Schutzwall der Mädchenröcke wurde immer Markt gehalten und Schacher getrieben. Alles Erdenkliche wurde da gehandelt und vertauscht: Klucker und Stahlfedern, Griffel und Bleistifte, Siegellack, Drachenschnüre, Gerstenschleim und Bärendreck, Kandiszucker und Dörrzwetschgen, Angelhaken, Nägel und Schrauben, Bindfaden und Glufen, Pinsel, Farben, Fuchszähne, Zinnsoldaten, Bilderbogen, Messer, alte Haustürschlüssel, Pulver und Blei. Wer nicht nur Tauschware besaß, sondern ein paar Kreuzer oder gar einen Sechser im Hosensack hatte, war Großlaufmann auf diesem Markte, von dessen Besuch alles Weibliche streng ausgeschlossen war. Wehe dem Mädel, das den Versuch wagte, sich in diesen Handelsbetrieb der höher organisierten Männlichkeit einzumischen. Da gab es Püffe, Schläge, Kratzwunden und ausgerissene Haare. Und jene Buben, die auf so niedriger Geistesstufe standen und so charakterlos waren, dass es ihnen ein scheues Vergnügen bereitete, mit den Mädchen zu ‚häuseln’, im Dunkel unter den Schulbänken mit den ‚Föhlen’ zu wispern, sie in die Waden zu kneifen, an den Kniekehlen zu kitzeln, usw. – solche Schandkerle wurden mit Schimpf und Schmach aus der Kameradschaft ausgestoßen und bekamen den fürchterlichen Namen: ‚Mädlefußeler. Nur die Schwachen und Feigen ließen sich das gefallen. Ein richtiger Bub, wenn er bei einem Raufhandel dieses Schimpfwort zu hören bekam, nahm’s für die tödlichste aller Beleidigungen und wetzte das wieder aus in einer erbitterten Prügelei.

Die Schulstube, mit dem schmalen Stiegensöller, nahm den ganzen Oberstock des Lehrerhauses ein und hatte Fenster ringsherum – ich glaube, es waren acht oder neun. Da zog es im Winter herein, dass an den Büchern die Blätter wehten. Immer husteten sechzig Kinder. Und wer in der Nähe des riesigen Ofens saß, musste schwitzen und wurde halb gebraten.

An den Wänden, zwischen und über den Fenstern, hingen drei Landkarten (Bayern, Europa und die ganze Welt), eine Papptafel mit Insekten, eine mit ‚afrikanischen Viechern’, eine mit Giftpflanzen, Giftschlangen und Giftbeeren; dieser Karton mit dem ‚giftigen Zuig’ wurde in jedem Frühling erklärt; aber wir behielten nur das warnende Bild der roten, weiß getupften Fliegenschwämme im Kopf; alles andere, was wir draußen im Wald finden konnten, verschluckten wir – manchmal mit bösen Folgen. Während meiner vier Schuljahre in Welden starben drei Kinder an den Tollkirschen.

Neben der großen ‚Leitertafel’, die für uns alle ein schwarzer Schrecken war, stand die Kanzel des Lehrers; sie war anzusehen wie eine assyrische Sache, die man nach vielen tausend Jahren aus der Erde heraus gegraben; alle Farben waren da vertreten; mit allem, was sich schmieren ließ, war das Pult bestrichen – mit Ton-Nuancen, die bei keiner Wäsche mehr völlig herausgingen; da half weder Seife noch Lauge; und Schimpfnamen waren darufgeschrieben und mit dem Messer halb wieder ausgekratzt; allerlei Bezeichnungen von Haustieren, deren Verstandeskräfte man niedrig einschätzt, waren tief ins Holz geschnitten und durch den Hobel wieder undeutlich gemacht.

Auf diesem Pult, das wie die Chronik einer hundertjährigen Lausbüberei erschien, pflegte der ‚Herr Lehrer Gsell’ zu sitzen, wenn er nicht in dem Gang zwischen den Bänken auf und ab wanderte und die roten Hände rückwärts unter der Joppe wärmte. Von seinen Lehrmehtoden weiß ich nichts mehr zu sagen. Ich weiß nur noch, dass er kein allzu strenger Magister war, sondern ein geduldiger gutmütiger Mann mit freundlichem Vollmondgesicht, das gerne lachte. Nur wenn man ihm mit Kreide bestrichenen Tuchflecken die Bilder von Eselsköpfen und Schweinshäuptern auf dem Rücken abklatschte, oder wenn man seinen Pultsessel mit Stahlfedern spickte – das hatte er nicht gerne. Da wurde er ungemütlich, verlegte sich nicht lange darauf, den Schuldigen auszuforschen, sondern ließ die ganze ‚Bande’ von elf bis zwei Uhr in der Schule fasten, oder applizierte mit dem Haselnussstecken durch sämtliche Bänke hin ein halb Dutzend ‚Tatzen’ auf jede linke Hand. Aber solche Massenjustifizierungen schienen für ihn selber schmerzlicher zu sein, als sie es für unsere Hände waren. Er war dann immer viele Wochen lang doppelt geduldig und nachsichtig.

In der Schule trug er immer dicke ‚Fleckelespantoffel’, auch im Sommer, hatte keine Weste an, knöpfte nie die Joppe zu, und an seinem grauen, etwas zu kurzen Beinkleid guckte unten und oben die farbig karierte Barchentunterhose heraus.

Wenn ich mich an eine persönliche Lebensäußerung des Lehrers Gsell zu erinnern suche, dann seh’ ich ihn nicht in der Schule, sondern auf der Kegelbahn beim Rollewirt, wie er nach einem missglückten Schub das rechte Bein in die Luft hebt, den ganzen wohlgenährten Korpus auf komische Art verdreht und der hoppelnden Kugel nachschreit: „Du Deifelskügele, geahscht hüschtaher! … Verrecke sollscht!“ Oder ich sehe den Herrn Lehrer bei den heiteren Kneipabenden im Forsthaus zwischen meinen Eltern und den Forstgehilfen vergnügt im Winkel des hölzernen Sofas sitzen, wie er die Gitarre, das ‚Dudelschächtelte’, vor dem runden Bäuchlein hat und jenes Schnadahüpfel singt, das immer wieder von ihm verlangt wurde:

„Unser Katz hat Kätzle ghabt,
Siebne, achte, neune,
Oins, dees hat koi Schwänzle ghabt,
Schieb mer’s wieder eine!“

Dieses wunderliche Kapitel aus der Naturgeschichte gab mir in meiner Kindheit viel zu denken. Seine logischen Zusammenhänge wurden mir niemals völlig klar, obwohl ich oft darüber nachgrübelte. Und als ich die Mutter einmal bat, mir dieses dunkle Volkslied zu erklären, sagte sie lachend: „Du musst net alles wisse. Viel Wisse macht Kopfweh!“ Das merkte ich mir für die Schule.

Ich erinnere mich auch, dass es einmal an solch einem Kneipabend im Forsthause rings um den Lehrer Gsell ein schreindes Gelächter gab. Warum? Das erzählte mir in späteren Jahren einer von den Forstgehilfen. Da hatte die Frau Lehrer wieder ein Kinderl bekommen, das achte oder neunte. Und am Abend der Kneipgesellschaft jammerte Vater Gsell über diesen verschwenderischen Storchensegen und klagte: „Ich weiß nimmer, was das ischt! Kaum häng ich ’s Unterhösle and er Frau ihr Bettstättle hin, so kriegt se schon wieder e Kindle.“

Meine Mutter sagte: „Da tät ich halt ’s Unnerhösle emal wo annersch hinhänge.“

Und Vater Gsell antwortete hochdeutsch: „Frau Revierförster! Hab’ ich auch schon probiert. Der Effekt war der gleiche.“

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.