Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Der Ochsenkrieg

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         Der Ochsenkrieg
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Kapitel 3

In dem kleinen, schmucklos eingerichteten Gemach, das hinter des Amtmanns großer Schreibstube gegen den Hofraum lag, saßen Herr Someiner und Lampert am Tisch, der bedeckt war mit aufgeschlagenen Büchern.

Der Amtmann führte den Sohn, der seinen Dienst als Aktuarius beginnen sollte, in das verwickelte Wirtschaftswesen des kleinen Reiches ein und hatte dabei viel mehr von böser Schuldenlast und Rechtsbedrückung zu reden als von friedlichen Lebensgütern und erfreulichem Besitz. Misswirtschaft im Innern und ruhelose Fehden nach außen hatten den Landbestand des Stiftes beschnitten, die Einnahmen geschmälert, den Verbrauch gesteigert, die Schulden vermehrt. Es war eine böse Zeit, ein hartes Leben. Nie war Friede an den Grenzen. Nahm sich das Stift der Seinen kräftig an, so gab es blutige Händel, war es geduldig und nachgiebig, so stellte es sich der Unbill und Willkür auf allen Seiten bloß.

Die Brüder vom heiligen Zeno zu Reichenhall versäumten keine Bedrängnis Berchtesgadens und schluckten bald einen Grenzwald und Bauernhof, bald einen strittigen Jagdberg. und Salzburg, das auf Betreiben der bayrischen Herzöge das Gadnische Land nur widerwillig aus langer Pfandschaft entlassen hatte, erschwerte ihm eifersüchtig den wachsenden Salzbau und wartete auf eine günstige Stunde, um als fetter Wolf das magere Lamm zu verspeisen.

"Allweil sind wir wie ein gehetztes Schaf. Wehrt sich das arme Vieh mit dem Maul, so wird ihm der Schwanz beschnitten. Zieht es den Schwanz ein, reißt man ihm die Woll von den Lusern. Und wo wir uns hinwenden um Beistand, werden die hilfreichen Händ zu Klauen, diem an fürchten muss."

Es war die Politik der bayrischen Fürsten, Berchtesgaden nicht an Salzburg und nicht an Österreich fallen zu lassen. Und Politik der österreichischen Herzöge war es, den Hinfall Berchtesgadens an Bayern zu verhindern. Solchem Schutz zu Danke hatte das Stift die Fürsten von Österreich als Erbvögte und Schirmherren Berchtesgadens anerkannt. Doch diese Erbvögte wurden so gnädig, dass Berchtesgaden wieder Schutz bei den Herren von Bayern suchen musste, die es seine Stifter und Patrone nannte. Auf der Kanzel des gadnischen Münsters wurde vor der Predigt für die österreichischen Erbvögte und wider ungenannte Feinde, nach der Predigt wider ungenannte Feinde und für die bayrischen Patrone gebetet.

"Und glaub mir's, Bub, wir wären lang schon an Landshut, Ingolstadt oder München gefallen, wenn nicht die bayrische Faust fünf Finger hätt, die sich feindselig spreizen, statt dass sie einträchtig miteinander greifen. Seit sie das Löwenfell des großen Ludwig in Lappen gerissen haben, macht der ewige Vetternzwist die bayrischen Herren schwächer mit jedem Tag. Ein Glück für uns, dass es in Österreich drüben nicht besser ist. Und so ist's überall im Reich. Kein Wachsen nimmer, überall das Auseinanderfallen in Neid und Zwist. Was hab ich für böse Zeiten mitgemacht! Drei Könige im deutschen Land! Und in der Kirch drei Päpst!"

"Gott sei Dank, Vater, das ist vergangnes Elend! Und König Sigismund ist ein Herr, von dem die Deutschen ein Aufleben hoffen dürfen."

"Wer glaubt, wird selig. In Dir ist Hoffnung, weil Du jung bist, in mir ist Misstrauen, weil ich Menschen und Leben kenn. Im Reich gibt's keine Auferstehung nimmer. Der große deutsche Traum? Der liegt noch tiefer versunken als bloß im Unterberg. Die zu Rom haben's durchgesetzt. An der Goldenen Bull ist zu Scherben worden, was deutsche Einheit heißt. Von den Fürsten schmort sich jeder den eigenen Gockel. Und der deutsche König ist ein armer Mann, fristet mühsam sein Leben, reitet im Land herum und brandschatzt eine Stadt nach der andern. Aber was tät mich die Wirrnis kümmern im Reich da draußen! Hätten wir nur in unsrem Bergwinkel ein leidlichs Leben!"

"Vater!", Lamperts junge Augen blickten ernst. "Das ist von den Elendsgründen einer, dass so viel tausend allweil sagen: Was kümmert mich die Wirrnis im Reich! Tät jeder die Not des Reiches spüren wie eine Not des eigenen Lebens, so wär bald alles anders."

Herr Someiner zog zuerst erstaunt die Brauen in die Höhe, dann lächelte er nachsichtig. "Jeder Redliche spürt die Not des Gemeinwesens und möcht helfen. Aber jeder spürt auch die Übermacht der Widerständ und ermüdet dran."

"Widerstände sind da, um überwunden zu werden. Streit um ein nichtsnutzig Ding ist Verbrechen, aber Kampf um ein herrlich Gut ist das Beste des Lebens."

Wieder lächelte Herr Someiner. "Wart erst, bis du im Amt bist! Und bis die Widerständ dich seufzen machen, sooft Du ein Gutes willst! Wie Mauern stehen sie da. Jetzt renn mit dem Schädel hin!"

"Vater?", fragte Lampert, sich erregend. "Ist ein Kriegsheer von hunderttausend Mann nicht ein Widerstand? Und kein Jahr ist's her, da hat ein Häufl schlecht bewaffneter böhmischer Bauren die mächtige Ritterschar vor sich hergejagt wie ein Hasenschwarm. Und weißt Du, von wo diesen Bauren solche Kraft gekommen ist? Weil in ihren Reihen ein Gedanke war, eine Hoffnung und ein Glaube. Vater, ich hab viel gesehen in Prag und viel gelernt. Auf dem Scheiterhaufen zu Konstanz hat man bloß einen Leib zu Rauch gemacht. Aber des Hussen Geist lebt weiter in seinem Volk und wirkt ein Großes. Wir Deutsche müssen lernen von den Böhmen."

Vor Schreck über diese Worte hatte der Amtmann ein fahles Gesicht bekommen. Er machte eine wehrende Bewegung, die den Sohn verstummen ließ. Nun war Stille in der kleinen Kammer. Lange blieb Herr Someiner unbeweglich. Dann öffnete er die Tür der Schreibstube und sah hinaus. Der Schreiber Pießböcker war schon zur Mahlzeit fort. Aufatmend verriegelte der Amtmann draußen die Flurtür und kam mit brennendem Gesicht zurück. "Lampert?" Seine zitternde Hand fasste den Sohn an der Schulter. "Bist Du ketzerisch?"

Ruhig sah Lampert in die angstvollen Augen des Vaters. "Nein! Ich bin gutgläubig. Bei meiner Mutter Leben, das ist wahr!"

"Dem Himmel sei Dank!", unterbrach ihn der Vater. "Einen schönen Schreck hast Du mir eingejagt." Herr Someiner rüttelte den Sohn an der Schulter. "Sei fürsichtig! Verdacht ist eine Maus, die zum stoßenden Stier wird, eh man sich umschaut. Zu Regensburg haben sie heuer den Kaplan Grünsleder, bloß weil der den Hus verteidigt hat, auf dem Markt verbronnen. Überall ist das ketzerische Elend los. Bei uns hat's auch schon angefangen. In der Woch, eh Du heimgekommen, hat man einen Salzkärrner gefasst. Der ist ein Bruder vom freien Geist gewesen und hat eine höllische Lehr ins Volk geredet: Er wär durch die Gnad des Himmels völlig eins mit Gott geworden und tät nimmer sündigen können, und wenn der Mensch bloß allweil lebt nach seiner Natur Geheiß, so dürft er sich alles erlauben, und es gäb für ihn kein kirchliches und kein menschliches Gesetz mehr! So eine Verruchtheit! Der Mann ist gestäupt worden, dass er an seiner Buß versterben hat müssen."

Lampert sah das angstvoll erregte Gesicht des Vaters an. Und plötzlich sagte er: "Zu Prag, in der bayrischen Burse, hat einer eine wunderliche Frag getan. Er hat gefragt: Wenn Gott allmächtig ist, warum hat er die Menschen nicht bloß zum Guten erschaffen, warum auch zum Bösen? Gott muss doch stärker sein, als der Teufel ist? Weil Gott allgütig sein muss, kann er das Böse nicht zulassen, nicht selber schaffen. Aber das Böse ist da. Oder sagen wir Menschen: bös? Und Gott sagt: gut? Zu allem? Weil alles sein Werk und Kind ist?"

"Und was für Antwort hast Du dem Tropf gegeben?"

"Ich hab geschwiegen." Lampert lächelte. "Aber einer hat mit der Faust auf den Tisch gehauen und hat geschrieen: Eine Frag tun, auf die man nicht Antwort wüsst, wäre Hinterlist und Niedertracht. Und da hat's dann Händel und blutige Ohren gegeben."

Herr Someiner schüttelte missbilligend den Kopf und nahm seinen Platz am Tisch wieder ein.

"Vater! Das war zu Prag ein friedloses Leben in der letzten Zeit. Böhmisch und hussitisch, deutsch und katholisch, das hat man allweil für ein Ding genommen. Hie Freund, dort Feind! Auf der Straß, im Rat, in der Herberg, in den Bursen, überall ist der ewige Hader gewesen, und kein Tag ist vergangen ohne Schlagen und Stechen. Auf der Straß einmal, da bin ich in so einen Handel hineingeraten, ich weiß nicht, wie. Und derweil ich drein hauen will, da packt mich einer am Arm. Ist ein junger Mensch gewesen mit blassem Gesicht. Und hat mich angeschaut mit traurigen Augen und sagt: Nicht schlagen! Denken!"

Der Amtmann nickte: "Das ist einer gewesen von meiner Art! Aber Du hast nicht unrecht, in Händel kommt man, man weiß nicht, wie. Weil die Leut das nicht lernen mögen: Erst denken! Bis sie vor Weh und Müdigkeit zu denken anheben, ist das ärgste Unglück schon allweil geschehen."

Als Lampert wieder zu sprechen begann, kam etwas Traumhaftes in den Klang seiner Stimme, so dass jedes Wort erfüllt war wie vom Hauch eines Geheimnisses. "Wir zwei sind gute Kameraden worden. Er ist ein Medikus gewesen, und sein Lieblingswörtl hat geheißen: Tu die Augen auf! War ein Rechtgläubiger. Und hat doch gut von den Feinden der Kirch gesprochen. Eines Tages hat er mich beredet, dass ich mit ihm hinausg eritten bin zum Taborberg. Und wie wir hinkommen zum Zeltgeläger der Hussiten, sagt er wieder: Tu die Augen auf! - Vater, da hab ich ein seltsam Ding gesehen."

Tief aufatmend streckte Lampert die Fäuste über eines der aufgeschlagenen Schuldbücher hin.

"Wie tausend goldene Lanzen sind die Zeltspitzen in der friedsamen Sonn gestanden. Ein großes Volk beisammen! Und Du hast keinen Hader und keinen Zwist gesehen, hast kein Johlen und kein Geschrei vernommen. Ruhig haben die Leut geredet, und jeder ist seiner Werkung nachgegangen. Unter den Bauren sind Bürgersleut gewesen und adlige Herren. Aber die hat man nimmer auseinander geschieden. Und die Frauen ohne Putz, ohne Gold und Edelstein. Das haben sie nieder getan auf den Tisch der Sach, von der sie sagen, dass es die gute wär."

"So ein Wörtl ist bald gesagt!" Herr Someiner wurde verdrießlich.

"Und da sind wir zu der Mahlstätt gekommen, wo die Priester auf grüner Wies und in der Sonn den Kelch gereicht haben. Du weißt, sie sagen, dass man das Göttliche nicht nur speisen müsst, auch trinken. Das Heilige Buch ist ihnen die einzige Lehr. Und Gleichheit vor Gott und Menschen verkünden sie, Gemeinschaft der Güter in Friedsamkeit."

Der Amtmann schüttelte den Kopf. Von dem, was in Lamperts leiser Stimme zitterte, quoll nichts hinüber zu ihm. "Narren, Narren!", sagte er hart. "Gefährliche Narren!"

"Zu Tausenden sind die gewaffneten Mannsleut und die Maiden und Frauen auf den Knien gelegen. In Inbrunst haben sie gebetet und den heiligen Trunk genommen. Und bald da und bald dort ist einer aufgestanden, vom inneren Geist entzündet, und hat mit flammender Red gesprochen zu den Herzen des Volks. Und allweil ist die Anred gewesen: Brüder und Schwestern!"

"Hätt heißen sollen: verdrehte Köpf und hirnkranke Föhlen! Lang wird der ketzerische Wahnsinn nimmer dauern. In Österreich rüstet man schon. Man wird ihnen predigen mit Eisen und Feuer."

Lampert erhob sich. "Mit Feuer und Eisen wird man nimmer totmachen, was lebendig geworden in vielen. Hat man den Hus nicht totgemacht? Schau jetzt nach Böhmen hinüber! Ketzer? Mag sein, dass Du recht hast! Aber ist nicht auch in den Gutgläubigen die Einsicht, dass es besser werden muss mit Kirch und Lehr? Und Du, Vater? Bist Du zufrieden mit Deinen geistlichen Herren?"

Der Amtmann trommelte ärgerlich auf einem Buch. Die Antwort fiel ihm schwer. Der Propst, der alte Dekan und ein paar von den Herren im Stift, das waren feste, redliche und aufrechte Männer. Aber diese jungen Chorherren und die übermütigen Domizellaren! Die entschlugen sich lustig der Regel und lebten, als wäre ihr Wunsch, das Kloster in ein weltliches Stift verwandelt zu sehen, schon erfüllt. Sie vergeudeten das Gut des Stiftes, kümmerten sich keinen Strohhalm um ihren geistlichen Beruf, so dass man zur Übung der Seelsorg bezahlte Kapläne anstellen musste, derweil die Chorherren den Tag mit Jagen, Fischen und Beizen verbrachten, die Nacht mit Mummereien und Maidenspiel. Um den bürgerlichen Frauen und Töchtern leidliche Ruh vor diesen heiteren Herren zu schaffen, musste die Gadnische Gemeinde im Bashaus die freie Wohnung stiften für die Hübschlerinnen, für die "geschuhten Wachteln", die von Salzburg geflogen kamen. Um solcher Dinge willen hatte Herr Someiner schon manch einen zornigen Fluch verschluckt. Jetzt sagte er mürrisch:

"Da redet man nicht davon. Im Amt muss Fürsicht allweil das erste sein."

"Ein Amt ist überall, Vater! Und drum ist überall die Fürsicht und das Dulden. Und überall die Sittenwildnis der Geistlichkeit."

Herr Someiner verlor die Geduld. "Die heilige Kirch und die Klerisei sind zwei verschiedene Ding. Ein Knecht, der missraten ist, macht den Herren nicht schlechter."

"Aber auch nicht besser."

"Bub!" Der Amtmann sprang auf. "Bist Du heimgekommen, um mich in Gefahr zu bringen?"

"Nein, Vater!" Lampert redete ruhig. "Aber das ist ein Ding, das mich schmerzt. Sollt man da nicht denken dürfen an Hilf?"

"Du wirst den schmierigen Hafen der Zeit nicht sauber machen!" Dem Gestrengen schwoll die Zornader an der Schläfe. "Lass Du die Hilf von denen kommen, die dazu berufen sind."

"Wären die geistlichen Herren nicht berufen als die ersten? Geistlich? Kommt dieses Wort nicht her vom Geist? Aber sie mästen den Leichnam eines faul gewordenen Lebens und lassen der Menschheit redlichen Geist versterben! Wer und was soll helfen, Vater?"

Herr Someiner wollte heftig erwidern. Da hörte er Stimmen und vernahm von der Schreibstube draußen ein Pochen an der Tür. Erschrocken flüsterte er: "Sei still, Bub! Da kommen Leut." Der Zorn zitterte noch in seiner Stimme. "Lass Dir raten! Red solch unbeschaffen Zeug nicht vor andern Leuten! Auch nimmer vor mir!"

Während Lampert die Hand über die Augen presste, ging sein Vater in die Schreibstube hinaus und sperrte die Flurtür auf. Und als er an Stelle Marimpfels und des Ramsauer Richtmanns, die er erwartet hatte, einen alten Mann und einen jungen Burschen in der schwarzen Tracht der Salzknappen gewahrte, brach der mühsam verhaltene Zorn aus ihm heraus. "Gotts Nöten, was ist das für ein Unfürm? Wie trauet ihr euch zu lärmen vor meiner Tür?"

Der junge Bursch lachte verlegen und zog den Kopf zwischen die Schultern. Und der Alte sagte scheu: "Gestreng Herr Amtmann, der Bub da, das ist der Ulrich Eirimschmalz, ist Stollenknecht bei uns seit Lichtmess, ist ein Ausländischer, vom Rhein her, und ist in Herberg bei mir. Und der hat ein Ding gemacht, dass ich gemeint hab, ich müsst es dem Gestreng Herrn Amtmann weisen."

"Was für ein Ding? Ein schlechtes?"

"Ich weiß nit, Herr! Schauet selber!" Und der Alte reichte dem Amtmann ein mürbes, zerknittertes Blättlein Papier.

Herr Someiner nahm das Blatt, sah es an, zog die Augenbrauen in die Höhe und trat zum Fenster.

"Komm, Bub! Musst nit Angst haben!", sagte der Alte, trat mit dem jungen Burschen in die Amtsstube und drückte die Tür zu.

Am Fenster betrachtete Herr Someiner das Blatt, auf dem drei schwarze Reihen dicker, gleich großer Schriftzeichen waren, plump und unsauber, schief aneinandergereiht, ähnlich der ungeübten Schrift eines schlechten, schwerhändigen Schreibers. Aber lesen konnte man's. Und jede der frei untereinander stehenden Zeilen sagte das gleiche:

ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer

Herr Someiner schüttelte den Kopf. "Was ist das für eine Narretei?" Er guckte das Blatt wieder an, während Lampert aus der Kammer trat. "Das sieht aus, als hätt's ein Geißbock geschrieben mit dem Huf!"

"Red, Bub!", sagte der alte Bergmann. "Tu dem Gestreng alles weisen! Gelt, Herr, das ist ein erstaunlich Ding!"

"Erstaunlich?", fragte Lampert. "Was?"

"Dass einer schreiben kann und keine Feder nit braucht."

Lampert nahm das Blatt, das der Vater ihm reichte, und besah die wunderliche Schrift.

Der junge Knappe, dem bei der Sache nicht recht behaglich zumute war, begann zu erzählen, immer scheu den gestrengen Amtmann musternd.

Er wäre zu Mainz daheim, Sohn eines Zinngießers, von zwölf Geschwistern das jüngste. Vor zwei Sommern, mit achtzehn Jahren, wäre er auf die Wanderschaft gegangen, hätte ein Jahr lang dem Stadthauptmann zu Würzburg als Pavesenknecht gedient, ein Jahr lang dem Bischof von Chiemsee als Pulverstößer und als Zeltpflöcker bei Jagd und Beizwerk. Die blauen Berge hätten an seiner Seele gezogen. Und so wäre er nach Berchtesgaden gekommen udn Stollenräumer im Salzwerk geworden.

"Und do haw ich, drei Woche kann's her sin, vor de Knappe bei der Mahlzeit erzählt, ich hätt in der Menzer Borscheschul en Kamerad gehatt, den Hennichen Gensfleisch von Guteberg. Der hätt was Richtigs nich lerne woll, haw ich erzählt, und hätt dess allerweche finde mög, dass mer schreiwe kann un kee Feder nicht brauch."

"Halt auch so einer von den Tagdieben", murrte Herr Someiner, "die nicht wissen, wie sie die kostbaren Stunden totschlagen."

"Wird schun so sein, Herr so! Awer gesunnen hat er's. Un weil die Knappe dess nich hawe glaube mög, dass mer schreiwe kann un kee Feder nicht braucht, un weil ich mer nich der Lug hab zeihe lass, drum haw ich mer fürgenomm, dass ich's ihne weise will, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Un hab die Schriftzeiche nach Spiegelweis ussem Buchsbaumästche erausgestochen, wie's der Hennischen Gensfleisch gemacht hot. Un hab mit Essich und Russ e Farb gerührt, hab die Stäbcher eneingetunkt un hab die Schriftzeiche uf e Blättche gedruckt, wie's der Hennichen Gensfleisch gemacht hot. Und do hawe's die Knappe lese könn."

"Aber schlecht!", sagte Herr Someiner. "Mach, dass Du weiter kommst mit Deiner mühsamen Narretei!"

"Vater!", Lampert hatte große Augen. "Das sollte man besser beschauen. Ich mein', das ist -"

Ein dröhnender Hall, wie vom Einschlag eines schweren Blitzes, krachte durch die Lüfte, und dann hörte man ein dumpfes Echo hinrollen über den Untersberg.

Ein Ungewitter? In der schönen Sonne und bei blauem Himmel?

Die viere, die in der Amtsstube waren, rannten zum Haustor und sprangen auf die Straße hinaus. Über ihren Köpfen klirrte ein Fenster, und da droben klang die angstvolle Stimme der Frau Someiner: "Was ist denn? Um Jesu Christ! Was ist denn da?"

Aus allen Fenstern der Marktgasse fuhren Kindergesichter und weiß behaubte Frauenköpfe heraus. Buben und Mannsleute kamen aus den Türen gesprungen, und alle redeten wirr durcheinander.

Nun wieder der gleiche, die Menschen erschreckende Hall. Er dröhnte vom Hirschgraben des Stiftes herüber. Und man hörte das donnernde Echo vom Untersberg über das weite Tal hinausrollen bis zum fernen Watzmann.

Viele Leute rannten gegen den Hirschgraben hin. Und von dorther kam an der Häuserzeile ein kleiner magerer Mensch gesprungen, der mit dem wehenden Mäntelchen einem bubengroßen geflügelten Insekt vergleichbar schien. Das war der Amtschreiber Pießböcker, dem die Gadener den Spitznamen "der Item" gegeben hatten.

Der fuchtelte mit den Armen und kreischte in dünnen Fistellauten: "Gestreng, kommt flink hinüber zum Hirschgraben! Item, da probieren sie die neue Kammerbüchs, die gestern von Augsburg gekommen ist." Das Männlein, dem der Atem versagte, schnappte nach Luft. "Item, sie haben mit dem ersten Schuss eine Mauer gebrochen, item, mit dem zweiten haben sie den großen Vierzehnender im Graben totgeschossen, item, das Vieh ist bloß noch ein Klumpen Fleisch und Blut gewesen. Item, Herr, das neue Ding ist eine mächtige Hilf wider Feind und Burgen! Kommt, Gestreng! Kommt, kommt!" Und aufgeregt, mit wehendem Mäntelchen, gaukelte das magere Männlein wieder davon.

"Eins nach dem andern!", brummte der Amtmann. "Erst muss ich den Mainzer Buben seiner Narrheit überweisen." Und während er in das Haus trat, sagte er zu dem jungen Knappen: "Hast Du den Hall vernommen? Da ist auch ein lützel Russ dabei. Ist aber ein mächtig Ding! Was anders als Dein rußiger Zeitvergeud!"

Lampert stand noch immer auf der Straße und sah verloren in das schöne Blau hinauf, das über den steilen Dächern glänzte.

Wieder donnerte die Kammerbüchse im Hirschgraben.

Ein alter Handwerker in großen Schurzfell und mit nackten Armen nickte stumm vor sich hin. Er wandte das müde, freudlose Gesicht und flüsterte seinem neugierig guckenden Weib zu: "Sie sagen, das hätt ein Pfaff erfunden. Da wird's der Welt einen Schaden tun."

Als Lampert in die Amtsstube kam, saß Herr Someiner am Pult, tauchte die Feder ein, und während er zu kritzeln anfing, fragte er den Ulrich Eirimschmalz: "Jetzt sag, wie lang hast Du gebraucht zu Deiner federlosen Schreiberei?"

"Durch dritthalb Woche haw ich an jedem Feierwend geschnitt un gestoche, bis die Stäbcher fertich ware. Drei Feierawend haw ich gebraucht zum Farbreibe un zum Drucke. Viel Blättcher haw ich verschmiert."

"Drei Wochen? So?" Der Amtmann reichte dem Buben ein kleines Blatt. "Und das da hab ich geschrieben im Viertelsteil eines Paternosters. Was Du geschrieben hast - schau her da!" Herr Someiner fuhr mit einem Federlappen über das bedruckte Blatt, und die Schrift war ausgewischt zu einem rußigen Fleck. "Was aber mein Kiel mit guter Tint geschrieben hat, das bleibt! Das kannst Dir aufbewahren für Kind und Kindeskind!"

Auf dem Blatt stand mit zierlicher Schrift geschrieben: "Hennichen Gänsbraten der Menzer ist ein Tagdieb. Und Du bist auch einer!"

Herr Someiner sprach: "Flink! Weiter mit euch!"

Die beiden trollten sich, und der junge Bergknappe, mit dem Zettel in der Hand, sah stumm den alten Bergmann an. Der sagte: "Ich hab gemeint, es wär eine nutzbare Sach. Aber so ein Herr versteht's halt besser."

Wieder dröhnte der Hall der Kammerbüchse.

"Komm, Bub!", sagte der Amtmann. "Jetzt wollen wir hinüber in den Hirschgraben und das neue Ding betrachten. Der Pießböcker hat schon recht: Das ist eine große Sach! Und sei verständig, Bub! Tu im Hirschgraben die Herren geziemend komplimentieren." Er fügte mit leiser Stimme bei: "Auch die Jungherren, die Dir nicht gefallen."

"Vater!"

"Was?", fragte der Amtmann missmutig.

Lampert legte die Hand auf den Arm des Vaters. "Das Ding mit dem Buben will mir nicht aus dem Sinn. Ich weiß nicht, ob das recht gewesen, was Du da getan hast."

In der reizbaren Seele des Amtmanns kam plötzlich der nur halb unterdrückte Zorn wieder obenauf. "Willst Du mucken wider Deinen Vater?", schrie er. "Werd erst ein festes Mannsbild! Bist Doktor und Magister! Aber allweil bist Du noch wie ein seidnes Fähnl, das sich rührt vor jedem neuen Wind, mag's ein guter oder schlechter sein. Ich denk zuerst! Verstehst Du! Und was ich tu, das ist -"

Herr Someiner schwieg und sah zum Fenster hin. Da draußen verstummte der Hufschlag zweier Pferde.

Lampert, der bei seines Vaters Wort vom seidenen Fähnlein bleich geworden, wandte sich schweigend ab und verließ die Amtsstube. Als er schon bei der Treppe war, hörte er das Eisengeklirr zweier Männer, die das Haus betraten. Er drehte das Gesicht und schien in seiner Erinnerung zu suchen. Da kam der Ramsauer Richtmann auf ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte freundlich: "Gottes Gruß, Jungherr! Euch kenn ich noch allweil. Aber Ihr wisst wohl nimmer, wer ich bin. Freilich, es ist schon an die sieben Jahr her, dass wir uns nimmer gesehen haben. Ich bin der Runotter von der Ramsau."

Während Lampert rasch die Hand des Richtmannes umklammerte, fuhr ihm das Blut ins Gesicht. "Doch, ich weiß schon. Ihr seid es!" In der Erregung, die ihn befallen hatte, sagte er "Ihr", als wäre der Bauer von den Herren einer. Lampert warf einen fragenden Blick auf den Spießknechte hinüber, der in die Amtsstube trat. "Runotter? Bist Du vor das Amt gerufen?"

"Wohl, Jungherr!"

"Warum?"

"Ich weiß nit."

In der Amtsstube flüsterte Marimpfel: "Gestreng! Auf dem Hängmoos steht ein Käser, und siebzehn Milchküh sind aufgetrieben. Der Kerl da draußen muss ein schlechtes Gewissen haben. Er ist grob gewesen, und seine Wehr hat er angetan." Herr Someiner winkte mit den Augen. Da ging der Spießknecht auf die Tür zu und rief hinaus: "Richtmann! Kommen sollst."

Runotter trat in die Stube. "Gottes Gruß, Gestreng Herr Amtmann!"

Mit dem Bauer war auch Lampert gekommen. Er sagte rasch: "Hier wird geamtet?" Seine Stimme klang gepresst. "Ich soll doch lernen? Nicht? Da kann ich wohl bleiben und hören?"

Herr Someiner nickte. Und sagte zum Richtmann: "Gottes Gruß! Du bist in Wehr? Warum?"

Der Ramsauer sah zum Fenster hinaus. "Herr? Soll nit der Spießknecht acht haben auf die Gäul da draußen? Der meinig ist ein lützel hitzig. Da könnt er schlagen oder beißen."

"Beißt er," murrte Marimpfel, "so kriegt er eine aufs Maul." Klirrend verließ der Spießknecht die Stube.

Runotter nahm die eiserne Schaller ab, legte sie auf das Fenstergesims und sagte ruhig: "Warum ich in Wehr bin, Herr? Aus Fürsicht. Für Hofleut ist ein Bauer allweil der Minder. Um Händel zu verhüten, hab ich die Wehr angetan, wie mir's zusteht als Erbrechter."

Lampert, der gegen die Tür der Kammer gelehnt stand, verwandte keinen Blick vom Gesicht des Bauern.

"Soooo?", sagte Herr Someiner. "Fürsicht ist eine löbliche Tugend." Er musterte den Mann. "Ein festes Eisenzeug! Wirst bald noch einen zweiten Holdenkürriss brauchen. Heut hab ich im Wehrbuch gelesen, dass Dein Bub im Winter zu achtzehn Jahren kommt. Vermerkt steht, dass er nicht wehrfähig ist."

Runotters Augen suchten im Leeren. "Das ist nit meine Schuld."

Das Wort war ruhig gesprochen, und dennoch schien es unbehaglich auf den Amtmann zu wirken. Er benahm sich wie einer, der nicht gehört haben will, und sagte: "Willst Du für Deinen Buben das Erbgut aufrecht halten, so musst Du für ihn zur Holdenwehr im Winter einen Ersatzmann stellen. Da wirst Du Dich beizeiten umschauen müssen."

"Wohl, Herr! Könnt sein, es wär da grad ein guter Weg. Heut hat mir der Heiner, mein Knecht, von einem Goldmann erzählt, der in die Ramsau kommen ist. Will reden mit dem. Mag er bleiben, so zahl ich ihm gern die Löhnung fürs Warten bis zum Winter. Für meinen Buben tu ich alles."

"Freilich, Du kannst es!" Herr Someiner lächelte. "Der beste Steuergeber in der Ramsau!"

"Dem Himmel Vergelts! Gott segnet meinen Schweiß."

"Wie viel Ochsen hast Du?"

"Sechs für den Zug, zwei davon für den Acker, der mein ist, viere für Jagdfron und Scharwerk. Sieben Stückl Jungzeug hab ich auf der Alben."

"Wo tust Du sennen? Im Windbachtal?"

"Nein, Herr!" Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen. "Da droben soll kein Stückl Vieh mehr fressen, das mein ist."

"Ist da die Weid so schlecht?"

Runotter zögerte mit der Antwort. Seine Stirne färbte sich. "Nach der Hoflag tät ich sennen müssen beim Windbach. Aber die Gnotschaft hat mir's zulieb getan und hat mir das Hängmoos zugewiesen."

"Das Hängmoos?" Herr Someiner wuchs auf seinem Sessel. "Da sennest Du selber?"

"Wohl, Herr!" Runotter schien das Wunderliche im Klang dieser Frage nicht zu begreifen. "Wir sind unser sechse, die auf dem Hängmoos sennen, der Taubenseer, des Mareiners Schwager, die zwei Hintermöser, der Schwarzecker und ich."

"Da hast Du einen schlechten Tausch gemacht."

Wieder furchten sich die Brauen des Bauern. "Ist mir lieber, als am Windbach sennen."

"Auf dem Hängmoos ist schlechter Boden."

"Der ist besser worden. Wir haben Gräben geschlagen und viel Boden trücken gemacht. Freilich, viel Sumpfland ist noch allweil droben. Ist oft schon ein Stückl Vieh versunken."

"Da wirst Du selber Dein gutes Melkvieh wohl nicht auftreiben?"

"Doch, Herr! Drei Küh hab ich im Stall für die Heimleut, achte sind auf der Alben."

"Auf dem Hängmoos?" Herr Someiner erhob sich.

Verwundert sah Runotter den Amtmann an. "Wohl, Herr! Auf dem Hängmoos."

"Runotter," sagte Herr Someiner streng, "Du bist mir bekannt als redlicher Mann. Drum will ich vorerst noch gütig bleiben. Aber ich muss jetzt doch -"

"Vater!", stammelte Lampert, dem vor Unmut das Gesicht brannte. "Du wirst mir das nicht antun wollen, dass ich -"

"Hier wird geamtet!", klang es würdevoll über das Pult herüber. "Da redet bloß der Amtmann und wer gerufen ist."

Die erstaunten Augen des Richtmanns glitten zwischen den beiden hin und her. "Ihr Herren? Was ist denn da?"

"Das wirst Du hören!" Herr Someiner öffnete den eisenbeschlagenen Schrank, holte den Hängmooser Almbrief hervor und legte das alte, mürbe Pergament auf das Pult hin. Er wollte sprechen. Doch das Gebaren des Sohnes machte ihn aufblicken. Lampert, an der Lippe beißend, tat einen Schritt gegen den Vater hin, sah ihm in die Augen, wandte sich ab und trat in die Kammer hinaus. Herr Someiner bekam einen roten Kopf. Auch im Klang der Stimme verriet sich sein Ärger. "Wie viel Vieh ist aufgetrieben zum Hängmoos?"

"Achtzig Köpf, Herr, nach unserm Weidrecht. Heuer sind zwanzig Kalben droben, dreiundvierzig Ochsen und siebzehn Milchküh."

"Achtzig Köpf?" Der Amtmann sah in den Almbrief. "Das stimmt. Aber Melkvieh? Seit wann wird Melkvieh aufgetrieben zum Hängmoos?"

"Das ist wohl allweil so gewesen, ich weiß es nit anders."

"So?"

"Den Hängmooser Sauerkäs, den hab ich schon gegessen, da bin ich noch Jungbauer gewesen und -" Auf der Brust des Richtmanns hob sich langsam der schwere Kürriss. "Und ein Mensch im Glück! Lang ist's her. Noch länger, wie dass mein Bub ein Krüppel sein muss."

Der Amtmann mochte diese Erinnerung an das Glück des Runotter nicht gern hören. Er sagte verweisend: "Tu nicht reden von Dingen, die nicht vors Amt gehören!"

Der Bauer biss die Zähne übereinander, und seine sonnverbrannten Fäuste klammerten sich härter um den Knauf des Holdenschwertes, das er vor sich stehen hatte.

"Und in der Sach, um die es da hergeht", fuhr der Amtmann fort, "da musst Du dich irren, Runotter! Sauerkäs vom Hängmoos, sagst Du? Man kann nicht käsen, wo kein Käser steht."

"Auf dem Hängmoos steht doch einer."

"Seit wann?"

"Seit allweil."

"Weißt Du auch das nicht anders?"

"Nein."

Die kurzen Antworten missfielen dem Gestrengen. "So? Dann schau Dir einmal den Weidbrief an!"

Der Bauer nahm das Blatt und las. Das dauerte lang.

Inzwischen polterte Herr Someiner hinter dem Amtspult. "Da hört sich doch alles auf! Seit Jahr und Jahr wird da ein Frevel wider das Fürstenrecht verübt. Groß wie ein Haus steht das Unrecht auf dem Hängmoos, hat siebzehn Schwänz und achtundsechzig Füß. Und kein Jäger sieht's, kein Grenzwächter und kein Forstknecht! Und keiner meldet's! Und die Herrschaft hat den Schaden. Es ist ein Kreuz! Auch auf die eignen Leut ist kein Verlass. Und tut man nicht alles selber, so bleibt es ungetan."

Runotter hob das Gesicht, sah den Amtmann an und betrachtete wieder das Blatt. "Herr, liegt da kein andrer Weidbrief nimmer für?"

"Ich weiß von keinem."

Der Bauer legte das Blatt zurück. "Nachher muss da ein Irrtum sein, ich weiß nit, wo. Ist er bei uns Bauren, so geben wir schuldige Buß. Aber der Albmeister, der das Weidrecht hütet und die Schriften in Verwahr hat, ist ein redliches Mannsbild. Ich glaub nit, dass er mit Wissen tät, was wider das Recht ist."

Der Amtmann schlug mit der flachen Hand auf das Dokument: "Da steht es aber doch! Auf dem Hängmoos darf kein Käser sein. Küh dürfen nicht weiden da! Bloß Ochsen."

Das ernste Steingesicht des Runotter bekam einen leisen Zug von Heiterkeit. "Der Herr muss sich nit aufregen. Es wird sich alles weisen. Der Weidbrief ist alt. Vor Zeiten ist auf dem Hängmoos schlechte Weid gewesen. So ein saures Gras! Drum wird man bloß Galtvieh aufgetrieben haben. Und der Ochsenhirt hat keinen Käser gebraucht. Drauf haben die Bauren den Weidboden so verbessert, dass Melkvieh hat grasen können. Und ich denk, da wird man das so ausgeredet haben -"

"Davon weiß ich nichts. Eine andre Urkund ist nicht im Kasten. Beim Recht entscheidet nicht, was Du denkst, und nicht, was ich denk. Beim Recht entscheidet Schrift und Siegel. Da liegt der Brief. Wie er's zu Recht verlangt, so muss es gehalten sein. Der Käser auf dem Hängmoos muss weg. Die siebzehn Milchküh müssen herunter, die siebzehn Ochsen müssen hinauf."

Runotter, den seit achtzehn Jahren keiner hatte lachen sehen, musste schmunzeln. "Herr, das Weidrecht geht doch ums Gras. Ist das nit einding, ob das Gras von einer Kuh gefressen wird oder von einem Ochsen?"

"Nein!" Herr Someiner geriet in Hitze. "Recht ist kein Rütlein, das man biegt. Da steht's. Das Recht will Ochsen. Die Ochsen müssen hinauf!"

Der Richtmann schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: "Herr! Wegen siebzehn Ochsen, die statt der Küh auf dem Hängmoos fressen sollen, wird doch nit der gnädig Herr Fürst mit der Ramsauer Gnotschaft einen Krieg anheben?"

"Krieg? Red nicht so unbeschaffen! Krieg führen Herr und Herr miteinander, nicht Herr und Bauer. Da geht's um Recht oder Unrecht, um Gehorsam oder schwere Buß."

Runotter stieß das Schwert, dessen Knauf seine Fäuste umklammerten, leicht auf den Boden hin. "Gut, Herr! Ich bin nit bockbeinig und will den nötigen Verstand haben -"

Heftig unterbrach Herr Someiner: "Meinst Du, den hab ich nicht?"

"Das hab ich nit gesagt. Aber es könnt doch sein, dass der Irrtum auf Seit der Herren ist?"

"Nein!" Der Amtmann schrie: "Bei mir ist alles geschrieben und gesiegelt. Mein Amt steht außerhalb des Irrtums. Und Recht muss Recht sein! - Oder -"

Runotter sah die schwellenden Adern über des Amtmanns Schläfen und sagte rasch: "Gut, Herr! Dass wir Fried halten - ich will, bis die Sach geklärt ist, auf dem Hängmooser Herd kein Feuer nimmer zünden lassen. Und will die Küh herunter tun. Und dass der Bauerschaft kein Schaden geschieht, drum will ich die siebzehn Küh derweil auf meinem Anger grasen lassen. Und die Ochsen tu ich hinauf. Das soll geschehen, sobald meine Leut neben der Heumahd Zeit haben."

"Zeit hin oder her! Der Mensch kann Geduld haben, das Recht hat Eil. Was Du tun musst nach Recht und Siegel, das wirst Du tun bis morgen zur Mittagsstund! Sonst schick ich die Pfändung auf das Hängmoos, lass den Firstbalken aus dem Käser stoßen und lass die siebzehn Küh davon treiben als Pfand für Siegel und Recht."

"Herr", fuhr es dem Richtmann heraus, "das wär doch Unverstand!"

Bei diesem Wort streckte sich Herr Someiner. Seine Stimme klang höher und stieß gegen die Nase. "Redest Du so mit mir? Weißt Du nicht, dass ich hier steh an Deines Fürsten Statt?"

"Verzeihet, Herr, es ist mir nur so herausgerumpelt." Der Bauer atmete schwer. "Ich trag seit achtzehn Jahr um meiner Kinder willen einen Zaum vor dem Maul. Aber diesmal reißt er."

"Und dann kommt es, dass Du redest, wie Du denkst. Ja, Bauer!" Misstrauisch und forschend musterte Herr Someiner den Richtmann. "Mir scheint, Dich lern ich auch noch kennen! Doch was Du geredet hast wider mich, das will ich um Deiner Kinder willen vergessen. Aber Amt ist Amt. Nach Pflicht meines Amtes wird geschehen, was meines Fürsten Recht verlangt. Tu, was Du willst! Morgen ums Mittagsläuten ist die Pfändung auf dem Hängmoos. Fertig!" Er legte das gesiegelte Dokument in das Fach zurück und versperrte den eisenbeschlagenen Schrank.

"Recht? Wo ist Recht?" Runotter drehte den Knauf des Schwertes zwischen den Fäusten. "Ihr saget: Amt ist Amt? Gut! Da hab ich jetzt einen Merk gekriegt. Ein Amt hab ich auch. Ich bin Richtmann der Ramsauer Gnotschaft, bin eingeschworen drauf, unser Recht zu wahren. auf dem Hängmoos geschieht, was allweil geschehen ist. Die Ramsauer hätten nit so getan, wär nit ein Recht dabei. Und wo das Recht ist, braucht man nit Pfändung und Spießknecht fürchten. Herr! Jetzt tu ich amten und sag als Richtmann der Gnotschaft: Recht muss Recht sein, und der Hängmooser Käser soll stehen, wo er steht, und die siebzehn Milchküh bleiben auf der Alben."

Herr Someiner hatte die Arme verschränkt und stand gegen den versperrten Kasten gelehnt. "Nur weiter, weiter! Da weiß ich doch endlich, was Du für einer bist. Noch gestern hab ich gesagt: Der Runotter ist von den Treuen und Verlässlichen einer!"

"Das bin ich, Herr! Nit um Hofgunst. Jeder Mensch ist, wie er sein muss."

"Schön Runotter! Du redest ja schon bald wie ein Bruder vom freien Geist! Ich merk, es fliegen Fledermäus im Land herum. Und heimlich Funken springen. Am Sonntag hat ein Rauschiger im Leuthaus die schweizerischen Eidgenossen leben lassen. Jetzt liegt er im Loch. Ich tu Dich warnen, Runotter!"

"Was Ihr da redet, Herr, das trifft mich nit! Ich hör nit drauf, wenn ein paar Narrenköpf von der Schweizer Freiheit tuscheln. aber verzeihen könnt man's -"

"Was?", fragte der Amtmann scharf.

"Dass ein Durstiger Sehnsucht hat nach einem Trunk. Und jetzt frag ich, Herr - mit den Ochsen vom Hängmoos - muss das wahrhaftig so sein, wie's jetzt beredet ist?"

"Recht muss Recht sein!"

"Gut! Dann muss ich als Richtmann stehen beim Recht der Gnotschaft." Runotter nahm die eiserne Schaller vom Fenstergesims und drückte sie über den Scheitel. "Deswegen bin ich kein Unverlässiger und kein Freigeistler. Mein Herrgott ist mein Herrgott, und mein Fürst ist mein Fürst." Ein Schwanken kam in die Stimme des Bauern. "Der ist mir drum nit minder worden, weil sein Chorherr Hartneid Aschacher ein schlechtes Stück getan hat wider mein Weib und mein Leben."

Der Klang dieser Worte schien im eisenbeschlagenen Rippenschrank des Amtmanns etwas Menschliches aufzureißen. Er musste seufzen. Doch er sagte streng: "Runotter, das gehört nicht vor mein Amt."

"Dann wird's wohl vor ein Amt gehören, vor dem wir uns alle finden - einmal! Und solang ich noch auf der Welt steh, ist das gut, Herr Amtmann, dass der Chorherr Hartneid Aschacher im Kloster zu Chiemsee ein fürnehmes Leben hat. So weit von uns!" Wie eine stählerne Klammer spannte sich die Faust des Bauern um die Scheide des Holdenschwertes. "Gottes Gruß, Gestreng Herr Amtmann!"

Die schwer genagelten Schuhe des Bauern klapperten auf der Diele, und leise klirrte an seinem Kürriss die Kette des Schwertgehänges.

Die Tür schloss sich. Und Herr Someiner sah sie mit wunderlichen Augen an, als müsste er sich besinnen, was da jetzt geschehen wäre.

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