Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 18

Sagentrost und Wunderglaube! Zwei Blumen im steinigen Garten des Lebens! Sie sprossen auf dem Boden gewaltiger Ereignisse wie Blüten nach schwerem Gewitterregen und senken ihre Wurzeln in die Herzen des Volkes, wie das Immergrün sich einnistet in die Fugen des Gesteins.

In der gleichen Stunde, in welcher die Kinder atemlos den Worten der Greisin lauschten, saßen fern am Ufer des Schönsees drei bleiche Menschen dem neu errichteten Kreuz zu Füßen. Doch nicht auf der Lände erhob sich das heilige Zeichen, sondern auf der Höhe des leeren Hügels, zwischen den mit Schlamm bedeckten Resten des Herdes. Die verschlungenen Hände auf die Knie gestreckt, vorgebeugten Hauptes, saß Sigenot zwischen Ruedlieb und Edelrot, auf deren blassen Wangen noch die Spur der Tränen schimmerte, welche sie um die Mutter geweint. Nicht mit schreiendem Jammer hatte sie die Kunde gehört, mit wortlosem Schmerz, der es als tröstende Wohltat empfand, dass er die entseelten Reste des geliebten Wesens nicht mehr schauen sollte. So stand das Bild der Mutter vor dem trauernden Herzen des Kindes noch lebend, warm und beseelt, die treuen Augen glänzend von aller Zärtlichkeit jener nächtlichen Scheidestunde, in welcher Mutter Mahtilt den letzten Kuss auf die Lippen ihres Kindes gedrückt.

Mit nassen Augen blickte Rötli empor in das leuchtende Blau des Morgens, und während sie in schwärmerischem Schmerz das verklärte Bild der Mutter sah, durchzitterte ihre Seele das traumhafte Nachempfinden ihrer wundersamen Rettung. Ruedlieb erzählte. Mit stockenden Worten schilderte er den letzten Morgen, den sie in der Ödhütte verbracht, die Sorgen des Vaters und den Beginn der furchtbaren Ereignisse bis zu dem Augenblick, in welchem er Edelrot mit sich fortgerissen und den Vater unter grauem Rauch und hagelndem Gestein verschwinden sah. "Seine Lieb' zu mir hat ihm den Tod gebracht!" Die Stimme versagte ihm, und mit zitternden Händen bedeckte er das Gesicht. Schweigend legte Sigenot den Arm um die Schulter des Weinenden.

"Ich hab' schon nimmer schnaufen können," fiel Rötli mit leisen Worten ein, als spräche sie im Traum, "doch wie ich den Lieblie sagen hör': 'Jetzt kommt der Bid', da hab' ich noch einmal aufgeschaut in Schreck und Grausen. Berghoch ist eine schwarze Wand auf uns zugelaufen, und die Todesangst hat geschrieen in mir: Mein guter Herr, Du mein Gott!"

Sigenot nickte. "Und er ist gekommen, den Du gerufen hast in Treu und Glauben!"

"Gekommen ist er!" Mit schimmernden Augen blickte Edelrot ins Leere, und ein Schauer rann durch ihre Glieder. "Auf einmal ist er dagestanden vor uns, großmächtig anzuschauen, und einen grauen Mantel hat er gehabt, wie ein Wald so breit. Sein Schnaufer hat uns angeblasen wie ein Sturm, und derweil mir die Sinn' verloschen sind, hat er den Mantel um uns hergeschlagen und hat uns aufgehoben in die Lüft'. Ich hab' nimmer Aug' und Ohr gehabt, aber einwendig in mir ist alles licht und hell gewesen. Ich hab' gemeint, ich schlaf' und hätt' einen feuerfarbigen Traum ... und gewesen ist mir, als tät' ich auf lauter Daunen liegen und wär' selber so leicht wie ein winziges Federlein. So süß und wohl ist mir ums Herz geworden, ich weiß nicht, wie ... schier so, als tät' ich alles in Armen halten, was mir lieb ist, und als wär' mir auf einmal alles zugefallen, was eins im Leben nur wünschen kann: Glück und Freud' und Frieden ... und denken hab' ich müssen: Jetzt möcht' ich sterben! Und wie der Tag verlischt, wenn die Sonn' vergangen, gerad so ist's allweil trüber worden inwendig in mir und allweil trüber, bis ich nichts mehr gesehen hab' als lauter schwarze Nacht ... ein Sumsen und Laufen ist mir durch den Kopf und den ganzen Leib gegangen, und nur das einzig' hab' ich noch gespürt: Ich fall' und fall' ..." Tief atmend verstummte Edelrot und strich mit den Händen über das Gesicht. "Wie lang's gedauert hat, das weiß ich nimmer. Ich hab' nur auf einmal gemerkt, dass ich leb' und dass ich mich rühren kann. Die Augen hab' ich aufgetan, aber um mich her ist alles schwarz gewesen. Und überall ein Rauschen und Sausen, als wär' ich mitten drin in einem wilden Bach. Schmerzen hab' ich gespürt in allen Gliedern und hab' gemerkt, dass ich auf lauter Steiner lieg'. Erst hab' ich mich aufgesetzt, und wie ich das Greifen anfang', spür' ich ein Gesicht und spür' eine Hand, die sich rührt. Da geht's mir völlig heiß durch Leib und Seel' ... 'Liebli? Bist Du's oder nicht?', frag' ich und hör' ihn sagen: 'Wohl wohl, Schätzli! Ja lebst denn noch?' Gesehen hab' ich ihn nicht, aber seine Stimm' ist's gewesen, und laut weinen hab' ich müssen. Ich streck' die Arm' nach ihm, und da hat er mich schon genommen und hat mich gehalst ... und allweil sind wir gesessen, ich weiß nicht, wie lang! Allweil leichter ist mir geworden, und ich frag': 'Weißt nicht, wo wir sind?' Der Liebli sagt: 'Beim Bid in aller Tief'!' Aber ich hab' den Kopf geschüttelt: 'Wir leben ja doch, und der uns gehoben hat, ist nimmer der Bid gewesen, ein anderer, Liebli, ein anderer! Drum sind wir allzwei still gewesen und haben um und um geschaut in der Nacht. Allweil haben wir niesen und husten müssen, und die Augen sind mir gewesen wie Feuer. Um und um haben wir die schwarzen Berg' gesehen und haben weit aus der Tief' herauf ein fürchtiges Rauschen gehört! Auf einmal ruft der Liebli: 'Wir liegen im Windacher See, mitten drin! Ich hab' kein Wasser greifen können, aber der Liebli sagt: 'Wohl wohl, ich spür' die Näss', wir müssen auf einem Wasen liegen, der übers Wasser schaut! Ja sag' nur, sag', wie sind wir denn von der Ödhütt' in den See gekommen?' Da geht ihm die Red' aus, völlig zitterig springt er auf und hat aus tiefster Seel' ein Schreien angehoben: 'Vater! Vater!' Aber alles ist still gewesen ... nur in der Tief' drunt' hat's gerauscht!"

Ein beklommener Seufzer unterbrach die leisen Worte, und in das Schweigen, welches die drei Menschen umfing, tönte das dumpfe Rauschen der Ache. "In Angst und Herzleid sind wir gesessen die ganze Nacht, und all zwei haben wir uns sagen müssen: Sell droben ist nimmer Leben und Hilf', die Berg' sind gefallen, und haushoch müssen die Felsen liegen. Und wie der Mondschein aufgestiegen ist und der Tag gegraut hat, haben wir den Eismann nimmer gesehen ... droben über dem Albental und der Ödhütt' ist's gelegen wie ein steiniges Feld, lauter Blöck' und raue Köpf' ... und herunten im Tal, überall um uns her, ist alles ein Gries und Schlamm gewesen. Keinen See mehr hast gesehen, nur braune Lachen um und um, und in dem trüben Wasser hat's gewimmelt von Hechten und Ferchen. Gewächs' und Blumen sind gestanden, wie ich mein Lebtag' nie gesehen hab', und mitten drin im grünen Wunder sind weiße Knochen gelegen, groß und klein, als wär' das Beinermännli umeinander gegangen und hätt' sie verloren aus seinem Schurzfell. Ein heiliges Grausen ist über uns gekommen ... wir haben uns eines ans ander' angedrückt, und derweil um unsere Füß' her die Fisch' gesprungen sind, haben wir den Heimweg gesucht auf blumigem Grund, über dem vor Tag und Nacht das Wasser noch gestanden ist, tief wie ein Brunnen."

Sigenot erhob sich, und aufblickend zum Kreuz, zog er die Geretteten an seine Brust. "Der Euch hinausgetragen über fallende Berg', hat auch den Weg für Euch gebrochen durch See und Flut. Gegen die Guten ist er gut, gegen die Treuen ist er treu ... schaut auf zu ihm und dankt seiner Lieb'!"

Sie kannten nur das eine Gebet: Mein guter Herr, Du mein Gott! Es war ihr Schrei um Hilfe in der Not gewesen und war nun der Dank auch für das Wunder ihrer Rettung. Ein Wunder Gottes! Was wussten sie von den rätselvollen Launen und Gewalten der Natur, welche Meisterin im Zerstören ist, doch neben allem Werk der Vernichtung auch alle Zauberkünste im Schaffen und Erhalten übt. Sie hatten erfahren, was ihre Menschensinne nicht zu fassen vermochten, sie hatten das Unbegreifliche erlebt - und nannten es stammelnd mit dem Namen Gottes. Der Schauer des Glaubens erfüllte sie und trug ihre Herzen hinweg über allen Schmerz der Stunde, wie der vor der Steinlawine einher brausende Luftstrom die schon den Tod Geweihten hinausgetragen hatte über die Stätte des Verderbens und den gähnenden Abgrund.

"Und jetzt kommt, Ihr guten Kinder, ich will Euch heimführen zu eurem Herd!" Sigenot fasste Ruedliebs Hand und die Hand der Schwester. Während sie über den Hügel niederstiegen, stockte ihm der Fuß. "Schau, Rötli, noch allweil steht Dein junges Bäuml! ... Gelt, Ruedlieb? Wenn der Winter die Erd' gefrieren macht, so heb' das Bäuml mit allen Wurzeln aus und trag's hinüber in Deinen Hag! Sell hat es guten Boden!"

Ruedlieb nickte nur, und seine Lippen zuckten. In stillem Schmerz und mit nassen Augen nahmen sie Abschied von der verwüsteten Stätte, welche so viel des Glücks getragen, doch mehr noch an Not erfahren hatte. Jeden der ausgestreuten Balken, jedes Stücklein des zertrümmerten Hausgerätes streifte noch ihr Auge, und der letzte Blick irrte hinaus über den weißen See, in dessen Tiefe Mutter Mahtilt das weite Grab ihres Mannes teilte. Schwere Tränen rannen über Sigenots bleiche Wangen. "Wicho, mein guter Wicho! Hüt' mir den Vater und die Mutter in Treu!"

Sacht schwankten die von weißem Schaum bedeckten Wellen gegen das Ufer, und wie leises Flüstern ging es über das zerschlagene Schilf, in welchem einzelne Halme sich schon wieder aufzurichten begannen.

Langsam schritten die drei Menschen der Ache zu. Als sie die von den lang gestreckten Schuttströmen durchzogenen Halden der Schönau erreichten, sahen sie überall um die Trümmerstätten die Männer bei der Arbeit. Mitten in einem Häuflein der Schaffenden erkannte Sigenot eine Gestalt im schwarzen Gewand. Eberwein war es, und rastlos schwang er die Picke.

Während Ruedlieb und Rötli, in träumendem Schauer über die Stätten der Verwüstung blickend, ihrem Weg folgten, blieb Sigenot stehen. Es zog ihn zu Eberwein. Tief atmend murmelte er: "Nur noch den einzigen Weg für mich ... und ich komm', Herr, ich komm'!" Er folgte den beiden, und als er sie erreichte, drängte er mit stammelnden Worten: "Eilt, Kinder, die Zeit ist teuer!"

Sie schritten rascher aus. Überall gewahrten sie die Bahrenträger mit ihren stillen Lasten. Nirgends ein hastiges Rennen, nirgends Geschrei und laute Rufe, überall dumpfe Ruhe. Frauen gingen an ihnen vorüber, tränenlos und still. Kein Gruß wurde getauscht, eine Wort gewechselt, ein stummer Blick nur war alle Zwiesprach, welche die sich Begegnenden führten - dieser eine Blick aber redete tausend Worte des Jammers.

Als Ruedlieb dem väterlichen Hag sich näherte, begann er so heftig zu zittern, dass Sigenot ihn stützen musste.

Sie brauchten das Hagtor nicht zu öffnen, es war zerschlagen. Die Hofreut leer, kein Knecht und keine Magd zu sehen, kein Rind und kein Geflügel. Die Ställe lagen niedergedrückt, aber die Immen summten emsig, als möchten sie die letzten Tage des Herbstes doppelt fleißig benutzen, um die von Wazemanns Knechten geleerten Körbe mit Vorrat für den Winter zu füllen. Das Haus stand unversehrt, nur einzelne Löcher klafften im Moosdach, und unruhig flatterten die Tauben um den Giebel.

Schweigend betraten Ruedlieb und Rötli den Flur, dessen Tür sie erbrochen fanden. Sigenot war ihnen vorangegangen in die Stube und zündete auf dem Herd ein Feuer an.

Die feuchten Äste prasselten, und nur mühsam erwachten die Flammen in dem qualmenden Rauch. Doch es währte nicht lang, so hatte der Rauch sich verzogen, und das Feuer loderte in reiner Helle. Ruedlieb und Rötli standen noch immer unter der Tür.

"Schaut, Kinder, wie schön die Herdflamm' brennt!", sagte Sigenot mit schwankender Stimme. "So wahrt halt das heilige Feuer in Treu und Lieb', und der gütige Herr sell droben wird Euer Leben hagen wider Gefahr und Not!"

Laut schluchzend hielten Ruedlieb und Edelrot sich umfangen, und in ihren heiß erquellenden Kummer mischte sich ein erstes schüchternes Gefühl der Freude, eine Ahnung kommenden Glücks. Lange hingen Sigenots Augen an dem weinenden Paar. Als er sich schweigend zur Tür wandte, eilten sie ihm erschrocken nach. Doch er löste seine Hände. "Lasst mich! Denn ich hab' einen Weg, der nimmer Aufschub leidet."

"Not liegt über allen Wegen!", stammelte Ruedlieb. "Wohin denn willst Du?"

"Wohin ich muss!" Seine ganze Gestalt erzitterte, und seufzend neigte er das ergraute Haupt. "Ich hab' meinem guten Herrn die Treu gebrochen ... ich bin kein Freier mehr, ich muss mein Leben in Knechtschaft geben!"

Sie verstanden ihn nicht; aber sie fühlten, dass er ein Wort des Abschieds zu ihnen gesprochen, und klammerten sich an seine Arme. Dumpf schluchzend umfing er die Schwester, küsste ihren Mund, ihre nassen Augen und stürzte davon.

Über die verschütteten Felder ging sein Weg, der Stätte zu, an welcher Eberwein bei der Arbeit war. Die Männer, welche an der Seite des Mönches schafften, erblickten den Fischer und riefen seinen Namen. In freudigem Schreck ließ Eberwein die Picke fallen und eilte mit ausgebreiteten Armen dem Kommenden entgegen. Doch bis ins Herz erschrak er bei Sigenots verwandeltem Anblick. "Allmächtiger Himmel! Sigenot!"

Mit hängenden Armen, das Antlitz geneigt, stand der Fischer vor ihm. "Herr! Heut komm' ich mit einer Bitt'!"

"Rede!", stammelte Eberwein.

Sigenot rang nach Worten; dann jählings stürzte er vor dem Mönch auf die Knie und umklammerte ihn mit zitternden Armen. "Herr! Gefallen ist von mir, was meinem Leben lieb gewesen. Nimm mich auf in Deine Hut ... ein Gottesmann will ich werden ... und gut sein will ich, derweil ich leiden muss!"

Keines Wortes mächtig zog Eberwein den Knienden zu sich empor, der das Antlitz in fassungslosem Schmerz an der Brust des Mönches vergraben hielt. Scheu traten die anderen zurück und sahen, wie Eberwein den wankenden Mann zu einer gestürzten Eiche führte. Dort saßen die beiden, und es währte lange, bis Sigenot zu sprechen vermochte. Nur mühsam lösten sich die Worte von seinen bleichen Lippen. Als er vom Tod der Wazemannstochter erzählte, verhüllte Eberwein das Gesicht.

"Der Schnee hat sie gefasst, die Felsen sind über sie hergefallen, und ihre letzte Red' noch ist gewesen: 'Ich hab' Dich lieb!'" Sigenots Stimme brach, und wie leblos saß er.

Eberwein ließ die Hände sinken. "Dieses stolze, schöne Leben ... erloschen und tot!" Langsam wandte er das Gesicht, und mit feucht schimmernden Augen den See und seine Berge suchend, flüsterte er: "Der Toten darf ich gedenken ... wie einer Schwester die mir starb!" Er legte den Arm um Sigenots Schulter und zog ihn an sich, als wäre diese stumme Zärtlichkeit der einzige Trost, den er zu spenden wüsste.

"Herr!", stammelte der Fischer. "Sei nicht so gut zu mir, eh' Du nicht alles gehört hast!" In heiseren Lauten erzählte er, was geschehen wäre nach seiner Heimkehr. "So hab' ich geraitet mit ihm und hab' das Kreuz gepackt und hab's geworfen!" Scheu blickte er auf, doch Eberweins Augen waren ins Leere gerichtet, und in dem bleichen Gesicht des Mönches rührte sich kein Zug, nur eine Zähre floss ihm über die Wangen. Mit leiser Stimme sprach Sigenot weiter, und alle Kraft und Tiefe seines neu erwachten Glaubens redete aus den Worten, mit welchen er die Heimkehr seiner Schwester schilderte. "Und jetzt, Herr ... ich hab' mein Rötli zu ihrem Herd geführt und bin gelöst von allen Sorgen ... jetzt will ich büßen, was ich getan hab'. Gottes treuer Knecht will ich sein und all mein Leben lang helfen, sein Kreuz errichten, das ich geworfen hab'!" Noch immer schwieg der Mönch. "Oder sag', Herr, hab' ich in meinem Leid so schwer gesündigt, dass ich nimmer sühnen kann, und dass Du mir zürnen musst?"

"Dir zürnen? Ich?" Eberwein sprang auf, das Antlitz von heißer Röte übergossen. "Dir zürnen? Komm, Sigenot, wir wollen Gott und den Himmel suchen als treue Brüder! Wir haben gesündigt, doch unsere ganze Schuld ist, dass wir Menschen sind. Wir leben in Drang und Not, wir suchen nach Gott, und der Zweifel ist unser Los - doch in allem Zweifel unser einziger Trost, all unsere Hoffnung nur wieder der Glaube!"

Von der Trümmerstätte kam einer der Männer gelaufen. "Herr, Herr! wir haben ein Weib unter den Balken stöhnen hören!"

"Komm, Sigenot, zu Gottes Dienst!"

Eberwein eilte dem zerschmetterten Haus entgegen, und ihm voran stürzte Sigenot den Trümmern zu. Er bedurfte keiner Picke - mit der Schulter wälzte er die Felsen, mit den eisernen Armen hob er die Balken. Als die anderen aus der Gasse, die er gebrochen, das gerettete Weib emporhoben, stand er seitwärts und wischte den Schweiß von der Stirn.

"Wohin jetzt, Herr?"

"Zum nächsten Haus!", erwiderte Eberwein.

Als sie die neue Arbeit begannen, kam Ruedlieb mit einem Spaten gelaufen. Sigenot hob die Augen, doch seine Lippen blieben stumm. "Sie ist bei den Frauen sell drüben im Wald und schafft!", sagte Ruedlieb, als hätte er eine Frage aus Sigenots Augen gelesen. "Ich steh' zu den Mannerleuten."

Seite an Seite waren sie bei der Arbeit, bis der Abend kam.

"Kehr heim zu Deinem Herd!", sagte Eberwein zu Ruedlieb. "Du bedarfst der Ruhe!" Es schien, als verschwiege er noch ein Wort.

Ruedlieb zögerte, und eine matte Röte huschte über sein erschöpftes Gesicht. "Es leben noch zwei von unseren Mägden, Herr! Die bleiben in der Nacht bei Rötli! Ich mein', sie wird sich nimmer ängsten!"

Mit stillem Lächeln löste Eberwein die Schaufel aus Ruedliebs Hand und schob den Zögernden vorwärts. Aus Sigenots Augen traf ein dankbarer Blick den Mönch.

Bei Feuerschein wurde die Arbeit fortgesetzt, und erst gegen Mitternacht vergönnten sich die schwer Ermüdeten ein paar Stunden der Ruhe. Die Männer, deren Hütten noch standen, kehrten heim, während die Obdachlosen mit Eberwein und Sigenot unter freiem Himmel nächteten. Ein Moosfetzen, von einem zerschlagenen Dach gelöst, war ihr Kissen.

Als der Morgen graute, begann die traurige Arbeit von neuem. Nur Leichen wurden noch unter den Trümmern hervorgezogen, und rastlos schritten die schweigsamen Bahrenträger vom Gadem zum Lokiwald, während die Weiber das überall ausgestreute Gerät und die umherirrenden Rinder zu sammeln begannen.

Gegen Mittag eilte Eberwein mit Sigenot in die Ramsau, um neuen Jammer zu sehen. Alle Hütten, die im tieferen Tal gestanden, waren verschwunden, mit ihnen das Pfarrhaus und die Kirche. Und fast noch reichere Ernte hatte hier der Tod gehalten als im Gadem; aber der Anblick dieser blassen, unblutigen Opfer des Wassers wirkte, wenn auch nicht minder erschütternd, doch nicht so grauenvoll. Wie Leiche neben Leiche lag, alle mit über der Brust gefalteten Händen, glichen sie fast einer friedlich im Gebet entschlafenen Gemeinde. Die Weiber und Kinder lagen gesondert von den Männern, und die erste der stillen Schläferinnen, welche Eberwein erblickte, war die treue Mätzel.

Auch das Bild der Lebenden war ein anderes. Sie fühlten ihren Schmerz nicht weniger tief als ihre Unglücksbrüder im Gadem, doch sie trugen ihn gefasster, mit frommer Ergebung in den dunklen Willen des Himmels. "Gibt der liebe Gott mit der einen Hand, so wird er wohl mit der anderen auch nehmen dürfen!" Die Saat, welche Hiltischalk und Hiltidiu ausgestreut, hatte feste Wurzeln geschlagen in den Herzen dieser Menschen. Dass ihr Glaube sie dereinst nach aller Mühsal des Lebens zu ewiger Seligkeit führen würde, das konnten sie nur hoffen - eines aber wussten sie jetzt: Dass Glaube ein Trost ist, ein heilender Balsam auch für die tiefsten Wunden.

Der Abend kam, und neue Leichen wurden nicht mehr gefunden. Dennoch verminderte sich die Zal der noch Vermissten. Gar manche, welche in besinnungsloser Angst geflohen waren, hatten sich Tag und Nacht, neues Unheil fürchtend, in ihren entlegenen Schlupfwinkeln verborgen gehalten und kehrten jetzt erst zu ihren Heimstätten zurück. Die noch Fehlenden, und nicht gering war ihre Zahl, blieben verschollen. Unter ihnen Schweiker und Bruder Wampo. Eberwein fragte nach den Brüdern, wo er ging und stand, doch niemand wusste von den Verschwundenen. Mit trauerndem Herzen musste er sie verloren geben.

Am folgenden Morgen wählte Eberwein aus den Männern, welche von entlegenen Gehöften zur Hilfeleistung kamen, zwei Häuflein. Das eine sollte mit Sigenot zum Schönsee ziehen, um nach Reckas Leiche zu suchen. Sigenot wehrte mit der Hand, wortlos und zitternd - und dennoch ließ er die Führung keinem anderen. Als er gebeugten Hauptes davon schritt, blickte ihm Eberwein mit feuchten Augen nach: "Geh und suche ... ob es Dir auch das Herz zerfleischt! Besser diese letzte Qual als in kommenden Jahren der bangende, unstillbare Vorwurf, dass Du nicht das äußerste versuchtest ... und wär' es auch nur, um ihres Todes gewiss zu sein!"

Mit den anderen Männern wollte Eberwein zur Stätte hinter dem König Eismann ziehen, auf welcher die Ödhütte gestanden. Da hörte er den ersten Widerspruch. Wohl ging der Hass dieser Männer wider den ungerechten Bedrücker nicht über den Tod hinaus. Fast war Herr Waze mit den Seinen schon vergessen - in solchen Tagen des Unheils lebt man die Augenblicke aus, da werden die Stunden zu Jahren, und das Alte erlischt unter dem Schwall des neuen wie Lampenschein in der flutenden Helle eines Blitzes. Doch wie sie ein Wunder Gottes in jeder unbegreiflichen Rettung erkannten, so sahen sie in diesem furchtbaren Untergang eines ganzen Hauses auch den Zorn des Himmels und sein Strafgericht. "Frommer Herr! Zieh nicht aus wider Deinen Gott! Sell droben ist nimmer Leben! Schau hinauf! Versteinert steht Herr Waze mit seinen Buben in der Höh, versteinert für ewige Zeiten!"

Um die Männer seinem Willen gefügig zu machen, musste sie Eberwein an den Richtmann erinnern. Nun gehorchten sie und stiegen mit ihm zu Berge. Sie fanden nur die gebrochenen Felsen, keine Spur des Lebens mehr das unter ihnen begraben lag. Ein einziges Balkenstück der verschwundenen Ödhütte entdeckten sie: Die abgetretene Türschwelle. Sie gab der öden Trümmerstätte für kommende Zeiten ihren Namen: "Trischübl1".

Bei sinkendem Abend kam Sigenot mit seiner Schar durch die verschüttete Schlucht vom Schönsee emporgestiegen und traf mit dem anderen Häuflein zusammen. Mit fragendem Blick sah ihm Eberwein entgegen. Sigenot schüttelte den Kopf und wandte sich ab.

Ehe sie die Heimkehr begannen, standen sie lange und blickten nieder über den stundenweiten Grund des verschwundenen Windachersees und maßen mit staunenden Augen die Höhe der Felswand, über welche der "Starke im grauen Mantel" den Ruedlieb und das Rötli gefahrlos nieder getragen hatte in die sichere Tiefe. Als die Männer anfingen, das Wunder in lauten Worten zu preisen, ging Eberwein mit raschen Schritten dem Abstieg zu.

In später Nacht erreichte er mit Sigenot das Tal der Ramsau. Die Männer waren auf dem Grund des ausgeronnen Sees zurückgeblieben und sammelten auf Eberweins geheiß bei Fackelschein die Fische, von denen alle stehenden Lachen wimmelten. Das gab für die Bedürftigen reichliche Nahrung auf Tage und Wochen.

Am folgenden Morgen waren alle Pfade belebt, die aus der Ramsau, aus dem Gadem und von den Gehöften der Hochbauern zum Lokiwald führten. Doch kein Ruf wurde laut, auch kein Gespräch begonnen, wenn zwei oder mehrere auf gleichem Weg zusammentrafen. Still und in sich versunken schritt ein jeder dem Ziel entgegen.

Als der erste Sonnenschein über die Rodung fiel, herrschte noch tiefes Schweigen rings um die Klause. Müden Ganges schritten die Greise auf und nieder, welche die Leichenwache gehalten und in den Nächten lodernde Feuer geschürt hatten, um die Wölfe zu verscheuchen. Zuweilen blieben sie stehen, die Hände auf dem Rücken, und blickten in eine der drei mächtigen Gruben nieder, in deren Tiefe auf einem Rost von Balken die stillen Schläfer lagen, einer neben dem anderen, weit über hundert an der Zahl, fast der vierte Teil aller Lebenden, die den Morgen des Unglückstages gesehen hatten.

Im größten der Gräber, das die Männer barg, ruhte Waldram inmitten der anderen, der Bekenner neben dem Zweifler, der Hörige neben dem Freien, die Bauern in der blutbefleckten Kotze neben den Wazemannsknechten im gelben Wams - sie alle waren Brüder im Tod geworden und vertrugen sich gut miteinander. Im Grab der Weiber lag auch die alte Ulla. Ein Stein hatte den Nacken der Magd getroffen. Sie war nicht schnell genug gelaufen, um dem "Fluch der Salmued" zu entrinnen.

Vom gebrochenen Wald her klangen Beilschläge, und die ersten Leute kamen. Ein Bauer, der auf den Armen ein blondlockiges Dirnlein trug, welches den Vater in Angst umschlugen hielt, als könnt' es auch ihn noch verlieren wie die Mutter. Zwei Knaben führten eine zitternde Greisin. Drei junge Frauen kamen Arm in Arm gegangen, langsam und mit nassen Augen. Der Köppelecker mit seiner Bäuerin. Ruedlieb und Rötli, Hand in Hand, mit ihnen die beiden Mägde, der einzige Knecht, der ihnen geblieben war, und Sigenots Altsenn. Der alte Gobl, dem der Urstaller eine Kotze geliehen, brachte auf einer Kraxe den lahmen Buben getragen. Weiber kamen, an der einen Hand das eigene Kind, an der anderen ein fremdes und verwaistes führend. Immer zahlreicher traten die Kommenden von allen Seiten aus dem zerstörten Wald hervor, und der ring der Menschen, über dreihundert an der Zahl, drängte sich um die Gräber. Als alle schon versammelt schienen, kam noch ein letzter: Der Greinwalder, er war allein und streifte mit scheuen Blicken die Klause.

Unter der Türe des dachlosen Kirchleins erschienen zwei Mönche: Eberwein mit der weißen Stola über der schwarzen Kutte, und ein anderer, der auf seiner Schulter ein schweres Kreuz mit dem heiligen Bild trug. Als die Leute den Kreuzträger erkannten, ging eine Bewegung durch die Schar der Menschen, und leise weinend bedeckte Edelrot das bleiche Gesicht.

Inmitten der Gräber erhöhte Bruder Sigenot das Kreuz, dass die blauen Augen des heiligen Bildes nieder blickten auf die stillen Schläfer. Mit schwankender Stimme sprach Eberwein die kirchlichen Gebete. Keine Glocke tönte, und kein Weihrauch dampfte bei dieser ernsten Feier. Das Grabgeläute besorgten die Berge, von deren Höhe in Zwischenräumen das Knattern fallender Steine klang, und gleich dem Rauch eines Totenopfers qualmte der Nebel aus den versumpften Gründen. Der leuchtende Morgenhimmel begann sich zu bewölken, als möchte auch er sich in Trauer hüllen. Doch über die weite Rodung fiel noch helle Sonne und umwebte mit warmen Schimmer die offenen Gräber und die in dumpfem Schweigen verharrende Schar der Lebenden. Eberwein ließ die erste Scholle in das Grab der Männer fallen, und die traurige Arbeit der Spaten begann. Sie währte lange, und hoch türmten sich über den geschlossenen Gräbern die Hügel der ersparten Erde.

Unter lautloser Stille, aus welcher sich nur zuweilen ein kurzes, krampfhaftes Schluchzen hören ließ, trat Eberwein neben das Kreuz und begann zu sprechen. Die ernste Weihe des Augenblicks erfüllte sein Herz, und was ihm heiß und strömend aus tiefster Seele kam, floss über in die Gemüter dieser gebeugten Menschen, wie zärtlicher Trost, gereicht von den Händen eines treuen Freundes. Laut weinten sie alle, und in ihren Tränen löste sich der starre Schmerz. Von neuem erhob Eberwein die Stimme. Um sie ihren Klagen und Zähren zu entreißen, sandte er die Frauen und Kinder zum Wald: Sie sollten Zweige von den Tannen brechen und mit dem Grün die schwarzen Hügel schmücken. Und den Männern rief er zu: "Tretet her zu mir! Wir wollen raiten miteinander um das Landwohl!"

Vor der Klause saß er auf einem Holzblock, Sigenot an seiner Seite, und im Halbring standen die Männer umher, mit entblößten Häuptern - die Zahl der "raitfähigen Leut'" füllte nicht mehr das "Hundert" wie in der Thingnacht auf dem Totenmann. Kein Feuer loderte, es wurde kein Bock geschlachtet, kein Hahn geköpft, und die Stimmen schrieen nicht wirr durcheinander. Eberwein erhob sich. "Gott ist mit uns! Nun redet ihr Männer! Was meint ihr, dass geschehen soll?"

Schweigen folgte. Dann trat der Köppelecker vor: "Schau, Herr, keiner weiß ein Wörtl, wir all sind ratlos. Eins aber wissen wir: Du meinst es gut mit uns, Du hast den Kopf und das Herz auf dem rechten Fleck! Und hast einen starken Helfer! Red' Du ... es soll geschehen, was Du willst."

Da nickten sie alle, und ein Murmeln des Beifalls ging durch die Reihen. Helle Röte steig in Eberweins bleiche Wangen, und nach allem Weh und Jammer schimmerte die erste Freude in seinen Augen. Mit bewegter Stimme sprach er. Seine erste Sorge war es, den verwaisten Kindern ein Heim zu suchen. Und da waren der Väter mehr, welche Kinder haben wollten, als Kinder, die der Väter bedurften. Seine zweite Sorge war die Not der nächsten Tage. Sechs Greise bestellte er, um die Fische zu verteilen, und zehn junge Männer, welche in den Wäldern jagen sollten, um Fleisch zu schaffen. "Erlegt, was ihr gewinnen könnt', doch schont die Muttertiere und Kälber."

Wie sollte bei jenen, denen alles genommen war, der Bedarf an Kleidung gedeckt und der neue Stall bevölkert werden? Wer konnte geben? Einer um den anderen trat aus der Reihe, und jeder nannte, was er über den Bedarf des eigenen Lebens noch besaß und missen konnte. Keiner empfand, dass er schenkte. Sie alle fühlten auf ihren Schultern die gemeinsame Not, und jeder sagte sich: Gib heute, so kannst du hoffen, dass Dir andere geben, wenn an Dich die Reihe kommt, zu nehmen.

Die beiden nächsten Tage bestimmte Eberwein zur Ordnung dessen, was sie bisher beschlossen hatten. Am dritten Tag sollten sie alle ruhen und Kräfte sammeln. Dann wollten sie mit dem Bau der Hütten beginnen. Ein jeder, dessen Haus verschont geblieben, sollte im Wechsel immer einen Tag für sich und die Seinen schaffen und am folgenden Tag beim Bau der neuen Hütten helfen, dass man die Mauern unter Dach brächte, bevor der strenge Winter käme. Damit an Stelle der verschütteten Felder und Halden neues Fruchtland für das kommende Jahr gewonnen würde, sollten die gebrochenen Talwälder in Gevierte geteilt und die liegenden Stämme verbrannt werden, um durch die Asche den Gehalt der neuen Erde zu bessern.

So wurde Frage um Frage geregelt, und für alle Not fand Eberwein Rat und Hilfe. Als er nach langen Stunden die Männer entließ, drängten sich alle um ihn her, und jeder sucht einen Druck seiner Hände zu erhaschen. Nur der Greinwalder schlich davon, als wäre ihm in der Nähe des Mönches nicht ganz geheuer.

Langsam, unter leisen Gesprächen schritten die Männer heimwärts nach allen Seiten. Wie aus der Asche einer Brandstatt der erste grüne Halm, so war in ihren Herzen ein Trost ersprossen: Der Mut zu neuem Leben, die Hoffnung auf bessere Zeit.

Als Ruedlieb und Edelrot die Gräberstätte verlassen wollten und scheu vor der Klause stehen blieben, trat ihnen Bruder Sigenot entgegen. Seien Lippen blieben stumm, während er mit festem Druck ihre Hände fasste. Sie betraten das Kirchlein, und in der dachlosen Halle knieten sie auf nackter Erde. Eberwein legte die Hände der Liebenden ineinander und segnete ihren Bund.

Als das junge Paar sich erhob, hatte Bruder Sigenot das Kirchlein schon verlassen. In Schweikers Zelle saß er auf dem Stangenlager, das Kinn auf die Brust gesenkt und die zitternden Hände im Schoß.

Stille Stunden vergingen, immer dichter bewölkte sich der Himmel, und mit Einbruch des Abends begann ein schwerer Regen zu fallen.

Doch der Morgen zeigte wieder blauen Himmel. Nur einzelne weiß geballte Wolken schwammen noch über die Berge hin und suchten die Ferne. Aller üble Geruch war aus den Lüften geschwunden, und der strömende Regen hatte den grauen Staub von allem Geländ und allen Bäumen gewaschen.

Ein wundersamer Spätherbst folgte, wie nur die Berge ihn kennen, leuchtend in allen Farben, mit goldener Sonne und fliegendem Silber. Jeder Tag schien den vergangenen an Glanz und Schimmer überbieten zu wollen.

Den bedrückten Menschen kam diese Zeit wie ein neuer Trost. Es schien, als hätten sich die Berge nur deshalb mit ihrem herrlichsten Gewand umkleidet, um den Menschen, welche irr geworden an dem väterlichen Boden, neue Heimatfreude in das Herz zu flößen, das gebrochene Vertrauen zu festen und die alte Treue wieder zu erwecken.

Es dauerte wohl lange Wochen, bis auf den bleichen Gesichtern die Spuren des nagenden Schmerzes sich zu mildern begannen. Auch war bei vielen eine ungewohnte starke Furchtsamkeit zurückgeblieben, so dass sie bei jedem leisesten Geräusch zusammenschraken. Noch immer erfüllte sie das Bangen vor neuen Stürzen. Doch im Laufe der Tage gewöhnten sich an das dumpfe Gepolter, das in den Höhen nicht völlig schweigen wollte, und dachten nicht mehr an neue Gefahr. Die Arbeit, welche sie in den ersten Tagen wie träumend geleistet hatten, begann ihnen wieder eine Lust zu werden, und mit Freude erfüllte sie jeder kleinste Erfolg, den sie mühsam gewannen. Doppelt genossen sie nach schwerem Tag die Ruhe am warmen Herd, und jeden kargen Lichtschein, der in ihre Herzen fiel, empfanden sie wie eine Sonne.

Die schönen Tage förderten alle Arbeit. Rastlos klangen die Beilschläge im weiten Tal, und überall loderten die Feuer, welche den gebrochenen Wald verzehrten. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend tönte von den Bruchstätten das Lied, welches Eberwein die Schaffenden gelehrt:

"Rodet! Rodet!
Rodet auf dem Grund,
Der Unkraut nur gebiert!
Ihr lobt noch die Stunde,
Die Euch zur Ernte führt!
Rodet! Rodet!

Es liegt ein Schatz versunken
Tief in der dunklen Erd',
Er streut gelbe Funken
Und golden ist sein Wert!
Rodet! Rodet!

Mit Eisen und mit Feuer
Umbrecht allen Grund!
Es harrt schon die Scheuer,
Und lohnen wird der Fund!
Rodet! rodet!

Die gleichmäßigen Rufe, welche die Strophen des Liedes unterbrachen, klangen in der Stille des Tales wie die Pulsschläge eines neuen Lebens.

Tag um Tag, vom Frühlicht bis zur sinkenden Nacht, waren Eberwein und Bruder Sigenot rastlos auf allen Wegen und bei aller Arbeit. Sigenot leitete die Rodung der Wälder, und immer stellte ihn Eberwein an jenen Platz, wo es das schwerste Werk zu leisten galt. Wusste er doch, dass er ihm besseren Trost nicht bieten konnte als Arbeit, welche kein Träumen und Grübeln gestattet, den Körper ermüdet und mit tiefem Schlummer lohnt. Eberwein selbst leitete den Bau der neuen Häuser. Er wählte die Plätze, steckte die Flächen aus und lehrte die Bauenden feste Grundmauern zu legen, die Balkenwände mit Fachwerk zu durchsetzen, den Flur von der Stube zu scheiden und die Räume des Hauses wohnlicher zu gestalten. Und bei jeder Arbeit streute er den Samen frommer Lehre.

Bei Anbruch der Nacht erst kehrten die beiden in die Klause zurück, welche schon längst wieder ihr Dächlein mit der Glocke hatte. Während Sigenot schwer ermüdet auf das Lager sank, saß Eberwein zuweilen noch beim Schein der Fackel vor seinen Büchern. Wurden ihm die Augen müde, so blickte er oft in stillen Gedanken zum sternenhellen Himmel auf und trauerte um die verschollenen Brüder.

Als er in solcher Stunde wieder einmal an Schweiker dachte, sah er plötzlich das gutmütige Flachsgesicht mit den wasserblauen Augen durch das offene Fenster in die Zelle blicken, bleich und mit einem Zug der Trauer. "Schweiker!", stammelte er, sprang auf und streckte die Arme. Da war das Gesicht verschwunden. Eberwein eilte ins Freie und rief den Namen des Bruders mit hallender Stimme in die Nacht hinaus. Aber alles blieb still in der finsteren Runde.

Bruder Sigenot, den der Ruf geweckt hatte, kam herbei. "Herr, was ist dir?"

"Nichts! Ich habe geträumt!" Zögernd kehrte Eberwein in seine Zelle zurück und fand in dieser Nacht keinen Schlummer mehr. Erst der folgende Morgen mit seinen Pflichten löscht den seltsamen Schauer, welchen das Gesicht in ihm geweckt hatte.

Wieder vergingen die Tage, und endlich war die Arbeit so weit gediehen, dass man ohne ernstere Sorge den Winter erwarten konnte. Die Berge waren schon bis auf die Wälder herab mit frischem Schnee bedeckt, und Eberwein rüstete sich zur Heimfahrt nach seinem Mutterkloster, um mit dem Frühjahr wiederzukehren, neue Mönche in das Tal zu führen und den Bau des Klosters zu beginnen.

Ein kalter Morgen graute, und in der Herdstube der Klause flackerte das Feuer. Eberwein hatte mit dem Bruder das letzte karge Frühmahl eingenommen. Nun gürtete er das Kleid und schnallte die Sandalen an die Füße. Sigenot stand an die Mauer gelehnt, die Arme schlaff, mit nassen Augen und vergrämtem Antlitz.

Da klangen Schritte, und eine Gestalt erschien in der Tür. Sigenots Jungsenn war es, der von seinem weiten Botengang zurückgekehrt.

"Guten Gruß, Herr! Ich bin daheim und bring' die Botschaft!"

Eberwein lächelte. "Ich danke Dir! Du bist ein treuer Bub! Doch der Hilfe, die Du bringst, bedarf ich nimmer!" Während er das herzogliche Siegel brach und das Pergament eröffnete, fielen die Blicke des Jungsennen auf den grauköpfigen Bruder, der ihm langsam entgegen schritt. Er stand mit aufgerissenen Augen und klaffendem Mund, zitternd an allen Gliedern; aber da fasste Bruder Sigenot schon den Knaben am Arm und zog ihn aus der Klause.

Ein gedämpfter Laut der beiden Stimmen und ein kurzes Schluchzen klang in die Herdstube, während Eberwein beim Schein des Feuers die Botschaft seines herzoglichen Freundes las. Es war ein langer Brief - und doch war all sein Inhalt nur ein einziges kurzes Wörtlein. Eberweins Brauen furchten sich, und es zuckte bitter um seine Lippen. Schwer atmend ließ er das Blatt in die Flammen gleiten. "Was wäre geworden aus meinem Gotteshaus und meinem armen Völklein ... hätten die Berge nicht geholfen!"

Er fasste seinen Stab und trat ins Freie. Im erwachenden Frühlicht führte ihm Bruder Sigenot den jungen Senn entgegen, dem die hellen Tränen noch in den Augen standen.

"Herr, ich komm' mit einer Bitt' zu Dir. Schau den Buben an! Er ist verwaist und hat ausgesennt in meinem Dienst. Mach' ihn zu Deinem Fischer und lass ihn auf meiner Heimstatt sein Dächlein bauen!"

Eberwein nickte und strich mit der Hand über den Scheitel des jungen Mannes.

"Nun komm, Bruder, und gib mir das Geleit! Der Bub mag harren, bis Du wiederkehrst!"

Sie schritten in den klaren, frischen Morgen hinaus, erreichten das Tal der Ache und folgten dem Lauf des Wassers. Während des Wanderns hatten sie noch so viel von Arbeit, von Land und Leuten und von den Sorgen des Winters zu sprechen, dass ihnen Weg und Zeit verrann, ohne dass sie es merkten. Mitten im Gespräch verhielt Eberwein plötzlich die Schritte und blickte rings umher. "Bruder Sigenot, erkennst du die Stelle?"

"Wohl wohl, Herr. Es ist das Flecklein, auf dem wir uns zum ersten Mal gesehen haben."

"Hier wollen wir scheiden!" Eberwein fasste die Hand des Gefährten. "Und mein letztes Wort soll Dir allein gehören. Unsere Tage waren Arbeit, unsere Nächte müder Schlaf. Ich konnte Dir nur das Kleid der Kirche geben, für ihre Lehre blieb uns keine Zeit! Und ich rede auch zu Dir in dieser letzten Stunde nicht als Priester, nur als Mensch zum Menschen. So höre die kurze Lehre, welche mein Herz davongetragen aus allem Sturm und aller Not, die über uns gekommen: Du lebst ... und zwei Pflichten sind Dir auferlegt, die eine gegen Deinen Nächsten und die andere gegen Dich selbst. Sei gut, und Du erfüllst die erste. Sei Dir selbst getreu, und Du genügst der zweiten. Alles andere lass über Dich ergehen, wie es mag. Das Kommende liegt vor Dir, ein Wirrwarr dunkler Pfade. Welchen Du wandeln sollst ... frage nicht andere, nur immer Dich selbst. Beschreite jenen Weg, den Dein redliches Herz dich gehen heißt, und überlasse die Führung jenen Mächten, die Du fühlen kannst, doch nicht erkennen. Glaube an Gott! Denn glauben musst Du, glaube ist Hoffnung, und Hoffnung ist der Atem allen Lebens. Glaube an Gott, an seine Kraft und Liebe ... doch hüte Dich, nach seinem Wesen und Antlitz zu forschen, nach seinem Rat und Willen. Du bist, wie Du geschaffen wurdest: Menschlich ... dass Du mehr nicht sein und nicht hinauswachsen kannst über Deine irdischen Sinne bis zur Wolkenhöhe, das wird Dir die unergründliche Macht verzeihen, die Dich werden ließ, so, wie Du bist!"

Mit ernsten Augen hing Siegenot an Eberweins Lippen, und nach kurzem Schweigen sagte er langsam: "Ich mein' wohl, ich fass' Dein Wort ... und mein' auch, dass ich's im Leben halten kann nach Deinem Rat. Und weil ich mehr nicht hab' lernen können, deswegen musst Dich nimmer sorgen! 'Mein guter Herr, Du mein Gott' ..., das ist genug für meine Zung'. Was ich mehr brauch', redet schon mein Herz dazu. Aber eins noch ..." Seine Stimme schwankte, und mit heißen Augen suchte er den Platz, an dem er einst lachend das scheu Ross gebändigt. "Sag', Herr ... gibt's ein wieder Finden sell droben in der helleren Zeit?"

Eberwein wollte sagen: "Ich hoffe!" Doch als er in Sigenots Augen blickte und das zitternde Bangen in jedem Zug des vergrämten Gesichtes erkannte, sagte er mit fester Stimme: "Ja, Sigenot! Glaube!"

"Gute Heimfahrt, Herr!", stammelte Sigenot mit heiserem Laut. "Und kehr' bald wieder! Dein Wort soll Eisen sein in mir!" Hastig löste er die Hand und eilte davon. Wollte er den schweren Abschied kürzen? Oder wollte er nach diesem letzten Wort kein anderes mehr hören? Mit stillem Lächeln sah Eberwein dem Verschwindenden nach. "Du, ein Mönch? Lass Dir genügen am Kleid der Kirche und an allem, was Deine Seele füllt mit Weh und Sehnen!"

Er blickte um sich, für kurze Rast eine Stätte suchend. Am Ufer der Ache fand er einen Stein und ließ sich nieder. In einem kleinen Büchlein, das er aus der Ledertasche zog, begann er zu lesen:

"Integer vitae, scelerisque purus ..."

Nicht lange währte seine Rast, und wieder folgte er dem Pfad, zu dessen Seiten noch überall die Spuren der Flut zu erkennen waren, welche an jenem Unglücks Abend den Weg bis in die Ebene hinaus gesucht und gefunden hatte. Auch das Erdbeben hatte in dem engen Waldtal seine Zeichen hinterlassen. Vom Untersberg war eine Felswand herab gebrochen und hatte mit ihrem Schutt den Lauf der Ache verändert. Auf dem gegenüberliegenden Gehäng klaffte ein tiefer Erdriss, aus welchem ein schäumender Bach hervorsprudelte. Eberwein erinnerte sich nicht, bei seinem Einzug in das Tal dieses Bächlein gesehen zu haben. Es musste neu entstanden sein. Da ihn dürstete, bückte er sich und schöpfte Wasser mit der hohlen Hand. Doch es schmeckte so bitter, dass es nicht zu genießen war. Betroffen blicke Eberwein auf die rinnenden Wellen nieder und sah im Dunkel der Erdspalte die beiden Säume des Wasserlaufes mit weißen Krusten behangen. Von Erregung befallen, bahnte er sich einen Weg in die Schlucht, brach von der schimmernden Masse, die sich ansah wie spröd gefrorener Schnee, ein Stücklein ab, zerrieb es zwischen den Fingern und kostete. Es war reines Salz. Helle Freudenröte schlug über Eberweins Antlitz. Ein reicher Schatz lag vor ihm aufgeschlossen - was er gefunden, bedeutete Segen und Wohlstand für sein geliebtes Tal. Mit schwimmenden Augen blickte er zurück in die Ferne, in welcher die beschneite Doppelzinne des gestürzten Riesen in die Lüfte ragte.

"Ihr habt genommen, ihr Berge, und habt gegeben!"

In treibender Eile setzte er seine Wanderung fort. Die Freude beflügelte seinen Schritt, und üppig sprossende Pläne kürzten ihm den Weg.

Um die Mittagsstunde erreichte er die Salzaburg. Als er das Tor durchschritten hatte und der bischöflichen Pfalz sich näherte, sah er auf der steinernen Freitreppe einen Bruder seines Ordens sitzen, mit kahlem Haupt, das bleiche Furchgesicht umwuchert von den Stoppeln eines grau gesprenkelten Bartes. Schlotterig hing die Kutte um den abgemagerten Leib. Es schien ein Genesender zu sein, der eine lange schwere Krankheit überstanden hatte und sich ein Stündlein an der Sonne wärmte. Müd und gebrochen saß er; doch plötzlich sprang er auf, schwenkte die Arme, eilte dem Kommenden entgegen und stürzte schluchzend vor ihm nieder.

"Bruder Wampo!" In zitternder Freude hob Eberwein den wieder Gefundenen auf.

"Herr! Ach guter Herr! Geh nicht ins Gericht mit mir, weil ich die Klaus verlassen hab' und gelaufen bin wie die Maus vor einer Katz! Das Grausen hat mich gepackt, das Grausen! Aber schau mich an ... ich bin gestraft dafür! Sechs Wochen hab' ich auf den Tod gelegen vom Schreck und von der Angst, sechs Wochen, Herr ... und allweil Krankenkost ..." In Schluchzen erloschen ihm die Worte, und Eberwein musste unter Tränen lächeln.

An einem der hohen Bogenfenster stand Herr Haunsperg. Als er den Gast gewahrte und erkannte, furchten sich seine Brauen, und hastig trat er in das Gemach zurück. Eine Weile später kam ein Schwarm bunt gekleideter Kämmerlinge gelaufen, welche den Propst voll Ehrerbietung begrüßten und in die Burg geleiteten. Mit offenen Armen und überströmender Herzlichkeit empfing der Bischof seinen "fürstlichen Bruder" und führte ihn zur gedeckten Tafel, um welche der ganze Hofstaat schon versammelt war: Lehensritter in gold gestickten Wappenröcken, und schöne, mit blitzenden Steinen geschmückte Frauen zwischen den wohlgenährten Domherren in ihren seidenen Schleptalaren. Eberwein, in seiner schlichten, abgetragenen Kutte und mit den sonnverbrannten, schwieligen Händen, stand wortlos und bedrückt inmitten dieses gleißenden Prunkes. Der schreiende Gegensatz des Jammers, den er gesehen und erlebt, mit diesem Bild des üppigen Genusses, drang ihm in die Seele wie ein quälender Schmerz und trieb ihm heiße Röte in die Stirn.

In sich versunken, kaum die Reden hörend, die an ihn gerichtet wurden, saß er beim Mahl. In fast endloser Folge erschienen die gefüllten Silberkrüge und die Schaugerichte auf der Tafel. Flötenbläser, Harfner und Psalterionspieler ließen ihre schmeichelnden Weisen hören, Gaukler zeigten ihre Künste, und mit seiner Schellenkappe und der Laute tänzelte der Narr des Bischofs um die Tafel, gab seine derben Späße zum Besten und flüsterte den schönen Frauen Heimlichkeiten ins Ohr, die sie häufiger lachen, als erröten machten. Hinter Eberwein setzte er sich auf die Brüstung des Fensters, betrachtete den stillen Mönch mit zwinkernden Augen und wiegte sinnend den Kopf zwischen den Schultern; dann lachte er und strich mit dem Plektrum über die Saiten, dass der klirrende Akkord das laute Geschwätz an der Tafel übertönte.

Der Bischof blickte auf und fragte gnädig: "Willst Du singen?"

"Ja, Bruder Kirchenlicht, ich möchte wohl! Doch ich fürchte, die gespickte Pfauenbrust, die ich auf Deinem Teller liegen sehe, könnte Dir übel schmecken, wenn ich sie mit der Pfeffertunke meines Liedes übergieße."

"Da sei ohne Sorge!", tröstete der Bischof lächelnd und fasste den saftigen Leckerbissen mit den Fingerspitzen. "Was sollen wir hören?"

Der Narr kicherte. "Ein Lied so neu, wie das Kleid Deines Gastes alt ist! Ein Lied vom fürstlichen Aar, der den Flug einmal zu kurz genommen, von den Füchslein, denen die Luft am Mausen verging, und von den Raben ..." Er schlug die Saiten an und fiel in singenden Ton, "die im Wald bauten ihr Nest ... ich fürchte, Bruder, sie bauten fest!"

An der Tafel trat verlegenes Schweigen ein, während Eberwein die Augen hob und mit der Hand über die Stirne strich, als wäre eine verschwommene Erinnerung in ihm aufgestiegen. Der Bischof hatte dem Narren einen zornigen Blick zugeworfen, und Herr Haunsperg rief mit grober Stimme über die Tafel: "Pack ein, Narr! Wir haben besseres zu hören, als Schelmenlieder." Er wandte sich an Eberwein: "Ihr habt ja wohl große Dinge zu erzählen, Herr Propst? Euer Bruder, der in der Angst vom Fett gefallen, und ein paar Knechte des Spisars, die zu uns gelaufen kamen, haben Kunde gebracht wie vom Untergang der Welt. Und das große Wasser, das ihr uns geschickt habt aus dem Berchtersgadem, hat übel gehaust auf unseren Feldern und hat uns mehr Leichen zugeschwemmt, als Fische."

Eberwein fühlte sich verletzt durch die rohe Art dieser Rede; doch der Bischof legte sich mit freundlichen Worten ins Mittel, und unter schweigendem Lauschen der Tafelrunde begann Eberwein zu erzählen. Seine Stimme, welche zu Anfang unsicher und zögernd klang, belebte sich bald, leuchtender Glanz erwachte in seinen Augen, und seine Wangen röteten sich. Er schien von neuem zu erleben, was aus seinen Worten sprach: Alle Not, die er gesehen und mitgetragen, allen Trost, den er geboten und gefunden. Manchmal schweig er eine Weile, um in sich versunken nachzuempfinden, was nicht für fremde Ohren geschaffen war und ihm allein gehörte. Mit freudiger Wärme schilderte er die Tage der rastlosen Arbeit, das neu erwachende Leben nach allem Tod - und der Wände und Menschen vergessend, die ihn umgaben, sprach er in träumender Zuversicht von der guten Zeit, die seinem Land erblühen sollte, von all seinen Plänen für die Zukunft und dem willkommenen Segen, der seinem geliebten Völklein aus dem glücklichen Fund erwachsen musste, den er am Morgen auf der Wanderung getan. Herr Haunsperg und der Bischof tauschten eine Blick und horchten auf. Schon wollte Eberwein, auf eine rasche, teilnahmsvolle Frage seines Wirtes, genauer die Stelle zu bezeichnen, an welcher der Salzbach aus der Erde sprudelte - da wurde es plötzlich schwarz vor seinen Augen, und helles Gelächter erhob sich an der Tafel.

Der Narr hatte dem Propst von Berchtersgadem die Schellenkappe über den Kopf gestülpt.

Eberwein riss das bunte Tuch von seinem Haupt und erhob sich mit brennender Stirn. Da sah er, während all die anderen lachten, helle Tränen in den Augen des Narren schimmern und sagte betroffen: "Du bist ein seltsamer Narr ... so scheint mir?"

"Und du bist ein Gesell, so scheint mir auch! Wir beide sind Brüder unter der gleichen Kappe. Und doch ist ein Unterschied zwischen Dir und mir. Ich bin der Narr meines trüben Gehirns, und du bist der Narr Deines reinen Herzens." Mit schrillem Ton ließ der Narr eine Saite schwingen und wandte sich an den Bischof. "Hab' ich recht, Bruder Kirchenlicht?"

Doch der Bischof hörte nicht. Er lag in den Sessel zurückgesunken und blickte sinnend vor sich hin.

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1 Driscûvel, die Türschwelle. ^

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