Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 17

Der Morgen graute. Hoch über den starrenden Ruinen des König Eismann stand am erbleichenden Himmel noch der zur Sichel schrumpfende Mond. Sein Schimmer, halb gebrochen durch das fahle Grau des erwachenden Tages, umwebte die neu entstandenen Zinnen und überspann die mit Eisblöcken und Felsenklötzen wirr besäten Trümmerstätten. Lautlose Stille lag über dem steinernen Leichenfeld. Nur zuweilen, auf den tieferen Schuttgehängen, klang das leise Kollern kleiner Steine - das vor dem Sturz entflohene Fahlwild und die verscheuchten Gämsen stiegen schon wieder zu Berg, und ruhelos klommen die Tiere im zertrümmerten Gestein umher, ihre Heimstände und die gewohnten Äsungsplätze suchend. So fest wie in den Menschen des Hochlands wohnt auch in den Tieren der Berge das treue Hängen an der rauen Scholle, auf der sie geboren wurden. Die höchste Gefahr nur macht sie fliehen - Felsen stürzen und begraben die liebe Stätte - kaum hat sich der Staub verzogen, so kehren die Entflohenen schon wieder zurück, um das neue Lager über den Trümmern zu wählen, die das Alte bedecken. Und wie an der Alten, so hangen sie wieder an der neuen Wohnstatt mit treuem, ungebrochenem Vertrauen.

Neben dem sachten Geriesel des Schuttes, der sich unter den Tritten des ziehenden Wildes löste, neben diesem schüchternen Zeichen des wiederkehrenden Lebens unterbrach die Stille noch ein anderer Laut: Ein Klirren wie vom Schritt eines eisenbeschlagenen Schuhes. Im Gewirr der Felsblöcke irrte ein Mensch umher, bald verschwindend im schwarzen Schatten, bald wieder auftauchend im grauen Zwielicht. Mühselig, schwer und langsam war sein Gang. Als er die Kuppe eines Trümmerhügels erreichte, stand er bewegungslos und starrte im Dämmerschein über das weite Schuttfeld, unter welchem die Ödhütte mit dem ganzen Albental begaben lag. Von seinen Lippen rang sich ein Schrei, der Laut eines Namens. Heiser und keuchend klang der Ruf und verhallte in der Stille. "Rötli! Rötli!" Keine Antwort kam, nichts regte sich zwischen den Trümmern. Lange stand der Einsame an einen Felsblock gelehnt, als vermöchte er sich ohne Stütze nicht aufrecht zu erhalten. Immer wieder schrie er den Namen, immer wieder strich er mit den Händen über die Augen, als möchte er gewaltsam seine Blicke sehend machen für das Leben, das er suchte und nimmer fand. Schwer atmend wandte er sich endlich ab und stieg der Tiefe zu, aus welcher er gekommen. Dann wieder kehrte er zurück, stand und wandte sich von neuem - als wären zwei Gewalten in ihm, von denen die eine ihn festhielt an der Stätte, während die andere ihn nieder zog in die Tiefe der verschütteten Schlucht.

Schon begann das fahle Grau über den Felsen sich zu lichten, und immer tiefer stieg der Einsame zwischen den Wänden. Lange stand er vor einer Fläche grau bestäubten Schnees, in welchem sich eine weiße Mulde zeigte, als hätte hier, bevor der Staub gefallen, durch lange Stunden ein Mensch gelegen. Einen Steinwurf weiter zog sich eine Felsspalte quer durch die Schlucht, halb verschüttet, und aus Geröll und Schnee ragte der Wipfel einer Zirbe hervor. Langsam, mit verlorenen Blicken, glitten die Augen des Mannes über das grüne Gezweig, über eine weit geöffnete Höhle, über die kahle Bruchfläche des Berges und über die wirren Massen der zerschlagenen Felsen, welche die tiefer ziehende Schlucht erfüllten. Ein dumpfes Stöhnen erschütterte seine Brust, und schwankend betrat er das Gewirr der Trümmer. Während er tiefer und tiefer stieg, haftete sein brennender Blick an jeder Scholle des Gesteins, an jeden Felsblock rührten seine zitternden Hände, als möchte er ihn heben und von der Stelle rücken. Scheu und zögernd setzte er den Fuß, als fürchtete er die Erde zu drücken, als wäre ihm jeder Schritt eine Qual und namenlose Marter. Ein steiler Abbruch sperrte ihm den Weg. In der Tiefe gewahrte er den See, mit regungslosem Wasser, doch von Schaum bedeckt, so weiß wie Milch. Der erstarrte Schuttstrom lag vom Fuß der Felsen hinweg wie ein graues Eiland weit in die Flut hinausgebaut - als hätten die Dämonen des Gesteins dem stolzen Mädchenherzen, das sie zerdrückt im ersten Jauchzen seines Glückes, einen ewig dauernden Leichenhügel errichten wollen, gewaltiger, als noch je ein Hügel über dem Grab eines gefallenen Helden sich erhob.

Zitternd, mit vorgebeugtem Antlitz, stand der Einsame am Rand der Felsen und starrte in die Tiefe. Röchelnd ging sein Atem, in seine Zügen wühlte der Schmerz, doch seine rotgeränderte, vom Staub entzündeten Augen hatten keine Tränen. "Ich hab's berufen ... jetzt liegen zwischen ihr und mir die Berg'!" Er streckte die Arme ins Leere, und des Todes nicht achtend, der ihm drohte, begann er den Niederstieg. Wohin er trat, löste sich das Geröll und der graue Schnee. Immer tiefer stieg er und hatte fast den Grund erreicht, als eine Platte mit ihm ins Gleiten kam. Rasselnd trug ihn das steinerne Fahrzeug und landete ihn auf der Böschung des Schuttes. Mit heiserem Lachen richtete er sich auf, klomm über das Geröll empor und fasste das harte Gestein des Berges wie die Brust eines Feindes. "Mein alles hast Du genommen! Nur mich nicht! Warum denn? Oder wär' ich für den Tod zu schlecht?" Er wankte, und das Gesicht mit den blutig zerschundenen Händen bedeckend, sank er zu Boden.

Schon fiel das Frühlicht mit rosigem Schein über alle Höhen, als er mühsam sich erhob und hinausblickte über den weißen See. "Mutter! Mutter! Wie kehr' ich Dir wieder heim! Was sag' ich, wenn Dein Aug' mich fragt ...?"

Der neu entstandenen Felswand folgend, begann er über das Schuttfeld niederzusteigen. Als er den Saum der grauen Halde erreichte, wandte er noch einmal die Blicke. Seine ganze Gestallt erzitterte, und ohne Tränen schluchzend, umklammerte er einen Steinblock und drückte das Antlitz an den kalten Fels, als hielte er umschlungen, was unter dem Schutt begraben lag.

Wie ein Träumender taumelte er davon. Ohne zu wissen, was er tat, suchte er die Stelle, an welcher der Einbaum gelegen - sie war verändert, verschwunden mit dem Kahn. Doch über den See war eine Brücke gebaut: Eine Felswand, welche tiefer im Kessel nieder gebrochen, hatte ihren Trümmerhaufen bis zum andern Ufer geworfen und einen kleineren See vom Weitsee losgetrennt, wie eine Stunde des Unheils und der Not das Kind von der Brust der Mutter reißt. Über diese Brücke, welche noch keines Menschen Fuß betreten hatte, ging der Weg des Einsamen, dann am Ufer entlang und heimwärts über das Waldgehäng, welches bis zur Höhe eines Pfeilwurfs kahl geschwemmt war von den aufgebäumten Fluten. Die gebrochenen Stämme schwammen im See und streckten ihr Gezweig aus dem weißen Schaum.

Schon fiel das helle Licht des Morgens in den Kessel, doch die bunten Farben der herbstlichen Bäume wollten nicht erwachen. Wie versteinert war der Bergwald anzusehen unter dem grauen Kleid, mit welchem der dicke Staub alle Bäume und allen Grund überzogen hatte. Stumpf glitten die Blicke des einsamen Wanderers über die trüben Bilder seines Weges. Er sah in ferner Höhe das veränderte Gesicht des gebrochenen Berges und erkannte am jenseitigen Ufer auf allen Felsgehäng die Straßen, welche die Schuttströme genommen hatten. Er sah den Falkenstein, doch über ihm kein Dach mehr, keinen Giebel und keine gefensterte Mauer - nur dünne Rauchsäulen, welche langsam in die Höhe wirbelten und in der Luft zerflossen. Er sah in der Ferne die zuhöchst liegenden Halden der Schönau, ohne Wald, ohne Hütten, einer grauen Wüste gleich. Er sah, wie auf dem See das schwimmende Bild der Trümmer sich verwandelte: Zwischen die gebrochenen Fichten und Buchen mischten sich entwurzelte Fruchtbäume, Gebälk und Bohlen, die Reste eines Daches, zerschlagenes Hausgerät, eine Hundehütte und Immenkörbe, Gewandstücke und hölzernes Geschirr - und manchmal tauchte nach dem Ufer aus dem sacht schwankenden Schaum ein brauner Fleck hervor: Die schwimmende Leiche eines Rindes.

Das alles sah er - und über seinen Weg auch, der zu Ende ging, lagen die Zeugen der Verwüstung ausgestreut: Gerätstücke, die sein Augen erkennen musste, eine behauene Steinplatte, die dem Tisch seiner Herdstube glich, und lange Fetzen eines Fischernetzes. Das alles ah er. Doch keine Frage erwachte in ihm, er suchte nach keiner Antwort. Seine betäubten Sinne schienen unempfänglich für neuen Schreck, sein gebrochenes Herz nicht fähig mehr eines neuen größeren Schmerzes. Als er die letzte Waldhöhe erreichte und die Lände mit dem verwüsteten Hügel zu seinen Füßen lag, griff er nur mit den Händen an Stirn und Augen und starrte umher, langsam das entstellte Geicht nach allen Seiten wendend. Kein Hag und Lugaus mehr, kein Haus und kein Stall. Verschwunden der Immenstand, das Gärtlein und der Brunnenstock. Nur einzelne Balken und Fetzen des Haggeflechtes lagen zerstreut umher, zerschmettertes Hausgerät und Rinderleichen füllten alle Pfützen der Lände, die Eichen waren gebrochen und ihre Kronen davon geschwemmt, nur ein einziges dünnes Bäumlein hatte dem Schwall der Fluten widerstanden, und auf dem kahl gewaschenen Hügel selbst war nur der Baumstrunk noch geblieben, der die steinerne Tischplatte getragen, und ein mit Schlamm bedeckter Rest des gemauerten Herdes. Doch auf der Stelle, an welcher das Hagtor gestanden, erhob sich noch das Kreuz, nur gelockert in seinem Halt, zerfetzt an allen Rändern und bis über das Querholz hinauf mit grauem Schlamm behangen.

Zwischen den Stümpfen der gebrochenen Eichen kauerte Heilwig, die Magd des Fischers. Als sie den Kommenden gewahrte, sprang sie auf und eilte ihm entgegen. Sie wollte ihren schreienden Jammer beginnen, doch der Anblick des Mannes lähmte ihre Zunge. Das Gewand verwüstet und mit Staub bedeckt, an Händen, Armen und Knien zerschunden und blutig, das Antlitz fahl und entstellt, die Augen fieberhaft brennend und von roten Ringen umzogen, eisgrau an Bart und Haaren - so stand er vor den entsetzten Blicken der Magd. War es ihr Herr? War es Sigenot, der Fischer? Oder ein gespenstiges Schreckbild, das sie zu ängstigen kam nach allem Gräuel, den sie überstanden hatte? "Heilwig ... wo ist die Mutter?" Auch seine Stimme war verwandelt und klang ihr ins Ohr wie fremder Laut. "Wo ist die Mutter?"

Sie konnte nicht sprechen, nur deuten. Lange starrte er sie an; dann sank ihm das Kinn auf die Brust, und schwer atmend strich er mit den Händen über das Haar: "Mein Glück und meine Schwester, mein Haus und Hof und auch die Mutter noch!"

Zögernd schritt ihm die Magd voran, und immer nach einigen Schritten wartete sie, ob er auch käme. Bei den Stümpfen der Eichen blieb sie stehen. Die hundertjährigen Stämme waren über den Wurzeln abgedreht und Sigenots Baum an der letzten Kerbe gebrochen; dem einzig noch stehenden Bäumlein zu Füßen lagen die beiden Leichen: Mutter Mahtilt, noch umklammert von den Armen des entseelten Knechtes.

Sigenot wankte und griff, um sich zu stützen, nach seinem gebrochenen Baum. Seine irrenden Blicke suchten das Kreuz, dann streckte er die Hände nach dem Knecht: "Der ist treu gewesen ... und ich kann's ihm nimmer lohnen!"

Heilwig musste ihm helfen, die starren Arme Wichos zu lösen, der die Mutter seines Herrn nicht lassen wollte. Während die Magd mit stammelnden Worten zu erzählen begann, was sie erlebt und erfahren, hielt Sigenot die Leiche der Mutter in den Armen und hing mit verlorenem Blick an den bleichen Zügen, die dem Antlitz einer Schlummernden glichen. Er hörte wohl, wie die Magd von der baumhoch laufenden Welle sprach, vom Sturz des König Eismann, von allem Unheil im Gadem und in der Ramsau, von Wazemanns Tod, vom Untergang seiner Söhne und vom Brand seines Hauses - doch all ihre Rede schien ihn nicht anders zu berühren als einen Sterbenden der leere Klatsch des Nachbarhauses. Nur einmal hob er die Augen - aus dem zerschlagenen Schilf des Ufers hatte eine jammernde Stimme sein Ohr getroffen.

"Der Kaganhart, der arme Hascher," schluchzte die Magd, "er muss die Hilmtrud suchen, das Wasser hat sie davongetragen mit dem Haus."

"Not über allem, was lebt!" Sigenot drückte das stille Haupt der Mutter an die Brust und streichelte ihr feuchtes Haar. "Mütterlein, Dir ist wohl! Komm! Ich will Dich zum Vater bringen!"

Er bettete die Tote im Schoß der Magd, dann stieg er zur Lände nieder, schleppte die zerstreuten Balken ans Ufer und flocht sie mit Ruten zu einem Floß. Alle Reste seiner Netze sammelte er und füllte sie mit schweren Steinen.

Nun holte er die Mutter; als er sie auf die Arme gehoben hatte, haftete sein Blick an der Leiche des Knechtes. "Willst auch mit, Wicho? Freilich, so treu wie im Leben, so treu im Tod! Wart nur ein lützel, mein guter Wicho, ich hol' Dich gleich! Sollst von Deiner Herrin nicht lassen müssen." Sigenots Stimme brach. Wankend stieg er mit seiner Last über den Hügel nieder und kehrte nach einer Weile zurück.

Zitternd fragte die Magd: "Herr? Soll ich mit Dir fahren?"

Er schüttelte den Kopf und trug den treuen Knecht zum Floß. Dem grauen Fährmann des Todes gleich, stand er auf dem schwankenden Fahrzeug und trieb es mit langer Stange durch den Trümmerwust, der den See bedeckte. Hinter der Insel sah ihn die Magd verschwinden. Sie stand am Ufer, erfüllt von kaltem Grauen und banger Sorge. Lange Zeit verging. Einmal hörte sie aus dem See heraus den verschwommenen Hall einer Stimme. War es ein Wehschrei? War es der letzte schluchzende Gruß, den der Sohn seiner Mutter bot? Dann wieder Schweigen, nur hinter dem Hügel das dumpfe Rauschen der Ache.

Lange harrte die Magd. In wachsender Sorge lief sie zur Stätte des verschwundenen Hauses empor, um weiteren Ausblick über den See zu finden. Endlich sah sie das entlastete Fahrzeug mit seinem Fährmann aus dem zerwühlten Schilf der Insel hervortauchen. Mit müden Stößen, tief gebeugt, trieb Sigenot die Balken dem Ufer zu. Als sie an die Lände stiegen, löste sich das Band der Ruten, und von dem zerfallenen Fahrzeug schwang Sigenot mit der Stange sich ans Ufer. Schwer atmend richtete er sich auf und ließ die Stange fallen. Die kalkweisen Züge seines Gesichtes waren wie versteinert. Langsam hob er die Arme, und seine Fäuste ballend, blickte er mit brennenden Augen über die öde Stätte der Verwüstung. Die bleichen Lippen rührten sich, als vermöchte er nur mühsam die Sprache zu finden; dann quoll es aus seiner keuchenden Brust, Wort um Wort: "Jetzt hab' ich ausgesorgt um Mutter und Schwester ... jetzt bangt mich nimmer um Glück und Lieb' ... jetzt steh' ich allein für mich ... jetzt will ich raiten mit allen, die mir gelogen haben und die Treu gebrochen!"

Erschrocken wich die Magd vor ihm zurück, denn sie dachte des Augenblicks, in dem sie vor dem rollenden Wasser geflohen war und in verzweifelter Todesfurcht das Haus und seine Herrin treulos verlassen hatte.

"Heilwig! Such' mir ein Beil! Ich brauch's!" Mit diesen Worten schritt Sigenot einem Felsblock zu, den die Flut ans Land gespült, und ließ sich nieder, als müsste er seine Kräfte sammeln. Zitternd starrte die Magd ihn an und begann auf der Lände umherzuwaten. Über den Hügel stieg sie auf und nieder, kehrte zur Lände zurück und suchte unter den ausgestreuten Trümmern. Endlich kam sie und stotterte: "Herr ... ich find' keines ..."

Sigenot sprang auf. "So werf' ich das Kreuz mit meinen Fäusten!" Durch die trüben Pfützen, über alle Trümmer hinweg, schritt er dem Kreuz entgegen, während die Magd entfloh. Mit geballten Fäusten stand er vor dem grauen Balken und sprach ihn an, als hätte er einen Feind vor sich, der ihn hören, mit dem er rechten könnte in Worten. "Ich hab' gehangen an Dir in Treu und Glauben! Mein Alles hab' ich gestellt auf Deine Händ'. Derweil Dir alle Feind gewesen, hab' ich mein Knie gebeugt, hab' meine Freiheit hingelegt vor Deine Füß' und hab' gerufen zu Dir: Mein guter Herr, Du mein Gott! ... Und Du? Und Du? Ich will raiten mit Dir um meine Mutter: Sie hat nicht gerufen, nicht gefragt nach Dir. Wer Treu nicht gibt, kann Treu auch nimmer heischen. Ich darf nicht raiten um mein Glück: Ich selber hab's verrufen und geschmäht und hab' das Wasser und die Berg' geworfen zwischen meine Lieb' und mich. Ich rait' nicht um dieselbig', die den Tod gefunden in der Lieb' zu mir ..." Der Klang seiner Stimme riss, und mühsam rang er nach Worten. "Sie hätt' verdient, zu leben! Stark und mutig ist sie gewesen, rechtlich an Sinn und Herz, schön und lichtscheinig wie die Sonn am Tag, und treu ... treu ... so, wie Du untreu bist! Aber sie ist ihres Vaters Blut gewesen, und Wazemanns Haus hat wider Dich gestanden. Hass wider Hass, das muss ich gelten lassen! Aber hörst nicht, Du ... es heißt auch: Treu um Treu!" Mit beiden Fäusten fasste er den Stamm des Kreuzes und rüttelte an dem Holz. "So sag' mir, Du ... sag' mir, wo die Schwester ist? Auf ihr hat nimmer Fehl und Schuld gelegen! Ihr Herz und Leben ist wie die Blum' gewesen, die den ersten Morgen sieht! Wie das Lamm vor dem Schäfer ist sie gestanden vor Dir und hat vertraut auf Deine Hut! Hat gehofft auf Dich in gläubiger Treu! Und Du? Und Du? Stark bist Du, stärker als tausend Männer in Wehr und Eisen! Kannst ja die Berg' werfen und die tiefsten Wasser heben! Und das einzig schuldlose Leben hast nicht lösen mögen aus der Not! Wo ist denn Deine Treu, von der mir derselbig' im Lokiwald gelogen hat? So red' doch: Wo ist denn Deine Treu? Hast gar kein Wort? So red' doch, red' ... wir raiten miteinander! Und wenn Du meinst, dass fallen muss, was treu und schuldlos ist ... so sag' ich Dir: Es soll auch nimmer stehen, was ich untreu find'!" Mit erhobenen Armen, mit der ganzen Wucht seines Körpers warf er sich gegen den Balken. In der Erde knirschten die Pflöcke, der Grund begann sich zu heben, und langsam neigte sich das Kreuz. Fast lautlos fiel es auf den mit Schlamm bedeckten Hang des Hügels.

Unter tiefem Atemzug drückte Sigenot die zitternden Fäuste auf seine Brust, als wäre ihm wohler geworden, als hätte in seinem Herzen ein Tropfen Balsam den Schmerz der klaffenden Wunde gelindert. "Du liegst! Und jetzt zu Deinem Knecht im Lokiwald!" Er wandte sich gegen die Ache. Doch wenige Schritte nur tat er; dann stand er wie gelähmt, an Leib und Seele befallen von allen Schauern eines Schrecks, so jeden Nerv durchzuckend und so furchtbar, wie er ihn auch in der Stunde nicht empfunden hatte, als die Berge stürzten und den Tod durch die Lüfte warfen, als die Erde sich öffnete und alles Leben verschlang. Mit entgeisterten Augen sah er, was ihm erscheinen musste wie ein Wunder, welches der starke Gott in diesem Augenblick gewirkt, um an dem Zweifler, der mit ihm gerechtet, auch seine Treue zu erweisen. Von der Ache her, zwischen dem verwüsteten Hügel und dem Wirrsal der Trümmer und gestürzten Bäume, kam langsamen Schrittes ein junges Paar gegangen, zwei stille, blasse Menschenkinder, welche zu wandeln schienen wie im Traum. Wange an Wange gelehnt, hielten sie sich umschlungen, als müsste eines das andere stützen.

Sigenots Hände griffen ins Leere. Er sah die Schwester und wandte die Augen von ihr - er sah das liegende Kreuz und streckte die Arme. Was er fühlte, erschütterte ihn an Herz und Gliedern wie ein Sturm den Baum. Stöhnend schlug er die Fäuste an seine Brust: "Ich ... ich ... ich selber bin die Untreu!" Und mit schluchzendem Schrei, taumelnd an allen Sinnen, warf er sich über die Balken des Kreuzes ...

Hinter den Bergen der Reginalbe stieg die Sonne empor. Weithin über das verwüstete Tal, in welchem die sinkenden Bäche schon leiser rauschten, flutete der warme Glanz. Er wandelte das Grau des dicken Staubes nicht in lachende Farben, er scheuchte keines von all den Bildern der Vernichtung und verjagte nicht den Atem beklemmenden Steingeruch, der die Lüfte füllte. Und dennoch senkte sich der schimmernde Glanz aus den Höhen hernieder wie ein gold geflügelter Bote, um den Menschen in ihrem verzagenden Jammer zuzurufen: Es wankte der feste Grund, und die Berge stürzten, doch blickt auf, es steht noch der feste Himmel und seine Sonne leuchtet!

In den mit Schlamm bedeckten und versumpften Gründen der Täler weckte die steigende Wärme den Nebel wie nach schwerem Regen. Überall kräuselten sich die weißen Wölklein über den Wust der Trümmer empor, von der Sonne durchleuchtet - wie Bilder menschlicher Hoffnung, welche nach aller Nacht und Kälte des Lebens doch immer wieder die Heimstatt des Lichtes und der Wärme sucht.

Aus dem Tal der Ramsauer Ache, in welchem der breite Strom der Gewässer schon gesunken war und zu versiegen begann, dampften die zarten Nebel langsam über den Lokiwald.

Zwischen den gebrochenen Bäumen suchte Eberwein einen Ausweg nach den Halden der Strub, das schlummernde Kind auf seinen Armen.

Bei grauendem Morgen, als er vor dem Lager kauerte, hatte der Schlaf seinen entkräfteten Körper befallen. Und am hellen Tag erst war der Schlummernde erwacht, geweckt von dem weinenden Stimmlein des kleinen Gesellen, der den Hunger spürte. Mit Liebkosung und zärtlichen Worten suchte Eberwein das Kind zum Schweigen zu bringen, doch es schrie und schrie. Er wiegte das kreischende Dinglein auf den Armen, drückte es in ratloser Sorge an die Brust, und da griff es mit suchenden Händchen nach seiner Nase und begann an den Wangen und Lippen des Mönches zu saugen.

Eilenden Schrittes, das Kind am Herzen, verließ er die Klause und suchte einen Ausweg durch den zerstörten Wald. Erleichtert atmete er auf, als der kleine Schreier verstummte und wieder in Schlaf verfiel.

Jeden Schritt musste Eberwein mühsam erkämpfen. Die rastlose Sorge, mit welcher er das Gesichtchen des Kindes vor dem schlagenden Gezweig und den stachligen Ästen zu bewahren suchte, erfüllte ihn so ganz, dass die Bilder all seines anderen Kummers nur verschwommen in ihm auftauchten, obwohl die Zerstörung rings um seine Füße gebreitet lag. Tote Vögel sah er im Gezweige hängen, und an Wildleichen führte sein Weg vorüber. Unter einem mächtigen Baumstamm lag ein erschlagener Bär mit zersaustem Fell und gebrochenen Zähnen im klaffenden Gebiss - der braune Honigfreund, welcher mitgeholfen an Bruder Wampos "Wunder".

Der Wald und seine Trümmer gingen zu Ende, und eine menschliche Stimme schlug an Eberweins Ohr. Er schrie, begann zu laufen und erreichte das Tal der Ramsauer Ache. Der erste Blick, den er über die verschlammten Gehänge warf, weckt ein ihm wieder alle Gräuel des vergangenen Tages.

Am Rand des tief gesunkenen Wassers näherten sich zwei Menschen, welche im Schlamm nach verlorenem Gut zu suchen schienen, ein Greis und ein Weib mit gelösten Haaren. Eberwein rief die beiden an, und kaum hatte das Weib ihn gewahrt, so kam es schon mit gellendem Freudenschrei und gestreckten Händen auf ihn zugerannt, riss ihm das Kind aus den Armen und eilte mit ihrem wieder gefundenen Kleinod davon, wie in wahnsinniger Angst, als wäre Eberwein nicht der Retter, sondern der Räuber des Kindes.

Der Alte blieb stehen, Zähren auf den runzligen Wangen, und blickte dem fliehenden Weib nach. Eberwein erkannte ihn. Es war ein Ramsauer Bauer, der mit dem alten Runot zur Windach gekommen war, um nach Hiltischalk und Hiltidiu zu suchen. "Herr?", fragte der Greis mit müder Stimme. "Hast du das Kind aus der Flut gehoben? So musst Du der Mutter auch verzeihen, dass sie den Dank vergessen hat. Drei Kinder hat ihr das Wasser genommen ... und nur ein einziges hat sie lebend wieder gefunden. Die anderen zwei, die liegen sell draußen im Schapbacher Wald ..."

"Wo Runot liegt?", stammelte Eberwein, während heiße Röte seine bleichen Züge übergoss.

"Wohl wohl! Der ist auch hin, der gute Mann! Und das Moidi und der Seppli liegen neben ihm!"

Eberwein vermochte nicht zu sprechen. In Zittern und Bangen hatte er gehofft, das gerettete Kind seiner Mutter wieder in die Arme legen zu können. Und dass es nun diese Mutter war! Das empfand er wie einen versöhnenden Trost, der ihn erhob und neu belebte.

Während er schweigend stand, von tiefer Bewegung erfüllt, sprach der Alte mit langsamen Worten von der Verwüstung, welche die Sturzflut im Tal der Ramsau angerichtet. "An die zwanzig Häuser liegen, das Pfarrhaus auch, und die Kirch' dazu ... und viel Leut', Herr, viel Leut' gehen ab. Mein ältester Bub ist auch dabei, sein Weib und alle fünf Kinder ... sieben Leut' auf einmal!" Die Stimme des Alten zitterte. "Da käm' ich wohl nimmer drüber weg, wenn ich nicht sagen müsst wie Bruder Hiltischalk: Gibt der liebe Gott mit der einen Hand, so wird er wohl mit der andern auch nehmen dürfen! Wohl wohl ... ich hab' um den frommen Bruder recht getrauert, aber schau, Herr, dem hat's der liebe Gott gar gut vermeint, dass er ihn die heutige Not hat nimmer schauen lassen! ... Jetzt muss ich aber gehen ... schau nur, wie die unsinnige Mutter noch allweil rennt ... sie wird doch an keinen Baum hinlaufen! Am End' fällt sie gar noch mit dem Kind in eine Grub'!" Mit lauter Stimme rief er: "He, Du! So halt' doch ein lützel!", und eilte, so schnell ihn seine alten Knie trugen, dem Weib nach.

Eberwein stand mit nassen Augen. "Bruder Hiltischalk! Wo Dein verlorenes Grab auch immer liegen mag, unter Fluten oder Felsen, es verlangt nach keinem Kreuzlein und Ehrenzeichen! Im Herzen dieses Christen sah ich Dein Denkmal stehen!"

Weit über das Tal her, von den grauen Halden der Schönau, tönte ein Gewirr von Stimmen. Freudig erschrocken lauschte Eberwein. "Dort leben noch Menschen!" Die Hände streckend, eilte er nieder über das schlammige Gehäng. Er sah die Trümmer nicht, die das Wasser ausgeworfen, nicht das spitze Dächlein mit dem hölzernen Kreuz, nicht die gebleichten Knochen und Totenschädel, welche die Flut aus dem Ramsauer Beinhaus bis zum Gadem heraus getragen. Seine Augen spähten nur nach einer Stelle, an welcher er den sinkenden Strom der Gewässer übersetzen könnte. Über Felsblöcke und angestaute Bäume springend, gewann er das andere Ufer und eilte über den Waldhang empor, dass ihm der Atem fast verging. Zwischen verwüsteten Büschen sah er schon die steinernen Schollen liegen, welche wie Hagel aus den Lüften gefallen. Seine Schritte beflügelnd, erreichte er einen zerstörten Hag, in dessen Mitte ein Felsblock lag von der Größe eines Hauses; doch er hörte keinen Laut des Jammers, nur den Hall eines emsig schlagenden Beils und eine freudige Knabenstimme: "Ja schau doch, Gobl-Ähni, schau, da kommt der Herr, der gute Herr!"

Die Schläge verstummten nicht, als hätte der fleißig Schaffende kein Ohr. Durch eine Lücke des Hages sah Eberwein den Greis bei der Arbeit stehen: Nackten Leibes, die Hüfte von einem Lumpen umwunden, schwang er das Beil mit der Kraft und dem Eifer eines Jünglings. Nicht weit den dem Alten, beim zerfallenen Hagtor, saß Huze in der warmen Sonne, die wunden Füße von grauen Fetzen klumpig umwickelt. Und an der Seite des Knaben kauerte, lächelnd und stillvergnügt, das kleine Dirnlein aus dem Schapbacher Wald. Beim Anblick des Mönches richtete Huze sich auf und versuchte in heller Freude ein paar hinkende Schritte. Doch Eberwein eilte dem Knaben entgegen und umschlang ihn, keines Wortes mächtig. "Gelt, Herr, gelt?", lächelte der Bub zu ihm auf. "Was sagst: Was der liebe Vater im Himmel alles an mir getan hat! Schau nur den Ähni an! Wie er schafft an unserem neuen Haus! Du! Wie der mich lieb hat! Und alles, alles hat der Vater sell droben gemacht! So gut, wie der ist, so gut ist keiner mehr!"

Eberwein konnte sich der Tränen nicht erwehren. "Mein Kind! Ich danke Dir für dieses Wort!"

Mit großen Augen schaute der Bub ihn an. "Danken! Ja warum denn, Herr? Es ist ja Dein eigen Wort! Hast es mich ja selber gelehrt, in Wazemanns Bußloch: So gut wie der Vater im Himmel ist, so gut ist keiner mehr!"

Es zuckte seltsam um die Lippen des Mönches, während seine Blicke über alles Elend schweiften, das ihn umgab, und hinausirrten über die verwüsteten Halden. Tief atmend strich er mit den Händen über das struppige Haar des Knaben, sah ihm in die leuchtenden Augen und flüsterte: "Werdet wie die Kinder!"

Das Beil in der Faust, kam der alte Gobl zum Tor. "Ich grüß' Dich, Herr! Und schau, ich sag's gleich selber: Du hast recht gehabt! Mein Apfelbaum ist hin, nackt steh' ich da, aber allweil freut mich das Leben wieder!" Er fasste die Hand des Knaben, der ihm mit mühseligen Schrittlein entgegen humpelte, und zog ihn zärtlich an sich. "Was sagst, Herr, wie der Bub sich macht! Und so viel gleicht er meiner lieben Dirn! Die ganzen Augen hat er von ihr, und ich mein' wohl, das gute Herzl auch!" Er hob das Kinn des Knaben und lachte ihn an. "Schau, Bub, wenn du nicht hinken tätest ... ich mein' schier, Du müsstest von Deiner Mutter auch den Schritt noch haben, so keck und fest!"

In stummer Bewegung blickte Eberwein auf diese beiden Menschen: Das Alter in nackter Not, die Jugend in Schmerz und Wunden, und dennoch in den Augen beider die lachende Freude des Lebens.

Dumpfe Stimmen, von einem Windhauch über die Halden getragen, unterbrachen die Stille. Lauschend hob Eberwein den Kopf und strich mit der Hand über die verträumten Augen.

"Lus' nur, Herr!", sagte der Greis, und seine Stimme wurde scheu und leise. "Es haben nicht alle den schiechen Tag so gut überstanden wie mein Bub und ich. Die Leut' sind gefallen wie die Fliegen im Frost. Sell drüben schleppen sie die Toten auf ein Häufl ... einer von Deinen Gottesleuten ist auch dabei."

Was der Alte noch weiter fragte, hörte Eberwein nicht mehr. Bleich bis in die Lippen, hatte er sich abgewandt und eilte dem verschommenen Hall der Stimmen entgegen.

Zerbrochene Zäune sah er, Hütten mit durchlöcherten Dächern, ein halb zertrümmertes Haus, in dessen Stube vom verwichenen Abend noch der Tisch bestellt war mit unberührten Schüsseln. Überall Schutt auf seinem Weg, blaue Eisblöcke, von denen in der warmen Sonne das Wasser nieder schmolz, und graue Felsenklötze, welche keine Menschenkraft mehr von der Stelle rücken würde, auf der sie aufgerichtet standen als ewig dauernde Gedenkzeichen des schreckenvollen Tages. Kühe, Ziegen und Schafe sah er unruhig einher ziehen, Hunde trabten an ihm vorüber, doch bei keiner Hütte gewahrte er Menschen. Ein einziges Kind nur erblickte er: Es saß auf einem Schutthügel und spielte mit dem Geröll.

Doch immer näher klang das Gesumm der Stimmen, und endlich gewahrte er auf freiem Feld einen schwärzlichen Menschenhaufen. Langsam glitten die Gestalten durcheinander, die einen gingen, andere kamen paarweis und trugen auf Stangen eine regungslose Last herbei.

Die Leute erblickten den Mönch, und das dumpfe Gesumm der Stimmen erlosch. In der dunklen Schar sah Eberwein plötzlich all die weißen Gesichter. Einige Männer und Weiber schienen willens, ihm entgegenzulaufen; auf halbem Weg aber hielten sie inne und standen regungslos. Auch Eberweins Schritte stockten: Ihn befiel die Ahnung dessen, was er sehen sollte. Doch nur einen Augenblick versagten ihm die Kräfte. Bleich, mit kämpfenden Atem, eilte er den Harrenden entgegen. Kein lautes Wort vernahm er, kaum einen schluchzenden Laut. Doch hundert Arme streckten sich ihm entgegen in flehendem Jammer, als wäre bei ihm die Hilfe, bei ihm der Trost. Hundert Augen, gerötet von Staub und Weinen, hingen an seinen Lippen, als könnte ein einziges Wort des gottgeweihten Mannes alle Schmerzen Lösen. Die Männer fassten nach seinen Händen, die Weiber griffen nach seinem Kleid und hoben ihm ihre Kinder entgegen, als läge im Blick seiner Augen die Kraft, zu feien wider alle Not und Gefahr.

Wortlos, erschüttert in jedem Nerv seines Lebens, stand Eberwein inmitten dieses namenlosen Jammers - zum ersten Mal im Kreis seiner Gemeinde! wie anders hatte er diese Stunde sich gedacht! So schön, so reich an Hoffnungen und Plänen! Als den verheißungsvollen Anfang einer guten Zeit! Nun war die ersehnte Stunde gekommen - und er stand inmitten dieser tief gebeugten, nach Trost und Hilfe bangenden Menschen wie ein Hausvater, der von weiter Reise zurückkehrt, freudiger Sehnsucht voll, und unter seinem Dach den Tod und alles Elend findet. Wie sollte er trösten, da er doch selbst des Trostes bedürftig war wie ein Dürstender des Trankes. Sprechen konnte er nicht - er drückte nur hier eine zitternde Hand, blickte mit heißem Erbarmen in ein brennendes Auge, streichelte dort ein gebeugtes Haupt, schloss einen Wankenden in seine Arme, drückte ein Kind an seine Brust und gab es der Mutter zurück, während ihm die Tränen über das bleiche Antlitz rannen.

Und so gab er Trost, ohne dass er es wusste: Der Schmerz hat seine Sinne, und diese Menschen empfanden es wie einen warmen Lichtstrahl in ihrem dunklen Jammer, dass einer unter ihnen weilte, der es gut mit ihnen meinte wie ein treuer, lang erprobter Freund - sie fühlten, dass all sein Erbarmen, alle Liebe seines Herzens ihr Eigen war. Ihre Stimmen lösten sich aus dem stummen Bann, ihr Schluchzen wurde laut, und eine Greisin fasste den Arm des Mönches, brach ihm eine Gasse, und auf die Toten deutend, weinte sie: "Schau, guter Herr, schau ... da liegen sie auf der Erd' ... um Deinen heiligen Bruder her!"

Im ersten Entsetzen deckte Eberwein den Arm über seine Augen. Auf einer Bahre aus Buchenästen ruhte Waldram, die gebrochenen Augen noch offen, das schwarze Kleid übergossen von geronnenem Blut. Und um ihn her im Kreis eine stille Gesellschaft, Männer, Weiber und Kinder, Leiche neben Leiche, sie alle geschmückt mit der roten Blume ihres erloschenen Lebens. Da waren bleiche Gesichter mit friedlichen Zügen, als hätte der Tod diese Menschen überfallen, noch ehe sie die Nähe des finsteren Gesellen ahnen konnten. Andere Leichen zeigten in ihren Gesichtern nur den Ausdruck höchsten Schreckens, als wären sie schmerzlos hingesunken in einem Augenblick besinnungsloser Verwirrung. Daneben Gesichter, grauenhaft entstellt, in jedem Zug die erstarrte Sprache aller Todesangst und Verzweiflung: Körper, die zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zermalmt. Ein zerschmettertes Weib, dessen Arme noch die Überreste zweier Kinder umschlungen hielten. Ein Rumpf ohne Beine und Hände, einer mit halben Kopf und entzweigeschnittener Brust, ein Haupt ohne Leib, und daneben ein Haufen zerhackter Gliedmaßen und formloser Fleischklumpen von Sand umhüllt.

Zitternd, das Antlitz von fahler Blässe bedeckt, stand Eberwein vor dieser wüsten Orgie des Todes. Seine verstörten Augen suchten den Himmel, und mit bleichen Lippen stammelte er: "Wir müssen glauben ... oder verzweifeln!" Wankend schritt er zwischen den Leichen auf die Bahre Waldrams zu und schloss dem Toten mit bebender Hand die Lider. "Vergib mir, wenn ich Dir Unrecht tat im Leben!" Seine Blicke irrten über die Gesichter der Lebenden, er suchte nach einem Trost, den er spenden könnte, und wusste kein Wort zu finden. Worte? Er fühlte, hier gab es nur einen Trost noch: Die helfende Tat! Schwer atmend richtete er sich auf und stand inmitten der Leichen, als wäre er selbst noch eben auf der blutgetränkten Erde gelegen und hätte sich, wie durch ein Wunder, starren Leibes erhoben.

Scheu näherte sich der Köppelecker. "Herr, lass dir sagen, wie der heilige Mann gestorben ist ..."

Eberwein wehrte mit der Hand. "Er ist ein Toter unter Toten ... wir wollen der Lebenden gedenken!" Einen letzten Blick noch warf er auf die Bahre Waldrams, dann schritt er aus dem Ring der Leichen hervor und strich mit der Hand über das Haar der Greisin, die ihn geführt. "Mütterlein, sammle die Kinder und führe sie zu einem sicheren Hag. Tod und Wunden sind kein Anblick für Kinderaugen." Dem Köppelecker befahl er: "Wähle die Knaben aus, welche bei Kräften sind und die Wege kennen." Sie sollten Botschaft tragen zu entlegenen Gehöften, zu allen Hochbauern auf dem Göhl und Untersberg und die Männer zur Hilfe rufen! "Ihr Frauen und Mädchen! Brecht Äste und flechtet sie mit Stangen zu festen Bahren!" Er sandte sie zu einem nahen Gehölz, damit ihnen das grässliche Bild der Leichen entzogen wäre. Zwölf bejahrte Männer wählte er. Sie sollten die Toten zur Klause tragen und vor dem Kirchlein niederlegen. Dann hob er einen Spaten von der Erde. "Ihr anderen Männer alle! Zu mir!"

Jedem wies er einen Teil der Arbeit zu, keiner sollte müßig stehen, keinem die Zeit verbleiben, stumpf zu versinken in Schmerz und Jammer. Es gab keinen Widerspruch, sie alle gehorchten jedem Wort und Wink. Keiner fragte: Gilt die Hilfe mir? Gilt sie dem Nachbar? Die gemeinsame Not hatte sie mit eisernem Band aneinander geschmiedet wie zu einem einzigen Wesen, das nur einen Schmerz und Verlust empfand und um all die Leichen weinte wie um einen Toten.

Eberwein fragte nach den Verwundeten. Doch Verwundete gab es nicht: Die stürzenden Felsen hatten den Tod gefordert oder das Leben gewährt. Er fragte, was schon geschehen wäre zur Rettung der Verschütteten, welche noch leben könnten. Nur die Leichen hatten sie aufgelesen, die unter freiem Himmel lagen - an andere Hilfe hatten sie in ihrer Betäubung kaum gedacht. Eberwein teilte die Männer in Gruppen, gab jeder Gruppe einen Führer, den er mit prüfendem Blick erwählte, und sandte die Häuflein nach verschiedener Richtung aus, während er selbst mit wenigen Männern zu den Stätten eilte, auf welchen die Zerstörung am übelsten gewaltet hatte.

Er kam zu einem Haus, welches bis zum Giebel unter dünn gemahlenem Schutt begraben lag. Als Eberwein über die Böschung empor klomm, um durch die Lücken des Daches einen Weg ins Innere des Hauses zu suchen, sah er etwas im Schutt sich bewegen gleich einem Wurm. Er begann mit den Händen zu graben und zog ein Knäblein hervor. Es lebte und war unversehrt an allen Gliedern, nur das Mäulchen und die Augen waren mit Schlamm verklebt. Als ihm das Gesichtchen mit Wasser überspült wurde, begann es zu niesen, schob mit dem roten Zünglein die Erde über die Lippen hinaus ... und lächelte.

Diese erste Rettung belebte die Männer und spornte sie zu heißem Eifer. Einer von ihnen eilte mit dem Kind dem Gehölz zu, in welchem die Frauen bei der Arbeit waren. Die Mutter des Kindes fand sich nicht unter ihnen - eine Schwester nur. Weinend und lachend umklammerte sie das Bürschlein und gab es dem Mann zurück. "Trag's nur hin, wo die anderen sind ... ich muss schaffen, oder der gute Herr könnt' zürnen!"

Als der Mann den Hag erreichte, in welchem die Kinder versammelt waren, sah er die Kleinen dicht gedrängt um die Greisin sitzen, welche mit zitternder Stimme erzählte: "So haust er zu tiefst im Untersberg, und derweil er schlaft, wachst ihm der lange Bart um den steinernen Tisch herum. All hundert Jahr' nur wacht er einmal auf, und wenn er im Wachen den ersten Schnaufer tut, so geht ein Rumpler durch alle Beg' und überall fallen die Steiner ..."

"Gelt? So wie gestern!", fragte ein blasses Dirnlein scheu und beklommen.

"Wohl wohl! So wie gestern! Und da tun sich die Felsen vor ihm auf, und lichtscheinig steigt er aus dem Berg heraus. Überall geht er um im Tal, und wo er einkehrt, bringt er die gute Zeit!"

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