Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 19

Kapitel 16

Im Dämmerlicht des Abends irrte Eberwein am Ufer der die Ramsau überschwemmenden Seeflut auf und nieder.

Mit gemartertem Herzen hatte er die Leiche des Kohlmanns verlassen. Durfte er tatlose Wache bei einem Entseelten halten, da er auf brechenden Bergen und im überfluteten Tal die Lebenden in Gefahr und Nöten wusste? Doch wohin sich wenden? Nach der Höhe? Der Schwester Sigenots, dem Richtmann und seinem Sohn zu Hilfe? Jetzt, da ihm der Führer genommen war? Wie sollte er die Wege finden, die er nie betreten? In brennender Qual erkannte er, dass jeder Schritt zur Höhe nutzlos wäre. Und so eilte er dem bedrohten Tal entgegen, an die matte Hoffnung sich klammernd, dass Sigenot die Schwester schon erreicht, dass der entfesselte Zorn der Elemente die Verfolger zurückgeschreckt und dass die stürzenden Felsen einen wehrenden Hag zwischen den Bedrängten und ihren Feinden errichtet hätten. Auch jetzt noch, da im Angesicht der Vernichtung in seiner Seele wankend geworden, was durch all sein Leben hindurch in ihr gewohnt so "fest wie Berge" - auch jetzt verlor sein Auge noch nicht den hellen Blick, der inmitten aller Nacht nur immer den Morgen sieht.

Zwischen Bäumen und übermoosten Blöcken eilte er talwärts, der körperlichen Schmerzen nicht achtend, die der ungefüge Weg ihm bereitete. Als fern im Gadem der Sturz des König Eismann niederging, spürte Eberwein das Zittern und Wanken des Grundes. Doch das Ohr betäubende Brausen der Gewässer, welche ihm zur Linken gegen die Täler stürzten, übertönte das dumpfe Gedröhn und seinen Widerhall. Eberwein konnte nicht wissen, nicht ahnen, was in der Ferne geschah - und dennoch umklammerte ihm ein dunkles Grausen die Seele und machte seinen Herzschlag stocken. Quälende Angst beflügelte seine Schritte, und als er dem Tal sich näherte, sah er schon die gestürzten Bäume und zwischen allen Gehängen die breit ergossene Flut, die ihm jeden Weg zu den bewohnten Stätten versperrte. Ein heißer Aufschrei löste sich von seinen Lippen - alles Gebet einer verzweifelnden Menschen Seele lag in diesem einen Laut - und er streckte die Arme zum Himmel, als müsste ein Wunder Gottes die Fluten teilen vor seinem Schritt. Doch er sah nur die Gewässer steigen und sich mehren. Im Gebraus der Wellen konnte er von den fernen Halden der Ramsau keinen Laut vernehmen - und dennoch hörte er ein Angstgeschrei aus hundert Kehlen, das grausige Lied eines markdurchdringenden Jammers. Dunkle Wälder sperrten ihm in enger Runde den Blick - und dennoch sah er die Hütten stürzen im Schwall der Fluten und sah den Todeskampf der sinkenden Menschen. Seine Herde fiel, und er, der Hirte, musste tatlos stehen, und seiner Ohnmacht Teil war nur ein schreiendes Gebet, das keinen Gott und keinen Himmel fand, der es erhören wollte.

Zitternd bedeckte er das Gesicht mit den Händen. Dann wieder irrte er am Rand der strömenden Fluten entlang, getrieben von der Hoffnung, dass ein Hügel sich finden ließe, ein über den Weg der Wellen hinaus gebauter Fels, von welchem er das andere Ufer springend erreichen könnte. Doch je weiter er talwärts kam, desto breiter dehnte sich das Wasser, und seine suchenden Blicke fanden nicht Fels noch Steg, nur treibenden Wust von Trümmern und gaukelndes Hausgerät, das die schlammigen Wellen entführten. Dicht vor seinen Füßen schwamm ein menschlicher Körper vorüber. Aufschreiend stürzte sich Eberwein bis in die Brust ins Wasser, haschte den stillen Schwimmer und zog ihn ans Land. Es war die Leiche eines Greises: Der alte Runot, dessen starre Totenhand noch das Beil umklammert hielt, mit dem er an den Balken für sein neues Haus gezimmert hatte. Eberwein erkannte den Entseelten, und eine Erinnerung zuckte in ihm auf. Es sah den Pfarrhof in der Ramsau, unter der Linde die Steinbank, sah ein Häuflein Männer mit entblößten Köpfen und hörte die Stimme Hiltischalks: "Und weil der alte Runot allzeit rechtlich und fromm gewesen ist, drum hat ihn auch der liebe Himmelsherr behütet, hat ihn nicht sterben lassen unter dem fallenden Dach und wird ihm helfen ein neues bauen!"

Die Gestalt des Mönches erbebte, und raunend bewegten sich seine Lippen: "Ja, Hiltischalk, ein neues Haus! Und fest, für alle Ewigkeit gebaut! Es hat nicht Dach und Balken, mannstief liegt es unter der Erde!" Er zerrte die Leiche höher an den Strand: "Komm, frommer Runot, ich bin ja Gottes Diener ... ich öffne Dir das Haus, das er baute für Dich!" Wie von Sinnen warf er sich auf die Knie und begann mit den Händen in der Erde zu graben.

Da kamen rollende Kiesel über den steilen Hang hernieder. Eberwein hob das Gesicht, und auf einem Karrenweg, der in Steinwurfweite über ihm den Wald durchzog, sah er einen Reiter vorüber springen im gelben Wams der Wazemannsknechte. Ein hoffender Gedanke erwachte in Eberwein. Keuchend sprang er auf, rannte mit gestreckten Händen über den Berghang hin, dem Reiter nach, und schrie: "Dein Ross! Gibt mir Dein Ross! Es soll mich über das Wasser tragen ... Menschen in Not!"

"In Not ich selber," klang die heisere Stimme des verschwindenden Reiters, "und das Grausen hinter mir! Herr Waze liegt unter seinem Berg, all seine Buben sind erschlagen vom Gestein."

Eberwein stand wie gelähmt und blickte scheu zum Himmel auf, den die sinkende Sonne blutrot färbte. Langsam strich er mit den zitternden Händen über das bleiche Gesicht, als wollte er einen Schleier von seinen Augen streifen und stammelte die Worte des Jesaias: "Mein Herz ist irre, Schrecken überfällt mich!" Taumelnden Ganges wandte er sich und sah, dass der fromme Runot nicht mehr allein war. Das Wasser hatte die Leichen zweier Kinder ausgeworfen, die sich im Tod noch umschlungen hielten. Eberwein erkannte sie. Da lagen sie entseelt vor seinen Füßen, die bleichen Gesichtchen vom Schlamm verwüstet - und ihm war doch, als stünden sie noch lebend vor ihm, zwei holde Kinderblüten, als sprächen sie zu ihm mit ihren trauten Stimmchen: 'Moidli heiß' ich, wie die Gottesmutter! ... Und ich heiß' Seppli, wie Gott Vater!' Sie hatten ihm die ersten freundlichen Gruß in seinem Land geboten, und er hatte sie gelobt, den beiden Kindern diesen Gruß zu danken! Welchen Dank nun konnte er ihnen reichen?

Wie ein zu Tod Ermüdeter sank er neben den kleinen Leichen zu Boden, löste ihre starren Ärmchen, wusch den grauen Schlamm von ihren Zügen und küsste die kalten Lippen. Dann saß er neben ihnen, und die Hände im Schoß blickte er zum brennenden Himmel auf, den das ziehende Staubgewölk zu verdüstern begann. "Die Festen der Erde erschütterst Du und wirfst die Keulen Deiner Berge auf die Bösen! Wo ist Dein Schild, mit dem Du die Unschuld wahrst?" Über das Tal hin glitten seine verstörten Augen zu dem von braunem Rauch umschleierten Lokiwald. "Waldram! Ich sehe Deinen Gott!" Schwer seufzend erhob er sich, streifte mit einem letzten Blick die Leichen und taumelte am Rand der Fluten entlang. Er sah nicht, wohin er ging, und hörte das Gebraus der Wellen nicht mehr. Einmal hielt er inne, zitternd an allen Gliedern, und schlug die Hände vor das Gesicht. "Hiltischalk! Hiltischalk! Steig' auf aus Deiner Tiefe, Du Christ der Christen ... reiche mir den Himmel, der in Deinem Herzen wohnte, zeige mir den Gott, an den Du glaubtest!" Und wieder schwankte er weiter. Er merkte nicht, dass ein Mensch am Rand des Wassers ihm entgegenirrte. Es war der Schmied von Ilsank. Als er den Mönch gewahrte, befiel ihn jäher Schreck, und mit zuckenden Händen griff er nach dem Hals. Es schien, als wollte er fliehen und brächte den Fuß nicht von der Stelle. Zögernd breitete er die Arme aus, stürzte auf Eberwein zu, fiel vor ihm auf die Knie und umklammerte die Füße des Mönches. "Verzeih! Verzeih! Ich hab' geschworen wider Euch auf dem Totenmann! Ich hab' meinen Hag verschlossen vor Dir! Mein Haus ist hin, mein Weib und Kind! Sieh meine Reue und lass mich leben!"

Mit verlorenen Blicken starrte Eberwein auf den zitternden Mann. Er hörte die Worte und verstand sie nicht - er sah nur den Zug des Leidens in dem bleichen Gesicht und streifte mit der Hand über das Haupt des Knienden.

"So lebt noch einer?"

"Ich bin der einzig', der entronnen ist, der einzig'!", stammelte der Mann, dem noch die Todesangst der vergangenen Stunde in allen Gliedern bebte. Er hatte keinen Menschen mehr gesehen, seit er aus seiner Betäubung erwacht und geflohen war, um sein Haus zu suchen. "Der ganze Gadem liegt verschüttet unter dem Eismann, den Dein starker Himmelsherr im Zorn auf uns geworfen hat! Ich bin der einzig', der noch lebt!"

Eberwein erschrak nicht mehr. Nur ein dumpfes Stöhnen quoll aus seiner Brust. Er löste die Arme des Mannes von seinem Leib und wollte an ihm vorüber schreiten. Da sah er in der trüben Helle des Abends ein kleines Fahrzeug auf den grauen Wellen gleiten - gleich einem winzigen Einbaum war es anzusehen.

"Eine Wieg', Herr," stammelte der Schmied, "und in der Wieg' ein lebiges Kind!"

"Es soll nicht sterben!", klang es mit gellender Stimme von Eberweins Lippen.

Erschrocken streckte der Schmied die Arme, doch er konnte die verzweifelte Tat des Mönches nicht mehr hindern. Mit mächtigem Sprung hatte sich Eberwein auf ein im Wasser treibendes Dach geschwungen, mit dem zweiten Sprung gewann er eine schwimmende Tanne, lief auf ihrem Stamm entlang und stürzte sich in die Wellen. All seine letzte Kraft erschöpfend, erreichte er die Wiege und hörte das weinende Stimmlein des Kindes. Von den reißenden Wellen fortgetrieben und wider sie ankämpfend mit erlöschender Kraft, stieß er die Wiege vor sich her und dem anderen Ufer zu. Je weiter ihn die Fluten talwärts trugen, desto mehr erlosch die dämmerige Helle vor seinen Augen, denn ein trüber Rauch begann sich über Wasser und Ufer zu legen. Während er mit der einen Hand die Wellen zu teilen suchte, hielt er mit der anderen die Wiege fest - und plötzlich fühlte er Grund unter seinen Füßen. Keuchend richtete er sich auf, riss das schreiende Kind an sich, das mit nackten Ärmlein seinen Hals umklammerte, und von den schäumenden Wellen bis an die Brust umspült, gewann er das Ufer. Schwankend stieg er noch eine Strecke über den waldigen Hang empor, dann sank er entkräftet zu Boden, und es schwand ihm das Bewusstsein.

Finster senkte sich die Nacht über den Besinnungslosen und über die weiten Stätten der Verheerung.

Nirgends leuchtete die Flamme eines Herdes, und rings um alle Hütten, welche der Zerstörung entgangen waren, lag dumpfes Schweigen gebreitet. Nur die flutenden Gewässer rauschten, und in Zwischenräumen tönte von den Bergen nieder ein kurzes, dumpfes Gepolter.

Auf einer einzigen Stätte nur war es laut und lebendig in der Nacht, und rings um sie her verscheuchte eine lodernde Flammensäule das Dunkel. Der rote Schein, welcher ausging von Wazemanns brennendem Haus, leuchtete weit empor über den verschütteten Bergwald und nieder auf den rauschenden See und die verödete Lände. Zuckende Lichter fielen durch das offene Tor hinaus auf den von Geröll und zersplitterten Bäumen übersäten Weg, auf welchem die Leiche eines erschlagenen Menschen lag, das gelbe Wams von Blut überronnen - es war der Reiter, der im Scharpbacher Wald dem Mönch das Ross verweigert und ihm zugerufen hatte: "In Not ich selber!" Von Grausen gejagt und beim Anblick der Verwüstung im Gadem von neuem Schreck befallen, hatte er den Weg nach seines Herren Haus gesucht. Das lahm gewordene Ross am Zügel führend, war er bei sinkendem Dunkel über die Trümmerfelder empor geklettert, während aus Wazemanns Haus schon die Flammen schlugen. Als er dem offenen Tor sich näherte, kam ein kreischender Haufen ihm entgegen, Männer und Weiber - der Hanetzer mit seiner Schar. sie hatten das Haus verödet gefunden, verlassen von den Knechten und Mägden, welche bei Beginn des Bergsturzes geflohen waren. beim Anblick der Pechkränze und Reisigbündel, welche im Burghof umher lagen, hatte der Hanetzer geschrieen: "Schaut, ihr Leut', Herr Waze selber hat uns Zeug geliefert zu flinkem Feuer!" Auf alle Dächer, in alle Türen und Fenster waren die brennenden Kränze geflogen, und mit johlendem Geschrei begrüßte der Haufen die erwachenden Flammen. Aber bei aller Wut, die sie erfüllte, bei allem Hass, der in ihnen gährte, fürchteten sie doch die Heimkehr des Spisars und seiner Söhne. Die Furcht eines ganzen Lebens wird auch in einer Stunde entfesselten Hasses nicht völlig abgeworfen. Zuerst begannen die Weiber zu laufen, und die Männer folgten ihnen. Als der Trupp sich durch das Tor hinausdrängte, kam jener Knecht mit seinem Ross.

Im sinkenden Dunkel, das die Flammen erst halb zerstreuten, hielt der Knecht den fliehenden Hafen für das Gesind des Hauses, und keuchend schrie er ihnen die Botschaft zu: "Not über uns! Der Herr liegt unter seinem Berg, all seine Buben sind erschlagen!"

Ein kurzes Schweigen - als könnte solche Botschaft von diesen Menschen nicht begriffen werden im ersten Atemzug und Hören - dann jähling sein Geschrei, nicht wie von menschlichen Stimmen, sondern wie aus den Kehlen gequälter Tiere, deren Käfig, darin sie durch Jahr und Tag alle Marter gelitten, mit einem Schlag zerbrochen wird. "Such Deinen Herren wieder," brüllte der Hanetzer und raffte einen Buchenast von der Erde, "wir lassen ihn grüßen!" Krachend fiel das schwere Holz auf die Stirne des von Entsetzen gelähmten Knechtes, und lautlos brach der Mann zusammen, während das scheue Ross über den Weg hinaus in die Tiefe sprang.

Wie vom Wahnsinn der Freude befallen, unter jauchzendem Geschrei, wandten sich die Männer und Weiber in den schon taghell erleuchteten Burghof zurück, und ihr furchtlos gewordener Hass berauschte sich in einer Orgie der Zerstörung. Sie rissen den Stangenkäfig nieder und erschlugen die Raubtiere, welche dem Spisar zu Spiel und Kurzweil gedient. In der Vorhalle fanden sie die Saufänger und Jagdspeere und erstachen im Zwinger die Hunde, welche die letzte Bergfahrt ihres Herrn nicht geteilt. An den brennenden Ställen erbrachen sie die Türen und metzelten die gemästeten Rinder nieder, köpften die Ziegen und Schafe und erwürgten das Geflügel. Den Pfauen rissen sie bei lebendigem Leib die Federn aus und warfen die zuckenden Fleischklumpen in das Feuer. "Herrenbraten, Herr Waze, Herrenbraten!" In der Falkenkammer schleuderten sie die Beizvögel an die Mauer, in den Kellerhöhlen zerschlugen sie die Metfässer und vernichteten, was sie an Vorrat aufgespeichert fanden. Mit keinem Gedanken dachen sie, dass sie Gut zerstörten, das sie selbst von ihrem Schweiß gesteuert und gezinst - im Rausch der Wut und des Hasses erschien ihnen alles und jedes zwischen diesen Mauern wie ein Teil des Mannes, der das Mark aus ihren Knochen gezogen und das Blut aus ihren Adern gepresst. Die wachsenden Flammen nicht scheuend, drangen sie in alle Kammern des Hauses, zerschlugen die Sessel und Tische, brachen die Waffen entzwei, zerschmetterten alles Gerät und rissen in Fetzen, was an Gewand in ihre wühlenden Hände fiel. Die Trümmer und Scherben und was der Vernichtung widerstand, warfen sie durch die Fenster in den Burghof und hielten in solcher Zerstörung nicht eher inne, ehe nicht die fallende Glut des Gebälks sie aus dem brennenden Haus trieb.

Nur einer zögerte noch. In Reckas Kammer hatte der Hanetzer das über die Dielen zerstreute Geschmeide gefunden, und die Habsucht war in ihm erwacht. Im Burghof schrieen seine Brüder: "Heraus, heraus, oder das Dach geht nieder über Dich!" Doch er hörte die warnenden Stimmen nicht. Halb erstickt vom wallenden Rauch und fast versenkt von der schwelenden Hitze, kroch er auf den Bohlen umher, tastete nach den Spangen, Ketten und Ringen und raffte in seine Kotze, was er fand. Jetzt griff er nur die leeren Dielen noch und wollte sich schon erheben; da fühlte er ein letztes Stücklein - es wog nicht schwer wie Gold und Silber, doch war es anzufühlen wie die Hälfte einer Spange. Er warf sie in die geschürzte Kotze, und aus der Kammer flüchtend, fasste er nach einem Jagdspeer - denn was er gewonnen, wollte er auch bewahren. Während er sich durch die von Rauch und Flammen erfüllte Herrenstube kämpfte, umprasselt von fallender Glut, verstummte jählings im Burghof das wirre Geschrei, und eine Stimme tönte in bebendem Zorn: "Die Berge erschütterte mein Gott und Herr, um seine Stärke zu weisen vor Eurem bangenden Blick! Die Geschosse seiner Felsen warf er auf die Brust der Sünder und Verstockten! Unter ewigen Hügeln begrub er seine Feinde und löschte ihr flackerndes Leben wie der Sturm das Licht! Eure Hütten brach er und deckte mit Gestein die Halden und Euren Schweiß! Und ihr erkennt seine Größe nicht? Ihr liegt nicht auf den Knien in Zerknirschung und Gebet? Ihr schlagt nicht an die Brust und schreit: Du Starker, sei uns gnädig!" Dumpfes Rollen klang aus ferner Höhe durch die Nacht hernieder. "Habt ihr nicht Ohren zu hören? Noch schwingt Gottes strafender Engel die scharfe Sense über Euren Häuptern! Und Ihr! Ohne Furcht und schamlos wandelt ihr den Weg der Hölle und macht die Teufel jauchzen zu Eurem Werk. Zur Buße ruft Euch der zürnende Himmel ... was aber sind Eure Werke? Mord, Raub und Brand!"

Taumelnd hatte der Hanetzer die Vorhalle erreicht, schüttelte die Funken von seinem Leib und rang nach Atem. Als er schwankend die Stufen betrat, tönte ihm mit schneidendem Klang jene Stimme entgegen: "Nieder den Raub aus Deinen verfluchten Händen!" Vom zuckenden Schein der Flamme erleuchtet, stand vor ihm die hagere Gestalt eines Mönches, mit bleichem Antlitz und brennenden Augen, in erhobener Faust den Stab. "Nieder den Raub!"

"Was mein ist, wahr' ich!", murrte der Bauer mit noch halb erstickter Stimme.

"Gott befiehlt es!" Der fallende Stab des Mönches traf den Arm des Bauern, dass die geschürzte Kotze sich öffnete und das blinkende Geschmeide über die Stufen rollte.

Von den Lippen des Hanetzers zischte ein Fluch, es zuckte der Speer in seiner Faust - und Waldram taumelte mit durchbohrter Brust. Die Männer erblassten, die Weiber schrieen, und erschrocken streckten sich zwanzig Hände, um den Sinkenden aufzufangen; doch Waldram bedurfte keiner Stütze. Hoch aufgerichtet stand er, nur der Stab war ihm entfallen. Mit der einen Hand die quellende Wunde deckend, mit der anderen zum Himmel weisend, hob er die Augen mit einem Blick, vor welchem der Mörder scheu zurückwich in die brennenden Halle. Und ohne Zorn, in feierlichem Ernst, klangen die Worte des Mönches: "Du sendest mich zu meinem Gott, und ich möchte Dir danken! Doch meine Wunde muss reden wieder Dich vor des Richters Thron, denn geweihtes Blut hast Du vergossen! Bete, Sünder! Bereue!"

Ein dumpfes Krachen, ein Aufschrei aus allen Kehlen, ein stürzendes Gewirbel von Flammen, Rauch und Funken, und über der Stelle, die vor einem Atemzug den Mörder noch getragen, lag der glühende Trümmerhaufen, zu welchem Wazemanns Haus zerfallen war.

"Zu spät Deine Reue!", stammelte der Mönch wie in heißem Erbarmen und sank zurück.

Sie fingen ihn auf, sie trugen ihn aus der Nähe der Glut und schleppten Kotzen und Felle herbei, um den Sterbenden weich zu betten. Doch Waldram wälzte sich auf die kahle Erde. "Mein Erlöser ist nicht auf weichen Fellen gestorben, auf hartem Holz! Legt ein Scheit unter meinen Nacken!" Sie taten ihm den Willen, und er lächelte wie ein Müder auf weichem Pfühl. Seine Hände suchten das Kreuz am Gürtel, und das heilige Zeichen an die Wange schmiegend, lag er ausgestreckt und sang mit erlöschender Stimme das Ambrosianische Lied. Lautlose Stille war um ihn her, die bangen Blicke der Männer und Weiber hingen an seinen Augen, die in Verklärung leuchteten. Mit mattem Stammeln endete er das Lied, und als könnte er den seligen Augenblick des Todes nicht erwarten, so hob er sich mit zitternden Kräften auf die Knie, entblößte seine Wunde und hauchte lächelnd: "Was zauderst Du, meine Seele ... fürchte Dich nicht, der Weg zu Deinem Heil ist offen!" Reichlicher strömte sein Blut, die brechenden Augen noch empor gerichtet zu den verschleierten Sternen, fiel er zurück und seufzte.

Rings um den Toten lagen sie alle auf den Knien, und in das Rauschen der versinkenden Flammen mischte sich das Schluchzen der Frauen. Die Männer knieten bleich und wortlos. Die wilden Herzen, welche der Lebende wohl nie gewonnen hätte, erschütterte dieser gottesfreudige Tod bis tief ins Innerste. Eines der Weiber küsste die Sohlen des Toten und schluchzte: "Hebt ihn auf, ihr Mannerleut', tragt ihn zu seinem heiligen Haus!" Schon wollten die Männer dieses Wort befolgen; doch der Köppelecker streckte wehrend den Arm über die Leiche. "Keiner soll ihn anrühren mit roher Faust! Wascht erst das Viehblut und den Brandschmack von Euren Händen ... nachher wollen wir ihn tragen!"

Während im Ring der verödeten Mauern die letzten Flammen in Glut und Asche sanken, stieg durch die Nacht ein stiller Zug über die Trümmerfelder nieder ins Tal, umgaukelt vom Lichtschein zweier Fackeln.

Der Köppelecker eilte dem Zug voran. Sein Weg führte vorüber an zerstörten Hütten, vorüber an schlummerlosem Weh und Jammer. Als er das eigene, von Geröll umlagerte Haus erreichte, hielt er zögernd inne. Aus der verschobenen Tür blickte ein matter Lichtschein und ihm war, als vernähme er das Schluchzen seines Weibes. Schwer atmend wandte er sich ab und eilte weiter. Er suchte den Lokiwald, um die Kunde von Waldrams Tod voraus zu tragen; doch als er das tiefere Tal der Ache überschreiten wollte, sperrte ihm das breit und finster flutende Wasser den Weg.

Über die rauschenden Wellen einher vernahm er aus der Nacht eine rufende Stimme, die sich entfernte.

Es war die Stimme Eberweins ...

In der gleichen Stunde, in welcher Waldram den letzten Seufzer tat, war dem Besinnungslosen das Bewusstsein zurückgekehrt. Das Weinen des Kindes war der erste Laut, den er vernahm - und da füllte kein anderer Gedanke sein erwachendes Leben, kein anderes Bangen mehr seine Seele als nur noch die Sorge für dieses zitternde Geschöpfchen, das an seinen Hals geklammert hing und andere Sprache noch nicht hatte als Lallen und Tränen. Mit beiden Armen hielt er an seiner Brust das Kind umfangen, und ihm war, als hätte er das ganze Leben seiner Täler dem Verderben abgerungen, als trüge er mit diesem Kind die neu ersprossende Zukunft seines zerstörten Landes auf den Armen und am Herzen.

Mühsam musste er in der dunklen Nacht zwischen einem Wirrsal gestürzter Bäume jeden Schritt seines Weges erkämpfen. Er wusste nicht, wo er sich befand. Rings um ihn her zerstörter Wald, nirgends ein Lichtschein, kein Zeichen des Lebens. Er schrie mit allem Aufgebot der Stimme, doch alles blieb still in der Nacht. Endlich erreichte er eine freie Stätte und erkannte mit Freude und zugleich mit Schreck die Rodung, auf welcher die Klause stand. Auch hier die Vernichtung? Er schrie die Namen der Brüder, doch keine Stimme gab Antwort. Konnten sie schlafen in solcher Nacht? Oder waren auch sie dem grauenvollen Tag zum Opfer gefallen? Er eilte über die Rodung dahin, und vor seinen spähenden Blicken tauchte ein schwarzer Klumpen aus der Nacht: Die ihres Daches beraubte Klause. Wankend erreichte er die Herdstube, in welcher die Kohlen noch unter der Erde gekommen. Wieder schrie er den Namen der Brüder, eilte von Zelle zu Zelle und fürchtete bei jedem Schritt, auf eine Leiche zu stoßen. Er fand kein Leben zwischen den stillen Balken, doch auch kein Zeichen des Todes, und wie tröstende Hoffnung erwachte in ihm der Gedanke, dass die Brüder dem Verderben entgangen und ausgezogen wären, um Hilfe zu bringen, wo Hilfe noch möglich war. Zitternd trat er in das dachlose Kirchlein. Die Schale des ewigen Lichtes lag auf der Erde, ein mattes Flämmlein zuckte noch in dem verschütteten Öl. Kaum erkenntlich hoben sich Altar und Kreuz aus dem trüben Dämmerschein. Die Farben des heiligen Bildes schienen erloschen, sie waren grau, bedeckt von dem dichten Staub, der aus den Lüften gefallen.

Eberwein stand vor dem Kreuz, und mit schluchzendem Aufschrei hob er das Kind in gestreckten Händen dem stillen Bild entgegen. "Blick' nieder aus der Nacht! Du! Der Du sagtest: Lasst die Kindlein zu mir kommen ..."

Die Stimme erlosch ihm unter Weinen. Wie gestaute Flut ihre Dämme bricht, so lösten sich ihm die Schmerzen, welche diese Tage auf seine Seele gehäuft, in einem Sturz von Tränen. Das Kind umschlingend, wankte er aus der öden Halle und sah nicht, dass hoch über den dachlosen Balken ein heller Stern durch die sinkenden Schleier des Staubes nieder leuchtete.

In seiner Zelle streifte er dem Kind das nasse Kittelein ab und hüllte das schaudernde Körperchen in die Decken seines Lagers. Dann saß er im Dunkel neben dem Kind, dessen winzige Händlein einen seiner Finger umklammert hielten. Er konnte seinen Pflegling nicht sehen, so finster war es um ihn her; nur den leisen Druck der unruhigen Fingerchen spürte er und hörte von Zeit zu Zeit jenes stockende halbe Schluchzen, wie es nach überstandenem Schreck und Schmerz noch aus einer Kindesbrust sich ringt, wenn die Zähren schon gestillt sind. Die Händchen des Kindes begannen sich zu erwärmen, immer ruhiger wurde sein Atem, und nach einer Weile entschlief es.

Eberwein saß in sich versunken, regungslos, erfüllt von wirrer Qual und kreisenden Gedanken, bis die kleinere Not des Lebens die größere seines Herzens über täubte. Es fror ihn in der triefenden Kutte, all seine Glieder waren wie zerschlagen, und der Hunger mahnte. Seufzend erhob er sich, entzündete eine Fackel, tauschte das Gewand und suchte nach Speise. Nur ein Häuflein roher Bohnen fand er, trug eine Hand voll zum Lager des Kindes und zernagte die trockenen Kerne. Alles tat er wie im Schlaf.

Der Schein der Fackel fiel über den Schemel, auf welchem das Heilige Buch lag. Eberweins Augen hingen an ihm mit verlorenem Blick. Dann plötzlich ergriff er das Buch, schlug es auf und begann mit murmelnder Stimme zu lesen, wie Hiob in Vorwurf rechtete mit seinem Gott.

"Und Gott erwiderte dem Hiob aus dem Sturm und sprach: Wer ist es, der von meiner Weisheit redet und sie verdunkelt mit Worten ohne Sinn und Kenntnis? Auf, gürte wie ein Mann Deine Lenden. Ich will Dich fragen, und belehre Du mich! Wo warst Du, als ich gründete die Erde? Lass hören, was Du weißt! Wer hat bestimmt ihre Weiten? Wer hat über sie die Messschnur gezogen? Wer ihren Eckstein gelegt beim Jubel aller Morgensterne, da alle Söhne Gottes jauchzten? Wer schloss das Meer mit Türen ein, als es, den Mutterschoß durchbrechend, hervorkam? Als ich Gewölk gab zu seinem Gewand und Wolkendunkel zu seiner Windel? Als ich ihm ringsum zumaß seine Grenzen und sprach: Bis hierher komme und nicht weiter, hier soll brechen Deiner Wogen Trotz! Und Du, wann jemals in Deinen Tagen gebotest Du dem Morgenrot, dass es leuchtend fasse die Säume der Erde und die Finsternis jage von ihr, dass entzogen werde die Bösen ihr Schutz und gebrochen der feindliche Arm ...?"

Eberwein verstummte, seine Hände fielen von dem Buch, und mit scheuen Augen blickte er ins Leere. Er sah sich am Rand der Flut, sah in der Höhe des Waldes den Reiter und hörte wieder den heiseren Ruf: 'Herr Waze liegt unter seinem Berg, all seine Söhne sind erschlagen vom Gestein ...'.

Erzitternd deckte Eberwein die Augen mit einer Bewegung, als möchte er den Gedanken, der ihn befallen, gewaltsam von sich abwehren. Mit dem gleichen Blick, der ihm den Reiter zeigte, sah er ja auch die Leichen des frommen Runot und der schuldlosen Kinder und all die anderen in ungezählter Schar, die begraben lagen unter den Felsen, versunken in der Flut ...

Mit leisem Hauch strich der Nachtwind in die Zelle und legte die Blätter des Buches um. Als Eberwein die Augen senkte, lag ein Lied des Jesaias vor ihm aufgeschlagen, und sein Blick fiel auf die Worte: "Es mögen die Berge weichen und die Felsen stürzen, doch meine Gnade soll nimmer weichen von Dir und der Bund meiner Liebe nicht zerbrechen, spricht der Herr, Dein Erbarmer." Ein heißer Schauer rann ihm durch Leib und Seele. "Der Herr, Dein Erbarmer?" Als möchte er sich gewaltsam aus dem Streit der Seele reißen, sprang er auf, drückte die Fäuste an seine Stirn und stammelte: "Denke nicht über Gott, denn Dein Hirn ist Staub ... fühl' ihn, wenn es Dein Herz vermag, und hoffe!"

Der Hall seiner Stimme hatte den Schlaf des Kindes gestört. Es regte sich, doch ohne die Augen zu öffnen, und sein tiefer Atemzug klang wie ein Seufzer.

Eberwein eilte zum Lager und ließ sich auf die Knie sinken. Der Anblick des Kindes schlich ihm ins Herz wie warmer Trost. Es schlief schon wieder ruhig. Der Schein der Fackel leuchtete über das runde herzige Gesichtlein und über das Geringel der weißblonden Härchen, welche noch feucht waren und schimmerte. Leise, wie spielend, bewegten sich die Fingerlein, und das kleine rosige Mäulchen rührte sich, als genösse das Kind im Traum die Mutterbrust.

Tränen fielen aus Eberweins Augen. O Glück dieses Kindes! Wonne dieses Schlafes! Berge stürzen, es brechen die Seen, die Hütten fallen und alles Leben sinkt und zwischen Schreck und Grauen dieser stille Schlummer ohne Wissen! Wo stand die Heimat dieses Kindes, wo schwimmen die Balken seines Hauses, wo liegen die Leichen all der Seinen, was wird der kommende Tag ihm bringen, wer solle es nähren und hegen? Jede Frage ein dunkles Rätsel! Und still und zufrieden schläft das Kind, beschwichtigt und genährt von einem Traum, zehrend am Nachgeschmack der einzigen Freude, die es erfuhr in seinem Leben! Und Du, mit deinem spürenden Geist, Mensch! Erforschtest Du mit all Deinen wachenden Sinnen mehr von dem großen Rätsel über den Wolken, mehr als dieses schlummernde Kind von seinem dunklen Los? So spare Dir doch die nutzlose Qual, schließe die Augen Deiner Seele, schlafe wie dieses Kind und nähre Dich von einem holden Traum, vom süßen Nachgeschmack eines Augenblicks der Liebe, den Du empfangen aus Deines Schöpfers Hand!

Ein müdes Lächeln spielte um Eberweins Lippen, und leise raunend nickte er vor sich hin. "Wahrlich, wahrlich, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..."

Durch das Körperchen des schlummernden Kindes fuhr es wie jäher Schreck. Es zappelte mit Händen und Füßen und schlug die Augen auf - sie waren blau und glänzten. Das Mäulchen verzog sich, als wollt' es weinen. In Sorge beugte sich Eberwein über das Lager, und da richteten sich die Augen des Kindes auf sein Antlitz, groß und scheu. Dann glitt wie traulicher Sonnenschein ein Lächeln über das runde Gesichtlein, und lallend griff das Kind - es hatte wohl einen flachsbärtigen Vater - mit beiden Händen in den Bart des Mönches. Diese süße Zärtlichkeit und der reine Glanz dieser unschuldsvollen Kinderaugen erweckte in Eberweins Seele ein Gefühl, so heiß und überwältigend, wie es der Sinkende wohl empfinden mag, den im Gebraus der Wellen die starken Arme des Retters umschlingen. "Herr! Herr! Nicht dem Gräuel dieses Tages, ich glaube dem Wunder dieser Augen! Deine Liebe redet zu mir, ich fühle sie!" Vor Freude weinend schloss er das kleine zappelnde Stücklein Leben an seine Brust und küsste in heißer Inbrunst die warmen Lippen des Kindes.

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