Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 15

Durch das schöne Tal hin schritt der Tod, Hand in Hand mit seiner Schwester, der Zerstörung. Auf jeder Stelle weilten sie und waren allgegenwärtig in allen Ecken. Auf den Fluren der Ramsau schritten sie den brausenden Fluten voran, welche die Häuser brachen und die wehrlosen Menschen verschlangen - auf den Halden im Gadem folgte ihrem Fuß das stürzende Gestein und der alles erstickende Schutt des gebrochenen Berges. Hoch über dem Falkenstein, an einer scharfkantigen Bergrippe, teilte sich der sausende Wust der mit abertausend zersplitterten Bäumen durchmischten Trümmer, und während der eine Strom zum Schönsee niederfuhr, jagte der andere gegen die Halden der Schönau. Wazemanns Haus blieb unversehrt; nur verirrte Steinschläge prasselten über Dach und Mauern, und die gleitende Staubwolke hüllte Haus und Hof in schwärzliches Dunkel. Der Hag des Grünsteiners, mit Menschen und Vieh, und das Gehöft der Hanetzer Buben fielen als die ersten Opfer. Hütte um Hütte verschwand in der rollenden Wolke, und ihrem Weg voran ging ein Gewirbel von Dachteilen, Balken, Heu, Getreidegarben, und wie fliegende Boten des Verderbens sausten ihr einzelne Felsen voraus, alles zermalmend, was sie trafen auf ihrem Pfad.

Auf freier Halde stand eine Schar betäubter Menschen, unter ihnen der Hanetzer, der Schmied von Ilsank und der Köppelecker. Der stürzende Berg hatte sie aufgehalten auf dem Weg zu Wazemanns Haus. Als sie nach lähmendem Schreck ihrer Sinne und Glieder wieder mächtig wurden, begannen sie zu fliehen wie ein Rudel verscheuchten Wildes. Sie wandten sich bald zur Rechten und bald zur Linken, standen und starrten umher und flohen wieder. Wenn sie rückwärts blickten, sahen sie die einher sausende Wolke und sahen die Häuser sich bewegen, wanken und auffahren in die Luft. Von allen Hütten kamen die Flüchtenden, die einen mit armseliger Habe beladen, die anderen Ihre Kinder schleifend. Ein Mann trug auf dem Rücken sein Weib, das in den Wehen gelegen. Eine Greisin rannte mit einer Pfanne daher, in welcher der Brei noch dampfte. Der Wind erfasste sie und warf sie über einen Hag, doch sie ließ die Pfanne nicht fahren. Mit dem Geschrei der Menschen mischte sich das Gebrüll der Rinder. Hunde, Katzen und gackernde Hühner sprangen umher wie von Sinnen, und um die sinkenden Dächer flatterten die Tauben. Eine flüchtende Dirne, welche zwei fremde Kinder auf den Armen trug, sah einen Greis ermattet zu Boden sinken. Zwei Knechte rannten vorüber, und jammernd schrie die Dirne ihnen zu: "So nehmt doch den alten Mann auf den Buckel!" Da traf sie ein springender Bock, dass sie der Barmherzigkeit für alle Zeiten vergaß.

Über die ganze Breite des Tales ergoss sich die wirbelnde Wolke, und in dünneren Rauch zerfahrend entschleierte sie den Hagel, welcher hinter ihr einherging. Eis und Gestein, Stücke vom winzigen Kiesel bis zur Größe gewaltiger Trümmer schwirrten zu Tausenden und Abertausenden durch die Luft, jedes in anderen Sprüngen, im Flug unzählige Mal an andere schlagend und im Zusammenprall zersplitternd. Die Flüchtenden sahen keine Rettung mehr.

In blinder Betäubung und verzweifelter Todesangst stürzten sich die einen über steile Gehänge nieder, andere bargen sich im Geäst der gebrochenen Bäume, und wieder andere sprangen in das Wasser, welches die hoch gestiegene Ache brausend über die Ufer schleuderte. Die Ermatteten, denen die Glieder versagten, warfen sich mit dem Gesicht zu Boden, stumpf das Ende erwartend. Andere sanken auf die Knie und begannen mit erhobenen Armen zu beten - sie lallten und wussten nicht, was sie beteten, und wussten nicht, zu wem. Die Stunde der höchsten Not und der Hauch des Todes, den sie schon fühlten auf ihren bleichen Wangen, trieben mit Gewalt in ihre zitternden Herzen den Glauben: Es müsse doch einer sein, welcher stark ist wider alle Not, auch stark noch wider stürzende Berge. Und während sie lallten in Todesangst und nicht wussten, wo sie diesen einen suchen sollten, hörten sie durch den Hagel des Gesteins und durch die Schleier des dampfenden Staubes einen klingende Stimme: "Heran zu mir! Ihr alle, nach denen der Tod die Hände streckt! Heran zu mir! Bei mir ist Gott! Bei mir der Himmel und die Hilfe! Heran zu mir!" Sie lauschten mit Zittern, sie sprangen auf, sie streckten die Arme, und schluchzend rannten sie, um den Gott zu suchen, bei dem Hilfe wäre.

Hinter Waldrams Schritten wuchs die Schar. Zitternd nach allen Seiten starrend, begannen sie die Worte nachzureden, die er mit hallender Stimme betete. Und je länger sie sahen, wie dieser Mönch, durch keine Gefahr beirrt, leuchtenden Auges jedem Unheil entgegen schritt, desto mehr befiel es die Herzen dieser Menschen wie ein Rausch der Hoffnung. Immer lauter wurden ihre Stimmen, und die lallenden Gebete hoben sich zu trunkenem Geschrei. Häuser stürzten, und sie sahen es nicht - Menschen fielen, und über die zerschmetterten Körper schritten die Verzückten hinweg ...

Immer dünner wurde der Hagel des Gesteins, und schwächer rollte schon über den Bergen das donnernde Echo. Nur das Brausen, welches aus dem Ramsauer Tal tönte, wuchs noch immer. Vereinzelte Blöcke kamen noch aus der Höhe und schwangen sich in weiten Sprüngen über den zermalmten Schutt. Ein Fels, wie ein Haus so groß, wälzte sich durch den Hag des Richtmanns und drückte die leeren Ställe nieder. Schon hatte der Lauf des Blockes sich gemindert, doch auf geneigte Halde kam er wieder ins Rollen. Gegen die Trümmerstätte, die einst das Haus des alten Gobl getragen, nahm er seinen Weg.

Vor dem zerfallenen Dächlein saß der Alte, mit den dürren Armen hielt er auf seinem Schoß den zitternden Knaben umschlungen, der das Gesicht in Gobls zerlumpte Kotze vergrub. Als der Sturz begonnen, hatte der Greis den schlummernden Buben vom Heusack aufgerissen, um mit ihm zu flüchten; doch nach wenigen Schritten schon hatte die Last seine mürben Knie niedergedrückt. "Jetzt, Büebli, jetzt kommt er, auf den ich wart'!" Doch er fand bei diesen Worten nicht mehr das alte Lachen. Seine Stimme schwankte, und mit Kopf und Armen deckte er das Haupt des Knaben, als der steinerne Hagel durch die Lüfte ging. Ein Kiesel streifte die Wange des Greises, und Blut rann ihm über den Bart. Der Knabe schrie, doch Gobl tröstete ihn: "Was weinst denn? Es ist Dir ja nichts geschehen!"

"Du blutest, Ähni, Du blutest!" Und schluchzend umklammerte Huze den Alten. "O Du guter Vater im Himmel! O Du lieber Herr Gott! Tu meinem Ähni helfen, wie Du mir geholfen hast!"

Dem Greis versagten die Worte, er hielt den Knaben noch enger umschlossen und starrte in die verfinsterten Lüfte.

Schön löste sich der wirbelnde Staub, und das Gedröhn der Berge begann zu verstummen. Gobl atmete auf und streichelte mit zitternder Hand das Haar des Knaben: "Schnauf, Büebli, schnauf ... die Berg' haben ausgerumpelt, und allweil leben wir noch!"

Da tauchte über sinkenden Büschen jener Felsblock auf wie ein steinernes Ungetüm; doch die Kraft seines Laufes war schon gebrochen. Kollernd wälze er sich über die faulen Reste des Hags, zerquetschte den Apfelbaum und hob sich noch ein letztes Mal auf die Kante - fiel er, so lag die Trümmerstätte des Hauses mit den beiden Menschen unter ihm begraben. Schreiend hatte Gobl sich aufgerafft, und da er die Kraft nicht mehr besaß, den Knaben zu tragen, versetzte er ihm einen Stoß, dass Huze seitwärts nieder rollte über die schiefen Balken und Moosfladen des zerfallenen Daches. Unter der Wucht des Stoßes kam der Alte selbst zu Fall und kollerte dem Block entgegen. Stürzend, und während über ihn schon der Fels sich neigte, schrie er dem Knaben zu: "Kriech' noch ein lützel, und er tut Dir nichts!" Doch Huze lag auf den Knien und streckte jammernd die Hände nach dem Greis. Schon fiel der Block - da wich unter seiner Last die durchweichte Erde, im Fallen drehte sich der Fels, und halb in den Grund versinkend, legte er sich seitwärts nieder. Dicht neben Gobl drückte sich eine Kante des Blockes in den Boden und zog die Kotze des Greises mit sich hinunter. Der Alte riss und zerrte wie ein junger Hund, der zum ersten Mal die Schlinge des Riemens an seinem Hals spürt; dabei keuchte er den regungslosen Felsblock an: "He, Du! Hast mich selber übrig 'lassen, so lass auch meinen Kittel aus!" Doch der Stein hielt fest. Gobl musste aus den Ärmeln schlüpfen und den Rock im Stich lassen. Da hinkte und kroch ihm schon der Bub entgegen. "Gobl-Ähni! Gobl-Ähni! Gobl-Ähni!"

"Büebli! Mein gutes Büebli Du!" Mit den nackten Armen umschlang der Greis den Knaben und herzte ihn unter Lachen und Weinen.

"Gelt, Ähni, gelt, er hat geholfen?", schluchzte der Bub.

"Wohl wohl!" Die nassen Augen des Greises suchten den hinter dampfendem Staub verdeckten Himmel. "Es muss doch ein Guter und Starker sein, der sell da droben!" Er drückte den Knaben an sich, während ihm die Zähren in den Bart rollten. Mit bleichem Mund lächelnd, schmiegte sich Huze an die Brust des Alten: "Gelt? So gut, wie der ist, so gut ist keiner mehr!"

Da klang durch den sich dämpfenden Lärm der Lüfte wirres Geschrei und lauter Jammer über die Halden her. "Hör' nur, Büebli, hör' nur, wie die armen Leut' schreien! Es muss Not und Tod gegeben haben überall. Tätst Dich trauen, dass Du ein lützel allein bleibst ... ich möcht' wohl hinauslaufen und schauen, wo ich helfen kann!"

"Wohl wohl, Ähni, lauf nur, lauf!"

Der Alte erhob sich, streifte zärtlich mit der Hand über den Kopf des Knaben und watete durch den Schlamm davon. Doch als er zum Hagtor kam, blieb er stehen und blickte erschrocken an seinem nackten Leib hinunter. Kopfschüttelnd kehrte er zurück und begann unter den Trümmern seines Hauses zu wühlen, ob er nicht einen Lumpfen fände, mit dem er seine Blöße bedecken könnte ...

Auf den Bergen war es still geworden. Nur in Zwischenräumen ließ sich von den Höhen hernieder noch dumpfes Gepolter vernehmen, welches das Rauschen der Gewässer übertönte. Ein unruhig wechselnder Wind trieb die Staubwolken, und wo der braune Schleier auseinander riss, enthüllte er Bild um Bild der grauenvollen Zerstörung. Doch was die Überlebenden auch immer an Unheil gewahren konnten - der wehende Staub und das sinkende Licht des Tages waren barmherzig und verhüllten den Blick ins Weite: Es erwachte in den Menschen keine Ahnung der ganzen Vernichtung, welche über das Tal und seine Bewohner gefallen. Allmählich nur erholten sich die Geretteten aus ihrer Betäubung und lähmenden Todesangst. Geschrei ertönte auf allen Seiten, herzzerreißendes Klagen, nur selten ein Ruf der Freude und ein Jauchzen des Wiedersehens. Auf freier, halb von Geröll übergossener Halde lag Waldram auf den Knien, die Arme zum Himmel gestreckt, die Augen in Verzückung leuchtend, und betete mit hallender Stimme: "Es jauchze zu Gott die ganze Erde! Singt die Herrlichkeit seines Namens und preiset ihn mit Liedern! Sprecht zu Gott: Wie furchtbar sind seine Werke ..."

Während er betete, wurde die Schar, die ihn umdrängte, immer kleiner. Jeden trieb es, nach den Menschen zu suchen, die ihm teuer waren, jeden zog es zu seinem Haus und Herd. Ein wirres Laufen und Rennen begann, und einer schrie den anderen an: "Hast meinen Vater nicht gesehen, mein Weib, meine Kinder? Steht mein Haus noch oder liegt's?"

Sie rannten und suchten, und mancher war, welcher suchte und nimmer finden konnte. Je näher sich die Schönau gegen den Stock des König Eismann hinzog, desto furchtbarer zeigte sich das Bild der Zerstörung, desto lauter schallten die Klagen der den Schutt Durchirrenden. Alle Stimmen der Menschen übertönte das markdurchdringende Gebrüll eines Rindes, das mit gespreizten Füßen und gestrecktem Schweif zwischen den wirr durcheinander liegenden Blöcken stand, die Augen aufgequollen, das Maul überronnen von blutigem Schaum.

Mit kalkweißem Gesicht kletterte der Hanetzer über die Felstrümmer, die Stätte suchend, auf welcher sein Haus gestanden. Er fand sie nicht. Doch seine Brüder kamen, die sich durch Flucht gerettet. Er hatte keinen Blick für sie, kein Ohr für ihren Jammer. Mit verzerrtem Antlitz fand er und starrte durch den wehenden Staub empor zur Höhe der Falkenwand, von welcher Wazemanns Haus über gebrochene Wipfel nieder blickte. "Das meinig' liegt, und das seinig' steht noch allweil!", keuchte er, fasste die Brüder am Arm und schüttelte sie. "Mir nach! Nimmer leben will ich ... oder sein Haus muss fallen!" Er riss einen zermalmten Holzstrunk aus dem Schutt und stürzte dem nächsten Gehöft entgegen, dessen Haus in Trümmern lag, mit rauchenden Balken. Das Herdfeuer hatte das zerschmetterte Dach entzündet, und vor dem glostenden Haufen stand der junge Bauer mit seinem Weib in wortlosem Jammer. Der Hanetzer packte ihn an der Brust. "Liegt das Deinig' auch? So schau hinauf: Das seinig' steht noch! Aber nimmer leben will ich, oder es muss sein Haus noch fallen vor der Nacht!" Mit glasigen Augen stierte ihn der Bauer an. Sein Weib aber riss aus dem Trümmerhaufen einen glühenden Storren hervor, schwang ihn durch die Luft, dass die Flamme erwachte, und kreischte: "Brauchst Feuer?"

Mit heiserem Gelächter fasste der Hanetzer den Band und eilte den anderen voran. Von einer Trümmerstätte zur nächsten trug er die lodernde Flamme und den Schrei seiner Wut. Es wuchs der Trupp, Männer und Weiber gesellten sich zu ihm, und über die Schutthügel stürmte der schreiende Haufen gegen Wazemanns Haus empor. Die heiße Luft, den alten Hass zu kühlen, wie eine Betäubung ihres Schmerzes ...

Die kreischenden Stimmen klangen weit hinaus über die Schönau. Manch einer, der seine Heimstätte und all die Seinen unversehrt gefunden, war schon wieder der Neugier fähig und rannte, um zu sehen, was es gäbe. Andere freilich hatten kein Ohr für die fernen Stimmen. Sie hatten mit sich selbst zu tun, mit ihrem Verlust und ihrem Jammer. Wo eine Rettung noch möglich war, wurde sie versucht mit Aufgebot aller Kräfte, oft mit einer Kühnheit, in welcher man Leben um Leben zum Einsatz gab. Zog man einen Verschütteten noch lebend aus den Trümmern hervor, konnte eine Mutter ihr Kind, das sie schon verloren glaubte, wieder in die Arme schließen, so spielten sich herzergreifende Szenen ab. Doch mit der lallenden Freude ging der schluchzende Jammer Seite an Seite. Kinder liefen umher und schrieen wimmernd nach Vater und Mutter. Ein Weib mit fliegenden Haaren rannte von Hag zu Hag: "Hat keiner meinen Mann gesehen? Wo sind denn meine Buben?" Der Mann und die Söhne liefen ihr nach und schrieen ihren Namen, doch das Weib erkannte sie im Wahnsinn nicht. Einzelne Menschen saßen stumpf und betäubt noch an der Stelle, auf welche sie bei der Flucht ermattet niedergesunken. Auf ebenem Feld, über welches kein einziger Stein gefallen war, lag ein Riese von einem Menschen bewusstlos hingestreckt. Es war der Schmied von Ilsank. Als ihm die Sinne wiederkehrten, starrte er um sich, sprang auf und schrie mit brüllender Stimme: "Es kommt der Berg! Lauft! Lauft! Es kommt der Berg!" Er begann zu rennen, sprang über gestürzte Bäume hinweg, glitt von Sand und Geröll umwirbelt über steile Abhänge nieder und suchte in keuchendem Lauf durch dichte Waldung den Weg nach seinem fernen Haus. Plötzlich hielt er inne, nach Atem ringend, und fuhr mit den Fäusten nach seiner Stirn. Er hatte gemeint, jetzt müsste er die Ramsauer Ache und das Waldtal erreichen, in welchem seine Schmiede stand. Vor seinen Füßen aber lag ein Tal, dessen ganze Breite erfüllt war von einem brausend dahin schießenden Wasser, entwurzelte Bäume, Hausgerät und behauene Balken trieben auf den schlammigen Wellen.

"Ihr Gutholden all! Wo bin ich denn hingeraten?", lallte der Ilsanker. "Dass muss ja fremde Gegend sein!"

Da rollte etwas vor seinen Füßen vorüber, vom tobenden Wasser ausgeworfen und schon wieder verschlungen: Ein Amboss mit schwerem Holzblock. Verstörten Blickes starrte der Mann um sich - jenseits des Wassers sah er die Halden der Strub, sah im Zwielicht des Abends die Menschen rennen und erkannte das Talgehäng und seine Wälder.

Den gellenden Schrei, der sich von seinen Lippen löste, verschlang das Brausen der Wellen.

Tosend nahmen die Gewässer durch das Tal hin ihren Weg, und mit ihrem Rauschen mischte sich das dumpfe Gepolter der Felsblöcke, welche sie rollten auf ihrem Grund. Sie fraßen die Erde vom Talgehäng und schwemmten die Hütten davon. Doch wie sie nahmen, so gaben sie auch: Überall warfen sie Trümmer und Leichen an das Geländ.

Den weiten Lokiwald umkreiste die Flut und vereinigte sich mit den hochgestiegenen Wellen der aus dem Schönsee kommenden Ache. Wie ein Bächlein im wogenden Strom, so verschwand der reißende Wildbach im Wasserschwall des gebrochenen Sees. Tal auf und nieder ergossen sich die Fluten, warfen die Zerstörung über jeden Fußbreit ihres Weges und trugen auf grauen Wellen die Trümmer davon.

Schon war die Stätte überschwemmt, auf welcher die Brüder in jener ersten Nacht gelagert hatten, und mit Toben strömten die Gewässer in das enge Waldtal ein, das hinausführte zur fernen Salzaburg ...

Weit draußen in der Waldschlucht tönte eine jammernde Stimme: "Bruder Schweiker! Bruder Schweiker!"

Erschöpft und atemlos, von Todesangst in allen Knochen geschüttelt, suchte Wampo zwischen Gestein und Büschen den Weg, auf welchem, wie er meinte, Bruder Schweiker geflohen wäre. Wie hätte er denken mögen, dass es in solcher Stunde der Gräuel und des Schreckens noch andere Wege gäbe, als nur den einzigen, welcher hinausführte aus diesem Jammertal, nur fort aus diesem gottverlassenen Erdenwinkel. "Bruder Schweiker! Bruder Schweiker!", klang der schluchzende Ruf, den das näher und näher tönende Brausen schon halb übertäubte. "Schweiker, Schweiker! Ja hörst denn nicht! Bist denn Du auch noch ein Bruder nach Christi Wort! Schweiker! Schweiker!"

So bang der Rufende auch lauschen mochte, er hörte keine Antwort. Stöhnend und unter lallenden Stoßgebeten kämpfte er sich weiter durch das wirre Gestrüpp, dann wieder stand er zitternd und schrie: "Schweiker! Schweiker! Mein lieber guter Bruder, verlass mich doch in der Not nicht! Komm doch und hilf mir! Schweiker! Schweiker!" Seine Stimme erlosch, und mit entsetzten Augen starrte er rückwärts über das Tal. Er hörte dumpfes Rauschen und sah über das welke Buschwerk graue Buckel auf- und nieder tauchen gleich springenden Mäusen. Und bevor in seinem wirren Kopf noch ein Gedanke erwachen konnte, waren die kleinen Mäuse schon gewachsen und schossen durch das brechende Gebüsch einher mit klotzigen Rücken. Da kam dem Bruder in seiner blinden Betäubung und schlotternden Angst nichts anderes zu Sinn als jenes Abenteuer des ersten Tages. "Allmächtiger Gott! Hinter mir die wilden Säu'!" So kreischte er und begann zu springen. Der neue Schreck verlieh ihm neue Kräfte, und mit schlagenden Armen warf er sich durch die Büsche, während hinter ihm ein Brechen und Rauschen sich näherte, als hätten in dem engen Waldtal sich die Wildschweinherden aller Welt gesammelt. Schon ging dem Bruder der Atem aus, als er nah vor sich einen die Büsche überragenden Felsbock gewahrte. Schreiend fasste er das nieder hängende Gezweig, gab sich einen verzweifelten Schwung und erreichte glücklich eine Stufe des Blockes. Doch als er die Hände streckte, um die Höhe des Felsens zu erklettern, fuhr ihm etwas zwischen die Beine, nass und kalt - und das war kein wildes Ferkel. "Schweiker!", lallte der Bruder noch, dann flog er mit einem Purzelbaum über den Block hinweg. Doch er fiel nicht hart. Schon hatten unter ihm die schießenden Fluten den Fels umrauscht, eine hohe Welle fing ihn auf, und von der gebauschten Kutte wie von einem Luftsack über Wasser gehalten, segelte Bruder Wampo mit jagender Eile durch das Waldtal hin. Hätte er auch den schnellsten Renner aus des Kaisers Stall zwischen den Knien gehabt, er hätte der "schiechen Gegend" nicht flinker entrinnen können.

Wohl verging ihm Hören und Sehen vor Todesangst, und dennoch behielt er noch so viel Bewusstsein, um zum ersten Mal in seinem Leben dem Himmel aus ehrlichem Herzen für das wohl gemessene Bröcklein Fett zu danken, das ihm eine allgütige Vorsicht zwischen Haut und Knochen gelegt. Er konnte nicht sinken! Und als er trotz dieses beruhigenden Trostes in verzweifelter Angst zu zappeln und um sich zu schlagen begann, dass die Luftblasen aus der Kutte wichen, und das Wasser ihn umgurgelte bis zum Hals, da fegte ihn eine auf der Flut einher gaukelnde Tanne mit ihrem dichten Gezweig aus den Wellen heraus, als wäre sein rundes Erdengewicht nur ein Flöcklein Wolle. Triefend und zitternd, mit unglaublicher Schnelligkeit klomm er über die schwimmenden Äste empor. Kaum aber hatte er sich in den Zweigen eingenistet und sich erquickt mit einem schüchternen Atemzug der Hoffnung, als ihm eiskalter Schreck durch Herz und Glieder rann. Er gewahrte, dass er auf seinem grünen Schiff einen stillen Kameraden hatte: Zwischen den Ästen hing die Leiche eines Jünglings, mit gespaltener Stirn, und der starre Blick der noch offenen Augen redete dem lebenden Gesellen ein erschütterndes Memento mori in die Seele.

Bruder Wampo schwamm und büßte im Angesicht des kalten Todes reichlich all seine kleinen Sünden ab. Er hielt sich an die Zweige geklammert und regte sich nicht; nur manchmal versuchte er mit bleichen Lippen einen Ruf: "Schweiker ... Schweiker ..."

Der stammelnde Laut ging unter im Gebraus der Wellen. Aber hätte Bruder Wampo in seiner Kehle auch eine Stimme getragen wie der Schmied von Ilsank, den man von der Schönau schreien hörte bis zum Lokiwald - es hätte der Ruf doch nimmer Schweikers Ohr erreicht.

Hoch über dem Tal, das die tobenden Fluten füllten, keuchte Schweiker im halb zerstörten Bergwald über den steilen Hang empor. Sein Atem war wie ein Röcheln, und in dicken Tropfen rann ihm der Schweiß über das Gesicht, auf dessen fahlen Wangen rote Flecken brannten. Bei der stürmischen Eile, mit welcher die verzehrende Angst seines Herzens ihn bergwärts trieb, gingen auch die Kräfte dieses Hünen zu Ende. Taumelnden Schrittes, mit zitternden Händen jeden Halt erfassend, gewann er den Waldsaum. Auf der freien Halde, auf welcher sonst kein Stein gelegen, gewahrte er mächtige Felsblöcke, grauen Schnee und zerstreutes Geröll - und über der Halde sah er wohl des Greinwalders Hag, von Lücken klaffend, doch hinter dem Hag kein Haus und Dach. Mit dumpfem Schrei warf er die Arme in die Luft und begann von neuem zu rennen. Als er wankend das Tor erreichte, sah er den Balkenwust, zu welchem das Haus zerfallen war. Rinder und Ziegen trabten lärmend im Hof herum, und scheu flatterten die gackernden Hühner durcheinander. Die Bäuerin lag auf den Knien, hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte, während der Bauer einen Dachsparren vom Trümmerhaufen hinwegzuzerren versuchte und mit jammernder Stimme immer wieder den Namens seines Kindes schrie. Schweiker stand wie gelähmt. Ein Zittern, das seine Arme überlief, war die erste Regung, die ihm wiederkehrte. Er begann den Kopf zu drehen, als möcht er gewaltsam die Starre seines Nackens überwinden, und dazu keuchte er wie ein Stier, der die Last des Wagens nicht von der Stelle bringt; dann plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, er spuckte in die Hände, stürzte auf die Trümmer des Hauses zu und fasste einen Balken. Mit schier übermenschlicher Kraft hob er das schwere Holz und warf es zur Seite - und so löste er Sparren um Sparren vom Haufen des Gebälks. Als der Bauer und seine Weib den Bruder solche Riesenarbeit leisten sahen, verstummte ihr Jammer. Schweigend griffen sie zu, und jeden Balken, den Schweiker hinter sich warf, schleiften sie von der Stelle, um Raum zu schaffen für den nächsten. Schon zeigte sich im Wust der Trümmer eine dunkle Höhlung. Zitternd beugte sich Schweiker vor und keuchte: "Hinzula? Lebst noch?"

"Wohl wohl!", klang aus dem Gebälk und Schutt hervor das matte Stimmlein der Hirtin.

Unter Schluchzen und Lachen griff Schweiker nach seinem Kopf, nach seinem Herzen. Die Bäuerin kreischte vor Freude, und hastig kletterte der Greinwalder auf den Trümmerhaufen und zerrte an den Balken. Da erwachte Schweiker aus seiner trunkenen Freude, und das Gesicht von Zähren überronnen, stieß er den Bauer mit den Fäusten zurück: "So hab' doch acht, Du Lümmel ... es kann ihr ja 'was geschehen, wenn du so grob tust!"

Der Greinwalder wollte brummen, doch weinend rief die Bäuerin: "Recht hat er! Tu Deine Händ' davon! Lass ihn nur schaffen!"

Schweiker fasste einen Balken und hob ihn achtsam, damit nur ja kein Splitter und kein Bröselein des Schuttes sich bewegen möchte. Dabei sprach er mit Worten rührender Zärtlichkeit in die dunkle Grube hinunter und mahnte die Verschüttete, tapfer auszuhalten und kein Fingerlein zu regen. "Ich hilf' Dir schon, wohl wohl, tu Dich nur nimmer bangen!"

"Mir bangt nimmer ... ich seh' Dich ja schon!", klang es matt unter den Balken hervor.

Schweiker schluckte, und die Zähren tropften ihm über den Flachsbart. Er hob die Balken, dass ihm an Hals und Schläfen die Adern zu dicken Striemen schwollen, und grub mit den Händen im Schutt, dass ihm alle Nägel brachen. Schon konnte er das bleiche Gesichtchen der Hirtin erkennen, welche mit zuckendem Lächeln zu ihm aufblickte. Aufrecht stehend war sie bis an den Hals zwischen Schutt und Balken eingemauert. Je näher Schweiker der Verschütteten kam, desto emsiger flogen seine Hände, und endlich hatte er sie herausgeschält, so dass er sie mit den Armen umschlingen konnte und emporheben aus dem zerfallenden Schutt. Er hielt sie an seine Brust gedrückt und taumelte über die Balken nieder auf ebenen Grund. Seine Knie trugen ihn nicht länger. Er sank zu Boden, und auf der Erde sitzend, umklammerte er auf seinem Schoß die Hirtin mit zitternden Armen und bedeckte unter zärtlichem Stammeln ihr Haar, ihre Augen und ihren Mund mit heißen Küssen. Hinzula regte sich kaum. Erst nach einer Weile konnte sie die gequetschten Glieder rühren und bewegen, und da schlug sie die Arme um Schweikers Hals, dass ihm die Stimme erlosch.

Die beiden hielten sich umschlungen, als wollten sie nimmer und nimmer voneinander lassen, als hätte die Erde und der Himmel keine Macht mehr, die mit dem Kitt der höchsten Todesangst und tiefsten Lebensfreude gebundenen Herzen wieder zu lösen. Doch als die wortlose Seligkeit der beiden gar kein Ende nehmen wollte, stieß die Bäuerin den Ellbogen an den Arm ihres Mannes und murrte: "Alles, was recht ist ... aber jetzt könnt' er uns die Dirn' doch auch ein lützel hergeben. Ich möcht' ihr doch auch wieder in die Augen schauen. Geh, red' mit ihm!"

"Reden? So?" Der Greinwalder kratzte sich hinter dem Ohr. "Wenn ich ein Wörtl sag', das ihm nicht taugt ... der Kerl haut ja gleich zu! Red' selber mit ihm! Ich kann's schon noch erwarten, und merken tu' ich auch, dass ihr nichts geschehen ist: Sie busselt ja, als hätt' sie aller Lebtag' nichts anderes getrieben! Schau nur hin und lus' ... es schmatzget nur so!"

Der Bauer wandte sich zu den Trümmern seines Hauses. Die Augen wurden ihm nass, und er seufzte. Als könnte er den wüsten Anblick nicht länger ertragen, so kehrte er sich ab, und seine Blicke suchten das ferne Tal. "Weib! Sell schau hinunter!", stammelte er erschrocken. "Mir graust völlig!"

Ein letzter Glanz der sinkenden Sonne fiel noch über den Hag und die vier Menschen, die er umschloss. Im Tal aber lag schon der dunkle Schatten des Abends. Ein murrendes Rauschen tönte über die halb zerstörten Wälder empor wie eintöniger Grabgesang; und gleich einem finsteren Leichentuch verhüllte eine schwärzliche Dunstwolke alle Halden des Gadems vom Schönsee bis zum Untersberg. Überall zwischen den Bergen dampfte das gleiche dunkle Staubgewölk, und durch die Ilsanker Waldschlucht zog der braune Rauch vom Gadem hinaus bis in die Ramsau, deren Tal verwandelt schien in einen lang gestreckten See. Bis hoch über alle Gipfel waren die Lüfte von dünnem Staub erfüllt und glühten in blutrotem Schein, von welchem die Gipfel der Berge mit trübem Grau sich erhoben. Sie waren anzusehen wie eine Herde kotiger Schafe - wie eine Herde, die den Hirten verlor. Denn der weiße Riese, Wazemanns Bannberg, der sich hoch über alle anderen Gipfel erhoben hatte, war verschwunden. Wohl reckte sich aus dem verschütteten Unterstock des König Eismann gegen Westen hin noch eine gewaltig starrende Spitze, hoher als alle anderen Berge, und gegen den Schönsee im Osten eine plumpe Kuppe; doch das Bild des Berges war verwandelt zum Anblick eines gebrochenen Riesenzahnes mit zwei mächtigen Stumpen, zwischen welchen sich, an Stelle der einstigen steilen Schneezinne, ein tief gesenkter Felsgrat hinzog, aus dessen wild zerrissenen Bogen sieben höhere Steinzacken in die Lüfte starrten. Und verwandelt war der ganze Stock des Berges: Wo ewiger Schnee gelegen, gähnte kahles Gestein, Täler waren verschwunden und neue Felsenhügel aufgetürmt, und an Stelle der grünen Wälder dehnte sich ein grauer Wust von Schutt und Trümmern.

"Und sell schau hin, zum Schönsee hinaus!", stotterte das Weib und deutete in die Ferne. "Zu allem steinigen Elend auch noch Feuersnot!"

Über dem Falkenstein loderte eine hohe Feuergarbe. "Wazemanns Haus!", schrie der Greinwalder, und in seinen Augen funkelte die Freude des Hasses. "Da trag' ich auch noch ein Scheit zur Glut!" Er zerrte einen zersplitterten Sparren aus dem Trümmerhaufen seines Hauses und eilte talwärts; doch kreischend lief ihm die Bäuerin nach und hielt ihn an der Kotze zurück.

Schweiker erwachte aus seiner trunkenen Seligkeit. Wie ein Träumender blickte er rings umher, atmete tief und stammelte: "Wie ist mir denn? Ja sag' nur, liebe Dirn', wie ist mir denn?"

"Gut halt! Wie mir!", lispelte Hinzula, ohne das Köpfchen von Schweikers Brust zu heben.

Er streichelte mit zitternden Händen ihr Haar. "Vor einem Stündl noch ist Todesangst und Not in mir gewesen. Und jetzt ist mir Leib und Seel' so voller Süßigkeit und Freud', als könnt' über mich in aller Lebenszeit nimmer Sorg' und Herzleid kommen ... schau, liebe Dirn', mir ist ja völlig, als hätt' ich Himmelsbrot gegessen ..." Und wieder hing er an den Lippen der Hirtin.

Als der Bauer mit seinem Weib zurückkehrte und den Sparren, den er davongetragen, wieder zum Haufen warf, ließ Schweiker das Mädchen aus seinen Armen. Flink erhob er sich und reckte die Glieder. "Komm, Vater Greinwalder, jetzt müssen wir bauen! Die gute Dirn' braucht eine Ruhestatt für die Nacht!"

Der Bauer nickte nur; und während die Bäuerin nun endlich ihr gerettetes Kind umhalsen und herzen konnte, begannen die beiden Männer schon die Arbeit.

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