Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 14

Die Sonne stand in Mittagshöhe, als Herr Waze mit seinem Geleit sich dem Ende des Windacher Seetals näherte. Vor der wachsenden Wärme war der Schnee schon hoch über den Berghang zurückgewichen; nur die Streifen einzelner Lawinen, die am Morgen gefallen, reichten durch die Gräben und Mulden noch nieder bis zum Seeufer, mit so festliegendem Schnee, dass die Hufe der Rosse über ihn hinweg schritten, wie über harten Grund. Nur kümmerlicher Baumwuchs deckte zwischen dem See und den stielen Wänden das steinige, von zahllosen Schluchten durchrissene Gehäng. Und dennoch bot das öde, unfruchtbare Felstal einen freundlichen Anblick, denn die Sonne übergoss es mit ihrem Glanz. Sogar der See und seien sonst so finstere Flut war in ein schimmerndes Bild verwandelt: Leuchtend spiegelte das regungslose Wasser den Silberglanz der beschneiten Höhen und das lichte Blau des Himmels.

Lautlose Ruhe herrschte ringsumher auf allen Bergen. Hoch im Gewänd war das Poltern der fallenden Steine verstummt, und nirgends verriet mehr eine aufstäubende Schneewolke den Sturz einer Lawine. War der Aufruhr, welcher die Natur befallen hatte, zum Schweigen gebracht? Oder sammelten die dunklen Gewalten nur Kraft und Atem zu neuer Empörung?

Wie eine dumpfe Stimme, fern aus dem stundenlangen Tal herauf, klang in die den See umlagernde Stille das seltsame Rauschen der Windach. Herr Waze und seine Söhne, die unter lachenden Reden auf schmalem Pfad am Seeufer dahin ritten, achteten der dunklen Mahnung nicht, welche hinter ihnen tönte. Nur die Knechte, die, dem Zug der Rosse folgend, die ungestümen Hunde an den Riemen führten, blieben zuweilen stehen, blickten lauschend nach rückwärts und schüttelten die Köpfe.

Als der See zu Ende ging, und der Wald begann, steigen die Reiter aus dem Sattel. Zwei Knechte übernahmen die Hunde, denen die ledernen Zwingen an die Schnauzen gelegt wurden, um sie stumm zu machen, und während die beiden anderen Knechte zur Bewachung der angekoppelten Pferde am Seeufer zurückblieben, begann Herr Waze mit seinem Geleit den Anstieg über den waldigen Hang.

Ungewöhnliches Leben zeigte sich im Bergwald. Vögel huschten durch alle Zweige, und häufig war scheu flüchtendes Rotwild zu gewahren. Doch nicht die bergwärts Steigenden schreckten das Wild aus seiner Ruhe - es kam von der Höhe und suchte das Tal. Auch der Wald selbst hatte ein so verändertes Gesicht, dass Herr Waze meinte: "Da hat der Regen bös gehaust!" Lärchen und Fichten, in ihrem Wurzelhalt gelockert, standen schief durcheinander, die gefallenen Blöcke hatten überall den Grund gepflügt, lange Risse gingen durch die Moosdecke, die faulenden Baumstrünke waren von ihrer Stelle gerückt, einzelne Steine aus der Erde herausgedrückt wie Kerne aus der Frucht, ein leises Ächzen und Knarren ließ sich manchmal unter dem Moos vernehmen, als würden straff gespannte Wurzeln langsam abgedreht, und ein übler Geruch wie von faulendem Wasser stieg aus allen Erdschrunden.

"Noch ein paar Regentage wie der gestrige, und der Fetzen Wald da bricht wohl hinunter!" Mehr schloss Herr Waze nicht aus den Zeichen, die er rings um sch her gewahrte. Noch minder hatten seine Söhne ein Auge dafür. Wenn unter einem von ihnen die Moosdecke brach, dass ihm die Beine bis zum Knie in den weichenden Erdgrund versanken, dann lachten die anderen und sprangen zur Seite.

Als der Wald ein Ende nahm, und die verschneiten Halden begannen, hörten die Steigenden leisen Steinfall aus der Höhe. Über weißem Grat erschien ein Rudel Gämsen. Schwarz hoben sich die zierlichen Gestalten der Tiere vom Schneegrund ab, und immer neue Köpfe tauchten über den Grat empor. Eine Weile standen die Gämsen regungslos und äugten gegen die höheren Wände des König Eismann. Dann plötzlich begannen sie talwärts zu flüchten in dicht gedrängter Schar. Gleich einer schwarzbraunen ins Gleiten geratenen Erdscholle kam das Rudel über den steilen Schneehang nieder gefahren. Die Hunde, welche das Wild erspäht hatten, zerrten and en Riemen und winselten unter dem Leder, das ihre Schnauzen schloss. Mitten auf dem Hang hielten die Gämsen inne in der Flucht und äugten auf den Trupp der Leute nieder. Aber nur wenige Augenblicke standen sie, dann wieder begannen sie, ohne die Richtung zu ändern, ihre wilde Flucht, und das Tal auf geradem weg suchend, stoben sie nah an Wazemann und seinen Leuten vorüber, als wäre in ihnen nicht die Angst vor Menschen und Hunden, sondern an der Furcht. Herr Waze blickte dem verschwindenden Rudel nach und schüttelte den Kopf. "Das versteh' ich nicht ..."

Henning lachte. "Hinter dem Eismann hausen Leut' und schüren Feuer in der Ödhütt' ... und Du verstehst nicht, was die Gämsen laufen macht? Wart nur: wie sie Dir die Gämsen scheuchen, so treiben sie Dir auf Deinem Bannberg auch noch das Fahlwild aus!"

"Eher schlag' ich ihnen die Köpf' in Scherben!", fuhr Herr Waze auf, dem sein Fahlwild über alles ging.

"Ich seh' den Otloh!", fiel Rimiger ein. "Dort oben hockt er und späht über den grat hinunter nach der Ödhütt'!"

"Hinauf!" Ansteigend stieß Herr Waze den Eisenstachel des Grießbeils auf eine Felsplatte. Sie brach entzwei, und die Splitter stoben auseinander, als hätte ein Zauber den festen Stein in sprödes Glas verwandelt. Das gewahrten die Knechte, welche hinter dem Spisar die winselnden Hunde führten. Einer von ihnen stieß mit dem Schuh an eine Scholle des zerborstenen Gesteins, und da flogen ihm die Splitter bis an die Brust empor und ins Gesicht. "He, Du," rief er seinen Gesellen an, "schau nur, was für ein närrischer Stein das ist!" Er wollte zu Boden greifen, doch die Hunde rissen ihn vorwärts. Unter der Stelle, die der Knecht verlassen hatte, ließ sich ein mattes Knirschen vernehmen. Langsam hoben sich die Brocken des zerstrümmerten Steines aus dem Grund hervor, es bildete sich im Boden ein Riss, welcher schleichend in die Breite wuchs, und ein schwarzer Erdwulst legte sich wie zäher Teig über den Schnee heraus.

Herr Waze und seine Söhne stiegen höher und höher. Sie wunderten sich, dass Otloh, der sie doch lange schon gewahrt haben musste, so still und regungslos dort oben saß. "Der Bub muss heißes Blut haben," meinte Sindel, "sonst möcht' er's ich wohl rühren im Schnee und die Arm' schlagen!"

"Er wird die Hütt' nicht aus den Augen lassen," sagte Rimiger.

Henning lachte. "Jetzt laufen sie uns wohl nimmer davon! Schaut nur: Der Rauch steigt aus dem Albental über den Grat herauf ... sie kochen ihr Mahl."

"Die Supp' soll ihnen versalzen werden!", keuchte Herr Waze, dem schon der Atem zu Ende ging. Und zu kurzer Rast auf das Grießbeil sich stützend, spähte er nach dem dünnen, bläulichen Wölklein, welche sich über den weißen Grat empor kräuselten in die klaren , sonnigen Lüfte.

Hinter jenem Grat, auf dessen Höhe Otloh so still und regungslos die Wache hielt, senkte sich de rüberschneite Steingrund zu einer weiten Mulde. Gute Weide war es, welche hier der tief liegende Schnee bedeckte; denn ehe Herr Waze, um seinem Fahlwild Ruhe und reiche Äsung zu sichern, die Gehänge des König Eismann mit seinem Bann umhegte, hatte dieses Bergtal als die beste Albe des Gadems und der Ramsau gegolten. Aus jener Zeit noch stammte die Hütte, die sich inmitten des kesselförmigen Tales erhob.

Der Schnee, welcher über das Dach gefallen, war hinweg geschmolzen, und durch die Blaken quoll der Rauch des Feuers, das auf der Herdstatt brannte. Sein zitternder Schein beleuchtete ein stilles Glück, das zwischen diesen morschen Balken ein Heim in der Öde gefunden und nach allen Schrecken der vergangenen Tage, bei aller Gefahr und Sorge, von der es bedroht war, so freundlich blühte, wie die Bergrose im Schnee, und von so reiner Helle war wie ein Stern in dunkler Nacht. Rötlis geschickte Hände hatten dem unwirtlichen Raum ein fast trauliches Ansehen verliehen. Kein Span und keine Flocke Heu lag auf der sauber gekehrten Erde verstreut - ein buschiger Latschenzweig hatte als Besen gedient - und jedem Stücklein Gerät und Gewand, das man aus dem Tal mit herauf getragen, war an der morschen Balkenmauer in Ordnung seine Stelle angewiesen.

Während Ruedlieb die zerhackten Latschenäste, die er unter dem Schnee hervorgezogen, neben dem Feuer übereinander schichtete, damit sie trocknen und besser brennen möchten, stand Rötli vor dem Herd, das liebliche, nur etwas schmal und bleich gewordene Gesichtchen vom rötlichen Feuerschein überstrahlt, und behütete als junges Hausmütterchen mit sorgendem Eifer die Pfanne. Freilich wurde ihre Achtsamkeit gar oft gestört; doch ehe sie noch schmollen konnte, schloss ihr schon ein warmer Mund die Lippen. Dann lehnte sie wohl das Köpfchen an Ruedliebs Brust, und während er sie umschlungen hielt mit festem Arm, blickten sie schweigend in die züngelnden Flammen und träumten von kommender Zeit, von dem traulichen Herd, der ihrer wartete im Tal. Einmal seufzte Rötli aus tiefem Herzen.

"Schätzli, was ist Dir?", fragte Ruedlieb und strich mit der Hand über ihr Braunhaar.

Sie hob die feuchten Augen. "Was meinst wohl, wie es meiner Mutter geht und meinem Bruder?"

"Gut! Wie denn anders! Dein Bruder steht wie ein Baum. An den trauen sich die Maulwürf' nimmer an! Uns hat er in sichere Hut geschickt, und sich selber weiß er zu wahren!"

"Aber wenn die Wazemannsleut' ..." Rötli konnte nicht weiter sprechen, denn zum besten Trost hatte ihr Ruedlieb mit den Lippen den Mund geschlossen. Welche Sorge wäre im Herzen einer Liebenden so groß, dass der heiße Kuss des Geliebten sie nicht zu geschweigen vermöchte!

Der stille Trost, den Ruedlieb spendete, hatte so lange Dauer, dass der Brei in der Pfanne in verdächtiges Brodeln geriet. Erschrocken löste Rötli sich aus den Armen, die sie umschlungen hielten, und stammelte: "So, schön, jetzt hätt' ich schier noch unser Mahl verbrennen lassen! Geh nur flink und ruf den Vater, dass wir Mahlzeiten miteinander!"

Ruedlieb eilte zur Tür, doch vor der Schwelle blieb er stehen, blickte in lachender Freude auf sein Weib zurück und hatte sein helles Wohlgefallen an dem ernsten Eifer, mit welchem Edelrot beim Feuer schaltete. Draußen vor der Türe saß der Richtmann auf einem Steinblock. Vor Stunden schon hatte er die Hütte verlassen, denn er wollte das stille Glück seiner Kinder nicht durch den Anblick der Sorge verkümmern, die aus seinen bleichen, vergrämten Zügen redete. Er hatte die ganze Nacht hindurch kein Auge geschlossen und nur immer dem Murren der Lawinen gelauscht und dem Gepolter der Steine, welche von den Wänden niedergingen und ihren Weg an der Hütte vorüber nahmen. Auch sonst noch hatte er in der unheimlichen Nacht gar seltsame Geräusche und Stimmen vernommen, die er nicht zu deuten wusste, und die ihn mit banger Angst erfüllten.

Nun saß er schon seit Stunden einsam vor der Hütte und spähte mit forschenden Blicken empor zum steilen Gipfel des König Eismann. Tiefe Windstille war in der Mulde und um die Hütte her, dort oben aber musste Sturmwind herrschen; denn vom Gipfel des Berges hoben sich zwei silberweiße, lang gezogene Schneewolken in die blauen Lüfte, schlängelten sich und griffen durcheinander, als wären dem Bergriesen die versteinerten Arme lebendig geworden ...
Da klang von der Hüttentür die Stimme Ruedliebs: "Komm, Vater! Das Rötli hat uns aufgekocht, wir wollen gute Mahlzeit halten!"

Schwer seufzend wandte der Schönauer das bleiche Gesicht und winkte den Sohn herbei. Als Ruedlieb kam, fasste ihn der Vater bei der Hand und flüsterte: "Ich hab' noch allweil vor der lieben Dirn' nicht reden mögen, aber jetzt hör' mich an, Liebli: Wir müssen fort in der Nacht! Mir graust! Der Berg ist nimmer sicher!"

Ruedlieb erschrak. "Meinst, Herr Waze hätt' erfahren...?"

Der Richtmann schüttelte den Kopf. "Ich fürcht den Berg."

"Die Stein' und Lahnen?" Ruedlieb lächelte schon wieder. "So schau doch auf! Es ist ja wieder sonnscheinige Zeit, und der Schnee liegt still und fest."

"Ich kenn' die Berg', Liebli, ich bin älter als Du. Aber ich mein' schier, es müsst' 'was kommen, was ich selber noch nie gesehen hab'. Alles ist lebig in der Rund', und zur Nachtzeit hab' ich die Steinalfen schreien hören wie in Schmerz und Not. Mir graust, Bub! Der Bidem steckt im Berg wie die Schermaus unter dem Traidfeld. Wir haben wohl gute Ruh vor Wazemanns Leut', aber ich mein' schier, der Berg möcht' Fäust' kriegen und schlagen nach uns. Wir müssen fort zur Nacht! Sag's der lieben Dirn' ... sie hört es von Dir wohl leichter. Die Nacht ist lang und reicht wohl aus, dass wir durch die Ramsau flüchten und das Haller Tal gewinnen."

Aus der Hütte klang Rötlis helle Stimme: "Aber so kommt doch!" Mit einem Sprung war Ruedlieb bei der Türe. Als der Richtmann ihm folgen wollte, hörte er von der Höhe des weißen Grates einen Laut. Betroffen lauschte er. War es eine menschliche Stimme gewesen? Oder der winselnde Laut eines Hundes? "Ich muss es wissen!", murmelte er, von banger Ahnung erfüllt. Mit der einen Hand fühlte er, ob er das Messer am Gürtel trüge, mit der anderen fasste er einen der schweren Latschenäste, die vor der Hütte lagen, und eilte gegen den Hang.

"Vater! So komm doch!", mahnte in der Hütte die Stimme Ruedliebs.

"Ich komm' gleich! Esst nur derweil! Mir schmeckt der Brei so lieber, wenn er verkühlt hat." Die Worte des Richtmanns klangen rau und heiser. Er atmete schwer, und mit irrem Blick wandte er noch einmal die Augen nach der Hütte. "Liebli ..." Wie ein Seufzer glitt ihm der Name des Buben von den Lippen. Dann richtete er sich auf, seine bleichen Züge verschärften sich, mit funkelnden Augen spähte er nach der Höhe und begann durch den klebrigen Schnee empor zu waten. Als er nach schwerer Mühe den Grat erreichte, stand er vor Entsetzen wie versteinert. Auf blutgetränktem Schnee mit zerschmettertem Haupt lag eine Leiche vor ihm, deren starre Totenhand noch den Eibenbogen umklammert hielt: Otloh, Wazemanns Jüngster. Ein stürzender Fels, dessen Weg eine tiefe Furche im Schnee bezeichnete, war über ihn hinweggegangen. Mit verstörtem Blick hing der Richtmann an dem blutigen bild. Er fasste nicht, was er sah, und griff sich an die Stirne. Da hörte er vom jenseitigen Hang herauf die Stimmend er Wazemannsleute und das Gewinsel der Hunde. Einen Schritt noch tat er - dann sah er sie kommen. Auf die Weite eines Pfeilwurfs waren sie unter ihm. Sie hatten ihn schon erblickt und auch erkannt - das verriet ihm ihr Geschrei und der Pfeilschaft, welcher nahe vor seinen Füßen im Schnee versank. Einen Augenblick stand er ratlos, mit verzerrtem Gesicht und zitternd an allen Gliedern. Dann jählings fasste er die Leiche, schleifte sie über den Grat hinaus und gab ihr einen Stoß, dass sie über den steilen Hang hinunter und den Emporsteigenden entgegenrollte, von Schnee überwirbelt, umprasselt von nachstürzendem Geröll.

"Bergt den Toten! Ich wahr' die Meinen, so lang sie noch leben!" Er sprang übe den Grat zurück, und das Messer aus der Scheide reißend, stand er und schickte einen gellenden Notschrei hinunter in das stille Bergtal. Der hallende Ruf weckte das Echo an allen Wänden. Es rieselte der Schnee, Steine rollten, und überall in den Felsen schrie es, als wären zwanzig Stimmen mit einmal lebendig geworden in der Öde.

Ruedlieb und Edelrot kamen aus der Hütte gesprungen. Auf der weißen Höhe des Grates sahen sie den Vater stehen und wussten nicht, was sie denken sollten.

Da schrillte von der Höhe der Ruf des Richtmanns: "Lauft! Lauft! Hinter mir die Wazemannsleut'!"

Rötli erblasste und ihre Knie wankten. Auch aus Ruedliebs Wangen jagte der jähe Schreck alles Blut, Doch seine Hand griff nach dem Messer. Gestalten tauchten über den Grat empor: Herr Waze, Henning, Rimiger und Sindel, und hinter ihnen die Knechte mit den Hunden. Zitternd klammerte sich Edelrot an Ruedliebs Brust und barg an seiner Schulter das von Angst und Entsetzen verstörte Gesicht. "Der Unfirm ... und seien Hund' ..."

"Lass ihn kommen!" Ruedlieb richtete sich auf. "Solang ich noch Arm' hab', soll Dir nimmer geschehen, wie dem Rösli geschehen ist, aus deren Blut die Albenros gewachsen. Leben sollst Du, oder ich sterb' mit Dir!" Ein paar Schritte riss er die Wankende durch den Schnee mit sich fort, dann wieder stand er und rief mit tonloser Stimme: "Vater! Komm!"

Der Richtmann hörte wohl den Ruf seines Buben, ein Schwanken ging über alle seine Glieder, doch wie angewurzelt stand er, in der Linken den Latschenast, in der Rechten das blanke Messer zum Wurf bereit, die brennenden Augen nach der Höhe gerichtet. Den Söhnen und Knechten voran überklomm Herr Waze den verschneiten Grat. Sein gewand und seien Hände waren rot vom Blut Otlohs, dessen rollende Leiche er aufgefangen. Er hatte den Hut verloren, und seine dünnen Haarsträhnen klebten an dem schweißtriefenden Gesicht, dessen Züge verzerrt waren, dass sie nicht mehr dem Abbild eines Menschen glichen, sondern der Fratze eines verwundeten Raubtieres, das sich zum Sprung duckt. Heiser kreischte seine Stimme: "Dort steht er, dort, der mir den Sohn erschlagen! Fasst ihn! Ich will ihn haben! Lebendig!"

Rimiger und Sindel sprangen über den Schneehang nieder und auf den Richtmann zu. Henning aber hob den Bogen und spannte die Sehen. Da flog das Messer des Richtmanns, und mit lautem Wehschrei ließ Henning die Waffe sinken - das Messer hatte seinen Arm durchbohrt.

"Die Hund' von den Riemen!", schrie Herr Waze in schäumender Wut. "Die Hund' über ihn!"

Die Knechte lösten die Fesseln, und gleich einem Bündel abgeschnellter Pfeile schossen die heulenden Rüden talwärts.

Da rann unter dumpfem Knirschen ein Zittern durch den Felsgrund, das verschneite Steinfeld hob sich langsam wie die Brust eines atmenden Reisen, ringsumher auf dem weiten Berghang stäubten kleine Schneewolken auf, und durch die Lüfte ging ein Murren - wie fernes Echo klang es und dennoch wie ein naher Laut, dicht vor den Ohren der Lauschenden.

Herr Waze auf dem Grat, Rimiger und Sindel, Henning mit dem blutenden Arm, die beiden Knechte, die verstummten Hunde und der Richtmann, der sich schon zur Flucht gewendet hatte - sie alle standen jählings wie versteinert, wie angewachsen auf der Scholle, welche sie trug. Hinter dem Grat hatte Eilbert, der die Leiche Otlohs in den Armen gehalten, den blutigen Körper fallen lassen, und die beiden Brüder, welche vor dem Erschlagenen auf den Knien im Schnee gelegen, waren aufgesprungen mit schreckensbleichen Gesichtern. Irrenden Blickes starrten sie umher - sie alle fühlten die Nähe einer dunklen, grauenhaften Gefahr. Von welcher Seite aber drohte sie? In den Lüften oder im Grund der Felsen? In der Höhe oder im Tal? Diese Ungewissheit mehrte noch das Bangen und Entsetzen. Von Hennings Lippen löste sich der erste Laut. Und als hätte dieses kreischende Lallen jäh erwachter Todesfurcht die anderen aus ihrer Betäubung aufgeschreckt, so erhob sich plötzlich ein wirres Angstgeschrei in die von dumpfem Gesumm erfüllten Lüfte.

Von Wand zu Wand hin rollte das Echo dieser Stimmen - und ein verworrener Laut noch drang hinunter in die Bergschlucht, durch welche Sigenot und Recka den Weg zur Ödhütte suchten, erschöpft, mit keuchendem Atem, bis über die Hüften mit Schnee behangen. Aufhorchend fasste Wazes Tochter den Arm des Fischers. "Ich höre Stimmen ... sie schreien um Hilf'!"

Sigenot riss das Beil aus seinem Gürtel und lauschte. Er hörte nur ein leises Murren in ferner Höhe und schüttelte den Kopf. "Hinter dem Eismann geht ein Lahn!" Um dem zähen Schnee zu entrinnen, kämpfte er sich auf den steilen Berghang zu, auf dessen dünner beschneitem Gestein er festern Weg zu finden hoffte. Recka blieb hinter ihm zurück, umklammert vom nassen Schnee, in den sie halb versank. Als Sigenot ihre Mühsal gewahrte, zögerte er und streckte die Hand nach ihr. Doch sie rief ihm mit bebender Stimme zu: "Sorg Dich nimmer um mich! Deine Schwester in Not! Ich folg' Dir!"

Er wandte sich ab, begann zu klimmen und schwang sich von Stein zu Stein. Nun machte die Bergschlucht eine Wendung, und zwischen halbverdorrten Zirben fand Sigenot leichteren Pfad. Doch jählings stockte ihm der Fuß, denn er sah vor sich den gähnenden Absturz einer Felskluft, welche zu beiden Seiten von den stielen Wänden nieder lief, an der einen Felswand eine finstere Höhle bildete und die Bergschlucht quer durchriss, zu tief und steil für den Neiderstieg, zu breit für jeden Sprung. Mit verstörten Augen starrte Sigenot in die Tiefe, die sich vor ihm geöffnet. Es war nicht das erste Mal, dass er auf diesem Weg zum König Eismann emporstieg - doch er kannte diese Spalte nicht. Ihre Wände waren gelb wie frisch gebrochenes Gestein. Als verließe ihn beim Anblick dieser Schranke seine letzte Kraft, so stütze er sich mit zitternden Hand an den Stamm einer Zirbe.

Recka holte ihn ein: "Was stehst Du?"

"Unser Weg hat ein End'! Schau her, der Bidem hat eine Fragel vor uns aufgerissen."

"Schlag die Zirbe nieder, sie schafft uns einen Steg!"

Noch hatte Recka nicht ausgesprochen, da schwang der Fischer schon das Beil, und alle Kraft schien ihm wiedergekehrt. Recka wankte zur Höhle, die sich neben der Zirbe in die Felswand senkte, und ließ sich auf einen Steinblock fallen. In nassen Strähnen hing ihr das gelöste Goldhaar über die Wangen, auf ihren erschöpften Zügen wechselte fahle Blässe mit brennendem Rot, ihre Lippen zuckten, die volle Brust wogte unter fliegenden Atemzügen, und zitternd lagen ihr die Hände im Schoß.

Sigenot führte Schlag auf Schlag, und jeder Hieb machte den Stamm der Zirbe erbeben und hallte von den Wänden. Dumpfe Geräusche quollen von der Höhe des König Eismann nieder, Steine fielen, und über alle Felsen rieselte und glitt der Schnee, als wären die stielen Gehänge belebt von abertausend weißen, winzigen Tierchen ...

Recka griff nach ihrem Bogen, und als sie gewahrte, dass die Sehne sich von der Feuchtigkeit des Schnees gelockert hatte, legte sie, um den Strang zu spannen, eine Schlinge über die Bogenkerbe, dann nahm sie den Köcher in ihren Schoß. Ein leises Ächzen ging unter Sigenots Schlägen durch den zitternden Baum, und Recka hob die Augen. "Der Gipfel neigt sich schon ... schlag zu!" Sie ließ die Pfeile halb aus dem Köcher gleiten. "Einen hab' ich verloren im Schnee." Über ihre bleichen Lippen ging ein irres Lächeln. "Aber wenn es zum ärgsten kommen soll ... sieben Schäft' noch hat mein Köcher, ich mein', sie reichen!" Im letzten wort klang ihre Stimme schrill wie eine springende Saite.

"Recka!", stammelte Sigenot, und der Schwung des Beiles stockte in seinen Händen.

"Schlag zu! Deine Schwester in Not! Der Baum muss fallen1" Wieder krachten die Schläge, und schon begann der Wipfel zu schwanken. Recka saß mit versteinertem Antlitz, doch ihre Augen flammten. Und mit schmalen Lippen raunte sie vor sich hin: "Wie Feuer brennt in meinem Gesicht das Mal von meines Vaters Faust! Jeder Schlag der Brüder liegt wie Glut auf meinem Leib! Zeit meines Lebens haben sie Schmach und Ekel um mich her gehäuft, dass mir zu Mut war in ihrem Haus wie dem kranken Falken im Geiernest ... und nach solchem Leben diese letzte Stund'! Sie haben mich geschlagen und geschmäht wie der Bauer im Metrausch seine Magd." Bebend an allen Gliedern sprang sie auf und schüttelte das Haar in den Nacken. "Ich bin gelöst von ihrem Haus! Hass wider Hass ... und Lieb' um Lieb'! Mir sind nur noch zwei Ding' im Leben heilig: Meine Mutter, die mir lieb gewesen, und die Treu für Deine Schwester, die mir hold geworden ..."

Da verstummte der Beilschlag, und ächzend neigte sich die Zirbe. Reckas Blick begegnete den Augen Sigenots. Sie senkte das Antlitz, zwei helle Tropfen fielen von ihren Wimpern, und ihre Stimme schwankte. "Für Deine Schwester will ich stehen und frag' nicht, wider wen! Ich tu', was ich muss ... und sollt' ich drum im Leben auch nimmer Herd und Heimat haben!"

Unter dem stürzenden Baum hinweg war Sigenot auf Recka zugesprungen. "Nimmer Herd und Heimat?" Fast versagte ihm die Stimme. "So magst Du reden, derweil ich noch leb'? Du? Und nimmer Herd und Heimat? Recka!" Er streckte die Arme, und wie ein Taumel überkam es ihn. Zitternd stand die Tochter Wazes, sie wollte sprechen, doch die Worte erloschen ihr auf den Lippen. Es zuckte und kämpfte in ihrem Antlitz, und über ihre bleichen Züge fiel es wie rosiger Sonnenglanz. So haucht der junge Morgen nach langer Nacht die weißen Berge an mit leuchtender Glut.

Aug in Auge standen sie, und mehr als alle Sprache hätte reden können, sagte dieser stumme Blick, der den Inhalt zweier Leben erschöpfte. Wie Feuer zu Feuer fliegt, so trieb es diese beiden zu einander. Hatte Sigenot die Geliebte an sich gerissen - hatte Recka sich an seine Brust geworfen? Sie lagen Herz an Herz, umschlangen sich mit pressenden Armen wie in jener Sturmnacht auf dem See, und in dürstendem Kuss fanden sich ihre Lippen.

Krachen fiel die Zirbe und warf ihren Stamm und ihre Gezweige über die gähnende Kluft.

Was das dumpfe Brausen, welches durch die Lüfte ging, ein Echo ihres Falles? Hatte ihr Sturz die schlafenden Riesen im Gestein geweckt und sie gelöst aus tausendjährigem Bann? Wie das Rauschen eines nahenden Sturmes quoll es hernieder aus unsichtbarer Höhe, wuchs zu mächtigem Gerassel und fand ein donnerndes Echo an den gegenüberliegenden Wänden ...

Recka und Sigenot erwachten aus ihrer taumelnden Wonne und blickten um sich her mit traumverlorenen Augen. Es zitterte die Erde unter ihren Füßen, ein sausender Luftstrom peitschte ihnen Gewand und Haar, ächzend bogen sich die hundertjährigen Zirben, und brüllende Stimmen füllten die Bergschlucht. Reckas Augen glitten zur Höhe, und jäh erblasste ihr Gesicht. Sie sah das Verderben über die Felsen nieder stürmen: Eine weiße Riesenwolke, von braunem Rauch umflattert. Von ihren Lippen löste sich ein gellender Schrei, und die Angst des Todes sprach aus ihren erstarrten Zügen. Doch nicht das eigene Leben war es, um welches sie bangte.

"Recka!", stammelte Sigenot und wollte die Geliebte mit den Armen schützend umschlingen, wollte sie decken mit seinem eigenen Leib. Doch sie schlug ihm die Fäuste auf die Brust, und den einzigen Schutz erkennend, auf den in dieser stürzenden Not noch eine Hoffnung zu setzen war, stieß sie den geliebten Mann mit aller Wucht ihrer wilden Kraft dem Berghang zu, dass er rücklings in die höhle taumelte. Mit hellem Aufschrei wollte sie ihm folgen, aber da fiel es schon wie weiße Sturzflut auf sie nieder, und die Steine prasselten.

Stöhnend hatte Sigenot sich aufgerafft, einen Schritt noch tat er, wie durch weiße fließende Schleier sah er noch Reckas Haupt, ihr wehendes Rothaar und die winkenden Arme, hörte aus allem Donner und Toben noch ihren jauchzenden Ruf: "Ich liebe Dich!" ... dann brach es vor ihm nieder mit schwarzer Nacht.

Die stürzenden Massen erfüllten die ganze Breite der Schlucht, und von allen Wänden lösten sich neue Lawinen.

Hoch über dem Albental, dessen Hütte Herr Waze und seine Söhne, der Richtmann und die Knecht ein jagender Flucht zu erreichten suchte, geriet der ganze Berghang in rinnende Bewegung. Aus dem aufdampfenden Schneegewölk flogen braune Punkte hervor, erst wie springende Kiesel erscheinend, doch schon im nächsten Augenblick als mächtige Felsblöcke. In weitem Bogen wurden sie über stiele Wände hinausgeworfen oder liefen wie kreisende Scheiben mit Windesschnelle über die Gehänge nieder, um jählings in tausend Splitter auseinander zu fahren.

Die Kräfte der Fliehenden gingen zu Ende, und schon rollte die sich dunkel färbende Lawinenwolke gegen das Albental. Unter Heulen und Gewinsel suchten die vom Schreck betäubten Hunde Schutz bei den Menschen, sprangen an den Fliehenden hinauf, fuhren ihnen zwischen die Füße, und brachten sie zu Fall. Fluchend führte Henning mit der blutenden Faust einen Schlag nach einem der Hunde, der sich zitternd an ihn gedrängt. Das Tier überschlug sich, sprang wieder auf und fasste, seinen Herrn nicht mehr erkennend, den Fliehenden mit den Zähnen. Knatternd fiel ein regen von Steinen über den Grat hernieder, und lauter noch als das Kreischen der Angst erhob sich das Wehgeschrei der vom Steinschlag Getroffenen. Wen nicht eine springende Scholle zu Boden warf, der stürzte, da ihm der beißende Staub, aus Schnee und Sand gemischt, die Augen erblinden machte. Stöhnend rafften die Gestürzten sich wieder auf und suchten Rettung in neuer Flucht. Keiner hörte das Wehgeschrei, welches neben oder hinter ihm erscholl, halb erstickt von dem die Lüfte erfüllenden Toben. Keiner dachte des anderen, jeder nur an das eigene Leben. Der Bruder kannte nicht mehr den Bruder, der Sohn den Vater nicht, und für die Knechte gab es keinen Herrn. Wer zu Boden lag, griff mit zuckenden Händen nach jedem Fliehenden, dessen Weg an ihm vorüberführte - und wer eine klammernde Hand an seinem Leib fühlte, stieß mit den Füßen, riss und zerrte, bis er sich frei gemacht.

Immer dichter fielen die Steine, und die Stimmen der Lüfte und der brechenden Felsen verschmolzen sich zu schwebendem Gedröhn.

Allen Fliehenden voran war der Richtmann schon der Hütte nahe gekommen, als eine springende Steinscholle seine Schenkel traf. Stöhnend brach er zu Boden, wollte sich weide raufraffen, doch die zerschmetterten Knochen versagten den Dienst. Er wusste, dass er verloren war - und wie nach einem bösen Sturmtag unter dem fernen Gewölk einher noch eine letzte schöne Röte der sinkenden Sonne schimmert, so sah der Sterbende vor seinen Augen als leuchtendes Bild, was seinem Leben teuer gewesen. "Liebli, mein guter Bub! Mein Haus und Herd!" Er schluchzte laut und bedeckte mit zitternden Händen das Gesicht.

Da tönte aus dem jammernden Geschrei, das auf dem halb schon überschütteten Hang sich noch vernehmen ließ, eine keuchende Stimme an des Richtmanns Ohr. "Der Heilige ... der Heilige hinter mir ... und die lassen mich allein .... die Söhn' den Vater .... die verfluchte Brut ..." Ein Wehlaut unterbrach die röchelnden Worte. "Helft! Helft! Her zu Eurem Herrn, ihr untreuen Knecht'!" Mit heiserem Schrei erlosch die Stimme, und durch den Schleier des wirbelnden Staubes, durch den Hagel der Steine sah der Richtmann einen Klumpen Leben sich nähern. Ein Lächeln des befriedigten Hasses überzuckte sein fahles Antlitz, er hob sich auf das unverletzte Knie und fasste die schwere Scholle, die ihn getroffen.

"Helft, helft!", klang es wieder in winselnder Angst. "Du gütiger Himmelsherr, so schau doch nieder auf meine Reu und hab' Erbarmen! Ihr guten Heiligen, nehmt alles, was ich hab', den ganzen Gadem, mein Ross und meinen Weißfalk ... hört, ihr Heiligen, ich gelob's .... ich lass Euer Kloster bauen aus festem Stein ... nur helft, helft ...." Der Jammernde stürzte, rollte vor des Richtmanns Füße und versuchte sich wieder aufzurichten. Die Kotze des Bauern geriet ihm unter die tappenden Hände, er klammerte sich an, zerrte sich in die Höhe und kreischte: "Helft ... helft ... ich zahl' mit Gold und Spangen ..."

"Ich tu's umsonst!", klang mit heiserem Gelächter die Antwort, und die Faust des Richtmanns mit der schweren Scholle fiel. Ein gurgelnder Laut, ein starrer Blick noch in das Gesicht des Bauern, und Herr Waze überschlug sich auf dem steilen Hang, das zerschmetterte Haupt von Blut überronnen ...

Mit Getöse stürzten die dichten Massen des niederfahrenden Gesteins über den Grat einher, und eine mächtige Staubwolke, dem Sturz der Felsen voran gleitend, verhüllte den Todeskampf der wenigen, die noch lebten. Schon sausten die ersten Blöcke gegen die Hütte im Tal und brachen die morschen Balken. Springende Steine fuhren über das Schneefeld hin und flogen vorüber an dem flüchtenden Paar, das mit letzter Kraft durch den angewehten Schnee sich weiterkämpfte. Von blindem Grauen befallen, hatte Ruedlieb die Geleibte mit sich fortgerissen, des Weges nicht achtend, den er nahm. Nun stand er zitternd und starrte über die steile Felswand, welche sich nieder senkte zum Windacher See. Sein irrender Blick sah in der Tiefe das weite Wasser, am Ufer zwei rennende Menschen und Pferde in rasender Flucht. Vor ihm der Abgrund, hinter ihm der stürzende Tod, der ihm den Vater genommen - da gab es nimmer Weg noch Rettung! Wohl versuchte er noch die Flucht am Rande der Felsen hin. Doch Rötlis Kräfte waren zu Ende, und lautlos sank sie an Ruedliebs Seite in den Schnee. Schluchzend griff er nach ihr, riss sie empor an seine Brust und hielt die Taumelnde umschlungen. "Jetzt holt der Bid, was ihm verfallen ist!" Er drückte die Lippen auf Rötlis Haar, und schloss die Augen, den Tod erwartend, der unter Donner und Tosen auf springenden Felsen geritten kam. Wie ein grauenvolles Ungetüm schoss die den Sturz verhüllende Wolke über den Hang hernieder. Aus ihrem Dunkel wurden mächtige Blöcke hervorgewirbelt, wie Asche aus einem Schlot, und ihr voran, gleich dem Brausen eines gewaltigen Sturmes, jagte die vom Sturz der Felsen angestaute Luft. Der sausende Windstrom fasste das Dach der halb zertrümmerten Hütte und wehte die Blaken davon wie leichte Schindeln, die im Schnee versunkenen Latschenbüsche blies er von der Erde weg, und als er die beiden Menschen erreichte, die sich zitternd umschlungen heilten, ergriff er sie und trug sie wie auf unsichtbaren Händen in weitem Flug über den Abgrund hinaus, dass ihnen Atem und Bewusstsein schwand ...

Unter dem donnernden Widerhall, welcher rings im weiten Tal über alle Wände rollte, stürzten die Massen der gebrochenen und zu Geröll zerschmetterten Felsen in den Windachersee, dessen aufgewühlte Fluten haushoch über die Ufer schwankten. Mit dröhnendem Klang zerbarst die Felswand über den Schluchten der Windach, und der aus seiner tausendjährigen Hast befreite See ergoss sich mit tosendem Rauschen über das Tal.

Eberwein und Eigel, welche dem Ausfluss der Windach nahe waren, sahen die Felswand auseinander fallen und das Wasser kommen. Der donnernde Lärm, der aus der fernen Höhe an ihr Ohr geklungen, hatte sie mit bangem Entsetzen erfüllt und ihre Sinne fast betäubt. Mit bleichen Gesichtern standen sie und gedachten erst der eigenen Rettung, als die nieder brausenden Fluten schon die Schlucht der Windach in ihrer ganzen Breite füllten und brüllend näher schossen. "Wahr' Dich, Herr!", stammelte Eigel, fasste den Arm des Mönches und riss ihn gegen den Berghang. Keuchend kommen sie zwischen den Bäumen empor, um dem Weg der fallenden Gewässer zu entrinnen. Schon hatten sie gesicherten Grund erreicht - da wich unter einem Tritt des Kohlmanns die Moosdecke, er stürzte und kam auf dem vom Regen durchweichten Hang ins Gleiten.

"Barmherziger Gott!", schrie Eberwein und sprang, der eigenen Gefahr nicht achtend, auf den Stürzenden zu. Doch es brausten schon die Fluten heran, und eine über den Hang empor spülende Welle erfasste den Greis und schleuderte ihn an einen Baum. Lautlos kollerte Eigel über das Netz der Wurzeln, aber ehe das schießende Wasser ihn verschlingen konnte, hielt ihn Eberwein schon umklammert mit beiden Armen. Von einer springenden Welle übergossen, gewann er mit seiner Last den sicheren Grund und bettete das Haupt des Kohlmanns in seinem Schoß. Da sah er, dass von Eigels Schläfe das Blut in dicken Tropfen durch die grauen Haare sickerte - es war ein Sterbender, den er gerettet. Das Gesicht des Greises war aschfarben, seine Augen blickten matt, doch ein Lächeln glitt über den weißbärtigen Mund. Seufzend sah er zu Eberweins Antlitz auf, als wollte er sagen: "Was liegt an mir ... Du lebst, und ich bin zufrieden."

Kaum eines Wortes mächtig, beugte sich Eberwein über den Kohlmann und nestelte am Hals aus seiner Kutte eine Schnur hervor, an welcher ein Kreuzlein hing. Er wollte das heilige Zeichen dem Sterbenden zum Kuss bieten. "Der Gott der Leibe wird Dir gnädig sein, blick' auf zu ihm!" da lief ein Zittern über die Glieder des Greises, seine Augen wurden starr, er kämpfte, als möchte er sprechen, und fasste mit gierigem Griff - nicht das Kreuz - sondern die seltsame Reliquie, welche mit dem heiligen Zeichen an die gleiche Schnur gebunden war. Die Hälfte eines entzwei gesprungenen Beinreifs, braun vor Alter, mit halbverwischten Runenzeichen. "Salmued!" Dieses eine Wort nur rang sich von den Lippen des Sterbenden, und das Brausen der talwärts stürzenden Gewässer verschlang den zitternden Laut. Eigels knöcherne Finger, die den Reif umklammert hielten, zuckten wie im Krampf, und seine Glieder streckten sich. Ein umflorter Blick noch suchte die Augen des Mönches, und flüsternd hauchte der erbleichende Mund: "Die gute Zeit ..."

Eberwein verstand den letzten Seufzer dieses erlöschenden Lebens nicht. Er sah die Augen des Greises brechen, drückte mit zitternden Armen den Erlösten an sich und küsste die kalte Stirn. Er wollte beten, doch die Worte versagten ihm. Tosend rauschten zu seinen Füßen in endlos wachsendem Schwall die entfesselten Fluten vorüber, den Wald und die Felsen brechend, die Zerstörung nieder wälzend auf bewohnte Stätten. Vor seinen irrenden Blicken erschien das weite Tal der Ramsau, er sah die einsame Kirche und das verödete Pfarrhaus, die stillen Hütten rings umher und ihre Menschen. Er sah im Geiste schon die Dächer stürzen und hörte das Angstgeschrei der bedrohten Geschöpfe. Zitterndes Grauen befiel ihn, und aus seinem gemarterten Herzen rang sich der bange Angstschrei: "Gott der Liebe! Wo bist Du?"

Nur der Donner über den Bergen, nur das Rauschen und Toben der stürzenden Fluten gab die Antwort ...

Wie von den bleichen Lippen des Mönches, so flog in dieser Stunde der Vernichtung auch aus der Seele eines anderen in Zweifel und Jammer ein Gebet zum Himmel auf. Hinter dem König Eismann, in der schwarzen Finsternis der verschütteten Höhle, taumelte Sigenot zwischen den erzitternden Felsen umher und schrie: "Du Starker Du! Ich hab gehalten zu Dir! Jetzt halt' zu mir! Jetzt tu mir den Weg auf! Lass mich zu ihr! Zu ihr!" Doch seine schreiende Stimme erstickte der dumpfe Donner, der ihn umrollte. In Qual und Verzweiflung riss er mit den Händen am Gestein und zerrte an dem wirren, von Schnee und Geröll durchsetzen Astwerk, welches den Ausgang der Höhle verschloss. Da begann der Steingrund unter seinen Füßen sich zu bewegen gleich einer Wiege, und aus der Tiefe des Berges kam ein Klang, der mit Messerschärfe in Sigenots Ohren schnitt. Jähe Helle fuhr ihm in die Augen, und langsam wichen vor ihm die Felsen auseinander wie die Flügel eines Tores. Aufschreiend tat er einen Sprung ins Freie, doch eh' er noch wusste, wo er stand und wohin er sich wenden sollte, verging ihm Hören und Sehen. Unter betäubendem Lärm umhüllte ihn eine braune Wolke, brennender Staub quoll ihm in Mund und Nase, und wie Feuer war es ihm vor den Augen. Eine Schneewelle hob ihn empor, spülte ihn aufwärts gegen die höhere Schlucht, und während er zwischen Gestein und Schnee bewusstlos lag, fuhr ein Riss, bei der die Schlucht durchquerenden Spalte beginnend, über die kahlen Felsen hinauf, und die vom Stock des Berges losgetrennte Steinwand neigte sich vornüber. Donnernd stürzten die gewaltigen Massen über den Schönsee. Ihr Fall zerteilte die Flut, zwei weiße Wassermassen hoben sich turmhoch auseinander, und während die eine zur Linken in den Kessel der Berge rollte, wälzte sich die andere zur Rechten gegen das Tal der Ache. Mit Schäumen und Brausen wuchs und stieg die laufende Mauer noch, je mehr das Seetal sich verengte, und auf ihrem Weg spülte die riesige Welle den Wald vom Berghang weg wie einen Haufen Späne ...

Im Fischerhaus hatten sie den Donner des fallenden Gesteins vernommen. Sie sahen über dem Kessel des Weitsees eine Wolke dampfen und hörten das Sausen und Rauschen des kommenden Wassers. Die Magd stand vor der Haustür und rang die Hände, bleich und zitternd kam Kaganhart, die Leiche seines Weibes verlassend, aus der Kammer des Knechtes gerannt, und Wicho stand auf dem Lugaus, mit verstörtem Gesicht, die Finger in das Haar geklammert. Immer näher kam das Toben und Brausen. Ein sausender Wind, weißen Schaum in die Lüfte peitschend, flog über den See einher, und die turmhohe rollende Wassermauer tauchte um die Falkenwand, auf der einen Seite den steigenden Bergwald mit Fluten überschüttend, auf der anderen Seite ihre Springwellen empor schleudernd bis zu der um Wazemanns Haus gezogenen Ringmauer.

Das Geschrei der Mägde und die heulenden Stimmen der gefangenen Raubtiere tönten vom Falkenstein hernieder, während Heilwig und Kaganhart in rasender Hast über die Lände gegen den waldigen Berghang flüchteten. Wicho sprang vom Lugaus nieder und stürzte in das Haus. "Mutter Mahtilt! Mutter Mahtilt!" Schrill klang seine Stimme. Doch andere Worte brachte er nicht mehr über die Lippen, er lallte nur und deutete mit den Armen. Starr sah ihm das bleiche Gesicht der Greisin entgegen. Er wollte sie umschlingen, aber sie wehrte sich und lachte, mit beiden Händen sich anklammernd an die Lehnen ihres Sessels. Gewaltsam riss er sie empor und hob sie auf die Arme, und während er keuchend mit seiner Last die Türe suchte, streckte Mutter Mahtilt unter gellendem Gelächter noch die Hände nach dem Herd. Wohl erreichte Wicho das Freie. Doch über die Lände wälzte sich schon, doppelt so hoch als der Hügel mit dem Haus des Fischers, der brausende Wasserberg heran, mächtige Felsblöcke wie leichte Kiesel vor sich herschwemmend und einen Wust von gebrochenen Bäumen ausschleudernd nach allen Seiten.

Wichos Knie versagten, zitternd stand er und klammerte die Arme um die Mutter seines Herrn, während in das Brausen der stürzenden Flut das Gebrüll der Rinder sich mischte, die zwischen den Wänden ihres Stalles die Nähe einer Gefahr erkannten. Kalkige Blässe deckte das Gesicht des Knechtes, doch über Mutter Mahtilts bleiche Züge ging es wie ein Leuchten. Sie hob die Arme, und mit heller Stimme klang es von ihren Lippen: "Gelfrat! Gelfrat!" Die Nähe des Todes hatte ihre stumme Zunge gelöst. Noch einmal rief sie den Namen des geliebten Mannes, den ihr der See genommen, und streckte die Hände den anrauschenden Wellen entgegen. Brausend stürzte sich die Wassermauer über den Hügel hin - ein Krachen und Dröhnen von brechendem Gebälk - und die tobende Flut verschlang, was Sigenots Hag umschlossen hatte.

Immer weiter wälzte sich die zerstörende Riesenwelle, und ihr Rauschen quoll über das Tal hinaus und fand das Ohr der Menschen, welche in bleichem Schreck aus ihren Hütten rannten. Tal auf und nieder flog das Gespenst der Furcht und fasste alle Gemüter. Aus der stundenlangen Waldschlucht hervor, in welcher die Schmiede des Ilsankers lag, bis zu den Halden der Strub hin hörte man schon das ferne Brausen der Gewässer, welche die Ramsau überschwemmten. An den Wänden des Untersberges erwachte ein summendes Echo, während vom König Eismann über den Gadem einher ein leises Brummen, bald stockend, bald wieder anschwellend, bis zum Lokiwald durch die Lüfte quoll.

Bruder Wampo trat aus der Klause und blickte nach allen Seiten. Schweiker, das Beil in der Hand, kam zögernd vom Waldsaum heran geschritten.

"Was ist denn schon wieder?", fragte Wampo. "Hörst denn nicht?"

"Wohl wohl!", nickte Schweiker und blieb lauschend stehen.

"Es kann doch kein Unwetter aufziehen! Ist ja der ganze Himmel blau!" Bruder Wampo verstummte, denn er sah, dass Pater Waldram aus der Kirche trat, gegürtet und mit dem Stab in der Hand. Erst machte der Bruder erstaunte Augen, dann eilte er auf den Pater zu. "Herr?" Waldram wandte das Gesicht. Seine Züge waren bleich wie das Antlitz eines Toten, doch gleich zwei Flammen brannten seine Augen. Was aus ihnen leuchtete, war wie das lodernde Feuer im Blick des Kriegers, der den Ruf zur Schlacht vernommen. Der Bruder fühlte die flammende Kraft dieses Blickes, und scheu vor dem Pater zurücktretend, fragte er: "Herr, wohin gehst Du?"

"Wohin die Stimme Gottes ruft! Legt ihr anderen die Hände in den Schoss und seht zu, wie des Herrn Zorn die Berge stürzt ... ich aber folge seinem Ruf, denn meine Stunde kam!" Weit ausholend mit dem Stab, schritt er dahin, vom Sonnenglanz des zur Neige sich wendenden Tages umwoben.

Die Brüder standen schweigend, und einer suchte den Blick des anderen. Als Waldram unter den Bäumen verschwunden war, atmeten sie auf, und Bruder Wampo schüttelte den Kopf. "Er könnt' einem Angst machen!" Ein Schauer rüttelte ihn, und hastig bekreuzte er Gesicht und Brust; dann wieder lauschte er dem fernen Murren und dem summenden Echo.

Schweiker hatte die Hand über die Augen gedeckt und spähte in die Weite. "Schau doch einmal ... ich weiß nicht, was ich seh' da draußen. Über den Schönsee ziehen Nebel her ... aber sie schauen sich braun und grauslich an."

Kaum hatte Bruder Wampo in die Ferne geblickt, da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. "O Gottes Wunder! Zu Wazemanns Bannberg schau hinauf ... der Heidenkönig Eismann ist christlich worden und schlagt ein Kreuz!"

Auf den silberweißen, in heller Sonne glänzenden Schneegehängen des steil in die blauen Lüfte ragenden Bergriesen erschienen zwei dunkle, schräg sich kreuzende Striche. Noch ein Augenblick der Ruhe - und vor den entsetzten Sinnen der beiden Brüder vollzog sich ein Zerstörungswerk, gewaltig und furchtbar. Immer dunkler, in die Breite wachsend, erschien auf dem hoch liegenden Schneegehäng des König Eismann die quer durcheinander laufenden Rinnen. Während über ihnen der Gipfel des Berges noch sein unverändertes Bild bewahrte, überwälzte sich unterhalb dieser gleitenden Risse der Schnee auf weite Flächen, und aus dem zerfetzten weißen Kleid tauchte die nackte graue Brust des steinernen Riesen hervor. Ein Schwanken und Rühren kam über allen Grund, ganze Gehänge drehten sich und wurden verschoben, es begann ein Sinken der Flächen mit allem, was sie trugen, immer tiefer und weiter griff die gleitende Bewegung und erfasste unter den kahlen Schneegefilden schon den Saum des Waldes. Abertausend Bäume, winzig anzusehen in der Ferne, begannen von der Stelle zu rücken, es verschwand der Schnee, der sie bedeckte, dann wieder erlosch ihr dunkles Grün unter dem weißlichen Grau der nachrollenden Lawinen. Schneller und schneller, gleich einer Herde hüpfender Schafe, bewegte sich der Wald. Einzelne Bäume wurden, als gaukelnde Federn erscheinend, in die Lüfte geblasen, dann jählings sanken alle Stämme in einen grauen Wust zusammen wie die Ähren unter einem Windstoß. Zwischen den gleitenden Flächen hatte sich in steiler Höhe noch ein mächtiger Fetzen Wald erhalten. Doch plötzlich erhob er sich in seiner ganzen Masse wie von der Erde aufgeschnellt und flog mit aufrecht stehenden Bäumen im Bogen durch die Luft, so dass man unter ihm hinweg einen sonnigen Hang gewahren konnte. Niederstürzend fuhr die riesige Scholle in braune Trümmer auseinander, die Bäume verschwanden, blitzende Wassergüsse erschienen zwischen den gleitenden Massen und tauchten wieder unter, pfeilschnell schossen die schwärzlich sich färbenden Schuttströme über den tieferen Wald und griffen nach allen Seiten auseinander wie die gespreizten Finger einer Hand ...

Die entsetzten Augen, welche dem Weg dieser jagenden Ströme folgen wollten, wurden vom jähen Wechsel der furchtbaren Bilder hin und her gerissen und durch ein neues Schrecknis wieder zur Höhe gezogen. Noch stand der ganze mittlere Stock des Berges mit der schlanken, weiß blinkenden Zinne. Doch der Losbruch der tieferen Gehänge hatte seine Wände unterhöhlt, und plötzlich neigte sich der in seinem letzten Halt erschütterte Riese. Zugleich auf allen Seiten begann ein Spalten und Auseinanderklaffen, ein Brechen und Stürzen des gewaltigen Felsenhauptes. Es schien, als wären die finsteren Mächte, welche Jahrtausende lang in diesem Gestein geschlummert, jählings zum Leben erwacht, als hätten sie sich verbündet zu einer unerhörten Tat. Mit rasender Schnelle stürmten sie dem Tal entgegen, das stürzende Gewänd mit seinen brechenden Eisfeldern entschleierte das geheimnisvolle Herz des Berges, und an Stelle der verschwindenden Zinne erschienen neue, von keinem Menschenaug' noch erblickte Felsgestalten - als hätte der greise Ahn den Platz geräumt für seine aus dem Schoß der Riesin Vernichtung gezeugten Kinder.

Nur wenige Augenblicke, und auf dem weiten Unterstock des fallenden Berges waren lange Täler zugeschüttet und über ihnen neue Felsenhügel aufgeworfen, über welche hinweg die stürmende Todesjagd der ungeheuren Massen talwärts ging. Die ganze Höhe war verwandelt in ein wirbelndes Chaos, und immer trüber verhüllte sich der rasende Wechsel all der schaudervollen Bilder; denn wie auf einer Brandstatt der aus Tür und Fensterhöhlen strömende Rauch zu dicker Schwade über dem Dach sich sammelt, so flossen die von den auseinander fahrenden Trümmerströmen aufdampfenden Staubwirbel zu einer ungeheuren Wolke ineinander, deren züngelnde Ränder im Schein der Sonne mit Flammenröte sich färbten, während den finsteren Kern des rollenden Ungetüms ein fahles Leuchten durchlief wie von zuckenden Blitzen.

Nun kam es über den weiten Gadem zum Lokiwald gezogen - erst wie ein dumpfes Tönen nur, darauf ein Ächzen und Ohr zerreißendes Knirschen, ein Knattern und Gerassel, das zu Krachen und Sausen wuchs, zu dröhnendem Donner. Unter dem Sturmwind, welcher einher flog über den Gadem, beugten sich alle Wälder, und der jagende Wind trug aus dem Tal das Angstgeschrei der Menschen bis zur Klause. Schweiker und Wampo, welche auf den Knien lagen, mit erhobenen Händen und in lautem Gebet, vernahmen aus dem Tal einer Männerstimme wie das Gebrüll eines Stieren: "Es kommt der Berg! Lauft! Lauft! Es kommt der Berg!" Die Brüder sprangen auf, betäubt und wie von Sinnen. Brausend fiel die Sturmwelle über den Lokiwald, und seine Stämme wogten durcheinander. Kreischende Vögel gaukelten in der Luft - der Sturm zersprengte ihre Schar und peitschte sie in das wogende Gezweig. Ein Habicht wurde gegen die Wand der Klause geschleudert und fiel mit gebrochenen Schwingen zu Boden. Brüllend wuchs die Macht des Sturmes und das Dröhnen in den Lüften. Ein flüchtendes Rudel Hochwild raste über die Lichtung, einzelne Tiere überschlugen sich, und ein Hirschkalb verendete unter jämmerlichem Klagen. Mit Getön und Sausen prallte der Luftstrom gegen die Wände des Untersberges, wurde zurückgeworfen, überfiel den Wald und mähte unter krachendem Geschmetter die mächtigen Stämme wie ein Sensenschlag den Klee. Die Brüder wurden zu Boden geschleudert und rollten über das Moos und durch die Pfützen. Das Dach des Kirchleins hob sich in die Lüfte, und im berstenden Türmlein wimmerte die Glocke während des Fluges. Ein jäher Stoß durchzuckte die Erde, ein Zittern und Schüttern befiel den Grund, das Tal und die Berge, und von überall, von den Wänden des Untersberges wie von den Höhen rings umher, ertönte das Gerassel stürzender Felsen.

"Das jüngste Gericht! Das End' der Welt! O guter Herr, sei gnädig dem armen Sünder!", lallte Bruder Wampo, das Gesicht ins schlammige Moos gedrückt.

Schweiker hatte sich erhoben, taumelnd stand er, und seine verstörten Augen suchten die Gehänge des Göhl. Eine Staubwolke sah er nieder gleiten über die Wände, und ihre Straße ging den Halden zu. "Hinzula!" Und wie ein Hirsch, der schon den Pfeil des Jägers nach seinem Herzen fliegen sieht, sprang Schweiker über die Lichtung hin, dem gebrochenen Wald entgegen.

"Bruder, ach, Bruder, verlass mich nicht! Wir wollen selbander zum Himmel fahren!", kreischte Wampo: Er raffte sich auf und begann, dem schon Verschwundenen folgend, mit schlotternden Knien die Flucht, Gebete lallend und strauchelnd bei jedem Sprung.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.