Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 13

Auf dem Lugaus des Fischerhauses stand Wicho mit dem Kohlmann. Sie lauschten dem Gekläff der Meute, welches hinter Wazemanns Haus im Bergwald verklang. "Ich mein', sie kommen!", flüsterte Eigel.

Wicho schüttelte den Kopf. "Die Hund' läuten gegen die Berg' hin. Wir haben heut noch Ruh, sie ziehen ins Gejaid!"

"Gibt acht, dahinter steckt ein Schlich! Sorglos will er uns machen und schickt die lauten Hund' zu Berg, und eh' wir uns umschauen, ist er da und brennt ein Loch in den Hag! Ich schaff', solang noch Zeit ist!" Er griff nach einem der Rutenbündel, die auf dem Lugaus aufgeschichtet lagen. Wicho trat zu ihm, und schweigend begannen sie die Arbeit. Rute um Rute flochten sie um die frisch geschlagenen Pfähle, und immer höher wuchs unter ihren Händen die hölzerne Mauer. Ein dünnes Lachen machte sie aufblicken. Unter dem Hag stand Ulla. "Ihr Narren übereinander!", lachte sie mit verzerrten Lippen. "Was schafft ihr und schwitzt? Fürchtet ihr den da droben? Narrenleut'! Narrenleut'! Meint ihr, der selb' da droben hätt' Zeit für Euch?" Ihr Lachen hob sich mit schrillem Klang. "Der muss ja raufen mit seinem Fluch!"

"Meiner Seel', das Weibsbild ist närrisch!", meinte der Kohlmann.

"Sie ist aus Wazemanns Haus!", flüsterte Wicho ihm zu

Mit starrem Blick hingen Ullas Augen an dem Kohlmann, und ihre welke, zitternde Hand streckte sich gegen ihn. "Du! Weißbärtiger! Bist nicht Du derselbig', dem die Salmued lieb gewesen?"

Dem Kohlmann fielen die Ruten aus der Hand, und ein Blick des Hasses sprühte aus seinen Augen. "Weib, ich sag' Dir, wahr' Deine Zung!"

Ulla lachte. "Hast nie gesucht nach Deiner Dirn'? Freilich, einen weiten Weg hättst laufen müssen! Wenn der Windische Tandelmann mit seinem Karren wieder kommt, so frag' ihn doch, wo Deine Dirn' geblieben ist. Zahl ihn gut oder greif ihm an die Gurgel! Wer weiß, vielleicht hörst von ihm die gleiche Botschaft, die er dem da droben gebracht hat: Die wilden Säu' sind über die Salmued und ihr Kind gekommen! Gelacht hat der da droben, Kohlmann, gelacht, und hat gemeint, jetzt hätt' er Ruh vor ihr! Aber schau hinauf zu ihm ... die Tote hat wieder heimgefunden und haust unter seinem Dach!"

"Eigel! Eigel!", stammelte Wicho und hielt mit beiden Armen den Kohlmann fest, der über den Hag auf die Lände springen wollte. Vom Hall der Stimmen gerufen, eilte Sigenot zum Lugaus.

"Du Narr! Was schlägst denn umeinander mit Händ' und Füßen?", kreischte die Magd. "Bleib hocken in aller Ruh ... die Salmued wird schon allein noch fertig mit ihm! Sie rührt die Fäust' in seinem Haus und schlagt auf alles, was lebig ist! Ihr Fluch geht um! Mein Star ist hin, Frau Friderun ist hin ... und all die anderen müssen ihr nach."

"Frau Friderun!", keuchte der Kohlmann, von Wichos Armen umklammert. "Frau Friderun? So? Der Salmued Fluch hätt' sie erschlagen? Meinst? So lauf hinauf und sag' ihm: Der Kohlmann ist's gewesen, der auf dem Steig in der Rabenwand die Mausfall' aufgestellt hat! Sag's ihm! Und sag' auch gleich: Ihm selber war's vermeint! Sein Weib ist eingegangen in die Fall' statt seiner! Ich hab' gelacht dazu, sag's ihm, gelacht! Sein Weib für meine Dirn' ..."

"Eigel!" Mit eisernem Griff umspannte Sigenot den Arm des Kohlmanns. "Unschuldig Blut an Deiner Hand! Und Du, Du hast gesessen an meinem Tisch und hast geweilt in meinem Haus! Wicho! Das Hagtor auf. Ich hab' kein Dach für einen ..."

DA klang es von der Ache her mit gellendem Ruf: "Sigenot! Sigenot!" Und jagende Hufschläge kamen näher. Unter heiserem Gelächter riss sich der Kohlmann von der Hand des Fischers los, welcher lauschend stand mit erstarrtem Antlitz. "Sigenot! Sigenot!", klang es unter den Bäumen.

Mit beiden Händen griff Eigel nach seiner Stirn. "Ja steht denn mein Kopf noch?" Er starrte den Fische ran. "Ja gibt's denn in der Welt noch einen, wie der ist! Die Untreu lauft ihm davon, das Wasser rinnt ihm schon ins Maul ... und er stoßt auch die Treu noch aus seinem Hag!"

"Sigenot! Sigenot!", schrillte die Stimme Reckas. Auf schäumenden Ross kam sie unter den Bäumen hervorgejagt. "Diene Schwester in Not! Meine Brüder steigen zu Berg und suchen die Ödhütt' hinter dem Eismann!"

Sigenot taumelte, als brächen ihm die Knie. Mit zuckenden Händen griff er ins Leere. "Wicho! Mein Eisen!" Da sah er auf dem Lugaus eine Axt vor seinen Füßen liegen. Er fasste sie und schwang sich über den Hag auf die Lände. Der Altsenn und der Knecht des Richtmanns kamen herbei gesprungen, mit Beilen bewaffnet. Schreiend rannte Heilwig über die Hofreut in das Haus, aus welchem Mutter Mahtilts schrilles Gelächter tönte, und in der Tür, welche zu Wichos Kammer führte, erschien Kaganhart. Sein Gesicht war verweint, mit müden Augen blickte er umher, seufzte und schlich wieder zurück in die Kammer.

Auf der Lände hatte Sigenot die Zügel des Pferdes gehascht. Fahle Blässe deckte sein Gesicht, und mit brennenden Blick hingen seine Augen an der Tochter Wazes. "Recka! Deine Botschaft ist mein Leben wert! Eins noch sag' mir: "o geht Deiner Brüder Weg?"

"Gegen den Windacher See! Sie reiten!", erwiderte Recka tonlos, mit kämpfendem Atem. "Spring auf zu mir! Mein Ross hat Kraft und wird uns tragen alle beid' ... wir holen sie ein!"

Sigenot wehrte mit der Hand. Er wusste besseren Weg: Über den See und durch die Schluchten hinter dem Eismann empor. Ein gefährlicher Pfad, doppelt gefährlich an solchem Tag, unter hängendem Schnee und drohenden Lawinen, doch um die Hälfte näher als der sichere Weg, den Waze und seine Söhne genommen.

Wicho hatte das Hagtor aufgerissen, und Ulla aus seinem Weg stoßend, sprang er auf den Fischer zu, bleich und stammelnd: "Herr ... Herr ..."

Sigenot schob ihn von sich. "Bleib, Wicho! Jetzt hilft nur einer noch!" Seine Augen streiften das Kreuz und seine Stimme bebte. "Bleib und denk' meiner armen Mutter!" Einen Blick noch warf er über Hag und Haus, dann eilte er zum Ufer, stieß den Einbaum in das Wasser, warf das Beil in den Nachen und sprang ihm nach.

"Sigenot!", rief Recka. Doch der Fischer hörte sie nicht, er tauchte schon das Ruder und legte sich auf die Stange. Da ließ Recka sich aus dem Sattel gleiten, und durch die Untiefe watend, erreichte sie den abstoßenden Einbaum und schwang sich in den Nachen. Dem Fischer stockte das Ruder, und flammende Röte schoss ihm ins Gesicht.

"Fahr zu! Deine Schwester in Not! Ich steh' zu Dir!"

"Recka!"

Das Ruder rauschte, und von wuchtigen Schlägen getrieben, schoss der Einbaum über die stille Flut.

Die Männer am Ufer standen wie versteinert. Eigel war der erste, welcher Worte fand. "Wicho," rief er, "schick den Altsenn und den Knecht in die Schönau und lass sie schreien vor jedem Hag: Not, Not über Not!" Ich lauf' zum Lok'wald und such' den Herrn1" Er eilte davon.

Kichernd stand die alte Magd und streckte die Hand gegen den See. Schaut! So schaut nur hin, was die Salmued schafft! Die Schwester wider die Brüder und für den Fischer, dem derselb' da droben den Vater erschlagen! Blut wider Blut, so will's die Salmued haben!"

Wicho sprang auf Ulla zu und packte sie mit beiden Fäusten. "Den Vater erschlagen? Wer?"

Sie lachte. "Die Alfen, gelt, die Alfen haben Sigenot Vater, den Gelfrat, in den See gezogen? Freilich, die Alfen, ich hab's ja selber gesehen! Und zehn auf einmal sind über ihn gekommen ... grad so viel, als der da droben Finger an den Händen hat. Spring doch hinunter in den See und such den Gelfrat ... ich mein', es steckt ihm der Pfeil noch im Hals, den derselb' da droben von der Mauer geworfen hat, wie er den Fischer in Sturm und Not hat hängen sehen an der Falkenwand! Zu stark ist ihm der Gelfrat geworden, zu stark ... da hat der ander' zeigen müssen, dass er stärker ist! Aber lass nur gut sein! Noch stärker als er, mein' ich, noch stärker ist die Salmued. Sie rührt die Fäust' und wirft das Fluchbein um! Frau Friderun ist hin! Mein Star ist hin! Eins ums ander'! Ich hüt' mich, dass ich die nächste bin!" Lachend stieß sie den Knecht von sich, dem alle Kraft aus den Fäusten geschwunden war, und humpelte am Hag entlang den Bäumen zu. Am Waldsaum wandte sie noch einmal das verzerrte Gesicht und hob die Hand mit dem toten Vogel gegen Wazemanns Haus ...

Mit verstörten Augen blickte Wicho dem Weib nach, während das ledige Ross unter hellem Gewieher am Ufer auf- und niederjagte. Nun tat es einen Sprung ins Wasser, stand mit vorgeschobenen Hufen, schnaubend, zitternd an allen Gliedern, und streckte den Hals. Als es den Einbaum und seine Herrin im Schilf des Bidlieger verschwinden sah, sprang es mit tollen Sätzen durch das aufspritzende Wasser dahin, verschwand in der Flut, erschien wieder und schwamm. Nahe der Insel gewann es seichten Grund und sprengte durch das Schilf.

Der Einbaum lenkte schon um die Falkenwand. Schweigend führte Sigenot Schlag um Schlag mit dem Ruder. Recka saß vor ihm und spähte der Ferne zu, der das Schiff entgegensteuerte. Als sei die Augen wandte, erschrak sie. Sprechen konnte sie nicht - sie streckte nur die Hand und blickte ratlos zu Sigenot auf. Er warf einen Blick über die Schulter und sah den Kopf des Pferdes über das Wasser gleiten. Mit aller Kraft legte er sich auf die Stange, doch immer näher kam das Tier. Reckas Augen wurden nass, und mit zitternden Händen griff sie gegen das Wasser, als möchte sie dem treuen Tier noch Hilfe bieten. Immer rascher glitt der Kopf des Pferdes, das aus Leibeskräften zu rudern schien. Es erreichte den Einbaum, hob sich schnaubend im Wasser, und seine schlagenden Hufe streiften den Kahn, dass er wankend zur Seite wich. Das Tier versank, tauchte wieder auf und schwamm, die Augen starr und weit aufgerissen, Wasser aus den Nüstern blasend.

"Wehr' das Ross ab," stammelte Sigenot, "oder es wirft uns den Einbaum!"

Recka fuhr mit der Hand über die Augen, denn die Zähren trübten ihren Blick; dann fasste sie den Bogen und legte einen Pfeil an die Sehne.

"Recka!" Sigenot ließ das Ruder fahren und streckte die Arme, um den Schuss zu hindern, doch es flog schon der Pfeil. Der Kopf des Pferdes überschlug sich, mit dem gefiederten Schaft in der Stirn. Die gekrümmten Hufe tauchten aus dem Wasser, noch einmal erschien das Haupt des Tieres mit schwimmender Mähne, dann versank es langsam in einem kreisenden Trichter, und Schaum und Wellen schlugen über ihm zusammen.

"Recka! Was hast Du getan!", stammelte Sigenot, und es versagte ihm fast die Sprache. "Das Ross ist Dir lieb gewesen ..."

Recka fiel auf das Brett zurück, und der Bogen glitt aus ihren Händen. "Deine Schwester in Not! Fahr zu!"

Schwer atmend fasste Siegenot das Ruder und trieb den Einbaum ...

Hinter den weißen Bergen tauchte die Sonne empor, und leuchtende Strahlen fielen über den See. Schimmer und Glanz lag ausgegossen über den weiten Felsenkessel, über die spiegelglatte Flut und all die stielen Gehänge. In der wachsenden Wärme tauchten die bunten Farben des welken Bergwalds unter dem weichenden Schnee hervor, ein Flimmern und Blitzen überall, und wo die Sonne den nassen Waldgrund fand, kräuselten dünne Nebel sich empor, schwebten langsam in die Höhe und zerrannen spurlos in den blauen Lüften. Funkelnd wie Silber stürzten von allen Wänden die Gießbäche nieder, und ihr Rauschen füllte den gewaltigen Felsenkessel wie mit dem eintönigen Gesang einer machtvollen Stimme. So laut war diese Stimme, dass aus den Lüften auch kein leiser Ton hernieder drang, wenn auf dem höheren Gewänd der Schnee sich löste, und die Steine über den Bergwald stürzten.

Schon war der Einbaum dem stielen Ufer nahe, dem er entgegensteuerte. DA rann ein Zittern über das Wasser, als wäre jählings ein Windstoss auf den See gefallen. Doch es rührte sich kein Hauch in den Lüften. Rings an den Ufern entlang blitzte ein weißer Schaumstreif auf, und während die kleinen Wellen sich langsam wieder glätteten, lief über das steile, schwindelnd hohe Gewänd des König Eismann eine weiß zerstiebende Wolke nieder, als hätte die Riesin des Berges ihren Schleier in die Tiefe flattern lassen.

Sigenot und Recka sahen nicht, was rings um sie geschah. Still hingen ihre Blicke aneinander.

Als der Einbaum an das Ufer stieß, atmeten sie beide auf wie im Erwachen. Recka sprang zuerst ans Land. Sigenot folgte, stieß den Beilschaft hinter den Gurt und schleifte den Einbaum auf das Kiesbett, welches der rauschend niederstürzende Wildbach aufgelagert hatte. Seitwärts vom Geklüft des Baches führte ein Jägersteig zur Höhe. Sigenot wollte den Aufstieg beginnen, doch er zögerte. Scheu glitten seine Augen über die Tochter Wazes, dann zum Einbaum.

"Recka! Es ist böser Weg, den ich beginn'. Kehr um!"

"Er führt zu meiner Gesellin, der ich Treu geschworen! Steig an!"

"Der Weg führt wider Deine Brüder!"

Reckas Augen blitzten, und ihre Lippen zuckten. "Deine Schwester in Not! Steig' an!"

Wortlos wandte Sigenot sich ab und begann den mühsamen Pfad empor zu klimmen. Rascher und rascher stieg er, dass sein Atem keuchend ging. Und immer blieb Recka dicht hinter ihm, als wäre eines Mannes Kraft in ihren Gliedern. Noch ehe sie die Höhe der bewaldeten wand erreichten, begann der Schnee. Sigenot verließ den Pfad und sagte: "Steig' voran! Es könnt' Dich der Schnee überwerfen, der sich löst unter meinem Fuß!" Recka nickte und stieg an ihm vorüber. Ehe Sigenot ihr folgte, warf er einen blick über den See hinaus ins weite Tal. Tief unter ihm lag in der Ferne sein Haus und Hag, winzig wie ein Spielzeug. Zwei feinen weißen Strichen gleich, hob sich das in der Sonne schimmernde Kreuz von der dunklen Erde ab. Sigenot atmete auf und eitle bergan, als hätte dieser Blick ihm Hoffnung und neue Kraft gegeben. Er fürchtete nicht mehr um die Schwester - er wusste, dass er sie retten würde. War doch Einer mit ihm, Einer, stärker als tausend Arme in Wehr und Eisen! Wer sonst als dieser Eine hatte ihm die treue Gesellin geschickt, die ihm feind gewesen bis zur Stunde, die ihm Freund geworden um der Schwester willen! Mit raschen Sprüngen holte er Recka ein, und heiße Röte schlug bei ihrem Anblick über seine Wangen ...

Um die gleiche Stunde geschah es, dass Wicho, der mit dem Schwert seines Herrn bewaffnet vor dem Fischerhaus die Wache hielt, den sorgenden Blick zum Kreuz erhob und murmelte: "Jetzt muss er weisen, ob er gar so stark ist, wie die da draußen sagen!" Seufzend erhob er sich und ging am Haus entlang zu seiner Kammer. Als er in die Türe blickte, musste er lächeln bei aller Sorge, die ihn drückte. Neben dem stillen Weib saß Kaganhart auf der Erde, mit dem Rücken an die Wand gelehnt - und schlief. Der Knecht wollte ihn wecken, doch er schüttelte den Kopf und wandte sich ab. "Schlaf zu! Schier mein' ich: Dir ist am wohlsten von uns allen!" Das Eisen im Arm schritt er zum Lugaus und spähte über den Weg, der von der Ache kam. Er harrte des Sennen und Knechtes, die er nach Eigels Rat in die Schönau gesandt.

Doch die beiden dachten nicht der Heimkehr. Beim Hag des Richtmanns standen sie in einem Haufen schreiender Männer und Weiber, die sich um Ulla drängten. Jedem einzelnen hielt sie den entseelten Vogel vor die Augen. Mit kreischendem Hohn weckte die Magd in den Männern die Erinnerung an jede Unbill, die Herr Waze ihnen zugefügt, in den Weibern das Gedenken an jede Schmach, die ihnen gedroht, oder die sie erlitten von Wazemanns Söhnen. Lachend zog Ulla weiter und suchte sich neue Lauscher, während hinter ihr der schreiende Haufen blieb. Wirr klangen die heiseren Stimmen durcheinander. Einer schürte die Wut des anderen, sie hoben die geballten Fäuste und schrieen laut am Tag, was zu anderer Zeit kaum einer im stillen zu denken gewagt. Und über alles Geschrei hinaus hob sich noch die Stimme des Hanetzer, der in seinem verschwollenen Gesicht die blauen und grünen Male der Faustschläge trug, die er von Sindel und Hartwig beim Verhör empfangen. Fast mit den gleichen Worten wie damals auf der Reginalbe vor dem in Schlingen liegenden Bären schrie er auch jetzt: "Raitet! Raitet! Was tun wir ihm an? Ihm und seinen Buben!"

"Raitet, Mannerleut', raitet!", schrillte eine Weiberstimme. "Und tut, was Fäust' vermögen! Soll geschehen, was mag ... ich weiß, was ich tu': Ich lauf' zum Lok'wald, auf der Stell', ich geh' zu den Gottesleuten!" Um die Schreiende drängten sich mit lautem Zuruf alle anderen Weiber, und der kreischende Haufen wälzte sich über die Halden und wuchs bei jedem Hag.

Bruder Wampos "Wunder", Ullas Star und der Salmued Fluch, den die verstörte Magd als zweites Wort auf den Lippen geführt: Diese drei Dinge übten stärkeren Zug auf diese Menschen aus als die Botschaft der ewigen Liebe und der fromme Ruf der Glocke, den sie seit Tagen mit verschlossenen Ohren hörten - und tiefere Macht als die schreiende Not des Nächsten und die mahnende Stimme des Rechtes, welche Sigenot im Thing erhoben! Jetzt freilich, als sie durch die reine, sonnige Morgenluft vom Lokiwald die Glocke tönen hörten, fiel es in ihre Gemüter wie Raserei, und schreiend rannten sie dem Hall entgegen.

Die Glocke klang. Sanft schwoll ihre freundliche Stimme über die stillen Wälder hin und brach sich an den weißen Bergen. Auch ein Einsamer hörte sie, der in atemloser Hast von der Ache durch den Lokiwald empor eilte über den steilen Hang: Der Kohlmann. Als er die Höhe des Waldes erreichte, vernahm er die hastigen Schritte eines Menschen. Der Köppelecker kreuzte seinen Weg, atemlos, mit verstörtem Gesicht. "Eigel, Eigel," jammerte der Bauer, "mein Vieh liegt unter der Lahn!"

Der Kohlmann verhielt die Schritte nicht. Er hob nur die Faust. "Denk an den Totenmann! Di über die Bären Macht haben, hätten auch Dein Vieh gehütet vor der Lahn. Jetzt lauf zum Waze und such Dir Hilf ... ich geh' zu den Gottesleuten!"

"Eigel," stotterte der Köppelecker, "Dein Weg ist wider den Thingspruch!"

"Thing hin oder her ... ich hab' nicht geschworen! Und ich such' mir Hilf, wo ich sie find'!" Der Kohlmann eilte weiter und verschwand hinter den Bäumen. Mit zitternden Händen strich sich der Bauer das nasse Haar aus der Stirn und starrte ins Leere ...

Aus dem Gehölz klang das Brechend er dürren Äste, welche Eigel vor sich niederschlug. Geraden Weges eilte er der Lichtung zu, welche durch die Bäume schimmerte. Als er die Rodung erreichte, hörte er Beilschläge. Bruder Schweiker zimmerte am Waldsaum die Pfähle für den Hag. Der Kohlmann sprang zur Klause. Auf der Türschwelle saß Bruder Wampo in der Sonne und schabte mit einem Holzspan die Honigflecken von seiner Kutte.

"He, Du, wo ist Dein Herr?"

Mit verdrießlichen Augen blickte Wampo auf. "Herr? Welcher?"

"Der Lichtbartige! Der mit den guten Augen!"

"Der ist fort vor einer Weil'!"

Eigel erschrak. "Fort? Wohin?"

"In die Ramsau!"

"Welchen Weg hat er genommen!"

"Sell hinunter!" Und Bruder Wampo deutete mit dem Arm.

Ohne Wort und Gruß eilte der Kohlmann davon. In wenigen Augenblicken war er im Wald verschwunden. Er folgte der Richtung, welche der Bruder ihm angezeigt. Auf kotigem Pfad fand er die frische Trittspur einer Sandale. "Herr! Herr!", schrie er mit keuchender Stimme, doch keine Antwort kam. Er eilte weiter, und immer wieder fand er die Spur des Weges, den Eberwein genommen. Als er das Tal der Ache erreichte und gegen die Halden der Strub sich wenden wollte, scholl ihm von dem waldigen Hang, welcher jenseits der Ache sich erhob, ein Gewirr von heiseren Stimmen entgegen. Zwischen den Bäumen tauchte eine Schar kreischender Weiber auf, über dreißig an der Zahl, nur wenige Männer unter ihnen: Der Hanetzer, die Winklerbuben, der Waldhauser und Urstaller, der Schmied von Ilsank - und der Köppelecker, welcher dem zur Klause eilenden Haufen begegnet war und sich ihm angeschlossen hatte. Eigel blieb stehen. Er lachte, und seine Augen funkelten, als er aus dem hallenden Geschrei vernahm, wohin der Weg dieser Menschen ging. "Ihr lauft mir gut in den Weg! Nur her zu mir! Ich weiß Euch Feuer in die Strohköpf' werfen!"

Das weißbärtige Kinn auf den Stecken gelegt, so stand er und harrte. Als sie kamen, rief er sie an: "Wohin, Leut'?"

"Zum Lok'wald! Zu den Gottesmännern!", schrieen ihm die wirren Stimmen entgegen.

Er lachte hell auf. "Zum Lok'wald? Zu den Gottesmännern? So?" Wieder lachte er. "Lauft nur zu! Ich mein' aber schier, ihr werdet schieche Köpf' machen zu dem Gruß, der bei der Klaus auf Euch wartet!"

Wilder Lärm erhob sich, der Hanetzer packte den Kohlmann an der Brust, doch der Köppelecker stieß ihn zurück und schrie mit Zähren auf den Wangen: "Lust auf, Leut'1 Er sit bei der Klaus gewesen! Reden soll er! Mein Vieh liegt unter der Lahn, und keiner will mir graben helfen ... mein Vieh ist hin! Das wird wohl genug sein! Oder muss ich noch mehr verlieren! Mein Haus am End' auch noch! Red', Eigel, red'!"

Der Kohlmann lachte, und seien Worte hoben sich über die kreischenden Stimmen, die ihn nimmer wieder unterbrachen. "Dein Vieh ist hin? So? Und der Richtmann ist in Not mit seinem Buben, und hinter ihm her sind die Wazemannsleut'! Dem Kaganhart ist Feuer über sein Haus gefallen! Und die Hilmtrud liegt im Blut! So weit hat's kommen müssen! Wie in der Thingnacht der Bidem hingelaufen ist unter Eueren Füßen, da hat keiner merken mögen, wie's an der Zeit steht! Da hat keiner fragen mögen: Wer beutelt denn die Berg'? Was für einer ist denn das, der so starke Fäust' hat? Warum denn tut er's? Für wen denn will er Zeugnis legen, für den Spisar oder für die Gottesleut'? Keiner hat fragen mögen! Jetzt auf einmal packt auch die Angst und das Grausen an, weil ein jeder merkt: Not auf Not kommt über alle, die auf dem Totenmann geschworen haben! Und weil ein jeder denkt: Ich bin der nächst', den's trifft!"

"Ein jeder soll's hören, ich bin weggeblieben vom Thing," schrie der Hanetzer wie besessen, "ich hab' nicht mit geschworen!"

"So? Und wir? Haben denn wir geschworen?", kreischte eine Weiberstimme. "Und wir armen Weiberleut' sollen büßen drum, weil unsere Manner wie die Narren sind und das Hirn im Buckel haben!"

"Der meinig' hat auch geschworen!", schrie eine Bäuerin und hob zwei Fäuste wie Hämmer. "Ich schlag' ihm alle Knochen auseinander!"

"Recht hast!", übertönte der Schmied von Ilsank mit seiner Bärenstimme den Lärm. "Wär's mir nachgegangen, alles wär' anders geworden im Thing! Aber jetzt weiß ich, was ich tu'! Ich geh' zur Klaus!"

"So geh doch, geh!", lachte der Kohlmann. "Und Ihr all miteinander, lauft ihm nach wie die Schaf' dem Hammel! Ihr kehrt schon wieder um! Oder meint denn einer von Euch, er darf nur hinlaufen zur Klaus und schreien: Ihr guten Gottesleut', jetzt bin ich da, jetzt helft mir in der Not, jetzt seit mein haus wider Glut und Brand, mein Vieh wieder die Lahnen und Bären! Und alles wär' gut? Und von den Gottesleuten möcht' keiner fragen: Warum denn kommt ihr heut erst? Hat unser Glöckl nicht gerufen Tag um Tag? Wo hat denn ein Tor sich aufgetan für uns? Euch sollen wir helfen ... wer hat denn uns geholfen? ... Lauft nur hin und hört an, wie sie reden bei der Klaus! Ich aber weiß, was ich tu'! Mich soll keiner bei der Klaus mehr sehen ... es müsst' denn sein, dass ich kommen kann und rufen: Ihr guten Gottesleut', schaut her, was ich getan hab' für Euch! Ich hab' nicht mit geschworen auf dem Totenmann, aber dabei gewesen bin ich doch ... das mach' ich wieder gut!" Er drängte sich aus dem schreienden Haufen und wollte dem Pfad an der Ache folgen.

Der Köppelecker sprang ihm nach und hielt ihn an der Kotze fest. "Red', Eigel, red'! Was hast im Sinn?"

"Reden? Mit Euch?" Die Augen des Kohlmanns glitten hinauf gegen den König Eismann, dann warf er einen wägenden Blick über die kleine Zahl der Männer und ihre waffenlosen Fäuste. Er schüttelte den Kopf, als müsste er einen Gedanken, der in ihm aufgetaucht, von sich abwehren. "Reden? Mit Euch? Wozu denn sollt' bei Euch das Reden noch helfen? Ihr habt ja noch allweil saure Milch im Leib! Noch allweil kein Blut!" Zu greller Schärfe hob sich seien Stimme. "In der Ramsau aber hausen noch Mannerleut'! Zu denen geh' ich! Zu denen sag' ich: Herr Waze ist mit seinen Buben zu Berg gestiegen, sein Haus steht leer und wär' so leicht zu werfen wie ein Strohdach. Und haben die Füchs erst ihren Bau verloren, so bleibt für die Jagdhund' leichte Hatz!" Die Augen des Alten sprühten, und der Stecken zitterte in seiner Faust. "Das will ich den Mannerleuten in der Ramsau sagen, und ich mein' schier, dass ich weiß, was ich zur Antwort hör'. Merkt auf, ihr Milchblüter ... ich mein', es gibt noch 'was zu schauen, 'vor der Tag ein End' hat! Und kommt nur morgen zur Klaus, wenn die Ramsauer ihren Dank holen von den Gottesleuten!" Lachend schritt er davon.

Tobendes Geschrei erhob sich hinter ihm, und das Kreischen der Weiber mischte sich mit den heiseren Stimmen der Männer. Im raschen Weiterschreiten lauschte der Kohlmann, und jedes Wort, das aus dem Lärm an seien Ohren schlug, weckte in seinem Gesicht den Ausdruck wilder Freude. Noch eh' er den Waldsaum erreichte, sah er den schreienden Haufen über die Ache zurückweichen, und von dem Hang hernieder, das Kreischen der Weiber übertönend, klangen die Stimmen des Köppelecker und des Schmiedes von Ilsank: "Zu Wazemanns Haus! Was die Ramsauer können, bringen wir auch noch fertig! Feuer in das Fuchsloch!"

Eigels Blicke suchten die weißen Schneefelder des König Eismann. Er hob die Faust und schüttelte den dürren Stecken. "Holt Dich und Deine Buben auch keine wehrende Hand mehr ein auf Deinem heutigen Weg ... kehr wieder heim, und Du findest einen Gruß vom selbigen, dem Du die Salmued genommen!" Jenseits der Ache, auf der Höhe des Hanges, verhallte der Lärm in dichtem Gehölz. "Meinem Fluch sind Füß' gewachsen ... gib acht, Herr Waze, er lauft Dir in die Stub'!" Eilenden Schrittes folgte Eigel dem Pfad. Bei einer Furt, welche an seichter Stelle durch die Ache zog, fand er wieder die Trittspuren Eberweins. Sie führten zum Gehöft des Schapbachers. Vor dem Hagtor sah er eine Dirne und rief sie an: "Ist nicht ein Gottesmann vorbeigekommen? Ein Lichtbartiger?

"Wohl wohl! Der ist bei uns gewesen und hat am Tor gelärmt, bis ihm der Bauer aufgetan hat. Nach dem Huzebuben hat er gefragt und ist weiter gezogen, gegen die Windach zu."

Der Kohlmann eilte davon. Durch dichtes Gehölz führte sein Weg, und schon von weitem hörte er das dumpfe Rauschen des hoch angewachsenen Wildwassers. Als er die Lichtung gewann, sah er den Mönch über das Felsenufer der Windach aufwärts steigen. "Herr, Herr!", schrie er, doch das Rauschen der Gewässer verschlang den Ruf. Er komm über den steilen Hang empor, und als er den Mönch erreichte, griff er nach seiner Kutte. Eberwein wandte das Gesicht. Wie vor dem Anblick eines Gespenstes fuhr der Kohlmann zurück und starrte auf die bleichen Züge, die der Schmerz verwandelt hatte, wie das Erlöschen der Sonne den freundlichen Tag verwandelt in dunklen Schatten. Doch was den Greis in seiner innersten Seele erregte, war nicht der Kummer allein, der aus Eberweins Antlitz sprach. Unter lallenden Worten streckte er die Hände. Eberwein verstand ihn nicht. Er fasste den Arm des Kohlmanns und zog ihn vom Ufer hinweg gegen den Waldsaum. "Eigel! Es steht auf Deinem Gesicht zu lesen, Du bringst mir übel Botschaft!"

Der Kohlmann begann zu sprechen: Von dem erschlagenen Knecht, von Ruedlieb und Rötli, von ihrer Flucht mit dem Richtmann, von aller Not im Fischerhaus, vom Auszug der Wazemannssöhne und von Sigenots Bergfahrt - doch er schien nicht zu wissen, was er sprach. Wie gebannt hingen seine Blicke an den Zügen des Mönches. Immer wieder strich er mit der Hand über seine Stirn, als möchte er seine Gedanken zur Ruhe bringen und festhalten, was verworren vor ihm aufstieg und wieder versank in die Dämmerung vergangener Zeiten ...

Eberwein rüttelte den Arm des Kohlmanns. "Solche Botschaft bringst Du," rief er mit bebender Stimme, "und stehst vor mir wie auf steinernen Füßen! Auf! Und führe mich! Oder hast Du Furcht? So wiese mir den Weg zum Eismann und bleibe!"

"Furcht?" Eigel erwachte. "Furcht? Soll geschehen mit mir, was mag ... eh' ich hin bin, bleibt mir wohl noch Zeit zu einem Streich! Und der soll ausgeben!" Noch einmal streiften seine Augen das Gesicht des Mönches. Schwer amtend schüttelte er den Kopf und an Eberwein vorüber eitle er quer durch den Wald einem Pfad entgegen.

Die beiden hatten bis zum Windachersee noch stundenweiten Weg. Doch über alle Ferne klang ihnen schon ein dumpfes Brausen von jener Stelle entgegen, an welcher die wilde Ache dem See entströmte und in schäumenden Fall sich niederstürzte über die hohe Felsmauer, die das Seebecken gegen das Tal versperrte. Und dieses Rauschen hatte anderen Klang als sonst. Seltsame Laute mischten sich in das grollende Getön: Bald ein Zischen wie von springendem Gewässer, das durch engen Felsspalt aus den Tiefen der Erde steigt, bald wieder ein Klirren wie von fallenden Ketten.

Als vor Eberwein und Eigel im Wald sich eine Gasse öffnete, griff der Kohlmann erschrocken nach dem Arm des Mönches. "Herr! Sell schau hinauf!" Und mit dem Stecken deutete er nach der fernen Höhe.

Wie ein weißer Silbergruß ging der Fall der Windach über die Felsen nieder, so reich an Wasser wie auch sonst nach schwerem Regen. Doch dem Fall zur Seite hatte der See sich einen zweiten Ausfluss durch die Felsen gebrochen: In der Steinmauer klaffte eine Spalte, durch welche ein mächtiger Wasserstrahl gleich der blitzenden Klinge eines riesigen Krummschwertes in weitem Bogen mit zischendem Brausen hinausschoss in die Luft, um die Tiefe unter ihm, alle Felsblöcke, Bäume und Moosgehänge, mit wirbelndem Wasser zu überschütten.

"So schau nur," stammelte Eigel, "der Bidem hat eine Fragel in die Wand gerissen!"

Doch Eberwein hörte nicht. "Was stehst Du? Wir haben Eile!" Er schwang sich über einen Felsblock, der den Pfad versperrte, und stieg zwischen den Bäumen empor, während Eigel ihm keuchend zu folgen suchte.

Immer wieder blickte der Kohlmann scheu zu dem Antlitz des Mönches auf und schüttelte den Kopf unter leisem Gemurmel.

"Wenn ich nur wüsst', was mich auf einmal anschaut aus seinen Augen?" ...

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