Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 12

Der rote Frühglanz fiel auf die Felsgehänge des Untersberges, als Bruder Schweiker im kurzen Arbeitskittel aus der Tür der Klause trat. Eberwein lag noch in tiefem Schlaf - und dass auch Bruder Wampo noch schlummerte, konnte man hören. Nur Waldram wachte; aus dem Kirchlein quoll der eintönige Klang seiner betenden Stimme. Schweiker stand und blickte mit großen Augen umher: Die weite Rodung war ein grauer Sumpf, und bis zum Fuß der Berggehänge reichte der Schnee hernieder. "Ja schau nur einer! Ist denn das auch noch eine Gegend!", stotterte er. "Vor zwei Tag' noch Sommer, und heut springt uns der Winter in die Fenster!" Ein dumpfes Rollen unterbrach sein Selbstgespräch. Als er aufblickte, sah er auf dem Berghang eine silberweiße Wolke in die Lüfte stieben, und bevor er noch wusste, was er denken sollte, fuhr schon ein breiter Schneestrom über das Gehäng und glitt am Fuß des Berges fächerartig auseinander. Nun wieder Stille. Langsam, wie feiner Regen, fiel der weiße Staub, und einzelne Steine hüpften lautlos über den Schnee.

"All ihr guten Heiligen! So eine Gegend! Da lauft ja der Schnee, als hätt' er Füß'!" Schweiker wollte in die Klause eilen, doch vor der Tür zögerte er. "Ist er nicht selber aufgewacht ... ich weck' ihn auch nicht! Er braucht ja den Schlaf wie der Hunger den Bissen Brot." Sorgend blickte er hinaus auf den gestürzten Schnee. "Jetzt heißt's aber schaffen und Pfähl' schlagen zum Hag!" Er suchte die Axt und fand sie mit Rost bedeckt auf der Stelle liegen, an welcher er sie am verwichenen Mittag aus der Hand geworfen. "Freilich von denen zwei da drinnen hat sie keine rauf gehoben!", brummte er. "Unheil stiften der ein' und fressen der ander' ... sonst können sie alle zwei nichts!" Er schulterte die Axt und wollte zum Waldsaum schreiten.

Da hörte er ein leises Stimmleins eine Namen rufen. Wie jäher Schreck fuhr es ihm in alle Glieder, und krebsrot färbte sich sein Gesicht. Ein paar Sprünge machte er, als wäre die Hölle hinter ihm, dann blieb er stehen und blickte langsam über die Schulter. Bei der Klause stand die Hirtin, das weiße Tüchlein um den Kopf, am Arm den schwer beladenen Weidenkorb. Mit glücklich verlegenem Lächeln blickte sie zu Schweiker auf, welcher zögernd näher kam. Nicht die Stimme, die ihn gerufen, und nicht die fromme Gabe, sondern das Staunen zog ihn näher. Wie eine graue Raupe in den bunten Schmetterling, so hatte Hinzula sich verwandelt. Ein brennrotes Röcklein floss um ihren schlanken Leib, und unter dem grün gefärbten Mieder aus Lammfell quoll das säuberlich gebleichte Hanftuchkittelchen hervor, dessen faltige Ärmel mit grellfarbiger Wolle gesäumt waren. Sie stellte den Korb zu Boden und lüftete den Decke. "Schau her, was ich gebracht hab'!"

Er sah den Korb nicht, seine Augen hingen an der Hirtin. Eine Weile schwieg sie; als aber der Bruder die Sprache nicht finden wollte, lispelte sie: "Was sagst, wie die Berg' ausschauen! Heut in der Nacht hat's Not über Not gegeben auf den Alben. Der Vater und die Mutter sind lang vor Tag schon aufgestiegen, wohl wohl, und wie ich so allein gelegen bin, da ist mir die Zeit gar lang geworden ... und schau, so hab' ich halt ein lützel 'was ins Körbel getan und bin herunter gelaufen. Du! Sell droben bei uns, da liegt der Schnee aber schiech!" Sie hob ein wenig das Röcklein und lugte auf ihre Schuhe und Strümpfe, an denen der Schnee in halbzerflossenen Klumpen hing; auch der Saum ihres Kleides war schwer von Nässe.

"Ja, Kindl, wie hast denn einen solchen Weg tun können!", stotterte Schweiker in Vorwurf und Sorge. "Ja sag' nur, bist denn schon wieder völlig gesundet?"

Sie sah ihn mit glänzenden Augen an, griff nach der verbundenen Stirn und lachte. "Ein lützel brummen tut mir das Köpfl schon noch! Aber das wird schon aufhören! Gelt?"

Er streckte die Hand und zog sie wieder zurück. Schweigend stand er. Mit finsterem Blick, und da er die Lippen aufeinander drückte, als müsste er sich gewaltsam zum Schweigen zwingen, blies ihm der Atem laut durch die Nase. Und immer größer wurden seine Augen und rollten wie zwei Räder im Lauf. Verwundert blickte Hinzula zu ihm auf. "Ja was hast denn? Warum tust denn so zornig?", stammelte sie und griff nach dem Korb. "So schau doch her und nimm ..."

"Leg' das Zeug nur vor die Tür hin ... da wird's der ander' schon finden!", platzte Schweiker los mit einer Stimme, so heiser und krächzend, als wäre ihm eine Fliege in den Hals geraten. "Ich will nichts haben davon! Kein Bröckl rühr' ich an! Überhaupt ... es muss ein End' haben! Ein End'! So oder so! Und schaffen muss ich auch! Wohl wohl! Ich kann nicht daher stehen und plauschen!" Er warf die Axt über die Schulter, drehte dem Mädchen den Rücken und schritt zum Waldsaum.

Zitternd stand die Hirtin, mit kreideblassem Gesicht, und blickte ihm nach. Ihre Lippen zuckten, und Tränen kugelten ihr über die Wangen. Als sie sah, dass Schweiker die Arbeit begann, nahm sie den Korb auf, schüttete seinen Inhalt vor die Tür der Klause und schlich in entgegen gesetzter Richtung den Bäumen zu. Drüben am Waldsaum schwang der Bruder die Axt. Bei jedem Hieb aber, den er führte, drehte er die Augen über die Schulter und brummte zu jedem Schlag ein Wort: "So 'was! Fliegt umeinander wie ein Stieglitz ... rot und grün und schecket! So 'was! Da hört sich doch alles auf! Wenn ihr einer in den Weg lauft ... von den Wazemannsbuben ..."

Kaum war Schweiker auf diesen Gedanken geraten, da fiel ihm das Beil aus den Händen. In langen Sprüngen, dass unter jedem Tritt aus dem nassen Moos das Wasser spritzte, eilte er über die Rodung hinweg. Am Waldsaum holte er die Hirtin ein, packte ihren Arm, schüttelte sie und keuchte mit zornrotem Gesicht: "Ja Dirn'! Ja Du heillose Dirn' Du! Wie kannst denn so umeinander laufen! Ja schau nur ... wie schaust denn aus!"

"Ja wieso denn? Was hast denn?", jammerte Hinzula. "Ich hätt' doch gemeint, ich hätt' mich sauber gemacht! Hast ja doch allweil gescholten ..."

"Sauber? So? Sauber? Wart, ich will Dich sauber machen..." Mit der einen Hand hielt er sie fest, mit der andern fuhr er, sich nieder bückend, tief in den Schlamm. Ein flinker Strich über Hinzulas Gesicht - und wieder tauchten seine gespreizten Finger in die graue Farbe. Es währte nicht lang, und die Hirtin bot vom Scheitel bis zum Rocksaum einen Anblick, welcher auf ein Haar dem Bild glich, das Bruder Wampo geboten, als er im Sumpf des Achentals den Frischling erbeutet, und Schweiker ihm zugerufen hatte: "Bruder, mir graust vor Dir!" Jetzt aber schien Schweiker sein helles Wohlgefallen an dem grauen Bild zu haben. Erleichtert atmete er auf, nickte zufrieden vor sich hin und wischte die Hände über die Hüften. "So, mein Kindl, jetzt kannst in aller Ruh den Heimweg suchen!" Mit einem Puff brachte er die Hirtin in Gang. "Jetzt rührt Dich keiner an!"

Während Hinzula, die Hände von sich abgestreckt, mit kurzen Schrittlein, schluchzend und lachend zugleich, den Wald betrat, eilte Schweiker so vergnügt, als hätt' er ein gutes Werk getan, der Klause zu. Noch hatte er die Türe nicht erreicht', da hörte er Wampos jammernde Stimme. "Ja was ist denn schon wieder?", brummte er und sprang über den kleinen Berg von Butter, Brod und Käse hinweg, den Hinzula vor der Schwelle abgeladen. Wampos Klagetöne kamen aus der Vorratskammer. Als Schweiker auf die Schwelle trat, sah er den Bruder in seiner von Honig glitzernden Kutte auf der Erde knien und verzweifelt die Hände ringen.

"Schau nur, ja schau nur das Unglück an ... das Ärgst', was noch geschehen hätt' können!"

"Aber so red' doch, was ist denn los?"

"Der ganze Messwein ist ausgeronnen in der Nacht!"

Schweiker erschrak und wurde rot - er hatte in der Eile, als er den Trunk für Eberwein geholt, den Hahn zu schließen vergessen. Mit den Fingern klopfte er das Fässlein ab, von oben bis unten - es hatte hohlen Klang. Und doch begriff er die Sache nicht. Auf dem festgestampften Lehmgrund konnte der Wein nicht in der Erde sickern, die ganze Kammer hätte überschwemmt sein müssen, aber auf dem Boden stand nur eine kleine Lache. "Es muss doch noch 'was im Fässl sein! Das ist doch meiner Lebtag' nicht der ganze Wein! Die paar Kännlein für die Mess' all' Tag ... sonst hat ja doch keiner davon genommen! Es müsst' doch das Fässl über die Hälft' noch voll sein!"

Jetzt wurde Bruder Wampo rot bis über die Ohren. Aber statt seien heimlichen Sünden zu bekennen, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: "Ja sag' nur Bruder, sag', was tun wir denn jetzt? Kein Tröpfl Wein mehr! Kein Tröpfl! Jetzt dürfen wir gleich zusperren und Amen sagen, jetzt hat alles ein End' ... oder die Welt geht unter! So eine Gegend, wie das ist!" Unter Seufzen und Schelten begann er alles Missgeschick und Unheil aufzuzählen, welches ihm und den Brüdern von der ersten Stunde an im Gadem widerfahren. "Und gestern," schloss er, "was mir gestern schon wieder geschehen ist, das weißt Du noch gar nicht! Ich sag' Dir, die Haar' möchten einem zu Berg stehen!"

Schweiker schielte nach Wampos Glatze.

Seufzend strich der Bruder mit der Hand über einen der schimmernden Honigflecken auf seiner Brust und roch an den Fingern. "So ein Honig, wie das gewesen wär' ... süß wie die Seligkeit und düftig wie ein Blümelgarten! Da, riech' nur!" Er hob die Hand. In sprudelnden Worten erzählte er von dem wilden Immenstock, den er im Wald gefunden, und von dem Weg, den er am verwichenen Abend getan, um den Honig auszuheben.

"Ich hab' den Baum leicht wieder gefunden. So 'was merk' ich mir schon. Aber wie ich dort steh' vor dem Baum, bin ich völlig erschrocken, denn auf und auf ist die ganze Rind' verkratzt gewesen, als wär' einer mit Nägelschuh' dran auf und nieder gestiegen. Um aller Heiligen willen, hat's geschrieen in mir, es wird mir doch kein' anderer über den Immstock gekommen sein! Aber wie ich hinaufschau', seh' ich die Immen klumpenweis am verstopften Einflug hängen. Da hat noch keiner hingerührt, hab' ich mir gedacht und hab' lachen müssen vor lauter Freud'. Jetzt freilich ..." Bruder Wampo schnitt eine jammernde Grimasse und nahm sein Köpflein in beide Hände, als säß' es ihm nach dem überstandenen Schreck noch immer nicht richtig auf den Schultern, "jetzt freilich weiß ich, wer meinen Immstock heimgesucht hat!"

"Wirst schon sehen, wart nur ein' Weil'!" Bruder Wampo schöpfte Atem und blies die Backen auf. "Also, dass ich erzähl' ... ich hab' gleich an einem Stecken den Kienspan angezunden und hab' die Immen abgebrannt vom Loch. Nachher bin ich hinaufgestiegen ... es hat ein lützel Beißen gekostet! Wie ich droben gesessen bin und auf dem Ast, hab' ich mich schön langsam ausgeschnauft und hab' mir aus Reisern ein Dachl über dem Kopf gemacht, weil mir der Regen über den Buckel geronnen ist, als tät' man aus dem Schaffl gießen. Nachher hab' ich den Holztiegel vom Gurt genommen und hab' angefangen." Er schnaufte und fuhr mit der Zunge über die Finger. "Ich sag' Dir, Bruder, der ganze Baum ist hohl gewesen, kein Sumserlein hat sich mehr im Stock gerührt, und wie ich hinein greif, spür' ich, dass eine Waben neben der andern hängt, dick und fett. Einen Schnalzer hab' ich mit der Zung' getan vor lichter Freud' und hab' geschafft, dass ich schwitzen hab' müssen. Eine Waben um die ander' hab' ich gehoben und hab' den Honig ausgedruckt, dass der Tiegel bald übergelaufen wär'! Aber wie ich in der besten Arbeit bin ... Bruder, da hör' ich auf einmal unter mir ein Tappen und Kraspeln. Wer kommt denn da? Denk' ich und schau' hinunter ... aber ich hab' gemeint, es fallt mir vor lauter Schreck die Zung' in den Hals!"

"Ja warum denn?"

"Unter mir, denk, Bruder, unter mir steht ein Endstrumm Bär, ein Kerl wie ein Ochs, und schaut so schief herauf zu mir, als möcht' er sagen: Gehst herunter oder nicht!"

"Ich mein' aber schier, Du bist droben geblieben?", fiel Schweiker ein, halb in Sorge und halb erheitert. Er sah ja den Bruder heil und gerettet vor sich auf der Erde sitzen.

"Droben geblieben? Wohl wohl, aber gar nicht lang!" Immer flinker sprudelte Wampos Rede, jede Empfindung, die er bei dem Abenteuer durchlebt, malte sich in seinem beweglichen Gesicht, und seine Hände arbeiteten so hastig, dass er zwanzig Finger zu haben schien. "Ich hab' Dir Augen gemacht, Augen, Bruder ... und allweil hab' ich hinuntergeschaut auf das wüste Vieh, wie die Arme Seel auf den Teufel, der mit dem Hackl kommt. Ich weiß nicht, hat's einen Schnaufer lang gedauert oder eine Ewigkeit ... aber nicht weg ist er gegangen und einen Brummer nach dem andern hat er getan. Ausgeschaut hat er, ausgeschaut! Das ganze Fell verzaust, als hätt' man ihm die Haar schüppelweis aus dem Pelz gerissen. Den ganzen Grind hat er voll blutiger Schrammen gehabt, und um alle vier Tatzern herum ist er schäbig gewesen, als hätt' er schon mal merken müssen, was Schlingen sind! Und so steht er und brummt herauf zu mir ... und auf einmal hebt er sich in die Höh' und packt den Baum an!"

"O Du gütiger Himmel!", stotterte Schweiker. "Was hast Du denn da getan?"

Bruder Wampo musste schlucken, um die Sprache wieder zu finden. Der Atem war ihm ausgegangen. "Was ich getan hab'? Das weiß ich heut selber nimmer! Ich weiß nur noch: Es hat jählings unter mir einen Krach getan, der Ast ist wurzweg vom Baum gebrochen, und mit mir ist's hinuntergegangen wie ein Sauser. Aufgefallen bin ich ... Bruder! ... das hat einen Plumpser gemacht, als hätt' der Bidem ein Trumm Stein vom Berg geworfen! Aber hinfallen und aufspringen, das ist eins gewesen. Alle Heiligen und Gottes Gerechtigkeit hab' ich angerufen, hab' meinen Honigtiegel festgehalten, als wär' meine Seel' drin, und hab' ein Laufen angefangen, ein Laufen, Bruder, dass nur meine Füß' so geflogen sind! Und wie ich lauf' und lauf', hör' ich auf einmal Küh' brüllen im Wald und hör' Leut' schreien ... ich schau' mich um, und da lauft der Bär hinter mir nach, und wo ich ein Tröpfl Honig verschüttet hab', macht er mit der Zung' einen Schlecker über den Boden ... ich will wieder rennen, aber meine Kräft' haben ausgelassen, und auf die Letzt bin ich dagestanden wie angewachsen und hab' geschnackelt an Händen und Füßen ..."

"Ja warum hast denn nicht um Hilf' geschrieen, wenn doch Leut' in der Näh' gewesen sind?"

"Hilf' schreien! Hilf' schreien! So 'was!", schalt Bruder Wampo in hellem Ärger. "Schrei Du um Hilf', wenn Dir kein Schnaufer mehr aus dem Hals will! Und eh' ich mich recht besonnen hab', ist ja der Bär schon dagewesen ..."

Erschrocken schlug Schweiker die Hände zusammen. "Er hat Dich doch um Gotteswillen nicht angepackt?"

"Angepackt? Ja, schön! Bei den Füßen hat er zu schlecken angefangen und hat an mir heraufgeschleckt, bis er zum Tiegel gekommen ist! Ein ganzes Loch hat er mir aus der Kutt' gefressen ... da schau her!" Schweiker brach in helles Gelächter aus, während Bruder Wampo den fransig ausgeknusperten Saum der Kutte hob.

"Jetzt ist mir die Sach' aber doch zu dick geworden! Was ich geschrieen und gebetet hab', weiß ich nimmer ... aber ich hab' den Honigtiegel gehoben und hab' ihn dem wüsten Vieh auf den Schädel gehauen, dass es nur so gescheppert hat! Mit all zwei Tatzen hat der Bär den Hafen gepackt und ist hinein gefahren mit der Schnauz' ... ich aber hab' wieder zu laufen angefangen, bin halbtot zur Klaus gekommen und hab' in meiner Angst vor die Tür hingeworfen, was mir die Händ' geraten ist! Der Schnaufer ist mir ausgegangen ... wie ein Stückl Holz bin ich hingefallen übers Bett und hab' keinen Rührer mehr getan."

Schweiker lachte, dass ihm die Tränen kamen; doch plötzlich verstummte er. Eberwein stand auf der Schwelle, Bruder Wampos jammernde Stimme hatte ihn geweckt, und durch die offenen Türen hatte er jedes Wort vernommen; aber das wunderliche Abenteuer konnte ihn nicht lächeln machen. Wie mit scharfem Griffel war ihm die stumme Sprache schmerzvoller Bitternis in das Antlitz geschrieben, seien Züge waren müd und bleich, und dunkle Ringe lagen um seine brennenden Augen.

"Guter Herr!", stammelte Schweiker bei Eberweins Anblick in Schreck und Sorge, während Bruder Wampo sich scheu erhob und mit dem Ärmel die Honigflecken auf seiner Brust zu verwischen suchte. Schweiker streckte die Hände nach seinem Herrn, doch Eberwein wies ihn von sich. "Wo ist der Knabe?"

"Der Bub? Ich weiß nicht!", stotterte Wampo.

Schweiker fasste den Bruder am Arm. "Aber Du hast mir doch in der Nacht gesagt, er wär' beim Pater in der Zell'!"

"Ich? In der Nacht? Sterben will ich ... aber davon weiß ich kein Wörtl! Seit dem Abend hab' ich den Buben mit keinem Aug' mehr gesehen."

Sie eilten in Waldrams Zelle und fanden sie leer. Auf der Erde lag die Geißel, blutfleckig an Griff und Strängen. Mit bebender Stimme rief Eberwein den Namen des Knaben. Während sie nach dem Kirchlein eilten, fiel draußen vor der Klause eine schwere Masse mit dumpfen Klatsch zu Boden. Der nasse Schnee, der auf dem stielen Dach gelegen, war in Bewegung geraten und hatte im Niederfallen die Gabe der Hirtin verschüttet ...

Gold leuchtend, in jedem hängenden Tropfen hellen Schimmer weckend, lag die Morgensonne über Rodung und Wald. Das welke Laub hatte flammende Farben, als wäre es in Brand geraten, und von den weißen Bergen ging ein Glanz aus, der die Augen blendete. Strahlend stand die Sonne am reinen Himmel, ihr Licht verstreuend in verschwenderischer Fülle. Sogar die Schatten, welche sie warf, erschienen nicht wie Dunkel, sondern wie bläulicher Rauch, hinter welchem Feuer leuchtete.

Es reichte der Sonnenglanz schon weit hinaus ins Tal, alle Halden der Schönau schimmerten schon im vollen Licht, und immer weiter seewärts rückte die Helle über den Untersteiner Forst. Nur der Hag des Fischers und Wazemanns Haus lagen noch im Schatten der Seeberge.

Auf der Höhe des Falkensteins füllte wirrer Lärm den Burghof. Die gewappneten Knechte beluden sich mit den Pechkränzen und Reisigbündeln, die Mägde trugen die Metkannen um, und Herr Waze stand mit fünf Söhnen am Fuß der Freitreppe, der Pferde harrend, die man aus den Ställen führte. Einer der Knechte ließ am Tor die Brücke nieder, und als sie gefallen war, erhob sich Ulla aus ihrem Winkel. Lautlos huschte sie zum Tor hinaus, und niemand achtete ihres Weges.

Schon wollte Herr Waze den Fuß in den Bügel setzen, da dröhnten schwere Schläge an der Mauerpforte, welche gegen die Bergseite führte. Man lief und öffnete. Bis über die Hüften mit Schnee behangen, trat Rimiger in den Burghof. Dunkle Zornröte schlug über Wazes Stirn, als er den Sohn erblickte, und böser Willkomm schien ihm auf der Zunge zu liegen. Doch Rimiger schnitt ihm die Rede ab mit dem keuchenden Ruf: "Vater, Dein Wort und Verbot ist Wind geworden im Gadem! Auf Deinem Bannberg hausen Leut' ...", er lachte heiser, "und kochen sich das Mus am Feuer!"

"Lass sie kochen!", schrie Henning. "Wir haben andere Sorg'!"

Herr Waze hatte das Ross von sich geschoben und war auf Rimiger zugetreten. "Leut' auf meinem Bannberg?"

"Hinter dem Eismann droben, in der öden Albhütt'! Und rat' nur: wer! Der Richtmann mit seinem Buben und Sigenots Schwester!"

"Das Rötli!", klang Eilberts Stimme aus dem Lärm der anderen.

Der schrille Hall dieses Namens flog in die Herrenstube und weckte die Tochter Wazes aus ihrem starren Brüten. Wie Ulla sie verlassen hatte, so saß sie noch immer, das Kinn auf der Brust und die Hände im Schoß. Jetzt hob sie das bleiche Gesicht und lauschte. Sie hörte das wirre Geschrei, zornige Worte ihres Vaters, dann in lautloser Stille die Stimme Rimigers: "Schon wie wir über die erste Schneid' gestiegen sind, noch hell am gestrigen Tag', haben wir Schnee gehabt. Da ist kein Weg mehr über die Wänd' gewesen. Otloh wär' am liebsten heimgekehrt, aber ich hab' ihn gehalten, denn ich hab' mir gute Jagd versprochen vom Morgen. Das Fahlwild, das hinter dem Eismann steht, ist mir im Sinn gelegen. So sind wir über die Alben aus und hinunter gestiegen gegen den Windacher See. Noch eh' wir im Seetal ans End' gekommen sind, ist der Abend eingefallen. Otloh wär' gern in der Albhütt' am See geblieben, aber ich hab' gemeint, wir sollten noch aufsteigen bis zur Ödhütt' und droben nächten. Die Hütt' liegt ja kaum einen Pfeilschuss von dem Wechsel, über den das Fahlwild nieder zieht, wenn Schnee gefallen. Da hätten wir gute Rast gehabt und am Morgen leichten Weg. Also gut, wir steigen weiter und kommen in schneeheller Nacht zur Hütt'. Schon von weitem ist mir immer gewesen, als käm' aus der Hütt' ein Lichtschein. Und richtig, wie ich näher komm', geht vom Dach der Rauch auf, und ich hör' im Feuer das Holz krachen! Wilddieb'? Das ist das erst' gewesen, was ich denken hab' müssen! Aber wie ich näher schleich', hör' ich aus der verschlossenen Hütt' die Stimm' einer Dirn'. Und die Stimm' kenn' ich!" Hennings Lachen unterbrach die fliegenden Worte Rimigers. "Und gleich darauf hör' ich eine zweite Stimm': den Richtmann!! Und eine dritte noch: seinen Buben! Und rat', was ich gehört hab' aus ihrem Reden? Vater! Sie haben Dir einen Knecht erschlagen, weil er die Fischerdirn' hat fassen wollen ..." Die Stimme Rimigers ging wieder unter im Geschrei. Starr lauschte Recka. Abgerissene Worte drangen an ihr Ohr. Sie hörte ihn sagen, dass Otloh in sicherem Versteck zurückgeblieben, um die Hütte im Auge zu halten.

"Rühr Dich, Vater, und hinauf!", schrie Henning. "Hinauf! Oder willst Du zum Gespött werden im Gadem und stillsitzen, wenn Dir das Bauernpack Dein Fahlwild scheucht? Der Fischer hütet seinen Hag ... die Kutten hüten ihre Klaus ... die bleiben dir allweil noch? Hinauf, Vater, hinauf!"

Aus dem Lärm, der diesen Worten folgte, hob sich schrill die Stimme Wazes: "Vier Knecht' mit uns! Die Hetzhund' an die Riemen! Und nehmt die Knöchel mit, ihr Buben: Als Einsatz geb' ich Euch die Dirn'!"

Tumult und Gelächter, Pferdegetrappel und das Gebell der Hunde füllte den Burghof. Im öden Herrensaal stand Recka, zitternd an allen Gliedern. Ein mattes Lächeln ging über ihre bleichen Lippen, ihre Gestalt streckte sich, und die Finger schlossen sich zu Fäusten. "Rötli! Auf Tod und Leben, ich halt' Dir meine Treu!"

Fliegenden Schrittes eitle sie in ihre Kammer, und während sie sich rüstete wie zu Ritt und Jagd, ging ein Schreien und Rennen durch alle Räume des Hauses: Die Knechte liefen nach den Schneereifen und Grießbeilen.

Als Recka den Wildfänger um ihre hüfte gürtete, wurde an ihrer Kammer die Türe aufgerissen. Henning erschien auf der Schwelle, maß die Schwester mit spöttischem Blick und lachte. Ohne ein Wort zu sprechen, trat er wieder zurück, warf die Türe zu - und draußen klirrte der Riegel.

Recka war gefangen. Sie lächelte nur - und koppelte den Köcher an ihren Gürtel. An jedem Pfeil, den sie im Köcher verwahrte, prüfte sie die Fiederung, den Schaft und die Spitze. Den Eibenbogen nahm sie auf den Rücken und fasste den Jagdspeer. Nun stand sie und lauschte. Im Burghof dämpfte sich der Lärm, und als der Hufschlag der Pferde und das Gekläff der Meute gegen die Bergseite hin verklang, eilte Recka zum Fenster und schwang sich auf die Brüstung. Sie sah nicht, dass von dem wankenden Tischlein der kleine Schrein mit dem Geschmeide ihrer Mutter zu Boden stürzte - sie sprang.

Auf den Dielen zersplitterte der Schrein, die goldenen Schaummünzen, die silbernen Ketten, die Ringe und Spangen fielen klirrend durcheinander, und aus dem schimmernden Geschmeide hüpfte der halbe Beinreif der Salmued heraus und kollerte über den Estrich gegen die Türe.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.