Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 11

In Wazemanns Burghof, den die Pechpfannen erleuchteten, unterbrachen die Knechte ihre Arbeit und lauschten.

"Was ist denn nur das schon wieder gewesen?", frage einer. Und ein zweiter stotterte: "Ich mein', es hat der Boden gebidmet." Ein dritter schüttelte den Kopf. "Ich hab' nichts gespürt ... nur den Rumpler hab' ich gehört. Es muss wo eine schwere Lahn gegangen sein. Droben muss ja der Schnee mannstief liegen!"

"Eine Lahn? So? Meinst? Eine Lahn?", murmelte ein grauköpfiger Alter. "Ich sag' Euch, Leut', mir graust schon die ganzen Tag' her! Wie ich noch ein kleiner Bub gewesen bin, ist vom Göhl eine ganze Wand nieder gebrochen und hat die schönsten Alben zugedeckt. Selbigs Mal ist alles grad so gewesen wie die letzten Tag' her. Ich sag' Euch, Leut': Es ist 'was ledig worden im Gsteint, es muss 'was kommen!"

"Lass kommen, was mag! Uns trifft's nicht!", lachte einer der jüngeren Knechte. "Und schlagt's ein paar Bauernköpf' zu Mus ... was liegt denn dran? Die wachsen ja wieder nach wie der Schimmel am Käs." Die anderen lachten und nahmen die Arbeit wieder auf. "Tut nicht so laut," mahnte der Alte, "die Herrenleut' schlafen, und ein Toter liegt auch im Haus."

"Lass ihn liegen! Morgen auf die Nacht soll er sein Erbmahl haben, zu dem der Fischer die Ferchen gibt und der Richtmann den Met. Pech her! Dem Fischer soll heiß werden, dass er Blut schwitzt!" Lachend tauchte der Knecht den fertig gewundenen Hanfkranz in das zerlassene Pech.

Der Alte schüttelte den Kopf. "Wenn der Fischer den Richtmann gutwillig herausgibt, hat die ganze Sach' ein End'!" Er redet nach, was er in der Herrenstube erlauscht hatte.

Seit dem Abend wusste Herr Waze, dass er die Sühne für den erschlagenen Knecht nicht von Sigenot, sondern von dem Richtmann zu fordern hatte. Wohl bleib es ihm ein Rätsel, was den Mann, der im Thing wider die Klosterleute und für den Spisar gesprochen, zu dieser Gewalttat getrieben hatte, doch die Aussage, die der Hanetzer getan, sprach zu deutlich. Und hatten nicht die Knechte, welche den Richtmann greifen sollten, seinen Hag verlassen und alle Türen versperrt gefunden? Wohin er mit seinen Leuten geflüchtet wäre, diese Frage war nach Wazes Meinung leicht gelöst: In den Hag des Fischers. Mit dem Morgen wollte er den Schuldigen fordern. Er hoffte, dass ihm Sigenot diese Forderung verweigern möchte, und fürchtete zugleich, dass der Fischer sie erfüllen könnte. "Er muss sich ja denken, dass ich dem Richtmann nicht zu hart ans Fleisch geh' ... ich bin doch der Narr nicht, dass ich die beste Milchkuh nieder schlag', die ich hab' in meinem Land! Und gibt er ihn heraus ... was tu' ich dann? Den Fischer will ich, den Fischer! Und hab' kein Recht mehr wider ihn!"

Recht! In all seinem Leben hatte Herr Waze dieses Wort nicht so oft im Munde geführt, als seit der Stunde, in welcher er das Bußloch leer gefunden. Seine gährende Wut dränge nach einem wilden Ausbruch, doch die abergläubische Furcht, die ihn jäh befallen, war um seien Kraft uns eine Sinne gelegt wie eine eiserner Reif. Den Zwiespalt, der in ihm tobte, löste der Met. Schwer trunken sank er in später Nacht auf das Spannbett und schnarchte mit offenem Mund, während draußen im grell erleuchteten Burghof die Knechte unter den vorspringenden Dächern der Ställe saßen, die Pechkränze flochten, das Kienholz für die Fackeln schliffen und die Reisigbündel fertigten, welche den Hag des Fischers in Asche legen sollten.

Noch ehe der Morgen graute, versiegte der Fall der Flocken. Weiß schimmerten im Zwielicht der weichenden Nacht alle Dächer um den Burghof her, und der steigende Bergwald war mit Schnee behangen. In den Lüften wehte das Gewölk, die grauen Massen teilten sich, und durch die Klüfte der ziehenden Nebel schimmerten mit sanftem Glanz die erlöschenden Sterne nieder.

Das Schneelicht warf einen matten Dämmerschein in die Herrenstube. Da wurde Herr Waze geweckt. Stöhnend richtete er sich vom Spanbett auf und hörte einen Hahnenschrei. "Verfluchtes Vieh! Hab' ich denn keinen Morgen Ruh vor Dir!" Aber da merkte er, dass nicht der Hahn in geweckt. "Auf, auf!", klang die Stimme Hennings, der vor dem Lager seines Vaters stand und ihn am Arm rüttelte.

Mit stumpfen Blick hob Herr Waze die Augen. "Was soll's? Was willst Du?"

"Fragen will ich, ob ein Heiliger, der in der Nacht durch Mauern geht, die Vögel weckt?", rief Henning mit heiserem Lachen, während seine Brüder lärmend aus ihren Stuben kamen. "Fragen will ich, ob ein Heiliger, der doch fliegen kann, über Treppen stiegen muss und durch die Zeugkammer schleichen?"

"Treppen ... Zeugkammer ...", stotterte Herr Waze. "Was soll der Unsinn?"

"Unsinn? So frag' die Knecht' ... ich mein' schier, sie wissen, wer der Heilige gewesen ist,d er dem Pfaffen alle Türen aufgetan."

"Einer vom Gesind' muss es gewesen sein!", kreischte Eilbert aus dem Lärm der Brüder.

Herr Waze griff sich an die Stirne, schüttelte den Kopf und tastete nach der Hüfte, als trüge er am Gürtel noch den Schlüssel verwahrt. Henning packte ihn and er Brust und rüttelte ihn. "Schlafst Du noch allweil? Wach' auf, wach' auf und hör' mich an! Jetzt grad ... ich bin aufgewacht und hab' am Fenster den Laden aufgezogen ... da hab' ich die alte Hex, die Ulla, im Hof gesehen. Sie hat den Knechten die Schüssel mit der Morgensupp' zugetragen und ist gestanden und hat geredet mit ihnen ... vom selbigen Wunder, von Deinem Heiligen! Ihr Star hätt' den Heiligen im Haus gemerkt, so hab' ich sie sagen hören, der Vogel hätt' ein süßes Singen angehoben mitten in der Nacht. Da wär' sie aus dem Schlaf gekommen und hätt' gehört, als gingen Leut' an der Tür vorbei, bloßfüßig über die Trepp' hinauf, gegen die Zeugkammer ..."

Weiter kam Henning nicht. Herr Waze war aufgesprungen und hatte ihn mit der Faust von sich gestoßen. Halb bekleidet, wie er sich vom Lager erhoben, stürzte er gegen die Halle. Doch als ihm auf der Schwelle die Kälte an die nackten Beine fuhr, hielt er inne und griff mit zuckenden Händen in die Luft. "Das Weibsbild her! Das Weibsbild her!"

Henning und Sindel eilten aus der Stube und in den Unterstock des Hauses. Als sie an Ullas Kammer die Tür aufrissen, saß die alte Magd bei der Fensterlucke, durch welche ein trüber Schein des erwachenden Morgens fiel. Auf ihrem Schoß hielt sie den kleinen Käfig des Staren, dem sie frisches Futter geben wollte. Henning und Sindel packten sie mit groben Fäusten.

"Mein Star! Mein Star!", jammerte Ulla, da der Käfig von ihrem Schoß zu fallen drohte. Sie vermochte ihn noch zu haschen.

"Weiter! Hinauf mit Dir! Hinauf zum Vater!" Henning zerrte die Widerstrebende zur Tür.

"So lasst mich nur den Vogel nieder stellen!", schrie die Magd und stieß mit den Ellbogen, um sich frei zu machen, aber da stand sie schon im dunklen Flur und wurde die Treppe hinauf gestoßen. Sie stolperte, und da sie im Fallen die Arme schützend um den kleinen Käfig drückte, schlug sie mit dem Gesicht auf die Kante einer Stufe. Henning zerrte sie in die Höhe und stieß sie vor sich her. Sie achtete nicht ihres Schmerzes und merkte nicht, dass ihr das Blut von den Lippen rann - ihre einzige Sorge galt dem Vogel, welcher ängstlich zwischen den Stäben flatterte. Mit zitternden Händen betastete sie den Käfig, ob er nicht Schaden gelitten, und jammerte: "Mein Star, mein Star!"

Unter der Tür der Herrenstube stürzte Herr Waze ihr entgegen, völlig angekleidet, mit dem Fänger umgürtet. Vor Wut der Sprache kaum mächtig, packte er die Magd und zerrte sie über die Schwelle. "Geschwiegen hast Du, geschwiegen! Bis heut! Warum denn, warum! Red', sag' ich ... wie war's in jener Nacht! Red', oder ich lös' Dir die Zung', dass Du singen sollst, wie Dein Starmatz! Red'! Wie war's in jener Nacht?"

"Aber Herr, Herr," heulte die Magd, "lasst mich doch den Käfig niedertun ... schaut nur, wie der arme Vogel ..."

"Red'!", schrie Herr Waze und schlug ihr mit der Faust den Käfig aus den Händen, dass die dünnen Stäbe auf der Diele in Splitter gingen. Der Vogel machte im zerschmetterten Käfig noch eine flatternde Bewegung - dann lag er still.

Einen Augenblick stand Ulla wie versteinert. Das Gelächter, welches Henning und seine Brüder bei dem sprachlosen Jammer der alten Magd erhoben, weckte sie. Tränen stürzten aus ihren Augen, mit Schluchzen und Lallen streckte sie die welken Hände und warf sich zu Boden.

Herr Waze wollte nach ihr greifen, doch eine Hand fasste seinen Arm. Recka, von dem Lärm aus ihrer Kammer gerufen, stand vor ihm, die Haare gelöst, im weißen Schlafgewand. "Was hat die Magd Dir getan, Vater?", fragte sie mit bebender Stimme. "Du hast sie grausam gebüßt, der Vogel war die einzige Freude ihres armen Lebens."

Mit wirr durcheinander klingenden Stimmen gaben die Brüder Antwort, und Herr Waze schrie: "Vogel! Vogel! Soll ich mich gar noch um den Starmatz kümmern, wo es hergeht um alles, was ich hab' und bin! Tag und Nacht bin ich gelegen wie gebundne an Händen und Füßen! Bei jedem Schnaufer hat mich das Grausen vor dem Wunder geschüttelt, an das ich glauben hab' müssen! Und das Weibsbild hat gehört in der Nacht, wie der Pfaff mit seinem Helfer davon ist, und hat geschwiegen! Geschwiegen!" Er streckte die Fäuste nach der Magd. "Red', sag' ich, red' ..."

Da trat ihm Recka in den Weg. Mühsam bekämpfte Erregung sprach aus jedem Zug ihres bleichen Gesichtes. Sie schien zu wissen, dass sie eine böse Stunde über sich beschwor, aber sie sah den Jammer der alten Magd - und konnte nicht schweigen. "Willst Du wissen, wer den Priester aus Deinem Haus geführt, so frage mich!"

In Schreck und Zorn, fast wie ein einziger Schrei, klang Reckas Name von den Lippen der Brüder. Nur Henning lachte: "Das hätt' ich mir denken müssen!"

Mit geballten Fäusten trat Herr Waze vor seine Tochter hin. "Dirn'!", keuchte er. "Dirn'!"

Stolz richtete das Mädchen sich auf. "Ich habe den Gast an meiner Hand unter Dach geführt ... wenn er Euch nicht heilig war, er ist es mir gewesen!"

"Dirn'! Soll das heißen, dass Du den Schlüssel von meinem Gurt gelöst, während ich im Rausch gelegen, dass Du dem Pfaffen und dem Buben Schloss und Türen aufgetan?"

"Ja, Vater!"

Da traf ein Faustschlag ihre Wange. Als hätten die Brüder nur gewartet auf solch ein Zeichen, stürzten sie unter Geschrei und zo4rnigen Flüchen auf die Schwester zu, rissen ihr das Gewand von der Schulter und schlugen, wohin sie trafen. Mit stöhnendem Laut, wie eine Bärin die Hunde von sich abschüttelt, machte Recka sich frei, und zum Spanbett springend, fasste sie den Jagdspeer ihres Vatersund schwang das Eisen gegen Henning, der ihr am nächsten stand. Schreiend wichen die Brüder zurück, und jeder suchte nach einer Waffe. Herr Waze schrie: "Was lauft ihr nach Wehr und Eisen? Ich mein', ich zwing' sie noch mit der leeren Hand!" Er sprang auf Recka zu und streckte die Hand, um den Speer zu greifen. Doch als er den Blick ihrer Augen sah, trat er scheu zurück. Hoch aufgerichtet stand sie vor ihm, in dem leichenblassen Antlitz das rote Mal, das der Schlag seiner Faust entzündet. "Stoß zu, stoß doch zu!", rief er mit heiserem Lachen. "Mich plagt die Neugier, wie viel ein Kind zuweg bringt wider den Vater. Stoß zu! Hast ja den Feind, den ich eingesponnen, aus meinem Netz gerissen, hast ja das gute Pfand, das ich gehalten, aus meiner Hand geschlagen! Stoß zu! Es ist ja nicht Deines Vaters Blut, das Du schauen wirst! Du bist ja mein Kind nicht, Du Wechselbalg! Stoß zu! Stoß zu!"

Reckas Finger öffneten sich, und klirrend fiel die Waffe zu Boden. Mit zitternden Händen raffte sie die Haarsträhne und die Fetzen ihres Gewandes über die entblößte Brust, und mit verlorenem Blick den Vater und die Brüder streifend, schritt sie taumelnden Ganges zur Tür der Halle.

Henning sprang ihr in den Weg, und schmähend umringten sie die Brüder. "Wohin willst Du?" Wortlos stand sie, und schreiend wiederholte Henning seine Frage: "Wohin willst Du?"

"Meine Heimat suchen!", erwiderte Recka mit versunkener Stimme. "Ich find' sie wohl beim einer Mutter!"

"Oder näher noch! Beim Fischer! Gelt, es möcht' Dir taugen bei ihm? Weg von der Tür ... du bleibst!"

"So gib ihr den Weg doch frei!", klang Eilberts Stimme aus dem Geschrei der Brüder. "Lieber sitzt sie mir am Tisch des Fischers, als mit uns vor der gleichen Schüssel. Gib ihr den Weg doch frei ... er wird ja lachen, wenn sie kommt. Wir haben ihm eine Müh' erspart ... er braucht an ihrem Kleid die Haften nimmer aufzutun!"

"Ich sag', sie bleibt!", schrie Henning und schleuderte die Schwester von der Tür zurück. "Sie bleibt, so lang des Fischers Haus noch steht. Oder soll sie es halten mit ihm ... wieder uns?"

Taumelnd unter dem Stoß, welchen Henning ihr versetzte, war Recka neben dem Tisch auf einen Sessel gefallen. Sie versuchte nicht, sich wieder aufzurichten. Zitternd an allen Gliedern saß sie und hielt das Geicht mit den Händen bedeckt. Henning trat zu ihr und schüttelte sie am Arm. Doch Herr Waze, der das Haupt bedeckt und einen Mantel umgeworfen hatte, schob ihn zurück. "Jetzt macht ein End' mit dem Geschrei! Kehr' ich heim zur Nacht, so will ich raiten mit ihr. Jetzt aber haben wir Besseres zu schaffen! Fort mit Euch! Die Wehr an jeden Gurt, den Sattel auf jedes Ross! Wir reiten!"

"Wohin, Vater wohin?", schrieen die Brüder durcheinander.

"Das fragt ihr noch?" Herr Waze lachte. Hell und scharf klang seine Stimme, sein ganzes Wesen war verwandelt, und die Faust, die er hob, schien wie aus Erz gegossen. "Den Vogel fang' ich wieder ein, dem Eure Schwester den Käfig aufgetan! Jetzt weiß ich: Hätt' ihm nicht die Dirn' geholfen, er hätt' wohl lang gewartet auf einen Heiligen! Jetzt wird er laufen wollen und Klag' tragen zum Herzog oder zum Reich. Ich will ihm den Weg verlegen ... und wie der Würfel fallt, so mag er fallen. Jetzt weiß ich: Ich hab' nur Menschen wider mich, ich bin auf meine gute Kraft gestellt, und so lang ich noch eine Faust hab', schlag' ich zu! Der Salzburger soll lachen zu der Arbeit, die ich mach'! Was steht ihr noch allweil? Fort mich Euch! Fort!"

Während die Brüder lärmend in ihre Stuben eilten, hob Herr Waze den Jagdspeer von der Erde, stieß die alte Magd, welche schluchzend auf dem Boden saß, mit einem Fußtritt aus seinem Weg und blieb vor Recka stehen. "Dirn'! Schier mein' ich, ich müsst' Dir noch danken für das Wort, das Du heut geredet hast. Es hat mir den Nebel aus dem Hirn geblasen und hat mir die Knochen zu Eisen gemacht!" Er puffte mit der Faust an Reckas Schulter, und lachend schritt er in der Stube auf und nieder. "Ein Heiliger hat ihm geholfen, ein Heiliger! Wer wird ihm helfen, wenn ich zur Klaus geritten komm'?" Er sah das Kreuz an der Mauer, ging darauf zu und stieß nach ihm mit dem Speerholz. Die Nägel lösten sich, das Kreuz stürzte zu Boden, und seine beiden Hölzer fielen auseinander. "So stark bist Du? So stark?" Und lachend trat Herr Waze in die Halle hinaus.

Ulla erhob sich, den toten Star in der Hand. Ihre Züge waren entstellt. Zähren hingen and en rotgeränderte Augen, und schrillend klang ihre Stimme, als sie vor Recka stehen blieb. "Schau her!" Sie streckte die Hand mit dem Vogel. "Schau her ... das einzig', was mir lieb gewesen ... schau her: mein Star ist hin!"

Recka ließ die Hände sinken. Sie sah wohl den Vogel an, doch ihre Augen blickten stumpf, wie ins Leer gerichtet.

"Schau her! Du hast ja diemal gern gelust, wenn er gesungen hat! Schau her! Jetzt ist er hin! Er hat gesungen in Wazes Haus, drum hat er sterben müssen. Es muss so sein: Es soll kein Leben bleiben, wo Dein Vater haust! Spring auf, Herrin, und lauf, oder die Salmued holt Dich ein! Deine Mutter ist hin, mein Star ist hin, eins ums ander' muss an die Reih' ... ich hüt' mich, dass ich die nächste bin!" In heiserem Gelächter erstickten Ullas Worte ihre funkelnden Augen glitten über die Wände hin, und zur Türe humpelnd spuckte sie über die Schulter.

Als sie die Halle betrat, lag schon der weiße Morgen über dem Burghof. Eintönig rauschten in aller Runde die Bäche, kein Lufthauch rührte sich, und wolkenlos dehnte sich der Himmel über die mit silberigem Schnee behangenen Berge, deren höchste Zinnen im rosigen Glanz erschimmerten.

Ulla fand das Tor geschlossen. Unter dem Mauerbogen ließ sie sich in einen Winkel nieder, drückte den Vogel an die Wange und streichelte sein Gefieder ...

Immer tiefer glitt auf den Bergspitzen der rote Glanz, und wachsende Helle goss sich über den Himmel aus. Zuweilen drangen dumpfe Geräusche, das Rauschen der Bäche übertönend, von den fernen Höhen nieder, und in dem weißen Schnee der steilen Gehänge erschienen dunkle Striche: Die Furchen fallender Blöcke, die Gassen der Lawinen ...

In banger Sorge blickte so manch ein Auge an diesem Morgen zu den Bergen auf. In der Schönau, auf deren Halden der dünn liegende Schnee schon wieder schmolz, stand der Köppelecker mit seinem Weib vor dem Hagtor. Sein Vieh war von den Almen noch nicht heimgekehrt. "Schau nur die Berg' an," sagte er, "der Schnee ist auf nassen Boden gefallen, und gib acht, die Sonn' wird heiß machen heut ... das richtige Lahnenwetter. Ich möcht' nur wissen, was den Dirnen eingefallen ist! Sie hätten doch gestern schon Heim treiben müssen! Es wird doch um aller Gutholden willen nicht schon ein Unglück geschehen sein! Schau nur hinauf, es laufen ja schon die Steiner und Lahnen im Gewänd, als wären die Berg' närrisch geworden!" Eine Weile redeten sie noch hin und her, dann entschloss sich der Bauer, seinem Vieh entgegen zu ziehen. Das Weib brachte ihm Grießbeil und Kappe, und in Sorgen eilte er davon.

Hinter dem Hag des Richtmanns sah er einen Haufen Männer beieinander stehen und hörte aus ihrer Mitte die kreischende Stimme des Hanetzer. Er wusste, was sie dort verhandelten: Das Wunder, welches der Gottesmann im Lokiwald getan, die Bluttat des Richtmanns und den Tod der Hilmtrud. Aber sein Vieh war in Gefahr, was kümmerte in alles andere! Er lief und lief. "He, Du! Komm her und rait' mit uns!", schrie der Hanetzer ihm zu; doch er schüttelte den Kopf und rannte. Am zerfallenen Hag des alten Gobl führte sein Weg vorüber. Er sah den Greis auf den Trümmern seines Hauses neben dem Dächlein sitzen. "Schieche Zeit, Gobl! Schieche Zeit!", rief der Baue rund eilte vorüber.

Als Gobl aufblickte, war der Pfad vor seinem Hag schon wieder leer. Schwer atmend strich der Alte mit der Hand über die Stirn, streifte mit irrem Blick die kleine Hütte und lachte. Im ersten Grau des Morgens hatte er den Gast erkannt, den die Nacht ihm zugeführt...

Unter dem Dächlein raschelte das Heu, und zitternd klang die Stimme des Knaben: "Gobl-Ähni! Gobl-Ähni!"

Zornig schüttelte der Greis den Kopf und drückte die Fäuste über die Ohren.

Eine Weile war Stille, dann wieder klang in der Hütte der wimmernde Ruf: "Gobl-Ähni! ... Gobl-Ähni!", und erstickte in leisem Schluchzen. Der Alte sprang auf, als möchte er dem Laut dieser Stimme entfliehen. Doch jeder Schritt war ihm eine Mühsal, in allen Gliedern lag ihm die Kälte der Nacht. Mitten in der Hofreut blieb er stehen, und ob er wollte oder nicht: Seien Augen suchten die Hütte. "Es muss ihn ja der Hunger plagen," murmelte er, "mir krachen ja selber alle Rippen!" Er richtete sich auf und spähte über die Halden der Schönau gegen Wazemanns Haus. "He, Du! So bring doch Futter für Dein Blut! Oder hast ihm alles ausgeschröpft, was er von Dir im Leib getragen! Wär' das Tröpfl, das in ihm noch übrig ist, von meiner Dirn'?"

"Gobl-Ähni! ... Gobl-Ähni!", klagte die Stimme in der Hütte.

Ein Zittern befiel die Hände des Alten. Durch die Pfützen watend eilte er zum Apfelbaum und suchte im Schlamm nach den gefallenen Früchten. Nur wenige fand er. Sie waren faul. Er spähte in das halb entblätterte Gezweig. Drei Äpfel sah er noch hängen und schüttelte an dem Baum, bis auch der letzte fiel.

Zwei Äpfel warf er unter das Dächlein. Den dritten behielt er und hob ihn an die Lippen; doch er ließ ihn wieder sinken, und nach kurzem Zögern war er ihn den andern nach. "So nimm halt ... mehr hab' ich nimmer!" Seufzend ließ er sich auf die Trümmer nieder und nahm den weißen Kopf zwischen die Fäuste.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.