Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 10

Auf dem Herd der Klause saß Bruder Wampo in trüben Sorgen. Er hatte ein Feuer angeschürt, um sich zu wärmen und die nassen Gewandstücke zu trocknen. Während er mit kummervollen Meinen vor sich hingrübelte, knisterte die Flamme, und aus der Zelle nebenan klang die psalmierende Stimme Waldrams. Bruder Wampo hörte sie nicht, er war versunken in seinen Schmerz. Vor kurzer Weile hatte er die Vorräte in der Kammer gemustert und hatte das Mehlsäcklein durchweicht gefunden von dem Regenwasser, das der Wind durch die offene Fensterlucke herein getrieben. Das Mehl war unbrauchbar geworden, und auch die Hälfte der Bohnen war verdorben. Der karge Rest, den Bruder Wampo gerettet hatte, reichte kaum für die Mahlzeiten des kommenden Tages. Und war die letzte Bohne verzehrt, was dann? Die gute Hinzula war siech und kam wohl so bald nicht wieder, und gegen Wampos Absicht, mit dem leeren Säcklein auszuziehen und an die Türen der Bauern zu klopfen, sprach Eberweins Verbot. Die Hilfe des Fischers, freilich, die war den Brüdern sicher. Aber von Fischen allein kann der Mensch nicht leben! Seufzend blickte Bruder Wampo zu den Hechten und Ferchen auf, die er säuberlich ausgeweidet, auf kleine Stäbe gespießt und über dem Herd an der Balkenwand befestigt hatte, um sie zu räuchern. Wieder begann er sein Grübeln und Sinnen. Mancherlei waghalsige Pläne kreuzten sich in seinem runden Köpflein, und schließlich fiel ihm der wilde Immstock ein. Honig! Das wäre wohl kein Futter für den Hunger, aber doch ein süßer Trost für die Zunge, so meinte Bruder Wampo. Hurtig eilte er zur Tür und spähte hinaus. Es rieselt in Fäden, und Schnee fiel zwischen dem Regen. Aber die Nässe hätte den Bruder nicht abgeschreckt ... wäre nur der Abend nicht so nah gewesen! Seit dem letzten Abenteuer empfand er ein gelindes Grauen, so oft er an den dunkeln Bergwald dachte. Das hinderte aber nicht, dass ihm beim Gedanken an den Honig das Wasser im Mund zusammenlief. "Ich muss ihn holen! Ich muss!"

Er lief zum Herd, knüpfte einen hölzernen Napf an den Gürtel und barg ein Bündel Kienspäne in der Kutte, um sie vor dem Regen zu schützen. Einen Blick noch warf er in Eberweins Zelle, nickte freundlich lächelnd dem Knaben zu, der auf dem Lager ruhte, und eilte davon.

Huze hatte sich aufgerichtet, denn er war der Meinung, dass der Bruder käme, um mit ihm zu plaudern. Als er ihn verschwinden sah, streckte er sich wieder auf das Moos und schob die Hände unter die Wange. Draußen plätscherte die Traufe, und durch die Holzwand klang dumpf die Stimme Waldrams. Der Knabe schlief ein und lächelnd rührte er im Traum die Lippen. Er flüsterte den Ruf, mit dem er die Geißen zu locken pflegte, und lispelte den Namen des kleinen Dirnleins im Schapbacher Wald ...

Nach einer Weile fuhr er aus dem Schlummer auf und lauschte erschrocken. Er hörte eine gellende Stimme schreien: "Weiche von mir! Denn sieh, ich bin gewaffnet wieder Dich mit Gottes Schild! Reiße mir Wunden, brenne mein Fleisch, doch meine Seele will ich retten aus Deinen Klauen! Unterliegen sollst Du! Den Fuß will ich setzen auf Deinen Nacken! Nieder mit Dir! Nieder!" Und klatschende Schläge fielen.

"Zu Hilf'! Zu Hilf'! Sie morden den Herrn! Zu Hilf'!", schrie Huze in Schreck und Angst. Seiner wunde Füße vergessend, sprang er vom Lager, brach in die Knie, raffte sich wieder auf, und Eberweins Beil ergreifend, schleppte er sich hinkend zur Zelle des Paters, den er von einem Mörder überfallen wähnte. Mit erhobenem Beil erreichte er die Tür. Da sah er Waldram auf der Erde knien, in der Hand die schwirrende Geißel, mit halb entblößtem, von Blut überronnenen Körper.

"All ihr Gutholden ... er ist närrisch worden!", kreischte der Knabe. Entsetzen fasste ihn, das Beil entfiel seiner Hand, und schreiend flüchtete er aus der Klause. Jeden Schritt, den er tat, empfand er mit stechendem Schmerz, aber die zitternde Angst vor dem Wahnsinn, den er gesehen, trieb ihn weiter. Er heilt nicht inne, als er den Wald erreichte. Mit klunkernden Füßen, stöhnend bei jedem Schritt, schleppte er sich zwischen den Bäumen dahin. Bald hörte er im nahen Tal die Ramsauer Ache rauschen. Doch eh' er sie erreichte, verließen ihn die Kräfte und schluchzend, halb bewusstlos sank er zu Boden ...

Läutende Schellen näherten sich im Tal, Kühe zogen vorüber, und erregte Stimmen ließen sich vernehmen.

"Hör' auf! Hör' auf! Wie soll man denn so 'was glauben können! So 'was!", klang eine Männerstimme. Und eine Dirne kreischte: "So frag' den Hüterbuben! Der hat's auch gesehen!"

"Wohl wohl," fiel die Stimme eines Knaben ein, "wie ein Lampl1 ist das Untier vor ihm gestanden und hat ihm die Hand geleckt und ist ihm nachgelaufen wie ein Hundl."

"Gelt! Gelt! Jetzt hörst es! Hätt' ich's nicht selber gesehen, meiner Lebtag' hätt' ich das Wunder nimmer glauben mögen!"

"Das muss man dem Richtmann sagen, dem Richtmann!", schrie die Männerstimme. "Gegen Gottesleut', die so 'was können ... gegen solche Leut' trau' ich mich nimmer feind sein! Geschworen oder nicht ... ich tu' von morgen an ..." Im Rauschend er Ache und des Regens erstickte die sich entfernende Stimme.

"Leut'! Leut'!" So hatte Hutze ein um das andere Mal mit schluchzenden Lauten gerufen, doch niemand hörte ihn.

Das Geläut der Schellen klang ferner und verstummte, um nach einer Weile jenseits der Ache auf bewaldetem Hang wieder laut zu werden.

Die kleine Herde zog dem Gehöft des Urstallers entgegen, nahe vorüber am zerfallenen Hag des alten Gobl. Der Greis, der unter seinem Dächlein auf dem Heusack kauerte, hörte den Schellenklang und die kreischenden Stimmen. Er hob den Kopf und lachte. Zieht heim ins Tal oder steigt zu Berg ... es gehen doch alle Weg' dem gleichen Fleckl zu!" Nickend saß er, hielt die Knie mit dem Armen umschlungen und blickte hinaus in den grauen Regen.

Trübe Dämmerung fiel über die Halden und der Abend kam. Je tiefer das Dunkel sank, desto leiser wurde das Rieseln um die Hütte her, bis es ganz verstummte. Der alte Gobl streckte die Hand durch die Lucke hinaus. Leicht und kalt fiel es auf seine Finger - es waren Flocken.

Laute Stimmen näherten sich. Ein paar Männer, von einem Haufen schreiender Weiber umgeben, eilten am Hag vorüber. Der Greis hörte sie von einem Wunder schreien, das im Lokiwald geschehen wäre. Was er vernahm, störte seine Ruhe nicht. Gähnend streckte er sich auf den Heusack und schloss die Augen; doch er fröstelte und konnte den Schlaf nicht finden. Einmal war es ihm, als klänge durch die stille Nacht ein schluchzender Ruf. Lauschend saß er, schüttelte den Kopf und streckte sich wieder. Näher klang der matte Ruf, und nach einer Weile hörte der Greis ein schmerzvolles Stöhnen. Er kroch vor die Hütte, sah beim Hagtor auf der Erde einen schwarzen Klumpen sich bewegen und rief: "Du Bröckl Elend dort! Wer bist? Was willst von mir?" Ein klagender Wehlaut war die Antwort. Der Alte lachte. "Schau nur, schau, jetzt sucht gar einer noch Hilf' beim Gobl! Oder muss Elend zum Elend laufen wie Wasser zum Wasser?" Er stieg über die Trümmer seines Hauses nieder und watete durch die Pfützen zum Hagtor. Neben dem Pfosten sah er einen Buben liegen, fasste ihn beim Arm und rüttelte ihn. "He, Du! Was ist denn mit Dir?" Doch keine Antwort kam. "So red' doch! Wer bist Du denn?" Der Knabe blieb stumm, und sein Arm, den der Alte aus den Händen ließ, fiel schwer in die Pfütze. "Er muss dämlig sein!", murmelte Gobl und beugte sich über den Knaben; in der Finsternis vermochte er das Gesicht nicht zu erkennen. "So komm halt ... morgen werden Deine Leut' schon schreien nach Dir!" Mit seinen müden Kräften hob er den Bewusstlosen auf und schleppte ihn unter das Dächlein. Als er merkte, dass der Knabe vor Frost und Nässe zitterte, riss er den Heusack auf und höhlte für den stillen Kameraden ein warmes Nest. Dann saß er im Dunkel an seiner Seite, und immer wieder griff er mit der Hand ins Heu, um zu fühlen, ob der Frierende auch warm würde.

Einmal lachte er hell auf. "Schau nur, schau, mein Haus hat wieder Leut', und sorgen tu' ich mich auch schon drum!"

Bald hörte er den stillen Schläfer in tiefen Zügen atmen, und ein feuchtwarmer Dunst begann aus den Heu zu quellen.

Dem Greis wurden die Lider schwer; neben dem Haupt des Knaben legte er den müden Kopf aufs Heu und fiel in Schlummer...

Still lag die Nacht um das Dächlein und um die Trümmer des zerfallenen Hauses her. Der Wind hatte sich gelegt, lautlos fiel der Schnee, und nur leise murmelte zuweilen das auf der Erde verrinnende Wasser.

Fern draußen aber auf den Halden der Schönau war es lebendig in allen Gehöften. Leute eilten von Hag zu Hag, schreiende Stimmen klangen, und Feuerschein leuchtete aus offenen Türen.

Auf dem Karrenweg, der von des Richtmanns Hag talwärts gegen die Ache führte, wanderte ein Einsamer hastigen Ganges, die lodernde Fackel in der Hand. Es war einer von des Richtmanns Knechten, und sein Weg ging dem Fischerhaus entgegen. Als er die Achenbrücke erreichte, löschte er die Fackel und spähte durch die Nacht hinauf gegen den Falkenstein. In rötlicher Helle hob sich Wazemanns Haus aus dem Dunkel, als stünden brennende Pechpfannen im Burghof. "Was die da droben schaffen in der Nacht, das wird uns heiß machen am Tag!", murmelte der Knecht und begann zu laufen.

Beim Hag des Fischerhauses angelangt, pochte er leise, worauf das Tor sich lautlos öffnete, um hinter ihm sich wieder zu schließen. "Du kommst einschichtig?", klang die flüsternde Stimme des Kohlmanns.

"Beim Köppelecker droben hab' ich sie eingeholt, alle drei miteinander. Die Dirnen sind noch flinker gelaufen, von ihnen hab' ich keine mehr gesehen."

"Die dürften meinethalben laufen, wohin sie mögen! Aber die drei Knecht' ... wir brauchen Fäust' ..."

"Sie kommen nimmer! Zugeredet hab' ich einem jeden in Güt' und Wut; aber ein jeder hat gemeint: Die eigene Gurgel stünd' ihm näher als des Fischers Kopf. Sie kommen nimmer."

Zornig lachte der Kohlmann. "Ich hab' mir's ja gleich gedacht, dass sie ausreißen ... wie ich sie auf den Abend hinter dem Stall getroffen hab' beieinander, haben sie Augen auf mich hingemacht wie die Böck'! Das Feuer auf ihre treulosen Köpf'! Sag' dem Fischer nichts, dass ich Dich hinter ihnen hergeschickt hab' ... er hat am Tisch die leeren Plätz' gesehen und hat kein Wort geredet."

Eigel wollte zum Haus hinaufsteigen, das mit heller Tür und leuchtenden Fenstern stand; doch der Knecht hielt ihn am Arm zurück. "Wart ein' Weil', ich hab' noch andere Botschaft. Ich mein', wir könnten Hilf' kriegen mit dem Morgen."

"Hilf'? Woher?"

"In der Schönau sind alle Leut' lebendig ... mit Laufen und Schreien tragen sie die Red' um: Einer von den Gottesleuten hätt' ein Wunder getan im Lokiwald. Die Urstaller Dirn hat mit ihrem Hüterbuben abgetrieben von der Alben, und wie sie nicht weit von der Klaus durchs Holz gezogen sind, da haben auf einmal die Rinder ein wüstes Brüllen angefangen und sind scheu geworden und davon gesaust, als hätt' man ihnen Feuer an die Schwänz' gehängt. Die Dirn und der Bub stehen nur allweil und schauen ... und da sehen sie einen Gottesmann und sehen, wie ein Bär auf ihn zuspringt. Aber der Gottesmann ... ich weiß nicht, hat er eins von seinen heiligen Bannzeichen gemacht oder hat er einen baumstarken Bärensegen gerufen ... kurz und gut, ich sag' Dir: Der Bub und die Dirn' haben gesehen, dass der Bär auf einmal vor dem Gottesmann gestanden ist, so zahm wie ein Lampl, und hat ihm die Händ' geleckt und ist ihm wie ein Hundl nachgelaufen bis zur Klaus. Der Bub sagt noch, das Untier hätt' dem Gottesmann im Maul 'was nachgetragen ... ich glaub', er hat gesagt: Ein Körbl ... aber das leugnet die Dirn, das will sie nimmer gesehen haben."

"Und das glauben die Leut'?"

"Wohl wohl! Es muss doch 'was dran sein! Der Bub und die Dirn schwören ja Stein und Beim. Bei der Ramsauer Ache, wo sie ihr Vieh wieder gefunden haben, ist ihnen der Schmied von Ilsank in den Weg gelaufen. Dem haben sie gleich alles erzählt ... und der Schmied ist der erst' gewesen, der geschrieen hat: Er traut sich nimmer fein sein wider die Gottesleut'. Mit der Dirn ist er umgelaufen von einem Hag zum andern, und da kannst Dir denken, wie die Leut' lebendig worden sind! Das wär' freilich nicht schlecht, wenn man den Bärensegen lernen könnt' von den Gottesleuten ... da hätt' das Vieh gute Zeit, und es wär' ein leichtes Hausen auf der Alben. Und schau, ich mein' halt auch wie die Schönauer Leut': Wer so stark ist wider die Untier', der müsst' auch aufkommen gegen die Wazemannsbuben. Die haben heut in der Schönau wieder schieche Arbeit gemacht ... den Hanetzer haben sie schier krumm geschlagen, bis er ihnen genug geredet hat, und von ihm weg sind sie zu unserem Hag gezogen. Der Köppelecker hat's gesehen, wie sie das Tor eingeschlagen haben und alle Türen aufgebrochen."

"Komm, das muss der Fischer hören!", stammelte Eigel und zog den Knecht hinter sich her in das Haus. Als sie eingetreten waren, schloss sich die Tür, und an den Fensterlucken wurden die Läden vorgeschoben.

Nur aus Wichos Kammer strahlte noch rötliches Licht. Ein flackerndes Spanfeuer erleuchtete den kleinen Raum. Neben Hilmtruds Totenlager saß Kaganhart auf der Erde und murmelte die Klage, während er von den Fingern der Leiche die Nägel schnitt. Bei jedem Nagelspänlein, welches niederfiel, nannte er unter Tränen eine gute Eigenschaft seines Weibes. Der unsichtbare Geselle, der gekommen war, um die Hilmtrud einzuführen in sein dunkles Reich, hörte so viel des Lobes, dass er glauben musste, er hätte dem Leben niemals ein besseres Weib entrissen ...

Das war nicht die einzige Totenklage, welche gehalten wurde in dieser Nacht.

In stundenweiter Ferne vom Fischerhaus, im Kirchhof der Ramsau, klang eine schluchzende Stimme. Finster stand das Kirchlein, denn das "ewige Licht", dessen Lampe Hiltischalk an jedem Morgen mit frischem Öl gefüllt, war ausgebrannt, und finster lag auch das Haus mit seinem kalten Herd. Nur die Dächer, auf denen der fallende Schnee schon zu haften begann, schimmerten grau in der Nacht.

In das dumpfe Rauschen der Ache mischte sich die schluchzende Klage der Magd. Laut weinend irrte Mätzel in Haus und Hof umher. Sie konnte die Toten, um die sie jammerte aus treuem Herzen, nicht warten und pflegen. Eine einzige letzte Pflicht nur konnte sie erfüllen. Den Tod, der diesem Haus den Wirt und die Wirtin genommen, allem Leben des Gehöftes anzusagen. Im finsteren Stall umhalste sie die Ziegen, drückte das nasse Gesicht in das zottige Fell der Tiere und lallte in ihrer halben Sprache: "Der Wirti daud ... die Wirit daud!" Sie suchte den Immenstand hinter dem Haus und schüttelte jeden Stock, dass die schlafenden Bienen zu summen begannen: Der Wirt ist tot .. die Wirtin ist tot! Jeden Baum und jedes Bäumlein fasste sie mit beiden Händen und rüttelte aus Leibeskräften an den Stämmen, dass die welken Blätter fielen, und die an den Ästen haftende Nässe wie dicker Regen niederging: Der Wirt ist tot ... die Wirtin ist tot! Zum Beinhaus wankte sie und warf die Knochen durcheinander, als wäre noch Leben in ihnen, das die Trauerkunde hören müsste. An der Balkenmauer tastete sie sich zur Kirchentür - denn im Kirchlein war ja einer, von dem ihr Hiltischalk allzeit gesagt: "Er lebt, Mätzeli, ewiges Leben hat er!" Dein musste sie doch auch die Botschaft bringen!

Ein kalter Lufthauch umwehte die Magd, als sie die schwere Türe vor sich öffnete. In der finsteren Halle stieß sie an einen Betstuhl, dass sie stöhnen musste vor Schmerz. Tastend fand sie den Altar, umklammerte das Kreuz, rüttelte an dem Balken und schrie: "Der Wirti daud ... die Wirti daud!" Es hallte an den Wänden, und ein hölzerner Leuchter, an den ihr Arm gestoßen, fiel vom Altar und kollerte über die Bohlen. Das hörte sich an, als klänge dumpfes Gelächter aus der Erde und aus den Mauern. Jähe Furcht befiel die Magd, und kreischend flüchtete sie aus der Kirche. Unter der Linde fiel sie auf die Steinbank nieder und schluchzte in die Hände ...

Im Tal der Ache, fern am Waldsaum, wo der Karrenweg zwischen die Bäume lenkte, gaukelte der Schein einer Fackel. Schweiker trug sie, der mit Eberwein den Heimweg suchte. Bei jeder schlechten Stelle des Pfades senkte er die Flamme, um den Weg vor den Füßen seines Herren besser zu erleuchten. Zuckend fiel der Fackelschein über das bleiche, verstörte Antlitz Eberweins, das um Jahre gealtert schien. Schweigend wanderten die beiden. Während der fallende Schnee auf der nassen Erde zerschmolz, blieb er an ihren Kleidern haften. Ihre Arme und Schultern wurden weiß.

Als Schweiker wieder einmal aufblickte in Eberweins Gesicht, sah er seine Lippen zucken und seine Augen in Tränen schwimmen. "Ja Herr, ja guter Herr," stammelte er, "Wie magst Dich denn so viel kränken! Schau nur, wie alt sie gewesen sind! Mit jedem nächsten Stündl dem Tod verfallen! Und schau, man kann noch allweil nicht sicher wissen, ob sie nicht doch noch leben! Wenn's aber schon so wär', dass sie einen schiechen Tritt getan und hinuntergefallen sind ... schau, so sind sie bei den guten Heiligen im Himmel."

Stöhnend, als wäre ihm jedes dieser Worte eine Qual, streckte Eberwein die Hände gegen Schweikers Lippen und winkte ihm, zu schweigen.

Sie wanderten weiter. Immer langsamer wurden Eberweins Schritte, denn seien Kräfte waren erschöpft. Fast Übermenschliches hatte er geleistet, seit er mit Schweiker und Mätzel bei der Ache den alten Runot mit seinen Söhnen und anderen Männern der Ramsau auf der Suche nach dem verschwundenen Paar getroffen. Als Eberwein hörte, was bei Waldrams Ankunft vor dem Kirchlein in der Ramsau geschehen, stand er bleich und wortlos wie vor einem Unheil, bei dem es nicht Rat noch Hilfe gibt. Schreiend riss die Magd an seinem Gewand, und mit schmähenden Worten hoben die Männer ihre Fäuste gegen ihn. Unter der finsteren Gewalt, mit welcher Waldram sie gefesselt, hatten sie den Greis verlassen ... jetzt schrieen sie nach ihm wie nach einem Vater, den sie verloren, und sahen in Eberwein und Schweiker nur die Gesellen jenes anderen, der sie zu Waisen gemacht. In hellem Zorn wollte Schweiker die Schmäher zur Ruhe weisen, doch Eberwein wehrte es ihm: "Schweige! Lass ihrem Groll und Jammer sein Recht! Waldram hat gesät, und wir müssen ernten. Könnt' ich, was geschehen, mit meinem Leben ändern, ich gäb' es gern dahin!"

Diese Worte und der tiefe Kummer, der aus der Stimme des Mönches und aus seinen Augen redete, machten die Schreier verstummen. Wohl folgten sie zuerst nur zögernd den Anweisungen Eberweins, doch immer williger gehorchten sie, je mehr sie den schmerzvollen Eifer erkannten, mit welchem Eberwein nach dem Weg der Verschwundenen zu forschen begann.

Auf durchweichter Erde fanden sie die halb verwaschenen Spuren, welche zur Höhe der Windach führten. Da meinten sie, dass Hiltischalk und Hiltidiu sich zu den Almen am Windachersee geflüchtet hätten, denn die Almerin, welche dort oben hauste, war eine Blutsverwandte der Greisin. Doch die Dirne, welche ihre Herde zu Tal trieb, begegnete den Suchenden und wusste keine Antwort. Man forschte weiter und fand das weiße Häubchen der Greisin, zertreten und mit Schmutz bedeckt, fand am Absturz der Felsen den zerwühlten Rasen und sah in der Schlucht der Windach, an einer vorspringenden Steinschroffe, einen Fetzen des schwarzen Gewandes flattern. Von der Stelle führte keine Spur gegen den höheren Weg, keine Spur zurück ins Tal. Bleicher Schreck befiel die Männer, während das jammernde Geschrei der Magd von den Felsen hallte. Hier war nicht Hoffnung mehr, nicht Hilfe! Dennoch wagte Eberwein das Äußerste. Ob es ihm auch die anderen mit Gewalt zu wehren suchten, ob auch Schweiker mit beiden Armen ihn umklammerte - er riss sich los und wagte mit Gefahr seines Lebens den Niederstieg, bis das schießende Wasser und die glatten Felsen ihm den Weg versperrten. Als er mit erschöpften Kräften wieder am Rand der Schlucht erschien, und die Arme, die sich ihm entgegenstreckten, ihn empor rissen auf festen Grund, waren seine Züge verwandelt zu einem Anblick des Entsetzens.

Scheu trat der alte Runot vor ihm zurück, und den Arm seines Ältesten fassend, flüsterte er: "Schau das Gesicht an, Bub! Das hab' ich schon einmal gesehen! So hat Herr Waze geschaut am selbigen Tag, an dem man Frau Friderun gefunden hat unter der Rabenwand!"

Mühsam atmend, in sich versunken, ruhte Eberwein auf dem Stein, zu dem ihn Schweiker geführt. Er hörte nicht den Jammer der Magd, nicht die Reden der Männer um ihn her. Er sah nicht die Sorge Schweikers und sah nicht, was stumm aus den Augen der anderen redete: Dass er sie alle, die vor kurzem noch die Fäuste wider ihn gehoben, in dieser Stunde für sich geworben hatte zu treuen Freunden.

Kein Laut kam über seien bleichen Lippen. Als Schweiker und Runot seine Arme fassten, um ihn aufzurichten, ließ er sich führen. Er hatte kein Auge für den Weg, sein Blick ging verloren ins Leere .Zuweilen, während des Niederstieges, verhielt er seufzend die Schritte und schloss die Lider, denn immer wieder stand vor seinen Augen, was er in der Tiefe der Schlucht an den Felsen geschaut: Die blutige Spur des Weges, den Hiltischalk und Hiltidiu genommen ...

Auch jetzt, da er in finsterer Nacht mit Schweiker den Heimweg suchte unter fallendem Schnee, zwischen Gestein und triefenden Bäumen, stand er immer wieder und bedeckte die Augen mit der Hand. Immer schwerer wurden seine Schritte, wankend sein Gang Wollte Schweiker ihn stützen, so wies er ihn stumm von sich.

"Hätt' ich ihn nur schon daheim in der Klaus!", seufzte der Bruder, und in gedoppelter Sorge leuchtete er mit der Fackel auf jeden Stein des Weges, auf jede Wurzel und jede Schrunde. Als sie das Tal der Strub erreichten, klang fernes Geschrei von der Schönau her. Eberwein hörte es nicht; doch Schweiker lauschte und fragte sich: "Was die Leut' nur haben mögen?"

Mühsam war der Aufstieg durch den Lokiwald, denn Eberwein vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Endlich gewannen sie den Waldsaum, und Schweiker hätte jauchzen mögen, als er in der Finsternis das weiße Dächlein liegen sah. Doch vor der Klause hob er verwundert die Fackel: Er fand die Türe mit Balken und Pflöcken verrammelt. Rasch aber wusste er freien Weg zu schaffen. Es polterten die Balken, die er beiseite schleuderte, und seine rufende Stimme klang. Doch es rührte sich nichts in der Klause, und niemand trat dem Heimkehrenden entgegen. Die Stube fand er leer und streckte über dem erkalteten Herd die Fackel in den Ring. Als er sah, dass Eberwein zur Zelle des Paters wankte, sprang er ihm in den Weg und stammelte: "Ich bitt' Dich, guter Herr, schau, ich bitt' Dich, nur heut red' nimmer mit ihm! Nur heut nimmer!"

In der finsteren Zelle knarrten die Stangen des Lagers, Schritte klangen, und Waldram erschien auf der Schwelle, das Antlitz von gespenstiger Blässe, die Augen brennend wie im Fieber. An Eberwein vorüber blickte er auf Schweiker. "Wehrst Du ihn ab von mir, da Du weißt, dass er mein Auge zu fürchten hat?"

Da stürzte Eberwein auf ihn zu und fasste ihn mit zuckenden Händen an der Brust. "Waldram! Gib mir diese Menschen wieder ... meine besten, die ich hatte!" Seine Stimme erstickte.

Es kostete Waldram nur geringe Mühe, den Entkräfteten von sich abzuschütteln. "Weiche von mir! Du hast mit diesem Wort das Urteil über Dich gesprochen! Zwischen Dir und mir sollen berge und Meere liegen!"

"Ja, Waldram, ja, ...", nur wie ein Hauch klang Eberweins Stimme, "hohe Berge ... tiefe Meere ..." Schwer stütze er's ich auf Schweiker, der ihn unter stammelnden Worten in die Zelle führte, in welche die Fackel einen matten Schimmer warf. Eberwein sah das leere Lager und blickte suchend umher - die Sprache versagte ihm.

Schweiker verstand den Blick. "Tu Dich nicht sorgen, guter Herr ... der Bruder wird den Buben in unsere Kammer geführt haben, damit Du ruhen kannst in der heutigen Nacht!"

Stumm nickte Eberwein und ließ sich auf den Rand des Lagers sinken. Ohne Wehren duldete er, dass ihm Schweiker das triefende Gewand mit trockenem Kleid vertauschte, das Moos zu weichem Polster aufschüttelte und die zitternden Glieder mit wärmender Kotze bedeckte. Als ihm Schweiker einen Becher brachte, schlürfte er den Trunk in tiefen Zügen, ohne zu merken, was er trank. Der Bruder atmete erleichtert auf, als der Becher geleert war bis auf den letzten Tropfen des Messweins. Er steckte eine frische Fackel in Brand und dann saß er neben dem Lager, regungslos. Eberwein stöhnte und murmelte im Halbschalf. Doch immer tiefer wurde sein Atem, und es währte nicht lange, so lag er in bleiernem Schlummer.

Auf den Zehen schlich Schweiker aus der Zelle, steckte einen Span in Brand, löschte die Fackel und trat in seine Kammer. Schnuppernd hob er die Nase - zwischen den vier Wänden roch es nach Wachs und Honig, als wäre die Zelle ein Immenstand. Auf dem einen Bett lag Bruder Wampo wie ein Klotz, mit hängenden Armen. Seine ganze Kutte, von der Brust bis nieder zum Saum, war fleckig, als hätte man sie durch einen Honigtiegel gezogen. Kopfschüttelnd stand Schweiker und betrachtete den Schnarchenden. Da sah er, dass das andere Lager leer war. Er rüttelte den Schläfer, doch Bruder Wampo wollte nicht erwachen. An den Armen zog ihn Schweiker in die Höhe. "He, Bruder! Wo ist denn der Bub?"

"Der Bär ... der Bär ...", lallte Wampo, riss die Augen auf und fuchtelte mit den Händen, zwischen deren Fingern der Honig klebrige Fäden spann.

"Ich frag', wo der Bub ist!", brummte Schweiker, der den Bären auf sich bezog.

"Der Bub? Pater Waldram ... Waldram ..." Dem Bruder fielen die Augen wieder zu, und lallend sank er auf die Wolfshaut zurück.

Schweiker gab sich zufrieden. Er hatte verstanden, dass Huze bei Pater Waldram in der Zelle wäre. Seufzend blies er das Spanlicht aus, warf die nasse Kutte ab und wühlte sich ins Moos. Doch er schien nicht gut zu liegen, von einer Seite wälzte er sich auf die andere, und murmelnd klang im Dunkel seine Stimme: "Hätten wir die schieche Gegen nur nie gesehen! Dem guten Herrn wär' wohler ... und mir auch! Mir auch!" Er stöhnte, als lastete ihm ein Stein auf der Brust. Eine Weile lag er still, dann wieder ächzten die Stangen. "Es muss ein End' haben, es muss!" Mit raunender Stimme begann er zu beten. Bei der vierten Litanei wurde sein Murmeln immer leiser und versank in Schweigen. Er schlief.

Tiefe Stille war in der Klause. Um die Mauern her versiegte die Traufe, und lautlos fiel der Schnee in schweigender Nacht.

Der Morgen konnte nicht mehr ferne sein, da rann ein leises Zittern durch die Mauern, es knirschte im Gebälk des Daches, der krächzende Schrei eines Vogels klang aus den Lüften, und unter der Klause hin ging ein dumpfes Murren, das wie in weiter Ferne verstummte. Die müden Schläfer erwachten nicht. Nur Waldram, auf dessen Augen kein Schlummer gefallen, erhob sich von seinem Lager.

"Ich höre die mahnende Stimme, Herr, und wache! Denn meine Stunde will kommen!"

Unhörbar, auf nackten Sohlen, schritt er durch die Herdstube in das Kirchlein, das vom Schein der schwankenden Ampel trüb erleuchtet war. Mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuz auf der Erde kniend, begann er den Psalm: "Erhebe Dich, mein Gott, steh auf, dass Deine Feinde sich zerstreuen und Deine Hasser fliehen vor Dir! Wie Rauch verweht wird, so vertreibe sie! Wie Wachs zerschmilzt vor Feuer, so lass sie vergehen vor Deinem Zorn ..."

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1 Lamm. ^

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