Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 9

Wilder Lärm füllte die Hofreut des Fischerhauses. Mit heiseren Stimmen schrieen die Almerinnen, und laut brüllten die Rinder, welche scheu umher rannten, die Umfreidung des Gärtleins niederdrückten und nach allen Richtungen ihre Wege nahmen, die einen auf der Suche nach dem Stall, die anderen nach einem Ausweg. Die Männer mussten die Arbeit verlassen und den Dirnen zu Hilfe kommen. Nur schwer gelang es, die Rinder Sigenots von der Herde des Richtmanns zu scheiden und im Stall zu bergen. Die Scheune, so geräumig sie war, vermochte die fremde Herde nicht zu fassen. Man musste an die Errichtung eines Schuppens denken, um den noch übrigen Tieren Schutz vor dem strömenden Regen zu bieten. Während die Männer Pfähle und Bohlen herbeischleppten, hörte Wicho laute Schläge am Hagtor. "Da kommt der Herr mit guter Hilf'!", rief er und eilte, um zu öffnen.

"Schau erst über den Hag, eh' Du auftust!", mahnte Eigel.

Wicho stieg auf den Lugaus und warf einen Blick nach der Lände. Erschrocken fuhr er zurück: Herr Waze zu Ross und zwei Knechte mit Sauspeeren hielten vor dem Tor.

"Was ziehst Du den Kopf zurück?", rief Herr Waze. "Kennst Du mich nicht?"

Wicho winkte den Männern in der Hofreut; doch sie hatten die Stimme vor dem Hag bereits erkannt, Eigel und der alte Senn fassten ihre Äxte und rannten zum Tor. Hilmtrud, über deren Gesicht ein jähes Erblassen ging, wollte ihnen folgen, aber Kaganhart packte sein Weib am Arm und stotterte: "So bleib doch, bleib ... wir müssen nicht überall dabei sein!"

Wicho hatte die Arme über das erhöhte Flechtwerk des Hags gelegt und auf Wazemanns Frage die Antwort gegeben: "Wohl wohl, Herr, ich kenn' Dich schon."

"So rühr' Dich! Siehst Du nicht, dass ich Einlass will?"

"Wohl wohl, das seh' ich!", nickte Wicho, ohne von der Stelle zu weichen.

Herrn Wazes Stirn wurde rot. "Du Schuft! Tu mir das Tor auf, oder Du sollst für die Säumnis zahlen!"

"Schuft? He, Du!", rief Wicho einem der Wazemannsleute zu. "Hörst Du nicht, Dein Herr hat Dich gerufen! Mich kann er ja nicht gemeint haben, denn ich heiß' Wicho! Tummel Dich und zeig' ihm den Heimweg ... es macht grob Wetter heut ... schau nur, das Wasser lauft ihm ja schon beim Stiefel heraus."

Herr Waze ritt dicht an den Hag heran und hob die Augen mit stechendem Blick zu Wicho. "Ruf mir Deinen Herrn!"

"Mein Herr ist im Haus und kann nicht kommen," entgegnete Wicho und ließ keinen Blick von der Hand des Spisars, denn er sah, dass Herr Waze an dem Riemen nestelte, mit welchem der kurze Jagdspeer an den Sattel gefesselt war.

"Nicht kommen? Warum nicht?"

"Er hat ein neues Häs an, und das hat heiklige Farben, die den Regen schlecht vertragen! Da müsst Ihr wohl ..." Wicho verstummte, denn er sah seinen Herrn mit des Richtmanns Leuten auf der Lände erscheinen. Mit langen Sprüngen stürzte er zum Haus, riss den fünfzackigen Näbiger von der Wand, eilte über den Hügel hinunter und keuchte: "Das Tor auf!"

Als Herr Waze den Fischer erblickte, öffnete sich schon der Hag, und Wicho stellte sich mit Eigel und dem Altsenn an Sigenots Seite, während die zwei Mägde des Richtmanns mit ihren Kraxen in das Tor flüchteten.

Über Wazemanns Lippen huschte ein dünnes Lächeln. Er hatte rasch die Fäuste gezählt, welche wider ihn und seine beiden Knechte waren, und merkte wohl, dass für Zorn und Gewalt nicht die rechte Stunde wäre. Mit einem stummen Wink hieß er seine Knechte zurücktreten und rief den Fischer an: "Du musst ein übles Gewissen haben, denn ich seh', Du rufst mehr Leut' um Dich her, als Du füttern kannst an Deinem Tisch!"

Sigenot wollte Antwort geben, doch Eigel kam ihm zuvor und schrie: "Wenn Du meinst, ein gutes Gewissen müsst' allein stehen ... warum denn hat man Dich im Gadem noch niemals ohne Knecht' gesehen! Aber steck' Dich hinter all Deine Knecht' ... es wird doch eine nach Dir greifen! Schau Dich um, sie steht schon hinter Dir und hebt die Fäust'!"

Herr Waze warf einen scheuen Blick über die Schulter; doch er sah nur seine Knechte. "Was will der Narr?"

"So schau sie doch an! Oder kennst Du die Salmued nimmer ..."

Sigenot legte die Hand auf Eigels Arm und zog ihn zurück. Ruhig fragte er: "Herr Waze, was wollt Ihr bei meinem Haus?"

Langsam wandte der Spisar die funkelnden Augen von dem Kohlmann und sah den Fischer an. "Die Neugier hat mich hergetrieben. Ich möcht' wohl wissen, warum Dein Hag Dir auf einmal zu nieder scheint, dass Du ihn höhen und festen musst?"

"Es steht der Winter vor meinem Tor, der Schnee wird steigen, und die Wölf' haben hohen Sprung."

"So? Und Du fürchtest die Wölf'?"

"Nein, Herr, aber man hütet sich vor ihnen."

"So? Dann lass Deinen Hag nur gehörig wachsen, eh' sie springen. Und eine andere Frag' noch hab' ich an Dich. Mir fehlt ein Knecht, weißt Du mir keine Kund' von ihm?"

"Wohl, Herr! Vor kurzer Weil' erst hab' ich ihn gesehen. Reitet nur heim ... Euer Henning bringt ihn mit seinen Knechten getragen auf dem Speerholz."

"Wer hat ihn erschlagen?", schrillte die Stimme Wazes. "Du?"

"Ob ich's getan hab', wird sich weisen im Gericht."

"Du wirst Dich stellen?", fuhr es hastig über die Lippen des Spisars, und seien Augen schossen einen Blitz.

"Ja, Herr! Aber nicht in Eurem Haus, sondern vor dem Sitz der Klosterleut', die nach Recht die Herren sind im Gadem. Ich hab' mein Leben und Haus in ihre Hand gelegt. Schaut her, Herr Waze ...", er deutete nach dem Kreuz, "da steht ihr Herrenzeichen vor meinem Hag!"

Herr Waze würgte an einem Wort, doch es wollte ihm nicht von der Zunge. Kalkige Blässe bedeckte sein Gesicht, und der Zügel schwankte in seiner zitternden Faust. Sigenot wandte sich zu den Seinen. "Geht ins Haus, ihr Leut', wir wollen das Tor schließen ... denn ich mein', Herr Waze und ich, wir haben zu End' geredet." Zögernd folgten die Leute dem Geheiß des Fischers, der die Hofreut als der letzte betrat.

Wie versteinert saß Herr Waze im Sattel. Doch als die Torflügel sich schlossen, streckte er die Faust und knirschte: "Auf morgen, Fischer!" Er warf das Pferd herum und ritt am Hag entlang. Da sah er Hilmtrud auf dem Lugaus stehen. Sie hielt mit der einen Faust den Knüttel umfasst und stieß mit der anderen ihren Mann zurück, der sie vom Hag hinweg reißen wollte.

"Du?", lachte Herr Waze. "Hast Du Dich auch zu ihm gestellt? Gib acht ... Dir soll in des Fischers Haus noch heißer werden als unter dem eigenen Dach!"

Erbleichend taumelte Hilmtrud, als hätte ein Faustschlag ihr Gesicht getroffen. "Mordbrenner, Mordbrenner!", kreischte sie wie von Sinnen und wollte dem Knüttel schleudern. Schreiend klammerte sich Kaganhart an ihren Arm, aber sie riss sich los und schwang sich über den Hag. Der Länge nach stürzte sie in die Pfütze, raffte sich auf - "Mordbrenner!", keuchte sie, und während Kaganhart mit jammerndem Gezeter zum Hagtor eilte, rannte sie mit geschwungenem Knüttel dem Spisar nach. Unter den Bäumen, nahe der Achenbrücke, erreichte sie ihn, fasste das Ross am Schweif und schlug. Herr Waze hatte den Jagdspeer vom Sattel gerissen und fing den Streich auf, der nun mit Wucht auf den Rücken des Pferdes fiel. Das Tier schlug aus. Stöhnend taumelte Hilmtrud, vom Huf am Arm getroffen, ließ den Knüttel sinken, und gleich einer Wahnsinnigen sprang sie an dem Spisar hinauf, die eine Hand um seinen bewehrten Arm, die andere um seine Hüfte klammernd. "Mein Haus ... Du Mordbrenner ... gib mir mein Haus wieder!" Sie riss und zerrte, dass Herr Waze im Sattel wankte. Die Knechte sprangen ihm zu Hilfe, während vom Tor her die Rufe der näher eilenden Männer klangen.

"Macht mich ledig von der Katz'!", schrie Herr Waze, der auf dem scheuenden Pferd nur mühsam noch den Halt bewahrte.

"Mein Haus ... mein Haus ...", keuchte Hilmtrud, und während sie, am Spisar hängend, vom Pferd geschleift wurde, riss sie den Wildfänger von Wazemanns Gürtel. "Wart, Du Mordbrenner ... jetzt raiten wir, Du sollst mir zahlen ..." Da erloschen ihre Worte in röchelndem Laut. Einer der Knechte hatte ihr den Jagdspeer in den Rücken gestoßen. Den blanken Stahl noch in der geschwungenen Faust, stürzte sie blutend auf den überschwemmten Grund, und über sie hinweg gingen die Hufe des Pferdes. Als Sigenot und den Seinen zwischen den Bäumen herbei sprang, verschwand Herr Waze schon jenseits der Achenbrücke, und seine Knechte warfen sich in das bergende Gebüsch.

"Trudli, Trudli!", jammerte Kaganhart und streckte die Arme; da sah er auf dem Rücken des Weibes, das mit dem Gesicht auf der Erde lag, den sprudelnden Blutquell. "Wazemann!" Im Rauschen des Regens weckte sein gellender Schrei das Echo an der Falkenwand. Einen Augenblick stand er mit aschfarbenem Gesicht, vom Entsetzen wie versteinert; dann riss er die Axt aus Eigels Hand und stürzte über die Achenbrücke dem Reitweg zu. "Wazemann!", schrie er und starrte nach allen Seiten. Doch öde lag der triefende Wald um ihn her, und grau schleierte der Regen die Höhe des leeren Pfades. Jähes Schluchzen erschütterte seine Brust, und seiner zitternden Hand entfiel die Axt. Zwei von des Richtmanns Knechten kamen ihm nachgeeilt. Sie mussten ihn stützen und führen, denn seine Knie schlotterten ,und bei jedem Schritt drohte er niederzusinken. Sein Schluchzen wurde zu lautem Weinen und Jammern, als er sah, wie Sigenot das todwunde Weib auf die Arme hob und zum Hagtor trug. Heilwig und die Almerinnen kamen klagend gelaufen, während die Männer unter Geschrei und Verwünschungen die Fäuste gegen den Falkenstein erhoben. Nur Sigenot schweig. Vor dem Hagtor zögerte sein Schritt, und langsam glitten seine Augen an dem Kreuz hinauf, von dessen weißen Blaken das Wasser nieder troff. Schwer atmend schüttelte er den Kopf und trat mit seiner blutenden Last in den Hofreut. Den Kohlmann schickte er in das Haus zu Mutter Mahtilt und trug die Sterbende in Wichos Kammer. Dort legte er sie auf das Heubett und löste den blanken Stahl aus den krampfhaft geschlossenen Fingern.

Während die Männer und Dirnen sich in das enge Stübchen drängten, das schon im Zwielicht des sinkenden Abends lag, fiel Kaganhart schluchzend vor dem Lager auf die Knie.

"Sag', Herr," flüsterte Wicho, "was soll denn geschehen mit ihr?"

"Da ist nimmer Hilf'," erwiderte Sigenot mit schwankender Stimme, "der Stoß ist tief ins Leben gegangen." Er trat zum Lager und suchte den Schluchzenden aufzurichten.

Mit den Fäusten stieß ihn Kaganhart von sich. "Du! Du bist schuld an allem! Hättest Du uns nicht hergezerrt in Dein Bluthaus, so tät' sie noch leben! Du! Du bist schuld an allem ..."

"Hör', Bauer," unterbrach ihn Wicho zornig, "das ist übler Dank ..."

Sigenot schob den Unwilligen beiseite. "Lass ihn schelten, ich kann ihm nicht unrecht geben. Ich hab' sein Weib unter mein Dach und in meinen Schutz gerufen. Schau her ...", er deutete auf Hilmtrud, "so viel ist mein Schutz noch wert!" Die Stimme schlug ihm um, und seine Augen wurden feucht. "So will ich keinen mehr halten bei mir ... ein jeder von Euch kann gehen, wie er mag. Ich halt' Euch Treu, aber keiner braucht sie mir zu bieten!" Einen Blick noch warf er auf das sterbende Weib und verließ die Kammer.

Draußen stand er im strömenden Regen, und der kalte Wind wehte ihm die triefenden Haarsträhne in das bleiche Gesicht. Seien Augen suchten den Falkenstein und Wazes Haus. "Recka, Recka," schrie es in seiner Seele, "in derselbigen Stund', in der ich Dich gehalten hab' an meinem Herzen, hat meine Not begonnen! Wie das Laub von einem kranken Baum, so ist die Kraft von mir gefallen. Hätt' ich nicht allweil denken müssen an Dich, es wär' Deinem Bruder Henning nimmer Zeit geblieben, den Knecht in meiner Schwester Weg zu schicken, Dein Vater Waze hätt' nimmer die Stund' erlebt, in der das arme Weib verbluten muss! Ich hab's ja gewusst: Ich soll keine frohe Stund' nimmer haben im Leben, seit ich untreu 'worden bin an meinem eigenen Blut!" Er strich mit dem Arm über die Stirne und trat ins Haus. In der Halle saß der Kohlmann auf dem Herdrand zu Mutter Mahtilts Füßen. Mit steinernen Zügen ruhte sie in ihrem Sessel und hob nur die Augen, als Sigenot in der Tür erschien. Er ging auf die Mutter zu und legte den Arm und ihre Schulter.

"Wie geht's ihr?", fragte Eigel.

"Schlecht."

"Und nimmer Hilf'?"

Sigenot schüttelte den Kopf. Da klang das schrille Lachen seiner Mutter, und zu ihm aufblickend, streckte sie die zitternde Hand und deutete durch das Fenster nach dem Kreuz. Siegenot wandte sich ab und drückte den Arm über die Augen.

"Fischer!" Der Kohlmann sprang auf, ein Scheit in der Hand. "Du, der einzige Mann im Gadem, lass nur Du den Mut nicht sinken! Halt' fest an Dir selber! Und sag', was soll geschehen jetzt?"

"Frag' die andern ... es geht nicht um mich allein!"

Das zornige Lachen des Kohlmanns hallte zwischen den Wänden. "Ging's nach meinem Willen, ich wüßt' schon, was ich tät'! Ich möcht' die Händ' eintauchen in der Hilmtrud Blut und umlaufen im Gadem ... und einem jeden möcht' ich die blutigen Finger hinstrecken vor die Nas' und schreien: jetzt riech', Bauer ... Blutschmack hat die Supp', die ihr gekocht habt auf dem Totenmann!" Er warf das Scheit in das Herdfeuer und verließ die Stube. Als er Wichos Kammer erreichte, sah er die Leute um das Lager gedrängt und hörte Kaganharts schluchzende Stimme: "Schaut nur, sie tut die Augen auf!"

"So lupf' ihr doch den Kopf," stammelte Heilwig, "siehst denn nicht, sie möcht' in die Höh'."

"Ja, Trudli, ja, komm nur, ich tu' Dich heben!" Kaganhart schob den Arm unter das schwere Haupt seines Weibes.

Seufzend richtete Hilmtrud sich auf und fuhr mit den Fingern über das Gesicht, als hingen ihr Haare in die Augen. Die Blicke waren verschwommen, nur langsam schien sie die Leute vor ihrem Lager zu erkennen, zuletzt ihren Mann. Eine Weile hingen ihre Augen an ihm, dann rührten sich flüsternd die bleichen Lippen: "Hartli? ... Bin ich allein hin? ... Oder hat er auch seinen Treff?"

"Freilich, freilich!", schluchzte der Bauer, der mit dieser Lüge seinem Weib eine Wohltat zu erweisen meinte.

Tief amtete Hilmtrud, und ein mattes Lächeln huschte um ihre Lippen. Sie schloss die Augen, als wäre sie müd und möchte schlafen nach harter Arbeit. Schwerfällig winkte sie mit der Hand. "Leut' ... geht hinaus!" Sie taten ihr den Willen. Als sich die Kammer geleert hatte, rückte Hilmtrud ihre Wange an das zuckende Haupt des Bauern und streichelte ihm das nasse Haar. "Hartli, ich hab' Dich lieb gehabt!"

"Wohl wohl, Trudli ... schau, ich Dich auch ... und fest!"

"Tust mir verzeihen?"

"Freilich, Trudli, freilich!" Er weinte zu diesem Worten wie ein Kind. "All die unguten Reden, alle, die mir gegeben hast, alle ... hast es ja allweil gut gemeint!"

Sie schüttelte den Kopf. "Die mein' ich nicht ... da sind wir allweil auf gleich gewesen. Ich mein' 'was anderes ... unser Haus ... ich, Hartli, ich bin schuld ..." Zitternde Schwäche befiel sie, und ein roter Tropfen sickerte von ihren Lippen.

Kaganhart hörte auf zu schluchzen und starrte in das Gesicht seines Weibes.

"Ich bin schuld ... ich hab's ihm verraten, Hartli, von der Thingnacht ..."

"All ihr guten Mächt'!" Erschrocken schlug der Bauer die Hände ineinander. "Ja Weib, ja wie hast denn so 'was tun können!" Er fuhr sich in die Haare. "Und ich hab' schiech geredet wider ihn im Thing!"

"Drum hat er Feuer geworfen in unser Haus ... der Mordbrenner!" Sie ballte die Fäuste.

"Ja Weib! Ja Weib!", jammerte der Bauer. "Unser Haus! Ja wie hast denn so 'was tun können!"

"Er hat mich auf der Straß' gestellt ..."

"Ja muss man denn da gleich alles ausreden?"

Unwillig hob sich die Stimme des Weibes. "Hast ja Du auch nicht geschwiegen ... und bist doch ein Mannsbild!"

"So? So? Hast Du es nicht aus mir herausgedruckt mit Schelten und Streiten?"

"Hättst mich streiten lassen, Du Lapp ..."

"Ja! Weil bei Dir schon einer aufkommt, Du ungut Dingin Du!"

"Den schau an! Keifen will er auch noch! Schwören kann er, schwören ... aber den Schwur halten? Wie die Henn' das Gackern!"

"So ein Weib! Ja hör' nur einer das Weib an! Im letzten Schnaufer noch muss sie raiten und raffeln!"

"Raffeln? Wer raffelt? Wart, die Raffel zahl' ich Dir heim ..."

Draußen vor der Türe standen die Leute und hörten mit hellem Staunen die kreischenden Stimmen aus der Kammer. "Es muss ihr doch nicht gar so schlecht sein," stotterte Heilwig, "sie zankt ja schon wieder."

Wicho öffnete die Tür, und hinter ihm drängten sich die anderen in das Stübchen. Auf dem Heubett sahen sie Hilmtrud halb aufgerichtet knien. Mit der einen Hand hielt sie ihren Mann am Haar gefasst und hob die andere zum Schlag.

"Auslassen, sag' ich!", schrie der Bauer in Zorn und Schmerz. "Wirst auslassen oder nicht!"

Hilmtruds Finger lösten sich, kraftlos fiel ihre Hand, und stöhnend sank sie über das Heu. Erschrocken sprangen die Leute zum Lager, und stotternd streckte Kaganhart die Arme nach seinem Weib. Noch einmal suchte Hilmtrud sich aufzurichten. "Hartli, mein guter Hartli ...", klang es seufzend von ihren Lippen, dann fiel sie zurück, und ihre Glieder streckten sich.

"Trudli! Trudli! Ja was ist Dir denn? So red' doch!", jammerte der Bauer. Da erkannte er den Tod im Antlitz seines Weibes. "All ihr guten Mächt'!", schrie er und warf sich mit bitterlichem Schluchzen über den Leichnam.

Eigel verließ die Kammer und drückte die Fäuste an seinen Kopf. "Es ist der Müh' wert, dass einer Mensch wird!", raunte er vor sich hin. Im strömenden Regen sank er auf einen Steinblock und starrte hinaus in die grauen Lüfte.

Vom Bergwald herüber, durch all das Rauschen, klang das Geläut einer heimkehrenden Herde, und ein Hüterbub jauchzte zum Hall der Schellen, als wäre Sonnenschein und Frühling über ihm, nicht gießendes Gewölk und sinkender Winter.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.