Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 8

Immer tiefer senkte sich das gießende Gewölk und hing über dem Tal wie eine weißgraue Decke. Schneefall mischte sich in den vom kalten Wind gepeitschten Regen, doch die Flocken schmolzen, ehe sie zur Erde fielen. In das Rauschen des Regens tönte das Brausen der geschwellten Bäche und das dumpfe Gepolter der Steine, welche die Fluten trieben.

Mittag war vorüber, als Wicho, heimkehrend von seinem nächtlichen Weg, den Schapbacher Forst verließ und die Halden der Schönau erreichte. Das Gewand klebte an seinem Leib, und in dicken Fäden rann das Wasser von ihm nieder. Oft musste er, seinem Weg folgend, durch schmutzig braune Bäche waten, welche von den Berghängen sich nieder gossen, die Felder überschwemmten und mit Geröll die Löcher füllten, aus denen sie das fruchtbare Erdreich losgerissen. Kam der Knecht an einem Hag vorüber, so hörte er das Geschrei der Leute, welche das den Hofraum überflutende Wasser zu stauen und abzuleiten suchten. In einem einzigen Gehöft nur herrschte Stille. Kopfschüttelnd blickte Wicho in die traurige Stätte, die der halb zerfallene Hag umschloss, und auf den Greis, der über den Trümmern der gestürzten Hütte aus morschen Bohlenstücken ein niederes Dächlein schichtete zu seinem Unterschlupf. Der alte Gobl hatte spüren müssen, dass er noch lebte. Es hatte ihm der üble Tag das Sitzen unter dem Apfelbaum verleitet, denn rings um den Baum her stand eine gelbe Lache. Aus den Trümmern seiner Hütte, deren wüster Haufen sich gleich einer Insel über das gesammelte Wasser erhob, hatte Gobl einen Heusack hervorgezogen, hatte ihn zu oberst über die Trümmer gelegt und baute nun über diesem Lager das schützende Dächlein.

"Ja Gobl, was ist denn mit Deinem Haus geschehen?", rief der Knecht. "Hat es der Bidem geworfen?"

Der Alte blickte über die Schulter zurück, und ein müdes Lachen war seine ganze Antwort. Er riss von dem zerfallenen Hausdach ein großes Stück der faulen Moosdecke los und warf es über die kleine Hütte.

"So red' doch! Kann ich Dir helfen?"

"Geh heim und hilf Dir selber!", brummte der Greis. "Ich mein' schier, der heutige Tag bringt schieche Zeiten." Er kroch in seinen Schlupf und streckte sich auf den Heusack. Grämlich blickte er hinaus in den strömenden Regen und murrte: "Schau nur, schau, ich hätt' gemeint, mich könnt' der Tod nimmer jagen von meinem Fleckl, und jetzt hat mich ein lützel Näss' vertreiben! Schau nur, schau, ich hab' ja gar schon wieder ein Haus!"

Eine Weile noch stand der Knecht, dann ging er seiner Wege. "Der arme Schlucker!"

Als Wicho den Talwald erreichte, begann für ihn ein übles Wandern. Die Ache war ausgetreten und hatte den ganzen Waldgrund in einen Sumpf verwandelt. Von den Gehöften im Untersteiner Forst scholl dem Knecht ein wirres Geschrei entgegen, und als er die Rodung betrat, sah er ein Häuflein Menschen, erregt durcheinander kreischend, am seicht überschwemmten Ufer der Ache stehen. Er erkannte den Untersteiner mit Weib und Kindern, die Winklerbuben, den Kirngasser und Bärenlochner, den Grünsteiner und ein paar andere Bauern der Schönau. Einige Worte, die er verstehen konnte, machten ihn betroffen. Hastig wollte er auf einen Seitenpfad einlenken, doch einer der Winklerbuben kam auf ihn zugelaufen, packte ihn am Arm und zerrte ihn zum Ufer: "Da schau her! Die Wazemannsknecht' sind weniger 'worden um einen! Der Bach hat ihn ausgespieen ... wie ein Ferch den Brocken, der ihm nicht geschmeckt hat."

Schweigend, mit finsteren Augen, betrachtete Wicho die angeschwemmte Leiche, welche das Wildwasser übel zugerichtet und halb der Kleider beraubt hatte. Die Leute, welche sie umringten, dachten nicht anders, als dass der Knecht ertrunken wäre. Zitternd standen die Kinder, und kreischend jammerte die Bäuerin. Doch der Untersteiner rüttelte sie am Arm. "Hör' auf, Weib! Wie kannst denn klagen um einen von denen da droben! Und gar um den da! Am letzten Zinstag hat er mir die Faust ins Gesicht geschlagen! Schau den Bach an ... all Jahr' noch hat er mir ein Trumm von meinem Feld gerissen ... heut aber ist er mir lieb 'worden, heut hat er mir die erste Guttat erwiesen!"

"So red' doch nicht so laut!", stotterte das Weib und suchte den Bauer gegen den Hag zu ziehen.

Aus dem Lärm der anderen schrie der Grünsteiner: "Es müsst' doch einer hinaufsteigen zu Wazemanns Haus und Botschaft tragen!"

"Da könnt' sich einer schlechten Dank holen!", fiel Wicho hastig ein.

"Wohl wohl," nickte der Kirngasser, "wenn Du gar so gescheid bist, so geh halt selber!" Aber da schüttelte der Grünsteiner den Kopf und schlich davon.

Lautes Gelächter machte die anderen aufblicken, und Wicho erblasste, als er den Hanetzer gewahrte, der auf dem Heimweg von der Klause aus dem Wald getreten war. "Wo ist denn der Richtmann?", lachte er. "Da wär' wieder ein Stückl Arbeit für ihn!" Er stieß mit dem Eisenschuh nach der Leiche.

Keiner der anderen erbarmte sich des Toten, und dennoch schalten sie über diese Rohheit. Und was hätte der Richtmann mit dem Ertrunkenen zu schaffen?"

"Ertrunken? So? Ich mein' aber schier: Der hat keinen Laut mehr getan, noch eh' er hat Wasser schlucken müssen ..."

Mit eisernem Griff umklammerte Wicho den Arm des Schwätzers.

"Ach so? Weißt Du auch schon davon? Und ich soll den Schnabel halten, gelt?", lachte der Hanetzer. "Aber wenn ich schweigen könnt', hätt' er mich ja zum Thing gerufen, der gute Richtmann! Jetzt, ja, jetzt soll ich auf einmal wortfest sein! Meintwegen ... so lang ich nicht reden muss!" Er riss sich los und ging seiner Wege.

Die Leute schüttelten die Köpfe und sahen sich mit scheuen Augen an. Einer um den anderen schlich davon, und Wicho stand einsam bei der Leiche. Er streckte die Hände, als wollte er den Toten wieder zurückschleudern in das Wasser, das ihn ausgeworfen; aber ein Grauen fasste ihn, und den Arm vor die Augen drückend wandte er sich ab.

Keuchenden Laufs erreichte er die Seelände und hörte von weitem schon die Beilschläge, die aus der Hofreut des Fischerhauses klangen. Der See war über die Ufer getreten und reichte bis zum Tor. Sigenot, Eigel, Kaganhart und der alte Senn schlugen neben dem Lugaus die Pfähle, um in doppelter Wand den Hag zu erhöhen. Der Regen störte sie nicht bei der Arbeit. Unter dem vorspringenden Hausdach saß Hilmtrud und entblätterte die Buchenruten für das Flechtwerk.

Als Sigenot den Knecht erblickte, sprang er vom Lugaus nieder und riss das Hagtor auf. Wicho nickte nur einen stummen Gruß und schöpfte Atem. Eigel und Kaganhart wollten die Arbeit verlassen, doch Sigenot winkte ihnen zu, dass sie bleiben möchten. "Wie seid ihr hinaufgekommen?", fragte er leise.

"Nicht gut, nicht schlecht. Es war ein schiecher Weg durch Nacht und Schnee. Und unter dem Eismann hat der Bidem eine Fragel aufgerissen, klafterbreit ... wir haben sie weit umgehen müssen. Deiner Schwester ist das Steigen hart geworden, aber der Ruedlieb hat sie gestützt und gehoben in rechter Lieb', und allweil noch, in Not und Müh, hat sie ihm zugelacht."

Sigenot atmete auf. "Sie ist in treuer Hut! Wüsst' ich nur auch die Mutter an sicherem Platz, so hätt' ich keine Sorg' mehr. Aber sie will ihren Herd nicht lassen ...", seien Blicke suchten das Kreuz, "und will kein rechtes Vertrauen haben zu dem guten, starken Helfer." Er legte die Hand auf die Schulter des Knechtes. "Den heutigen Nachtweg will ich Dir vergelten. Lass uns festhalten am guten Recht der Klosterleut' ... und kehrt die Ruh wieder ein, so sollst Du ein freier Mann sein, und ich selber bau' Dir das Haus, in dem Du sitzen sollst am eigenen Herd."

Eine brennende Röte flog über das Gesicht des Knechtes, und seien Augen leuchteten. Doch er schüttelte den Kopf. "Ich bleib' bei Dir! Und fortjagen wirst mich nicht!"

Sigenot lächelte. "Wir reden noch drüber, mein' ich. Jetzt geht in Deine Kammer, leg' trockenes Häs an und lass Dir die Ruh gut schmecken!"

"Ruh, Herr? Ein andermal, aber heut nimmer. Blut lauft um, und das Wasser hat einen Schrei wider uns getan!" Mit hastigem Flüstern erzählte Wicho, was er im Untersteiner Forst gesehen und gehört.

Sigenot nickte vor sich hin. "Heut oder morgen, Blut will sein Recht haben! Die Red', die der Hanetzer getan, wird umgehen und wachsen, bis ihr Hall hinein schreit in Wazemanns Fenster." Mit ernsten Augen blickte er durch den grauen Regen empor zur Höhe der Falkenwand und fasste den Griff des Messers. "Schließ hinter mir das Tor, Wicho, ich hol' die Richtmannsleut' in meinen Hag!" Wie er war, ohne Mantel, nur mit dem Messer bewaffnet, verließ er die Hofreut.

Als Wicho zum Lugaus kam, umdrängten ihn die Männer in Neugier und Sorge. Er berichtete, was geschehen. Der Alte Senn brummte ein paar Worte in seinen Bart, Kaganhart stand mit offenem Mund und scheuen Augen, Eigel aber griff zur Arbeit und lachte wie ein junger Bursch, dem der Vater sagt: "Schaff', Bub, und bist Du fertig, so geh zum Tanz!" Wicho streifte mit beiden Händen die Nässe von seinem Gewand und fasste Sigenots Beil. Dumpf klangen im Rauschen des Regens die wuchtigen Schläge, mit denen die Männer die schweren Pfähle in den Grund trieben.

Nach einer Weile verließ Kaganhart den Lugaus. Er tat, als müsste er seinem Weib bei der Arbeit helfen. Aber Hilmtrud sah ihn verwundert an. "Geh weiter und schaff'," sagte sie, "ich wird' mit den Ruten schon selber fertig." Er schüttelte den Kopf, griff nach einem Ast, und während er die Blätter abstreifte, flüsterte er: "Trudli! Da wird uns der Boden heiß unter den Füßen. Ich mein' auf ebenem Feld wär' bald ein besseres Weilen als unter dem Dach da!"

Sie gab keine Antwort, nur ihre funkelnden Augen glitten an ihm auf und nieder. Doch als er Wichos Botschaft wiederholte, sprang sie auf und ballte die Fäuste. "Recht so! Geht's endlich an ein Raiten! Lieber heut als morgen!"

"Aber Weib, Weib!", stotterte er und suchte sie niederzudrücken auf die Hausbank. "So nimm doch Verstand an und lass Dir sagen ..."

Sie schüttelte ihn von sich ab. "Bist Du auch noch ein Mannsbild? Du? So geh doch hinein zum Feuer, Büebli, und koch' Dir ein Mus ... ich such' mir derweil einen Prügel aus für den da droben, der soll ihm heiß machen, heißer, als mir gewesen, wie mein Haus in Glut gefallen ist!" Mit ungestümen Händen wühlte sie in dem Haufen der Äste und zog einen knorrigen Strunk hervor.

Seufzend kratzte sich Kaganhart hinter den Ohren und schlich zum Lugaus zurück. Unwillig griff er bei der Arbeit zu, und immer glitten seine furchtsamen Augen hinauf zum Falkenstein.

Wie ein grauer Schleier hing der Regen vor Wazemanns Haus. Im Burghof ließ sich kein Laut vernehmen. Das Geflügel saß unter den Vorsprüngen der Stalldächer, die Hunde lagen in ihren Hütten, ein Pfau hatte sich in die Vorhalle geflüchtet und putzte die nassen Federn. Nur die Raubtiere, die im Stangenkäfig dem Regen schutzlos preisgegeben waren, trabten in ihrem Verließ auf und nieder, schüttelten die triefenden Felle und knurrten.

Rimiger, der mit Otloh aus der Falkenkammer trat, spähte durch den Regen empor nach den umnebelten Berghöhen. "Willst Du mit?", fragte er.

"Wohin?"

"Ich steig' zu Berg. Ich kann's nimmer mit ansehen, wie der Vater sitzt mit langem Gesicht und Fliegen fangt, statt dass er Fäust' macht und dreinschlagt."

"Ich kann's ihm nicht verdenken," meinte Otloh, und seine Stimme hatte scheuen Klang. "Wider einen Heiligen, der geschlossene Türen aufblast und durch Mauern geht, ist ein übles Streiten."

Rimiger lachte. "Ich mein', ich kenn' den Heiligen, der die Vögel hat fliegen lassen."

Erschrocken blickte Otloh den Bruder an. "Rimiger?"

"Schweig'! Ich red' nicht weiter. Ich will unter unserem Dach keinen Streit wecken, von dem ich nicht weiß, welch ein End' er nimmt. Ich steig' zu Berg ... so hab' ich den Ärger lso und muss den Vater nicht sehen, wie er im Teig sitzt! Willst Du mit?"

"Kennst Du des Vaters Spruch nicht: Nass Gejaid hat lützel Freud'?"

"Schau hinauf, es lichtet in der Höh'! Droben muss Schnee liegen ... der treibt die guten Böck' aus dem Gewänd. Ich mein', wir werfen ein paar."

"Meinethalben, so geh' ich mit."

Sie suchten ihre Kammer, und eine Weile später verließen sie, um gegen den König Eismann aufzusteigen, durch die hintere Mauerpforte den Burghof, in dicke Kotzen gehüllt, die Bogen und Federeisen in ledernen Scheiden verwahrt. Als der Knecht, der die Pforte geöffnet, hinter ihnen die schwere Türe zuwarf, erschienen, wie von diesem Lärm gerufen, Henning und Eilbert in die Vorhalle.

"Ist er heimgekommen?", rief Henning mit halblauter Stimme über die Freitreppe herunter.

Der Knecht schüttelte den Kopf und sagte, dass die Brüder zu Berg gestiegen wären. Henning nagte an seinem Schnurrbart und ballte die Fäuste. "Ich kann mir anderes nimmer denken ... er hat zu viel gewagt und ist dem Fischer in die Händ' gefallen."

"Dann ist der Fischfutter 'worden!", lachte Eilbert

"Da hilft kein Schweigen mehr, jetzt müssen wir es dem Vater sagen."

Eilbert zuckte die Achseln. "Mit dem ist heut ein schlechtes Reden, ich verbrenn' mir das Maul nicht." Und gähnend trat er ins Haus.

Wir grauer Dunst füllte das Zwielicht des Regentages die Herrenstube. Überall lag Gerät umher, als hätt' es eine zornige Hand durcheinander geworfen, und auf dem Spanbett waren die Polster und Decken zerknüllt. Bei einem der Fenster saß Herr Waze mit aufgestützten Arm, das blaurote Gesicht auf die Fäuste gedrückt, ins Leere stierend. Neben dem Sessel stand eine zinnerne Kanne auf dem Boden, dicke Mettropfen hingen an Wazes grauem Bart, und sein verwüstetes Gewand war übel anzusehen.

Henning trat auf ihn zu. "Vater ..."

"Ruh will ich haben!", schrie Herr Waze und sprang auf. Dabei stieß er die Kanne um, dass der Met über die Dielen rann. Zornig schleuderte er sie mit dem Fuß von sich, durchmaß die Stube und warf sich auf das Spanbett. Eilbert, der hinter dem Ofen saß, lachte vor sich hin und Henning stand unschlüssig, was er tun sollte. Nach einer Weile ging er zum Bett, packte seinen Vater am Arm und rief, als hätte er einen Tauben vor sich: "Hör' oder hör' nicht ... aber sagen muss ich Dir's: Der Fischer hat uns einen Knecht geworfen!"

Da schoss Herr Waze in die Höhe, als wäre Feuer auf seinem Lager, und in wilder Freude schrie er: "Bub, das ist gute Botschaft! Mag der Knecht hin sein ... aber jetzt hab' ich doch einen, an dem ich meine Gall' auslassen kann! Wart, Fischer, wart! Ich will mir Sühn' holen für meinen Knecht! Das ist Recht und Gesetz, da kann sich auch der Pfaff und sein Heiliger nicht dagegen stellen ... das ist Recht und Gesetz, dass ich Buß' verlang' für meinen Knecht! Den Blutbann über das Fischerhaus! Red', Bub, red', wie war's mit dem Knecht?" Seine Freude erhielt einen Dämpfer, als er hörte, was Henning zu sagen wusste. Aber seine Lebensgeister waren aufgerüttelt. Das bekam als erster Henning zu fühlen, über den die Schimpfworte niedergingen wie draußen über das Dach der Regen. Dann kam Eilbert an die Reihe, welchem Henning die Schuld gab, dass der Vater nicht am Morgen schon von der Sache erfahren hätte. "Hätt' ich's am Morgen gehört, so hätt' ich jetzt schon den beweis in meiner Hand!", schrie Herr Waze, dass die Türen zitterten vom Hall seiner Stimme. "Aber ich muss ihn haben, noch eh' der Tag vergeht! Rimiger! Wo ist Rimiger? Her mit ihm!" Als er hörte, dass Rimiger mit Otloh zur Jagd gezogen wäre, schlug er in schäumendem Zorn die Fäuste auf den Tisch. "Der einzig', auf den ich mich verlassen kann! Und der lauft davon, jetzt, wo ich ihn brauch'! Jahr aus und ein liegt mir das ganze Rudel an der Schüssel ... und brauch' ich einen, so geht der Gauch seien eigenen Weg'!"

Weder Henning, noch Eilbert, noch einer der drei anderen Brüder, die das Geschrei aus der Kammer gerufen hatte, wagte ein Wort zu erwidern. Herr Waze, dem der Atem ausgegangen, warf sich auf einen Stuhl und schob die Fäuste über den Tisch. Mit heiseren Lauten sprach er vor sich hin: "Der Knecht ist weg und abgetan, sonst wär' er heimgekehrt! Wer hat ihn geworfen? Wer sonst als der Fischer? Er muss es getan haben, er muss! Ich will ihn haben! Ich will! Aber ich muss den Rechtweg gehen ... ich spür' eine Faust im Genick, die keiner sieht!" Schwer atmend schielte er nach dem Kreuz, das an der Mauer hing. Lange schwieg er. Endlich erhob er sich, schnallte den Ledergurt an seiner Hüfte fester, riss einen Wildfänger von der Wand und schob ihn in das Gehäng des Gürtels. "Henning!"

"Ja, Vater."

"Nimm zwei Knecht' und zieh gegen den Untersteiner Forst. Eilbert und Gerold ... gegen die Grünsteiner Halden. Sindel mit Hartwig und einem Knecht ... gegen die Schönau. Haltet Umfrag nach dem verlorenen Mann, und findet ihr einen, der nur ein einzig Wort wider den Fischer zu reden weiß, so schafft mir den zeugen her in mein haus! Bei dem Fischer halt' ich selber Anfrag! Also weiter!"

Die Brüder verließen die Stube. Sindel, der als letzter ging, hörte noch die Frage: "Wo ist Recka?"

"Ich weiß nicht!"

Herr Waze ging auf Reckas Kammer zu und wollte eintreten. Doch von innen war der Riegel vorgeschoben. "Mach' auf!", schrie er und stieß mit dem Fuß an die Türe.

Recka öffnete. Mit einem Antlitz, fast so bleich wie das weiße Gewand, das sie trug, stand sie auf der Schwelle und sah den Vater an.

"Was sperrst Du Dich ein vor mir?"

"Nicht vor Dir! Vor jedem! Ich will allein sein, wenn ich Heimgart halt' mit meiner Mutter."

Zornig lachte Herr Waze; doch sein Lachen erstickte, als er in Reckas Hand den zerbrochenen Beinreif sah, den er erkannte, obwohl er ihn nicht mehr gesehen hatte seit Frau Frideruns letzten Tagen. Er wich zurück, und fahle Blässe rann über sein Gesicht. "Wie kommst Du zu dem verwünschten Knochen?"

"Ich hab' gekramt in meiner Mutter Geschmeid und hab' wieder sinnen müssen, warum meine Mutter wohl geweint hat, so oft ich das Bein in ihrer Hand gesehen hab'."

"Das ist kein Kram für Dich, her damit!", keuchte Herr Waze und streckte die Hand.

Mit gefurchten Brauen trat Recka zurück. "Du bist mein Vater! Nimm mir, was ich hab' von Dir, und wär's das Leben! Doch was ich hab' von meiner Mutter, das halt' ich!" Sie legte die Hand mit dem Bein an ihre Brust.

Wazes Lippen verzerrten sich, und mit funkelnden Augen maß er die Tochter. Doch er konnte ihren Blick nicht ertragen und wandte sich wortlos ab. Die Türe schloss sich, und er hörte den Riegel klirren, während er der Vorhalle zuschritt. Vor der Schwelle bleib er zögernd stehen und murmelte: "Ich sollt' nicht gehen heut ... ich hab' das Bein vor meinem Weg gesehen!" Da hörte er das Wiehern und den Hufschlag seines Pferdes, das ein Knecht vor die Freitreppe führte. Er schüttelte sich und wischte mit der Hand über die Stirn. Der Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht, als er über die Stufen niederstieg, auf denen das Wasser rann.

Die Brüder hatten den Burghof schon verlassen. Als sie über den in einen Bach verwandelten Reitweg niederstiegen, hörten sie von der Seelände schreiende Stimmen und Rindergebrüll. "Sein Vieh ist von den Alben heimgekehrt," lachte Henning, "zu guter Zeit für uns! Er soll für den Knecht ein Wehrgeld zahlen, das ihn mehr noch kostet als den letzten Kuhschweif!"

Unweit der Achebrücke trennten sich die Brüder. Henning folgte mit den beiden Knechten dem Lauf des Wassers ...

Um die gleiche Zeit stand Sigenot in der Stube des Richtmanns, um ihn her das Gesinde, die beiden Mägde bleich und zitternd, die vier Knechte mit ernsten Gesichtern. Sie hatten erfahren, was in der Nacht geschehen war, und dass dem Haus ihres Herrn der Blutbann drohe. Sorgende Furcht hatte sie befallen, doch Sigenots Anblick und seine Ruhe gab ihnen Hoffnung und Zuversicht, und willig legten sie die Hände zum Treugelöbnis in seine Rechte. Rasch vollzog sich alle nötige Arbeit. Von den Vorräten, die sich im Haus fanden, wurden zwei Kraxen beladen, welche die Mägde tragen sollten, denn Sigenot meinte: "Wir Männerleut' brauchen freie Händ' auf dem heutigen Weg." Die paar Stücklein Vieh, welche in Heimweide standen, um den Bedarf an Milch für das Haus zu decken, wurden im nachbarlichen Gehöft des Köppeleckers untergebracht und sollten nach Einbruch der Dunkelheit zum Fischerhaus getrieben werden. Der heimkehrenden Almenherde des Richtmanns war Sigenot auf dem Weg begegnet und hatte sie nach seinem Hag gewiesen. An Haus und Ställen wurden alle Türen vernagel und verpflöckt, dann nahmen die Mägde die Kraxen auf, die Knechte verteilten unter sich, was sie im Haus an Waffen und Äxten gefunden, und so verließen sie die Hofreut. Sigenot schloss von innen das Tor, legte die Sperrbalken ein und schwang sich auf den Hag. Eh' er nieder sprang, glitten seien Augen über das stille Gehöft. "Der starke Herr soll Dich schützen, Du verlassener Herd, und soll Dich wahren für Deine Leut' und meine gute Schwester!"

Unter strömenden Regen wanderten sie über die sumpfigen Äcker. Als sie am Hag des Köppeleckers vorüber kamen, huschte der Bauer aus dem Tor und flüsterte dem Fischer zu: "Such' anderen Weg! Die Wazemannsleut' gehen um in der Schönau ... beim Waldhauser sind sie gewesen, und zuletzt hab' ich sie beim Hag der Hanetzerbuben gesehen."

Sigenot nickte vor sich hin, als käme ihm diese Botschaft nicht unerwartet, und nahm den Weg mit seinen Leuten talwärts gegen die Ache. So hatte er wohl die Begegnung mit Sindel und Hartwig vermieden, welche in der Schönau nach dem Vermissten forschten; doch im Tal der Ache traf er mit Henning zusammen, dessen beide Knechte die von einer Kotze bedeckte Leiche auf den Speerhölzern getragen brachten, bis über die Knöchel in dem gelben Wasser watend, das die Ache über ihre Ufer goss.

Als Sigenot, mit seinen Leuten über den von welken Büschen bewachsenen Hang niedersteigend, in der Talsohle die Kommenden gewahrte, hieß er die Mägde voranschreiten und flüsterte den Knechten zu: "Schweigt, wenn er uns anruft. Muss geredet sein, so red' ich allein!" Auf einen Speerwurf waren die Wazemannsleute hinter ihm, als er, den Zug der Seinen schließend, den überschwemmten Talweg erreichte. Da klang schon die Stimme Hennings: "Zeit lassen, Fischer!"

Sigenot blickte über die Schulter zurück und schritt weiter.

"Steh, Fischer! Oder hast Du Angst in den Füßen?"

Sigenot verhielt den Schritt und wandte sich. Auch die Knechte des Richtmanns bleiben stehen, während die Mägde ihren Gang beschleunigten. Henning und die beiden Knechte mit ihrer stillen Last kamen näher.

"Was willst Du von mir?", fragte Sigenot.

"Schau her, was wir gefunden haben!" Henning riss die Kotze von der Leiche. "Kennst Du den Mann?"

"Wohl, Henning! Es ist Dein Knecht, den Du auf Weg' geschickt hast, für die Dein eigener Mut nicht gereicht hat."

Henning lachte heiser. "Sieh doch! Wie gut Du weißt, welchen Weg mein Knecht gegangen ist in seiner letzten Nacht! Da wundert mich nimmer, dass Dein Fischknecht, wie ich gehört hab', gar so erschrocken getan hat beim Untersteiner Hag."

"Wenn Du Dich nimmer wunderst, warum fragst Du noch?"

"Ist Dir vielleicht um die Antwort bang? Ich mein' schier, man könnt' von Dir erfragen, wer meinen Knecht erschlagen hat."

Sigenot schwieg.
"Bleibt Dir die Red' in der Gurgel stecken? So red' Dich doch aus auf Deinen Knecht ... sag' doch: Der Wicho hat's getan!"

Um einen Schritt trat Sigenot näher. "Die Wahrheit will ich Dir hehlen ... und lügen kann ich nicht. Denk Dir: Ich hab's getan, so brauchst Du nicht weiter zu fragen!"

"Er hat gestanden," schrie Henning seinen Knechten zu, "fasst ihn, mein Vater will es!"

Die Knechte ließen die Leiche in die Pfütze gleiten, um ihre Speere frei zu bekommen; doch als sie sahen, dass Sigenot einem seiner Leute die Axt entriss, blickten sie zögernd auf Henning.

"Es wird sich hart machen mit dem Fassen!", rief Sigenot, dessen klingende Stimme das dumpfe Rauschen der vorüber schießenden Ache hell übertönte. "Deine Helfer fürcht' ich nicht. Und Du? Du zählst ja nicht! Du hast ja nur Mut, wenn Du den Pfeil werfen kannst aus dickem Busch oder den Stein lösen auf sicherem Gewänd."

In bleicher Wut riss Henning das Messer vom Gürtel und schwang es zum Wurf. Erschrocken fiel ihm einer der Knechte in den Arm. Henning wollte sich losreißen, auf dem durchweichten Boden glitten ihm die Füße aus. Er taumelte und fiel, kollerte über die Leiche, und ehe die erschrockenen Knechte ihn zu haschen vermochten, hatte er in dem über das Ufer getretenen Wasser den Grund verloren und verschwand mit gurgelndem Schrei in den Wirbeln der Ache. Kreischend und ratlos standen die Knechte; aber Sigenot hatte schon die Axt von sich geschleudert, in jagender Eile rannte er durch das aufspritzende Wasser am Ufer dahin, und als er in einem schäumenden Wirbel zwischen Felsblöcken Hennings Arm auftauchen sah, sprang er mit weitem Satz in die Wellen. Den Treibenden am Genick fassend, schwang sich der Fischer, der auf dem Grund der Ache jeden Stein und jede Untiefe kannte, auf einen von den Wellen überspülten Block. Und ehe die schreienden Knechte noch zur Stelle kamen, hatte Sigenot mit dem Geretteten schon das jenseitige Ufer gewonnen. Halb von Sinnen taumelte Henning zu Boden, als der Fischer ihn aus seinen Händen ließ.

Sigenot schüttelte das Wasser von sich und schöpfte Atem. Ein müdes Lächeln huschte über seine Lippen. "Sag', Henning, denkst Du noch der Wort', die Du in jener Sturmnacht Deiner Schwester zugerufen, weil sie in meinem Geleit den Heimweg gefunden hat? Jetzt nimm die Wort' zurück: Schäm' Dich, Henning, bist Blut von Wazes Blut und musst Dir helfen lassen von einem, wie ich bin!"

Er wandte sich ab und schritt unter den Bäumen am Ufer entlang.

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