Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 7

Spät erwachte über dem Lokiwald der Morgen. Kaum auf Steinwurfweite drang der Blick, alle Luft war grau vom strömenden Regen, schattenhaft zog sich der Waldsaum mit seinen Bäumen um die Rodung her, und während der kalte Wind den Regen durch Tür und Fensterlucken in die Klause peitschte, rauschten auf allen Berggehängen ringsumher die angeschwollenen Bäche. Zuweilen klang durch das dichte Gewölk ein dumpfes Rollen von den Höhen nieder - dort oben lösten sich Massen des Gesteins, welche das Erdbeben gelockert hatte und das strömende, in Fugen und Risse sich zwängende Wasser ihres letzten Haltes beraubte. Schwieg für kurze Weile der sausende Wind, und dämpfte sich das Rauschen des Regens und der Bäche, so tönte bald von hier und bald von dort aus steilem Bergwald nieder das Gebrüll der Rinder, ein verschwommenes Geläut der Schwellen und das ferne Geschrei der Hirten, welche unter Gefahr und Not vor dem auf den Almen fallenden Schnee mit ihren Herden in die Täler flüchteten.

Am Waldsaum der Rodung mischte sich Beilschlag und das Knirschen einer Säge in das Geplätscher des Regens. Eberwein und Schweiker, im Arbeitskleid und triefend vor Nässe, zimmerten die Läden für die Fensterlucken des Kirchleins und der Klause. Sie wechselten nur selten ein paar Worte, welche dir Arbeit erforderte. Schweiker führte jeden Hieb, als schlüge er nicht auf wehrlose Blöcke los, sondern in Zorn auf einen verhassten Feind. Die von ihm gespaltenen Bohlen fügte Eberwein mit Querlatten und Holznägeln aneinander. Rastlos zog er die Säge und schwang den Hammer; von seinem blonden Haarkranz rann das Wasser wie von einer Traufe, und nass klebte ihm der lichte Bart an der Brust. Die schwere Arbeit schien ihm Erquickung und Trost zu sein, denn gesunde Röte brannte auf seinen Wangen, und seine Augen blickten ruhig. Und er hatte doch in der Nacht, an dem Lager des Knaben sitzend, kaum für eine Stunde die Lider geschlossen.

Stunden vergingen; gegen Mittag standen die Türen gezimmert und die Läden gefügt. Noch einmal prüfte Eberwein seine Arbeit, dann legte er den Hammer nieder. "Bedarfst Du meiner Hände noch?"

"Nein, Herr! Mit allem anderen komm' ich schon allein soweit, dass Türen und Fenster gut verwahrt sind bis zur Nacht. Vergönn Dir ein Stündlein Ruh!"

"Ruhe?" Eberwein schüttelte den Kopf. "Ich ende die Arbeit, weil ein Weg mich ruft." Er schritt der Klause zu, um das Gewand zu tauschen. Starr blickte ihm Schweiker nach und murmelte: "Wenn er sich nur wieder verirren tät' ... nur dass ich ihn suchen und finden könnt'!" Er strich mit den Händen über Haar und Bart und schleuderte das Wasser von den Fingern, dann hob er die Axt. Doch ohne zu schlagen ließ er sie wieder sinken, träumte mit aufgerissenen Augen vor sich hin und stammelte: "So ein Teufelsbraten, wie ich einer bin! So ein schlechter Kerl!" Wie in Grausen vor sich selber spuckte er aus, packte das Beil und drosch auf einen Baumblock los, dass die Späne flogen. Was er dabei zuwege bringen wollte, das wusste er nicht - er schlug und schlug, bis der ganze Block in Splitter ging. Dann warf er das Beil zu Boden, blies die Backen auf, hob vier der schweren Fensterläden auf seine Schulte rund trug sie dem Kirchlein zu.

Vor der Klause trat ihm Bruder Wampo entgegen, hustend und die Augen reibend. Der Herdrauch hatte ihn aus der Stube hinaus gebissen. "Bruder, Bruder," jammerte er, "die schieche Zeit hebt an! Heraußen gießt es, als käm' die Sündflut, und drinnen raucht es, als hätt' die Höll' sich aufgetan! Da soll man kochen! Und was! Wassersterz mit Bohnenmus! Und zwei Tag' noch, so hat das auch ein End'! Der Mehlsack schlottert, und das Bohnensäcklein hat den Schwund!"

"Lass mich in Ruh!", murrte Schweiker. "Hast ja Fisch'!"

"Fisch', Fisch'!" Bruder Wampo verdrehte die vom Herdrauch brennenden Augen. "All Tag' dreimal Fisch', da kriegt einer auf die Läng' auch genug dran! Käm' nur bald die gute Hinzula wieder mit ihrem Himmelsbrot ..."

"Schweig mir von der Dirn!", fuhr Schweiker auf, dass der andere erschrocken vor ihm zurückwich. Die Fensterläden wackelten auf seiner Schulter, während er mit speerlangen Schritten die Türe des Kirchleins suchte. Ein Zittern war ihm in die Arme gekommen, und dicke Tropfen kollerten ihm über die Backen. Das war kein Regenwasser.

Als er die Kirche betrat, blickte er scheu an dem stillen Kreuzbild empor und stellte schwer atmend die Läden nieder. In unruhiger Hast begann er zu arbeiten und befestigte an der Balkenmauer die hölzernen Schienen, zwischen denen die Läden laufen sollten. Da verdunkelte sich die Türe, und aufblickend sah Schweiker auf der Schwelle einen jungen Bauer stehen, dem eine triefende Lodenkotze von den Schultern nieder hing. Es war der Hanetzer.

"Was willst Du?"

Neugierig umherspähend trat der Bauer in die Kirche und lachte. "Ich muss mir die Leut' doch auch ein lützel anschauen, für die der Richtmann heimliche Weg' geht und rote Arbeit macht."

Schweiker hörte nur das rohe Gelächter, und seine Stirn wurde rot. "Hier ist kein Ort zum Lachen, hier ist ..." Da sah er, dass der Hanetzer die Lammfellkappe auf dem Kopf trug. Mit einem Sprung stand er vor dem Bauer und hob in aufwallendem Zorn den Arm. "Du Schuft! Trittst Du so in Gottes Haus? Ich will Dir Ehrfurcht weisen!" Und auf des Hanetzers Backe klatschte eine Ohrfeige, so ausgiebig und gewichtig, dass ihr Hall das Kirchlein füllte, und der Baue ran die Mauer taumelte. "Das wirst Dir merken für ein andermal!", sagte Schweiker und atmete auf, als hätte sich all die drückende Gewitterschwüle, welche sein Inneres erfüllte, mit diesem Schlag entladen.

Während der Hanetzer seine fünf locker gewordenen Sinne wieder zusammensuchte, die Lammfellmütze von der Erde raffte und mit heiserem Fluch aus dem Kirchlein wich, klang hinter dem Bruder, der das Hochgefühl seiner guten Tag genoss, eine bebende Stimme: "Schweiker! Schweiker!" Eberwein stand vor ihm, in der einen Hand das Grießbeil, in der anderen den schwarzen, breit geränderten Filzhut, wegfertig für die Wanderung nach der Ramsau. Vor dem Blick seines Herrn überkam den Bruder jählings ein Gefühl, als wäre seine Tat doch nicht so gut und fromm gewesen, wie er meinte.

"Schweiker! Schweiker! Glaubst Du, dieser eine wird wiederkommen, wenn Du die Glocke zeihst und ihn rufst um der Liebe Gottes willen?"

Schweiker verfärbte sich und stotterte: "Mit der Kapp' ist er eingetreten in den heilen Raum ... der Unchrist!"

"So? Den Splitter in Deines Bruders Aug' erkennst Du, aber nicht den Balken in Deinem eigenen Aug'? Hast nicht Du den heiligen Raum noch mehr entweiht? Hast nicht Du den heiligen Raum noch mehr entweiht? Hat Christus Dich gelehrt, mit Schlägen für sein Reich zu werben? Sagte er in seiner Liebe: Wenn Dein Bruder gefehlt hat, so zürne ihm und schlage nach seiner Wange?"

In Zerknirschung schüttelte Schweiker den dicken Kopf und stammelte: "Nein, Herr! Ich mein', er hat gesagt: Haut Dich einer hinters rechte Ohr, so ..." Weiter kam er nicht mit diesem Bibelspruch, für den er seine eigene Fassung hatte. Ein Gedanke war ihm in seine langsamen Sinne gefahren, er schoss zur Tür hinaus, und als er den Hanetzer nach dem Waldsaum erblickte, rannte er ihm mit langen Sprüngen nach. "He, Du! Halt' ein lützel!"

Der Hanetzer blickte sich um, und da er den rennenden Mönch gewahrte und von des Bruders schwieliger Hand eine neue Belehrung fürchten mochte, fing er zu laufen an, was ihn seine Füße trugen. Für Schweikers lange Beine aber war der Bauer, der den Tatzenschlag des Bären noch spürte, nicht flinke genug. Unter den triefenden Bäumen haschte ihn der Bruder bei der Lodenkotze. Schreiend suchte der Hanetzer sich loszureißen, doch Schweiker hielt fest und keuchte: "Verzeih mir, guter Mann, um Christi willen, und tu mir aus Nächstenlieb' nur grad den einzigen Gefallen und gib mir die Tachtel wieder heim! Hau' zu, ich weh' mich nicht!" Der Bauer riss Mund und Augen auf; aber Schweiker bat so rührend um die Heimzahlung, dass der Hanetzer auf die Dauer nicht widerstehen konnte. Er trat einen Schritt zurück, strich mit den Fingern der rechten Hand über die nasse Lippe und zog aus. Lachend empfing der Bruder den klatschenden Schlag, nickte dem Bauer dankbar und freundlich zu und rannte nach dem Kirchlein. Kopfschüttelnd blickte ihm der Hanetzer nach. "Einen solchen Narren hab' ich doch all meiner Lebtag' nicht gesehen! Könnt' aus mir ein Mus machen mit seinen Fäusten ... und lasst sich hauen!"

Als Schweiker das Kirchlein erreichte, sah er Eberwein auf der Altarstufe sitzen. "Herr, jetzt hab' ich sie wieder ... er hat sie mir heimgezahlt!" Es hätte wohl dieser Meldung nicht bedurft, denn deutlich sah man auf Schweikers Wange die fünf Finger des Hanetzers abgezeichnet. "Das ist eine gewesen aus einer gesunden Mutter Hand ... aber ich fürcht' halt doch, die meinige hat fester gewogen!"

Eberwein musste lächeln; und es war ihm anzusehen, dass ihm bei aller Sorge, die ihn drückte, der Anblick dieses ungeschlachten Menschen wohl tat wie ein warmer Sonnenblick bei trübem Wetter. "Das nenn' ich flinke Sühne! Ein andermal aber denke der Güte und Duldung, bevor Du schlägst."

"Wohl wohl, Herr! Aber es gibt halt Menschen, weißt ... da steigt einem die Gall' auf, man weiß nicht wie!"

"Gegen die Guten gut sein, das ist ja kein Verdienst, mein lieber Bruder."

"Freilich, freilich. Aber gegen die Schiechen freundlich sein ... das muss halt einer können! Du, freilich, Du kannst es ... bist doch auch gut zu mir, und ich bin doch so ein grauslicher Kerl! Du hast es halt gelernt, das Gutsein!"

"Gelernt? Meinst Du?" Ein wehmütiges Lächeln glitt um Eberweins Lippen. "Ich will Dir sagen, in welcher Schule. Komm!" Er fasste Schweikers Hand und zog ihn an seine Seite.

Der Regen prasselte auf dem Dach des Kirchleins, und rings um die Balkenmauern plätscherte die Traufe. Fuhr ein Windstoß gegen die Wände, so trieb er durch die Fensterlucken den Wasserstaub herein und wehte ihn über die beiden, welche dem Altar zu Füßen saßen.

"Nicht wahr, das weißt Du, dass ich nicht Vater noch Mutter habe?"

Schweiker nickte. "Meine Mutter ist eine Alberin gewesen, aber Vater hab' ich auch keinen. Wird halt ein Senn gewesen sein oder ein Jägerknecht ... ich weiß nicht. Die mich ins Kloster genommen, die haben mir nie geredet davon."

"Erst wenige Tage war ich alt, als der Fischer vom Eibinsee mich fand, weit von hier, auf der Romstraße bei der Partenkirche, mitten im Wald. In der Grafenburg auf dem Wertofels, unter Eigenleuten, bin ich aufgewachsen und ein Bub geworden, der auf dem Karwendel die Geißen gehütet hat."

"Ein Geißhirt!" Schweiker seufzte, und seine träumenden Augen blickten, er wusste selbst wohl nicht, wohin. "Selbigs Mal musst Du es aber gut gehabt haben, gelt?"

"Als ich in das Kloster kam, hab' ich in meiner kleinen Zelle wohl manche stille Zähre vergossen, wenn mein Aug' die hohen Berge suchte. Aber mir wurde in dem frommen Haus mit jedem Tage froher ums Herz, und ich bin ein fleißiger Scholar geworden. Die Arbeit war mir Freude, und durfte ich über einem Buch sitzen, so war mir wohl. Nur eines störte das ruhige Gleichmaß meines Lebens: Wenn die Väter und Brüder der jüngeren Mönche in das Kloster kamen, oder wenn meine Schulgenossen zu hohen Feiertagen heimzogen in das elterliche Haus, das waren bittere Stunden für mich. Dann wurden meine Augen nass, und in heißer Sehnsucht schwoll mein Herz der Mutter zu, die ich nicht kannte, dem Vater, dessen Namen ich nicht nennen konnte. Hundert Gedanken, süß und dennoch schmerzlich, zogen in solcher Stunde durch meine Seele. Wo sollte meine Sehnsucht die Eltern suchen? Waren sie heimisch in jenem Tal, in dem ich gefunden wurde? Oder saßen sie in fernem Land? Hatte eine böse Hand mich ihnen geraubt, oder Missgeschick und Zufall mich von ihrem Herzen gerissen? Beweinten sie mich als verloren und tot oder hofften sie ihr Kind im Leben noch einmal wieder zu sehen? Trugen sie Weh und Schmerzen um mich oder hatten sie Trost gefunden in der Liebe zu Kindern, die ihnen verblieben waren? Hatte ich Brüder? Oder eine Schwester?" Matte Röte floss über Eberweins Züge, seine feuchten Augen glänzten, und leise bebte seine Stimme. "Eine Schwester! Das hab' ich oft gedacht und hab ihr trautes Bild mir vorgemalt: Jung und hold, gut und liebenswert." Er streckte in tiefer Bewegung die Arme, als könnte er mit Händen greifen, was er sah in seinem Herzen.

Offenen Mundes und mit Augen, aus denen dicke Zähren kollerten, hing Schweiker an seines Herrn Antlitz. Es währte eine Weile, bis Eberwein wieder zu sprechen begann: "Zwanzig Jahre zählte ich, da ich als jung geweihter Priester aus dem Kloster zog. Doch eh' ich hinauswanderte in das ferne Land, trieb es mich zum Eibinsee, zum Fischer Ostalar, der mich gefunden. Wohl war der Himmelsherr mein guter Vater geworden, die Kirche meine treue Mutter ... doch in einem Winkel meines tiefsten Herzens brannte noch immer die Sehnsucht nach den Meinen. Es war eine helle, laue Mondnacht, als ich den öden See erreichte, der zwischen schwarzem Wald und schwindelnd hohen Felsen gebettet liegt. In armseliger Hütte fand ich den alten Fischer. Er schlief, und ich musste ihn wecken. Nun saßen wir in der stillen Nacht, Mond und Sterne über unseren Häuptern, vor uns das schwarze, regungslose Wasser. Zitternde Hoffnung in meinem Herzen, stellte ich Frage um Frage. Doch er schüttelte den weißen Kopf und sagte: 'Lass das Fragen sein, ich kann Dir mehr nicht künden, als was Du lang schon weißt.' Ich merkte aber wohl an seinem Ton, dass er nicht die Wahrheit sprach. Und als ich mit Fragen nicht nachließ, ging er in die Hütte, brachte mir ein wertloses Stück Geschmeide und sagte: 'Nimm, das hab' ich nicht weit von dem Platz gefunden, an dem Du gelegen bist ... ob es Dir gehört oder einem anderen, das weiß ich nicht!' Mit nassen Augen starrte ich das stumme Rätsel an. Wenn es doch reden könnte! Ach, Schweiker, wohl zu tausend Malen seit jener Stunde hat meine ziellose Sehnsucht jene Worte gesprochen: Wenn es doch reden könnte! Ist es mein eigen? Stammt es aus dem Haus der Meinen? Ich weiß es nicht. Seit jener Stunde aber trag' ich das Kleinod an meinem Herzen. Mag es auch so wertlos sein, dass es kein Bettler von der Straße nähme ... meinem Herzen macht es der Glaube teuer, dass es ein Glied der gesprungenen Kette ist, die mich an die Meinen knüpfte."

Eberwein drückte die Hände auf seine Brust, an welcher er das ungelöste Rätsel seiner Herkunft unter der Kutte verwahrt trug, mit dem Zeichen seiner priesterlichen Weihe, dem Kreuz, zusammen an eine Schnur gebunden.

"Es dämmerte der Morgen, als ich den stillen See verließ. Eine Strecke gab mir der alte Fischer das Geleit, und als ich von ihm schieden wollte, legte er die Hand auf meine Schulter und sprach: 'Eins noch muss ich Dir sagen! Was ich dem Knaben allzeit verschwiegen hab', das wird der Mann, der Du geworden bist, wohl hören können!' Ach, Schweiker, erschütternde Kunde war es, die ich vernehmen musste! Nicht weit von der Stelle, an welcher der alte Fischer das wimmernde Kind auf seine Arme gehoben, hatte er den zerfleischten Leichnam eines Weibes gefunden, das Opfer der hauenden Schweine, deren Zähnen wohl auch das wehrlose Kind verfallen wäre, hätte nicht der Schrei des mutigen Mannes sie verscheucht. Wer war dieses Weib? Meine Mutter? Wie der Tag sich scheidet von der Nacht, so drängte ich diesen grauenvollen Gedanken aus meiner Seele. Wer war dieses Weib?"

"Vielleicht Deine Hüterin, Herr?", fiel Schweiker mit stammelnden Worten ein, "oder ein fahrendes Weib, das Dich gestohlen hat!"

"So dachte auch ich! Denn in meinen Herzen schrie eine Stimme: Deine Mutter lebt ... suche, suche! Wohin aber meine Schritte wenden? Ich wusste es nicht. Ziellos wanderte ich im grauen Morgen auf der Straße dahin, Feuer in meinem Herzen, einen Wirbel in meiner Seele. Es ging der Wald zu Ende, und Felder kamen. Am Rand des Gehölzes sah ich eine arme Frau, die sich schleppte mit einem schweren Reisigbündel, keuchend und seufzend. Was kümmerte mich das fremde Weib und seine Bürde ... trug ich nicht selbst auf meinem Herzen eine Last, noch drückender und schwerer? Ich eilte an der Armen vorüber, doch das Bild ihrer Mühsal wollte mich nimmer verlassen. Und quälend erwachte ein Gedanke in mir. Du suchst Deine Heimat, schrie es in meiner Seele, und willst in der Ferne suchen? Wer weiß, ob Dir nicht nahe liegt, was Du suchen gehst, näher, als Du ahnen magst. Wer weiß, ob nicht dieses Weib Dir Kunde geben könnte! Und ist Dir dieses Weib denn wirklich eine Fremde? Kannst Du denn wissen, ob sie nicht zu Deiner Sippe gehört, ob nicht Blut von ihrem Blut in Deinen Adern rinnt? Und Du zogst vorüber an ihr und ließest sie seufzen unter Mühsal und Bürde ... kehr um, kehr um! So rief es in mir, und ich eilte zurück, hob die Last der Armen auf meine Schulter und trug ihr das schwere Bündel bis zum Hagtor. Sie hatte nicht Antwort auf meine fragen und wusste von keinem verlorenen Kind. Ihr Dank aber hatte warmen Klang. Freundlich sahen ihre Augen mich an, und ich zog meiner Wege, als hätt' ich Trost empfangen, als wäre die Bürde meines Herzens leichter geworden um gute Pfunde. Und sieh, Schweiker: Wie mit diesem armen Weib, so ist es mir von Stund' an mit jedem Menschen ergangen, den ich schwanken und seufzen sah unter einer Bürde des Lebens. Hilf', hilf', Du hilfst den Deinen - rief immer wieder die Stimme in mir, und ich musste leiben, die ich leiden sah, und konnte jenen nicht zürnen, die mir Übles taten. Oft wollte mir das Blut in heißem Zorn, denn mehr als einmal hab' ich Undank erfahren, wo ich Wohltat übte, und Spott empfangen, wo ich Liebe gab - aber je heißer mein Zorn erwachte, so lauter rief die Stimme in mir: Vergib, es könnte Dein Bruder sein, wider den Du stehen willst in Zorn und Streit!"

"Und nie, Herr, nie hast Du 'was erfahren von den Deinen?"

"Ich weiß auch heute nicht mehr von ihnen als in jener Stunde, in der ich den alten Fischer verließ. Und längst schon hab' ich das Suchen aufgegeben, meine Sehnsucht wurde stiller von Jahr zu Jahr, denn ich meinte, Gottes Willen zu erkennen. Er hat mich berufen zu seinem Dienst und hat mir die Meinen genommen, um meiner Liebe tausend Brüder und Schwestern zu geben."

"Alle Menschen? Gelt, Herr? Und keiner soll ausgeschieden sein von Deinem Herzen?"

Eberwein schüttelte den Kopf und wollte sprechen. Da kam Bruder Wampo in das Kirchlein und rief: "Ich bitt' Dich, guter Herr, komm doch ein lützel, der arme Bub verlangt nach Dir. Er hat gemeint, er könnt' schon wieder laufen ... und jetzt rinnt ihm das Blut unter den Leinen heraus."

Eberwein war aufgesprungen. "Wazemann!", klang es in aufflammendem Zorn von seinen Lippen. "Ja, Schweiker! Dieser einzige von allen, er und seine Söhne ... sie sollen geschieden sein von meiner Liebe! Ich will diesem Tal ein treuer Hirte sein ... wie dürft' ich die Wölfe lieben, diem eine Lämmer schlagen!"

"Recht, Herr, recht hast Du!", fiel Schweiker ein, während dunkle Röte sein Gesicht übergoss. "Und derselbig' von ihnen, den sie Henning nennen, der soll aufgehoben sein für meine Fäust'!" Eberwein hörte diese Worte nicht mehr, er hatte mit Wampo die Klause betreten. Schweiker packte den Hammer, begann seine Arbeit wieder und hämmerte drauf los, als fiele jeder Schlag, mit dem er die hölzernen Nägel in die Balken trieb auf Hennings Schädel. Dazu redete er mit halblauter Stimme: "Wart nur! Ich will Nächstenlieb' üben, rechte und feste Nächstenlieb'. Aber einer ...", ein krachender Hammerschlag begleitete dieses Wort, "einer soll ausgenommen sein! Wart nur! Lauf mir nur über den Weg! Hui!" Der Hammer fiel, dass die Balken dröhnten. "Spürst den Hieb? Gelt, der hat ausgegeben? Du wirst mir das Dirndl in Ruh lassen, Du!" Jählings verstummte er in seinem Selbstgespräch. Er blickte scheu um sich und nahm die Arbeit wieder auf. Doch schon nach kurzer Weile ließ er den Hammer sinken, starrte vor sich hin und murmelte: "Es ist doch Nächstenlieb'! Nur Nächstenlieb'! Kein Bröselein darüber!" Er nahm einen Laden auf und schob ihn zwischen die festgenagelten Leisten. "Wie mein Herr seine Mutter, so muss ich ja meinen Vater suchen ... und wer kann's denn wissen, es könnt' ja Blut in ihr sein von meines Vaters Blut ... weil ich ihr doch so gut sein muss, als wär' sie meine Schwester!" Er blies die Backen auf und schüttelte bedenklich den Kopf. Der Gedanke, der ihm da gekommen war, schien ihm nicht zu gefallen. Seufzend trat er zu einem anderen Fenster und begann zu hämmern. "Sie ist in Not gewesen, ich bin ihr beigesprungen, aber jetzt muss alles aus sein! Aus und gar!" Er schlug und klopfte, dass der Hall das Kirchlein füllte. Doch plötzlich hielt er erschrocken inne - durch das Rauschen des Regens hörte er eine schluchzende Mädchenstimme. Der Hammer flog aus seiner Hand, und mit langem Sprung gewann er die Tür. Mit verblüfften Augen stand er im strömenden Regen und sah vor der Klause ein hässliches Geschöpf zu Eberweins Füßen liegen, ein Bild des Jammers, schluchzend und Worte stammelnd, die er nur halb zu deuten wusste.

Doch Eberwein schien zu verstehen, was dieser Schmerz ihm sagen wollte, und es musste böse Kunde sein, die er hörte, denn seine Augen blickten entsetzt, und fahle Blässe deckte seine Züge. In Sorgen eilte Schweiker auf ihn zu. "Herr, was ist Dir?"

"Waldram!", stammelte Eberwein, riss sich los aus den Armen der Magd und stürzte in die Klause.

Während Schweiker die Schluchzende von der Erde hob, hörte er durch das offene Fenster die bebende Stimme seines Herrn: "Waldram! Was tatest Du in der Ramsau!"

"Was meines Amtes war!", klang mit zorniger Schärfe die Antwort.

"Wo ist Hiltischalk?" Schweigen folgte, dann hob sich die Stimme Eberweins: "Steh mir Rede, ich frage Dich als Dein Herr!"

"Ich gehorche der Kirche, der Du die Treue brachst, nicht Dir! Du bist mein Herr nicht mehr!"

"Darüber rechten wir ein andermal! So frag' ich Dich jetzt als Mensch: Was ist aus Hiltischalk und seinem Weib geworfen? Rede!"

"Ich weiß es nicht! Und was fragst Du mich? Bin ich bestellt, Verdammte zu hüten? Frage bei der Hölle an, der sie verfallen waren!"

"Waldram, Waldram! Und Du, Du nennst Dich einen Priester!"

Dumpfe Stille folgte diesen Worten; verstört und bleich erschien Eberwein in der Tür der Klause, hinter ihm Bruder Wampo mit erschrockenem Gesicht. Eberwein fasste die Hand der weinenden Magd. "Folge mir, Mätzel, komm, wir wollen suchen! Komm nur und weine nicht, wir werden sie finden!" Und durch den strömenden Regen zog er die Schluchzende dem Wald entgegen.

"Ja sag' nur, Bruder," stotterte Wampo, "was ist denn geschehen?"

"Ich weiß nicht! Eins aber weiß ich: Dass ich meinen guten Herrn nimmer allein lass'! Ich geh' mit ihm, und wär's durch Feuer und Wasser!" Mit diesen Worten raffte Schweiker einen Stecken auf und rannte den beiden nach, die schon im Wald verschwunden waren.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.