Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 6

Dem trüben Tag folgte ein grauer, lichtloser Abend. In einem der hölzernen Wächtertürmchen, welche die Ecken der um Wazemanns Haus gezogenen Mauer krönten, stand Henning bei seinem vertrauten Knecht. Sie redeten mit gedämpften Stimmen.

"Das weißt Du gewiss, dass er seit Tagen nicht mehr ausgefahren ist zur Fischwaid?"

"Ja, Herr, das schwör' ich. Was drunten im Hof geschieht, weiß ich nicht ... die Bäum' decken den halben Hag; aber der See liegt offen unter mir. Ich hätt' ihn sehen müssen, wenn er gefahren wär'."

"Er braucht aber Fisch'!" Henning lachte. "Die Leut', die er gesammelt hat in seinem Hag, wollen zu beißen haben. Bei Taglicht hält er das Tor geschlossen, so muss er fahren in der Nacht und fischen bei der Fackel. Schleich' Dich hinunter, bevor es dunkel wird, und steig auf einen Baum! Merkst Du, dass er die Netz' zur Ausfahrt richtet, so komm gelaufen. Und eh' du gehst, sprich mit Deinen Kammergesellen Zacho und Heripot ... versprich ihnen, was Du willst! Sie wagen ja nicht viel. Wenn die vier besten Fäust' auf der Fischwaid sind, so greifen wir die Dirn' halb wie im Spiel. Und sag' ihnen ..."

Ein Blick des Knechtes machte ihn verstummen; unter dem Wächterhäuschen ließ sich ein Schritt vernehmen, und Hennig lächelte spöttisch. Mit lauter Stimme begann er von dem bösen Wetter zu reden, das die schweren Wolken erwarten ließen. Dann flüsterte er: "Tu, wie ich Dir gesagt hab'!", und verließ das Wächterhäuschen. Da stand sein Bruder Eilbert vor ihm, mit schmalen Lippen und eingekniffenen Augen. "So? Grob Wetter wird kommen? Meinst Du?"

"Ich denk'!"

"Dann bleib nur schön in Deiner Kammer heut nacht. Sonst könnt' Dir das Wetter grob in die Knochen fahren!" Eilbert wandte sich und ging dem Haus zu.

Henning ballte die Fäuste, aber sein Zorn verrauchte schnell, und lächelnd eilte er dem Bruder nach. "Lass reden mit Dir! Ich merk', Du hast gelauscht. Gut also ... Dir sticht die Dirn' in die Augen, mir auch. Müssen wir aber deshalb gegen einander stehen? Lass uns zusammenhalten, wir sind ja Brüder! Dem Vater brummt der Schädel, und die schwarzen Schmermäus haben wir nimmer zu fürchten. So kommt uns gute Stund', wenn der Fischer in der Nacht mit seinem Knecht zum Fang ausfahrt. Wir wollen zusammenhalten als gute Gesellen und ... um die Dirn spielen wir. Willst oder nicht?"

Eilbert besann sich. "Gut, ich stell' das Brett auf. Komm!" Lächelnd stieg er über die Freitreppe empor. Er hoffte zu gewinnen, denn er war der bessere Spieler. Doch Henning war der bessere Trinker. Er ging in den Unterbau des Hauses und rief die alte Ulla. "Bring einen Krug vom schwersten Met hinauf in meine Kammer!"

Während die beiden Brüder beim gefüllten Becher und vor dem Brettspiel saßen und bei jedem Stein, der geschlagen wurde, der Schwester Sigenot die Minne tranken, stieg Hennings Knecht über den Felsenpfad hinunter zum Ufer. Als er sich unter den Bäumen in der Nähe des Fischerhages schlich, sah er Rötli auf dem Lugaus sitzen. In heißer Sehnsucht spähte sie gegen den Achensteg, denn sie wusste, dass Ruedlieb kommen würde. Wicho und der Altsenn waren vor kurzer Weile aus dem Lokiwald heimgekehrt. Als sie unter den Halden der Schönau vorüber gezogen waren, hatte Ruedlieb, der auf dem Feld schaffte, den Knecht des Fischers erkannt und war auf ihn zugesprungen. Bei der Heimkehr hatte Wicho das Mädchen mit Sigenot auf dem Lugaus gefunden und hatte ihr lächelnd die Botschaft zugeflüstert: "Auf den Abend kommt Dein Bub ... und sein Vater mit ihm!" Erblassend und zitternd war Edelrot aufgesprungen, mit bangem Blick an ihrem Bruder hängend. Doch Sigenot hatte die Schwester an sich gezogen und hatte ihr zärtlich das Haar gestreichelt. "Freu Dich nur! Hast ja gehört: Er kommt mit seinem Vater. Harte Zeit liegt über uns allen, aber ich weiß ein Blüml, das blüht auch unter dem Schnee. Der Richtmann und ich, wir wollen heut vergessen, dass ein jeder von uns auf anderen Wegen geht, und treulich wollen wir raiten um euer Glück."

Schluchzend vor Freude hatte Rötli den Bruder umschlungen, und seit er mit dem Knecht ins Haus getreten, saß sie auf dem Lugaus, in heiß quellender Sehnsucht ihres Buben harrend. Doch bei aller Sehnsucht war die Gewissheit des Wiedersehens nicht ihre tiefste Freude. Sei konnte kaum den Augenblick erwarten, dass sie ihm sagen durfte: "Du sollst nicht sterben müssen! Leben sollst Du! Es gibt keinen Bid! Das hat ein Gottesmann gesagt, der alles weiß. Und hat Dich der böse Feind geschreckt und sollt' er wiederkommen, ich weiß ein Mittel wider ihn, da muss er weichen. Er muss! Er muss!" Mit zitternder Hand bekreuzte sie das Gesicht und stammelte das Stoßgebetlein, welches Bruder Wampo ihr vorgesprochen. Da klang, weit über die Ache her, der helle Jauchzer, mit welchem Ruedlieb sein Kommen meldete. Rötli sprang auf, schluchzend und lachend - der Weg zum Tor war ihr zu weit, und das Tor stand ja geschlossen. Sie schwang sich auf die Bank, auf den Tisch, und sprang vom hohen Hag auf den Weg hinunter. Mit flatterndem Röcklein und fliegenden Haaren eilte sie der Ache zu und kam an dem Busch vorüber, hinter welchem Hennings Knecht verborgen lag. Der machte große Augen, als er das Mädchen gewahrte. "Die Dirn' allein? Um und um kein Mensch? Bessere Stund' kann nimmer kommen ... ich will mir schweren Dank von meinem Herrn verdienen!" Im Schatten der Bäume glitt er am Weg entlang und sah, wie Edelrot hinwegeilte über den Achensteg. Er sprang ihr nach. Am Waldsaum, wo die Wege sich teilten, erreichte er sie und schlug die Hände um ihre Kehle. Mit gellendem Schrei brach Edelrot in die Knie. "Wart, ich will Dich schweigen machen!", raunte der Knecht, riss die lederne Kappe vom Kopf und schloss mit ihr den schreienden Mund. "Komm nur, komm, ich trag' Dich ein lützel, dass Dir die kleinen Füßlein nicht müd werden." Mit groben Fäusten riss er das Mädchen in die Höhe - aber da sanken ihm jählings die Arme, und während Rötli mit halb erloschenen Sinnen zu Boden glitt, taumelte der Knecht und stürzte lautlos über den Weg. Ein dicker Blutstrom quoll ihm aus der linken Schulter.

Als Edelrot mit verstörten Augen aufblickte, sah sie vor sich ihren Buben stehen. Sein Gesicht war totenbleich, er hielt das blutige Messer in der Hand und starrte nieder auf den entseelten Knecht.

"Ruedlieb!"

Ein Zittern befiel ihn beim Klang dieser Stimme. Rötli wollte sich in seine Arme werfen, doch vor seinen Füßen sank sie schluchzend zur Erde und bedeckte das Gesicht.

Der Schönauer kam, entsetzt die Hände ringend: "Bub, mein Bub, um aller guten Mächt' willen, was hast Du getan?"

"Was ich tun hab' müssen! hast Du nicht selber gesagt: Wenn's zum Ärgsten kommt, so greif zum Messer und stoß zu! Und was könnt' ärger sein, als was dem Rötli geblüht hat!"

"Liebli, mein armer Bub, Du hast den Tod über Dich gerufen!"

"Tod oder Leben ... aber von denen da droben soll mir keiner an das Rötli rühren!"

Unter schluchzenden Worten hatte Edelrot sich aufgerafft und umklammerte den Geliebten mit zitternden Armen. Das Messer fiel aus Ruedliebs Hand, er fasste das Haupt des Mädchens, bog es zurück, um ihre Augen zu sehen, und sagte mit tonloser Stimme: "Rötli, Du meine liebe Dirn! Schau, jetzt hab*' ich Dir die Blutblumen ins Haar gelegt! Gelt? Der Bid hat schnelle Füß'!" Sie schüttelte den Kopf und rührte die Lippen, doch die Sprache versagte ihr. Kaum vermochte sie noch die Hand zu heben, um das rettende Zeichen über Ruedliebs Stirn und Lippen zu schlagen.

"Fort, fort! Schau, dass Du mit ihr den Hag gewinnst!", keuchte der Richtmann und drängte die beiden mit ungestümen Armen der Ache zu. "Fort! Fort!" Er schob sie hinaus auf den Steg.

Mit verlorenen Sinnen, eines das andere umschlingend, überschritten sie im Zweilicht des sinkenden Abends den rauschenden Bach. Als sie unter den Bäumen gingen, sahen sie nicht, dass ein junger Bauer ihnen entgegenkam, und hörten nicht, dass er zu ihnen redete. Es war der Hanetzer, der mit halb geheilter Wunde von den Almen gestiegen kam. Lachend blickte er den beiden nach. "Die zwei hat das Liebsglück blind und taub gemacht!" Er wanderte zur Ache. Unter den letzten Bäumen stockte ihm der Schritt. Drüben am anderen Ufer schleifte der Richtmann einen stillen Mann zur Böschung und ließ ihn nieder rollen in die schießenden Wellen. das gelbe Wams des Knechtes leuchtete noch aus dem weißen Wasserschaum, dann verschwand es. Schwer atmend richtete sich der Schönauer auf, eilte zum Seeufer, warf sich auf die Knie und stieß die blutigen Hände in den Wasserschwall. Mühsam erhob er sich und musste, als er den Steg überschritt, das Geländer fassen. Bei dem ersten Schritt ans Ufer erstarrte ihm der Schreck alle Glieder - der Bauer stand vor ihm.

Eine stumme Weile hingen die Augen der beiden ineinander, dann sagte der Hanetzer mit heiser klingender Stimme: "Du, Richtmann?"

"Wohl wohl. Guten Weg auf den Abend!" Der Schönauer wollte vorübergehen.

Da vertrat ihm der andere den Weg. "Schau doch, Richtmann, schau doch! Einer, der beim Thing gewesen, hat mich merken lassen, Du wärst für die Wazemannsleut'! Musst Dich aber doch wohl anders besonnen haben, oder hast am End' gar aus lauter Lieb' und Freundschaft einem von denen da droben zur letzten Ruh verholfen?"

Der Schönauer wankte, und stammelnd streckte er die beiden Hände nach den Lippen des Bauern. "Schweig' ... schweig'!"

"So? Gelt? Jetzt soll ich Maul und Wort halten? Aber ich bin ja keiner von den Wortfesten. Das musst Du doch selber wissen ... hast mich ja nicht zum Thing gerufen!" Ehe der Richtmann noch erwidern konnte, hatte der Hanetzer den Steg überschritten und war im Dunkel des Abends verschwunden ...

Um die gleiche Zeit trat Sigenot mit dem Jungsenn aus der Tür des Fischerhauses, schritt mit ihm über die Hofreut hinunter und öffnete das Tor. "Jetzt geh halt, Bub," sagte er und legte die Hände auf die Schultern des Burschen, "und tu Dich nicht fürchten. Einer geht mit Dir, bei dem die Hilf' ist und die Stärk'! Einen weiten Weg musst laufen, und tief wird der Schnee schon auf den Bergen liegen, bis Du heimkehrst. Aber denk: An Deinen Füßen hängt unser aller Wohl und Weh! So geh halt und zeig', dass Du der Bub bist, für den ich Dich gehalten hab'."

"Wohl wohl, da wird nichts fehlen!"

"Und halt' dem Herren, von dem Du Botschaft tragst, so feste Treu, wie Du allzeit meinem Haus gehalten!"

"Fest wie Eisen! Da soll kommen, was mag!"

Sigenot fasste die Hand des Burschen und trat mit ihm vor das Kreuz. "Mein guter Herr, Du mein Gott! tu mir den Buben hüten, gelt?"

Scheu zog der junge Senn das lederne Käpplein von seinem Flachshaar und hob die Augen zum Kreuz; dann schied er von seinem Herrn mit wortlosem Händedruck. Sigenot wollte in den Hag zurückkehren, da sah er die Schwester mit Ruedlieb von der Ache kommen. "Schau nur, nicht erwarten hat sie's können! Lieb' geht durch geschlossene Tor' und springt über jeden Hag." Lächelnd ging er dem Paar entgegen und streckte die Hände. Doch der Anblick ihrer Gesichter und die Sprache ihrer Augen jagte ihm kalten Schreck in das Herz. Mit stammelnder Frage fasste er den Arm der Schwester; aber die Stimme versagte ihr. Auch Ruedlieb brachte keinen Laut über die Lippen, er hob nur die Faust und ließ sie fallen, als hielt seine Hand noch das Messer. Keuchend kam der Schönauer unter den Bäumen hervorgesprungen, drängte sie alle in den Hag, warf das Tor zu und legte den Balken ein.

Nun hörte Sigenot, was geschehen war. Der Atem stockte ihm; doch als er den Richtmann jammern und klagen hörte, sagte er mit fester Stimme: "Rait' nicht wider Deinen Buben! Ich steh' zu ihm, er hat's getan um meine Schwester. Wär' ich an seiner Stell' gewesen, mein Messer wär' rot geworden wie das seinig'! Lass das Klagen, Richtmann! Alle Klag' lauft hinter dem Unheil her, wir aber müssen den Vorsprung haben mit der Hilf'." Laut rief er: "Wicho!"

Der Knecht kam von der Scheune gelaufen. "Was gibt's?"

"Wachsende Not! Führ' die Kinder in Deine Kammer ... die Mutter soll nichts erfahren, eh' wir nicht wissen, was geschehen muss. Dann hol' den Kohlmann aus der Stub' und komm mit ihm zur Tenn'!"

Eine Weile später saßen die vier Männer in der Scheune, hinter geschlossenem Tor, durch dessen Fugen nur noch ein matter Dämmerschein des Abends flimmerte. Wicho hielt die Butterlampe auf dem Schoss und wahrte mit hohler Hand das kleine flackernde Licht, dessen rötliche Helle über die bleichen Gesichter zuckte. Der Richtmann erzählte mit schwankender Stimme, wie alles gekommen. Schweigend hörten sie ihn an. Doch als der Schönauer von der Begegnung mit dem Hanetzer sprach, stotterte Wicho: "Das ist von allem noch das leidigst'! Den kenn' ich! Lasst ihm Herr Waze nur einen einzigen Käs von der Steuer nach, so wird er das Maul nicht halten und verkauft uns alle!"

"Und den Kerl hab' ich so gut verbinden müssen, dass er heut schon wieder lauft!", schalt der Kohlmann. "Aber was jetzt? Morgen müssen sie den Knecht vermissen, und die Hatz geht an. Wo wird sie ein End' haben?"

"Wo mein Elend anfangt!", klang die tonlose Stimme des Richtmanns. "Sie werden den Blutbann werfen auf mein Haus ... wie soll ihm mein armer Bub entrinnen!"

Sigenot legte ihm die Hand auf die Schulter. "Sei guten Muts! Ich führ' ihn zu unserem Herrn Hinaus in den Lokiwald..."

Der Richtmann schüttelte den Kopf. "Der Weg zur Klaus ist meinem Buben verlegt. Ich hab' geschworen im Thing!"

Die Scheune widerhallte von Eigels zornigem Gelächter. "Richtmann, Richtmann! Merkst Du's jetzt am eigenen Löffel, was du für eine Supp' hast kochen helfen auf dem Totenmann? Wären wir all vom Thingfeuer weg zur Klaus gezogen, wohin uns das Recht gerufen hat ... die Wazemannsleut' hätten ihre Köpf' gar tief geduckt und ihre Fäng' wohl eingezogen wie die Katz' vor dem Igel ... und Dein Bub hätt' heut das Messer nicht schwingen müssen für die Ehr' seiner Liebgesellin. Richtmann! Richtmann! Ich sag' Dir ..."

Sigenot unterbrach den Kohlmann: "Lass gut sein, Eigel, mach' ihm das Herz nicht schwerer noch!"

Der Schönauer strich mit der zitternden Hand über die Stirn. "Ich hab' getan, wie ich tun hab' müssen aus Lieb' zu meinem Buben. Ein jeder kennt nur die Stund', in der man schnauft ... keiner misst den Tag, den die schwarze Mutter Nacht im Schoß tragt! Tu das Gute, tu das Schlechte, geh zur Rechten, geh zur Linken ... keiner weiß, wo der Weg ihn hinführt ... alles kommt, wie's mag!" Stöhnend schlug er die Hände vor das bleiche Gesicht. "Gobl, Gobl! Ich fürcht', ich muss noch sitzen unter Deinem Apfelbaum!"

"Ich denk' wohl anders," sagte der Fischer und zog ihm die Hände nieder, "aber ich will nicht raiten wider Deine Angst. Wir wollen denken auf Hilf'. Dein Bub muss fort, und Du mit ihm!"

"Fort? Und mein Haus verlassen? Wer hütet meines Buben Haus, wenn sie kommen?"

"Lass Dein Haus fahren, halt' Deinen Buben fest!"

Der Richtmann griff mit den Händen ins Leere und nickte vor sich hin. "Fort! Wohin aber? Überall wird er ihn finden!"

"So birg' ihn, wo er ihn am letzten sucht: Auf Wazemanns Bannberg! Droben wird Schnee fallen in der heutigen Nacht ... da hat's mit dem Gejaid ein End', und es stiegt sobald wohl keiner hinauf. In der verlassenen Albhütt' hinter dem Eismann habt ihr ein gutes Weilen. Holz zum Feuer steht nicht weit, und Zehrung lass' ich Euch tragen in jeder vierten Nacht. Hätt' ich die Mutter nicht ... ich selber ging' mit Euch."

Die Männer hatten den Kopf geschüttelt zu diesem Rat. nach allem Reden aber fanden sie, dass es der beste war. "Jetzt harrt eine Weil'," sagte Sigenot, "bis ich mit meiner armen Mutter geredet hab'. Denn ich mein' schier, das Rötli wird den Buben allein nicht ziehen lassen. Feste Lieb' hat feste Ketten!" Er drückte die Fäuste auf sein Herz, als spräche ihm das eigene Herz zu laut, und verließ die Scheune.

Graue Nacht lag über dem Hag, und ein kalter Wind kam von den Bergen nieder gezogen. Während Sigenot dem Haus entgegen schritt, blickte er der Richtung zu, die der junge Senn genommen. "Lauf, Bub, lauf!"

Finster ragte in der Ferne der Untersberg, und wie ein schwarzer See lag ihm der Lokiwald zu Füßen. Aus der offenen Tür der Klause strahlte der Herdschein über die Lichtung. Bruder Wampo schaffte beim Feuer, neben welchem die über Stangen gespreizte Wolfshaut zum Trocknen aufgestellt war. Schweiker saß in einem Winkel, mit hängendem Kopf, die Hände im Schoß. Als er bei seiner Rückkehr Eberwein in der Klause gefunden, war er vor ihm niedergefallen, mit Zähren in den Augen, und hatte den Saum seines Gewandes geküsst. "Herr, Herr! Ich hab' Dich schlecht gesucht!" Dann war kein Wort mehr über Schweikers Lippen gekommen. Auch Pater Waldrams Heimkehr rüttelte ihn nicht auf aus seinem dumpfen Brüten. Bruder Wampo aber Bach in hellen Jammer aus bei Waldrams Anblick: Kaum trugen ihn die Füße noch, sein Gesicht und seine Hände bluteten, und in Fetzen hing das Gewand von ihm nieder. Eberwein kam aus seiner Zelle, in welcher er den Knaben auf dem eigenen Lager gebettet hatte, und eilte erschrocken auf Waldram zu. Der Mönch aber streckte den dürren Stecken vor und rief mit halb erloschener Stimme: "Du lebst noch? Weiche von mir, Meineidiger, der Du dem Himmel die Treue brachst!" Eine brennende Röte flog über Eberweins Gesicht, und während Waldram an ihm vorüber in das Kirchlein wankte, stand er und blickte mit irrenden Augen ins Leere. Aus seiner Versunkenheit weckte ihn Bruder Wampos Stimme. Als er dem Ruf folgte, fand er Waldram bewusstlos zu Füßen des Kreuzes hingestreckt. Sie trugen ihn zu seinem Lager, und mit zitternden Händen wusch ihm Eberwein das Blut vom Antlitz; dann musste er für Huze sorgen, der seit Waldrams Heimkehr mit halbgelöstem Verband lag.

So war die Nacht gekommen. aus Waldrams Zelle klang von Zeit zu Zeit die lallenden Worte, mit denen der unruhig Schlummernde in Traum und Fieber redete. Eine Kienfackel erleuchtete die Zelle Eberweins. Huze lag, die gefalteten Hände unter der Wange, und blickte lächelnd, mit glänzenden Augen auf den Mönch, der bei der Fackel auf niederem Holzpflock saß, das Schreibrohr in der Hand, ein Pergamentblatt auf dem Schoß. Eberwein schrieb die Botschaft an den Bayernherzog, welche der Jungsenn tragen sollte. Doch häufig stockte ihm die gleitende Feder. wie hätte seine Hand die drückende Schwere nicht fühlen sollen, die auf seinem Herzen lag, doppelt drückend, da ihm der Trost versagt war, seine Sorge auszusprechen. Wenn er dei Brüder nicht entmutigen wollte, musste er verschweigen, was ihm in Wazemanns Haus widerfahren. Ohne zu wissen, wie auf dem Totenmann das Thing gesprochen, ahnte er, dass nur die Furcht vor Waze alle Tore vor ihm schloss und alle Ohren taub machte für den Hall der Glocke. Böse Tage sah er kommen für seine junge Klause - und unter dem Druck dieser Sorge hatte er sich entschlossen, die Hilfe seines herzoglichen Freundes anzurufen. Er schrieb - und zögerte immer wieder. Zu all dieser Sorge redete noch eine andere. Das stille Pfarrhaus in der Ramsau stieg vor seinen Blicken auf - er hatte das Wort nicht lösen können, das er gegeben, und er wusste: Waldram hatte, als die Brüder nach dem Vermissten suchten, die Richtung gegen die Ramsau genommen! Eine quälende Ahnung beschlich ihn. Wäre er ledig gewesen der Pflicht, die ihn festhielt in der Klause, er hätte inmitten der finsteren Nacht den Stab gefasst und wäre ausgezogen, um die Wunde zu schließen, die er wider Willen einem frommen, gottesfreudigen Glück geschlagen. Hier hielt ihn eine Pflicht - dort zog ihn eine andere! Welche musste ihm heiliger sein? Er wollte aufspringen und saß doch wie gelähmt. Es rieselte ihm heiß und kalt durch alle Glieder. Ihm war, als stiegen aus seinem Herzen die quälenden Bilder heraus an die Luft: Nebelhaft verschwommen standen Hiltischalk und Hiltidiu vor ihm, mit verschlungenen Händen, mit stummen Lippen und redenden Augen. Er streckte die Arme nach ihnen; da versank ihr Bild in grauer Nacht. Doch ein anderes stieg vor ihm auf, in weißem Mantel und mit wehendem Rothaar - und ob er auch die Hände vor die Augen schlug, er konnte dieses Bild nicht scheuchen ...

Erschrocken richtete sich Huze vom Lager auf. "Guter Herr, was ist Dir denn?" Eberwein ließ Pergament und Schreibrohr fallen, eilte auf den Knaben zu und umschlang ihn mit beiden Armen.

Bruder Wampo trat in die Zelle. "Herr, ein Bursch ist draußen, den der Fischer geschickt hat."

"Lass ihn warten beim Feuer!" Aufatmend strich Eberwein mit der Hand über das struppige Haar des Knaben. "Du solltest schlafen, Huze!"

"Weißt, ich hab' Dich halt so viel gern angeschaut. Jetzt mach' ich aber gleich die Augen zu, wohl wohl!" Der Bub streckte sich und schloss die Lider. Sorglich hüllte ihn Eberwein in die warme Kotze; dann nahm er das Pergament wieder auf und begann zu schreiben.

In der Herdstube saß der Jungsenn neben dem Feuer. Er hörte nicht, was Bruder Wampo leise jammerte und schwatzte - seine Gedanken weilten im Fischerhaus, an der trauten Stätte, die er so bald nicht wieder sehen sollte. Dort saßen sie wohl alle jetzt beim Herdschein um den steinernen Tisch, mit ernsten Reden und freundlichem Zutrunk. So meinte der junge Senn, doch die Wirklichkeit zeigte ein anderes Bild. Wohl erfüllte die flackernde Herdflamme die Halle mit ihrem zuckenden Licht, und ernste Worte wurden gesprochen, aber niemand dachte des abendlichen Umtrunks. Wicho, Hilmtrud und Kaganhart standen vor dem Steintisch und beluden zwei Kraxen mit Kleidungsstücken, mit Gerät und Zehrung. Eigel stand bei der offenen Tür und lauschte hinaus in die Nacht, während der Richtmann auf dem Herdrand saß und wortlos immer wieder mit schwerer Hand das Haar in die Stirne strich. Mutter Mahtilt ruhte wie versteinert in ihrem Lehnstuhl, die Hände im Schoß, schimmernde Zähren auf ihren bleichen Wangen. Mit Schmerz und Sorge hingen ihre Augen an Rötli, welche schluchzend ihren Buben umfangen hielt. Sigenot legte die Hand auf die Schulter des Mädchens: "Hör' mich an, Schwester! Schau, mit Weinen ist nichts getan! Jetzt musst Du reden. Der arme Bub steht unter Blutschuld aus Lieb' zu Dir. Jetzt sag' es frei heraus: Soll er allein ziehen ... oder willst Du stehen bei ihm und aushalten an seiner Seit' in Gefahr und Not?"

"Allweil, allweil! Und nimmer lassen von ihm!" Enger noch umklammerten sich Rötlis Arme um den Hals des Knaben.

"So geh, Bub ..." Sigenots Stimme schwankte, "bitt' die Mutter um ihr Kind!"

Der Richtmann erhob sich, und während die andern herbei traten, fielen Ruedlieb und Rötli vor Mutter Mahtilt nieder. Lallend umschlang sie die Kinder, drückte sie an ihre Brust und neigte das Gesicht auf ihre Häupter. Nach einer stummen Weile richtete sie sich auf, streifte einen silbernen Reif von ihrem Finger und reichte ihn dem Knaben. Der Richtmann zog das Messer und gab es in die Hand des Sohnes. Auf die blanke Klinge legte Ruedlieb den Reif und bot ihn seiner Braut, während Tränen seine Stimme fast ersticken: "So nimm von meiner Lieb' und Treu den Reif als Pfand, den sollst du tagen an Deiner lieben Hand. Fest und ohne End', wie der Reif gewunden, ist Treu an Treu in guter Eh' gebunden. Fest muss sie halten in Glück und Freuden, hundertmal fester noch in Not und Leiden. Des müssen wir gedenken in aller Zeit: Treu haben wir gelobt über scharfer Schneid!"

Während Ruedlieb sprach, hob Mutter Mahtilt eine Staude aus dem Herdwinkel, streifte das dürre Laub ins Feuer, brach zwei Stäbe von der Gerte und warf sie auf die Steine. Seite an Seite kamen sie zu liegen, nach dem Herd gerichtet. Ein freudiges Lächeln glitt über die tränenfeuchten Lippen der stummen Mutter - freundlich hatten die Lose für ihres Kindes Glück gesprochen. Sigenot hob die Schwester von der Erde. "Schwesterlieb! Deine Mutter hat nimmer Sprach', Dein Vater weilt, ich weiß nicht, wo. So muss Dir der Bruder das letzte Heimwort sagen. Bist eine brave Tochter und Magd gewesen ... sei kein schlechtes Weib! So zieh halt fort vom Mutterherd ...", die Stimme versagte ihm, und unter gepresstem Schluchzen hing die Schwester an seinem Hals. Es währte lange, bis Sigenot wieder sprechen konnte. Zärtlich streichelte er das zuckende Gesicht des Mädchens und flüsterte: "Ich muss Dir eine trübe Hochzeit rüsten, gelt? Kann Dir kein Veiglein ins Haar legen, Blutblumen müssen Dein Kränzl sein; kann Dir die Kunkel nicht wickeln mit rotem Band. Hast keinen lustigen Brautlauf in lichter Sonn', über Halden und Blumenklee ... Dein Brautlauf geht in schiecher Nacht über Blut und Not, über Stein' und tiefe Gründ'. Aber schau, rechte Lieb' hat einen lichten Schein in aller Nacht, und feste Treu macht alle Weg' und Gruben eben. Jetzt tu nimmer weinen, Schätzel! Wir müssen ein End' machen, so komm halt her, Bub, und nimm Dein Bräutlein! Viel nimmst uns weg, aber halt' mir nur die Schwester gut, nachher ist alles recht. Und eins versprich mir! Kommt wieder sonnscheinige Zeit, dass ihr heimkehren dürft und hausen an gutem Herd ... versprich mir's, Bub: So geh in der ersten Stund' mit Deinem Weib hinaus zum Lok'stein, dass der gute Herr Eure Händ' ineinander legt."

"Wohl wohl!" Mehr brachte Ruedleib nicht über die Lippen.

"So, und jetzt geht miteinander! Einer, der starke Arm' hat, wird schauen auf Euch!"

Unter heißen Tränen warf sich Rötli zum Abschied an der Mutter Hals. Der Richtmann legte die Hände auf die Schultern seines Buben, sah ihm in die Augen und rüttelte ihn. Sprechen konnte er nicht. Dann kamen die anderen der Reihe nach und drückten Ruedliebs Hand. Sigenot musste die Schwester aus den Armen der Mutter lösen und führte die Wankende zur Türe. "Wicho! Schwing' der Haustochter den Herdbrand!"

Mit feierlichem Ernst zog der Knecht ein flackerndes Scheit aus dem Feuer und trug es vor der scheidenden Braut hinaus in die finstere Nacht. Prasselnd loderte die Flamme im kalt ziehenden Wind. Dreimal umschritt der Knecht die Braut, den Brand über ihrem Haupt schwingend, dann warf er das brennende Scheit auf ihren Weg. Edelrot fasste Ruedliebs Hand und stieß den Brand mit dem Fuß beiseite. Sie war gelöst vom elterlichen Herd. Sigenot brachte ihnen die Grießbeile, welche sie nötig hatten auf ihrem Weg, und öffnete vor ihnen das Hagtor. Der Richtmann und Wicho folgten mit den beladenen Kraxen.

"Gib mir Dein Messer und nimm das meine," sagte der Richtmann zum Fischer, "zeig' es meinen Leuten, und sie hören auf Dein Wort!" Sie tauschten die Messer.

"Bruder! Bruder!", stammelte Edelrot und streckte die Arme nach ihm.

Er küsste ihren Mund. "Jetzt muss geschieden sein!" Die Stimme brach ihm. Hastig löste er sich aus Rötlis Armen, sprang in die Hofreut und schloss das Tor.

Schluchzend warf sich Edelrot gegen die Bohlen. Doch Ruedlieb umschlang sie, und zitternd hing sie an ihm, der sie unter zärtlichem Stammeln hinauszog auf den finsteren Weg.

Der Richtmann stand noch und starrte über den schwarzen See hinweg zur Höhe der Falkenwand. An Wazemanns Haus leuchteten alle Fenster. Die Hunde rumorten, und Stimmenlärm klang aus der Halle.

Herr Waze saß bei der Tafel, fünf seiner Söhne um ihn her. Er trug wohl noch die kalte Binde um den Kopf, doch hatte er das Grausen vor dem Met schon überwunden. "Wo bleiben die beiden Buben?", schrie er in zorniger Ungeduld. "Ich hab' zu reden mit Euch. Wir müssen beschließen, was morgen geschehen soll. Sie sollen kommen! Wo sind sie?"

"Noch allweil sitzen sie über dem Spielbrett," lachte Rimiger, "einer rauschiger als der andere!"

"Hol' sie! Und wenn sie nicht kommen wollen ..."

Da klang Geschrei aus der Kammer, das Klappern des fallenden Spielbretts und das Poltern eines umgeworfenen Sessels. Henning taumelte in den Saal, und Eilbert stürzte hinter ihm her, die zinnerne Metkanne nach ihm schleudernd. Lärmend warfen sich die anderen zwischen die beiden. "Lasst mich, lasst mich!", lallte Eilbert. "Ich muss ihm an den Hals! Er hat betrogen im Spiel, hat mir den Becher gereicht und hat mit dem Ellbogen einen Stein geschoben!"

"Das lügst Du!", kreischte Henning. "Komm nur, komm, ich will dir das Hirndach dreschen!"

Mit Mühe konnten die Brüder die Berauschten voneinander halten. Recka war auf der Schwelle ihrer Kammer erschienen, hatte sich wieder abgewandt und die Türe zugeworfen. In keifendem Zorn schalt Herr Waze auf die Berauschten los.

"Lass ihnen den Pfaffen heraufholen!", lachte Rimiger. "Der soll ihnen eine Predigt halten über Bruderlieb' und Ehrlichkeit!"

Lautes Gelächter erhob sich und Herr Waze nickte. "Recht hast, Bub, so hat der Pfaff doch einen Zweck." Er löste den Schlüssel von seinem Gürtel. "Hol' ihn, und will er mucksen, so fahr ihm an die Rippen."

Rimiger und Otloh eilen davon, während Herr Waze wieder sein Schelten begann. Die Stimme wurde ihm heiser, stöhnend griff er nach seinem Kopf, trat zur Tafel und hob die Bitsche. Da stürzte Otloh in den Saal. "Vater, Vater! Die Tür war gut verschlossen, aber das Loch ist leer gewesen."

Herr Waze spuckte den Trunk wieder aus, den er genommen hatte, und starrte den Boten an. Dann schüttelte er den Kopf, riss eine flackernde Kerze vom Lichtreif und sprang zur Türe. wie ein Rudel Wölfe rannten die Söhne hinter ihm her, auch Henning und Eilbert, als währen sie jählings nüchtern geworden. Sie erreichten den Kellerbau. In der offenen Tür des Bußloches stand Rimiger, bleich, und stotterte: "Der Pfaff und der Bub, all beid' sind fort, wie durch die Wänd' geflogen!"

Herr Waze stieß ihn beiseite und leuchtete in den Raum. Doch er sah nur die kahlen Wände und das faule Stroh. "Sein Heiliger," lallte er, "sein Heiliger hat ihm geholfen!" Und das Wunder machte ihn zittern.

Ein dumpfes Rauschen ging um das Haus. War es ein Windstoß, oder war es der Regen, der zu fallen begann? Über Tal und See, über alle Berge fiel es nieder durch die Nacht in unsichtbaren Strömen. Ein rauer Wind, bald stockend, bald wieder im Wirbel jagend, peitschte den gießenden Regen.

Auf einem Karrenweg, der über den Halden der Schönau am Saum des Bergwaldes hinführte, wanderten die vier Menschen, welche das Fischerhaus verlassen hatten. Wicho schritt voran. Ruedlieb hatte sein Lodenwams abgenommen und das warme Tuch um Rötlis Haupt und Schultern geschlungen. Sie schien den Regen nicht zu fühlen, im Schreiten lag sie an Ruedlieb angeschmiegt, der sie hob und stütze bei jeder rauen Stelle des Weges. Der Schönauer war zurückgeblieben. Durch die Finsternis spähte er über die schwarzen Halden hinunter nach seinem Hag und Haus. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, und seufzend wandte er sich ab. "Du mein liebes Heim, schier muss ich fürchten, ich seh' Dich nimmer wieder!"

Als sie den Schapbacher Forst erreichten, zündete Wicho die Fackel an, die er mitgenommen. Nun hatten sie ein besseres Wandern. Sie waren geschützt wider Wind und Regen, doch häufig mussten sie durch Bäche waten, welche den Pfad überrannen. Der Weg begann zu steigen, und eine Stunde ging es bergan. Als sie eine weite Blöße überschritten, hörten sie von den Almen herunter das Gebrüll der Rinder. Droben muss der Schnee schon fallen," meinte der Schönauer, "Die Küh' begehren auf."

"Wohl wohl," nickte Wicho, "morgen wird mancher an den Heimtrieb denken."

Schweigend stiegen sie weiter. Durch ein langes Waldtal ging der Weg, dann quer über einen steilen Berghang. Da hörten sie aus den Lüften einen seltsamen Klang, mächtig und doch wie klagend fast - als wäre eine baumdicke Saite gesprungen. Lauschend standen sie still, aber sie hörten nichts mehr. Nur der Regen plätscherte, und rauschend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bäume.

"Was muss denn das gewesen sein?", fragte Wicho. Und der Schönauer sagte langsam: "Ich mein', es hat ein Berg geschrieen. Das hab' ich einmal gehört als Bub, selbigs Mal hat sich über dem Göhl eine Fragel aufgetan, und eine ganze Wand ist niedergegangen über die schönsten Alben."

Sie stiegen weiter. Nach einer Weile senkte sich der Pfad und führte hinunter in das stundenlange Tal, zwischen dessen Felswänden der Windacher See gebettet lag. In murrendem Wellengang schwankte das öde, unheimliche Wasser. Mit schneidender Kälte blies der Wind, und die Nacht wurde grau, denn Flocken begannen sich in den fallenden Regen zu mischen.

Zwei Stunden dauerte die Wanderung am See entlang. Als der Pfad dann wieder stieg und über Steingeländ empor führte, begann der Grund unter den Füßen der Wandernden sich licht zu färben, und bald umhüllte sie gleich einem Schleier das Gewirbel der weißen Flocken.

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