Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 5

Es ging auf die Mittagsstunde; doch tiefe Ruhe herrschte in Wazemanns Haus. Das Geflügel war in die Ställe gesperrt, und im Zwinger saß ein Rüdenknecht, um die Hunde bei Ruhe zu erhalten. Das Gesinde, welches im Hof und im Unterbau des Hauses beschäftigt war, vermied jedes Geräusch; denn nach einer Nacht, wie die vergangene, pflegten Wazemann und seine Söhne dem Lärm nicht hold zu sein.

Herr Waze lag in den Kleidern auf seinem Spanbett, einen nassen Bund um die Stirn, und kaute Schlehen, um den bitteren Pelz auf seiner Zunge mit Bitterkeit zu lösen. Zuweilen grub er das Gesicht in die Bärenhaut und drückte stöhnend die Fäuste an seine Schläfe. Herr Waze litt an Haarweh; wohl hatte er nicht viele Haare mehr, doch die wenigen schmerzten ihn doppelt.

Es war ein hartes Stündlein für die alte Ulla, als sie zur Not die Herrenstube in Ordnung bringen musste, um für Mittag die Tafel decken zu können. Bei dem leisesten Geräusch, das sie verursachte, flog eins von den Dingen, die in Herrn Wazes Armbereich nicht niet- und nagelfest waren, ihr an den Kopf oder um die Füße, begleitet von einem Fluch. Als sie die schwere Metbitsche brachte, drückte Herr Waze die Hände an den Kopf und kreischte: "Hinaus mit dem Gesüff! Mir graust! Und Ruh will ich haben, Ruh, Ruh! Man soll noch warten mit dem Mahl! Solang mich selber nicht hungert, soll auch kein anderer fressen! Wo sind die Buben?"

"Sie liegen noch!", flüsterte die Magd.

"So lass sie liegen. Und Recka?"

"Sie ist vor Tag zu Berg geritten."

"Schon wieder? Einen Tag um den anderen! Was stehst Du noch? Hinaus mit Dir!"

Ulla zögerte und fragte scheu: "Herr, soll man Zehrung in das Bußloch tragen?"

"Hinaus, hinaus!" Alle Geschosse hatte Herr Waze schon versandt. Nur der hölzerne Schemel vor dem Spannbett war noch übrig. Doch eh' ihn Herr Waze mit tappender Hand zu fassen bekam, hatte sich Ulla aus der Stube geflüchtet. "Zehrung in das Bußloch?" Herr Waze saß halb aufgerichtet, stierte vor sich hin, griff nach dem Schlüssel an seinem Gürtel und lachte. "Zehrung? Wozu denn? Der Pfaff ist ja ans Fasten gewöhnt! Knurren soll er, mürb soll er werden, eh' ich raiten will mit ihm! Und gibt er mir den Gadem nicht zu Lehen mit Brief und Siegel, mit einem Schwur bei seinem Heiligen, so soll er den Tag nicht wieder sehen! Ich will ..." Seine Worte erloschen in einem Grinsen. Stöhnend drückte er die Fäuste an seinen brummenden Schädel und ließ sich zurücksinken auf die Bärenhaut. Nach einer Weile fiel er in Schlaf und schnarchte...

Um die gleiche Stunde verließ Eberwein das Fischerhaus, von Sigenot geleitet. Der alte Senn und Wicho trugen eine Stangenbahre, auf welcher Huze ruhte. Als sie die Ache erreichten, fasste Eberwein die Hand des Fischers. "Weiter sollst Du nicht gehen mit mir. Kehr um und wahre Dein eigen Haus!"

"Das muss ein anderer wahren, der stärker ist als ich!"

Eberwein atmete tief, und eine matte Röte schlich über seine bleichen, kummervollen Züge. "Ja, Sigenot, bei Gott ist alle Hilfe! Doch wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen und tatlos harren und rufen: Jetzt zeige, Gott, wie stark Du bist! Wir müssen auch der eigenen Kraft vertrauen und müssen sinnen auf Schirm und Schutz vor unseren Feinden. Weißt Du mir einen sicheren Boten?"

"Wohin soll er Botschaft tragen?"

"Weit hinaus ins ebene Land, an den Hof des Bayernherzogs."

"Mein Jungsenn hat lange Füß' und ist ein treuer Bub. Ich schick ihn Dir zum Lok'stein, wenn die beiden wieder heimkehren."

Sie schieden. Sigenot blickte ihnen nach, bis sie unter den Bäumen verschwunden waren.

Gesenkten Hauptes, versunken in den heißen Streit seiner Empfindungen und Gedanken, schritt Eberwein hinter der Bahre her. Er blickte nicht auf, als sie nahe den Halden der Schönau vorüber kamen, auf denen die Leute in Hast die letzten Garben von den Feldern räumten.

Reges Leben herrschte rings um den Hag des Richtmanns. Doch die Knechte und Mägde sprachen nicht, sie rührten nur die Arme und warfen zuweilen sorgenvolle Blicke hinauf in das finster treibende Gewölk. Der Schönauer überwachte die Ladung der Karren und zählte die Garben; und jeden Karren, der in den Hag gezogen wurde, geleitete er bis zum Tor. Dort stand er immer eine Weile und blickte mit kummervollen Augen nach seinem Buben. Ruedlieb saß auf der Steinbank unter den Eichen, die Arme um seine Knie geschlungen, regungslos in Leere starrend. Einmal rief ihn der Vater an: "Liebli, willst nicht auch ein lützel mit zugreifen?"

Der Bub schüttelte nur den Kopf. Seufzend kehrte der Richtmann auf die Felder zurück, doch es währte nicht lange, so trieb es ihn wieder in die Hofreut. Er ging auf Ruedlieb zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und rüttelte ihn. "Wach auf, Liebli, wach auf! Das ist ja kein Leben nimmer seit gestern. Mag daraus werden, was will ... das kann ich nimmer länger mit anschauen! Und wenn Dir die Arm' so tot sind, dass Dich kein Schaffen freut ... schau, ich weiß Dir einen Gang: Geh ein lützel in Heimgart zum Rötli und sag' der lieben Dirn', dass ich sie grüßen lass'!"

Ruedlieb sprang auf, und die Zähren schossen ihm in die Augen, während er die Hände seines Vaters drückte.

"Aber wenn Du gescheid bist," sagte der Richtmann, "so tust Dich noch gedulden bis auf den Abend. Der Tag ist unser Feind, die Nacht hat bessere Weg'."

Da nickte der Bub, und unter einem stockenden Atemzug dehnte sich seine Brust. "Weis' mir Arbeit an, Vater! Die Zeit vergeht mir flinker, wenn ich schaff'!"

"Ja, Liebli, komm!"

Als sie zum Hagtor gingen, fuhr ein kalter Windstoß vom Untersberg einher über die Halden der Schönau. Der Richtmann und Ruedlieb lauschten: Auf dem Wind kam vom Lokiwald ein verwehter Hall der Glocke über das Tal geflogen.

Bruder Wampo hatte den Strang gerührt. Als er aus seinem langen Schlaf erwacht war und sich noch immer einsam in der Klause stand, befielen ihn Angst und Sorge. Doch er wagte die hölzernen Mauern nicht zu verlassen. Unter der Türe stand er und schrie den Namen Schweikers in die Stille hinaus. Aber keine Antwort kam - es rauschte nur der Wald, wenn ein Windstoß, welcher plötzlich erwachte und rasch verwehte, für kurze Weile die dumpfe Ruhe der Lüfte störte. Auch klangen Bruder Wampos Rufe nicht weit; denn seine Stimme war heiser von der langen Zwiesprach, die er in der Nacht mit seinem unheimlichen Gesellen in der Grube gehalten. Die Glocke, meinte er schließlich, würde besser rufen.

Als er im Läuten einmal aussetzte und über die Lichtung spähte, glaubte er Stimmen im Wald zu hören. "Schweiker!", rief er und eilte den Bäumen zu, doch er fand nur den stillen, öden Wald. Eine kleine Strecke wagte er sich noch weiter, dann aber schüttelte er bedenklich das runde Köpflein und kehrte wieder um. Ein summen machte ihn aufblicken, und was er gewahrte, ließ ihn plötzlich alle Furcht und alle Sorge um die Brüder vergessen. An einem morschen Baum, in ziemlicher Höhe, sah er ein Loch, welches in die Höhlung des Stammes führte, der ein Bienennest zu bergen schien, denn zahlreich und emsig flogen die wilden Immen aus und ein. "Schau, schau! So kann man in dem schiechen Wald doch auch 'was Liebes finden!", lachte Bruder Wampo, der den süßen Honig schon auf der Zunge spürte. Er musterte den Baum und meinte, dass er ohne allzu große Mühe das Nest ersteigen könnte, denn die Stümpfe dürrer Äste ragten wie Leitersprossen aus dem Stamm. Er griff nach Schwefelfaden und Feuerstein in seiner Kutte, nahm zwei kleine Moosbüschel, die er hinter den Gürtel steckte, und begann über die Sprossen empor zu klimmen. Aber er hatte diese Mühe doch zu leicht geschätzt. Freilich, der Baum erhob keine Schwierigkeiten, um so größere jedoch Bruder Wampos Bäuchlein, das eine besondere Vorliebe bezeigte, mit jedem Zweig und jedem Rindensplitter eine länger Auseinandersetzung zu halten. Manches Tröpflein Schweiß war vergossen, als Bruder Wampo endlich neben dem Immenloch auf lustigem Ast saß. Während er schwere Mühe hatte, die ihm umschwärmenden Immen abzuwehren, schlug er hurtig Feuer, brachte das eine der Moosbüschel in glimmenden Brand, schob den dick rauchenden Wisch in die Höhlung des Stammes und verstopfte mit dem anderen das Loch. Flink ließ er sich auf die Erde gleiten und rannte davon, mit schlagenden Armen die Immen scheuchend. In einiger Ferne blieb er lachend stehen und schnalzte mit der Zunge.

"Jetzt soll Euch der Rauch einen Tag lang beißen! Dann komm' ich wider und heb den süßen Schatz!"

Ein Wehlaut schloss diese Worte, und mit beiden Händen griff Bruder Wampo nach seiner Glatze. Er spürte zwischen den Fingern noch die Biene, die ihn gestochen hatte. Kreischend schüttelte er sich, rannte der Lichtung zu, raffte im Lauf einen Klumpen Erde auf und drückte ihn stöhnend über sein Köpflein. "Schweiker! Schweiker!", schrie er mit seiner heiseren Stimme. Doch hätte Bruder Wampo auch einen Ruf getan, so mächtig wie das Gebrüll eines Löwen - es wäre wohl kaum zu Schweikers Ohr gedrungen.

Hoch oben auf dem Hang des Göhl saß Schweiker noch immer in der Stube des Greinwalders und hielt die Hände der Hirtin fest, damit ihre bösen Schmerzen nicht wiederkehren möchten. Er hatte sich seines Traumes in jener ersten Nacht erinnert, und da begann er nun zu forschen, wie es um das "Seelgerät" der Hirtin bestellt wäre. Erschrocken über das zweifelhafte Ergebnis seiner Fragen rief er: "Kindl, Kindl! Sauber und gewaschen liegst vor mir, aber einwendig schaut's bei Dir noch aus, dass einem grausen könnte'!" Während draußen im Hof die Beilschläge des Greinwalders klangen, der das zertrümmerte Tor wieder zusammenflickte, fing Bruder Schweiker zu sprechen an und predigte der lauschenden Hirtin den Himmel - seinen Himmel. Das war ein Himmel, den man greifen konnte mit Händen. Um zu beweisen, wie schön es im Himmel wäre, und welche Wonne man von der ewigen Seligkeit zu erwarten hätte, schilderte er die Qualen, welche die Heiligen und Märtyrer auf Erden erduldet hatten, um all dieser himmlischen Freuden teilhaftig zu werden. Er wählte die Geschichten seiner Lieblingsheiligen - das waren jene Märtyrer, für welche die "wüsten Heiden" die grausamsten Leiden ersonnen hatten.

Hinzula zitterte an allen Gliedern, und ihre Augen wurden feucht, als sie hörte, wie standhaft die Heiligen all ihre furchtbare Marter ertragen hatten. "Ja sag' nur, sag' ... und das alles ist wahr?"

"Freilich, mein liebes Kindl, so wahr, wie dass ich bei Dir sitz'!"

"Aber wie kann denn ein Mensch solche Leiden nur aushalten?"

"Das kann freilich nur ein Heiliger, weißt, den der liebe Gott gekräftigt hat und gespeist mit Himmelsbrot!"

"Himmelsbrot? Was ist denn das für eins?"

"Das ist von allem das Best'! Das backen die guten Engel im Himmel, und wer so fromm ist, dass ihm Gott ein Bröcklein schickt davon, der fühlt in Leid und Schmerzen sein Herz erhoben zu reiner Freud' und Süßigkeit, der spürt nimmer Schmerz und Kummer, und seine Seel' tut jauchzen und ist voll von all dem Glück, das ihr der liebe Gott gegeben. Gelt, für so ein Himmelsbrot, da möcht' doch ein jeder gern leiden bis auf's Blut? Meinst nicht auch?"

Hinzula nickte. "Freilich, da möcht' mir auch ein Bröcklein schmecken!" Mit träumendem Lächeln blickte sie zu Schweiker auf - und nun schwiegen sie alle beide und hingen Aug' in Auge.

"Wohl wohl!", stotterte Schweiker nach einer Weile, aus seiner Verlorenheit erwachend. "Was hab' ich denn sagen wollen? richtig, ja ... allweil in der höchsten Not, wenn die Kräft' die Heiligen schier haben verlassen wollen, hat ihnen der liebe Gott einen Engel geschickt mit Himmelsbrot. Schau nur, wie's dem heiligen Laurenzi gegangen ist ..."

"Hat der auch so viel leiden müssen?"

"Wohl wohl! Pass nur schön auf, ich erzähl' Dir alles ..."

Während Schweiker die Legende begann, trat draußen in der Hofreut die Bäuerin zu ihrem Mann. "Ja sag' nur, was ich tun soll? Jetzt hockt er noch allweil drin! Es muss schon lang über Mittag sein ... ich muss ja Feuer schüren und kochen."

Der Greinwalder kratzte sich hinter den Ohren. "Ich weiß mir selber keinen Rat. Hinauswerfen ... das wird sich hart machen. Der Unfirm möcht' mir alle Knochen im Leib zerbrechen. Meinetwegen, setz die Supp' halt zu! Jetzt ist er da ... soll er halt mitessen!"

Durch die offenen Fenster klang Schweikers Stimme: "Und richtig, wie es ihm der heilige Vater Sixtus, der ihm vorangegangen ist im Martertot, vorhergesagt hat: Drei Tag' später, da haben ihn die heidnischen Schergen gepackt und haben verlangt von ihm, dass er die heiligen Kirchenschätz' den Richtern ausliefern soll."

"Solche schieche Leut'!", stammelte Hinzula.

"Da hast recht! Und was hat der heilige Laurenzi gesagt? Wohl wohl, hat er gesagt, kommt nur morgen, und alle Schätze meiner Kirche will ich Euch zeigen ... hat er gesagt!"

"Geh, das ist aber doch nicht recht von ihm gewesen!"

"Wart nur, wie's weiterkommt, wart nur! Am andern Tag haben sich die Schergen wieder eingestellt, und da hat der heilige Laurenzi die Kirch' vor ihnen aufgetan, und die ganze Kirch' ist voll gewesen mit Kranken, mit armen, notbeladenen Leuten. Schaut hin, hat er gesagt, schaut hin, das sind die Schätze meiner Kirche."

Schweikers Stimme schwankte vor Rührung, und Hinzulas Augen füllten sich mit Tränen. "So ein guter, guter Mann!"

"Und weißt, was sie ihm getan haben? Einen eisernen Rost haben sie hergeschleift, haben einen ganzen Haufen heißer Kohlen drunter ausgebreitet, und wie der Rost über und über geglüht hat, haben sie den heiligen Laurenzi lebendigen Leibes draufgelegt."

"All ihr guten Mächt'," rang es sich mit erstickten Lauten von Hinzulas Lippen, "wie kann man denn einem guten Menschen so 'was tun!"

"Gezischt und geprasselt hat's, und Rauch und Feuer ist aufgegangen von seinem schönen Lockenhaar. Der heilige Laurenzi aber ist standhaft geblieben und hat nach einer Weil' gerufen: 'Schaut her, die eine Seite ist genug gebraten, jetzt wendet mich auf die andere!'"

"Hör' auf, hör' auf, ich kann's nimmer hören!", flehte Hinzula und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Erschrocken sprang Schweiker auf, und während ihm selbst die dicken Zähren über die Backen kollerten, suchte er das Mädchen mit stotternden Worten zu trösten. Doch Hinzula hörte nicht, sie schluchzte und schluchzte. "Kindl, Kindl!", rief er in heller Verzweiflung. "So hör' doch auf, das Weinen muss dir ja schaden!"

Unter herzbrechendem Schluchzen jammerte die Hirtin: "So viel leiden hat er müssen, so viel leiden!"

"So tu doch nimmer weinen! Das ist ja doch viele hundert Jahr' schon her, und schau ... wer weiß, ob's wahr ist!" Der Jammer und sein zitterndes Erbarmen hatten ihm diese bedenklichen Trostworte auf die Zunge gelegt. Er selbst erschrak, als sie gesprochen waren, und griff mit beiden Händen an seine Stirn, als ginge ihm alle Besinnung aus den Fugen.

Die Bäuerin trat in die Stube, ein Bündel dürren Holzes auf den Armen. Als sie das Schluchzen ihres Kindes hörte, warf sie das Holz auf den Herd und eilte zum Bett. "Ja was tust denn?", fuhr sie den Bruder an und beugte sich über die Schluchzende. "Jetzt macht er mir die sieche Dirn noch weinen!"

Schweiker brachte kein Wort über die bleichen Lippen. Hinzula aber bezwang ihr Schluchzen und stammelte: "Mutter, Mutter, so tu doch ihn nicht schelten! Er hat doch keine Schuld ... ich selber ... und ... der heilige Laurenzi!" Brummend ging die Greinwalderin zum Herd, und während sie Feuer schlug, rief sie über die Schulter zurück: "Der Bauer hat gesagt, Du kannst mitessen! Hörst!"

"Mitessen?", fragte Schweiker. "Hat denn das Kindl noch kein Frühmahl gehabt?"

"Frühmahl? Ja bist denn Du gescheid? Es geht doch schon bald auf den Abend zu."

"Auf den Abend?" Dem Bruder fuhr der Schreck in alle Glieder. "Allmächtiger Gott, wo bin ich denn gewesen! Mein Herr! Mein guter, guter Herr!" Er stürzte zur Türe. Als er den schluchzenden Ruf der Hirtin hörte, drückte er die Hände über die Ohren, dennoch hielt es ihn fest auf der Schwelle. Mit verstörten Blicken hing er an dem Mädchen, dann schüttelte er den Kopf, wehrte mit den Armen und taumelte aus dem Haus. Mit langen Sprüngen gewann er das Tor, rannte in seiner blinden Eile den Bauer nieder und war schon im Wald verschwunden, noch ehe der Greinwalder wieder auf die Füße zu stehen kam. Keuchend und erschöpft erreichte Schweiker die Klause. Auf der Türschwelle saß Bruder Wampo, der ein Stück Rasen über seinen Kahlkopf gebunden hatte, um den Schmerz des Bienenstiches zu lindern. Schweiker hatte kein Auge für den drolligen Anblick dieser seltsamen Kappe. Nach Atem ringend, stieß er die Frage hervor: "Ist unser Herr daheim?"

"Nein, nein."

"Hat ihn der Pater nicht gefunden?"

"Ich weiß nicht ..."

Was Bruder Wampo noch weiter sagte, hörte Schweiker nicht mehr. Keuchend rannte er wieder davon. Wohin er wollte, das wusste er nicht. Kreuz und quer durchirrte er den Wald und schrie den Namen Eberweins hinaus in die dumpfe Stille. Durch wirre Gebüsche schlug er sich und geriet in das Tal der Ramsauer Ache. Auf schmalem Pfad kam ihm die Tochter Wazes auf ihrem Rappen entgegen geritten. Sie wollte wenden, als sie den Mönch erblickte, doch mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft sprang Schweiker auf Recka zu, fasste den Zügel des Pferds und keuchte: "Mein Herr, mein Herr ... hast Du meinen Herrn nicht gesehen?" Das Pferd bäumte sich, aber Schweiker hielt fest und ließ sich schleifen.

In jähem Zorn hatte Recka die Gerte gehoben. Da traf sie ein Blick aus Schweikers Augen, angstvoll und verzweifelt. Sie ließ die Gerte sinken und konnte die Antwort nicht versagen: "Sorge Dich nicht, Dein Herr weilt unter sicherem Dach, bei Sigenot dem Fischer."

Schweikers Arme ließen los, und während Recka davon ritt, drückte der Bruder seine zitternden Fäuste auf die atemlose Brust. "Unter sicherem Dach!", keuchte er, dann warf er sich zu Boden und presste schluchzend das Gesicht ins Moos.

Dem Lauf der Ache aufwärts folgend, ritt Wazes Tochter unter den Halden der Strub vorüber und kam in das enge Waldtal, dessen Gehänge widerhallten vom klingenden Hammerschlag der Ilsanker Schmiede. Nach kurzem Ritt erreichte sie die Stelle, an welcher die Windach ihre schäumenden Wellen in die Ramsauer Ache goss. Sie setzte über den rauschenden Bach und ritt in den dunklen Hochwald ein, um nach einer Bärengrube zu sehen, welche am Fuß einer den Wald durchschneidenden Felswand ausgeworfen war. Noch hatte sie das Ziel ihres Rittes nicht erreicht, als sie das Pferd verhielt und gegen die Höhe lauschte. Ihr war, als hätte sie vom Gewänd der Windach hernieder den angstvoll klingenden Schrei einer weiblichen Stimme vernommen. Lange lauschte sie, doch sie hörte nichts mehr, als das dumpfe Rauschen des Wassers. Eine quälende Erinnerung befiel sie, und kaltes Grauen schlich ihr in das zerrissene Gemüt - der Schatten der armen Heilka war vor ihr aufgestiegen.

"Die Lebendigen und die Toten, alles schreit um mich her und klagt wider meine Brüder und meines Vaters Haus! Könnt' ich doch nimmer hören! Müsst' ich doch nimmer sehen! Hätt' nur alles schon ein End'! Ein End'!" Mit pfeifenden Gertenschlag trieb sie das Ross und verschwand im Dunkel des Gehölzes.

Da klang der Schrei in der Höhe wieder. Hoch über dem Gekluft der Windach, wo nah dem Absturz zwischen Felsen und Gestrüpp ein Almensteig empor führte gegen den König Eismann, rangen zwei Menschen miteinander. Ihre lauten Stimmen mischten sich, ihre schwarzen Gewänder und ihre weißen Haare flatterten in dem eisigen Luftstrom, der dem Sturz der Windach talwärts folgte.

Hiltidiu lag auf den Knien vor Hiltischalk und hielt ihn umklammert mit ihren dürren Armen. Das sonst so milde, sanfte Antlitz war verwandelt zu einem Schreckbild, jeder Zug verzerrt von Entsetzen und Todesangst. Um Hilfe schreiend, umkrampfte sie den zitternden Körper des Greises, der sich loszureißen suchte. Hiltischalks Augen glühten wie im Wahnsinn, und schrill und heiser klang seine Stimme: "Lass mich, Hilti, lass mich! Jetzt muss ich rufen zu ihm, da ist das Fleckl, wo er mich hören muss! Hat er mich selbigs Mal nicht auch gehört, wie ich da drunten geschrieen hab' zu ihm: 'Mein guter Herr, Du mein Gott'? Hat er mich nicht gehoben aus Not und Tod? Jetzt muss er mich wieder hören, jetzt muss er mich lohnen für die Treu, mit der ich gestanden zu ihm durch siebzig Jahr' ..."

"So hör' mich doch! Um Gotteswillen, lass Dir sagen ...", jammerte das Weib.

Doch Hiltischalk hörte nicht. "Ein Urtel muss ich haben! Recht muss er sprechen nach seiner ewigen Gerechtigkeit! Recht zwischen mir und demselbigen, der mich reißen will von Dir und Deiner Lieb', der mich gestoßen aus meinem Gotteshaus, der meine hundert Kinder mir genommen hat! Meine Kinder! Ein Urtel muss ich haben zwischen mir und ihm!"

"Manne, Manne!", schrie die Greisin mit halb erstickter Stimme. "Ja bist denn Du ein anderer geworden! Du, der allzeit Gute, der allzeit Fromme ... Du willst Gott versuchen und Dich versündigen an ihm?"

"Lass mich, Hilti, lass mich! Ein Urtel muss ich haben! Wissen muss ich, ob ich fromm gelebt hab' oder ein Verfluchter bin, ob ich Gott gedient hab' oder der Höll'!"

"Denk schon nimmer an mich und meine Lieb', nur lass Dich bitten: Versuch' den Himmel nicht!"

"Ein Urtel muss ich haben! Ich muss! Ich muss! Lass Deine Händ' von mir ... und hab' nur keine Sorg' ... er wird mich heben aus Not und Schmerzen! Hab' nur acht, wie er demselbigen zeigen wird: Was Gott vereint hat, können Menschen nimmer schieden! Lass Deine Händ' von mir! Ich muss! Ich muss!"

Er riss sich los und taumelte zum Rand der Felsen. Gellend hob sein Ruf sich zu den Wolken: "Mein guter Herr, Du mein Gott!" Und mit ausgebreiteten Armen, brennenden Blicks die grau verschleierte Höhe suchend, trat er hinaus ins Leere. Unter herzzerreißendem Schrei hatte Hiltidiu sich aufgerafft und wankte ihm nach mit brechenden Knien. Ihre Hände haschten noch sein flatterndes Gewand, sie wollte nicht lassen von ihm und stürzte, von seinem Fall gezogen, mit ihm hinunter in die dunkel gähnende Tiefe...

Dumpf rauschte die Windach, ihre grauen Wasserdämpfe stiegen auf, und in der Tiefe rollten ihre Wellen den immer gleichen Weg, die fallenden Steine verschlingend, den weichenden Erdgrund fressend und alles Wachstum mordend, das ihr zu nahe kam. Sie gab nicht wieder, was sie genommen. Ein Urteil war gefallen, und es lautete, wie Hiltischalk gehofft: Nun war er ledig aller Not und Schmerzen und war vereint mit seinem Weib für alle Zeiten.

Dumpf rauschte die Windach. Ihre tobenden Wellen erschütterten den Felsengrund und machten den Steg erzittern, der die finstere Kluft überspannte. Da schwankte der Balken unter dem festen Tritt eines Mannes. Pater Waldram suchte den Heimweg. Ohne Grauen blickte er nieder in die finstere Tiefe, furchtlos überschritt er die Kluft. Er wusste sich in Gottes Hut Hatte er nicht das stolzeste Werk seines Lebens an diesem Tag vollführt? War ihm heute der Dank des Himmels nicht doppelt gewiss, da er Gottes Haus gesäubert von Laster und Aussatz, eine ganze Gemeine mit hundert Seelen gerettet hatte vor ewigem Verderben? Sicher trug ihn der Steg.

Als er die Blöße des Ufers überschritten hatte und in den von Dorngestrüpp umwachsenen Hochwald trat, vernahm er einen jauchzenden Ruf, der das Rauschen des Wassers übertönte. Über ihm, in der Weite eines Bogenschusses, hielt Recka auf ihrem Pferd vor dem Absturz der Felsen. Sie hatte in die Tiefe geblickt, dann mit den Augen den Pfad im Tal gesucht. "Ist denn mein Leben noch den Umweg wert?" Lachend hatte sie das Ross zum Sprung getrieben. "Heilka, jetzt ruf' die Alfen der Windach auf ... lass sie greifen nach Hennings Schwester!" Und mit dem jauchzenden Schrei, welchen Waldram gehört, hatte sie den Anlauf zum Sprung genommen. Doch vor dem Absturz der Felsen stockte das Pferd im Lauf mit vorgeschobenen Hufen und scheute zurück. "Willst du nicht?", lachte Recka. "Ich sag' Dir aber: Du musst!" Sie lenkte rückwärts und begann von neuem den Anlauf, die Flanke des Pferdes mit der Gerte peitschend. Nun sprang das Ross, vorgestreckten Halses, mit wehender Mähne flog es über die Kluft. Seine Hufe gewannen das Ufer, wohl brach unter ihm der hohle Rasen, doch es schnellte sich vorwärts und stand auf fester Erde, zitternd an allen Gliedern.

"Gott schütze Dich!", hatte Waldram geschrieen und wie in heißer Angst um dieses Weib die Arme gestreckt.

Recka sah ihn nicht und hörte keinen Laut seines Rufes. Das schöne Antlitz von tiefer Blässe überzogen, blickte sie mit verlorenem Lächeln rückwärts in die Tiefe. "Den Himmel find' ich nimmer, die Höll' begehrt mich nicht ... wohin denn jetzt? wieder heim in meiner Brüder Haus!" sie streichelte den Hals des Pferdes und ließ es mit hängendem Zügel in den Hochwald treten.

Als sie verschwunden war, schien Waldram wie aus einem Traum zu erwachen. Brennende Röte schoss ihm in Stirn und Wangen, während er die beiden Fäuste auf seine Augen schlug. "Teufelin! Hat dich zum anderen Mal die Hölle geschickt, mich zu versuchen?" Mit zuckenden Händen fasste er seine Brust. "Sündiges Fleisch, erbärmliches Gefäß Du einer gottgeweihten Seele ... ich will Dich züchtigen!"

Gestreckten Leibes warf er sich in einen Dornbusch und wälzte sich auf den stachligen Ranken.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.