Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 4

Unter dichten Bäumen, durch welche der von rasch ziehenden Wölklein häufig verschleierte Mond nur mit spärlichen Lichtern nieder blickte, folgte Eberwein dem Pfad. Schwül und feucht wehte ihm der Nachtwind in das brennende Gesicht, und welkes Laub raschelte um seine Füße. Bei dem Wirbel der Gedanken und Empfindungen, die ihn erfüllten, und in dem mit Finsternis wechselnden Zwielicht übersah er die Zweigung des Pfades und schritt zur Linken weiter. Als er eine kleine mondhelle Lichtung erreichte, musste er rasten, denn seine Arme zitterten schon unter der Last des Knaben. Er setzte sich auf einen gestürzten Baum, und nun zum ersten Mal, im Licht des Mondes, sah Huze das Antlitz seines Retters. Leuchtend traf ihn der Blick dieser stillen Augen, und mit bebenden Armen den Mönch umschlingend, seufzte der Knabe wie einer, der nach üblen Wegen die sichere Ruhstatt fand.

Nach einer Weile erhob sich Eberwein. Er hatte die Sandalen wieder angelegt, und mit neu gestärkter Kraft seinen Schützling tragend, folgte er dem Pfad, der sich nach kurzer Strecke teilte. Zu spät der Weisung Reckas gedenkend, wandte sich Eberwein nun zur Rechten. Über steile Stufen ging es nieder. Eine Wolke deckte den Mond, doch aus der Tiefe klang ein sachtes Rauschen, und durch die Nacht her leuchtete ein rötlicher Schein wie der Glanz eines Herdfeuers bei offener Tür. Das musste die Ache sein und der Herdschein des Fischerhauses, dessen Bewohner sich - denn der Morgen war nahe - vor der Dämmerung schon zum Tagwerk erhoben hatten. So meinte Eberwein. Doch als er den Niederstieg über den steilen, von Büschen überwachsenen Pfad mühsam vollendet hatte und ebenen Grund erreichte, gewahrte er im auftauchenden Mondlicht, dass er auf engem, von Felswänden eingehegtem Raum stand, während vor ihm der See sich dehnte, in weitem Kreis umschlossen von den schwarzen Mauern der Berge. Schreck und Sorge befielen ihn. Wie sollte es seinen erschöpften Kräften gelingen, den Knaben wieder empor zu tragen über den steilen Hang? Da leuchtete weit draußen im See der Feuerschein, und ein hoffender Gedanke zuckte in Eberwein auf: Das musste Sigenot sein, der bei Fackelhelle die Netze warf.

"Sigenot!", hallte der Ruf des Mönches in die weite Nacht. Keine Antwort kam. Nur das Echo wiederholte dumpf die letzte Silbe des Namens: "Not!" Doch meinte Eberwein zu gewahren, dass die Fackel näher käme. Auf einer Steinstufe saß er, den Knaben auf seinem Schoß, und harrte ...

Der Himmel wurde bleich, es graute der Morgen über dem See, und der Feuerschein erlosch. In Eberwein verstummen alle Sorgen dieser Stunde vor der ungeahnten, überwältigenden Schönheit des Bildes, welches die schwindende Dämmerung vor seinen staunenden Augen entschleierte. In sachten Wellen schwankend, durchsichtig grün wie ein Smaragd, eine geheimnisvolle Flut, welche mit jedem Wellenschlag das Lied der eigenen Schönheit rauschte, so dehnte der See sich hin in stundenweite Ferne. Die Ufer schienen keine Pfad zu dulden; als hätte die Natur diese herrlichste ihrer Stätten geheiligt vor dem Fuß der Menschen, so stiegen die im Rund geschlossenen Berge steil aus der Flut und wuchsen zum Himmel. Dunkle Fichtenwälder und Laubgehölze, die im Welken alle Farben spielten, bekleideten die ragenden Gehänge, wie bunte Festgewänder die Fürsten schmücken, wenn sie den Thron umstehen. "Wahrlich, ein Thron der Schönheit," rief Eberwein, "ein königlicher See! Er soll den Namen führen, der ihm gebührt!"

Immer herrlicher traten alle Formen und Farben aus dem Duft des Morgens hervor, neue Schönheit wuchs hinter jedem weichenden Schatten, und die Grießbäche schimmerten, als gössen geheimnisvolle Hände flüssiges Silber über die Wände nieder in den See. Ein schwindelnd hoher Felsgrat und der weiße Schnee, der die höchsten Kuppen deckte, begann schon zu leuchten im ersten Glanz des nahenden Tages. Rot säumten sich die Wolken, welche hoch durch die Lüfte jagten, wie geflügelte Boten. Träumenden Auges blickte Eberwein zu ihnen auf - wie hätte er bei ihrem rosigen Schimmer ahnen mögen, dass sie die Boten der Vernichtung waren, welche aufstieg aus dem Schoß der Nacht, um diese Stätte der Schönheit heimzusuchen. Er sah die leuchtende Strahlengarbe, welche von Osten her über alle Höhen loderte, und ihm war, als hätte der Himmel sich aufgetan und eine Stimme riefe: "Preise die Größe meiner Allmacht! genieße, was ich schuf zur Freude der Menschen!"

Aus seiner Versunkenheit riss ihn ein leiser Wehlaut des Knaben. "Hast du Schmerzen?", fragte er erschrocken. Der Bub schüttelte den Kopf und lächelte. Doch es sprachen die Furchen auf seiner Stirn. Hastig trug ihn Eberwein zum Ufer und ließ ihn zwischen Büschen auf weichen Rasen nieder. Mit dem Tuch, das er am Gürtel fand, wusch er ihm die von Blut überronnen Füße und verband die Wunden. Lächelnd mit verträumten Augen zur Höhe blickend, saß der Knabe und lispelte: "Wie das kühlt, wie das wohl tut!" Und nach einer Weile fragte er: "Gelt, das alles tust an mir, weil's der gute Vater so will?"

Eberwein konnte nicht sprechen. Die Prüfung der Wunden hatte ihm gesagt, dass der Knabe an den Füßen gelähmt sein würde für sein ganzes Leben. Huze aber sah nicht, was in den Zügen des Mönches redete. Er blickte zum leuchtenden Himmel auf und flüsterte: "So viel gut, wie der ist, so gut ist keiner mehr!"

Und als die Binden geschlossen waren, sagte er: "Ich mein', ich müsst' schon laufen können!" Er zog sich an Eberwein in die Höhe, und der Glaube gab ihm Kraft. Er konnte stehen, und schlurfend, mit klunkernden Füßen, tat er ein paar kleine Schritte, dann sank er auf einen Stein. "Es geht schon, wohl wohl, es geht schon wieder! Ein lützel hinken werd' ich halt müssen. Aber das tut nichts! Wer schnell hinkt, kommt auch vom Fleck! Gelt? Freilich, hinauf ...", seine Augen suchten die Almen und wurden feucht, "hinauf werd' ich wohl nimmer können. Aber herunten ist auch ein gutes Weilen!"

In wortloser Bewegung streifte Eberwein mit den Händen über das Haar des Knaben.

Da deutete Huze: "Und schau nur: Sell schickt uns der gute Vater auch schon das Schiffl her!"

Eberwein blickte auf und sah den Einbaum schwimmen, noch fern von ihnen, doch nahe dem gleichen Ufer, und der Kahn schien in gerader Fahrt sich zu nähern. Aber nun lenkte er jählings zur Seite und drohte hinter einer Biegung der Felswand zu verschwinden. Eberwein wollte rufen, da hörte er über sich die Stimme Reckas: "Ulla! Hier! Nimm den Mantel und bring ihn mir hinunter an das Ufer." Auf einer vorspringenden Felsplatte erschien sie, von einem weißen Mantel umhüllt. Durch die Lücken des Buschwerks blickte Eberwein empor und sah, wie Reckas entblößte Schultern sich aus der Hülle hoben. Zu Schreck umschlang er den Knaben und deckte die Augen mit der Hand. Doch ob er die Lider auch geschlossen hielt, er konnte das Bild des Weibes nicht mehr aus seiner Seele scheuchen, er sah den Mantel nieder gleiten, sah den schimmernden Körper von der Höhe stürzen, umflattert vom Goldhaar, und nieder tauchen in die Flut. Als das Wasser rauschte, riss Eberwein den Knaben auf seine Arme und eilte durch die Büsche am Ufer hin, bis die Felswand seine fliehenden Schritte hemmte. Auf den Knien liegend, mit hämmernden Pulsen, zitternd an allen Gliedern, drückte er den Knaben an sich. Er musste jedes Wort, das die alte Magd erwiderte, und er hörte das Wasser plätschern, als die Badende an das Ufer stieg und nach der Hülle verlangte.

"Schau nur, wie Du zitterst!", jammerte die Magd. "Baden! Bei solchem Wetter!"

"Es war wie Eis! Aber diese Nacht ist weggespült!"

Die Stimmen entfernten sich und verklangen auf der Höhe des Felsenpfades. Durch die Büsche nieder schimmerte noch der weiße Mantel.

Da rang es sich von Eberweins Lippen: "Hiltischalk! Vergib mir!"

Scheu blickte Huze in das brennende Gesicht des Mönches. "Was hast denn, Gottesmann? Warum denn tust Dich fürchten vor ihr? Sie hat uns doch geholfen in der Not und wird doch jetzt wider uns nicht feindlich tun?"

Gedämpfte Stimmen klangen, und der Schlag eines Ruders ließ sich vernehmen. Eberwein sprang auf und trug den Knaben durch die Büsche ans Ufer. Als sein heißen Augen nieder blickten in die klare Flut, gewahrte er ein wundersames Bild: In der Tiefe des Wassers, auf grünem Moosgrund, hing mit gebreiteten Schwingen ein verendeter Schwan im Kraut verbissen. Sacht bewegte der Wellengang das schneeige Gefieder und rührte die Leichname zweier Falken, welche im Tod noch ihre Fänge um den Hals des Schwans geschlagen hielten.

"Wer sendet mir diesen Anblick?", stammelte Eberwein. "Wie die Falken an diesem Schwan, so hängt der Zweifel und die Sünde an meinem Herzen! Herr! Lass mich nieder tauchen in die Tiefen Deiner rettenden Liebe!"

An der Biegung der Felswand glitt der rauschende Einbaum unter den Büschen hervor. In Schreck und Freude erkannte Sigenot den Mönch und trieb mit klatschendem Ruderschlag den Kahn zum Ufer. Eberwein begrüßte den Fischer mit einem stummen Händedruck und ließ sich mit dem Knaben in den Einbaum heben, wusste aber kaum wohin die Füße stellen; denn der Boden des Kahns war bedeckt mit den Fischen, welche in der an einem Weidenseil nachschwimmenden Kufe nicht mehr Platz gefunden hatten. Immer dem Fuß der Felswand folgend, trieb Siegenot mit wuchtigen Ruderschlägen das Boot. Den Knaben auf seinem Schoß, dass Eberwein schwer atmend und mit gesenkten Augen. Seine Lippen blieben geschlossen, er schien nicht zu sehen, nicht zu hören. Doch Huze gab Antwort auf die drängenden Fragen der beiden Fischer, und in tiefer Bewegung hörte Sigenot, was der Knabe erzählte von seinem Leiden, von dem Wunder seiner Rettung.

Hinter dem gleitenden Nachen schloss sich der Weitsee. Still, vom Duft des Morgens umflossen, lag die Lände und das Fischerhaus, aus dessen Moosdach sich der Herdrauch kräuselte. Dünne Nebel dampften aus dem Röhricht und hoben sich in die weißen Lüfte, als trügen sie den immer dichter ziehenden Wolken Kunde aus der Tiefe zu.

Der Einbaum fuhr in den Sand, und es wurde lebendig im Hag. Eigel und die beiden Sennen kamen gelaufen, Hilmtrud wollte ihnen folgen. Doch Kaganhart fasste sie am Arm und zog sie unter leisem Schelten um die Hausecke. Als der Mönch aus dem Nachen stieg, fiel der Kohlmann vor ihm nieder und küsste den Saum seines Kleides. Doch Eberwein sah ihn nicht. Seine Augen hingen an dem ragenden Kreuz. Mit gestreckten Armen eilte er dem heiligen Zeichen entgegen, beugte die Knie, umklammerte den Stamm mit beiden Armen und presste die Stirn an das Holz.

"Er redet mit seinem guten Helfer!", flüsterte Sigenot. "Lasst ihn allein! Tragt den armen Buben ins Haus!"

Doch Huze wollte sich nicht tragen lassen. "Die Händ' von mir! Ich geh' schon, wohl wohl ... mir hilft schon einer!" Seinen Schmerz verbeißend, richtete er sich auf und duldete kaum, dass Wicho und Eigel ihn stützen, als er Schrittlein um Schrittlein dem Hagtor entgegenhinkte.

Es währte lange, bis Eberwein sich erhob. Unter dem Tor trat Sigenot vor ihn hin und sprach: "Eh' Du den ersten Schritt in meine Hofreut tust, lass raiten mit Dir. Wie ich selbigs Mal von Dir gegangen bin, hab' ich gemeint, ich könnt' wiederkommen mit Hundert hinter mir. Ich kann mein Wort nicht lösen ... frag' nicht, warum! Aber mich nimm ganz, mich und meine Leut'! Und wo der Mann ist, muss sein Haus sein!" Er zog das Messer vom Gürtel, schlug vom Pfosten des Hagtors einen Span und legte ihn in Eberweins Hand. "So nimm mein Haus mit allem Recht und Eigen! Tu mit ihm nach Deinem Willen, lass mir die Nießung oder gib sie einem anderen ... Du bist der Herr!"

"Was Du bietest, soll gelegt sein in Gottes Hand!", erwiderte Eberwein mit bebender Stimme. "Du aber schalte in Deinem Haus als freier Mann, und mögen Dir Tage des Glückes und der Ruhe blühen unter seinem Dach!"

"Glück, Herr?" Schwer hob sich die Brust des Fischers. "Hätt' ich die Ruhe allein, ich wär' zufrieden!"

"Sigenot, was bedrückt Dich? Sprich!"

Da klang es wie ein Schrei aus tiefer Qual: "In mich ist Feuer gefallen, bei lebigem Leib verbrennt mein Herz! Wo ich hassen müsst' ..." Sigenot verstummte und drückte die Fäuste auf seine Brust, mit heißen Augen ausblickend über den See, zur Höhe der Falkenwand.

Eberwein sah diesen Blick. "Sigenot!", stammelte er und umschlang den Fischer mit ungestümen Armen.

In Wazemanns Haus kläfften die Hunde, denen der Zwingerknecht das Futter zutrug. Von dem Lärm und Geheul, das sie erhoben, erwachte Herr Waze aus Schlaf und Rausch. Lallend stierte er im Saal umher und fuhr mit beiden Händen nach dem Gürtel. Als er den Schlüssel griff, der an ledernem Riemen hing, lachte er heiser, fiel wieder zurück auf die Polster und schloss die Augen.

Es stieg der Morgen. Im Tal der Ache hoben sich schwere Dünste aus allen Sümpfen und zogen wie schleichende Gespenster durch den Wald und über die Haldene. Sie stiegen in die Küfte und verschammen mit dem Gewölk, das seinen Lauf zu hemmen schien. Wolke schloss sich an Wolke, und immer dichter breitete sich die graue Wand zwischen Erde und Himmel. Als hinter den Bergen die Sonne stieg, fanden ihre Strahlen keinen Weg in das Tal mehr offen.

Fahles Zwielicht wie an einem düsteren Wintermorgen lag über dem Lokiwald. Und nur eine spärliche Helle fiel in die tiefe Wolfsgrube, in welcher Bruder Wampo gefangen saß. Noch immer kauerte er in der gleichen Ecke, die aufgezogenen Knie mit den Armen umschlungen haltend, die schlotternden Backen überronnen von kaltem Angstschweiß; und ihm gegenüber, in einen Winkel gedrückt, hockte der Wolf wie ein Hund auf den Hinterbeinen. Die lechzende Zunge hing ihm zwischen den Zähnen hervor, und seine Augen waren unverwandt auf den Gesellen in der Grube gerichtet, der dem Wolf nicht minder schrecklich erschien als der Wolf dem Bruder. Da fürchtete einer den anderen. Wampo redete mit keuchender Stimme. Seit das erste Grau des Tages in die Grube gefallen, hatte er die Zunge nicht ruhen lassen. Verstummte er, und ging ihm der Atem aus, so wurde das Tier unruhig - sprach er aber, so saß der Wolf mit schiefem Kopf und äugte nach den tönenden Lippen, halb in Scheu und halb wie in Neugier. Alle Gebete, die er wusste, alle Lieder und Litaneien, deutsch und lateinisch, hatte Bruder Wampo schon hergesagt. Auf die Psalmen Davids waren Salomonis Sprüche gefolgt. Er hatte dem Wolf die schöne Geschichte der holden Ruth erzählt und war von der Königin Esther auf Hiob geraten. Da hielt er nun im siebenten Kapitel, als fern im Wald die rufende Stimme Schweikers klang. Ein Zittern befiel den Bruder, brennenden Röte schoss ihm in das bleiche Gesicht, doch er wagte weder zu schweigen noch zu schreien. Nur langsam hob sich seine erschöpfte Stimme. Näher klang das Rufen Schweikers, der Wolf wurde unruhig und spitzte die Lauscher, seine Haare sträubten sich, und mit funkelnden Augen streckte er den Hals. Schritte ließen sich hören: Schweiker kam durch den Wald einhergegangen.

"Nicht wehren will ich meinem Mund," scholl Hiobs Klage in der Grube, "ich will reden von der Bedrängnis meines Herzens und will heraus sagen von der Betrübnis meiner Seele..."

Schweiker erkannte die Stimme. "Bruder!", schrie er und spähte nach allen Seiten in den leeren Wald.

"Bin ich denn ein Meer oder Walfisch, dass Du mich so verwahrest!", klang es lallend aus der Erde. "Wenn ich gedacht..."

"Bruder, wo bist Du?" In langen Sprüngen folgte Schweiker dem Hall dieses Jammers und fand die Grube. "Allmächtiger!", stammelte er und griff nach dem Beil, das er im Gürtel trug. Da erloschen plötzlich die betenden Worte unter lautem Gezeter. Denn mit tollem Satz war der Wolf auf Wampo losgesprungen, und des Bruders Schultern und Glatze als Schemel benutzend, schwang sich das Tier zum Rand der Grube. Schon aber wirbelte Schweiker das Beil und warf. Einen Sprung noch tat der Wolf, dann stürzte er blutend ins Moos. Ein wuchtiger Hieb endete sein Leben. "So soll es jedem ergehen, der wider uns anspringt!"

Bruder Wampo hüpfte wie ein Frosch, um die Hände zu fassen, mit denen Schweiker in die Grube nieder griff. Das kostete ein festes Ziehen, denn das Bäuchlein wog, obwohl es in dieser Nacht um einige Pfunde minder geworden.

"Bruder! Das soll Dir Gott vergelten mit reichem Himmelsbrot!", stöhnte der Erlöste, als er ebenen Grund betrat. Er fühlte nach seiner Glatze, ob sie nicht blutete, wischte den Angstschweiß vom Gesicht und taumelte ins Moos, alle Viere streckend.

Schweiker warf sich neben ihm auf die Knie und umschlang ihn. "Dich hab' ich! Aber wo ist der Herr?"

"Ich weiß nicht! Lass mich nur erst mich selber finden!" Bruder Wampo war so erschöpft, dass ihm die Sinne zu schwinden drohten. Aber der Anblick des erlegten Raubtieres machte ihn wieder lebendig. "Schweiker," rief er, "das Fell muss ich haben für mein Bett! Ich mein', ich hab's verdient!" Lachend nickte Schweiker, hob den Wolf auf seine Schulter, und so traten sie den Heimweg an.

Eine Stunde später war Bruder Wampo an Leib und Seele gestärkt und neu gekräftigt. Der Sterz mit Wasser hatte ihm all sein Leben lang noch nie so köstlich gemundet wie an diesem Morgen. Nun lag er im Halbschlaf auf seiner Stangenbritsche - wie weich ihm das Moosbett dünkte! - und sine Ruhe störte kein Laut. Er war allein. Waldram und Schweiker waren ausgezogen, um nach Eberwein zu forschen.

"Er hat den Bruder in der Ramsau aufgesucht, dort will ich fragen nach ihm!", hatte Waldram gesagt und war hinausgewandert gegen die Strub.

"Er muss bei dem kranken Kindl gewesen sein, dort will ich suchen!", meinte Schweiker und stieg über die Gehänge des Göhl empor. Als er die Höhe erreichte und vom Waldsaum aus den Hag des Greinwalders erblickte, hämmerte sein Herz, dass ihm die Adern am Hals wie Striemen schwollen. Er meinte, das käme vom raschen Gang. Freilich, es stockte ihm fast der Atem - und da begann er nun gar noch zu laufen: So große Eile hatte er, Kunde von seinem Herrn zu hören. Mit Faust und Griesbeil schlug er an das geschlossene Tor. "Tut auf in Gottes Namen!" Er hörte flüsternde Stimmen im Hof, dann gedämpfte Schritte; doch niemand kam, um das Tor zu öffnen.

Schweiker pochte und rief, aber hinter dem Hag blieb alles still. Er wurde blass und rot, mit beiden Fäusten trommelte er auf die Bohlen und schrie, das in der Runde der Wald erschallte: "Tut auf! Aber Leut', so tut doch auf!" Als er wieder einmal mit verhaltenem Atem lauschte, war es ihm, als klänge vom Haus her ersticktes Weinen an sein Ohr. Das konnte der Bauer nicht sein, auch nicht die Bäuerin. Kalt wie Eis fuhr ihm ein Schreck in alle Glieder. "Da muss ein Unheil geschehen sein!", stammelte er, und vor seinen Augen stand ein Bild: Wazemanns Söhne waren in den Hag gefallen, sie hatten den Bauer und die Bäuerin niedergeschlagen oder gefesselt, hatten um die Hände des wunden Mädchens die Stricke geschlungen und ... doch weiter dachte er nicht. "Hinzula!", schrie er, warf das Griesbeil nieder, verschlang die Arme über der Brust und rannte mit der klobigen Schulter wie ein Sturmbock gegen das Tor. Alle Bohlen krachten, der Riegel splitterte, und Bruder Schweiker hatte freien Weg. Er raffte einen Prügel von der Erde und stürzte dem Haus zu. Unter der Tür trat ihm die Bäuerin entgegen, bleich, mit aufgerissenen Augen. Sie knickte fast zu Boden bei Schweikers Anblick, der den Knoten schwang mit hallendem Ruf: "Wo sind die Buben? Wo sind sie?"

"Buben? Was für Buben?", stotterte sie. "Ich hab' nur einen einzigen! Und der ist auf der Alben!"

Schweiker ließ den Prügel fallen und griff mit beiden Händen an seinen Kopf, in dem er einen Wirbel spürte, als wären seine Gedanken ein Häuflein Blätter, die der Wind gefasst. Hinter dem Stall kam der Greinwalder hervor geschlichen. "Da hört sich doch alles auf!", brummte er. "Gleich ein Loch in den Hag rennen! so ein Unfirm!" Er ging zum Tor, kraute sich hinter den Ohren und besah den Schaden.

"Warum habt Ihr denn das Tor nicht aufgetan? Ich hab' doch gerufen!", stammelte Schweiker.

"Gerufen, gerufen!" Das Weib wurde rot bis über die Ohren und schielte nach ihrem Mann. "So 'was muss man doch hören, eh' man auftun kann! Was willst denn eigentlich?"

Da musste sich Schweiker besinnen. Nach einer stummen Weile fiel es ihm ein: "Meinen Herrn hab' ich suchen wollen. Ist er nicht dagewesen?"

"Nein, nein, hab' nichts gesehen, hab' nichts gehört."

"Aber er muss doch dagewesen sein! Ich hab' doch gesehen, wie er über die Halden heruntergestiegen ist. Wo sollt' er denn gewesen sein, wenn nicht bei Deinem Kindl?"

Verlegen suchte die Bäuerin nach Worten; doch sie fand nur wieder die alte Rede: "Nein, nein, hab' nichts gehört, hab' nichts gesehen!"

Schweiker schüttelte den Kopf und machte ein paar Schritte gegen das Tor. Schwer atmend blieb er wieder stehen und fragte: "Wie geht's ihr denn?"

"Gut, gut!", lautete die hastige Antwort. "Da brauchst Dich nimmer sorgen! Kannst schon gehen! Wohl wohl! Sie wird bald wieder hüten können."

"Der liebe Gott sei drum gelobt!" Ein tiefer Seufzer, und Schweiker ging zum Tor. Doch wieder kehrte er um, und seine Stimme schwankte: "Sag' ihr ... sag' ihr, ich tu' sie grüßen lassen! Gelt, sag' ihr das!"

Er wollte gehen, da klang es mit zitterndem Ruf aus der Stube: "Gottesmann!"

Mit einem Sprung war Schweiker bei der Türe. Stotternd wollte ihm die Bäuerin den Weg verlegen, aber den das Tor nicht aufgehalten, den hielten auch die Hände des Weibes nicht. Im Halbdunkel der Stube leuchtete ihm vom Bett das Gesichtlein der Hirtin und die weiße Binde entgegen. "Kindl! Kindl!" Mehr brachte er nicht über die Lippen.

Wortlos streckte Hinzula die Hände nach ihm. Als er zögernd näher trat, sah er ihre verweinten Augen und die Spur der Zähren auf ihren schmächtigen Wangen. "Gelt, so hab' ich doch recht gehört!", stammelte er. "Was ist denn geschehen, Kindl? Sag' doch, sag', warum denn hast Du geweint?"

"Weil, weil ...", da gewahrte Hinzula die Zeichen, die ihr die Mutter hinter dem Rücken des Mönches machte. Sie senkte die Augen und lispelte: "Weil ich Schmerzen hab'."

Erschrocken fasste er ihre Hände, setzte sich auf die Kante des Lagers und starrte mit kummervollen Augen auf ihre blassen Züge. Sie schien die Sprache seiner Blicke zu verstehen. "Mir ist schon wieder ein lützel besser," flüsterte sie mit scheuem Lächeln und ließ sich auf das Heupolster zurücksinken. "Tu nur meine Händ' nicht auslassen!"

Bruder Schweiker hielt fest. Nach einer Weile aber wurde er unruhig und drehte immer wieder das Gesicht zur Türe.

"Was schaust denn allweil?", fragte sie.

Er zögerte mit der Antwort. "Ich mein', ich werd' wohl fort müssen." Sie hob sich erschrocken auf, und ihre zitternden Finger umklammerten seine Hände. "So schau doch, Kindl," jammerte er, "ich muss ja meinen Herrn suchen!"

Sie ließ das Köpflein sinken. Weshalb er gehen musste, das kümmerte sie nicht - sie hörte nur, dass er nicht bleiben konnte, und seufzte: "So gut ist mir, wenn Deine Händ' mich halten! Schier völlig gesunden hätt' ich können ... jetzt muss ich halt wieder liegen in Schmerzen!"

Bei dem fassungslosen Zwiespalt, in welchen Bruder Schweiker durch diese Worte geriet, fiel es ihm gar nicht auf, dass dem Druck seiner Hände eine so wundersame Heilkraft innewohnte. Was sollte er tun? Konnte er gehen? Durfte er bleiben? Im Wirbel dieser Fragen kam ihm wie eine Erleuchtung die Erinnerung, dass Eberwein einst zu ihm gesprochen: "Findest Du ein Menschenkind in Not und Schmerzen, so denke nicht Deiner selbst, nicht Deiner Brüder und des Klosters. Not hat kein Gebot als nur das einzige des Erbarmens!" Und es war doch sein Herz des "Erbarmens" so voll, dass es ihm fast zerspringen wollte.

"Ja, Kindl, ja, Du bist in Not und Schmerzen, da muss ich bleiben! Das hat er selber gesagt!"

Über die Züge der Hirtin ging ein Lächeln, so hell wie Sonnenschein.

Draußen aber leuchtete kein Strahl. Grau hing das dicht geschlossene Gewölk über dem Tal, alle Spitzen der Berge verhüllend. Kein Windhauch regte sich, und das trübe Zwielicht verschleierte die Farben. Es hatte sich über alles Leben der Erde gesenkt wie eine dumpfe trostlose Stimmung. Lautlos dehnte sich der welkende Bergwald, und es schien, als stünde jeder halb entblätterte Strauch und jeder fröstelnde Baum in Furcht und Scheu vor einem nahenden Feind. Sie kannten ihn: Unhörbaren Schrittes wanderte er im Gewölk einher und schleifte den weißen Mantel.

Dunkler und dunkler sammelten sich die Wolken. Aus allen Bergscharten tauchten sie auf, glitten die Gehänge entlang und drängten sich über dem Tal zu Hauf, als wäre in den Lüften ein "Thing" berufen, welches entscheiden sollte über die kommende Zeit.

In schwärzlichem Blau wälzte sich ein gesonderter Wolkenzug zwischen dem Totenmann und Steinberg über das Ramsauer Tal einher.

Die ziehenden Schwaden streiften den steilen Bergwald, durch welchen der alte Runot von den Almen niederstieg. Er hatte seine Buben gerufen, um mit ihrer Hilfe sein in Trümmer gefallenes Haus neu wieder aufzurichten. Als er das Tal erreiche und am Kirchlein vorüber schritt, sah er das greise Paar auf der Steinbank unter der Linde sitzen. Um den Baum her war die Erde gelb von gefallenen Blättern. Der Bauer lüftete zum Gruß das lederne Käpplein und deutete nach der Höhe. "Schau hinauf, die tragen den weißen Winter im grauen Kittel."

"Wohl wohl," nickte Hiltischalk, "tummel Dich nur, dass Du Dein Häusl unter Dach bringst, eh' der Schnee am Hag hinaufwachst."

"Ich mein', es wird sich machen. Bieten doch alle Nachbarsleut' die Händ' zum Schaffen."

"Recht so, recht, nur allweil fest zusammenhalten! Bei solchem Bund ist Gottes Segen. Geh nur, geh und versäum kein Stündl!"

Der Bauer grüßte und wanderte weiter.

"Ist ein guter, braver Mann!", nickte der Greis. "Gott hat sich sichtlich an ihm erwiesen und wird ihm das neue Haus behüten."

"Ja, das wird er!", sagte Hiltidiu mit ihrer leisen Stimme und blickte mit verträumten Lächeln auf das Sträußlein in ihren Händen. Es waren welkende Heideblumen - die Blüten, die ihr Eberwein gesandt. Nach einer Weile suchten ihre Augen den Weg, der neben dem Kirchhof vorüber zog und am Ufer der Ache unter Bäumen verschwand. "Meinst, er kommt wohl heute noch?"

"Freilich, freilich, er hat es ja durch die Mätzel sagen lassen!" Hiltischalk griff an seiner Kutte umher. "Wo hab' ich nur das Birkenblättlein?" Er zog aus einer Tasche die weiße Rinde hervor und las: "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!" Seine Blicke hoben sich zum Himmel. "Deckt nur den Weg," rief er lächelnd die düster ziehenden Wolken an, "ihr wehrt nimmer, dass ich hinauf schau' bis zu ihm!" Traulich schlang er den Arm um die Greisin. "Gelt, meine gute Gesellin, gelt, ich hab' halt wieder einmal recht gehabt! Das wär' ja das erste Mal gewesen, dass ich umsonst gerufen hätt'! Beim ersten Wörtlein hat er mich gehört, und hat meinem guten Bruder in Jesu Christ das rechte Lichtlein aufgezündet!" Sinnend lächelte er vor sich hin. "Unser Leben? Eine Sünd'? Ein Gräuel vor Gottes Aug'? Was sagst, Hilti, was sagst! Unser Leben!" Er schüttelte den Kopf und kicherte, und wie scherzend stieß er den Ellbogen sachte an den Arm der Greisin: "Was sagst! Das wird wohl ein arges Gräuel gewesen sein vor Gottes Aug': In der letzten Sturmnacht, wie ich dem kranken Buben das heilige Himmelsbrot durch Wetter und Nacht zwei Stunden weit hinaufgetragen hab' zum Schwarzeck ... wie Du an meiner Seit' gegangen bist, mit dem ewigen Lichtlein, mein Stab und Stecken auf dem frommen Weg!"

Eine Erinnerung knüpfte sich an die andere, alle Bilder der Vergangenheit tauchten vor ihnen auf, mit ihren Schmerzen und ihren Freuden - und durch die lange Zahl der Jahre, welche sie Hand in Hand durchwandert hatten, ging ihr Gedenken zurück bis in die längst entschwundene Jugend, bis zu jener Stunde, in der ihre Herzen sich gefunden hatten zwischen Tod und Leben.

"Sag', Hilti, denkst noch an dieselbig' Nacht?"

"Wohl wohl! Wie hätt' ich die vergessen mögen? Ich mein', als wär' es gestern erst gewesen. Keine Ruh mehr hab' ich gehabt und kein Aug' mehr hab' ich schließen können ... hab' ich ja doch die ganzen Tag' her allweil hören müssen, wie die Leut' geredet haben wider dich ... und schau, auf einmal in der Nacht ist mir gewesen, als hätt' eine Stimm' mir zugerufen: Steh auf und lass ihn nicht allein!"

"Es war eine harte Stund'! Alle sind wider mich gestanden. Aber ich hab' mich nicht gefürchtet! Ich nicht! Hab' ich doch gewusst, dass mit mir einer ist, stärker als alle! Ihren sündhaften Feuerstoß hab' ich niedergeworfen mit meinem Stecken und hab' die Axt gehoben und hab' den Schlag getan auf ihren Heidenbaum..."

"Und wie der alte Schwarzecker den Stein gehoben hat, bin ich dazugekommen..."

"Und hast Dich hingeworfen vor mich und hast gerufen: 'Mein guter Herr, Du mein Gott!' ... Du, die erste, die mir's nachgeredet hat!" Hiltischalk streifte mit zitternder Hand das weiße Tüchlein von der Stirn der Greisin. "Schau nur, noch allweil sieht man die Narb', wie ein rotes Schlänglein lauft sie hinein unters graue Haar. Aber gelt, Hilti, gelt, ich hab' Dir das Blut gedankt ... gelt, ja?"

"Mit Lieb' und Treu, mit tausend Freuden!"

Ihre welken Hände fassten sich, und wortlos schmiegten sie die faltigen Wangen aneinander. Um sie her fielen die Blätter, und hoch in den Lüften, fast im Gewölk, eilte eine Schwalbenschar der Ferne zu, wie auf hastiger Flucht...

Die Greisin fuhr auf, zitternd, und deutete gegen das Tal der Ache. "Er kommt! Er kommt! Schau nur: Zwischen den Bäumen seh' ich das schwarze Häs!"

"Wohl wohl, das ist er schon!", stammelte Hiltischalk.

So schnell, als ihre alten Füße sie trugen, eilten sie zum Tor der aus Felsbrocken aufgeschichteten Umfriedung.

"Willkommen, willkommen," rief der Greis in bebender Erregung, "willkommen in Gott, Du mein guter Bruder..." Er verstummte und blickte erschrocken auf den Mönch, welcher wankenden Ganges den Hof betrat. Pater Waldram war es. Kaum trugen ihn die Füße noch, und keuchend ging sein Atem. Seine bleiche Wange war blutig geschunden wie von einem Sturz, und übel hatten die Dornen des Weges und die dürren Äste des Urwalds seine Kutte zugerichtet. Und was er sonst noch auf diesem Weg erfahren, redete aus dem heiseren gereizten Klang seiner ersten Worte: "Ein Tor, das dem Diener Gottes offen steht? Wo sind die Hunde, um mich zu jagen? Wo die Steine, die mich treffen sollen?" Seine Hände, die den Stab verloren, griffen nach einer Stütze, und taumelnd sank er auf die Steinbank nieder.

Stotternd in Schreck und Sorge umschlang ihn Hiltischalk mit beiden Armen. "Laut, Hilti, lauf, bring Speis' und Trank, dass wir den Müden laben! Schau nur, der gute Bruder ist völlig von Kräften!"

Die Greisin eilte ins Haus. Bei Hiltischalks letzten Worten hatte Waldram sich aufgerichtet. "Ohne Kraft ist nur, wen Gott nicht stärkt!" Er stand und hob die Arme. "Ich stehe auf Gottes geweihter Erde, und mir ist wohl!"

"Freilich, freilich, mein guter Bruder, freilich: Wohl ums fromme Herz ... aber schau, der schwache irdische Leib, das ist eine andere Sach'!"

"Rede nicht unnütz! Bist Du Hiltischalk, der Leutpriester in der Ramsau?"

"Wohl wohl, mein lieber Bruder, der bin ich. Und Du bist von den Gademer Brüdern einer? Gelt? Der gute Herr hat wohl selber nicht kommen können, so hat er wohl Dich geschickt, um mir die Ruh zu bringen ..."

"Mich hat die Sorge geführt. Eberwein, mein Herr und Propst, ist gestern mit dem Morgen ausgezogen und zur Nacht nicht heimgekehrt."

"Nicht heimgekehrt!" Erschrocken schlug Hiltischalk die Hände ineinander. "O Du allgütiger Gott im Himmel! Es wird ihm doch kein Unheil widerfahren sein?"

"Er war bei Dir?"

"Freilich, und meine Magd hat ihn hinausgeführt bis in die Schönau und hat das Sträußlein von ihm gebracht und das Birkenblatt und hat mir ausgerichtet: Heut will er wiederkommen. Stund' um Stund' schon warten wir auf ihn mit Schmerzen ... denn wenn mir der liebe Bruder auch gleich das Birkenblatt geschickt hat und das Sträußlein für mein gutes Weib ..." Der Greis verstummte.

Wie vor einem Aussätzigen war der Mönch vor ihm zurückgewichen. "Dein Weib! Du sagst: Dein Weib, und es öffnet sich unter Deinen Füßen nicht die Hölle!"

"Aber mein lieber Bruder," stammelte Hiltischalk, "tausendmal tu' ich Dich bitten: Lass doch reden mit Dir in Ruh!" Seine Stimme dämpfte sich zu zitterndem Flehen. "Schau nur, da kommt meine gute Hilti ..."

Die Greisin kam aus dem Haus, achtsam ein Kännlein Milch in den Händen tragend. Mätzel folgte ihr mit Brot und Käse. "Nehmt, lieber Gast," sagte Hiltidiu, "und genießt der Gottesgab' ..."

"Lästere nicht den Himmel mit diesem Wort!", klang Waldrams schrille Stimme. "Eh' soll der Hunger mich töten, eh' meine Lippe kostet, was solche Hand mir bietet. Des Teufels ist, was Du berührtest mit verfluchten Händen!" Und mit zuckender Faust schlug Waldram die Kanne aus der Hand der Greisin. Bleich und zitternd stand Hiltischalk, zu Tod erschrocken sein Weib. Mätzel ließ die hölzerne Schüssel fallen, rannte kreischend aus dem Hof, und durch das Tal hin klang ihr zeterndes Geschrei um Hilfe.

"Herr, Herr," keuchte der Greis, während seine Blässe mit dunkler Röte wechselte, "übel tust Du an meinem Weib!" Er trat vor Hiltidiu hin und breitete schützend die Arme.

"Bangest Du um die Gesellin Deiner Sünde? Rufe zu ihrem Schutz die Hölle an, sie wird erscheinen, denn Jubel und Freude habt ihr dem Teufel bereitet!"

"Herr, Herr," schrie Hiltischalk in wachsendem Zorn, doch die Greisin zog ihn an sich, drückte ihm die Hand auf die Lippen und sagte zu Waldram: "Redet nicht so böse Wort'! Blickt her auf unser weißes Haar und habt Ehrfurcht vor dem Alter!"

Unbewegt, mit einem Antlitz, in dessen Zügen der Zorn versteinert schein, stand der Mönch. "Ich kenne nur eine Ehrfurcht: Die Ehre, die ich dem Himmel gebe, die Furcht vor Gott. Wider den Himmel habt ihr gefrevelt, und Gottes Wohnhaus habt ihr entweiht zur Stätte des Lasters! Es sandte mich der Herr, sein heiliges Haus zu reinigen und Gericht zu halten über Euch. Wollt ihr der Hölle nicht ewig verfallen sein, verstoßen aus dem Schoß der Kirche, wollt ihr nach schreiender Sünde noch Buße gewinnen, so zerreißt ohne Zögern den verruchten Bund, den der Teufel gesegnet! Löst Eure Hände! Tretet auseinander! Ihr sollt geschieden sein wie Tag und Nacht, und Meer und Berge sollen liegen zwischen Euren Herzen!"

Die stammelnde Kraft dieser Worte versagte auf das greise Paar die Wirkung nicht. Wohl lagen ihre Hände ineinander wie fest geschmiedet, doch zitternd standen sie, mit bleichen Gesichtern und starren Augen.

"Hört ihr das Geheiß der Kirche nicht? Mit jedem Atemzug, den ihr noch Seite an Seite schöpft, mehrt ihr Eure Sünde! Tretet auseinander! Löst Eure Hände! Verflucht ist jeder Blick, den ihr Auge in Auge taucht!"

Aber Bruder, Bruder!", stammelte Hiltischalk und holte aus seiner Tasche mit schlotternder Hand das Birkenblatt hervor. "Lies doch, lies, welch eine Botschaft uns Dein Herr und Propst gesendet!"

Waldram las, und in Entsetzen schleuderte er das Blatt von sich. "Er sandte Dir diese Worte? Er? Und er wusste, dass Du in Buhlschaft lebst?"

Hiltidiu schlug die Hände vor das Gesicht, der Greis aber richtete sich auf, als wäre seinen Gliedern Kraft und Jugend wiedergekehrt. "Sag' das Wort nicht wieder!", klang seine bebende Stimme. "Ich und meine Hilti, wir leben in frommer, gottesfürchtiger Eh'. Und was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden! Der mir die Wort' geschickt hat, dem glaub' ich mehr als Dir!"

"Er wusste um Deine Sünde und missbrauchte das heilige Wort! Er hat gehandelt wider Eid und Pflicht, hat die Treue gebrochen, die er der Mutter Kirche zugeschworen ... und ich frage noch, weshalb er nicht heimgekehrt? Geh doch, geh, suche die Tiefe, in die ihn Gott gestürzt zur Strafe seines Treubruchs!"

Hiltischalk drückte das mit Tränen überströmte Gesicht seines Weibes an die Brust und umschlang sie mit zitternden Armen. "Lass ihn reden, Hilti," sagte er schluchzend, "lass ihn reden! Wir zwei, wir können nimmer voneinander. Gewachsen sind wir und gestanden Seit' an Seit', zwei gute feste Bäum'. Die Äst', die sind verflochten, dass keiner mehr die Blätter scheidet, und aneinander sind die Stämm' gewachsen, dass zwischen ihnen nimmer Platz ist für den Beilhieb. Uns zwei, uns löst keiner mehr. Lass gut sein, Hilti, lass gut sein ... es gibt kein Beil, das solche Schneid' hat!" Zärtlich fasste er mit beiden Händen das Haupt der Greisin und küsste ihr weißes Haar.

Zögernd stand der Mönch, als wäre ihm ein menschliches Rühren in das starre Herz geschlichen. Doch seine Hände griffen nach dem Kreuz an seinem Gürtel, und schrill hob sich seine Stimme: "Wagt sich die Hölle schon heran an mich? Weicht von mir, ihr Geister der Verführung! Mit mir ist Gott!" Er schwang das Kreuz gleich einem Schwert und fasste den Arm des Greises. "Ihr wollt das Wort der Kirche nicht hören ... so leg' ich zwischen Euch das Kreuz ..."

Da stürzte Mätzel schreiend in den Hof. Ihr folgte ein lärmender Haufen, Männer, Weiber und Kinder. Sie umringten das greise Paar, drohende Blicke richteten sich auf den Mönch, die Weiber griffen nach Steinen, die Männer hoben die geballten Fäuste, und ihr Geschrei erfüllte den Kirchhof. Waldram wich zurück, doch wenige Schritte nur. Brennende Röte flammte auf seinem Gesicht, und seine Augen glühten. "Wollt ihr den Diener Gottes morden, verführt von diesem falschen Hirten? Schwingt die Steine doch! Lasst die Fäuste fallen auf mein Haupt ... Ihr seht, ich rühre keinen Arm zu meinem Schutz und fessele meine Hände!" Das Kreuz umklammernd, streckte er die Hände, als wären sie gebunden, den Schreienden entgegen. Da wurden sie still, ließen die Fäuste sinken, die Steine fallen und starrten mit scheuen Augen auf den Mönch. Man hörte nur noch das Rauschen der Ache und das Schluchzen der Magd, welche zu Hiltidius Füßen kauerte. Waldram richtete sich auf und hob das Kreuz. "Fühlt ihr, dass ich ohne Waffe stärker bin als ihr mit Euren Steinen und Fäusten? Kommt die Furcht Euch an vor jenem, der über den Wolken wohnt als meine Hilfe? Ein Hauch aus seinem Mund, und ihr seid wie die Blätter vor dem Wind, preisgegeben der Vernichtung! Doch Gott der Herr will Euer Elend nicht und Euren Untergang, er hat mich ausgesandt, um Euch zu retten. Hört mich, ihr Armen und Betrogenen! Wenn ihr nicht sinken wollt in ewiges Verderben, so löst Euch von diesem Mann, der als falscher Hirte unter Euch gestanden, ein Wolf in Eurer Herde!"

Alle Augen wandten sich auf Hiltischalk, und einer der Männer stammelte: "So red' doch, Bruder Hiltischalk, so red' doch! Wie darfst Du denn so 'was sagen lassen wider Dich? Du, der allweil zu uns gewesen ist wie ein Vater zu seinen Kindern!"

"Wie ein Vater?", klang Waldrams hallende Stimme. "Wie ein schlechter Vater, der Not und Jammer über seine Kinder ruft! Um Eures Heiles willen: Tretet hinweg von ihm, denn jede Stätte, die sein Fuß berührte, ist verflucht!" Eine der Frauen griff nach ihrem Knaben und riss ihn aus der Nähe des greisen Paares, ein paar Männer schüttelten die Köpfe und schlichen zur Linde, und andere wieder redeten mit wirren Worten zu Hiltischalk, während Waldram mit gehobener Stimme rief: "Löst Euch von ihm, der wider das Gebot der Kirche tat und schnöd in Sünden lebte, im Bund mit der Hölle! Löst Euch von ihm, der Gott gelästert hat, das priesterliche Kleid besudelt und dies heilige Haus entweiht!"

Einer der Männer, die an Hiltischalks Seite verbleiben waren, rüttelte den Arm des Greises und schrie: "So red' doch! Red'! Wir müssen von Dir selber hören, ob Du so getan hast! Red' doch! Red'!"

Lallend bewegte Hiltischalk die Zunge und blickte mit verstörten Augen um sich her.

"Seht, wie Gott mit Stummheit seine Zunge schlägt und die Lüge erstickt auf seinen Lippen!" Jähen Schrittes, dass die Weiber und Männer erschrocken vor ihm wichen, trat Waldram auf den greisen Priester zu, mit steinernem Antlitz und flammenden Augen, wie ein Dämon der Rache und des Zornes. "So lös' ich von Dir das heilige Zeichen, das Du geschändet!", rief er und riss das hölzerne Kreuzlein von der Brust des Greises. "Und höre Dein Gericht nach dem Gesetz der Kirche: Du bist dem Bann verfallen, verlustig Deines Amts und Deiner priesterlichen Würde! Die Weihe sei getilgt von Deinem Haupt - was Du gebunden, sei gelöst, was Du gesegnet, sei verflucht!" Er wandte sich zu einem Weib. "Hat er Dein Kind getauft? So hat er es der Hölle übergeben! Reiß es hinweg von ihm, sein Deinem Kind eine Mutter, trag' es in Gottes Haus und leg' es auf den Altar ... ich will Dir helfen, will zum Himmel schreien, dass Gott Deines Kindes sich erbarme!" Bleich und zitternd hob das Weib ihren Knaben an die Brust und taumelte in die Kirche, während Waldram den Arm eines Mannes fasste. "Vergab er Deine Sünden? Reichte er Deinen Lippen das Sakrament? Unseliger! Dein Herz ist schwer von Schuld, und Brot der Hölle hast Du genossen! Tue Buße, wirf Dich auf die Knie und bete, dass Gott Dir gnädig sei!" Da folgte der Mann dem Weib, das greise Paar noch streifend mit einem scheuen Blick.

Ein paar murrende Stimmen ließen sich hören, doch mit hallender Kraft übertönte sie die Rede des Mönches. "Folgt mir, ihr alle, die dieser falsche Hirte von Gott gewendet und der Hölle zugeführt. Kniet nieder und schreit zum Himmel um Gnade! Oder es könnte geschehen, dass Gottes Langmut ein Ende nimmt, und dass er im Zorn sein Feuer wirft auf das entweihte Haus!"

"Es hat ja der Blitz schon in die Kirch' geschlagen," kreischte eine Weiberstimme, "und hat das Kreuz geworfen und das Dach verbronnen!" Und wieder lichtete sich der Kreis um Hiltischalk.

Wie Keulenschläge fielen die Worte des Mönches, und das zehrende Feuer, das in seinem Herzen brannte und von seinen Lippen schlug, erfasste diese zitternden Menschen. Hiltischalk und Hiltidiu hatten aus den Leuten der Ramsau allzu gläubige Christen gemacht, als dass der Himmel und die Hölle, welche Waldram vor ihnen beschwor, ihre Gemüter nicht hätten erfüllen sollen mit scheuer Ehrfurcht und drückendem Bangen. Sie sahen den Himmel verschlossen und die Hölle offen, und da streckten sie in Angst die Arme nach der Hilfe. Das kleine Kirchlein füllte sich, und es wurde einsam um das greise Paar, das verloren stand in sprachlosem Jammer, um sich herstarrend wie in eine stürzende Welt.

Von allen, die um Hiltischalk und Hiltidiu gestanden, war eine einzige nur geblieben, die blöde Magd. Doch ihr Schluchzen war verstummt. Die Hände verkrampft, mit verzerrtem Gesicht und aufgerissenen Augen kauerte sie auf der Erde. "Willst Du allein dem Himmel nicht folgen?", schrie Waldram und fasste ihren Arm. "So will ich Dich der Hölle mit Gewalt entreißen!" Keuchend wehrte sich Mätzel. Doch Waldram schleifte sie zur Kirche und stieß sie in das offene Tor.

Mit zitternden Händen griff Hiltischalk nach seinen Augen, als müsste er eine Binde niederreißen, die ihm das Sehen wehrte. "Hilti, Hilti!", lallte er. "Komm! Jetzt müssen wir rufen zu ihm! Er muss uns hören! Er muss!" Mit versagenden Knien taumelte er der Kirche zu. Doch Waldram stand vor dem Tor und streckte wehrend die Arme. "Weiche von dieser Schwelle, die Dein Fuß entweiht! Hier wohnt Gott ... wo Du bist, brennt die Hölle!" Das Kreuz erhebend, trat er rücklings in das Dämmerlicht der Kirche. Dröhnend schloss sich das Tor, und der eiserne Riegel klirrte.

Hiltischalks Hände griffen zuckend ins Leere. Er drohte niederzustürzen, doch Hiltidiu eilte herbei und stütze ihn. Mühsam bezwang sie ihre Tränen und redete zu ihm mit ihrer sanften, leisen Stimme; aber was sie auch sagte - er schüttelte den Kopf und wehrte zornig mit den Händen. Wie hätte er auf Worte hören sollen? Er sah die Welt zertrümmert, die sein reiner Glaube und die Liebe ihm erbaut hatten in seinem Herzen, er sah das Haus zerstört, darin er gewohnt in Glück und Frieden. Er hatte gesät durch sechzig Jahre ... und wie lag die Ernte jetzt vor ihm? Verwüstet in einer kurzen Stunde! Wovon nun sollte er zehren? Wie sollte er noch leben können?

Mit verstörten Augen blickte er sein Kirchlein an, sein Haus, die welkende Linde und die Gräber. Dann hoben sich seine Blicke empor zum grauen treibenden Gewölk, und keuchend rang es sich aus seiner Brust: "Rufen muss ich! Rufen! Hat er mich nie gehört ... heut muss er mich hören! Und darf ich auch nimmer hinein in das heilige Haus ... komm, Hilti, komm, ich weiß schon ein Platzl, wo ich rufen kann, ein Fleckl, wo er mich hören muss!"

Er fasste den Arm der Greisin und riss sie hinter sich her, zum Kirchhof hinaus, hinunter auf den Karrenweg am Ufer der rauschenden Ache, dem stillen Wald entgegen und der Windach zu.

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