Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Martinsklause

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      Ludwig Ganghofer
         Die Martinsklause
            Buch 1
              Titel
              Kapitel 1
              Kapitel 2
              Kapitel 3
              Kapitel 4
              Kapitel 5
              Kapitel 6
              Kapitel 7
              Kapitel 8
              Kapitel 9
              Kapitel 10
              Kapitel 11
              Kapitel 12
              Kapitel 13
              Kapitel 14
              Kapitel 15
              Kapitel 16
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              Kapitel 17
              Kapitel 18
              Kapitel 19

Kapitel 3

Auf beschwerlichem Pfad wanderte Eberwein, von Mätzel geführt, durch dicht verwachsenen, schattendunklen Fichtenwald. Sein Gesicht war bleich, seine Augen hingen mit verlorenem Blick an der Erde, und manchmal bewegten sich seine Lippen wie in raunendem Selbstgespräch. Er hörte das dumpfe Rauschen nicht, das ihm durch den Wald entgegen scholl, und blickte erst auf, als er den aus einem mächtigen Baumstamm gebildeten Steg erreichte, welcher die Schlucht der Windach überspannte. Ein eiskalter Luftstrom fuhr ihm entgegen und peitschte seine Gewand. Mätzel hatte den Steg betreten, dem eine morsche Stange als Geländer diente. Mitten auf dem Balken blieb sie stehen und deutete in die Tiefe der Schlucht. Eberwein sah, dass ihre Lippen sich bewegten - sie schien ihm etwas sagen zu wollen - doch das Rauschen und Brausen, welches aus der Tiefe quoll, verschlang den Hall ihrer Stimme. Zögernd betrat Eberwein den Balken, welcher zitterte und schwankte wie ein Mühlbrett über den Mahlsteinen. Steil und wirr geklüftet, stürzten vor seinem Blick die Felsen niederwärts, Wasser rann und sickerte über alles Gestein, in mächtigen Fetzen, noch von Wurzeln durchflochten, hing die zerrissene Erde über alle Kanten der Felsen, auf allen Seiten bröckelte und kollerte das Erdreich. Gewaltige Felsblöcke hingen eingekeilt zwischen den Wänden der Schlucht, in deren grauem Zwielicht der weiß schäumende Wildbach hauste wie ein gefesselter, in seinen Banden tobender Riese. Aus dem Brausen und Rauschenklang noch das dumpfe Poltern des Gesteins, welches der Bach auf seinem Grund wälzte und zerrieb, und bis zur Höhe des Steges sprühte der kalte Wasserstaub, an Eberweins Antlitz hauchend wie der eisige Atem der Vernichtung.

Wieder deutete Mätzel unter kreischenden Worten in die Tiefe. So laut die Magd auch schrie - Eberwein verstand sie nicht. Und dennoch schien er zu wissen, was sie sagen wollte. Seine Hände griffen nach dem schwankenden Geländer, als befiele ein Grauen seine Sinne, und aus gepressten Herzen schrie er auf: "Aus den Schrecken dieser Tiefe, aus diesem Höllenrachen hat ihn Gott gehoben mit barmherziger Hand! Und ich soll ihn stürzen in Jammer, der noch tiefer ist und grauenvoller? Was Eid und Pflicht mir gebieten ... ist es nicht wider Gott?" Als könnte er den Anblick der finsteren Tiefe nicht länger ertragen, so legte er die eine Hand über die Augen; und mit der anderen am Geländer sich weitertastend, verließ er den Steg.

Erschrocken starrte die Magd ihn an, und kaum vermochte sie ihm zu folgen, so hastig eilte er auf dem steinigen Pfad dahin. In jedem Zug seines Gesichtes spiegelte sich der Kampf, der seine Seele stürmisch erfüllte. Geschah es doch zum ersten Mal, dass sein Herz in schreienden Widerspruch geriet mit den Gesetzen der Kirche, deren treuester Sohn er allezeit gewesen. Immer und immer hatte er im Wort der Kirche das Wort des Himmels gehört, und freudigen Herzens hatte er stets gestritten für der Kirche Macht, denn jeder Fußbreit Weges, den er für diese Macht erobern half, war ihm erschienen wie geheiligtes Land, auf welchem Gottes Größe sich erweisen, Gottes Liebe sich betätigen würde.

Und nun zum ersten Mal war alles in ihm wankend geworden, was bis zur Stunde so fest und unerschütterlich in seinem Herzen gewohnt. Zwiespalt war jeder Gedanke, den er dachte. Pein und Marter jede Regung, die er empfand. Wie sollte er sich lösen aus diesem Streit? Wie sollte er das Rechte finden? Was sollte er tun, um nicht untreu seinem Herzen zu werden, welches so heiß für diese beiden Menschen sprach, und auch nicht untreu seinem Eid und seiner Pflicht?

Bilder vergangener Tage huschten wie Schemen vor seinen wirbelnden Sinnen vorüber. Es erwachte in ihm die Erinnerung an jene Zeiten, da er als jung geweihter Priester, als ein Zwanzigjähriger, noch das Ende jener Kämpfe mit angesehen, welche die Kirche siegreich wider die "irdische Luft", der Laienpriester gefochten. Zu hundert Malen hatte auch er in frommer Begeisterung die Worte nachgesprochen, welche Papst Gregor mit mächtigem Hall in die Welt gerufen: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, nisi liberantur clerici ab uxoribus! Und der lauteren Seele des jungen, in strenger Klosterzucht erzogenen Mönches war diese Begeisterung um so leichter geworden, als er auf der Seite der Gegner alles Laster sah, Verworfenheit der Gemüter und Verderbnis aller Sitten.

Hier aber waren zwei Menschen ihm entgegengetreten, Mann und Weib, zwei Körper und doch eine Seele nur, und diese Seele rein und fromm, gläubig und liebreich, ein Wohlgefallen für Gottes Augen! Wie zwei treue Gärtner des Himmels waren sie Hand in Hand gewandert durch ein langes Leben, und kein Tag war ihnen vergangen, an dem sie nicht den Samen des Guten ausgestreut, nicht ein Flecklein steinigen Grundes gewandelt hatten in furchtbares Erdreich! Welch eine Ehre wurde im Himmel geschlossen, wenn nicht diese? Musste ihm diese Ehe nicht erscheinen wie die lautere Erfüllung aller edelsten Bestimmung menschlichen Lebens ... mehr noch: Wie reiner Gottesdienst?

Helle Zähren tropften über Eberweins Wangen, als in ihm die Empfindung wieder lebendig wurde, mit welcher er das Haus des frommen Greises betreten. Seine Seele war mutlos gewesen ... und er hatte Trost und Vertrauen gefunden an dieser Stätte. Die Luft dieser stillen Mauern hatte ihn angeweht, warm und erquickend wie ein Hauch der Liebe Gottes. Und zum Dank sollte er in dieses Haus den Jammer tragen, das Weh und die Verzweiflung? Nein, nein und tausendmal nein!

Aber sein Eid? Seine Pflicht?

Schwer atmend verheilt er die Schritte und presste die zitternden Hände an seine Schläfe, dann wieder stürmte er weiter, willenlos den Weisungen der Magd gehorchend, welche, wenn er auf falschen Pfad geriet, bald wehrend den dürren Stecken vorstreckte, bald wieder ihn am Kuttenärmel fasste und den Irrenden zurückzog auf den rechten Weg.

Sein Eid! Seine Pflicht! Wie Glut aus der Asche bricht, so tauchte immer wieder, wenn seine Gedanken ruhiger wurden, diese brennende Mahnung in ihm auf. Streng und unerbittlich lautete das Gesetz der Kirche, das er beschworen bei seiner Weihe und zum anderen Mal bei seinem Auszug nach dem Land, in welchem er walten und richten sollte als Kirchenfürst. Dass diese Ehre rein war, fromm und heilig - solche Ausnahm' kannte das Gesetz nicht. Dass diese beiden Menschen nach einem fast schon vollendeten Leben nicht mehr zu zählen waren als Mann und Weib, nur noch als Greis und Greisin, als Bruder und Schwester im weißen Haar ... solche Ausnahm' kannte das Gesetz nicht. Streng und ehern klangen seine Worte: Jeder beweibte Priester ist verlustig seines Amts und seiner Pfründe; jeder beweibte Priester, der die Sakramente verwaltet, jeder Laie, der aus eines solchen Priesters Hand das Sakrament empfängt, verfällt dem Bann und ewiger Verdammnis!

"Das Gesetz ist wider mein Herz! Wie soll ich wählen? Wer weist mich?"

Da ging der Wald zu Ende, und vor Eberweins verstörten Blicken lag hügeliges Weideland, eine Halde der Schönau. Von der Höhe eines Hügels tönte eine freundliche klingende Stimme: Ein junger Hirte lockte seine Schafe, er griff in die Ledertasche und bot den Tieren, die ihn umdrängten, mit vollen Händen das Mied1. Der Hirt verschwand mit seiner kleinen Herde - für Eberweins Augen aber war der Hügel nicht leer. Vor seinen Blicken stieg es auf wie ein Gesicht: Die dunklen Wogen der Wälder erschienen ihm wie ein weit gedehntes Meer, der niedere Hügel verwandelte sich in ragenden Berg, Tausende von Männern, Weibern und Kindern waren auf dem Hang gelagert, und auf der Höhe des Berges sah er den "Mildesten der Menschen" stehen, im Kreis seiner Jünger, umflossen von einem Schimmer der Verklärung. Und weithin klangen mit sanfter, glockenweicher Stimme die Worte der Bergpredigt: "Ich sage Euch, wenn Eure Gerechtigkeit nicht besser ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." Wie Erleuchtung drang die Mahnung dieser Worte in Eberweins Seele. Er atmete tief und strich mit der Hand über die Augen. Und lächelnd, erlöst von allem Sturm seines Herzens, blickte er hinaus in das sonnige Tal. Rings um seine Füße standen die Heideblumen noch in später Blüte, und das silberige Laub einer einsamen Birke flüsterte im leisen Wind. Vom Stamm des Baumes löste Eberwein ein Stück der Rinde und ritzte auf das weiße Blatt mit spitzigem Stein die Worte: "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!"

Er pflückte von den Heideblüten, wickelte das Birkenblatt um das Sträußlein, band es fest mit langer Schmehle, reichte der Magd die Blumen und sagte: "Bringe sie Deiner guten Herrin und sag' ihr, dass ich mit Sehnsucht der Stunde harre, in der ich wieder weilen darf an ihrem freundlichen Herd. Ich komme, wenn die Woche vergangen ist ... nein, gute Mätzel, sage nur: morgen, schon morgen!"

Die Magd verstand nur halb. Eines aber fühlte sie: Es war gute Botschaft, welche sie tragen durfte. Röte und Blässe wechselten auf ihrem hässlichen Gesicht, das Wasser schoss ihr in die Augen, mit zuckender Hand, wie ein Falk seine Beute greift, haschte sie das Sträußlein und rannte davon. Eberwein blickte ihr lächelnd nach, bis sie im Wald verschwunden war. Dann wanderte er über die Halden und erreichte auf bewaldetem Hügel einen halb zerfallenen Hag. Er sah das offene Tor - und es wurde nicht geschlossen, als er sich näherte. Erschrocken aber verhielt er den Fuß, da er die traurige Verwüstung gewahrte, welche der morsche Hag umschloss: Die Reste der niedergebrannten Scheune, die Trümmer des gestürzten Hauses und den von Unkraut überwucherten Garten. Im spärlichen Schatten eines Apfelbaumes sah er einen schlafenden Greis auf der Erde liegen, das Gesicht in die Arme vergraben. Er wollte näher treten, doch der üble Geruch, der den Hofraum erfüllte, benahm ihm fast den Atem. Ein sumsender Fliegenscharm lenkte seine Blicke auf die halbverweste Ziege, deren Aasgeruch die Luft verpestete. Unter dem Gerümpel, welches im Unkraut umher lag, gewahrte er einen Spaten. Er hob ihn auf, schritt an dem schlafenden Greis vorüber, und seinen Ekel überwindend, schaufelte er in einem Winkel der Hofreut eine Grube und versenkte den Leichnam des Tieres. Während er die Grube wieder mit Erde füllte, erschien ein Dirnlein von etwa neun Jahren im offenen Tor. Das Kind hatte verweinte Augen und zögernd schlich es zum Apfelbaum. "Gobl-Ähni!" Das lispelnde Stimmlein weckte den Schläfer nicht. "Gobl-Ähni!" Schüchtern griff das Kind nach der Lodenkotze des Schlummernden und zupfte. Da erwachte der Greis, halb richtete er sich auf und hob die müden Augen. "Was willst?"

"Ich such' den Huzebuben!", stotterte das Dirnlein unter rinnenden Zähren. "Hast ihn nicht gesehen?"

"Was geht der Bub mich an!", murrte der Alte. "Lauf hinauf in Wazemanns Haus und frag'! Lass mich schlafen ... und schau, dass Du weiter kommst!" Er streckte sich wieder hin.

Eine Weile noch stand das Kind, stumm und zitternd, dann verließ es schluchzend die Hofreut. Seufzend drehte sich der Greis auf die Seite. Da hörte er Schritte hinter dem Baum, blickte auf und gewahrte den Mönch. Weder Neugier noch Staunen sprach aus seinem Blick. Nur ein mattes Lächeln ging über seine Lippen.

"Dein Haar ist weiß, und bei dem Alter sollte die Milde wohnen," sagte Eberwein, "aber Dein Herz ist hart. Du hast übel geredet mit diesem Kind. Fürchtest du nicht, dass Dich einer straft, der die Tränen der Kinder zählt?"

"Fürchten?", lächelte Gobl. "Es gibt keinen, den ich fürcht' ... nur einen noch, auf den ich wart'! Zu mir kommt er heut oder morgen, zu Dir ein andermal. Zu allen kommt er, denn alle hat er Lieb wie der gute Hirt seine Geißen ... lass sie nur laufen, wohin sie mögen, einer jeden steigt er nach, einer jeden bringt er das Mied zum guten Heimweg in den kühlen Stall!"

In tiefer Bewegung beugte Eberwein das Knie und fasste die Hand des Greises. "Du rufst den Tod? Ich aber will Dich zu jenem führen, der das Leben ist."

Da lachte Gobl. "Den kenn' ich nicht! Und wüsst' ich auch, wo er haust ... ich tät' keinen Schritt nach ihm. Das Leben noch suchen? Wo ich doch wart' auf das Stündl, das mich erlöst von ihm!"

"Mensch, wie redest Du? Glimmt in Deinem Herzen kein Funke der Liebe mehr? Denkst du nicht Deiner Kinder?"

Mit starrem Blick hafteten die halb erloschenen Augen des Greises auf Eberwein. "Schau mein Haus an, dort liegt's! Such' meine Kinder ... wo die liegen, weiß ich nicht. Drei Buben hab' ich gehabt, gewachsen wie Bäum'. Den einen hat die Lahn geschlungen, den anderen haben die Wölf' gefressen, und den letzten hat der Teufel geholt, der Wazemann heißt! Eine Dirn' hab' ich gehabt, Licht scheinig und gut ..." Gobl ballte die Fäuste, und seine Stimme wurde zum Keuchen, "frag' beim Henning an, wo meine Heilka geblieben ist! Einen Bankert hat sie gebracht von ihm und ist zur Windach gelaufen ... und heimgekommen ist sie nimmer!" Zitternd an allen Gliedern hob der Greis sich auf die Füße. "Wo hast er denn, der Deinig', der das Leben ist? Dort, oder dort?" Er deutete mit zuckenden Armen. "Sag' mir's, das ich's weiß ... oder ich könnt' am End' den Weg verfehlen, den ich such' ... den Weg' nach der anderen Seit'!"

In die Stille, welche diesen Worten folgte, klang vom Hagtor her das Schluchzen des Kindes. Eberwein stand auf und ging dem Greis nach bis zu den Trümmern des Hauses. "Schwere Not hast Du erfahren, Unheil und Unrecht sind über Dein Herz gefallen wie die Wölfe über das Lamm. Und ich sage Dir doch ..."

Da fiel ihm Gobl ins Wort: "Hörst denn nicht? Da draußen weint das Kind! Mein Herz wär' hart? Hast recht! Aber das Deinig' ist härter noch. Mich lass in Ruh, mir hilft keiner mehr als der einzig', auf den ich wart'. Aber dem Kind da draußen kannst ein Wort sagen, das einen Trost hat. So tu's doch! Ich mein', das wär' gescheider, als dass Du mich um den Schlaf bringst, in dem ich ein leichteres Warten hab'!" Der Greis wandte sich ab, zog aus dem Wust der Trümmer ein zerschmettertes Stücklein Hausrat hervor, betrachtete es von allen Seiten und ließ es wieder fallen.

Eberwein stand in schwerem Kampf. Heißes Erbarmen hielt ihn fest an der Seite des Greises, und tiefes Mitleid trieb ihn zu dem Kind. Wer war der Hilfe bedürftiger? Dieser sinkende Stamm oder jenes zitternde Stäudlein, dem der erste Schmerz an die Wurzel seines jungen Lebens rührte? Mit feuchten Augen blickte er dem Greis nach, der ihm den Rücken kehrte, unter dem Apfelbaum sich niederstreckte in das Kraut und das Gesicht in den Armen barg. "Schlaf nur! Einer wird kommen und wird Dich wecken! Noch lebst Du, und wie die Schmerzen des Lebens nimmer enden, so enden auch nimmer seine Freuden. Ich seh' es kommen, dass Du den Tod, den Du so heiß gerufen, mit Stammeln und Zähren bitten wirst: Warte noch ein Weilchen, lass mir nur dieses letzte Stündlein noch! Dann wirst du jenen suchen, der das Leben ist!"

Der alte Gobl lachte, ohne das Gesicht zu heben, aber sein Lachen klang, als wär' es Schluchzen.

Eberwein hatte nicht weit zu gehen. Nah vor dem Hagtor, im Schatten eines welkenden Dornstrauchs, fand er das weinende Kind. Er setzte sich an die Seite des Dirnleins und umschlang es mit den Armen. Das Kind hob die nassen Augen, starrte erschrocken auf den fremden Mann im schwarzen Kleid, dann ließ es das Köpflein wieder sinken und weinte noch lauter.

"Sag' mir, Kindlein, warum weinst Du?"

"Um meinen Huzebuben muss ich weinen."

"Wer ist denn Dein Huzebub?"

"Ach, so ein lieber, guter Bub! Meinem Vater hat er die Geißen gehütet hinter dem Eismann droben. Und all Woch' hab' ich mich gefreut, bis er heimgekommen ist. Blümlein hat er mir allweil gebracht und die schönsten Farbstein', rot und grün und gelb ... und auf den Abend allweil ist er bei mir gesessen und hat mir Liedlein gesungen und hat gehäuselt mit mir ..." Die Worte des Kindes erstickten in bitterlichem Schluchzen.

Eberwein hob das Dirnlein auf seinen Schoß und stellte Frage um Frage. Als er hörte, welch einer grausamen Strafe der arme Bub verfallen war, stieg ihm dunkle Röte in die Stirn. Das Kind zur Erde stellend, sprang er auf, und seine blitzenden Augen suchten in der Ferne den Falkenstein. "Herr Waze," rief er und hob die Faust, "das soll Deiner Sünden Abend sein!" Und zu dem Kind sich wendend, sagte er: "Ich löse Deinen Spielgesellen und kehre nicht heim aus Wazemanns Haus, ohne dass ich an meiner Hand den Knaben führe." Unter Zähren starrte das Kind zu ihm auf. Es verstand den Sinn seiner Worte nicht und hörte nur seinen Zorn, vor dem es erschrak. Da beugte sich Eberwein nieder, streichelte dem Kind das Haar und flüsterte: "Musst nimmer weinen, Dirnlein, ich bring' Dir Deinen Huzebuben."

Es ging wie Sonnenschein über das Gesicht des Kindes. "Aber gelt, recht bald? Und tu ihn nur gleich grüßen von mir!"

"Ja, mein Dirnlein, das will ich nicht vergessen."

Eberwein küsste das Kind, dann fasste er seinen Stab und wanderte seewärts. Als nach einer Weile der Pfad sich teilte und Eberwein zögernd stehen blieb, klang hinter ihm ein dünnes Stimmlein: "Dort hin geht's, Herr, dort hin!" Das Kind war ihm nachgelaufen und wies ihm nun den Weg. Eberwein ließ das Dirnlein zu sich herankommen und redete ihm zu, nach Hause zu gehen. Das Kind nickte wohl und blieb zurück, doch es währte nicht lange, so hörte er hinter sich schon wieder die trippelnden Schrittlein; wenn er sich umblickte, blieb das Dirnlein stehen - schritt er weiter, so lief es hinter ihm her. Als er die Achenbrücke erreichte und wieder die Augen wandte, sah er das Kind nicht mehr.

Auf dem Reitweg kam einer von Wazemanns Knechten herabgestiegen. Die Erinnerung an Bruder Wampo machte ihn lachen, als er den Mönch gewahrte; aber das Lachen verging ihm, da er in Eberweins Augen sah. An der Kleidung erkannte Eberwein den Trossknecht. "Führt dieser Weg zu Deines Herren Haus?"

"Wohl wohl!", sagte der Knecht und griff mit zögernder Hand nach der Kappe. Scheu blickte er dem Mönch nach und tat, als Eberwein zwischen den Bäumen verschwand, einen leisen Pfiff vor sich hin. Hastig verließ er den Reitweg, rannte quer durch den Wald, dem nahen Felsenpfad entgegen, und sprang über die steilen Stufen empor. Mit der Faust schlug er an das Pförtlein. Als ihm aufgetan wurde, fragte er keuchend: "Wo ist der Herr?" Und ohne die Antwort abzuwarten, rannte er über den Hof, an dem Gesind vorüber, welches mit dem erlegten Wild beschäftigt war, das Herr Waze und seine Buben von glücklicher Jagd nach Hause gebracht. "Herr, Herr!"

"Was schreist Du wie ein Jochgeier! Halt' Dein Maul!"

"Einer kommt, einer von den Kuttenleuten," keuchte der Knecht, "und es muss der Oberste von ihnen sein, denn er hat mich angeschaut mit Herrenaugen. Der bringt nichts Gutes!"

Herr Waze wurde blass und rot. "Hol' ihn der Teufel!", stotterte er und fuhr in die Strumpfhosen. Dann sprang er zornig gegen den Knecht. "Das hab' ich jetzt von dem heillosen Unsinn, den ihr getrieben heut am Morgen!" Er hob die Faust, doch er schlug nicht, sondern sprang wieder auf das Spanbett zu und griff mit der einen Hand nach dem Gürtel, mit der anderen Hand nach dem ledernen Wams. "Das Kreuz? Das Kreuz? Wo ist das Kreuz, das über Frau Frideruns Bett gehangen?"

"Ich weiß nicht," stammelte der Knecht.

"Keiner hat's haben mögen," sagte die alte Magd mit scheuen Worten, "so hab' ich's in meine Kammer gehängt."

"Her in die Stub' damit!", kreischte Herr Waze und fuhr mit den Füßen in die Schuhe. "Neben dem Ofen soll es hängen ... da sieht er es gleich!" Die Mägde eilten aus der Stube. "Und Du, hinaus in die Kammer! Die Buben sollen Ruh halten, und keiner soll sich blicken lassen, eh' ich nicht selber nach ihnen ruf'!" Der Knecht rannte davon.

Mit beiden Händen griff sich Herr Waze an den Kopf; alles wirbelte in ihm. "Wär' nur Rimiger schon daheim von der Salzaburg, so wüsst' ich doch, wie ich dran bin!" Da hörte er das Knarren der Fallbrücke, und im Zwinger schlugen die Hunde an. Nur kurz, dann verstummen sie wieder. Herr Waze stand, wie befallen von abergläubischem Schreck. "Die Hund' schweigen? Als käm' einer, der zum Haus gehört, oder einer, den sie fürchten?", so lallte er vor sich hin. "Fürchten? Fürchten? Wen soll ich denn fürchten, in meinem Haus, mitten unter meinen Knechten?" Er wollte lachen, doch das Lachen gelang ihm nicht. Seine Augen starrten ins Leere, und er drückte die Hände über die Ohren, denn ihm war, als klänge von irgendwo eine gellende Weiberstimme: 'Hab' nur acht, du, hab' nur acht! Einer wird noch kommen über Dich ... der soll vergelten, was Du an mir getan!'

Herr Waze schüttelte den Kopf und wehrte mit der Hand; aber das Bild, das aus vergangenen Zeiten vor ihm aufgestiegen, wollte nimmer weichen. Ihm war, als stünde er im Hof, lachend, im vollen Haar noch und schwarz gebartet, und vor ihm die Salmued, mit gefesselten Händen, Verzweiflung in den Augen und Schaum auf den verzerrten Lippen, welche schrieen: 'Hab' nur acht! Einer wird noch kommen über Dich ... der soll vergelten, was Du an mir getan!' 'Wirf sie auf Deinen Karren!', rief Herr Waze dem fahrenden Händler zu. 'Hundert Denar' hast Du genommen. Einen für jede Wegstund', die Du legen sollst zwischen mich und die Narrendirn'! Fort mit ihr!' Der Händler und die Knecht griffen zu. Mit der Kraft der Verzweiflung wehrte sich die Gefesselte, und ihr gellendes Geschrei erfüllte den Hof: 'Eigel, Eigel! Hilf, mein Bub! Hilf mir doch! Hilf! Hilf! 'Gebt ihr den Knebel!', rief Herr Waze. Da streiften seine Augen das offene Tor, und Röte und Blässe flog über sein Gesicht. Unter dem Tor stand Frau Friderun, mit ihren beiden Knaben, dem vierjährigen Henning und dem dreijährigen Sindel. Früher, als Herr Waze erwartet hatte, war sie heimgekehrt aus dem Fischerhaus, in welchem sie mit der jungen Frau Mahtilt, dem Weib des Gelfrat, zu plaudern liebte. Ihr Antlitz wurde fahl, und ihre Augen erweiterten sich, als sie das gefesselte Mädchen sah. Ein paar wankende Schritte tat sie, dann blieb sie stehen, wie ein steinernes Bild, die Gesichter der Knaben in ihren Schoß drückend, die starren Blicke auf ihren Mann gerichtet, der mit geballten Fäusten stand, an der Lippe nagend und mit der Ferse trommelnd. Es klirrte vor ihren Füßen. Unter der wilden Kraft, mit welcher die Gefesselte sich wehrte und im Ringen alle Muskeln spannte, war der beinerne Reif zersprungen, den sie am nackten Arm getragen. Wie eine Klammer haftete die eine Hälfte noch an den geschwellten Muskeln, die andere Hälfte war klirrend über die Steine gehüpft, bis vor die Füße des bleichen Weibes. Der kleine Henning hob das Bein von der Erde, doch seine Mutter riss es ihm aus der Hand. Und die Stimme der Salmued gellte: 'Halt' es fest oder nicht, es soll nimmer lassen von Dir! Hör' meinen Fluch ...' Der Knebel erstickte ihre Stimme. Frau Friderun ging auf ihren Gatten zu, sie sprach kein Wort, sieh hielt ihm nur das zersprungene Bein vor die Augen, dann barg sie das böse Erbe der Salmued an ihrer Brust, fasste die Hände der Knaben und schritt ins Haus. Mit funkelnden Blicken sah Herr Waze dem Weib nach. 'Macht ein Ende!', schrie er den Knechten zu und stampfte mit dem Fuß. Als die Gefesselte auf den Karren gehoben wurde, schossen ihre Augen noch einen Blick, bei dessen stummer Sprache Herr Waze ein kaltes Grauen empfand. Er atmete auf, als der Händler mit der Peitsche auf seine Mähre losschlug und der Karren, den vier Knechte geleiteten, sich in Bewegung setzte. Knarrend hob sich die Fallbrücke und schloss das Tor...

Das Bild der Vergangenheit zerrann vor Wazemanns Augen im Nebel. "Narretei, Narretei!", lallte er und fuhr mit den Fäusten über die Augen. "Soll ein Weiberfluch mich schrecken?" Und wider sah er ein Bild: Eine steile Felswand über dem See, und der Wand zu Füßen, auf blutigem Geröll, lag Frau Friderun mit zerschmettertem Haupt, die Augen noch offen im Tod ...

Und als flöße ihm das eine Bild in das andere, so hörte er wieder das Knarren der Fallbrücke. Aber nein, er hörte ihr Ächzen wirklich und wahrhaftig. Es schloss sich die Brücke nicht hinter dem Karren, der sie Salmued davon führte, sie hob sich hinter Eberwein, der den Hof betreten hatte. Herr Waze lauschte. Aus dem stillen Hof herauf klang eine hallende Stimme: "Führt mich zu Eurem Herrn!"

Da fasste er mit beiden Fäusten die eigene Brust, als müsste er seine taumelnden Sinne aufrütteln zu wachem Leben. Er ging zum Tisch, auf welchem schon die Metkrüge standen, und tat einen langen Trunk. "So, jetzt komm nur!", murmelte er, richtete sich lächelnd auf und schritt hinaus in die Halle. Noch eh' er die Freitreppe erreichte, klangen Hammerschläge hinter ihm in der Stube. Das Kreuz, welches Ulla gebracht hatte, wurde neben dem Ofen an die weiß getünchte Wand genagelt.

Im Burghof waren die Knechte und Mägde zusammengelaufen, aber sie lachten und schrieen nicht wie am Morgen bei Bruder Wampos Ankunft. Flüsternd standen sie, mit scheuen Augen aufblickend zu der hohen, stolzen Gestalt des Mönches. Durch ihre Gasse schritt Eberwein, von einem der Knechte geführt, zur Freitreppe. Noch hatte er die Stufen nicht erreicht, als Herr Waze in der Halle erschien. Wie in freudigem Staunen breitete der Spisar die Arme und rief: "Täuschen mich meine Augen oder seh' ich recht? Ein Gottesmann!" Er humpelte über die Treppe herab, als läge ihm das Alter schwer in den Knien. "Seid mir gegrüßt, frommer Vater, gegrüßt in meinem Haus! Es hat in der Nacht die Erd' gebidmet, und Unheil hat mir geschwant, aber schau: Da kehrt die Gottesfreud' ein unter mein Dach!" Er machte Miene, seinem Gast um den Hals zu fallen, doch aus Eberweins Augen traf ihn ein flammender Blick. Herr Waze stutzte. Wo hatte er nur diese Augen schon gesehen? Diesen Blick? Wo nur, wo? Schnell wie ein huschender Wolkenschatten flog diese Frage durch seine Sinne. Aber seine süßlichen Worte stockten nicht. "Es hat die Erd' gebidmet, und der große Lärm hat große Freud' verkündet! Kommt, frommer Vater, kommt! Zu guter Stunde seid Ihr eingekehrt, es steht die Tafel gedeckt, als hätt' sie Euch erwartet ... kommt nur, kommt und streckt den geweihten Fuß unter meinen schlechten Tisch"

Herr Waze wollte die Hand des Mönches fassen. Doch Eberwein streckte den Stab zwischen ihn und sich, und seine Stimme klang wie Hammerschlag: "Ich komme nicht zum Mahl, nicht Trank und Speise such' ich in Deinem Haus! Knecht Waze, ich komme, um mit Dir zu rechten als Dein Herr!"

Dunkle Röte schoss über Wazes Gesicht. "Du? Mein Herr?", fuhr es ihm über die Lippen, dann verstummte er wieder. Er hatte seine Maske verloren und suchte mühsam seien Fassung zu gewinnen. Da sah er die Knechte und Mägde stehen. "Was gafft Ihr?" Das Gesind stob auseinander wie ein Hühnerschwarm, in den der Fuchs gefahren. Der Hof war leer und still - nur im Zwinger winselten die Hunde, und im Stangenkäfig trabten die gefangenen Raubtiere hinter dem Gitter auf und nieder. Herr Waze wandte sich zu Eberwein, mit gekränkter Miene: "Frommer Vater, Ihr bietet mir üblen Gruß!"

"Den Gruß, den Du geworben von Deinem Herrn! Denn gewaltet hast Du in meinem Lande als ein schlechter Knecht."

"Ein schlechter Knecht!" Herr Waze nickte und lächelte. "Schlecht und niedrig, niedrig vor Euch! Ich hab' es ja gleich aus Eurem Aug' gelesen, dass Ihr es sein müsst, dem der Gadem in die Herrenhand gelegt ist. So müsst Ihr Eberwein heißen, denn Euer Nam' ist hergegangen vor Euch wie Rauch vor dem Feuer. Und keinem Besseren, so hat es geheißten, keinem besseren könnt' das Ländlein übergeben sein, das Frau Adelheit ... selig mag sie ruhen im Himmel ... zu frommer Stiftung an die Kirch' gegeben. So grüß' ich Euch, der Knecht den Herrn!" Das war so bieder gesprochen und klang so ehrlich, dass Eberwein um sich blickte, als müsste er sich überzeugen, ob er auch wirklich in dem Haus sich befände, das er im Zorn gesucht. Doch als Herr Waze das Knie vor ihm beugte und nach dem Ärmel der Kutte griff, um ihn zu küssen, trat Eberwein mit gefurchter Stirn zurück. "Ich höre Dich blöcken wie ein Lamm und weiß doch: Du bist der Wolf! Rühre nicht an den Saum meines Kleides! Nach Deinem Gruß verlangt mich nicht. Du warst nicht eilig, ihn zu bieten. Eine Woch schon weil' ich in meinem Land, Du hörtest die Botschaft, dass ich gekommen, aber Dein übles Gewissen hat mein Auge gemieden."

"Frommer Vater! Herr! Was denkt Ihr von mir!" Herr Waze schien von diesem Vorwurf tief getroffen in seinem schuldlosen Herzen. Wie ein Bächlein sprudelte ihm die Rede von den Lippen. Mit heller Freude hätte er die Botschaft begrüßt, welche Recka, sein "gutes Kind", ihm gebracht. Er hätte ein Mahl gerüstet und gewartet auf die willkommenen Gäste. Und als sie zu seinem Staunen nicht erschienen wären, hätte er Tag um Tag mit Söhnen und Knechten das Tal durchsucht. "Umsonst! Ich hab' Euch nicht gefunden und hab' schon gefürchtet, Ihr hättet wieder das Land verlassen. Das wär' mir leid gewesen, denn ich sag' Euch, frommer Vater, wri brauchen Euch im Tal wie das liebe Brot. Die Leut' im Gadem sind dicke Heidenschädel ... es wird eine Weil' wohl dauern, bis Euer frommes Wort offene Ohren findet und Euer Fuß auch überall ein offenes Tor."

Eberwein streifte mit der Hand über die Stirn, und seine Augen blickten in das ferne Tal. Diese letzten Worte hatte Herr Watze gut gewählt: Sie weckten in Eberwein die Erinnerung dessen, was er beim Auszug am Morgen hatte erleben müssen. Und hatte die Glocke nicht Tag für Tag umsonst geklungen?

Mit scharfem Aug' erspähte Herr Waze den verwandelten Ausdruck in Eberweins Zügen, und er benutzte diese Stimmung, um seinen Gast unter freundlichen Worten, welche Eberwein kaum hörte, über die Freitreppe empor zu führen. In der Halle erwachte Eberwein wie aus einem Traum. Dunkle Röte floss über sein Gesicht, und seine Stimme bebte. "Ich will die Wahrheit nicht suchen in Deinen Worten. Magst Du ehrlich reden oder nicht ... ich kam nicht, um Deine Gesinnung wider mich zu erkunden. Sei mir Feind ... es soll mich nicht betrüben, und ich will Dich nicht büßen darum, denn es ist die Art des Wolfes, dass er wider den Hirten steht. Mich hat anderes zu Dir geführt!" Seine Stimme wurde fest, und seine Augen brannten. "Seit ich mein Land betreten, hab' ich keinen Schritt getan, ohne Blut zu finden, das Du vergossen, ohne auf die Asche eines Lebens zu stoßen, das Du vernichtet, ohne Tränen fließen zu sehen, die Du erpresst! Waze! Wie hast Du gewaltet in diesem Land!"

"Ich? Ich? Ja hör' ich denn recht?" Herr Waze schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. "Und Ihr, frommer Vater, Ihr glaubt von mir ..." Er fasste Eberweins Arm. "Aber tretet doch in die Stub', ich bitt' Euch! Wie mögt Ihr so böse Wort' wider mich rufen unter freiem Himmel, vor meinem lauschenden Gesind!"

Eberwein löste den Arm. "Mag das Gesinde lauschen, es hört aus meinem Mund nicht Neues. Was Du getan, ist ausgeschrieen zwischen allen Bergen!"

"Nein, nein, frommer Vater, man muss mich verlästert haben bei Euch! Und ich mag mir auch danken, wer es getan: der Fischer! Glaubt ihm nicht, er ist mir feind und widersässig..."

"Nein, Waze! Kein Wort der Klage kam über Sigenots Lippen. Wider Dich schreien die Steine!"

"Ja was denn, was? So redet doch, frommer Vater! Bei Eurem mächtigen Heiligen, der mich schützen und gnaden mög' ... ich bin mir keiner Schuld bewusst. Sollt ich aber wider Wissen gefehlt haben, so redet ... ich will mein Unrecht einsehen und zum Guten wenden!"

"Zum Guten wenden? Kannst Du Tote wieder lebendig machen, vergossenes Blut zurück gießen in die leeren Pulse? Verzweiflung in Freude wandeln und Schmach in Ehre? Aber bei meinem Gott, der gerecht ist und Deine Taten sah, Du wirst der Strafe nicht entgehen! Waze, Waze, mich fasst Erbarmen, wenn ich denke, wie Du stehen wirst vor dem ewigen Richter! Noch aber lebst Du, und ich komme, Dein Herr, und sage Dir: Jeden Halm sollst Du mir wieder aufrichten, den Deine Faust nur gebeugt hat, noch nicht gebrochen! Gib mir den armen Knaben heraus, den Du grausam gebüßt um geringe Schuld!"

Mit scheuen Augen hatte Herr Waze zu dem flammenden Antlitz des Mönches aufgeblickt. Jetzt lief eine dünne Röte über seine zerstörten Züge, und staunend fragte er: "Welchen Knaben?" Er lachte. "Ihr meint doch nicht den Huze, frommer Vater, den Geißhirt?"

"Gib mir den Knaben!"

"Ja wie soll ich ihn denn geben? Der Bub ist lang schon wieder über alle Berg'. Gegen mein Gebot ist er eingestiegen in meinen Bannberg. So hab' ich ihn ... es muss doch Ordnung sein ... zur Straf' eine Nacht ins Loch gesteckt und hab' ihn am andern Morgen wieder laufen lassen. Er ist gesprungen wie ein Gemskitz. Und deshalb kommt Ihr, frommer Vater, und ..."

"Der Knabe ist nicht heimgekehrt."

"Nicht heimgekehrt?" Herr Waze machte verblüffte Augen. "So wird er wohl auf dem Berg bei seinen Geißen sein! Wo sonst? Nein, die Leut', die Leut'! Wie die Leut' nur reden! Aber ich kenn' sie! Nur gleich über den Herrn schimpfen! Eine Schwalb' lass' ich fliegen, und da heißt es am anderen Tag im ganzen Tal: Ich hätt' einen Geier streichen lassen ... und bis der Geier hinausfliegt zum Untersberg, ist schon ein Drach' aus ihm geworden. So reden die Leut'! Kaum einen weiß ich, der das Wort wägt, sobald es ans Reden wider den Spisar geht, dem sie die Steuer legen müssen. Aber der Fischer, ja, der Fischer! Er ist mir feind und widersässig ... aber ich muss sagen von ihm: Er hat eine redliche Zung'! Hätt' er eine Klag' gefunden wider mich, er hätt' sie getan!" Herr Waze blickte zu Eberwein auf. "Und nach allem, was ich sag' ... noch allweil seh' ich Unglauben in Eurem Aug'? So folgt mir in die Stub' ... dort hängt das liebe Kreuz, vor dem ich bet' all Morgen und Abend, ich leg' die Hand darauf ... und wollt Ihr noch allweil nicht glauben ... wartet, ich ruf' meine Knecht' als Zeugen und Eidhelfer!" Er wollte zur Treppe eilen.

Da legte Eberwein die Hand auf seinen Arm. "Lass das, Waze! Du hast beim Kreuz geschworen ... ich glaube Dir! Und ich bin nicht lüstern nach dem Anblick Deiner Knechte, die das fromme Haus des Hiltischalk zur Schenke machten und nach dem Messwein griffen!"

"Wildes Volk, frommer Vater! Und Jagdfeld! Der alte Brauch ist ihnen nicht auszutreiben! Aber wart nur, ich will sie lehren, Wasser saufen! Und jeden jag' ich aus dem Haus, der mir den braven Hiltischalk ..."

"Verjage die schlechten und werbe Dir gute Knechte," fiel ihm Eberwein ins Wort, "das böse Beispiel Deiner Söhne wird sie verderben. Rufe mir Deinen Ältesten, welcher Henning heißt!"

Es zuckte über Wazemanns Gesicht. "Der weilt noch im Gejaid!" Jammernd hob er die Hände. "Hätt' ich den Buben nur jetzt daheim, dass ich ihn herführen könnt' vor Euch, mein frommer Vater, dass Ihr ihm ins Gewissen reden möchtet! Ach, dieser Bub! Ist schier ein Mann an die vierzig Jahr', und ich muss mich noch sorgen mit ihm wie mit einem zahnenden Kind. Jeder Tag bringt einen neuen Streich! Und nicht viel besser als er sind die andern. Freilich, wär's ein Wunder! Vor fünfzehn Jahren, kaum dass der Jüngste geboren war, haben sie ihre gute Mutter verloren und sind aufgewachsen wie die Wildling' im Wald! Schaut hinüber, frommer Vater," Herr Waze deutete über den See und ließ die Stimme zittern, "dort auf der Rabenwand ist ihre Mutter Friderun über die Felsen gestürzt, und noch heut weiß keiner, wie das Unglück hat geschehen können! Jetzt denkt: Sieben Buben und keine Mutter!"

"Keine Mutter!" Leise klangen die beiden Worte von Eberweins Lippen. Schwer atmend richtete er sich auf, schüttelte den Kopf und strich mit der Hand über die Augen, als müsste er sich gewaltsam der weichen Regung erwehren. "Schweres Los ist Deinen Söhnen gefallen, da sie die Mutter verloren, und es wär' ihnen die üble Zucht und der wilde Mut wohl zu verzeihen, doch nicht das Laster und alles schreiende Unrecht. Henning, Dein ältester Sohn, soll stehen unter meinem Gericht! Blutschuld hat er auf sich geladen!"

Die Demut begann Herrn Waze schwer zu werden. Er biss sich auf die Lippen, und seine Augen schossen einen Blitz. Um seine Wallung zu verbergen, neigte er das Gesicht, und als er wieder aufblickte, zeigte er eine betrübte Miene und kummervolle Augen. "Blutschuld! Ja, frommer Vater, schwere Blutschuld. Ich weiß schon, wen Ihr meint: Die Dirn des Greinwalders! Ich selber bin erschrocken. wohl hat sie lästerlich geredet wider meinen Buben, und es war auch der Streich nicht so grob gemessen, als er ausgefallen ist, aber Blut ist Blut! Es soll geschehen nach Eurem Willen!"

"Nicht nach meinem Willen, nach dem Recht! Dein Sohn wird Buße leiden, und vor meinen Augen soll er bittend die Hand auf die Stirne legen, die er blutig schlug. Und dem Vater des Mädchens wirst du Wehrgeld zahlen, nach dem Gesetz!"

Herr Waze zögerte mit der Antwort. "Ja, frommer Vater, ja, ja! Was Ihr wollt, und darüber noch! Der Bauer soll nur verlangen! Es wär' nicht das erste Pflaster, das ich auf Wunden leg', die der wilde Bub geschlagen!"

"So sage mir: Was legtest Du auf die Wunden der Heilka, die den Weg zur Windach ging?"

Da verlor Herr Waze die Geduld und platzte heraus: "Frommer Vater, jetzt muss ich aber sagen: Da hab' ich ein hartes Reden mit Euch. Meine Söhn' sind gewachsene Buben ... gebt ihnen Land und Haus, so können sie adelig heuern und brauchen nicht in die Fenster der Dirnen zu steigen!" Dunkle Röte floss über Eberweins Gesicht, während Herr Waze schrie: "Und ich kann doch die Buben in der Nacht nicht an die Bettlad' binden! Da wär' ein Sack voll Flöh' noch leichter zu hüten, als meine sieben ..." Herr Waze verschluckte ein Wort. "Und geht so ein heimlicher Weg schief aus, natürlich, so muss der Vater leiden, und ein Geschrei geht an ..."

"Waze!", klang Eberweins Stimme in heller Empörung. "Das erste, was ich an Dir begreife: Dass Du dem Laster Deiner Söhne zuliebe redest, Du, der Du ihnen das Beispiel gabst, wie man der Unschuld und Ehre die Gruben legt, Du, der Du dem Eigel die Salmued nahmst. Was ist geworden aus ihr? Steigt nicht der Schatten dieses Mädchens vor Dir auf? Seiht Dich ihr Auge nicht an mit drohendem Blick?"

Herr Waze stand mit klaffenden Lippen. Er hörte nicht, er starrte nur in Eberweins Augen. Dieser Blick des Mönches! Wo hatte er diesen Blick nur schon gesehen? Wo nur? Wo?

"Zitterst du, weil einer kam, der Deiner Sünden Dich mahnt und Rechenschaft von Dir begehrt? Wahrlich, ich will meine Herde erlösen von dem reißenden Wolf! Du bist der Spisar in diesem Land gewesen!"

Herr Waze streckte die Fäuste, als wollte er dem Mönch an die Kehle springen. Doch jählings wandelte sich der Ausdruck seiner fahlen Züge. Er schlug die Hände über den Kopf zusammen, fuhr sich in die dünnen Haare und schrie: "Ja, ja, ja, ich hab' gesündigt, hundertmal in jedem Tag! Einschichtig bin ich gestanden in meiner Öd', ohne Freud und frommen Rat, ohne Mahnung und geistlichen Zuspruch ... da ist der Teufel stärker worden in mir als mein himmlisch Teil! Und jetzt, wo die Reu mich packt vor meinem nahen End', jetzt wollt Ihr mich niederstoßen ins höllische Feuer!" Er stürzte auf die Knie und umklammerte Eberweins Schoß. "Kann Euch meine heiße Reu nicht rühren ... wer soll mich denn lösen, wenn Ihr mich verdammt? Wer soll mir denn helfen zum ewigen Heil, wenn Ihr mich verlasst?" Verstummend drückte er das Gesicht in die Kutte des Mönches und schluchzte.

Mit bleichem Antlitz stand Eberwein, erschreckt und erschüttert von diesem wilden Ausbruch. Tränen wogen ihm schwer. Er selbst hatte ja in seinem Leben noch keine Zähre vergossen außer in tiefstem Weh oder in höchster Freude. Er hörte das Schluchzen des Greises, und das blinde Kinderherz in diesem dreißigjährigen Mann schmolz hin wie Wachs. Er glaubte an die Reue, die er schreien hörte zu seinen Füßen - und Reue war ihm heilig. Sein Zorn wich dem Erbarmen, und da war auch sein Mitleid schon geschäftig, alles Schwarze in milderes Grau zu wandeln. Einsam hatte dieser Mann gestanden, seinem wilden Blut überlassen, wie er gesagt: Ohne Freund und frommen Rat, ohne Mahnung und Zuspruch. Er hatte schwere Schuld auf sich geladen, aber wohl so manche seiner Sünden wäre verhütet worden, wenn ein treuer Warner sich gefunden hätte zu guter Stunde. Vielleicht hatte der Haunsperger die Wahrheit gesprochen, als er sagte: Herr Waze ist nicht schlechter, als die anderen sind! Und Eberwein hatte diese anderen kennen gelernt, überall im Land, zumeist am Hof des Herzogs: Diese kleinen, dienenden Herren, hart gegen die Niedrigen, unterwürfig vor dem Größeren, ränkevoll und zügellos, und doch mit einem warmen Fünklein unter der kalten Asche, mit einer weichen Faser im rauen Wesen. Bei so manchem von ihnen hatte er dieses Fünklein angeblasen, diese Faser bewegt - sollte ihm ein Gleiches nicht auch hier gelingen? Durfte er von dem Sinkenden sich wenden, den Reuigen verstoßen, der aus seiner Tiefe die beiden Arme streckte nach der ewigen Güte?

Eberweins Augen wurden feucht, als er die Hand auf Wazes Scheitel legte. "Ihr sollt zu Gottes Liebe nicht umsonst gerufen haben. Doch steht auf, Herr Waze, hier ist der Ort nicht, dass ich den Mittler mache zwischen Euch und dem Himmel. Morgen, in meinem stillen Kirchlein ..." Er verstummte.

Die Fallbrücke war niedergegangen, und Recka sprengte auf ihrem Rappen in den Hof. Herr Waze hob das Gesicht. Seine Zähren mussten rasch getrocknet sein, denn auf den hageren Wangen zeigte sich keine feuchte Spur; doch demütig klang seine Stimme: "Da kommt meine gute Tochter! Ich bitt' Euch, frommer Vater, redet vor dem Kind nicht übel wider den Vater!"

Eberwein errötete. "Es hätte solcher Mahnung nicht bedurft." Und während Herr Waze über die Freitreppe hinunter eilte, ruhten die Augen des Mönches auf Recka, welche aus dem Sattel glitt und den Gurt des Pferdes lockerte. "Eine wilde Taube unter Krähen!", flüsterte er.

Herr Waze war zu seiner Tochter getreten, welche mit staunendem Aug' den Gast in der Halle gewahrte. Mit eisernem Griff umklammerte er ihre Hand, und während ein Knecht, der gesprungen kam, das schweißbedeckte Ross nach den Ställen führte, raunte er mit zischenden Worten: "Wenn Du mich und Deine Brüder nicht verderben willst, so gib dem Pfaffen ein freundlich Wort. Ich muss ihn im Guten halten, bis Rimiger kommt. Es wird gespielt um unser Haus, mehr noch, um mein Leben!"

Recka starrte ihn an. "Du bist mein Vater! Ich kann Deinen Tod nicht wollen."

Lächelnd führte Herr Waze seine Tochter empor über die Freitreppe. Vor Eberwein blieb er stehen. "Seht, frommer Vater, das ist das beste Reis auf meinem Stamm, gesund und in der Blüt'. Seid gut mit ihr, und ich hoff', sie soll Euch eine liebe Schwester werden."

Ungestüm löste Recka ihre Hand aus der des Vaters, und seine Worte unterbrechend, sagte sie: "Wir haben scharf wider einander geredet, da sich beim Albenbach unsere Wege kreuzten. Nun find' ich Euch wieder als Gast in meines Vaters Haus, und wir wollen Frieden halten. Hört nicht auf meines Vaters Lob ... ich bin nicht, wie er sagt. Ich bin, wie ich bin, nicht gut, nicht schlecht. So biet' ich Euch meine Hand. Wollt Ihr sie nehmen?"

Wazemanns Augen funkelten vor Zorn, und an seiner Stirn schwollen die Adern. Mit Verblüffung aber sah er, wie Reckas Worte wirkten. "Ja, ich will!", sagte Eberwein lächelnd und fasste die Hand des Mädchens. Der Gruß, welchen Recka ihm bot, hatte rauen Klang, doch dieser Klang war echt. Und ihm war, als fände er an dieser Hand eine Stütze, deren er bedurfte in diesem Haus. Hatte er doch im Gadem noch kein Wort gehört, welches übel redete von Wazemanns Tochter - nur der alte Kohlmann hatte gescholten wider ihren tollen Wagemut, der beim Waidwerk in den Bergen keine Höhe scheute und keine Tiefe. So fasste er die Hand des Mädchens, wie ein Wanderer im pfadlosen Sumpf den grünen Zweig, der zu ihm nieder winkt.

Mit dem Ellbogen stieß Herr Waze an Reckas Arm und sagte lachend: "So führe doch Deinen Gast ins Haus!"

"Lasst Euch geleiten, Herr!"

Eberwein blickte erschrocken auf und zögerte. Da furchten sich Reckas Brauen. "Scheint Euch der Tisch, an dem ich sitze, zu schlecht für Eure Würde?"

Wortlos schüttelte Eberwein den Kopf und folgte. Als er auf die Schwelle trat und die weite Herrenstube mit der gedeckten Tafel sah, musste er an das Stübchen in der Ramsau denken. Hatte er jenen frommen Tisch verlassen, um hier zu sitzen? Er war geflohen, wo er hätte weilen sollen, und sollte nun bleiben, wo er fliehen müsste? Wie eine Strafe erschien es ihm, was dieser Gedanke sagte. Schon zuckte seine Hand, als möchte sie sich lösen und nach dem Stab greifen; da trafen ihn Reckas Augen, und er musste bleiben ...

Herr Waze holte die Söhne. Schweigend hörte Eberwein ihre Namen und streifte mit irrendem Blick die trotzigen Gesichter. Rimiger und Henning fehlten - der letztere saß in der Kammer hinter der Tür und lauschte jedem Wort, das in der Stube gesprochen wurde. Mit verblüfften Augen sahen die Buben sich an, als Herr Waze vor das Kreuz trat, sich auf die Knie warf und zum Tischgebet die Hände faltete. Eine Weile zögerten sie, dann folgte einer nach dem anderen dem Beispiel des Vaters; nur Recka furchte die Stirn und wandte sich ab. Eberwein stand und rührte weder Hand noch Lippe ... er konnte nicht beten.

Lärmend trat Herr Waze mit den Söhnen zum gedeckten Tisch und wies seinem eigenen Stuhl gegenüber dem Gast den Platz an zwischen Recka und Otloh. Ein Bärenschinken wurde aufgetragen. Herr Waze fasste ein langes Messer und stieß es in die braune Schwarte; dann hob er die Metbische und sagte mit heiserem Lachen: "So biet' ich meinem edlen Gast die Minne und trink' ihm zu als meinem Herrn! Auf Eure Gesundheit, frommer Vater!" Er setzte die Kanne an die Lippen. Sie hob und hob sich ... es war ein Trunk, der nimmer enden wollte. Und es wäre wohl das letzte Tröpflein aus der Bitsche geronnen, hätte Eberwein nicht über den Tisch gegriffen und Wazes Arm mitsamt der Bitsche nieder gezogen. "Meiner Gesundheit dient ihr auch mit minderem Trunk, und noch mehr der Eurigen."

Herr Waze strich mit dem Ärmel über den tropfenden Bart. "Nein, frommer Vater ... meine sündige Seel' mögt Ihr kampeln, so viel Ihr wollt ... aber die langen Züg', die müsst ihr mir lassen. Bei mir muss alles tief sein, Reu und Durst, Lieb' oder Hass. Mein Los ist so gefallen, weil meine Mutter mich geboren hat im Zeichen der Venus und des Wassermann: Mein Herz ist allzeit heiß gewesen und meine Gurgel schreit nach Feuchtigkeit, wie die Frösch' um nasses Wetter." Herr Waze verstummte, und während die Söhne lachten, erweiterten sich seine Augen in starrem Lauschen. Heller Hufschlag klang im Hof und die Stimme Rimigers: "Wo ist der Vater?"

Die Buben sprangen auf, aber Herr Waze, dessen Züge sich mit fahler Blässe überzogen hatten, schrie ihnen zu: "Bleibt sitzen!" Seine Augen richteten sich auf Eberwein, funkelnd, mit stechendem Blick. Es schien, als läge ein Wort auf seiner Zunge. Doch er sprach nicht, er lachte nur heiser vor sich hin, stieß mit der Faust den Sessel zurück, dass er umfiel, und eilte nach der Halle. Betroffen erhob sich Eberwein. Doch Recka fasste wie vor Scham errötend, seine Hand. "Verzeiht meinem Vater seine Art, er hat durch Jahre keinen Gast in seinem Haus gesehen."

Auf der Freitreppe kam Rimiger seinem Vater entgegen, und Herr Waze griff nach dem Arm des Sohnes, zitternd vor Erregung. "Was bringst du?"

"Zwielicht!", sagte Rimiger und zuckte die Achsel. "Ob es Tag bedeutet oder Nacht, ich weiß nicht."

"Red', dass ich versteh'! Es muss auf eine Frag' doch Antwort sein! Hast Du den Haunsperger nicht gesprochen?"

"Wohl, Vater! Er hat mich angehört und hat gelacht, aber geredet hat er nicht. Beim Frühmahl hab' ich sitzen dürfen an der Tafel des Bischofs, und der große Herr ist freundlich zu mir gewesen, und bei jeder anred' hat er mich seinen guten Sohn geheißen. Für unsere Sach' aber hat er kein einzig Wort gehabt."

"Kein einzig Wort?", wiederholte Herr Waze mit zuckenden Lippen. "Aber ich weiß doch, wie er selbigs Mal vor Wut sich verfärbt hat bei der Botschaft, dass Frau Adelheid den Gadem an das Kloster und nicht an seine Kirch' gegeben hat! Sag's noch einmal: Kein einzig Wort?"

"Kein Wort! Aber wie ich schon im Sattel gesessen bin, ist der Haunsperger lachend auf mich zugetreten und hat mir ein Streiflein Pergament gereicht ..." Riminger zog eine kleine Pergamentrolle aus dem Wams hervor, "und dabei hat er gesagt: Unser Schalksnarr hat ein neus Lied gesungen, das bring Deinem Vater mit meinem Gruß."

Herr Waze fasst mit jähem Griff das Pergament, während Rimiger brummte: "Eine solche Narretei! Um Schelmenlieder sollen wir uns kümmern, wo es hergeht um unsere Haut!"

"Der Narr ist des Bischofs liebster Gesell ... er muss wissen um seines Herren Meinung, Bub! Ich schwör' darauf: Es steht 'was in dem Lied!" Herr Waze starrte auf die Rolle in seiner zitternden Hand und griff nach seinem kahlen Scheitel. "Es muss 'was stehen in dem Lied ... aber wer liest mir's denn? Ich müsst' ja rein zum Hiltischalk in die Ramsau schicken! Doch wenn er gelesen hat ... wie schließ' ich ihm das Maul?"

"Der Haunsperger hat gemeint: Du hättest ja vier gute Freund' im Gadem, die sich wohl aufs Lesen verstehen!"

Verblüfft sah Herr Waze seinen Buben an; dann schüttelte er den Kopf und entfaltete das Pergament. In zierlicher Schrift stand Zeile unter Zeile. Doch Herr Waze verstand nur eins: Das kleine in bunten Farben ausgeführte Bildchen, welches der erste Buchstabe umschloss. Auf dem Wipfel einer Fichte war ein Nest zu sehen, welches vier Raben umflatterten. Um den Fuß des Baumes drängte sch ein Häuflein seltsamer Tiere - sie waren rot gemalt, und man konnte sie wohl als Füchse deuten. Über dem Baum, in blauer Luft, stand ein Adler mit gebreiteten Schwingen. Herr Waze lachte. "Komm!", sagte er. "Jetzt mag der Würfel fallen, wie er will!" Er stieg zur Halle hinauf.

Lautes Gelächter tönte aus der Stube, und die Stimme Sindels klang: "Nimm Dich in acht, Otloh, der Pater sitzt neben Dir ... wenn Du noch einmal so übel scherzt, fahrt er Dir mit einem Sprüchlein über den Schnabel, das Dir schmecken wird wie ein Kratzbürst'!"

"Was hat er denn so Arges gesagt?", verteidigte Eilbert den jüngeren Bruder. "Es ist doch die Wahrheit, dass sich der Pater um die Bauern sorgt, wie eine Bruthenn' um ihre Kücklein! Und das muss er tun, schon seinem Namen zu lieb! Wer Eberwein heißt, der muss gut Freund sein mit den Säuen."

Johlendes Gelächter erhob sich, während Recka zornig aufsprang. "Eilbert!" Sie wollte den Arm des Bruders fassen, doch Eberwein vertrat ihr den Weg. Sein Gesicht war bleich, und seine Stimme bebte. "Lasst ihn! Wenn Eure Brüder die Gegenwart der Schwester nicht achten, wie soll ich erwarten, dass sie Ehrfurcht zeigen vor meinem Kleid und vor dem Gast ihres Vaters!" Da trat Herr Waze in die Stube. Der Ausdruck seines Gesichtes und der Anblick Rimigers machte die Lachenden verstummen. Sie wussten, was dieser Augenblick für sie bedeutete. Aus der Kammer ließ sich ein Geräusch vernehmen, als wäre ein Stuhl gefallen, und die Türe öffnete sich um eine schmale Spalte.

"Seht her, frommer Vater," rief Herr Waze mit gepresster Stimme, "seht her, was mein Rimiger gefunden hat. Das Pergament muss Euch gehören, es lag auf Eurem Weg ... Ihr müsst es verloren haben."

"Nein, Herr Waze, das Blatt gehört mir nicht!" Eberwein nahm den Streif und rollte ihn auf. "Auch keinem meiner Brüder. Ein Fahrender, der Euer Haus gesucht, mag wohl das Blatt verloren haben ... es ist ein weltlich Lied." Und mit halblauter Stimme las er:

"Es schwebt der fürstliche Aar im Blau,
Den Blick gerichtet zur Ferne,
Ihn lockt Frau Sonne, ihn kümmern nicht
Die kleinen Knechte, die Sterne.
Sein Blick späht über die Berge hin,
Sucht nimmer Tal und Halde,
Ihn kümmert das Nest der Raben nicht,
Das sie bauten im finsteren Wald,
Es mag bestehen, es mag vergehen
Und fallen den zausenden Winden,
Es mögen die Füchse schleichen und spähn
Und ihre Beute finden.
Der fürstliche Aar nimmt hohen Flug,
Die Blicke fernab gewendet,
Und nimmer frägt er, wie der Streit
Im tiefen Wald sich endet."

"Ein Meisterlied!", schrie Herr Waze wie von Sinnen und fasste die schwere frisch gefüllte Bitsche. "Ein Meisterlied! Dem unbekannten Sänger einen festen Trunk zur Minne! Es meint es gut mit den Füchsen!" Sein heiseres Lachen erstickte in der Kanne.

Eberwein ließ die Rolle sinken und blickte befremdet, von peinlicher Empfindung erfasst, an der Tafel umher. Überall sah er funkelnde Augen und brennende Gesichter. Ihm war, als stünde er inmitten eines tollen Traumes. Wie konnte solche Wirkung aus diesem Spielmannslied kommen, das ihm wertlos erschien und mit geringer Kunst gesungen? Herr Waze stieß die geleerte Kanne auf den Tisch, lachend, und kreischte: "Setzt Euch doch, mein lieber fürstlicher Herr! Euch zu Ehren will ich schmausen und zechen ... und ich mein', es hat mir im Leben noch kein Mahl geschmeckt, wie es heut mir schmecken soll! Euch zu Ehren! Nur Euch zu Ehren! Ihr seid ja mein Herr!" Seine Worte gingen unter im Geschrei und Gelächter seiner Söhne.

Eberwein strich mit der Hand über die Stirne und ließ sich nieder. Seine Sinne taumelten, er wusste nicht, was er tat. Er hörte nicht, dass die Tür der Kammer sich öffnete, aus welcher Henning trat, einen hochstämmigen Rüden am Halsband führend - er sah nicht, dass Recka, bleich bis in die Lippen und mit blitzenden Augen ihren Vater streifend, von der Tafel wich und den Saal verließ, als wollte sie nicht teilhaben an dieser Stunde. Mit zitternden Händen griff er nach einem Brot, segnete es und brach es entzwei. "Nehmt, Herr Waze!", er reichte die Hälfte des Brotes über den Tisch. Da griff eine Hand über seine Schulter. "Mir die ander' Hälft' ... meinen Hirschmann hungert!"

Schallendes Gelächter erhob sich um den Tisch. Eberwein sprang auf und sah, wie Henning das gesegnete Brot dem Hund zuwarf, der es mit klaffendem Rachen haschte. Glühende Zornröte fuhr über das Gesicht des Mönches. Mit beiden Händen fasste er die Tafel an der Kante und stürzte sie um, dass Herr Waze mit dem Sessel wankte, dass die hölzernen Teller, die zinnernen Schüsseln und die Metkannen klirrend und polternd über den Estrich rollten. "So end' ich dieses Mahl," klang seine Stimme mit schrillendem Hall, "und nichts mehr hab' ich gemein mit Euch!"

Lallend vor Wut, mit geballten Fäusten und verzerrtem Gesicht sprang Herr Waze auf. Seine Söhne aber starrten auf die Lippen des Mönches - er war es doch gewesen, der diese Worte geschrieen, und dennoch schien es ihnen, als hätten sie ihren Vater gehört. So klang seine Stimme im Zorn.

"Fasst ihn! Fasst ihn!", schrie Herr Waze. "Er hat mein Haus geschändet! Das soll er büßen!"

Henning war der erste, dessen Fäuste nach Eberwein griffen. Da sah auch der Hund in dem Mönche einen Feind seines Herrn und stürzte heulend auf ihn los. Mit einem Faustschlag streckte Eberwein das Tier zu Boden. "Feinde über mir!", klang seine schmetternde Stimme, und eine Metkanne von der Erde raffend, schwang er sie zum Schlage wider Henning. Doch er schlug nicht. Aus erhobenem Arm ließ er die Kanne sinken, und zwei der Wazemannssöhne beiseite schleudernd, gewann er mit mächtigem Sprung das an der Mauer hängende Kreuz, griff nach ihm mit beiden Händen und rief: "Vergib die Sünde meines heißen Blutes, o Herr! Bei Dir ist die Rache, bei Dir die Hilfe! Eripe me, domine, ab homine malo, a viro iniquo eripe me!"

Da fassten sie seine Arme, seine Brust, seinen Hals. Er stand und wehrte sich nicht, während sie an ihm hingen wie die Hunde am gestellten Hirsch. Geifernd, die geballten Fäuste vor Eberweins Augen streckend, leerte Herr Waze in unflätigen Worten die Schale seiner Wut über ihn aus. Ein bitteres Lächeln zuckte um Eberweins bleiche Lippen. "Knecht Waze, nun kenn' ich Dich! Nun zeigst Du mir Dein wahres Gesicht!" Zwei Tränen rollten ihm in den Bart. "Wie steht doch der Redliche vor dem Schlechten ... wehrlos, beschämt und aller Bosheit ein Spiel!"

"Gefangen steht er und will noch den Herren spielen! Und schmähen! Fort mit ihm! Hinunter in meinen tiefsten Keller! Ich will ihm die Rabenflügel stutzen!"

Über das Geschrei der Söhne, die den Gefangenen zur Türe stießen, hob sich Eberweins Stimme: "Waze, ich warne Dich! Da Du Gott nicht fürchtest, so fürchte den Kaiser, den dessen Gericht ich Dich berufe, der Fürst seinen ungetreuen Knecht!"

"Der Kaiser!", höhnte Herr Waze mit schallendem Gelächter. "Wo ist er denn, Dein Kaiser? In vierzig Jahren hab' ich ihn nicht gesehen, hab' keinen Ruf von ihm gehört, hab' keinen Mann zu seinem Heer geschickt. Schrei doch, schrei, ob er Dich hört, ob er kommt! Ich mein', er wird den Käfig so leicht nicht finden, in dem ich Dich bergen will. Packt ihn, meine Füchslein! Hinunter mit ihm!"

Schreiend stießen sie ihn aus dem Saal und über eine steile Treppe hinunter. Eine schwere Türe wurde vor ihm aufgerissen, er taumelte in Finsternis und kalte Moderluft, hinter ihm dröhnten die Bohlen, und der eiserne Riegel klirrte. Draußen Gelächter, das sich entfernte, Geschrei, welches unterging wie in weiter Ferne, dann dumpfe Stille ...

Eberwein streckte im Dunkel die Arme aus. Seine Hände griffen den nassen Fels der Mauer und einen eisernen Ring. Ein kalter Schauer rann ihm durch die Glieder, und die Knie brachen ihm. Die Arme schlug er über die Brust, als möcht er gewaltsam den Sturm seiner Seele bezwingen, und aus heißem Herzen sprach er laut ein Gebet. Plötzlich aber verstummte er, denn ein Geräusch war an sein Ohr gedrungen. Mit verhaltenem Atem lauschte er. Wieder hörte er ein leises Rascheln, und da schüttelte ihn der Ekel: Er musste an das Beinhaus denken und sah die Ratte huschen...

Es raschelte und mattes Stöhnen klang aus einem Winkel des finsteren Raumes. Erschrocken sprang Eberwein auf. "Wer teilt meinen Kerker? Bist Du ein Mensch, so rede!" Das Stöhnen wurde zum Wimmern, eine wortlose Sprache des Schmerzes, welche Eberweins Herz erzittern machte. "Gott des Erbarmens!", stammelte er, warf sich zu Boden und über die Fliesen kriechend, tastete er mit den Händen vor sich her. Er fühlte halbverfaultes Stroh und jetzt einen menschlichen Körper, fast nackt, mit schlaffen Armen und steifen Fingern, mit bartlosem Gesicht und kurz geschorenem Haar. "Der Knabe, den ich suchen kam! ... Wazemann, Wazemann!" Mit beiden Armen griff er zu und hob das taumelnde Haupt des Knaben an seine Brust, dessen Zunge lallte: "Wer ist bei mir?"

"Einer, der es mit Dir gut meint!"

Da klang es wie der schluchzende Aufschrei eines Verzweifelnden: Gibt's denn noch einen, der gut ist?"

"Ja, ja, ja!", rief Eberwein, die Stimme halb erstickt von Zähren. "Allgütiger im Himmel, wie blind war meine Seele! Ich wähnte, dass ich irre ging, von Dir verlassen ... nun seh' ich. Es war der Weg Deiner Liebe, die mich hierher geführt, um dieses Kind zu finden!" Er fühlte, wie die Hände des Knaben an ihm empor tasteten, wie die kalten zitternden Finger sein Antlitz berührten, welches nass von Tränen war.

"Er weint ... einer, der weint um den armen Huzebuben! Bist auch ein Geißhirt, hat er Dich auch gebüßt?" Und wie der Sinkende den Balken, den eine mitleidige Welle ihm zugeworfen, so umklammerte der Bub mit beiden Armen seinen Gesellen und schmiegte sich an ihn unter strömendem Schluchzen. Aus der Höhe des Hauses klang ein dumpfer Lärm hernieder - das Johlen der Wazemannssöhne, welche die gestürzte Tafel wieder aufgerichtet hatten und die Kannen leerten auf das Glück ihrer kommenden Zeit.

Eberwein tastete in der Finsternis umher, und seine Hand fand an der Mauer einen vorspringenden Stein. Er setzte sich und hob den Knaben auf seinen Schoß. Der Bub wimmerte, denn die Bewegung mehrte seine Schmerzen, und auf Eberweins Frage begann er, von Schluchzen unterbrochen, zu erzählen, was er verschuldet hatte, welche Strafe er gelitten, welche Qual und Marter er in diesem finsteren Verließ ertragen. Seine Sprache war arm an Worten, und sie sagte doch mehr, als Eberweins Herz zu ertragen vermochte. Er drückte das Gesicht des Knaben an seine Brust, um ihn verstummen zu machen, und während er ihm mit zärtlicher Hand die struppigen Haare streichelte, flüsterte er, die heimatliche Sprache seiner Berge redend: "Musst nimmer weinen, Büebli! Schau, es hebt für Dich die gute Zeit wieder an. Ich tu' dich pflegen, dass Du gesunden sollst, und will Dich lieb haben all mein Leben lang. Und weißt, meine Arm', die tragen Dich schon, bis Du wieder laufen kannst auf Deinen Füßen. Wohl wohl, hab' nur acht, wenn die Tür sich auftut, wie ich Dich hinauf trag' in die liebe Sonn'!"

Wenn die Tür sich auftut? ... Es war kein leerer Trost, den Eberwein dem Knaben spendete mit dieser Hoffnung auf die nahe Freiheit. In seinem Herzen wohnte dieser Trost als fester Glaube: Fände sich aus freiem Willen auch keine Menschenhand, den Riegel aufzustoßen und den Weg zu öffnen, so musste Gott ein Wunder wirken um dieses Knaben willen.

Langsam hatte der Bub den Kopf erhoben. "Du musst mehr sein als ein Geißhirt! Wer bist denn du?"

"Ich bin ein Gottesmann! Weißt Du, was das ist?"

"Wohl wohl, so einer wie der Hiltischalk. Den hab' ich einmal gesehen ... der hat ein schwarzes Häs."

"Mehr weißt Du nicht von ihm?"

"Wohl wohl: Und weiße Haar' hat er, weil er alt ist."

"Und ein Kirchlein hat er, in dem das Glöcklein läutet. Und einen lieben Vater im Himmel! Hast nie von dem gehört?"

"Wohl wohl, ich mein' schon, ich hätt' so 'was reden hören!" Stöhnend griff der Knabe nach seinen schmerzenden Füßen.

"Schau, mein Büebli," sagte Eberwein, die Arme fester um den Knaben schlingend, "schau, das ist ein treuer Vater, dem alle gute Menschen liebe Kinder sind. Wer leiden muss, den tröstet er, und wer in Not gefallen, dem bringt er Hilf'."

"Mir auch?", klang scheu und zitternd die Stimme des Knaben.

"Freilich, Büebli! Denn alles weiß er und alles kann er. Er hat Dich gesehen in Deinen Schmerzen und hat zu mir gesagt: Geh hin und hilf dem Huzebuben! Und wie ich gegangen bin, Dich suchen, hat er mir ein kleines Dirnlein geschickt, das mir den Weg gewiesen, ein Dirnlein, das Dich lieb hat! Gelt, du weißt schon, wen ich mein'?"

"Ach, Du guter Mann!", rief der Knabe, lachend in seinen Schmerzen. "Es wird doch nicht das Trudli gewesen sein?"

"Das Dirnlein des Bauern, dem Du die Geißen hütest!"

"Das Trudli, das Trudli!" Der Name des Kindes war das einzige Wort, das der Knabe fand in Weh und Freude.

Eine stumme Weile verging, dann begann Eberwein wieder zu sprechen. Es lag ihm das Herz auf den Lippen, und leuchtend öffnete sich die ganze Tiefe seines reinen, hoffenden Glaubens, so wie ein Fels in geheimnisvoller Stunde die verschlossenen Schätze zeigt. Der Knabe tat keine Frage mehr. Er lauschte nur und schien im Lauschen seine Schmerzen vergessen zu haben; nur manchmal zuckte sein Körper unter halb ersticktem Schluchzen und seine Arme klammerten sich fester um den Hals des Mönches. Eberwein sprach - und wie guter Samen, der schon keimt, da er die Erde berührt, fiel jedes seiner Worte in das Herz des Knaben.

Wüster Lärm klang aus der Höhe. Die Berauschten sangen und schlugen die Tafel mit den Fäusten. Die Mägde weigerten sich, den Saal zu betreten - es mussten die Knechte bedienen und die Metkrüge schleppen. Draußen dämmerte schon der Abend und das Zechen wollte kein Ende nehmen. Den ganzen Bau des Hauses durchschütterte das johlende Geschrei und das Poltern der stürzenden Krüge und Sessel.

In Reckas Kammer, in welcher schon die Leuchte brannte, hallte der Lärm, dass die Wände zitterten. Vom gelösten Haar umringelt, im weißen Schlafgewand, lag Recka im Erker, das Gesicht in die Arme vergraben. Sie hörte nicht, dass die Türe der Zeugkammer sich öffnete. Es war der Bub, der die Falken pflegte. In seiner Hand trug er das Federkleid, das er dem verendeten Liebling Reckas abgestreift. Scheu trat er zum Erker. "Herrin!"

Recka fuhr auf. Als sie den Balg des Vogels sah, griff sie nach ihm, breitete auf ihrem Schoß das Gefieder aus und strich mit zitternden Händen über die Schwingen. Ihre Augen wurden nass. Der Bub ging zur Türe. Dort blieb er zögernd stehen. "Herrin! Ich mein', dass ich weiß, wie Dein Falk hat umkommen müssen. Willst mich nicht verraten, wenn ich red'?"

Recka hatte sich erhoben. "Sprich!"

"Ich sag's, weil mir leid ist, denn ich hab' den Vogel lieb gehabt." Der Bub fasste den Balg und deutete auf eine Stelle der Innenseite. "Schau her, da hat die Haut einen Stich wie von einer Nadel ..." Er griff in den Wams. "Und schau die Spulnadel an: Sie ist rostig von Blut. Durch das ganze Ingeweid ist der Stich gegangen. Den Tag, 'vor Du ausgeritten bist, auf den Abend, da ist Dein Falk noch frisch und gesund gewesen ... ich bin um Wasser gegangen ... und wie ich wieder komm', hat der Vogel getrauert."

Mit zornigem Griff umklammerte Recka das Handgelenk des Buben. "Wer war in der Kammer?"

Scheu blickte der Knabe gegen den Saal, aus welchem das Geschrei der Zechenden hallte. Er wollte sprechen, doch Recka schob ihn ungestüm zurück. "Schweig'! Ich könnte, wenn der Zorn mich fasst, den Namen nicht wahren." Sie öffnete das auf dem Erkertisch stehende Kästlein und reichte dem Buben eine silberne Spange. "Nimm!"

Er schüttelte den Kopf und legte die Hände hinter den Rücken. "Ich hab' nicht um Lohn geredet!"

"Nimm!", wiederholte Recka zornig, dann atmete sie tief und sage leis: "Nimm nur! Ich weiß, Du bist dem Vogel gut gewesen!" Sie drückte dem Buben die Spange in die Hand.

Als er gegangen war, hefteten sich ihre funkelnden Blicke auf die Saaltür, und die Fäuste auf den Busen schlagend, rief sie mit bebender Stimme: "Wann kommt die Reih' an mich?" Zum Erker wankend umschlang sie stöhnend ihr Haupt mit den Armen. "Hol' mich, Mutter, hol' mich! Bei Dir wär' Glück und Ruh'!" Sie sank auf den Sessel und griff nach dem Federkleid des Falken. Doch ihre Blicke glitten darüber hinweg, durch das offene Fenster und nieder über den abenddämmerigen See zum Fischerhaus, dessen Tür rot leuchtete vom Widerschein des Herdfeuers. "Ich tat ihm unrecht!", flüsterte sie und drückte das Gefieder des Falken über die brennenden Augen.

Raschelnd strich der Abendwind durch die welkenden Bäume, die sich zum Erker erhoben. In der Tiefe murmelte der See, der in sachten Wellen ging, und leise Stimmen zischelten durch das schwankende Röhricht.

In der stillen Hofreut des Fischerhauses stand Sigenot durch die Dämmerung empor spähend nach Wazemanns Haus. Wicho trat zu ihm: "Hörst, wie sie lärmen?"

"Sie zechen. Die Nacht über werden sie liegen im Rausch, und mein Haus ist sicher vor ihnen bis zum Morgen. Trag' die Langwaad in den Einbaum und mach' die Pechpfann' fertig ... wir ziehen auf die Fischwaid. Der Kalter ist leer, und das Haus hat Leut'!"

Während Wicho ging, um alles für die Fahrt zu rüsten, schritt Sigenot zum Lugaus. Im schwarzen Abendschatten der Eichen saß Edelrot, die Hände im Schoß, versunken in ihre Träume, die sich webten aus banger Sorge und süßer Lust. Seufzend hob sie die Augen, als der Bruder sich an ihre Seite setzte. Er schlang den Arm um die Schwester, Rötli lehnte das Köpfchen an seine Brust, und so saßen sie wortlos...

Hinter dem Haus klang eine Stimme. Eigel der Kohlmann sprach. Hilmtrud, Kaganhart und die beiden Sennen saßen um ihn her und lauschten seinen Worten. Er sprach vom Untersberg, von König Wute und seinen Helden, vom Birnbaum auf dem Walser Feld und von der guten Zeit. "Sie muss kommen! Sie muss! Es haben die Berg' noch nie umsonst gebidmet! Die hundert Jahr' sind um! Und steigt Herr Wute nicht aus der Tief', so weiß ich einen: Der steigt hinauf zu Wazemanns Haus!"

Hilmtrud ballte die Fäuste. "Und ich tu' mit!"

"Freilich, freilich," brummte Kaganhart, "weil nur Du überall dabei sein musst, wo's schiech hergeht!"

Ein Wort gab das andere, und Eigel musste sich ins Mittel legen.

Eine Stunde später, als der stahlblaue Himmel schon übersät war mit blitzenden Sternen, fuhr Sigenot mit Wicho zum Fischfang aus. Plätschernd schlugen sie sachten Wellen an den Einbaum, der am Fuß der Falkenwand vorüber glitt. Vor einer Ecke des Felsens stockte das Ruder in Sigenots Hand - es war die Stelle, an welcher er in jener Sturmnacht den Grausen gefunden. "Soll ich zünden?", fragte Wicho. Ohne Antwort zu geben, trieb Sigenot den Einbaum weiter. In tiefer Schwärze lag der weite Seekessel vor ihm, und der Wind trug das dumpfe Rauschen eines Wildbachs über das Wasser her. Gegen die Mündung dieses Baches steuerte Sigenot den Kahn. In der Nähe des Ufers hielt er, hob das Ruder und ließ sich im Spiegel des Schiffes nieder. Lautlos schwankte der Einbaum auf den linden Wellen, während Sigenot empor spähte zum Falkenschein. Fast eine Stunde verging, dann schwieg auch der letzte Laut in Wazemanns Haus, dien Hunde schliefen und alle Fenster waren dunkel.

"Zünd' die Pfann'!"

Wicho schlug Feuer und warf den glimmenden Schwefelfaden auf die mit Pech getränkten Späne. Lodernd wuchs die Flamme, ihr greller Schein fiel über den See und lockte die Fische aus der Tiefe. Der Knecht warf das Ende der Langwaad aus und ließ die Maschen gleiten, während Sigenot im Bogen fuhr. Als sie das Netz hoben, war es schwer. Überall im Garn zappelten die Hechte, die Salmen und Ferchen.

"Solchen Zug haben wir nicht oft getan!", rief Wicho lachend.

"Ich weiß, wer das Netz so schwer gemacht," sagte der Fischer ernst, "denn ich hab' im stillen den ersten Zug den Klosterleuten zugelobt."

"Den ganzen Zug? Da wird der dicke Bruder lachen! Wenn er wüsst', was ihm zusteht, er möcht' wohl springen vor Freud'!"

Bruder Wampo hatte wohl keine Ahnung, das seiner gedacht wurde beim Fischfang in stiller Nacht. Und dennoch sprang er um diese Stunde, aber nicht vor Freude.

Schreck und Sorge hatte die Brüder befallen, als die Nacht erschien, ohne dass Eberwein heimkehrte zur Klause. Da sie meinten, er hätte sich auf dem Rückweg im pfadlosen Wald vergangen, zogen sie die Glocke, damit ihr Hall ihn rufe. Wie klagend tönte die eherne Stimme in der stillen Nacht - doch Eberwein kam nicht. Stunde um Stunde verging, er kam nicht. Nun beschlossen sie: Pater Waldram sollte bleiben, denn seine Kräfte waren schwach, und er sollte von Zeit zu Zeit die Glocke rühren, während Schweiker und Wampo mit Spanlichtern ausziehen wollten, um Eberweins Namen durch den Wald zu rufen. Schweiker stieg zur Ache nieder. Bruder Wampo nahm die Richtung gegen die Ramsau. Er zitterte an allen Gliedern, während er mit erhobener Fackel dahinstolperte durch den finsteren Wald, und seine Stimme klang so gepresst, dass es gar weit nicht hallen konnte, wenn er Eberweins Namen rief. Manchmal, wenn ein Tannenzapfen durch die Äste fiel, oder der Sprung eines flüchtenden Wildes sich hören ließ, schrak er zusammen, dass es eine Weile dauerte, bis er die Kraft seiner Glieder wieder fand. Seine Stangenbritsche in der Klause war hart, doch mit heißer Sehnsucht dachte er jetzt an die gute Stätte unter Dach. Aber bei allem Jammer, den er mit stammelnden Worten zwischen seine Stoßgebete mischte, schritt er weiter und weiter, denn größer als seine Angst war noch die Sorge um den geliebten Herrn. Er schrie und schrie ... Plötzlich wich der Grund unter seinen Füßen. Kreischend nach einem Halt suchend, ließ er die Fackel sinken, und während sie erlosch, stürzte er, wie er meinte, in bodenlose Tiefe. Es tat einen lauten Klatsch, als Bruder Wampo festen Boden erreichte. Ein Wust von Reisig fiel hinter ihm her und überschüttete ihn. Stammelnd raffte er sich auf, warf die stachligen Reiser von sich ab und fühlte nach seinen Gliedern. Sie waren ganz und heil. "Ein Glück, dass ich gute Polster hab'!", meinte er und begann in der Finsternis mit gestreckten Händen umherzutappen. Überall griff er steile, glatte Erdwände, nirgends fand er einen Halt, an dem er sich hätte emporziehen können - und ob er sich auch auf die Fußspitzen reckte, er konnte den Rand der Grube nicht ereichen. Er tappte und tastete - und da geriet ihm etwas unter die Hände. Fest griff er zu, doch mit einem Schrei des Entsetzens wich er zurück - seine Hände hatten struppiges Haar gegriffen. Und da fuhr auch schon ein unsichtbares Etwas im Kreis um ihn her wie der ledige Teufel. Bruder Wampo sah nichts, er fühlte nur die Püffe, die er bekam, hörte ein Schnauben, Springen und Scharren - das währte eine Weile - dann wieder war Stille um ihn her. Nur hoch über ihm rauschten die Bäume leis im Nachtwind. Er taumelte, geriet in eine Ecke und kauerte auf der Erde, mit lallender Stimme betend. Seine Glieder waren wie gelähmt, er wagte keinen Finger mehr zu rühren und starrte mit aufgerissenen Augen auf die beiden runden, glimmenden Lichter, die er nahe vor sich in der Finsternis erblickte. Und wenn ihm die betende Stimme erlosch, hörte er den fliegenden Gang lechzender Atemzüge, wie ein Jagdhund atmet nach der Hetze. Das Grausen machte seine Sinne wirbeln, und die schweißtreibende Angst malte ihm das Bild eines Ungeheuers vor Augen, mit Drachenflügeln und aufgesperrtem Rachen, groß genug, um einen Berg zu schlingen, geschweige denn das winzige Bröcklein, welches Bruder Wampo hießt.

Fern, im Tal der Ache, klang die rufende Stimme Schweikers, und die Berge warfen ihren Hall zurück. In Zwischenräumen ertönte beim Lokistein die Glocke. Weit drangen ihre Klänge in der stillen Nacht, über die Hänge des Göhl empor, hinaus über die Halden der Strub und das Tal entlang bis zum Schönsee und zu Wazemanns Haus, an welchem ein einsames Fenster in mattem Licht erschimmerte. es war das Erkerfenster in Reckas Kammer.

Neben dem Spiegel flackerte die Leuchte. Mitternacht war lange vorüber, und noch immer stand das Lager unberührt. Recka saß, mit dem nackten Arm über die Brüstung des Fensters gelehnt. Lautlose Stille herrschte draußen im Saal, im ganzen Haus, nur aus dem Hof herauf drang manchmal ein Geräusch: Die gefangenen Raubtiere wachten in ihrem Käfig. Recka spähte nach dem Himmel. Ein bleicher Schein begann über den östlichen Bergen das Firmament zu erhellen und die Sterne zu löschen. Als hätte sie auf diese Helle gewartet, so nickte sie vor sich hin und erhob sich. Inmitten der Kammer stand sie noch einmal lauschend still, dann streifte sie die Schuhe von den Füßen, nahm die Leuchte und schlich auf nackten Sohlen in die Herrenstube. Als sie zurückkehrte, mit einem Schlüssel in der Hand, stand sie und schüttelte sich, als möchte sie die Erinnerung des hässlichen Bildes, das sie gesehen, von sich abwerfen. Lautlos schritt sie hinaus in die Zeugkammer. Der Zugwind rührte die Flamme der Leuchte, und die Jagdnetze, die Sauspeere und eisernen Raubtierfallen warfen ein zuckendes Gewirr von Schatten über die Wände. Als Recka den Unterstock des Hauses erreichte und an der Mägdekammer vorüber schlich, hörte sie das leise Gezwitscher eines Vogels: Ullas Liebling, der geblendete Star, sang in der Nacht.

"Der hat es gut! Er muss den Tag nimmer sehen!"

Über eine zweite Treppe ging es nieder, und nun hielt sie vor der niederen Türe des Bußlochs. Sie öffnete das Hängeschloss und schob den Riegel zurück. Als die Türe sich auftat, und der Schein der Leuchte in den Kerker fiel, stand Recka überrascht und ergriffen im innersten Herzen. Einen Verzweifelnden wähnte sie zu finden - und sah zwei Menschen, schlummernd in stillem Frieden. Eberwein saß auf dem Steinblock, an die Mauer gelehnt; von seinen Armen umschlungen, ruhte ihm der Knabe an der Brust. So schliefen sie, Wange an Wange.

Recka berührte die Schulter des Mönches. Als Eberwein erwachte und die vom Lichtschein umzitterte weiße Gestalt erblickte, welche vor ihm stand, wie herausgetreten aus seinen wundersamen Träumen, stammelte er: "Gott sandte seinen Engel ..." Da erkannte er Recka und verstummte, tief errötend.

Huze schlug die Augen auf und erzitterte beim Anblick der Wazemannstochter. "Schweig, Kind!", flüsterte Eberwein und drückte ihm die Hand auf die Lippen. der Schein der Lampe fiel über das leichenfahle Gesicht des Knaben mit den hohl liegenden Augen, über die abgezehrten, von Lumpen umhüllten Glieder, und über die mit geronnenem Blut bedeckten Füße. Ein Grauen schüttelte Reckas Nacken. "Wer ist der Bub?"

"Ein Opfer Deiner Brüder. Blick' her, wie sie an ihm taten um geringe Schuld!"

"Das wusst' ich nicht!", stammelte Recka.

"Ich glaube Dir, denn Dein Herz ist gut! Und kamst Du, um mir die Freiheit zu bringen ... ich danke sie Dir um dieses Knaben willen."

Eine Weile stand Recka schweigend. Sie musste die Augen von dem Knaben wenden, denn sie ertrug den Anblick seiner Wunden nicht. Zur Tür lauschend, sagte sie flüsternd: "Löst Eure Schuhe von den Füßen." Eberwein ließ den Knaben auf den Steinblock nieder, löste die Sandalen und knüpfte sie an seinen Gürtel.

"Folgt mir!" Recka erhob die Leuchte und schritt zur Tür.

Eberwein nahm den Knaben auf seine Arme und flüsterte ihm zu: "Fürchte Dich nicht!"

Da schüttelte der Bub den Kopf, und seine Augen glänzten. "Fürchten? Es ist doch der gute Vater mit uns!"

Fester umschlang ihn Eberwein, als er die Schwelle des Kerkers überschritt.

Recka schloss die Türe, schob den Riegel vor und drehte den Schlüssel um. Lautlos stiegen sie die Treppe hinauf. Noch immer sang der Star, und der Knabe atmete tief, als er den Vogel hörte. Sie erreichten die Zeugkammer, und Recka öffnete die Türe ihres Gemachs. Auf der Schwelle zögerte Eberwein. Er schien zu erkennen, welchen Raum er betrat, und die Stirn von dunkler Röte übergossen, sagte er mit gepresster Stimme: "Führt mich anderen Weg ... um Euretwillen!"

"Anderen weiß ich nicht ! Tretet ein! Rasch!"

Als sie zur Saaltür kamen, flüsterte Eberwein: "Ich bitt' Euch, reicht mir Zeug, dass ich die Wunden des Knaben verbinde."

Recka zog die Hirschdecke von ihrem Lager, riss von dem Hanftuch, welches über die Haut geschlagen war, einen Streifen ab und schob ihn hinter den Gürtel des Mönchs. Dann löschte sie die Leuchte und fasste Eberweins Arm. "Lasst Euch führen und seid ohne Sorge ... sie liegen im Rausch."

Nun traten sie hinaus in die Herrenstube. Bleiches Mondlicht fiel durch die offene Hallentür und alle Fenster. Gestürzte Sessel lagen umher, auf dem verwüsteten Tisch und auf dem Estrich schimmerten die zinnernen Kannen. In lang ausgeronnenen Lachen spiegelte sich der Mondschein, und der verschüttete Met erfüllte den ganzen Raum mit widerlich süßem Geruch. Henning und Otloh lagen wie Klötze unter dem Tisch. Vor der Tür, welche zur Kammer der Buben führte, war Eilbert niedergesunken, und Herr Waze lag in den Kleidern auf seinem Spanbett, schnarchend, mit Kopf und Armen nieder hängend über die Kante. Eberweins Schritte stockten, doch Recka zog ihn mit sich fort, in die Halle hinaus und hinunter in den Hof. Als sie dem Zwinger sich näherten, schlugen die Hunde an. Doch mit leisem Lockruf machte Recka sie verstummen. An der Mauer öffnete sie eine Pforte, welche gegen die Höhe des Berges führte. "Nach hundert Gängen teilt sich der Pfad," flüsterte sie, "Ihr müsst zur Rechten schreiten und die Mauer umgehen. So gelangt ihr auf den Reitweg, der Euch zur Ache führt und ...", ihre Worte zögerten und klangen heiser, "und zum Haus des Fischers. Unter seinem Dach seid Ihr sicher, er ist ein starker und redlicher Mann!"

Schwer atmend rückte Eberwein den Knaben höher an die Brust. "Ich kann Euch zum Dank die Hand nicht bieten ... mag Gott Euch diese Stunde lohnen! Ihr habt getan an mir wie eine Schwester an ihrem Bruder."

"Ihr, mein Bruder?", klang Reckas raue Antwort. "Ihr mahnt mich zur Unzeit, dass ich Brüder habe und einen Vater." Und von Eberwein sich wendend, schloss sie mit ungestümer Hand die Pfort. Sie wollte zum Haus schreiten, doch ihre Knie wankten, und neben dem Zwinger sank sie nieder auf die Steine. Winselnd streckten die Hunde ihre Schnauzen durch die Lücken der Stangen und fuhren mit den heißen Zunge nach Reckas Gesicht und Händen.

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1 Eine Mischung aus Salz und Kleie. ^

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